Montag, 26. Juni 2017

Don Winslow – „Corruption“

(Droemer, 541 S., HC)
Zusammen mit seinen Kollegen Phil Russo, Billy O‘Neill und Big Monty, die ihm wie Brüder sind, kämpft der altgediente und allseits hochgeachtete Detective Denny Malone in der Manhattan North Special Taskforce, der gefeierten Elitetruppe des NYPD, an allen möglichen Fronten gegen Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, gegen sexuelle Gewalt, Einbrüche und Überfälle, doch vor allem gegen Drogen und Waffen, die die meisten Toten fordern.
Sie müssen sich nicht rechtfertigen, wie sie die Stadt sauber halten, nur sollte die sorgsam geschmierte Allianz zwischen staatlichen Stellen und organisiertem Verbrechen nicht in Mitleidenschaft geraten.
In seinen achtzehn Dienstjahren ist auch Malone vom rechten Weg abgekommen, schließlich muss das Haus abbezahlt und die College-Ausbildung der Kinder finanziert werden. Als er bei einer Razzia jedoch den Drogenboss Peña erschießt und sich die siebzig Kilo mexikanisches Black Tar Heroin unter den Nagel reißt, herrscht Ausnahmezustand im nördlichen Manhattan, zumal ein Cop angeklagt wird, einen schwarzen Dealer einfach erschossen zu haben.
Malones Truppe hat alle Hände voll zu tun, einen Waffendeal zu stoppen, den DeVon Carter eingefädelt hat, um Krieg gegen die Dominikaner zu führen, was Malones Vorgesetzter Captain Sykes unbedingt verhindern will, und die Gangstermeute zur Ruhe anzuhalten – schließlich verdient jeder an den Verbrechen mit. Doch dann unterläuft Malone ein Fehler und er gerät in die Fänge des FBI. Um einen annehmbaren Deal zu bekommen, muss er nicht nur Richter, die sich kaufen lassen, verraten, sondern auch seine Kollegen und Freunde …
„Du hast die Korruption eingeatmet, seit deinem ersten Streifengang. So wie du den Tod eingeatmet hast, damals im September. Die Korruption liegt nicht nur in der Luft. Sie gehört zur DNA dieser Stadt.
Auch zu deiner.
Ja, schieb’s nur auf die City. Schieb es auf New York.
Schieb es auf den Job.
Drück dich um die harte Frage: Wie bist du dahin gekommen?
Ganz normal. Schritt für Schritt.“ (S. 393f.)
Mit Romanen wie „Tage der Toten“, „Zeit des Zorns“ und „Das Kartell“ hat sich der amerikanische Autor Don Winslow als Meister des gut recherchierten Thrillers, vor allem im Drogenmilieu, etabliert. Mit „Corruption“ legt er nun den ultimativen Cop-Thriller vor, eine bitterböse Abrechnung mit einer allumfassenden Korruption, bei der Gangster, Richter, Cops, Anwälte und Bürgermeister gemeinsame Sache machen, um jeweils ein schönes Stück vom Kuchen abzubekommen und seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Die Gesetzmäßigkeiten dieser Praxis beschreibt Winslow ebenso detailliert wie einleuchtend. Dazu beschreibt er seinen Antihelden Denny Malone als charismatische Mischung aus Hero-Cop und dirty Cop, als liebenden Familienvater, von dem seine Frau Sheila aber nichts mehr wissen will und der eine Affäre mit der schwarzen Krankenschwester Claudette unterhält; als verantwortungsvollen Vorgesetzten, der darauf achtet, dass die Frauen und Familien versorgt sind, wenn den Männern etwas zustößt.
Eindringlich und actionreich beschreibt Winslow die Gefahren, in die sich die Elite-Cops bei ihren Einsätzen begeben; den Zusammenhalt des Teams, das bei besonderen Gelegenheiten einen von Malone verordneten Bowling-Abend verbringt und es dabei ordentlich krachen lässt; die Verlockungen des Geldes, das den Familien eine bessere Zukunft verspricht; den Rassismus, der immer wieder für Unruhen auf den Straßen sorgt.
Ebenso überzeugend stellt der Autor den schmalen Grat dar, den Malones Truppe in Ausübung ihres Dienstes beschreitet, wenn Geldumschläge entgegengenommen und verteilt werden, damit die Geschäfte weiter ihren geregelten Gang gehen können.
„Corruption“ ist ein unwiderstehlicher Pageturner, der geradezu nach einer Verfilmung schreit. Es ist ein harter und kompromissloser Cop-Thriller, der in knackiger Sprache gnadenlos aufdeckt, wie eng staatliche Stellen auf jeder Ebene und das Gangster-Milieu miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig stützen. Im großartigen Finale wirft Winslow noch mal eine gehörige Portion moralische Komplexität, geschickte Wendungen und einen actionreichen Showdown in die Waage, dass es eine helle Lesefreude ist.

Freitag, 23. Juni 2017

Stewart O’Nan – „Ganz alltägliche Leute“

(Rowohlt, 320 S., Pb.)
East Liberty ist sicher kein Vorzeigeviertel in Pittsburgh, und anno 1998 schon gar kein sicheres. Als bei einer Graffitiaktion Bean und sein Freund Chris von der Brücke fallen, überlebt Chris schwerverletzt, muss aber fortan im Rollstuhl sitzen, während Bean bei dem Unfall ums Leben kommt, in den Zeitungen aber nur als vierter Jugendlicher erwähnt wird, der in einer Woche in East Liberty ums Leben kam, als sei er nur ein weiteres Opfer der Drogenkriminalität.
Chris hat aber auch damit zu kämpfen, dass in sexueller Hinsicht laut ärztlicher Auskunft organisch alles bei ihm in Ordnung sein soll, das Liebesleben mit seiner Freundin Vanessa trotzdem zum Erliegen gekommen ist. Vanessa wiederum strebt nach einem besseren Leben, arbeitet im Pancake House, belegt stundenweise einen Kurs an der Uni, wo sie Amerikaner afrikanischer Herkunft zu seinen Erfahrungen befragen soll, und gibt ihren Sohn Rashaan in die Obhut von Miss Fisk, die offensichtlich manchmal verqueres Zeugs erzählt.
Chris‘ Mutter vermutet derweil, dass ihr Mann Harold eine Affäre mit einer Jüngeren hat und ist voller Selbstzweifel …
„Sie hatte seine Lügen lange hingenommen, auch als sie gespürt hatte, dass er sich von ihr entfernte, sich ihrer Ehe entzog und zu einer anderen Frau flüchtete. Sie hatte sich etwas vorgemacht, hatte erst so getan, als ob es nicht wirklich passierte, und dann, als ob er bald klar sehen und zu ihr zurückkehren würde. Jetzt sah sie deutlich, dass er keinen Grund hatte, zu ihr zurückzukehren, dass sein Leben ohne sie viel einfacher war, und da begriff sie, warum er angefangen hatte fremdzugehen.“ (S. 288) 
Auf diese Weise erzählt Stewart O’Nan („Engel im Schnee“, „Emily, allein“) vom Leben so einiger Einwohner des Schwarzenviertels East Liberty in Pittsburgh, von Knastkarrieren und der viel diskutierten Martin-Robinson-Express-Busspur, die für die Pendler von Penn Hills gedacht ist, aber letztlich die Ansiedlung wichtiger Industriezweige und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert. O’Nan schreibt wie gewohnt sehr einfühlsam von den Gedanken und Empfindungen seiner Figuren, dieser „ganz alltäglichen Leute“ mit ihren so gewöhnlichen Träumen und Sorgen und Ängsten. Allerdings gelingt es ihm nicht, all diese Einzelschicksale zu einer interessanten Geschichte zusammenzufügen. Dazu springt er zu oft von einer Person zur anderen, lässt eine stimmige Dramaturgie und sinnvolle Handlungen und Entwicklungen vermissen.
Am Ende hat der Leser zwar durchaus Einblicke in die alltäglichen Sorgen und Nöte von weniger privilegierten Schwarzen gewonnen, aber keine lesenswerte Geschichte präsentiert bekommen, die Anteilnahme oder Sympathie für die Charaktere hervorruft.

Dienstag, 20. Juni 2017

Cormac McCarthy – „Die Straße“

(Rowohlt, 253 S., Tb.)
Seit Monaten, vielleicht Jahren schon bewegen sich Vater und Sohn durch eine völlig zerstörte Welt. Die Ursache der Apokalypse ist unbekannt, wird zumindest nicht thematisiert. Gewiss ist nur das allgegenwärtige Zelt aus Asche, das selbst den Schnee schwarz färbt. Vater und Sohn sind auf dem Weg nach Süden, zur Küste, wo es nur besser sein kann als in der kalten Gegend, durch die sie so lange Zeit schon wandern, einen Einkaufswagen mit ihren immer spärlicher werdenden Vorräten vor sich herschiebend. Unterwegs begegnen sie nur sporadisch Menschen, die der Mann in die „Guten“ – wie sie selbst – und die „Bösen“ einteilt, die anderen Menschen ihre Vorräte stehlen und sogar vor Kannibalismus nicht zurückschrecken.
Als der Sohn einmal in die Hände einer Kannibalenhorde gelangt, kann sein Vater ihn mit einem Kopfschuss aus der Waffe des Kannibalen befreien, und so lässt sie die Angst vor weiteren unliebsamen Begegnungen mit den „Bösen“ sehr vorsichtig vorangehen, doch einzelnen Wanderern, denen es offenbar schlechter als ihnen geht, wird auch – zumindest vorübergehend - geholfen. Schließlich muss das „Feuer bewahrt“ werden, der moralische Kompass im Inneren. Doch der Weg in den Süden gestaltet sich bei der Kälte und Nässe schwierig und ermüdend, die ersehnte Küste dann doch nicht als das heilsbringende Paradies.
„Im grauen Licht ging er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte, unerbittliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtende Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.“ (S. 118) 
Als der Mann mit einem Pfeil angeschossen wird, entzündet sich das Bein. Der Tod ist nur noch eine Frage der Zeit, das Schicksal des Jungen ungewiss …
„Die Straße“ ist der bislang letzte Roman des amerikanischen Autors Cormac McCarthy („Kein Land für alte Männer“, „All die schönen Pferde“) und wurde 2007 u.a. mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Einmal mehr erweist sich der großartige Stilist und Chronist der menschlichen Abgründe als brillanter Erzähler, dessen Geschichte vom Überlebenskampf eines Mannes mit seinem Sohn wirklich zu Herzen geht. Die spärlich eingestreuten Dialoge zeugen von dem Grundvertrauen, das der gutmütige Sohn in seinen aufrichtigen Vater setzt, immer wieder müssen jedoch beide einander vergewissern, ob ihre Gedanken, Träume und Geschichten okay sind.
Nur schwach erinnert sich der Mann an seine Frau, die sich zu Beginn der Katastrophe das Leben genommen und die Verantwortung für die Rettung ihres Sohnes in die Hände des Vaters abgegeben hat. Wie die beiden monatelang durch die Schlangen von rostigen und verkohlten Autos und aschebedeckte, vereinsamte Landstriche wandern, zeugt von einem starken Überlebenswillen und ist rührend inszeniert, aber auch von alttestamentarischer Wucht.
McCarthy beschränkt sich bei seinem eindringlichen Werk auf die Beschreibung der dystopischen Welt, durch die seine beiden Protagonisten streifen und verliert kein Wert über die Ursache für die Katastrophe. Der Leser kann sich denken, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, ob durch einen Atomkrieg oder die Umweltzerstörung oder einen terroristischen Anschlag, ist schließlich nebensächlich und ändert nichts am Ergebnis.
So wie McCarthy die Apokalypse beschreibt, kann dem Leser nur angst und bange werden, denn die Reduzierung des Figuren-Ensembles auf nahezu ein Vater-Sohn-Gespann macht die Geschichte sehr persönlich und emotional, dass jeder für sich angeregt sein sollte, sein Bestes zu tun, um die Menschheit nicht vor die Hunde gehen zu lassen.

Montag, 19. Juni 2017

Cormac McCarthy – „Ein Kind Gottes“

(Rowohlt, 192 S., Pb.)
Sevier County, Tennessee, in den 1960er Jahren. Der 27-jährige Lester Ballard, ein kleiner, unsauberer, unrasierter und verbissen wirkender Mann mit sächsischem und keltischem Blut, sieht vom Scheunentor aus zu, wie die Farm, auf der er aufgewachsen ist und immer noch lebt, versteigert wird. Als er den Auktionator beschimpft, wird Lester niedergeschlagen. Er kommt in einem verwahrlosten Zwei-Zimmer-Häuschen unter, doch als er dieses versehentlich niederbrennt, ist Lester obdachlos und wandert ziellos durch die Wälder.
Einzig zum Whiskeybrenner Fred Kirby und dem Müllhaldenbesitzer Reubel pflegt er gelegentlich Kontakt. Sobald er jedoch junge Frauen – in Begleitung oder ohne – in abgeschiedener Umgebung entdeckt, wird Lester zum Tier. Erregt vom Sex, dessen Zeuge er ist, ejakuliert er und bringt dann die ahnungslosen Opfer um, wobei er zu den toten Frauen eine besondere Beziehung pflegt. Doch sein Tun bleibt nicht unentdeckt, und Lester ist gezwungen, sich noch tiefer in den Wäldern und Höhlen zu verstecken.
„Er beobachtete die ins Winzige verkleinerten Vorgänge im Tal, die grauen, sich unterm Pflug mit schwarzen Rippenmustern überziehenden Felder, die grüne Decke, die die Bäume langsam über alles breiteten. Während er da hockte, ließ er den Kopf zwischen die Knie sinken und begann zu weinen.“ (S. 165) 
Nach „Der Feldhüter“ (1965) und „Draußen im Dunkel“ (1968) ist „Ein Kind Gottes“ (1974) der erst dritte Roman des mittlerweile mit dem Faulkner Award, dem American Academy Award, dem National Book Award, dem National Book Critics Circle Award und schließlich für „Die Straße“ auch mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten amerikanischen Schriftstellers Cormac McCarthy, und doch sind in diesem Werk schon die sprachliche Brillanz und das finstere Menschenbild angelegt, das sich vor allem in „Kein Land für alte Männer“ wiederfindet, das durch die Oscar-prämierte Verfilmung der Coen-Brüder berühmt geworden ist.
„Ein Kind Gottes“ wirkt wie ein düsteres Vorspielt zu dem späteren Meisterwerk, denn auch hier scheint das Wesen eines Mannes ganz darauf ausgerichtet zu sein, abscheuliche Taten zu vollbringen. McCarthy verurteilt aber weder dieses abseitige Verhalten, noch psychologisiert er es. Als einzige Hintergrundinfo zur Lebensgeschichte von Lester Ballard bekommt der Leser die Tatsache präsentiert, dass Lester seinen Vater vom Strick schneiden musste, nachdem sich dieser erhängt und somit den Verkauf der Farm initiiert hatte. Ansonsten weist nichts darauf hin, warum Lester die Neigungen verspürt, die er so ungehemmt auslebt und die McCarthy mit gnadenloser Präzision beschreibt.
Kein Wunder also, dass die Verfilmung von und mit James Franco eine FSK-18-Einstufung erhielt. Von einem „Kind Gottes“, wie der Titel suggeriert, kann bei Lester Ballard also kaum die Rede sein, hier kommt dem Leser eher der Teufel in den Sinn. Wie McCarthy auf der einen Seite die prachtvolle Natur beschreibt und im Gegensatz dazu das schändliche Treiben seines Antihelden inszeniert, fesselt ungemein. Die Geschichte fasziniert ebenso wie sie abstößt – das ist einfach große Literatur.
Leseprobe Cormac McCarthy - "Ein Kind Gottes"

Sonntag, 18. Juni 2017

Paul Auster – „Die Erfindung der Einsamkeit“

(Rowohlt, 248 S., Tb.)
Bevor Paul Auster mit seiner experimentellen Krimi-Trilogie „Die New-York-Trilogie“ weltweit für Aufsehen sorgte, veröffentlichte er bereits einige Lyrik-Bände und auch das aus zwei Essays bestehende Buch „Die Erfindung der Einsamkeit“, mit dem der Autor vor allem den Tod seines Vaters verarbeitet und dabei ausführlich Themen wie Erinnerung, Einsamkeit, Leben und Tod und Zufall beleuchtet.
In „Portrait eines Unsichtbaren“ versucht Auster den Spuren seines Vaters zu folgen, den er Zeit seines Lebens eigentlich nicht gekannt, der sich seinem Sohn immer irgendwie entzogen hat. Drei Wochen nach dem plötzlichen Tod seines Vaters beginnt Auster, seine Erinnerungen niederzuschreiben, beginnend mit der telefonischen Nachricht, die ihn an einem Sonntagmorgen um 8 Uhr erreichte, der dreistündigen Fahrt nach New Jersey, dem Wissen, dass er über seinen Vater schreiben müsse. Was Auster dabei rückblickend irritiert, ist die Erkenntnis, dass sein Vater keine Spuren hinterlassen hatte, weder Frau noch Familie, die auf ihn angewiesen wäre.
„Seine Lebensweise hatte die Welt auf seinen Tod vorbereitet – war eine Art vorweggenommener Tod gewesen -, und falls und wenn man sich seiner erinnerte, dann nur undeutlich, allenfalls undeutlich.“ (S. 13) 
Er empfand keine Leidenschaft und war eigentlich unsichtbar, für andere ebenso wie für sich selbst wahrscheinlich auch. Nachdem Auster ständig versucht hatte, den abwesenden Vater zu finden, glaubt er, ihn auch nach dessen Tod suchen zu müssen. In den Schubladen der Schränke in dem Haus, das der Vater kurz vor seinem Tod noch verkauft hatte, stößt Auster auf Dinge, die er zwar nicht sehen oder wissen will, die aber nichtsdestotrotz für ihn Überbleibsel von Gedanken und Bewusstsein und Entscheidungen darstellen, darunter auch Schnappschüsse von den Flitterwochen seiner Eltern, ein Aktenschrank voller ungültiger Schecks aus dem Jahr 1953. Auster räumt das Haus für den künftigen Besitzer und ist als Möbelhändler, Spediteur und Überbringer schlechter Nachrichten tätig. Wie der Zufall es will, stößt Auster bei seinen Nachforschungen auf die Geschichte, wie sein Großvater Harry von dessen Ehefrau erschossen wurde. Am Ende eignet sich Auster zwar einige Gegenstände seines Vaters an, doch erzeugen auch sie nur die Illusion, mit seinem Vater vertraut zu sein, hat dieser doch nichts mehr damit zu tun. Und so bleibt dem Autor nur eins, nämlich über das Sterben nachzudenken und die Erinnerung an die Toten lebendig zu halten.
In „Das Buch der Erinnerung“ bezeichnet sich Auster kurz als A. und beginnt in der dritten Person über seine Arbeit als Übersetzer von französischen Autoren wie Blanchot und Mallarmé zu schreiben, über klassische Erinnerungstechniken, es folgen durchnummerierte Bücher der Erinnerung, in denen er beispielsweise über Heiligabend 1979 schreibt, über die karge Einrichtung seiner Wohnung, das Schnarchen seines Nachbarn.
Um in dieser Umgebung Frieden zu finden, muss er sich tiefer in sich selbst vergraben, aber je mehr er gräbt, umso mehr braucht er sich selbst auf. Interessant sind vor allem die Überlegungen zur Einsamkeit in Zusammenhang mit Jonas Aufenthalt im Wal und parallel dazu der von Gepetto im Bauch des Haifischs und die Frage, ob man seinen Vater retten muss, um ein richtiger Junge werden zu können. Weitere Exkurse führen zu Emily Dickinson, über die Natur des Zufalls, wie er als Übersetzer Worte zu anderen Worten werden und in seinem Innern ein unermessliches Babel entstehen lässt.  
Auster äußert in „Die Erfindung der Einsamkeit“ kluge Gedanken zu Themen, die seinen Lesern auch in den meisten der späteren Werke immer wiederbegegnen. Wie er dabei mit Ideen und Worten jongliert, Zufall und Sinn miteinander verknüpft, ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, regt aber stets zum Nachsinnen an.

Montag, 12. Juni 2017

Ernst Hofacker – „1967 – Als Pop unsere Welt für immer veränderte“

(Reclam, 272 S., HC)
Die 1960er Jahre waren ein turbulentes wie wegweisendes Jahrzehnt. Ein halbes Jahrhundert später sind der Vietnamkrieg, die Studentenunruhen, die Morde an John F. Kennedy und Martin Luther King, die Kuba-Krise und die Bürgerrechtsbewegung der USA nach wie vor immer wieder Thema in gesellschaftspolitischen Diskursen. Warum gerade das Jahr 1967 aus diesem bewegenden Jahrzehnt so heraussticht, macht der renommierte Musikjournalist Ernst Hofacker („Rolling Stone“, „Musikexpress“) in seinem kurzweilig zu lesenden, fachkundig recherchierten und klug geschriebenen Buch „1967 – Als Pop unsere Welt für immer veränderte“ ebenso ausführlich wie kontextuell deutlich.
Natürlich gehört das legendäre Monterey International Pop Festival ebenso zu den Eckpunkten in Hofackers kulturhistorischen Rückblick wie die Karriere der Beatles, die 1967 ihr gefeiertes Meisterwerk „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ veröffentlichten, der Rolling Stones, Bob Dylan und Jimi Hendrix.
Es war das Jahr, in dem laut Branchenmagazin „Billboard“ erstmals mehr LPs als Singles verkauft wurden, die Beatles mit ihrem programmatischen Hit „All you need is Love“ den sprichwörtlichen „Summer of Love“ einläuteten und die erste Ausgabe des „Rolling Stone“-Magazins erschien. Der Autor beschreibt eindrücklich, wie eine zunehmend kritische Studentengeneration heranwuchs, die sich von staubtrockenen gesellschaftlichen Normen zu emanzipieren begann und auf eine revolutionäre Umgestaltung der Machtverhältnisse hinarbeitete. Bei dem Monterey-Festival, das unter dem Motto „Music, Love & Flowers“ stand, erlebten die 50000 bis 90000 Zuschauer nicht nur Stars wie Otis Redding, Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Who und Ravi Shankar, sondern auch einen Paradigmenwechsel.
„Es ebnete einer neuen musikalischen Sprache den Weg in den Mainstream und forcierte damit den ganz gewöhnlichen Professionalisierungsprozess einer Subkultur, ihrer Strukturen und Akteure. Dass diese Subkultur fortan mit schicken Verkaufslabels versehen und zur tragenden Säule eines umsatzstarken Marktsegments entwickelt wurde, war ebenso wenig zu vermeiden wie die damit einhergehende allmähliche Verwässerung ihrer Inhalte.“ (S. 79) 
In der Folge setzt sich Hofacker besonders mit der Rolle der Schwarzen Musik und Künstlern wie dem erwähnten Otis Redding, James Brown und Aretha Franklin auseinander, geht dem Mythos von „Big Pink“ nach, jenem legendären Haus, in dessen Keller Bob Dylan und The Band das Fundament für das legten, was als Alternative Country und Americana Einzug in die Musikgeschichte halten sollte.
Ausführlich werden die besonderen Beiträge von The Velvet Underground, Jimi Hendrix und The Beatles zur Musikkultur jener Zeit gewürdigt, die wechselseitige Inspiration zwischen Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson und den Beatles, bevor auch die bis dato von der Beat Generation kaum berührte Bundesrepublik auf die Einflüsse aus den USA und London reagierte.
Die künstlich arrangierte Gruppe Monks nimmt laut Hofacker eine Schlüsselstellung ein und wird als Wegbereiter für den Krautrock ebenso wie für den Industrial, Punk und Indie-Rock gepriesen. Das Magical Mystery Year 1967 wird abschließend ausführlich in den kulturhistorischen Kontext gestellt, als Aufbäumen einer ganzen Generation gegen das Establishment, auch wenn ab 1968 die zuvor von dort ausgebrochenen Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückgeführt wurden.
All das beschreibt Hofacker mit fundierten Hintergrundverweisen und geradezu leidenschaftlich in seiner Liebe zur Musik und ihren Schöpfern, wobei jede musikalische Neuerung in ihren gesellschaftspolitischen Kontext gestellt wird, ob es sich um die Pop-Art bei Andy Warhol und seinen Einfluss als Mentor auf die Velvet Underground oder den Bauhaus-Stil auf die deutsche Band Monks handelt.
Viele schöne Fotos und ein ausführliches Literaturverzeichnis runden diesen schmuck gestalteten Hochglanzband wunderbar ab. 
Leseprobe Ernst Hofacker - "1967 - Als Pop unsere Welt für immer veränderte"

Mittwoch, 7. Juni 2017

Annie Proulx – „Aus hartem Holz“

(Luchterhand, 894 S., HC)
Im Jahre 1693 machen sich die beiden Franzosen René Sel und Charles Duquet auf die abenteuerliche Reise nach Neufrankreich, dem heutigen östlichen Kanada, wo sie von einem besseren Leben träumen. Fasziniert von den endlosen Wäldern voller Baumriesen und undurchdringlicher Wildnis, schlagen sie sich als Holzfäller durch. Nach drei Jahren bei ihrem Dienstherrn Claude Trépagny steht ihnen dann eigenes Land zu.
Während Sel sich geduldig abmüht und schließlich mit Mari die indianische Geliebte seines Herrn heiratet, macht sich Duquet frühzeitig aus dem Staub, handelt zunächst mit Pelzen und Fellen, die er den Indianern für gepanschten Rum und Whiskey abgekauft hat und gründet in Boston seine eigene Holzhandlung. Bald unterhält Duke & Sons geschäftliche Beziehungen nach Europa, China und Neuseeland. Während Maris – und teilweise auch Sels - Kinder Elphège, Theotiste, Achille, Noë und Zoë die Tradition der Mi’kmaq fortführen, führen Duquet und seine beiden Brüder das Abholzen der nordamerikanischen Wälder in großem Stil fort …
„Armenius Breitsprecher starrte schweigend ins Feuer. Nicht zum ersten Mal stellte er fest, dass Duke & Sons gierig genug war, um den gesamten Kontinent abzuholzen. Und er half ihnen dabei. Er verabscheute die amerikanische Kahlschlagpolitik, die aberwitzige Verschwendung von gesundem, wertvollem Holz, die Zerstörung des Bodens, die unweigerlich folgende Erosion, die Vernichtung des Lebens in den Wäldern ohne einen Gedanken an die Zukunft.“ (S. 580) 
Bereits mit ihrem ersten Roman „Postkarten“ (1992) erhielt die heute 82-jährige Annie Proulx den renommierten PEN/Faulkner Award, für das von Lasse Halmström erfolgreich verfilmte Nachfolgewerk „Schiffsmeldungen“ sogar den Pulitzer Preis und den National Book Award. Seither ist Proulx aus der nordamerikanischen Literaturszene nicht mehr wegzudenken. Allerdings hat es mehr als zehn Jahre gebraucht, dass sie nach „Mitten in Amerika“ mit „Aus hartem Holz“ einen neuen Roman vorlegt, der es wahrlich in sich hat.
Auf knapp 900 Seiten entwickelt die in Seattle lebende Autorin gleich zwei Familiengeschichten, die sie über drei Jahrhunderte begleitet. Während die Sels auf der einen Seite durch die Heirat auch immer ihre indianischen Wurzeln pflegen und sich der Natur nur zur Befriedigung ihrer eigenen überschaubaren Bedürfnisse bedienen, sehen Charles Duke, seine beiden Brüder und all ihre Nachfahren in dem unerschöpflich erscheinenden Holzvorrat nur eine Gelddruckmaschinerie, über deren Nachhaltigkeit gar nicht nachgedacht werden muss.
Gerade im ersten Drittel des monumentalen Romans gelingt es Proulx, die besondere Aufbruchstimmung einzufangen, die die beiden Franzosen in die neue Welt mitbringen. Das Figurenensemble bleibt noch überschaubar, wird aber durch die zahlreichen Kinder, Adoptionen und Kindeskinder zunehmend komplexer und verwirrender. Das Leben der Siedler, Holzfäller, indianischen Ureinwohner und Händler beschreibt die Autorin absolut realistisch, doch erhebt sie schnell und wiederkehrend den moralischen Zeigefinger, weist dezidiert auf den fortschreitenden Raubbau und die gnadenlosen Umweltsünden hin, die sich allein aus der Gesinnung des Duke-Clans und seiner Handlungen erschließen.
Zum Ende hin scheint Proulx dann doch etwas die Luft auszugehen, nachdem schon in den vorangegangenen Hunderten von Seiten eigentlich schon alles gesagt worden ist und die Fasern der Sel- und Duke-Stammbäume kaum noch nachzuvollziehen sind. So wirkt „Aus hartem Holz“ gleichermaßen wie ein Familien- und Entwicklungsroman, wie die Dokumentation einer grausamen Umweltzerstörung, aber er zeigt auch ganz schnörkellos das Leiden und Sterben armer wie reicher Menschen, Überlebens- und Gewinnmaximierungsstrategien und schließlich den verzweifelten Kampf von Umweltschützern. Über weite Strecken ist der Roman sehr lesenswert, dann aber auch über die Maßen belehrend und langatmig.
Leseprobe Annie Proulx - "Aus hartem Holz"