Montag, 19. Februar 2018

Nils Daniel Peiler – „201 x 2001 – Fragen und Antworten mit allem Wissenswerten zu Stanley Kubricks Odyssee im Weltraum“

(Schüren, 108 S., Tb.)
Nach seinem Meisterwerk „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) war der gefeierte Filmemacher Stanley Kubrick so sehr von der Idee außerirdischen Lebens fasziniert, dass er einen wirklich guten Science-Fiction-Film realisieren wollte, was ihm 1968 in Zusammenarbeit mit dem Science-Fiction-Darsteller Arthur C. Clarke mit „2001: Odyssee im Weltraum“ auch gelang. Immerhin kürte das American Film Institute Kubricks Film 2008 zum besten Science-Fiction-Film aller Zeiten. Seither ist auch viel Literatur zum 1999 verstorbenen Regisseur und natürlich auch zu „2001: Odyssee im Weltraum“ veröffentlicht worden.
Der Filmwissenschaftler Nils Daniel Peiler hat sich bereits als Promotionsstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg zur künstlerischen Rezeption des Films geforscht, dazu sowohl den Nachlass des Regisseurs an der University of the Arts in London ausgewertet als auch Kontakt zur Familie gehalten. Schließlich ist er Kokurator der „2001“-Jubiläumsausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, die bis September 2018 Originalrequisiten, Zeichnungen und Dokumente präsentiert.
Peilers gerade mal gut 100-seitiges Büchlein nähert sich dem vieldiskutierten Meisterwerk auf ungewohnte Weise, nämlich in Form von 201 Fragen, die alphabetisch zu Themen wie „Arbeitstitel“ und „Auszeichnung“ bis zu „Zeilen“ des Filmdialogs und zum „Zeitgeist“ abhandeln. Einige Antworten wie zur Affengrube und den dort eingesetzten Special Effects sind sicher interessanter als beispielsweise Fragen, wessen Atem bei den Astronauten zu hören ist, in welchen Ländern der Film in die Kinos kam oder wer die deutschen Synchronsprecher waren. Und manche Fragen wiederholen sich, wenn es beispielsweise um die Zusammenarbeit zwischen Kubrick und Clarke oder die Fortsetzungen und ihre dazugehörigen Marketing-Slogans geht. Aber für den interessierten Leser ergibt sich so wirklich häppchenweise ein informatives Gesamtbild aus faszinierenden Facetten, die Verschwörungstheorien genauso umfassen wie Erklärungen zu den damals bahnbrechenden Special Effects, für die Kubrick übrigens seinen einzigen Oscar zu Lebzeiten erhielt.
Wer tiefer in die Materie zu Stanley Kubricks außergewöhnlichen Werk eintauchen möchte, sollte aber beispielsweise auf das von Alison Castle herausgegebene „Stanley Kubrick Archiv“ (Taschen), „Stanley Kubrick und seine Filme“ von Fernand Jung und Georg Seesslen (Schüren) oder „Stanley Kubrick“ von Andreas Kilb und Rainer Rother (Beltz) zurückgreifen.

Sonntag, 18. Februar 2018

John Grisham – „Die Firma“

(Heyne, 558 S., Tb.)
Kurz vor seinem Anwaltsexamen verfügt der ehrgeizige Harvard-Student Mitchell McDeere bereits über äußerst lukrative Angebote von der Wall Street und aus Chicago, doch so richtig begeistert ist er nach einem Bewerbungsgespräch bei der kleinen, aber in jeder Hinsicht äußerst großzügigen Anwaltskanzlei Bendini, Lambert & Locke, die ihm nicht nur ein besseres Gehalt zahlen würde als die bisherigen Interessenten, sondern auch eine zinsgünstige Hypothek auf ein schickes Eigenheim und einen BMW bereitstellen. Zwar würde er sich in den ersten Jahren fast totschuften müssen, aber die Partnerschaft wäre ihm in ein paar Jahren sicher.
Auch seine wunderschöne Frau Abby, die als Lehrerin arbeitet, ist von dem Angebot begeistert und zieht mit ihrem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Mann bereitwillig nach Tennessee, wo sie mit einer Innenarchitektin das neue Heim einrichtet und mit den Frauen der anderen Anwälte shoppen geht. Mitch gibt derweil sein Bestes und trumpft in der Firma mit einer für einen Frischling erstaunlichen Summe an anrechenbaren Stunden auf. Doch schon bald zeigen sich Risse in der luxuriösen Fassade, denn Mitch stellt fest, dass abgesehen von den Ruheständlern kein Anwalt die Firma lebendig verlassen hat.
Gleich zu Beginn wohnt Mitch der Beerdigung zweier vielversprechender Kollegen bei, die unter mysteriösen Umständen bei den Cayman-Inseln ums Leben gekommen sind – offensichtlich nicht der erste merkwürdige Todesfall in der Firma. Wenig später tritt auch noch FBI-Agent Wayne Tarrance an Mitch heran, um ihn als Informanten zu ködern, denn die Firma soll ein gut funktionierender Geldwäschebetrieb der berüchtigten Morolto-Familie aus Chicago sein.
Mitch lässt sich auf einen Deal mit dem FBI ein, bei dem auch Mitchs Bruder Ray aus dem Gefängnis entlassen werden soll, doch dann entdeckt das FBI ein Leck in den eigenen Reihen, so dass Mitch, Abby und Ray gezwungen sind, einen eigenen Fluchtplan zu entwickeln.
„Er musterte sie, einen nach dem anderen, rings um die Tische herum. Ihre Gesichter waren gerötet. Ihre Augen funkelten. Sie waren seine Freunde – Familienväter mit Frauen und Kindern -, und alle steckten in dieser furchtbaren Verschwörung. (…)
Vor einem Jahr war er ein toller Harvard-Mann mit Stellenangeboten in jeder Tasche gewesen.
Jetzt war er Millionär, und bald würde auf seinen Kopf ein Preis ausgesetzt sein.“ (S. 415) 
Nach seinem erfolgreichen Jura-Studium an der University of Mississippi praktizierte John Grisham zehn Jahre lang in seiner eigenen Anwaltskanzlei und wurde dort zu dem Thema inspiriert, das 1990 die Grundlage für seinen ersten Thriller bilden sollte. Der später mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmte internationale Bestseller ließ Grisham seinen Anwaltsjob aufgeben und zu einem der weltweit erfolgreichsten Schriftsteller werden.
Mit „Die Firma“ hat er einen packenden Plot konstruiert, der von den sympathischen Aufsteigern Mitch und Abby McDeere getragen wird, deren Ehe nicht nur durch Mitchs enorme Arbeitsleistung in der Firma belastet wird. Grisham ist sicher kein Autor, der sich durch besonders komplexe Charakterisierungen seiner Figuren auszeichnet. Sowohl die McDeeres als auch die Anwälte bei Bendini, Lambert & Locke sowie die FBI-Leute wirken recht eindimensional, aber der Autor ist definitiv ein Meister in der Beschreibung juristischer Arbeitsprozesse und spannender Verwicklungen, die sich zu einem actionreichen Finale verdichten.
Vor allem die Einführung der McDeeres in die neue, luxuriöse Welt gelingt Grisham großartig, die Beschreibung der ersten komplizierten Fälle, an denen der Junganwalt arbeitet, und auch die ersten Begegnungen mit dem FBI. Und auch Grishams eigener ehemaliger Berufszweig bekommt auf der Jagd nach möglichst vielen anrechenbaren Stunden ordentlich sein Fett weg.
Die Flucht der McDeeres sowohl vor dem Mob als auch dem FBI ist dann so temporeich und komprimiert dargestellt, dass der etwas arg konstruierte Plot kaum negativ ins Gewicht fällt, so sehr fiebert der Leser mit den cleveren McDeeres mit. 
Leseprobe John Grisham - "Die Firma"

Sonntag, 11. Februar 2018

Stephen King – „Die Augen des Drachen“

(Heyne, 382 S., Tb.)
Einst herrschte Roland, der Gütige, über das Königreich Delain. Er war weder der schlechteste noch der beste König, der das Land regiert hatte, aber er gab sich große Mühe, keinem Unrecht zu tun. Als sein Ende nahte, war jedem im Königreich klar, dass Rolands erster Sohn Peter das Zepter übernehmen würde, doch der dämonische Hofzauberer Flagg setzte alles daran, Peters jüngeren und weitaus schwächeren Bruder Thomas auf den Thron zu hieven.
Da Peter so sehr seiner ebenso schönen wie gutmütigen Mutter Sasha glich und wenig beeinflussbar schien, schmiedete Flagg einen teuflischen Plan, an dessen Beginn der unauffällige Mord an der Königin stand, die verblutete, als sie Thomas zur Welt brachte. Tatsächlich gelingt es dem teuflischen Flagg, Peter den Mord an seinem Vater anzuhängen, so dass Peter für den Rest seines Lebens in der Spitze der Nadel – so der Name für das Gefängnis im königlichen Schloss – verbringen und Thomas zum neuen König gekrönt werden.
Als dessen Berater könnte Flagg viel leichter seine eigenen Ziele verwirklichen. Als Zeuge von Flaggs Bösartigkeit gab sich Thomas zunehmend dem Alkohol hin und ließ das Königreich vor die Hunde gehen, während Peter seinerseits einen Plan schmiedete, aus dem hundert Meter über dem Erdboden befindlichen Gefängnis zu fliehen. Doch dafür benötigte er die Hilfe seines alten Dieners Dennis und des mittlerweile verbannten Richters Peyna …
„Peter hatte einen Traum gehabt – seit über einer Woche kehrte er immer wieder und wurde zunehmend deutlicher. Darin sah er Flagg über einen hellen, leuchtenden Gegenstand gebeugt – er tauchte das Gesicht des Magiers in ein fahlgrünes Licht. In diesem Traum kam stets der Zeitpunkt, da Flagg zuerst überrascht die Augen aufriss – und sie dann zu tückischen Schlitzen zusammenkniff. Die Brauen sträubten sich; die Stirn runzelte sich; sein Mund zog sich verbittert wie ein Halbmond nach unten. In diesem Augenblick konnte der träumende Peter eines – und nur eines – deutlich lesen: Tod.“ (S. 279) 
Bevor sich Stephen King an sein großes Magnum Opus machte, den achtteiligen Zyklus um den „Dunklen Turm“, veröffentlichte er 1983 eine auf 1250 limitierte und illustrierte Ausgabe des Märchens „Die Augen des Drachen“, das er eigentlich für seine eigene Tochter Naomi und für Ben, den Sohn seines befreundeten Kollegen Peter Straub, geschrieben hatte. Erst vier Jahre später erschien die – gekürzte - deutsche Erstausgabe bei Heyne.
„Die Augen des Drachen“ ist aus der Sicht eines klassischen Geschichtenerzählers geschrieben, der immer wieder geschickt sein Publikum direkt anspricht und es so wunderbar in das Geschehen miteinbezieht. Die Geschichte enthält alles, was ein gutes Märchen ausmacht: einen aufrechten König, der in seiner Jugend Drachen erlegte; eine schöne und schüchterne Königin, die ihrem Erstgeborenen persönlich die beste Erziehung angedeihen lässt; den eifersüchtigen und einfältigen Spätgeborenen und den dämonischen Hofzauberer, der geschickt intrigiert und seine tödlichen Gifte ganz nach seinen teuflischen Plänen einzusetzen versteht.
Mit Roland und Flagg sind zumindest namentlich auch schon Hinweise auf den „Dunklen Turm“ gegeben, doch im Gegensatz zu den komplexen Konstruktionen in Raum und Zeit, die King in diesem monumentalen Fantasy-Epos entworfen hat, ist „Die Augen des Drachen“ ganz geradlinig erzählt und natürlich auch für ein jüngeres Publikum wunderbar geeignet.  
Stephen King, der wenig später sein einflussreiches Horror-Meisterstück „Es“ publizieren sollte, erwies sich bereits hier als fesselnder Storyteller, der sich offenbar in jedem literarischen Genre zu Hause fühlt. 
Leseprobe Stephen King - "Die Augen des Drachen"

Samstag, 10. Februar 2018

Cormac McCarthy – „Die Abendröte im Westen“

(Rowohlt, 444 S., Pb.)
Im Jahr 1849 verlässt ein namenloser, ebenso blasser wie magerer Junge, dessen Mutter bei seiner Geburt vor vierzehn Jahren verstarb und dessen Vater vom ehemaligen Lehrer zum Dichter rezitierenden Trinker heruntergekommen ist, das Elternhaus und kehrt nicht mehr zurück. Mit seinem latenten Hang zu sinnloser Gewalt zieht er westwärts nach Memphis und dann weiter durch die pastorale, flache Landschaft nach Saint Louis und New Orleans. Er arbeitet in einem Sägewerk, in einer Quarantänestation für Diphtheriekranke und auf einer Farm, wo er sich seinen Lohn in Gestalt eines bejahrten Maultiers auszahlen lässt. Zunächst lässt er sich von der amerikanischen Armee anwerben, doch dann schließt er sich einer Gruppe von Freischärlern um den skrupellosen John J. Glanton an, die mit Freuden auf Skalpjagd gehen, die Ohren ihrer Opfer auf eine makabre Halskette aufreihen und dort schwarz verschrumpeln lassen.
Der mexikanisch-amerikanische Krieg fordert aber auch unter der Glanton-Bande zahlreiche Opfer. Am Ende zählen der Junge und der charismatische „Richter“ Holden zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Der gebildete, große und komplett haarlose Richter hält sich für unsterblich und macht seinerseits Jagd auf den Jungen …
„Die ganze Nacht über brannten ihre Wachfeuer im finsteren Weltrund; der Junge löste den Revolverlauf, hielt ihn wie ein Fernrohr vors Auge, suchte die warme Sandkimmung vor dem Brunnen ab und forschte nach, ob sich bei den Feuern etwas rührte. Wohl keine Wüste ist so verlassen, dass nicht nachts irgendein Wesen einen Laut von sich gibt, aber hier war es so; umgeben von Dunkel und Kälte lauschten sie ihren Atemzügen, lauschten dem Schlag ihrer rubinfleischernen Herzen.“ (S. 371) 
Dass der ursprünglich 1985 veröffentlichte fünfte Roman von Cormac McCarthy von der US-amerikanischen Kritik sehr gespalten aufgenommen worden war, ist verständlich. Schließlich beschreibt der später mit dem National Book Award (für „All die schönen Pferde“) und Pulitzer Preis (für „Die Straße“) ausgezeichnete Autor in schonungsloser Manier das Ausleben der dunkelsten Triebe des Menschen, das rücksichtslose Foltern und Morden und Abschlachten von Menschen, vornehmlich von Schwarzen, Indianern und Mexikanern, aber auch vermeintliche Konkurrenten aus den eigenen Reihen fallen hier reihenweise dem blutgierigen Treiben der Freischärler zum Opfer. Damit entromantisiert er die Mythen des Wilden Westens und seziert den Siegeszug des weißen Mannes als mörderisches, blutiges Spektakel. McCarthy macht sich nicht die Mühe, um das Skalpieren und Töten herum eine sinnvolle, dramatisch-spannende Geschichte aufzubauen. Er konzentriert sich ganz auf seine ganz und gar unsympathischen triebhaften und bösen Figuren, die ihr räuberisches Tun in keiner Weise moralisch zu rechtfertigen versuchen, sondern aus der puren Lust und Möglichkeit dazu anderen Menschen Leid zufügen.
Nicht mal der vierzehnjährige Junge ohne Namen, mit dem die Geschichte ihren Anfang nimmt, taugt zur Identifikationsfigur, auch wenn er zumindest mehr als eine Ahnung von dem Unterschied zwischen Gut und Böse besitzt. Stattdessen führt der hochgebildete, selbstherrliche, moralisch aber völlig verkommene Richter das Wort, wobei er das Böse und so auch den Krieg als natürlichen Bestandteil der Weltenschöpfung betrachtet.
Als Widerpart zu den unreflektierten Gewaltdarstellungen zeichnet McCarthy allerdings eindringlich schöne Landschaftsbilder, die ein wenig von dem Zauber bewahren, den der Leser durch den Hollywood-Mainstream vom Wilden Westen gewonnen hat.
Es ist beileibe kein kurzweiliges Vergnügen, dem sinnlosen Abschlachten durch das Buch zu folgen, aber in Sachen sprachlicher Eleganz und bildreicher Fabulierkunst gehört „Die Abendröte im Westen“ fraglos zu den ganz großen Werken der amerikanischen Literatur. 
Leseprobe CormacMcCarthy - "Die Abendröte im Westen"

Montag, 5. Februar 2018

Wallace Stroby – (Crissa Stone: 3) „Fast ein guter Plan“

(Pendragon, 316 S., Pb.)
Crissa Stone ist zwar eine professionelle Berufsverbrecherin, aber eine mit dem Herz am rechten Fleck, weshalb sie auch nur die bösen Jungs bestiehlt und keine rechtschaffenden Leute. Nachdem sie bereits eine illegale Pokerrunde erleichtert und die Beute aus einem großen Lufthansaraub an sich genommen hat, wird sie nun für einen an sich simplen Coup engagiert. Zusammen mit ihrem alten Kumpel Charlie Glass, Larry Black und Charlies Cousin Cordell King will Crissa in Detroit in die Übergabe von gut einer halben Million Drogengeld eingreifen, die über den Kofferraum eines unscheinbaren Altwagens abgewickelt wird.
Trotz einiger Bedenken willigt Crissa in den Plan ein, der Coup geht tatsächlich reibungslos über die Bühne, erst bei der Aufteilung der Beute erlebt sie eine böse Überraschung: Cordell taucht plötzlich mit einem Partner auf, nimmt die Crew unter Beschuss. Crissa kann mit Larry gerade noch türmen, aber in einem nahegelegenen Lagerhaus stirbt Larry an seinen Schussverletzungen. Loyal wie Crissa nun mal veranlagt ist, bringt sie ihren eigenen Anteil in Sicherheit und macht sich mit Larrys Anteil auf den Weg in den Süden, wo Larrys Frau Claudette und seine sechsjährige Tochter Haley lebt.
Da sich Larrys Frau jedoch auf einen Drogenhändler eingelassen hat, will Crissa sichergehen, dass Larrys Geld auch in gute Hände gerät, und verbringt Zeit mit Haley. Währenddessen hat der bestohlene Drogenboss Marquis allerdings den Ex-Cop Burke angeheuert, das gestohlene Geld wiederzubeschaffen. Ebenso effektiv wie skrupellos räumt Burke hinter den Geldräubern auf und kommt Crissa immer dichter auf die Fersen …
„Du musst morgen weg, dachte Crissa. Gib das Auto zurück, nimm den Zug nach Norden. Je länger du bleibst, desto schwerer wird es für euch beide, euch voneinander zu verabschieden. Mit der Zeit und mit etwas Glück könnte Haley vergessen, was geschehen war und hier ein neues Leben anfangen. Aber sie fühlte keinen Drang, zurückzugehen. Niemand wartete auf sie, auch keine Pflicht.“ (S. 264) 
Wie Übersetzer Alf Mayer in seinem Nachwort zu dem dritten Crissa-Stone-Abenteuer noch einmal erwähnt, ist dem amerikanischen Schriftsteller Wallace Stroby die Idee zu Crissa Stone gekommen, als er Ali MacGraw in der Verfilmung von Jim Thompsons „The Getaway“ sah, die 1972 allerdings neben Steve McQueen eine sehr passive Rolle gespielt hatte.
Mit Crissa Stone hat er nicht nur eine aktivere, sondern auch eine ebenso taffe wie gutherzige Protagonistin geschaffen, die sich durch ihren gut funktionierenden moralischen Kompass immer wieder in Bedrängnis bringt. Stroby erweist sich auch in „Fast ein guter Plan“ als äußerst ökonomischer Erzähler, der Crissa gleich in ihrem neuen Abenteuer präsentiert, mitten in ihrem neuen Team bei der Überwachung der Rostlaube, in der die Drogenhändler ihr Geld zwischenparken. Statt die übrigen Figuren eingehend zu charakterisieren, setzt Stroby auch im dritten Crissa-Stone-Band auf effektiv gestraffte Handlungsstränge und lebendige Dialoge, die den Plot wie eine Filmhandlung vor den Augen des Lesers ablaufen lassen.
Einzig Crissas Widersacher Burke erfährt eine detailliertere Beschreibung, wobei auch hier seine gnadenlose Effektivität für sich selbst spricht. Natürlich läuft alles auf einen Showdown zwischen Crissa und Burke hinaus, natürlich behält Crissa am Ende die Überhand, aber bei aller Vorhersehbarkeit bietet der Plot einfach coole Action, unterhaltsame Dialoge und genügend Verweise auf Crissas eigene verkorkste Geschichte, dass der Leser gar nicht abwarten kann, wie es mit ihr und ihrem weiterhin im Gefängnis ausharrenden Geliebten weitergeht. 
Leseprobe Wallace Stroby - "Fast ein guter Plan"

Donnerstag, 1. Februar 2018

Jason Starr – „Die letzte Wette“

(Diogenes, 293 S., Tb.)
Eigentlich träumt Bauarbeiter Joey DePino seit Jahren davon, sich mit seiner Frau Maureen ein kleines Häuschen in einer besseren Gegend leisten zu können, doch bislang war dem wettsüchtigen in dieser Hinsicht kein Glück beschieden. Das Schicksal scheint sich auf der Pferderennbahn Meadowlands zu wenden, als Joey bei einer 65:1-Wette ein Gewinn von 17.600 $ winkt – bis sein Gewinnerpferd nach dem Zieleinlauf disqualifiziert wird.
Statt des saftigen Gewinns, mit dem er den Großteil seiner Wettschulden bezahlen und eine Anzahlung auf ein nettes Häuschen hätte leisten können, kehrt Joey noch deprimierter als ohnehin schon zu seiner Frau zurück, die sich in der schmal geschnittenen Zwei-Zimmer-Wohnung zunehmend beengt fühlt und außerdem noch Kinder haben möchte.
Wie sehr beneidet sie doch ihre alte Schulfreundin Leslie, die mit ihrem bei einer Werbeagentur gutverdienenden Mann David Sussman und der zehnjährige Tochter Jessica das große Los gezogen hat. Was Leslie und Maureen allerdings nicht wissen, ist, dass David im Büro eine Affäre nach der nächsten hat und seine aktuelle Geliebte Amy keine Lust hat, einfach so abserviert zu werden.
Als Joey von der Affäre erfährt, reift in ihm ein teuflischer Plan, nachdem er auch noch seinen Job verloren hat …
„Joey hockte den ganzen Vormittag in Unterwäsche vorm Fernseher. Er war nicht in Stimmung, sich einen Job zu suchen, und wusste auch nicht, wo er hingehen sollte. Außerdem war Freitag, und die Stellenanzeigen erschienen frühestens in den Sonntagszeitungen. Wahrscheinlich war er am Tiefpunkt seines Lebens angelangt, aber ihn deprimierte vor allem, dass er nicht mehr wetten konnte.“ (S. 89f.)
In seinem zweiten Roman nach seinem erfolgreichen Debüt „Top Job“ (1997) beschreibt Jason Starr die sehr unausgewogene Figurenkonstellation eines halbwegs befreundeten Pärchens, wobei die Beziehung des Quartetts schon allein dadurch im Ungleichgewicht ist, weil Joey und David beruflich in ganz anderen Welten unterwegs sind und sich gesellschaftlich in unterschiedlichen Kreisen bewegen. So herrscht auf der Seite von Joey und Maureen vor allem Neid auf die gut situierten Sussmans vor, während Leslie ihre Stärke daraus bezieht, dass es ihrer Freundin viel schlechter geht, sich selbst aber für zu fett hält und sich ständig erbrechen muss.
Ihr Mann leidet unter der fortschreitenden Glatzenbildung und einer zu anhänglichen Geliebten, die zunehmend zu einem Problem für die eigene Familie wird. Auf der anderen Seite ist Joey am absoluten Tiefpunkt angelangt, steckt er doch bei seinen Buchmachern und dem Kredithai tief in den Miesen, der natürlich auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Die Geschichte wird vor allem aus der Perspektive der beiden männlichen Protagonisten erzählt, die durch ihre ganz unterschiedlich ausgeprägten Lebenskrisen auch an Profil gewinnen, während die Frauenfiguren seltsam konturenlos bleiben und die Motivation von Davids Geliebten Amy schwer nachvollziehbar bleibt. Wie sich David und Joey ihrer massiven Probleme annehmen, erzählt Starr auf sehr lebendige, kurzweilige Weise, auch wenn seine Figuren und ihre Probleme teilweise arg konstruiert wirken.

Sonntag, 28. Januar 2018

Linwood Barclay – „Nachts kommt der Tod“

(Knaur, 560 S., Tb.)
Wegen seiner aufbrausenden Art musste Cal Weaver den Dienst als Cop in Promise Falls quittieren und lebt nun mit seiner Frau Donna in der Kleinstadt Griffon bei den Niagarafällen. In einer regnerischen Nacht gabelt er die siebzehnjährige Claire, Tochter von Bürgermeister Bertram Sanders, vor Patchett’s Bar auf, als sie sich als Freundin seines Sohnes Scott zu erkennen gibt, und will sie nach Hause fahren.
Seit Scott vor zwei Monaten im Drogenrausch beim Sturz vom Dach des örtlichen Möbelhauses tödlich verunglückt ist, sucht Cal, der nun als Privatermittler arbeitet, nach demjenigen, der Scott die Drogen angedreht hat. Doch Claire kann ihm in dieser Hinsicht nicht weiterhelfen. Da ihr angeblich übel ist, bittet sie Cal, sie im Iggy’s auf die Toilette gehen zu lassen, doch als sie nach längerer Zeit wieder ins Auto steigt, stellt der Detektiv fest, dass es sich um ein anderes Mädchen namens Hanna Rodomski handelt, die Claire so ermöglichen möchte, ihren mutmaßlichen Verfolger abzuschütteln.
Bevor Cal weitere Details dieses Täuschungsmanövers erfahren kann, stürzt Hanna an der nächsten roten Ampel aus dem Wagen und flüchtet in den nahegelegenen Wald. Am nächsten Morgen wird ihre halb entblößte Leiche am Flussufer gefunden. Cal gerät damit nicht nur ins Visier der örtlichen Polizei, die von seinem Schwager Augie Perry geleitet wird, sondern auch in den Konflikt zwischen Chief Perry und Bürgermeister Sanders, der der Polizei unlautere Methoden vorwirft.
Als auch noch Claire spurlos verschwindet und Hannas Freund Sean Skilling wegen Mordverdachts verhaftet wird, macht sich Cal auf die Suche nach dem vermissten Mädchen. Zu seiner Hartnäckigkeit gesellen sich aber auch immer wieder die Beziehungsprobleme mit Donna und sein aufwallendes Temperament.
„Es gab Zeiten, da litt ich unter der Wahnvorstellung, ein anständiger Mensch zu sein. Ich glaubte, ich hätte Ideale. Ich glaubte, mein Verhalten werde von edlen Motiven bestimmt.
Aber mit zunehmendem Alter kommt auch die Einsicht, dass jeder Tag einem Kompromisse abverlangt. Dass man die allgemeinen Regeln den eigenen Bedürfnissen anpasst, ist nichts, was einem schlaflose Nächte bereiten müsste.“ (S. 316) 
Seit seinem Debütroman „Ohne ein Wort“ zählt der kanadisch-US-amerikanische Schriftsteller Linwood Barclay zu den populärsten Vertretern des Thriller-Genres. Mit dem erstmals 2014 veröffentlichten Roman „Nachts kommt der Tod“ verweist er am Rande schon auf die kürzlich erschienene „Promise Falls“-Trilogie, denn Cal Weaver mischt auch im zweiten Band „Lügennacht“ als Ermittler mit.
In „Nachts kommt der Tod“ berichtet Weaver als Ich-Erzähler nicht nur von der Tragödie seines Sohnes, dessen Tod nach wie vor wie ein dunkler Schatten über seinem Leben und seiner Ehe liegt, sondern von den merkwürdigen Vorfällen, die mit dem Mord an Hanna und dem Verschwinden ihrer Freundin Claire ihren Anfang nehmen. Barclay erweist sich dabei als routinierter Spannungs-Autor, der seine Figur lebendig portraitiert und die Handlung bei hohen Tempo voranschreiten lässt. Das Ensemble in der Kleinstadt Griffon bleibt dabei angenehm überschaubar, die Verflechtungen innerhalb der städtischen Bewohner gestalten sich allerdings ungewöhnlich komplex.
Natürlich fügen sich kontinuierlich die einzelnen Puzzle-Teile allmählich zusammen, werden falsche Spuren gelegt und ebensolche Schlüsse gezogen. Zum Ende weist der Plot die obligatorischen Wendungen und Bekenntnisse der Schuldigen auf. Barclay bedient sich souverän der Genre-Konventionen und versteht es, die Spannung auf einem hohen Niveau zu halten.
Das macht auch „Nachts kommt der Tod“ zu einem kurzweiligen und packenden Lesevergnügen.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Jon McGregor – „Speicher 13“

(Liebeskind, 352 S., HC)
Die dreizehnjährige Rebecca Shaw, die mit ihren Eltern die Weihnachtsferien in einem kleinen Dorf in Mittelengland verbringt, verschwindet während einer Moorwanderung spurlos, bereits nach wenigen Stunden wird sie offiziell für vermisst erklärt und ein auch aus Freiwilligen organisierter Suchtrupp organisiert. Doch weder der Hubschrauber, der seine Runden über das Heidekraut zieht, noch die Taucher in den insgesamt dreizehn Speicherseen und im Fluss werden fündig. Reporter kommen und gehen, der Alltag nimmt wieder seinen Lauf. 
Die örtliche Pastorin Jane Hughes gibt in ihren Predigten ihrer Hoffnung Ausdruck, dass sich die Dorfgemeinde nicht von der Trauer überwältigen lässt, schließlich lässt die Polizei im Februar sogar mit Schauspielern aus Manchester die tragischen Ereignisse nachstellen. Doch über all die Jahre, die vergehen, bleibt das Verschwinden von Rebecca oder Becky oder Bex nach wie vor ungeklärt. Die Teenager James, Deepak, Sophie und Liam lernten das verschwundene Mädchen besser kennen als jeder andere und organisieren eine eigene Suchaktion, immerhin schien James der letzte Mensch gewesen zu sein, der Becky vor ihrem Verschwinden gesehen hatte. Ruth und Martin Fowler kämpfen mit ihrem Metzgerladen ums Überleben und letztlich auch um ihre Beziehung. Cathy Harris führt den Hund des alten Mr. Wilson regelmäßig spazieren, Su Cooper droht ihren Job bei der BBC zu verlieren. Beziehungen bahnen sich an, Begierden werden befriedigt, andere bleiben unerfüllt. Das Leben nimmt seinen Lauf, in der Natur ebenso wie bei den Menschen.
„Nach dem Mädchen war überall gesucht worden. Vielleicht hatte sie sich mit jemandem verabredet, war mit dem Auto weggefahren und befand sich in Sicherheit. Vielleicht war sie in ein Loch gefallen. Vielleicht hatten ihre Eltern einen schrecklichen Fehler begangen und sie verletzt. Vielleicht war das Mädchen weggerannt, weil es das wollte oder weil es keine andere Wahl hatte. Man wollte es trotzdem wissen.“ (S. 286) 
Obwohl der Booker Prize nominierte Roman des britischen Schriftstellers Jon McGregor mit dem Verschwinden eines dreizehnjährigen Mädchens eigentlich einen klassischen Krimi-Plot eröffnet, bildet das Rätsel um das Schicksal der Vermissten nur den Rahmen für die fein beobachtete Gesellschaftsstudie, die McGregor („Nach dem Regen“, „So oder so“) mit seinem preisgekrönten Roman „Speicher 13“ abliefert. Im Mittelpunkt seines sprachlich so ausgefeilten und atmosphärisch stimmigen Romans stehen nämlich die Schicksale der im Dorf Lebenden. Zwar bleiben auch die Eltern des vermissten Mädchens noch für unbestimmte Zeit dort, aber wie sie mit dem ungeklärten Verschwinden ihrer Tochter umgehen, wird nur am Rande thematisiert. Stattdessen begleitet der Autor ganz verschiedene Menschen in ihrem Alltagsleben mit ihrer von Existenzsorgen begleiteten Arbeit (als Metzger, Töpfer, Journalistin) und der Sehnsucht nach Liebe, die hier und da zu erhofften Beziehungen führt, aber nicht immer erfüllt wird.
Dabei behält die Dramaturgie einen eindringlichen, fast hypnotischen Rhythmus bei, in der immer wieder erwähnt wird, wie alt Becky zum Zeitpunkt der gerade geschilderten Ereignisse wäre, welches Gemüse gerade im Gemeinschaftsgarten zum Ernten ansteht und wie es um den Lauf der Natur mit ihren Rehen, Füchsen, Ringeltauben, Springschwänzen und Wintergoldhähnchen gerade so steht.
„Speicher 13“ lebt weniger von der Spannung, ob das Verschwinden von Rebecca Shaw aufgeklärt wird, sondern von der feinfühligen Beobachtung, wie die Dorfbewohner mit dem Ereignis und ihrem eigenen Leben umgehen. Dabei entwickelt der Roman einen so faszinierenden Sog, dass sich nach der letzten Seite fast schon Bedauern breitmacht, den ganz normalen Schicksalen in dem unbenannten Dorf nicht mehr folgen zu dürfen. 
Leseprobe Jon McGregor - "Speicher 13"

Samstag, 20. Januar 2018

Michael Connelly – (Harry Bosch: 20) „Ehrensache“

(Droemer, 411 S., HC)
Um seiner Suspendierung aus dem Weg zu gehen, mit der der LAPD-Detective rechnen musste, hat sich Harry Bosch vorzeitig pensionieren lassen. Ihm ist etwas unwohl dabei, die Seiten zu wechseln, als er sich bereiterklärt, für seinen Halbbruder, den sogenannten „Lincoln Lawyer“ Mickey Haller, als Ermittler einzuspringen, nachdem Hallers eigentlicher Ermittler Cisco bei einem Motorradunfall außer Gefecht gesetzt worden ist.
Haller vertritt Da’Quan Foster, der beschuldigt wird, die beliebte West-Hollywood-Verwaltungsdirektorin Lexi Parks in ihrem eigenen Bett ermordet und vergewaltigt zu haben. Vor allem die Tatsache, dass Fosters Sperma an und in Parks‘ Leiche gefunden worden ist, scheint dem Angeklagten zum Verhängnis zu werden. Doch ähnlich wie Haller ist auch Bosch bald der Meinung, dass Foster das Verbrechen angehängt werden soll.
Bei seinen eigenen Ermittlungen stößt Bosch in der Wohnung von Parks auf die Verpackung einer Luxus-Uhr, die offenbar zur Reparatur nach Las Vegas geschickt worden ist und deren Spur schließlich zu einem Schönheitschirurgen in Beverly Hills führt. Noch ahnt Bosch nicht, dass er sich mit jedem weiteren Schritt zur Lösung des Verbrechens immer mehr selbst zur Zielscheibe der eigentlichen Mörder macht, die absolut skrupellos zu Werke gehen.
„Er spürte, wie sein Verstand auf Touren kam. Er war etwas auf der Spur, war aber nicht sicher, was es war. Er war immer noch zu wenig mit dem Fall vertraut und benötigte dringend mehr Informationen, aber er kam der Sache näher. Seiner Ansicht nach war des Rätsels Lösung in beiden Fällen bei Lexi Parks zu suchen. Warum war sie getötet worden? Wenn er diese Frage beantworten konnte, ergab sich alles andere wie von selbst.“ (S. 190) 
Auch wenn der altgediente Mordermittler Harry Bosch seinen Dienst nicht mehr beim Los Angeles Police Department verrichten darf, hat er seinen Gerechtigkeitssinn noch nicht verloren. Lange muss er in seinem 20. Fall überlegen, ob er für seinen Halbbruder – wenn auch nur in diesem einen Fall - die Seiten wechseln soll und darf, um für einen Strafverteidiger zu arbeiten, der gewöhnlich genau die Leute vor dem Gefängnis bewahren will, die zuvor Bosch und seine Kollegen als mutmaßliche Täter in einem Verbrechen festgenommen haben.
Doch sobald Bosch das Mordbuch durchgearbeitet und mit dem Angeklagten selbst gesprochen hat, ist er tatsächlich überzeugt, dass Foster das Verbrechen vom wahren Mörder angehängt worden ist. Wie gewohnt beschreibt der ehemalige Polizeireporter Michael Connelly äußerst akribisch, wie einer der in der Krimiliteratur berühmtesten Detectives der Sache auf den Grund geht und einer in diesem Fall zunächst unscheinbaren Luxus-Uhr-Verpackung nachspürt, die er schließlich als elementar für die Lösung des Falls ansieht.
Nebenbei fließen auch ein paar private Episoden in die Handlung mit ein, das Ende von Boschs Beziehung mit der Journalistin Skinner und die kurzen Gespräche mit seiner bei ihm lebenden Tochter Maddie, die mit Hallers etwas gleichaltriger Tochter demnächst auf das gleiche College geht und zunächst auf ein dreitägiges Zeltlager fährt. Doch diese allzu kurzen Exkurse dienen eher dazu, Harry Bosch auch eine menschliche Seite zu verleihen und ihn nicht allein als verantwortungsbewussten und extrem sorgfältigen Ermittler zu charakterisieren, der nur für seine Arbeit lebt.
Connelly erweist sich in „Ehrensache“ einmal mehr als souveräner und besonders ökonomischer Erzähler, der nur wenige Zeilen benötigt, um Boschs derzeitige persönliche Lage zu skizzieren und auch Mickey Haller vorzustellen, dem der Autor bereits eine eigene Serie gewidmet hat (deren erster Band „Der Mandant“ gleich verfilmt worden ist). Nachdem sich Bosch zunächst ausführlich mit seinem Gewissen auseinandersetzt, macht er sich wie ein Bluthund auf die Suche nach dem Täter, denn im Gegensatz zu Haller, der nur einen Freispruch für seinen Mandanten erwirken will, geht es für Bosch darum, auch den wahren Schuldigen dingfest zu machen.
Das Finale fällt zwar sehr vorhersehbar aus und ganz den Konventionen des Genres verhaftet, doch bis dahin macht es einfach Spaß, Bosch bei jedem seiner Schritte zu folgen, bis er den Fall gelöst hat.
Leseprobe Michael Connelly - "Ehrensache"

Sonntag, 14. Januar 2018

Hari Kunzru – „White Tears“

(Liebeskind, 352 S., HC)
Mit einem unauffällig versteckten Aufnahmegerät und zwei kleinen Mikros in den Ohren macht sich der 25-jährige Seth regelmäßig auf den Weg, Menschen und Orte aufzunehmen, die Welt mit ihren Gewittern, dem Lärm auf den Straßen und in den U-Bahnen festzuhalten, das Knarren eines Schaukelstuhls auf der Veranda und das Zirpen der Grillen in den Bäumen am Abend. Eines Tages beobachtet Seth den Schachspieler PJ am Washington Square Park und nimmt dabei eher zufällig einen Blues-Song auf, den PJs aufgeweckter Gegner vor sich hinsingt.
Als Carter, sein bester und aus wohlhabender Familie stammende Freund und Geschäftspartner, die Aufnahme zu hören bekommt, ist dieser völlig begeistert und bastelt daraus den Song „Graveyard Blues“, den er – von Nebengeräuschen bereinigt und mit uraltem analogen Knistern versehen – dem fiktiven Blues-Sänger Charlie Shaw zuschreibt und der sich um Internet zu einem gesuchten Sammlerstück entwickelt. Der besonders hartnäckige Sammler JumpJim behauptet sogar, dass es Charlie Shaw tatsächlich gegeben habe.
Als Carter von einem Unbekannten ins Koma geprügelt wird, machen sich Seth und Carters attraktive Schwester Leonie auf den Weg in den Süden, um das Geheimnis des unter mysteriösen Umständen verschwundenen Sängers und des einzigen Songs zu lüften, den er je aufgenommen haben soll …
„Der Himmel wird langsam grau, und in diesem grauen Licht komme ich zu der Erkenntnis, dass ich es nie schaffen werde, mich bis zu Charlie Shaw durchzugraben. Was erwarte ich überhaupt? Eine Leiche? Einen lebenden Mann in einem Sarg? Einen Mann, der singt und Gitarre spielt, mit dem ich verhandeln kann, den ich um Gnade bitten kann? Ist es das, wonach ich grabe? Dass ich mein Leben zurückbekomme?“ (S. 295) 
Seit seinem Debütroman „Die Wandlungen des Pran Nath“ (2002) hat sich der britische Journalist und Schriftsteller Hari Kunzru zu einem der interessantesten jungen Autoren der Literaturszene entwickelt. Mit seinem neuen Roman greift er ein überaus aktuelles Thema auf, nämlich die Retromanie, mit der die Hipster der Generation Y ihre eigene Identität dadurch formen, dass sie sich gefällige Artefakte vergangener Epochen zu eigen machen und es als eigene Kreation präsentieren. In Kunzrus bereits fünften Roman „White Tears“ ist es vor allem Carter, der als Spross eines mächtigen Familienclans vor allem eine Leidenschaft für alte Blues-Platten entwickelt hat und sich dadurch eine legitime schwarze Identität zulegen will. Tatsächlich ist es aber sein weitaus weniger coole und wohlhabende Kumpel Seth, der auf seiner Reise in die Vergangenheit die Identität des gesuchten Blues-Musikers Charlie Shaw anzunehmen scheint und dabei seine eigene Persönlichkeit zu verlieren droht.
Kunzru erweist sich vor allem in der ersten Hälfte des Romans als begnadeter Erzähler, der die Stimmungen und Leidenschaften seiner jungen Protagonisten stimmungsvoll einfängt und dabei auch die neurotischen Züge der Sammler wunderbar beschreibt. Der Duktus der Erzählung verändert sich mit der Reise, die Seth in den Süden antritt, mal mit Carters Schwester Leonie, mal mit Chester Bly, Seths Kollegen vom „Herald Tribune“. Mit der Fahrt nach Mississippi verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit, Fantasie und Realität, letztlich ganze Identitäten miteinander.
„White Tears“ erweist sich als psychologisch vielschichtiger, atmosphärisch dichter und spannender Road-Trip, der geschickt, rätselhaft und verstörend eine von fehlgeleiterter Leidenschaft geprägte Suche thematisiert, an deren Ende die vollkommene Selbstauflösung steht.
Leseprobe Hari Kunzru - "White Tears"

Freitag, 12. Januar 2018

Kent Haruf - "Lied der Weite"

(Diogenes, 384 S., HC)
In der Kleinstadt Holt in den Great Plains muss sich der Lehrer Tom Guthrie mit dem Umstand anfreunden, dass seine kränkliche Frau Ella für unbestimmte Zeit nach Denver zu ihrer Schwester zieht und ihn mit den beiden Jungen Ike und Bobby alleinlässt. Sie tragen morgens die Denver News aus, freunden sich mit der alten Mrs. Stearns an und bekommen es mit dem aufmüpfigen Russell Beckman zu tun, der bereits ihren Vater in der Schule zur Verzweiflung treibt.
Währenddessen wird die siebzehnjährige schwangere Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Verzweifelt wendet sie sich an die Lehrerin Maggie Jones, die das Mädchen raus auf die Farm der beiden alten Junggesellen Harold und Raymond McPheron bringt.
Sie wissen zwar nichts mit der jungen Frau anzufangen, nehmen sie aber bei sich auf, umsorgen sie, kaufen mit ihr ein und versuchen sogar, Gespräche mit ihr zu führen, obwohl sie darin völlig ungeübt sind. Doch dann taucht der leibliche Vater des Babys plötzlich auf und bringt die zunächst aus Not geborene, mittlerweile aber liebevolle Konstellation bei den Viehzüchtern aus dem Lot. Toms Frau Ella zieht die Konsequenzen aus den Jahren der Unzufriedenheit und kehrt nicht mehr zurück.
„Ich will mehr vom Leben. Das ist mir jetzt klargeworden. Ich war gar nicht mehr da, mir selbst entfremdet. Die ganzen Jahre habe ich noch etwas anderes von dir gewollt, mehr. Ich wollte jemanden, der mich so will, wie ich bin. Nicht seine eigene Version von mir.“ (S. 147) 
Der amerikanische Bestseller-Autor Kent Haruf (1943-2014) hat nur sechs Romane veröffentlicht, von denen „Unsere Seelen bei Nacht“ im vergangenen Jahr mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt worden ist. Wie alle anderen von Harufs Romanen spielt auch das 1999 veröffentlichte und 2001 bei btb erstmals in deutscher Sprache veröffentlichte Werk „Lied der Weite“ in der fiktiven Kleinstadt Holt, Colorado, und beschreibt in schlichter, aber eindringlicher Sprache das Leben einer kleinen Schar von ganz normalen Menschen mit ihren ganz alltäglichen Problemen.
Im Mittelpunkt stehen dabei zunächst Tom Guthrie mit seinen beiden Söhnen, die miterleben müssen, wie ihre Eltern sich nicht mehr menschlich, sondern auch räumlich voneinander entfernen; dann die beiden alten McPheron-Brüder, deren Leben durch die schwangere Victoria völlig auf den Kopf gestellt wird.
Interessanterweise widmet der Autor den Tieren in seinem Roman fast genauso viel Raum und Interesse. Detailliert beschreibt er verschiedene Untersuchungen, Geburten und vor allem die Obduktion eines Pferdes, das elendig an einem Darmverschluss verstarb. Das Gebaren der Tiere folgt ganz natürlichen Prozessen, und ebenso lässt sich das Verhalten der hier vorgestellten Menschen vorhersehen, der Umgang mit einer ungewollten Schwangerschaft, Trennungen, den Versuchen, Beziehungen aufzubauen, Unsicherheiten und mangelnden Erfahrungen zu begegnen.
Wie Haruf mit ganz alltäglichen Ereignissen und Empfindungen umgeht, allzu menschliche Schwächen und Bedürfnisse beschreibt, präsentiert überhaupt keine moralisierenden Einsichten oder schlichte Lebensweisheiten, sondern ein nüchtern erscheinendes Portrait menschlicher Wesenszüge. Doch in Harufs schnörkelloser wie poetischer Art wachsen dem Leser die Figuren schnell ans Herz.
Leseprobe Kent Haruf - "Lied der Weite"

Donnerstag, 11. Januar 2018

Ottessa Moshfegh – „Eileen“

(Liebeskind, 334 S., HC)
Die 24-jährige Eileen Dunlop blickt an Weihnachten 1964 in einer Kleinstadt, die sie selbst als X-ville bezeichnet, auf ein ganz unspektakuläres Leben zurück. Obwohl sie sich nicht gerade als hässlich, sondern als normal und durchschnittlich betrachtet, versteckt sie ihren unscheinbaren Körper unter einer dicken Schicht von Klamotten, bis oben hin zugeknöpft, schmort gern in ihrem eigenen Saft, so dass ihr auch ja niemand zu nahekommt. Sie ist ebenso prüde wie permanent unglücklich, extrem unbeholfen und auf alles und jeden zornig.
Zu allem Überfluss lebt sie mit ihrem alkoholsüchtigen und paranoiden Vater zusammen, einem ehemaligen Cop, der keine Gelegenheit auslässt, seine Tochter zu schikanieren, herunterzuputzen und loszuschicken, seine Gin-Vorräte aufzufüllen. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Sekretärin in der Jugendvollzugsanstalt Moorehead, wo sie vor allem damit beschäftigt ist, sich mit den wartenden Müttern abzuplagen, denen sie zum Zeitvertreib selbsterstellte Fragebögen aushändigt („Essen Sei lieber Erbsen aus der Dose oder Karotten aus der Dose?“, „Glauben Sie, dass es Leben auf dem Mars gibt?“), und den Wärtern die Besuchszeiten der Jungen mitteilt.
Am liebsten verbringt Eileen ihre Zeit damit, sich romantischen Phantasien hinzugeben, in denen der attraktive Wärter Randy die Hauptrolle spielt, rein platonisch natürlich. Erst als die elegant gekleidete, wunderschöne Harvard-Absolventin Rebecca Saint John als Erziehungsbeauftragte eingestellt wird, ändert sich Eileens Leben innerhalb einer Woche.
Völlig fasziniert von dem selbstbewussten, charismatischen Auftreten der attraktiven Frau, setzt Eileen alles daran, ihrer neuen Kollegin nicht nur zu gefallen, sondern auch ihre beste Freundin zu werden.
„Vielleicht hatte ich nichts Besseres verdient, als sie aus der Ferne zu bewundern, dachte ich. Es war vermessen von mir zu glauben, dass eine Frau wie Rebecca – unabhängig, schön, erfolgreich – sich für mich interessieren könnte. Was hatte ich schon zu bieten? Ich war ein Langweiler, ein Nobody. Ich konnte dankbar sein, dass ich nichts zu sagen brauchte.“ (S. 269) 
Doch kaum lernt Eileen Rebecca näher kennen, wird sie unvermittelt in ein Verbrechen hineingezogen …
Nach ihrem preisgekrönten Debüt mit der Novelle „McGlue“ legt die in Boston geborene Autorin mit kroatisch-persischen Wurzeln Ottessa Moshfegh mit „Eileen“ nun ihr ebenso gefeiertes Romandebüt vor und findet sich mittlerweile auf die Granta-Liste der zwanzig besten jungen Autoren aus den USA wieder.
Ihre eigentlich recht unsympathische, aber aufrichtige Protagonistin erzählt die Geschichte aus der lange zurückliegenden, aber erstaunlich akribischen Erinnerung heraus, die gerade mal eine Woche vor Heiligabend umfasst. In dieser Woche verwandelt sich die unscheinbare junge Frau allerdings zu einer selbstbewussten Frau, die zwar von ihrem Idol auf einen abtrünnigen Pfad der Gewalt geführt wird, aber dadurch zu einem selbstbestimmten, nicht mehr von Angst und Wut geprägten Leben findet.
Der Autorin gelingt es von Beginn an, einen erzählerischen Sog zu entwickeln, in dem Eileen ihre eigentlich absolut bemitleidenswerten Lebensumstände schildert, ohne dabei allerdings in Selbstmitleid zu verfallen. Die ausführliche Schilderung ihres Alltags und Lebensgefühls reicht völlig aus, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln. Eileens Schwärmereien für Randy und dann für Rebecca wirken wie nachvollziehbare Fluchten aus der erniedrigen, drögen Welt, in die Eileen hineingeboren wurde und die sie nur in ihrer Phantasie entfliehen kann.
Allerdings bietet ihr Rebecca im Gegensatz zu Randy erstmals die Möglichkeit, ihre Träume auch Wirklichkeit werden zu lassen, denn Rebecca scheint sich tatsächlich für Eileen zu interessieren. Sowohl Eileens problematische Beziehung zu ihrem Vater als auch ihr Verlangen, Rebecca als Freundin zu gewinnen, beschreibt Moshfegh jederzeit so glaubwürdig, als der Leser Teil von Eileens Leben, stets an ihrer Seite, ihre Gedanken und Gefühle teilend.
Erst zum Finale hin verliert der so sorgfältig inszenierte erzählerische Sog seine Kraft und Intensität. Die finale Begegnung zwischen Eileen und Rebecca wirkt etwas holprig und überhastet inszeniert. Doch für einen Erstlingsroman weist „Eileen“ eine erstaunliche hypnotische Kraft auf, die weitere Werke der jungen Autorin mit Spannung erwarten lässt.
 Leseprobe Ottessa Moshfegh - "Eileen"

Montag, 8. Januar 2018

Stephen King – „Shining“

(Bechtermünz Verlag, 623 S., HC)
Nachdem der trockene Alkoholiker, immer wieder cholerische Jack Torrance seinen Job als Englischlehrer verloren hat, weil er einen seiner Schüler, der ihn die Autoreifen aufschlitzt hatte, schlug, ist er dringend auf einen neuen Job angewiesen. Sein alter Saufkumpan und Kollege Al Shockley besitzt beträchtliche Anteile am geschichtsträchtigen Overlook-Hotel und hat ihm dort einen Job als Hausmeister besorgt.
Das Vorstellungsgespräch mit dem Hotel-Manager Stuart Ullman ist nur noch Formsache, aber Ullman verhehlt dabei nicht, dass er Jack für den Job als ungeeignet hält. Bevor das einsam in den Rocky Mountains liegende Hotel über den Winter geschlossen wird und durch heftige Schneefälle von der Außenwelt abgeschnitten zu werden droht, erhält Jack von Ullman am letzten Tag der Saison eine kurze Einweisung über den Aufbau des Hotels mit seinen hundertzehn Gästequartieren, darunter dreißig Suiten im dritten Stock, wobei in der Präsidentensuite bereits etliche Berühmtheiten verweilt haben. Und Jack bekommt auch die Geschichte eines seiner Vorgänger zu hören, des unglückseligen Delbert Grady, der im Winter 1970/71 erst seine Frau und die beiden Töchter ermordete, dann sich selbst.
Der schwarze Hotelkoch Dick Hallorann macht Jack, seine Frau Wendy und ihren sechsjährigen Sohn Danny noch mit den Vorräten vertraut und erkennt, dass Danny wie er selbst über die Gabe des „Shinings“ verfügt, nämlich zukünftige Ereignisse voraussehen, Vergangenes in alptraumhaft-lebendigen Visionen erleben und die Gedanken seiner Mitmenschen lesen zu können. Da Danny ein ungutes Gefühl beim Overlook-Hotel beschleicht, verspricht Hallorann dem Jungen, ihm zur Hilfe zu eilen, wenn er in Gedanken nur laut genug nach ihm ruft.
Kaum sind die Bediensteten abgezogen und die Torrance-Familie auf sich allein gestellt, findet Jack im Keller Unterlagen über die verruchte Geschichte des Hotels, in der offenbar auch Glücksspiele und Prostitution betrieben wurden und einige Mafia-Größen ein blutiges Ende fanden.
Jack ist so fasziniert von den beschriebenen Ereignissen, dass er einen Roman über die Geschichte des Hotels schreiben will, allerdings beschäftigt er sich auch mit den eigenen Verfehlungen, mit der Alkoholsucht und den Temperamentsausbrüchen, die sogar dazu führten, dass er seinem damals dreijährigen Sohn den Arm gebrochen hat. Seither droht die Familie zu zerbrechen. Doch statt im Oberlook-Hotel wieder zusammenzufinden, driftet Jack zunehmend ab, wird von der düsteren Atmosphäre des Hotels eingenommen und verängstigt sowohl Wendy als auch seinen Sohn. Danny wiederum hat schon beim Rundgang durch das Hotel die Blutflecke in Zimmer 217 bemerkt und wird immer wieder durch schreckliche Visionen mit den grausamen Geschehnissen aus der Vergangenheit des Hotels konfrontiert. Doch als das Hotel durch den Wintereinbruch auch telefonisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, sind Wendy und Danny Jack fast hilflos ausgeliefert. Verzweifelt ruft Danny nach Dick, der den Winter allerdings in Florida verbringt …
„Hier fand ein langer und alptraumhafter Maskenball statt, und er war schon seit Jahren im Gange. Ganz allmählich waren hier Kräfte entstanden, heimlich und stumm, so wie ein Bankkonto Zinsen trägt. Kraft, Gegenwart, Gestalt, das waren alles nur Worte, und keines davon spielte eine Rolle. Es trug viele Masken, aber es bedeutete alles dasselbe. Jetzt, irgendwo, kam es, um ihn zu holen. Es versteckte sich hinter Daddys Gesicht, es imitierte Daddys Stimme, es trug Daddys Kleidung.
Aber es war nicht sein Daddy.“ (S. 586) 
An der Verfilmung durch Stanley Kubrick scheiden sich bekanntlich die Geister, Stephen King selbst zählt zu den größten Kritikern von Kubricks Kinoadaption seines bereits 1977 veröffentlichten Romans. Dieser ist 1985 via Bastei Lübbe auch in deutscher Sprache erschienen und untermauerte den weltweiten Siegeszug durch die Bestsellerlisten, die der „King of Horror“ mit seinen ersten beiden Romanen „Carrie“ und „Brennen muss Salem“ gestartet hatte.
Dank des sehr überschaubaren Figurenarsenals wirkt „Shining“ fast wie ein Theaterstück und konzentriert sich ganz auf die dreiköpfige Torrance-Familie und den hellsichtigen Hotelkoch Dick Hallorann.  
Stephen King nimmt sich viel Zeit, nicht nur der Torrance-Familie, sondern gleichsam auch den Lesern die Besonderheiten des Overlook-Hotels, seine außergewöhnliche Lage, seine prominenten Gäste und seine illustre Geschichte nahezubringen. Und auch die bewegte Familiengeschichte von Wendy, Jack und Danny wird aus der jeweiligen Sicht eindrucksvoll herausgearbeitet.
Besonders gut gelungen ist dem Autor das Grauen, mit dem sich die unrühmliche Hotelgeschichte in den Alltag, in die Gedanken und in das Verhalten der Torrance-Familie einschleicht und vor allem Jack zu einem unberechenbaren Mann macht. Dass bei den über 600 Seiten nie Langeweile aufkommt, ist vor allem den sympathischen Figuren zu verdanken, mit denen der Leser einfach mitfiebert. Selbst für den temperamentvollen Pechvogel Jack Torrance kann man nur Mitleid empfinden. Das furiose Finale hat Stanley Kubrick in der Filmversion bekanntlich komplett anders gestaltet, die Romanfassung ist sicherlich etwas spannender und menschlicher geglückt.

Montag, 1. Januar 2018

Henning Mankell – (Kurt Wallander: 1) „Mörder ohne Gesicht“

(Zsolnay, 332 S., HC)
Im Januar 1990 wird ein altes Ehepaar auf einem abgelegenen Bauernhof brutal überfallen. Als der stellvertretende Polizeichef Kurt Wallander von den Nachbarn zum Tatort gerufen wird, kommt für Johannes Lövgren jede Hilfe zu spät, seine Frau Maria flüstert noch wiederholt „Ausländer“, bevor auch sie im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erliegt. Als die Suche der Polizei von Ystad in den Reihen ausländischer Mitbürger bei den Medien durchsickert, wird der rechtsradikale Mob aktiv, verübt einen Brandanschlag auf ein Wohnheim für Asylbewerber und bringt einen Somalier um. Wallander und seine Truppe finden zwar den ausländerfeindlichen Mörder, doch die Ermittlungen im Falle des Doppelmordes an den Lövgrens ziehen sich ohne erkennbare Erfolge dahin.
Erst als Wallander auf den mutmaßlichen Sohn von Johannes Lövgren stößt, den dieser mit seiner Geliebten gezeugt hat, und feststellt, dass der alte Lövgren durch Geschäfte mit den Nazis vermögend wurde, kommt Schwung in die Ermittlungen.
Doch nebenbei leidet Wallander unter der Trennung von seiner Frau Mona, die längst einen neuen Mann geheiratet hat. Seine Tochter Linda lässt sich kaum noch blicken, sein einsamer Vater droht zunehmend senil zu werden. Zu allem Überfluss verliebt sich Wallander kurz vor seinem 43. Geburtstag noch in die neue Staatsanwältin Anette Brolin, die vertretungsweise das Amt von Per Åkesson übernommen und ihren Mann in Stockholm zurückgelassen hat.
„Die Scheidung war durch nichts wieder rückgängig zu machen. Vielleicht würden sie hin und wieder gemeinsam essen gehen, aber ihre Lebenswege verliefen unweigerlich in verschiedene Richtungen. Ihr Schweigen trog nicht.
Er begann, an Anette Brolin zu denken, und an die farbige Frau, die in seinen Träumen zu ihm kam. Die Einsamkeit hatte ihn unvorbereitet getroffen. Nun musste er sich dazu zwingen, sie anzunehmen, um dann vielleicht allmählich das neue Leben zu finden, für das niemand außer ihm selbst die Verantwortung übernehmen konnte.“ (S. 168f.) 
„Mörder ohne Gesicht“ bildete 1991 den Auftakt der heute wegweisenden Romanreihe des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell (1948-2015) und leitete hierzulande den bis heute anhaltenden Boom skandinavischer Krimikost ein, zu dem nachfolgend Autoren wie Hakan Nesser, Arne Dahl, Jo Nesbø, Jussi Adler-Olsen und Stieg Larsson ihren wichtigen Beitrag leisteten. Zwar erschien der Auftakt der Wallander-Reihe hierzulande bei Zsolnay im Jahre 2001 erst nach den späteren und besseren Romanen wie „Die fünfte Frau“, „Die falsche Fährte“ und „Hunde von Riga“, stellte den Lesern aber den charismatischen Kommissar als eine gebrochene Figur vor, der von seinen Ermittlungen an schwierigen Mordfällen ebenso vereinnahmt wird wie von persönlichen Problemen in Familien- und Liebesdingen.
Mit dem Mord an dem alten Bauernehepaar nimmt der Plot von Beginn an ordentlich Fahrt auf, doch nimmt Mankell sehr bald das Tempo heraus, lässt die Spannung in dem Maße schleifen, in dem Wallander keine Fortschritte mehr zu machen scheint und sogar falsche Ermittlungsansätze verfolgt. Die stagnierende Polizeiarbeit nutzt der Autor, um den Lesern seine Hauptfigur näher vorzustellen, allerdings werden die einzelnen Problemfelder jeweils nur kurz angerissen. Einzig das schwierige Verhältnis zu seinem Vater nimmt hier etwas mehr Raum ein.
In späteren Werken gelingt es Mankell, die Spannung gleichmäßiger aufrechtzuerhalten und das private Umfeld seines sehr menschlichen Protagonisten sorgfältiger auszutarieren. Doch trotz der erwähnten Schwächen bietet „Mörder ohne Gesicht“ gut geschriebene Krimi-Unterhaltung mit einem Kommissar, der in der Krimiszene einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Samstag, 30. Dezember 2017

Cormac McCarthy – „Verlorene“

(Rowohlt, 734 S., Tb.)
Obwohl er das College besucht hat, ist Cornelius Suttree Anfang der 1950er Jahre in einem Slum am Tennessee River in Knoxville gestrandet, wo er allein auf einem Hausboot lebt und sich durch die Fischerei über Wasser hält. Zu seinen wenigen Weggefährten zählt der junge Gene Harrogate, den Suttree im Arbeitshaus kennengelernt hatte und der nun seine Bleibe am nahegelegenen Viadukt findet. Beide lassen sich nicht nur auf dem Fluss durch das Leben treiben, immer am Rande der Gesellschaft, immer wieder im Konflikt mit dem Gesetz oder den Frauen in ihrem Leben.
Suttree schließt sich einer Familie von Muschelfängern an und tut sich mit einer Prostituierten zusammen, durch die er für eine kurze Zeit Wohlstand kennenlernt.
Als er vom Tod seines Sohnes erfährt, den er kaum gesehen hat, und zu dessen Beerdigung fährt, erlebt Suttree eine weitere Enttäuschung in seinem von Not, Unglück, Gewalt und Unrat geprägten Leben. Gelegentlich riskiert er einen Blick zum anderen Ufer, zu den Versprechen der wohlhabenden Stadt.
„Suttree ging vorbei, damals lief er durch die Straßen wie ein streunender Hund. Das Alte sonderbar neu, ein Blick auf die Stadt, als sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Die stete Wiederkehr der Bilder hatte alles verwischt und nivelliert, dräuende Gebilde schienen auf einmal steil aus dem toten Schwemmland zu ragen, die Stadt seiner Erinnerungen ein Geist gleich ihm, er selbst ein Schemen zwischen Ruinen, der die dorren Artefakte durchstöberte wie ein bleicher Paläoanthrop die Gebeine versunkener Siedlungen, wo keine Seele mehr Zeugnis gibt vom Vergangenen.“ (S. 386) 
In seinem bereits 1979 veröffentlichten Underdog-Epos „Suttree“, den der Rowohlt Verlag 1992 auch in deutscher Übersetzung präsentierte, erweist sich der amerikanische Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy („Kein Land für alte Männer“, „Die Straße“) einmal mehr als akribischer Chronist des Lebens am Abgrund. Kaum ein anderer Schriftsteller beschreibt die Trostlosigkeit und Erschöpfung des alltäglichen Überlebenskampfes so akribisch und wortgewaltig wie die „legitime Nachfolge Faulkners“ (Washington Post).
Es kostet den Leser allerdings einiges an Mühe und Durchhaltevermögen, sich durch dieses in jeder Hinsicht monströs-epochale Werk zu wühlen, durch all den Schmutz und Unrat, durch die Gossensprache und ganze Buchstabenreihen verschluckende, Worte verschmelzende Alltagssprache, durch die von brutaler Gewalt, stinkendem Tod und verzehrender Krankheit geborenen Delirien. Es ist eine mythische Welt, die McCarthy ebenso schonungslos wie poetisch beschreibt; eine Welt, in der der Fluss Leben schenkt und nimmt. Eben noch verkauft Suttree die Fische, die er gefangen hat, dann sieht er, wie Leichen aus dem Strom geborgen werden, aufgedunsene Schweine- und zersetze Kinderkörper vorübergeschwemmt werden.
Detailliert beschreibt McCarthy die widrigen Lebensumstände am Rande der südstaatlichen, rassistischen Gesellschaft, die rohe Gewalt, die verdreckten Zimmer, in denen Suttree zwischenzeitlich sein Leben fristet, Krankheiten ausschwitzt und ausscheißt, fieberhafte Sexträume träumt und auf Geld seiner auswärts arbeitenden Lebensabschnittspartnerin wartet.
Bei aller Düsternis und Trostlosigkeit schleicht sich aber immer wieder McCarthys trockener Humor ein. Wenn er beschreibt, wie Harrogate ins Arbeitshaus muss, weil er ein Melonenfeld durchgepimpert hat, oder er bei der mutmaßlichen Bergung eines unterirdischen Schatzes vom stinkenden Inhalt des gesprengten Kanalrohrs überflutet wird, regt der schwergewichtige Roman auch zum Schmunzeln ein. Am nachhaltigsten allerdings wirkt McCarthys geschliffene Sprache, die selbst das Unaussprechliche zu großer Literatur zu formen versteht.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Jonathan Franzen – „Freiheit“

(Rowohlt, 731 S., HC)
Seit Jonathan Franzen mit seinem Familienepos „Die Korrekturen“ 2001 zum internationalen Bestseller-Autor und Liebling der Kritiker wurde, sind in Deutschland seine früheren Werke „Schweres Beben“ und „Die 27ste Stadt“ nachgereicht worden, aber erst 2010 erschien mit „Freiheit“ das mit Spannung langerwartete neue Werk. Unter dem plakativ erscheinenden, weiträumig interpretierbaren Titel präsentiert der gefeierte amerikanische Romancier vor allem eine umfassende Familienchronik, die ihren Ausgang in dem Ehepaar Walter und Patty Berglund nimmt, das vor zwei Jahren von Washington in das St. Paul-Viertel Ramsey Hills gezogen ist. Der Leser erfährt von Pattys erfolgreicher Karriere als Basketballspielerin an der University of Minnesota und Walters Anstellung bei 3M, von den Kindern Joey und Jessica, von denen sich das Mädchen als folgsam und unkompliziert, der Junge als so rebellisch präsentiert, dass er glatt zu den Monaghans in der Nachbarschaft zieht und mit der Tochter Carol eine an sich heiratsfähige, doch auch komplizierte Beziehung eingeht.
Im weiteren Verlauf des Romans lernen wir die einzelnen Familienmitglieder näher kennen, jeden aus seiner eigenen Perspektive, wobei Walter und Patty mit ihrer schwierigen Beziehung definitiv im Mittelpunkt stehen. Denn ausgerechnet Walters bester Freund, der Rockmusiker Richard Katz, lässt sich auf eine Affäre mit seiner Frau ein, die später auf Anraten ihres Therapeuten ihre Erfahrungen in der Autobiographie „Es wurden Fehler gemacht“ niederschreibt und von sich in der dritten Person erzählt. Durch die Affäre und die darauffolgende Trennung verändert sich auch die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern, die längst ihren eigenen Weg gehen, Jessica auf unspektakuläre, unkomplizierte Weise, Joey durchaus mit Hang zum unternehmerischen Risiko. Doch vor allem Walter und Patty selbst haben trotz neuer Partner unter ihrer Trennung zu leiden.
„Sie hatte sich unter allen Männern auf der Welt in den einen verliebt, der Walter genauso zugetan war, der genauso auf Walters Wohl bedacht war wie sie; jeder andere hätte versuchen können, sie gegen ihn aufzubringen. Und womöglich schlimmer noch war ihr Gefühl der Verantwortung für Richard, weil sie wusste, dass er in seinem Leben sonst niemanden wie Walter hatte und dass seine Loyalität gegenüber Walter, neben seiner Musik, zu den wenigen Dingen gehörte, die ihn in seinen eigenen Augen als Mensch retteten. All dies hatte sie, in ihrem Schlaf und ihrer Selbstsucht, aufs Spiel gesetzt.“ (S. 234) 
Franzen zeichnet die Lebensgeschichten seiner Figuren sehr akribisch nach, nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen, die die psychische Konstitution der jeweiligen Persönlichkeit verdeutlichen, immer abwechselnd, so dass keine Figur zu lange aus dem Fokus des Lesers verschwindet.  
„Freiheit“ bedeutet im Kontext der Berglund-Familie vor allem die Freiheit, Fehler zu machen, unter den Konsequenzen jahrelang zu leiden und auch in vielen anderen Belangen, vor allem in beruflicher Hinsicht, zu scheitern. Franzen bringt dem Leser die Figuren dabei so nahe, dass sie Teil der eigenen Familie, der eigenen Lebensgeschichte zu werden scheinen, und auf diese Weise regt der Autor zur Selbstreflexion an. Der familiäre Mikrokosmos, den der Roman so detailliert beschreibt, wird so zur Blaupause der Familienstruktur nach 9/11. Menschen machen schlimme Fehler, geraten auf die schiefe Bahn, bereuen und leisten Abbitte, jeder der Berglunds auf seine Art. Dabei hebt Franzen aber nicht den moralisierenden Zeigefinger, denn er weiß ebenso wie seine Leser, dass Irren allzu menschlich ist. Und so wird auch der Leser geneigt sein, den Figuren ihre Fehler nachzusehen. Nach 730 Seiten ist man so vertraut mit den Berglunds, dass der Abschied schwerfällt. Das gelingt nur den ganz großen Romanen. 
Leseprobe Jonathan Franzen - "Freiheit"

Dienstag, 12. Dezember 2017

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 12) „Der talentierte Mörder“

(Blanvalet, 639 S., HC)
Eher zufällig wird Detective Amelia Sachs auf den mutmaßlichen Raubmörder aufmerksam, dem das NYDP seit zwei Wochen auf der Spur ist, und verfolgt ihn in das Einkaufszentrum an der Henry Street. Doch gerade in dem Moment, als Sachs sich den großen wie dürren Verdächtigen schnappen will, öffnet sich an der Rolltreppe eine Metallplatte, Sachs versucht dem in die Öffnung gefallenen Mann zu helfen, doch das Opfer wird durch den nach wie vor laufenden Antrieb grausam zerquetscht.
Lincoln Rhyme lässt sich vom Anwalt der Hinterbliebenen des Opfers als Berater engagieren, um Beweise im Prozess wegen fahrlässiger Tötung zusammenzustellen. Der querschnittsgelähmte Star-Forensiker gab seine Beratertätigkeit für das NYPD auf, nachdem er sich für den Tod eines scheinbar unschuldigen Mannes gefühlt hatte. Nun leitet er zwei Forensik-Seminare an der John Marshall School for Criminal Justice und nimmt die an den Rollstuhl gefesselte, sehr clevere Studentin Juliette Archer als Praktikantin an.
Sachs, die die Entscheidung ihres Arbeitskollegen und Lebensgefährten Lincoln Rhyme nicht versteht, dass er seine Beratertätigkeit aufgegeben hat, reagiert empört, als Rhyme ihr mit Mel Cooper auch noch den besten Kriminaltechniker der Stadt entführt hat, der ihr nun bei der Aufklärung des Raubmordes fehlt.
Als jedoch weitere Fälle bekannt werden, bei denen Menschen durch Geräte getötet werden, in denen ein sogenannter DataWise5000-Controller verbaut worden ist, stellen die Ermittler fest, dass die beiden Fälle, mit denen Rhyme und Sachs zu tun haben, zusammengehören. Die Zeit drängt, denn es sieht ganz so aus, als würde der sogenannte Täter 40 zunehmend Gefallen an seinen ausgetüftelten Tötungsmechanismen finden.
„Seitdem feststand, dass der Hüter des Volkes, ihr Täter 40, ein Serientäter war, mussten sie davon ausgehen, dass er bald wieder zuschlagen würde. Das war bei solchen Kriminalfällen oft der Fall. Was auch immer sie motivierte, ob sexuelle Lust oder terroristischer Hass, derartig intensive Gefühle führten meistens zu einer gesteigerten Häufigkeit der Taten.“ (S. 453) 
Seit „Der Knochenjäger“, dem ersten Fall von Lincoln Rhyme und Amelia Sachs, ist Jeffery Deaver zu einem der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt avanciert. Mit Hilfe der umfassenden Datenbank, die der geniale Forensiker Lincoln Rhyme seit seiner in Ausübung des Dienstes erlittenen Querschnittslähmung aufgebaut hat, und feingliedrigen Untersuchungsmethoden ist es dem im Arbeitsleben wie als Lebenspartner mit dem ehemaligen Mannequin Amelia Sachs zusammengeschweißten Kriminalisten gelungen, auch den gerissensten Verbrechern das Handwerk zu legen.
Auch in seinem neuen Rhyme-Roman verwendet Deaver viel Zeit darauf, dem Leser die akribischen Arbeitsmethoden in Rhymes Privatlabor vorzuführen. Rhyme und seine ebenfalls behinderte Praktikantin erweisen sich dabei als kongeniales Team, während Sachs nicht nur damit beschäftigt ist, sich um ihre kranke Mutter Rose zu kümmern, der eine Herz-OP bevorsteht, sondern auch ihren Ex-Freund Nick Carelli abzuwimmeln, der gerade aus dem Knast entlassen worden ist und nun behauptet, dass er die ihm vorgeworfenen Taten gar nicht begangen, sondern sich für seinen mittlerweile verstorbenen Bruder geopfert habe.
Deaver gelingt es einmal mehr, die penible Suche nach und Auswertung von noch so winzigsten Spuren als spannende Detektiv-Arbeit zu beschreiben und seine Leser mit gut recherchierten Analysen zu fesseln. Allerdings vergeht so auch viel Zeit, ehe die beiden Fälle, die Rhyme und Sachs jeweils unabhängig voneinander bearbeiten, an Schwung aufnehmen und schließlich zusammenführen. Zwischenzeitlich kommt der „talentierte Mörder“ als Ich-Erzähler auch immer wieder selbst zu Wort und sieht sich als moralisierender „Hüter des Volkes“, der die Menschen von ihrer Konsumsucht zu befreien gedenkt.
Bei der Suche nach Täter 40 (benannt nach dem Club, an dem das erste Mordopfer mit einem Kugelhammer erschlagen wurde) finden Rhyme und Archer auch mal Zeit für Rätselspiele und eine Partie Blindschach (die der Autor unnötigerweise über zwei Seiten auch bebildert nachstellt), während Sachs sich scheinbar über ihre Gefühle für ihren Ex-Lover klarwerden muss.
Und als sei das nicht schon Stoff genug für drei Thriller, jagt Sachs‘ Partner Ron Pulaski auf eigene Faust einem Drogendealer namens Oden hinterher und bringt sich damit in Teufels Küche.
„Der talentierte Mörder“ überzeugt als clever konstruierter Cop- und Psycho-Thriller mit einem außergewöhnlichen Ermittler-Duo, dessen zwischenmenschliche Beziehungen trotz der deutlich auftretenden Differenzen allerdings kaum thematisiert werden. Natürlich nimmt der Thriller zum Ende hin einige „überraschende“ Wendungen, die auf ihre konstruiert wirkende Weise dem bis dahin so klug aufgebauten Plot etwas die Plausibilität nehmen. Doch von diesem genretypischen Schwächen abgesehen bietet „Der talentierte Mörder“ gewohnt packende Thriller-Spannung von einem Meister des Genres. 
Leseprobe Jeffery Deaver - "Der talentierte Mörder"

Freitag, 8. Dezember 2017

Tess Gerritsen – (Rizzoli & Isles: 12) „Blutzeuge“

(Limes, 412 S., HC)
Als die Leiche der jungen Filmemacherin Cassandra Coyle auf dem Bett ihrer exklusiven Wohnung aufgefunden wird, ruft das nicht nur Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department, sondern auch ihre Freundin, die Gerichtsmedizinerin Maura Isles, auf den Plan. Der Mörder hat seinem Opfer nämlich die Augäpfel entfernt und in dessen Handflächen gelegt. Bei der Autopsie entdeckt Isles nicht nur eine signifikante Menge der Date-Rape-Droge Ketamin im Körper der Toten, sondern am Hals auch Rückstände von Klebemittel.
Wenig später wird an Heiligabend auch der fünfundzwanzigjährige Buchhalter Timothy McDougal am Jeffries Point unter ähnlichen Umständen tot aufgefunden, mit drei Pfeilen in der nackten Brust. Auch bei ihm wird Ketamin im Blut gefunden. Als sich Isles mit ihrem ehemaligen Geliebten, den Polizeigeistlichen Daniel Brophy, über ihren Verdacht austauscht, wird ihr klar, dass die Bostoner Polizei es mit einem Serienkiller zu tun hat, der mit seinen Taten die Leiden der christlichen Märtyrer nachstellt.
Auf den Überwachungsvideos bei den Trauergottesdiensten fällt den Beamten eine Frau auf, die sie als Holly Devine identifizieren und die eine gemeinsame, traumatische Geschichte mit den Opfern teilt. Sie war nämlich ebenso wie die Mordopfer vor zwanzig Jahren in der Kindertagesstätte Apple Tree von Irina und Konrad Stanek sowie ihrem Sohn Martin missbraucht worden, was erst ans Licht kam, als die neunjährige Lizzie DiPalma vermisst worden war. Während das Stanek-Ehepaar mittlerweile in der Haft verstorben war, wurde Martin Stanek vor drei Monaten entlassen. Doch die Journalistin Bonnie Sandridge glaubt nicht daran, dass Stanek der Täter gewesen war.
„,Lizzie DiPalmas Verschwinden versetzte die Menschen in der Gemeinde in Angst und Schrecken, und sie waren bereit, alles zu glauben – sogar, dass Tiger durch die Luft fliegen könnten. Darum geht in meinem Buch, Detective. Darum, wie aus eigentlich vernünftigen Menschen ein rasender und gefährlicher Mob werden kann.‘“ (S. 282) 
Rizzoli und ihr Partner Berry Frost haben alle Hände voll zu tun, die alten Prozessakten durchzusehen, Gespräche mit dem nun auf freiem Fuß befindlichen Hauptverdächtigen Martin Stanek und der undurchdringlichen Holly Devine zu führen, aber auch auf privater Seite haben Rizzoli und Isles einige Probleme zu meistern. So wird Maura Isles nicht nur mit dem nahenden Krebstod ihrer wegen mehrfachen Mordes inhaftierten Mutter Amalthea Lank konfrontiert, sondern muss sich auch ihren Gefühlen für Daniel stellen, der sein Versprechen Gott gegenüber nicht für Maura brechen will. Und Jane Isles bekommt zum Weihnachtsessen vorgeführt, wie sehr ihre Mutter unter der Ehe mit ihrem Mann zu leiden hat, nachdem sie ihre Affäre mit Vince Korsak beendet hatte.
Für einen moderaten Umfang von 400 Seiten bietet der zwölfte Band aus der erfolgreichen Thrillerreihe um Rizzoli & Isles nicht nur etliche Tote mit außergewöhnlichen Verletzungen, sondern auch eine interessante Spurensuche in der Vergangenheit. Wie die Missbrauchsanschuldigungen im Fall von Apple Tree mit den Morden in der Tradition christlicher Märtyrer zusammenhängen, zählt zu den spannungstreibenden Elementen in „Blutzeuge“.
Dass Maura Isles immer wieder mit ihrer grausamen Mutter konfrontiert wird, hat sie mit Karin Slaughters Protagonisten Will Trent gemein, der ständig von seiner psychopathischen Exfrau Angie terrorisiert wird. Das mag für einige Stories innerhalb einer Reihe ganz interessant sein, auf die Dauer nerven diese Verknüpfungen allerdings und tragen nicht zur Glaubwürdigkeit des Plots bei. Viel interessanter wären hier die Beziehungen zwischen Maura Isles und ihrem geliebten Geistlichen einerseits und die problematischen Verhältnisse in der Rizzoli-Familie. Janes Mann Gabriel wird auf den immer verständnisvollen Gefährten reduziert, während die Episode zwischen Isles und ihrem Love Interest wie eine Anekdote behandelt wird.
Doch Gerritsen scheint nicht mehr als an einer oberflächlichen Entwicklung ihrer Figuren interessiert zu sein, was sie u.a. ihrem Kollegen James Patterson gemein hat. Stattdessen liefert sie leicht lesbare, durchaus spannende Thriller-Kost mit einem überschaubaren, aber kaum markant gezeichneten Ensemble, wobei sich die Originalität des Plots meist auf möglichst mysteriöse, abartige Modi Operandi beschränkt.
 Leseprobe Tess Gerritsen - "Blutzeuge"

Håkan Nesser – „Der Fall Kallmann“

(btb, 572 S., HC)
Sieben Monate nach dem Verschwinden seiner Frau und seiner Tochter nimmt Leon Berger das Angebot seiner alten Freundin Ludmilla Kovacs an und verlässt die Metropole Stockholm für eine Anstellung als Lehrer in der Provinzstadt K. im Nordwesten Schwedens, wo er die Nachfolge von Eugen Kallmann antritt. Der angesehene, aber in sich verschlossene Mann war bei einem Sturz von einer Treppe ums Leben gekommen und hinterließ einige Tagebücher, die Berger bei der Durchsicht des Schreibtisches seines Vorgängers entdeckt und die von 1980 bis 1994 reichen. Doch als sich Berger näher mit Kallmanns Einträgen in den Büchern auseinandersetzt, stellt er fest, dass der Autor oft sehr unverständliches und wirres Zeug von sich gibt, ja sogar davon schreibt, seine Mutter umgebracht zu haben und in den Augen der Menschen erkennen zu können, ob sie ebenfalls jemanden getötet haben.
Berger ist neugierig geworden und bittet seine Freundin Ludmilla, die als Beratungslehrerin an der Schule tätig ist, und seinen Kollegen Igor, mit ihm herauszufinden, was an Kallmanns Schilderungen wahr sein könnte. Gleichzeitig wächst die Vermutung, dass Kallmann tatsächlich Opfer eines Gewaltverbrechens gewesen sein könnte. Aufschluss könnte ein fehlendes Tagebuch ab 1995 sein, das die gut fünf Monate bis zu Kallmanns Tod abdeckt, aber nicht an seinem Arbeitsplatz in der Schule zu finden ist.
Während der privaten Ermittlungen des Trios erschüttern einige antisemitische Vorfälle in der Schule die Kleinstadt, die in dem Mord an einem Jung-Nazi und einer Demonstration der rechtsradikalen Bewegung Die Zukunft Schwedens gipfelt.
„Alles ist schon einmal geschehen und geschieht wieder, es ist nicht gut für den Verstand, auf diese Bahn zu geraten. Ich denke, dass ich ziemlich viel dafür geben würde, zehn Minuten mit Eugen Kallmann sprechen zu dürfen; ich stelle mir vor, dass ich dann so manches begreifen würde, was im Moment knapp außerhalb der Reichweite meiner Auffassungsgabe tanzt.“ (S. 526) 
Der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser präsentiert sich in seinem neuen Roman „Der Fall Kallmann“ nicht als allwissender Erzähler, sondern lässt jeweils die wichtigsten Figuren ihre Eindrücke, Gedanken und Gefühle aus der Ich-Perspektive zum Besten geben. Auf diese Weise erfährt der Leser recht schnell, wie Leon Berger durch den Umzug nach K. das Trauma des Verlusts seiner Familie hinter sich zu lassen versucht, wie Ludmilla eine Affäre mit ihm beginnt, während ihr Mann Klas sich mit einer jüngeren Fitness-Trainerin vergnügt, wie die beiden Freundinnen Andrea und Emma ebenfalls Interesse am Rätsel um Kallmanns Tod entwickeln, wie Igor, der an der Schule die engste Verbindung zu Kallmann gepflegt hatte, sich an den Toten erinnert.
Die nationalistischen Triebe, die Nesser in seinem Roman thematisiert tragen letztlich nicht wirklich zur Lösung des Falls Kallmann bei, sondern bringt eher ein aktuelles gesellschaftspolitisches Problem zur Sprache und etwas Action in einen sonst eher ruhig inszenierten Plot, der von Nachforschungen in der Vergangenheit geprägt ist.
Durch die verschiedenen Ich-Erzählperspektiven gelingt es Nesser allerdings, den Leser schnell ins Geschehen einzubinden und eine vertrauliche Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Das Rätsel um Kallmanns Tod und seine auf einen ungeklärten Mord verklausulierten Hinweise werden dann behutsam wie ein komplexes Puzzle gelöst.
„Der Fall Kallmann“ fasziniert so als gut beobachtete psychologische Studie, als überzeugende, nicht übermäßig konstruierte Detektivgeschichte und als stimmiger Entwicklungsroman.
Leseprobe Håkan Nesser - "Der Fall Kallmann"