Sonntag, 16. Juli 2017

Lee Child – (Jack Reacher: 4) „Zeit der Rache“

(Blanvalet, 510 S., Tb.)
In einem nahezu leeren italienischen Restaurant beobachtet Jack Reacher zwei Männer, die dem Inhaber offenbar das wöchentliche Schutzgeld abnahmen. Wenig später schlägt Reacher die beiden Männer in einer Gasse krankenhausreif und erfährt, dass sie das Geld für einen skrupellosen Gangster namens Petrosian eintreiben. Als er zu seinem Haus in Garrison fährt, wird er von FBI-Agenten empfangen und in die Außenstelle New York gebracht, wo ihn der stellvertretende Direktor Alan Deerfield, die leitenden Agents Nelson Blake und James Cozo sowie die beiden Special Agents Tony Poulton und Julia Lamarr ins Verhör nehmen, die allesamt mit Serienkriminalität und organisiertem Verbrechen zu tun haben. Sie befragen Reacher zu den Frauen Amy Callan und Caroline Cooke, die er während seiner Dienstzeit beim Militär kennengelernt hat und die nun auf grausame Weise ermordet worden sind, nachdem sie ihre Vorgesetzten wegen sexueller Belästigung angezeigt und später den Dienst quittiert hatten.
Zwar halten sie Reacher nicht für den Täter, bitten ihn aber um Mitarbeit bei der Aufklärung der Morde, weil sie den Täter in den Reihen des Militärs vermuten. Der Täter lässt seine Opfer nackt in eine Wanne mit grüner Tarnfarbe steigen, wo sie unter unbekannten Umständen zu Tode kommen, und hinterlässt absolut keine Spuren.
Als auch eine dritte Frau auf die gleiche Art stirbt und jeweils genau drei Wochen zwischen den Morden liegen, haben Reacher und das FBI nur wenig Zeit. Neben dem aufreibenden Fall hat Reacher auch in privater Hinsicht Entscheidungen zu treffen. Nachdem er das Haus seines Freundes und Kommandeurs Leon Garber geerbt hat und mit seiner Tochter Jodie liiert ist, die kurz davorsteht, Partnerin in ihrer Kanzlei zu werden, fühlt sich Reacher zu sehr in seiner Freiheit eingeengt.
„Endlich ging es wieder irgendwo hin. Endlich war er wieder unterwegs. Er kam sich vor wie ein wechselwarmes Tier nach dem Winterschlaf, wenn das Blut wieder in Wallung gerät. Sein alter Wandertrieb meldete sich zu Wort. Nun bist du also wieder froh und glücklich, sagte er. Du hast sogar einen Moment lang vergessen, dass du droben in Garrison ein Haus am Hals hast.“ (S. 110) 
Mit seinem vierten Jack-Reacher-Roman folgt Lee Child seinem bewährten Rezept. Zunächst führt er Reacher als gerechtigkeitsliebenden Mann ein, der Konfrontationen auch mit mehreren Männern stets sehr überlegt angeht und aus ihnen sehr souverän als Sieger hervorgeht. Der Leser bekommt einen kurzen Abriss von Reachers Laufbahn als Major bei der Militärpolizei und der Beziehung zu Leon Garbers Tochter. Schließlich wird er zur Zusammenarbeit mit dem FBI genötigt, um einen sehr gerissenen Serienmörder zu fassen.
Doch der zunächst interessant vertrackte Fall entpuppt sich als Angelegenheit, in der absichtlich falsche Fährten gelegt worden sind, die Reacher und seine ihn begleitende junge Agentin Lisa Harper aber erst nach weiteren Morden entwirren können. Leider gelingt es Lee Child diesmal nicht sehr überzeugend, die verschiedenen Ermittlungsansätze glaubwürdig miteinander zu verknüpfen. Am Ende wirkt die Auflösung doch sehr konstruiert und unglaubwürdig. Dazu sorgen die immer wieder mal eingestreuten Inneneinsichten des Täters für einen unnötigen Bruch in der Erzähldramaturgie, so dass „Zeit der Rache“ zwar einen faszinierenden Fall präsentiert, der auch die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit zwischen Militär und FBI thematisiert sowie Reachers Drang nach Unabhängigkeit, aber letztlich wenig schlüssig zu Ende erzählt wird.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Joey Goebel – „Heartland“

(Diogenes, 714 S., Tb.)
Blue Gene ist das schwarze Schaf der superreichen Mapother-Familie, die ihren Reichtum dem florierenden Tabakunternehmen in dem beschaulichen Bashford zu verdanken hat. Statt den geplanten Weg einer Ausbildung an einer privaten Elite-Uni einzuschlagen, zog es der mittlerweile 27-Jährige vor, den Kontakt zu seiner Familie abzubrechen, sein millionenschweres Erbe nicht anzurühren und eine Karriere als einfacher Verkäufer im örtlichen Wal-Mart zu verfolgen. Mittlerweile lebt er in einem Trailer-Park und verkauft (oder verschenkt) seine in der Kindheit gesammelten Spielzeuge – vor allem Action-Figuren – auf dem Flohmarkt.
Als seine Mutter Elisabeth ihn dort aufsucht, ahnt Blue Gene, dass sie nicht ohne Grund aufgekreuzt ist: Blue Gene möchte sich doch mit seinem Bruder John und seinem Vater Henry wieder versöhnen und vor allem John dabei unterstützen, ihn in dem kommenden Wahlkampf zu unterstützen, wo John gegen seinen Konkurrenten Frick als Kongressabgeordneter kandidiert.
Um sich die Stimmen des einfachen Volkes zu sichern, soll Blue Gene demonstrieren, dass John tatsächlich das Wohl seiner Angestellten und Wähler im Sinn hat und nicht nur hohle Sprüche klopft. Der Plan scheint aufzugehen, denn John Mapother liegt bald in den Umfragen vorn, doch dann sorgt durch ein Missgeschick die Aufdeckung eines dunklen Familiengeheimnisses für Turbulenzen. Blue Gene fängt wieder an, sein eigenes Ding durchzuziehen.
Mit der Sängerin Jackie Stepchild, für die Blue Gene mehr als freundschaftliche Gefühle empfindet, verwendet er nun sein Erbe dazu, das leerstehende Gebäude des alten Wal-Marts zu kaufen und armen Menschen zu helfen, wie z.B. seinem alten Kindermädchen Bernice. Doch diese Gemeinnützigkeit können John und Henry in ihrem Wahlkampf überhaupt nicht gebrauchen, und Blue Gene muss sich fragen, was der traditionelle Begriff Familie für ihn überhaupt noch bedeutet.
„Diese Wörter haben immer Vorrang, weil sie die Ideen verkörpern, die man sein Leben lang wertschätzen soll, so hat man es uns gelehrt. Und das alles ist gut und schön, aber was macht man, wenn man herausfindet, dass Wörter wie Mom, Dad, Bruder und Familie eigentlich gar nicht in das Bild passen, das man ein Vierteljahrhundert für richtig hielt?“ (S. 450) 
Der 1980 in Henderson, Kentucky, geborene und lebende Joey Goebel hat schon mit seinen ersten Romanen „Vincent“ und „Freaks“ eindrucksvoll bewiesen, dass er eine interessante neue Stimme in der amerikanischen Literatur darstellt. Mit dem 2008 und hierzulande ein Jahr später veröffentlichten Epos „Heartland“ dringt Goebel tief in die Psyche der amerikanischen Gesellschaft ein und seziert im Mikrokosmos einer elitären Familie und eines atypischen Wahlkampfs die traditionellen Werte, die in jedem Wahlkampf thematisiert werden.
Dabei entlarvt der Autor auf ebenso kluge wie humorvolle Weise die Doppelmoral konservativer Politiker und ihrer proklamierten Werte. Besonders in den Diskussionen zwischen Familienoberhaupt Henry und seinen Söhnen John und Eugene, aber auch im späteren Wahlkampf, in dem die Punkrockerin Jackie auch eine Rolle spielt, wird deutlich, wie sehr Freiheit mit Geld und Macht einhergeht. Goebel portraitiert das überschaubare Figuren-Ensemble mit viel Liebe zum Detail und psychologischem Feingefühl. Seine klare Sprache und sein Sinn für humorvolle Pointen machen „Heartland“ zu einer erfrischenden Lektüre, bei der kritisch die Mechanismen der Macht hinterfragt werden dürfen.

Dienstag, 11. Juli 2017

Dennis Lehane – (Kenzie & Gennaro: 2) „Dunkelheit, nimm meine Hand“

(Diogenes, 511 S., Pb.)
Kaum haben Angie Gennaro & Patrick Kenzie einen spektakulären Fall zu den Akten gelegt, erhalten sie einen Anruf von Eric Gault, der an der Bryce University Kriminologie unterrichtet und bei dem Kenzie damals an der University of Massachusetts ein paar Kurse belegt hatte. Erics Freundin, die renommierte Bostoner Psychologin Diandra Warren, will das Ermittler-Duo engagieren, weil sie vor einiger Zeit Besuch von einer jungen Frau bekam, die sich als Moira Kenzie und Freundin von Kevin Hurlihy vorstellte, der sie allerdings zu bedrohen schien und vor drei Wochen auch Diandra anrief, um ihr Angst einzujagen.
Gestern erhielt sie dann einen Brief mit dem Foto ihres Sohnes Jason. Kennzie und Gennaro willigen ein, Jason für einige Zeit zu beschatten, und ermitteln im Dunstkreis von Fat Freddy Constantine, dem Paten der Bostoner Mafia. Als mit Kara Rider eine alte Bekannte von Kenzie verstümmelt und gekreuzigt aufgefunden wird, führt die Spur zu einem Serienkiller, der allerdings seit Jahren im Gefängnis sitzt.
Je mehr Gennaro & Kenzie mit ihrem Aufpasser Bubba im Dreck wühlen, umso mehr häufen sich die bestialischen Morde, und Kenzie selbst gerät ins Visier des skrupellosen Killers, der in den Briefen, die er an den Ermittler adressiert hat, seine kranke Psyche offenbart.
„Ein ganz normaler Mensch, der jeden Morgen aufsteht, zur Arbeit geht und sich im Grunde für einen guten Kerl hält, hat mehr als genug Böses in sich. Vielleicht betrügt er seine Frau, vielleicht behandelt er seine Kollegen schäbig, vielleicht glaubt er insgeheim, dass es den einen oder anderen Menschenschlag gibt, der ihm unterlegen ist.
Meistens muss er sich damit nicht auseinandersetzen, dafür sorgt schon unsere Fähigkeit, uns vor uns selbst zu rechtfertigen (…)
Doch der Mann, der diesen Brief geschrieben hatte, hatte sich dem Bösen hingegeben. Er ergötzte sich am Leid anderer. Er versuchte nicht, Herr über seinen Hass zu werden. Er schwelgte darin.“ (S. 345f.) 
Bevor Dennis Lehane zu Beginn der 2000er Jahre mit seinen (erfolgreich von Clint Eastwood und Martin Scorsese verfilmten) Romanen „Mystic River“ und „Shutter Island“ zum internationalen Bestseller-Autoren avancierte, veröffentlichte er eine Reihe von fünf Romanen um die beiden Bostoner Ermittler Kenzie & Gennaro (2010 folgte mit „Moonlight Mile“ ein sechster und der bislang letzte Band der Reihe), die glücklicherweise nach und nach durch den Schweizer Diogenes-Verlag in neuer Übersetzung wiederveröffentlicht werden.
In „Dunkelheit, nimm meine Hand“ hat es das sympathische Duo, das sich auch persönlich sehr nahesteht, mit einer Reihe von besonders grausamen Morden zu tun, bei denen auch das FBI nicht recht weiterkommt. Lehane arbeitet nicht nur den Plot sehr detailliert aus, sondern taucht vor allem auch tief in das Leben und die Vergangenheit des Ich-Erzählers Patrick Kenzie ein, in die Beziehungen zu seinem Vater, zu seiner Kollegin und Freundin Angie Gennaro und schließlich zu seiner aktuellen Lebensgefährtin Grace und deren Tochter Mae.
Am Ende des packenden Thriller-Dramas, das auf komplexe Weise Polizei-Korruption, Mafia-Verbrechen und persönliche Schicksale miteinander verknüpft, haben sich dunkle Geheimnisse ans Tageslicht begeben, sind Überzeugungen verloren gegangen und Menschen und ihre Beziehungen zueinander nicht mehr so, wie sie vorher waren. Und Dennis Lehane ist fraglos ein Meister darin, die Gründe für diese tiefgreifenden Veränderungen glaubwürdig zu inszenieren. Auf die nächsten – neu übersetzten - Fälle von Kenzie & Gennaro darf sich der Krimi-Freund mehr als freuen! 
Leseprobe Dennis Lehane - "Dunkelheit, nimm meine Hand"

Sonntag, 2. Juli 2017

Lee Child – (Jack Reacher: 16) „Der letzte Befehl“

(Blanvalet, 448 S., HC)
Der Elite-Militärpolizist Jack Reacher wird von seinem Kommandeur Leon Garber im März 1997 nach Mississippi in die Kleinstadt Carter Crossing geschickt, wo er den Mord an der siebenundzwanzigjährigen Zivilistin Janice May Chapman untersuchen soll. Das Pentagon interessiert sich deshalb für den Fall, weil es durch Fort Kelham auch ein Army-Standort ist, wo nicht nur Ranger ausgebildet werden, sondern auch zwei Kompanien aus dem 75th Ranger Regiment stationiert sind, die sich bei heimlichen einmonatigen Einsätzen im Kosovo abwechseln.
Da Chapman drei Tage nach Rückkehr von Kompanie Bravo aus dem Kosovo vergewaltigt und verstümmelt worden ist, als die heimgekehrten Ranger ihren einwöchigen Urlaub angetreten haben, liegt der Verdacht nahe, dass ein Ranger für ihren Tod verantwortlich sein könnte.
Während Reachers Kollege Duncan Munro in Fort Kelham ermittelt, soll Reacher selbst verdeckt auf der zivilen Seite auf Spurensuche gehen, allerdings wird er nach seiner Ankunft gleich vom County Sheriff, der attraktiven Elizabeth Devereux, enttarnt, die sechzehn Jahre bei den Marines gedient hat. Reacher erfährt, dass vor Chapman zwei weitere schöne Frauen auf ähnliche Weise ermordet worden sind und dass alle drei Frauen ein Verhältnis mit dem Senatorensohn Reed Riley gehabt haben, der in Fort Kelham stationiert ist.
Doch bei ihren gemeinsamen Nachforschungen, während der sich die beiden Ermittler auch persönlich näherkommen, werden ihnen durch das Pentagon zunehmend Steine in den Weg gelegt, so dass Reacher den Verdacht nicht loswird, dass in Carter Crossing etwas von höchster Stelle aus vertuscht werden soll. Schließlich scheint Reacher selbst zur Zielscheibe zu werden …
„Diese Leute wussten genau, wann ich wohin wollte.
Was bedeutete, dass sie mir um zwölf Uhr oder kurz davor im Pentagon oder schon davor auflauern würden. Im Bauch des Ungeheuers. Viel gefährlicher als hier. Keine drei Meilen entfernt, aber eine völlig andere Welt in Bezug auf die Methoden, mit denen sie dort arbeiten würden.“ (S. 327) 
Mit seinem 16. Roman um den taffen Militärpolizisten Jack Reacher unternimmt Bestseller-Autor Lee Child eine interessante Reise in die Vergangenheit seines Helden, nämlich in das Jahr 1997, als Reacher durch die Vorfälle im Militärstandort Carter Crossing seine Karriere bei der Army beenden muss. Nach so vielen erfolgreichen, packenden und auch zweimal verfilmten Romanen, in denen wir Jack Reacher nur als Ex-Militärpolizisten kennengelernt haben, der fortan ohne festen Wohnsitz und nennenswerte Habe durch die USA reist und immer wieder in heikle Situationen gerät, erfährt der Leser endlich etwas aus Reachers aktiven Dienstzeit.
Davon abgesehen bietet „Der letzte Befehl“ alle Qualitäten, die die Jack-Reacher-Romane international so beliebt gemacht haben, einen charismatischen Protagonisten, der als Ich-Erzähler messerscharf Informationen sammelt, sie in Zusammenhänge stellt und schnell, aber überlegt darauf reagiert. Durch die kurzen Sätze, die knackig-präzise Sprache, die auf den Punkt brillanten Analysen und die schnörkellos effektiv inszenierte Action fesselt der Thriller von der ersten Seite an und bietet neben kluger Ermittlungsarbeit auch würzige Zutaten wie Misstrauen, Korruption und Erotik.
Leseprobe Lee Child - "Der letzte Befehl"

Montag, 26. Juni 2017

Don Winslow – „Corruption“

(Droemer, 541 S., HC)
Zusammen mit seinen Kollegen Phil Russo, Billy O‘Neill und Big Monty, die ihm wie Brüder sind, kämpft der altgediente und allseits hochgeachtete Detective Denny Malone in der Manhattan North Special Taskforce, der gefeierten Elitetruppe des NYPD, an allen möglichen Fronten gegen Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, gegen sexuelle Gewalt, Einbrüche und Überfälle, doch vor allem gegen Drogen und Waffen, die die meisten Toten fordern.
Sie müssen sich nicht rechtfertigen, wie sie die Stadt sauber halten, nur sollte die sorgsam geschmierte Allianz zwischen staatlichen Stellen und organisiertem Verbrechen nicht in Mitleidenschaft geraten.
In seinen achtzehn Dienstjahren ist auch Malone vom rechten Weg abgekommen, schließlich muss das Haus abbezahlt und die College-Ausbildung der Kinder finanziert werden. Als er bei einer Razzia jedoch den Drogenboss Peña erschießt und sich die siebzig Kilo mexikanisches Black Tar Heroin unter den Nagel reißt, herrscht Ausnahmezustand im nördlichen Manhattan, zumal ein Cop angeklagt wird, einen schwarzen Dealer einfach erschossen zu haben.
Malones Truppe hat alle Hände voll zu tun, einen Waffendeal zu stoppen, den DeVon Carter eingefädelt hat, um Krieg gegen die Dominikaner zu führen, was Malones Vorgesetzter Captain Sykes unbedingt verhindern will, und die Gangstermeute zur Ruhe anzuhalten – schließlich verdient jeder an den Verbrechen mit. Doch dann unterläuft Malone ein Fehler und er gerät in die Fänge des FBI. Um einen annehmbaren Deal zu bekommen, muss er nicht nur Richter, die sich kaufen lassen, verraten, sondern auch seine Kollegen und Freunde …
„Du hast die Korruption eingeatmet, seit deinem ersten Streifengang. So wie du den Tod eingeatmet hast, damals im September. Die Korruption liegt nicht nur in der Luft. Sie gehört zur DNA dieser Stadt.
Auch zu deiner.
Ja, schieb’s nur auf die City. Schieb es auf New York.
Schieb es auf den Job.
Drück dich um die harte Frage: Wie bist du dahin gekommen?
Ganz normal. Schritt für Schritt.“ (S. 393f.)
Mit Romanen wie „Tage der Toten“, „Zeit des Zorns“ und „Das Kartell“ hat sich der amerikanische Autor Don Winslow als Meister des gut recherchierten Thrillers, vor allem im Drogenmilieu, etabliert. Mit „Corruption“ legt er nun den ultimativen Cop-Thriller vor, eine bitterböse Abrechnung mit einer allumfassenden Korruption, bei der Gangster, Richter, Cops, Anwälte und Bürgermeister gemeinsame Sache machen, um jeweils ein schönes Stück vom Kuchen abzubekommen und seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Die Gesetzmäßigkeiten dieser Praxis beschreibt Winslow ebenso detailliert wie einleuchtend. Dazu beschreibt er seinen Antihelden Denny Malone als charismatische Mischung aus Hero-Cop und dirty Cop, als liebenden Familienvater, von dem seine Frau Sheila aber nichts mehr wissen will und der eine Affäre mit der schwarzen Krankenschwester Claudette unterhält; als verantwortungsvollen Vorgesetzten, der darauf achtet, dass die Frauen und Familien versorgt sind, wenn den Männern etwas zustößt.
Eindringlich und actionreich beschreibt Winslow die Gefahren, in die sich die Elite-Cops bei ihren Einsätzen begeben; den Zusammenhalt des Teams, das bei besonderen Gelegenheiten einen von Malone verordneten Bowling-Abend verbringt und es dabei ordentlich krachen lässt; die Verlockungen des Geldes, das den Familien eine bessere Zukunft verspricht; den Rassismus, der immer wieder für Unruhen auf den Straßen sorgt.
Ebenso überzeugend stellt der Autor den schmalen Grat dar, den Malones Truppe in Ausübung ihres Dienstes beschreitet, wenn Geldumschläge entgegengenommen und verteilt werden, damit die Geschäfte weiter ihren geregelten Gang gehen können.
„Corruption“ ist ein unwiderstehlicher Pageturner, der geradezu nach einer Verfilmung schreit. Es ist ein harter und kompromissloser Cop-Thriller, der in knackiger Sprache gnadenlos aufdeckt, wie eng staatliche Stellen auf jeder Ebene und das Gangster-Milieu miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig stützen. Im großartigen Finale wirft Winslow noch mal eine gehörige Portion moralische Komplexität, geschickte Wendungen und einen actionreichen Showdown in die Waage, dass es eine helle Lesefreude ist.

Freitag, 23. Juni 2017

Stewart O’Nan – „Ganz alltägliche Leute“

(Rowohlt, 320 S., Pb.)
East Liberty ist sicher kein Vorzeigeviertel in Pittsburgh, und anno 1998 schon gar kein sicheres. Als bei einer Graffitiaktion Bean und sein Freund Chris von der Brücke fallen, überlebt Chris schwerverletzt, muss aber fortan im Rollstuhl sitzen, während Bean bei dem Unfall ums Leben kommt, in den Zeitungen aber nur als vierter Jugendlicher erwähnt wird, der in einer Woche in East Liberty ums Leben kam, als sei er nur ein weiteres Opfer der Drogenkriminalität.
Chris hat aber auch damit zu kämpfen, dass in sexueller Hinsicht laut ärztlicher Auskunft organisch alles bei ihm in Ordnung sein soll, das Liebesleben mit seiner Freundin Vanessa trotzdem zum Erliegen gekommen ist. Vanessa wiederum strebt nach einem besseren Leben, arbeitet im Pancake House, belegt stundenweise einen Kurs an der Uni, wo sie Amerikaner afrikanischer Herkunft zu seinen Erfahrungen befragen soll, und gibt ihren Sohn Rashaan in die Obhut von Miss Fisk, die offensichtlich manchmal verqueres Zeugs erzählt.
Chris‘ Mutter vermutet derweil, dass ihr Mann Harold eine Affäre mit einer Jüngeren hat und ist voller Selbstzweifel …
„Sie hatte seine Lügen lange hingenommen, auch als sie gespürt hatte, dass er sich von ihr entfernte, sich ihrer Ehe entzog und zu einer anderen Frau flüchtete. Sie hatte sich etwas vorgemacht, hatte erst so getan, als ob es nicht wirklich passierte, und dann, als ob er bald klar sehen und zu ihr zurückkehren würde. Jetzt sah sie deutlich, dass er keinen Grund hatte, zu ihr zurückzukehren, dass sein Leben ohne sie viel einfacher war, und da begriff sie, warum er angefangen hatte fremdzugehen.“ (S. 288) 
Auf diese Weise erzählt Stewart O’Nan („Engel im Schnee“, „Emily, allein“) vom Leben so einiger Einwohner des Schwarzenviertels East Liberty in Pittsburgh, von Knastkarrieren und der viel diskutierten Martin-Robinson-Express-Busspur, die für die Pendler von Penn Hills gedacht ist, aber letztlich die Ansiedlung wichtiger Industriezweige und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert. O’Nan schreibt wie gewohnt sehr einfühlsam von den Gedanken und Empfindungen seiner Figuren, dieser „ganz alltäglichen Leute“ mit ihren so gewöhnlichen Träumen und Sorgen und Ängsten. Allerdings gelingt es ihm nicht, all diese Einzelschicksale zu einer interessanten Geschichte zusammenzufügen. Dazu springt er zu oft von einer Person zur anderen, lässt eine stimmige Dramaturgie und sinnvolle Handlungen und Entwicklungen vermissen.
Am Ende hat der Leser zwar durchaus Einblicke in die alltäglichen Sorgen und Nöte von weniger privilegierten Schwarzen gewonnen, aber keine lesenswerte Geschichte präsentiert bekommen, die Anteilnahme oder Sympathie für die Charaktere hervorruft.

Dienstag, 20. Juni 2017

Cormac McCarthy – „Die Straße“

(Rowohlt, 253 S., Tb.)
Seit Monaten, vielleicht Jahren schon bewegen sich Vater und Sohn durch eine völlig zerstörte Welt. Die Ursache der Apokalypse ist unbekannt, wird zumindest nicht thematisiert. Gewiss ist nur das allgegenwärtige Zelt aus Asche, das selbst den Schnee schwarz färbt. Vater und Sohn sind auf dem Weg nach Süden, zur Küste, wo es nur besser sein kann als in der kalten Gegend, durch die sie so lange Zeit schon wandern, einen Einkaufswagen mit ihren immer spärlicher werdenden Vorräten vor sich herschiebend. Unterwegs begegnen sie nur sporadisch Menschen, die der Mann in die „Guten“ – wie sie selbst – und die „Bösen“ einteilt, die anderen Menschen ihre Vorräte stehlen und sogar vor Kannibalismus nicht zurückschrecken.
Als der Sohn einmal in die Hände einer Kannibalenhorde gelangt, kann sein Vater ihn mit einem Kopfschuss aus der Waffe des Kannibalen befreien, und so lässt sie die Angst vor weiteren unliebsamen Begegnungen mit den „Bösen“ sehr vorsichtig vorangehen, doch einzelnen Wanderern, denen es offenbar schlechter als ihnen geht, wird auch – zumindest vorübergehend - geholfen. Schließlich muss das „Feuer bewahrt“ werden, der moralische Kompass im Inneren. Doch der Weg in den Süden gestaltet sich bei der Kälte und Nässe schwierig und ermüdend, die ersehnte Küste dann doch nicht als das heilsbringende Paradies.
„Im grauen Licht ging er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte, unerbittliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtende Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu betrauern.“ (S. 118) 
Als der Mann mit einem Pfeil angeschossen wird, entzündet sich das Bein. Der Tod ist nur noch eine Frage der Zeit, das Schicksal des Jungen ungewiss …
„Die Straße“ ist der bislang letzte Roman des amerikanischen Autors Cormac McCarthy („Kein Land für alte Männer“, „All die schönen Pferde“) und wurde 2007 u.a. mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Einmal mehr erweist sich der großartige Stilist und Chronist der menschlichen Abgründe als brillanter Erzähler, dessen Geschichte vom Überlebenskampf eines Mannes mit seinem Sohn wirklich zu Herzen geht. Die spärlich eingestreuten Dialoge zeugen von dem Grundvertrauen, das der gutmütige Sohn in seinen aufrichtigen Vater setzt, immer wieder müssen jedoch beide einander vergewissern, ob ihre Gedanken, Träume und Geschichten okay sind.
Nur schwach erinnert sich der Mann an seine Frau, die sich zu Beginn der Katastrophe das Leben genommen und die Verantwortung für die Rettung ihres Sohnes in die Hände des Vaters abgegeben hat. Wie die beiden monatelang durch die Schlangen von rostigen und verkohlten Autos und aschebedeckte, vereinsamte Landstriche wandern, zeugt von einem starken Überlebenswillen und ist rührend inszeniert, aber auch von alttestamentarischer Wucht.
McCarthy beschränkt sich bei seinem eindringlichen Werk auf die Beschreibung der dystopischen Welt, durch die seine beiden Protagonisten streifen und verliert kein Wert über die Ursache für die Katastrophe. Der Leser kann sich denken, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, ob durch einen Atomkrieg oder die Umweltzerstörung oder einen terroristischen Anschlag, ist schließlich nebensächlich und ändert nichts am Ergebnis.
So wie McCarthy die Apokalypse beschreibt, kann dem Leser nur angst und bange werden, denn die Reduzierung des Figuren-Ensembles auf nahezu ein Vater-Sohn-Gespann macht die Geschichte sehr persönlich und emotional, dass jeder für sich angeregt sein sollte, sein Bestes zu tun, um die Menschheit nicht vor die Hunde gehen zu lassen.