Samstag, 19. Mai 2018

Stephen King – „Christine“

(Bastei Lübbe/Heyne/Weltbild, 703 S., HC)
Arnie Cunningham und Dennis Guilder wuchsen im gleichen Wohnblock in Libertyville auf und sind seit der Grundschule miteinander befreundet. Während Dennis als Kapitän der Football- und Baseballmannschaft und Ass der Schulschwimmstaffel auch auf der Highschool immer eine gute Figur machte, musste er seinen pickelgesichtigen, zu kurz geratenen und schmächtigen Freund davor bewahren, als geborener Verlierer ständig verprügelt zu werden. Nur als Mechaniker hatte Arnie wirklich Talent, doch konnten seine Eltern, die beide an der Universität in Horlicks lehrten, sich nicht vorstellen, ihren einzigen Sohn in einer Autowerkstatt arbeiten zu lassen. Die Freundschaft zwischen Arnie und Dennis wird im Jahr 1978 allerdings einer harten Bewährungsprobe unterzogen, als sich der 17-jährige Arnie in einen 1958er Plymouth Fury verliebt, der zwar in einem erbärmlichen Zustand ist, den er aber mit Begeisterung für 250 Dollar dem pensionierten Berufssoldaten Roland D. LeBay abkauft, den Namen „Christine“ vom Vorbesitzer übernimmt und ihn in dem Garagen- und Werkstattbetrieb von Will Darnell zu restaurieren beginnt.
Dennis bekommt seinen Freund kaum noch zu sehen. Die Fortschritte, die Christines Restaurierung macht, sind allerdings bemerkenswert, und mit ihr macht auch Arnie eine erstaunliche Veränderung durch. Aus dem ehemaligen Verlierer wird ein überraschend gutaussehender junger Mann mit glattem Teint und kräftiger Statur, der sogar den Highschoolschwarm Leigh Cabot als Freundin gewinnt. Arnie zieht nicht nur den Neid und Zorn der Gang von Buddy Repperton auf sich, die eines Nachts Christine auf dem Parkplatz am Flughafen schrottreif demolieren, sondern auch die Sorgen seiner Eltern, Leigh und Dennis.
Als nach und nach Buddy Repperton und seine Jungs brutal auf der Straße ermordet werden, geraten Arnie und seine Christine zwar in den Fokus der Ermittlungen von Detective Rudolph Junkins, doch Arnie kann für jede Tat ein stichfestes Alibi aufweisen, und an Christine in nicht der kleinste verdächtige Kratzer zu entdecken. Die unheimlichen Vorfälle, an denen der Plymouth Fury beteiligt zu sein schien, häufen sich allerdings, und nachdem Leigh beinahe an einem Stückchen Hamburger in dem Wagen erstickt wäre, machen sich Dennis und Leigh daran, das Geheimnis von Christine aufzudecken. Doch dafür begeben sich die beiden in höchste Gefahr.
„Es gibt keine Möglichkeit zu unterscheiden, was wirklich war und was meine Fantasie hinzugedichtet haben könnte; es gibt keine Trennungslinie zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Sicht, zwischen Realität und grausiger Halluzination. Aber es war nicht Trunkenheit; das kann ich Ihnen versichern. Sollte ich etwas angesäuselt sein, so verflüchtigte sich dieser Zustand sofort. Was folgte, war ein stocknüchterner Trip durch das Land der Verdammten.“ (S. 580) 
Als Stephen King „Christine“ 1983 veröffentlichte, war er schon längst ein gefeierter Bestseller-Autor, dessen Bücher „Carrie“, „Shining“, „Brennen muss Salem“, „Dead Zone“ und eine Sammlung von Kurzgeschichten unter dem Titel „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ bereits von renommierten Regisseuren wie Stanley Kubrick, Brian De Palma, David Cronenberg und George A. Romero verfilmt worden waren. So nahm sich John Carpenter noch vor Veröffentlichung von „Christine“ der Geschichte an, stellte seine Verfilmung ebenfalls 1983 fertig und verhalf so dem Roman zu zusätzlicher Popularität. Das 700-Seiten-Werk hat es auch wieder in sich.
Wie schon in früheren Werken lässt King auch hier das übernatürliche Grauen in Form ganz gewöhnlicher Menschen und Dinge in einer an sich unauffälligen Kleinstadt auftreten. Dabei lässt er den größten Teil des Romans aus der Perspektive von Arnies bestem Freund Dennis erzählen, der seine Erinnerungen aus einer zeitlichen Distanz von fünf Jahren dokumentiert. King nimmt sich viel Zeit, die Atmosphäre der ausgehenden 1970er Jahre und das feste Band der Freundschaft zwischen Arnie und Dennis zu schildern, vor allem aber die Veränderungen, die sowohl Christine als auch ihr Fahrzeughalter Arnie durchmachen. Zwar weist der Roman durchaus Längen auf, aber wie der „King of Horror“ ganz langsam die Spannungsschraube anzieht und den Fokus auf die Verbindung zwischen LeBay, Arnie, Dennis und Leigh legt, ist einmal mehr einfach nur meisterhaft. 
Leseprobe Stephen King - "Christine"

Samstag, 12. Mai 2018

John Grisham – „Die Akte“

(Heyne, 478 S., Tb.)
Als Abe Rosenberg und Glenn Jensen, zwei Richter am Obersten Gerichtshof, innerhalb kürzester Zeit ermordet aufgefunden werden, tappen sowohl FBI als auch CIA im Dunkeln, denn zwischen dem erzkonservativen einundneunzigjährigen Rosenberg und dem wankelmütigen Homosexuellen Jensen scheint es keine Verbindung zu geben. Einzig die aufgeweckte und ebenso attraktive Jurastudentin Darby Shaw, die seit einem Jahr mit ihrem Professor für Verfassungsrecht, Thomas Callahan, liiert ist, hat eine eigene Theorie zu den Morden, die offensichtlich von einem Profikiller ausgeführt worden sind, und fasst sie in einem Dossier zusammen, das über Callahan zu seinem Freund Gavin Verheek, beratener Anwalt des FBI-Direktors Voyles, gelangt und von dort seine Kreise bis zum Präsidenten zieht.
In den obersten Regierungskreisen sorgt das Dossier für einiges Aufsehen, denn darin wird der skrupellose Öl-Milliardär Victor Mattiece, der mit einigen Millionen den Wahlkampf des Präsidenten unterstützt hat, für die Morde verantwortlich gemacht. In der „Pelikan-Akte“ führt Darby aus, wie Mattiece über verschiedene Unterfirmen systematisch Land im Süden von Louisiana aufkauft, die von Umweltschützern als bedroht eingestufte Fauna und Flora zerstört, um die riesigen dort verborgenen Ölvorräte fördern zu können. Als ihr trinkfreudiger Freund Callahan durch eine Autobombe getötet wird, ist auch Darbys Leben in Gefahr. Sie sucht den Kontakt zum „Washington Post“-Journalisten Gray Grantham und versucht mit ihm zusammen, Beweise und Zeugen für ihre Theorie zu finden.
„Sie wusste mehr als irgend jemand sonst. Die Fibbies waren nahe daran gewesen, dann hatten sie sich zurückgezogen und jagten jetzt hinter Werweißwem her. Verheek hatte nichts erreicht, dabei stand er dem Direktor nahe. Sie würde das Puzzle selbst zusammensetzen müssen. Ihr kleines Dossier hatte Thomas das Leben gekostet, und jetzt waren sie hinter ihr her.“ (S. 215) 
Ein Jahr nach dem Welterfolg von „Die Firma“ legte der ehemalige Anwalt John Grisham 1992 mit „Die Akte“ einen weiteren Bestseller nach, der ebenso erfolgreich von Alan J. Pakula mit Julia Roberts und Denzel Washington in den Hauptrollen verfilmt worden ist.
Nachdem Grisham in „Die Firma“ die Verstrickungen einer renommierten Kanzlei in die Geschäfte der Mafia thematisierte, zieht sich der Spannungsfaden in „Die Akte“ bis in die höchsten Regierungskreise, bindet CIA, FBI und die Presse mit ein, beschreibt aber vor allem die verzweifelte Flucht der Jurastudentin Darby Shaw, die niemandem mehr trauen kann. Dabei kommt der Inhalt des kompromittierenden Dossiers und die Verstrickung des Öl-Milliardärs erst in der zweiten Romanhälfte zur Sprache. Bis dahin wird vielleicht etwas zu ausführlich um die Machtspiele im Weißen Haus, die komplizierten Beziehungen zwischen dem Weißen Haus, FBI-Direktor Voyles und CIA-Direktor Gminski sowie die Optionen zur Nachbesetzung der beiden ermordeten Richter geschrieben, worunter zwar die Dramaturgie leidet, aber immerhin ein Gespür dafür anregt, wie es hinter den Kulissen im Oval Office zugehen mag.
Für Spannung sorgt natürlich der Überlebenskampf der cleveren Jurastudentin Darby Shaw, bei dem sie scheinbar nur zum Journalisten Gray Grantham Vertrauen fassen kann. John Grisham versucht in „Die Akte“ etliche Handlungsstränge und -orte, Verbindungen und Personen ins Spiel zu bringen, was gelegentlich zu unnötig komplexen Zusammenhängen und rasant wechselnden Schauplätzen mit neuen Figuren führt. Doch davon abgesehen bietet „Die Akte“ raffiniert konstruierte Thriller-Spannung mit einer sympathischen Heldin und vor allem einem faszinierenden Fall.

Sonntag, 6. Mai 2018

Stephen King – „The Green Mile“

(Bastei Lübbe/Heyne/Bertelsmann, 479 S., HC)
Der schwarze Hüne John Coffey wird im Jahre 1932 wird eines Tages mit den blutüberströmten Leichen der beiden minderjährigen Detterick-Zwillingen in den Armen von seinen Verfolgern aufgefunden und nach kurzer Verhandlung zum Tode verurteilt. Als er in Block E, den Todestrakt des Gefängnisses in Cold Mountain eintrifft, wo Oberwärter Paul Edgecombe den Trupp von meist vier oder fünf Wärtern anführt, muss er sich ebenso wie die anderen Kandidaten darauf gefasst machen, irgendwann die nach dem grünen Linoleumfußboden benannte Green Mile entlangzuschreiten, auf Old Sparky Platz zu nehmen und dann wie ein Truthahn geröstet zu werden.
Doch während der einfältig wirkende Coffey – wie das Getränk, nur anders geschrieben – ganz harmlos zu sein scheint, müssen sich Edgecombe und seine Kollegen Dean Stanton, Harry Terwilliger, Brutus „Brutal“ Howell vor allem mit dem böswilligen, mit dem Gouverneur verwandten Wärter Percy Wetmore und dem ebenso bösartigen Gefangenen William „Billy the Kid“ Wharton herumschlagen, der keine Gelegenheit auslässt, die Wärter zu schikanieren. Für launige Abwechslung sorgt immerhin Dr. Jingles, die kleine Maus des französischen Mörders Eduard Delacroix, der ganz aus dem Häuschen ist wegen der Kunststücke, die er dem niedlichen Nagetier beigebracht zu haben glaubt. Doch dann geraten die Dinge außer Kontrolle: Erst versaut Percy Wetmore die Hinrichtung des Franzosen, dann zerquetscht er auch noch die gewiefte Maus unter seinen Schuhen. Doch wie schon zuvor, als Coffey die hartnäckige und schmerzhafte Blasenentzündung von Paul Edgecombe in sich aufgesogen hatte und dann wie schwarze Insekten ausspie, heilt er nun auch Mr. Jingles auf unerklärliche Weise.
Edgecombe ist von den mysteriösen Kräften des schwarzen Riesenbabys so fasziniert, dass er hofft, auch Melinda, die todkranke Frau von Gefängnisdirektor Hal Moores, heilen zu können. Doch dazu muss er seine Kollegen zu einem riskanten Unterfangen überreden …
„Ich kannte Melinda besser, als sie sie kannten, aber letzten Endes vielleicht nicht gut genug, um die Jungs zu bitten, ihre Jobs für sie aufs Spiel zu setzen. Ich hatte zwei erwachsene Kinder, und ich wollte natürlich nicht, dass meine Frau ihnen schreiben musste, dass ihrem Vater der Prozess gemacht und er verurteilt wurde als … nun, was würde es sein? Ich wusste es nicht mit Sicherheit. Anstiftung und Beihilfe zu einem Fluchtversuch war das Wahrscheinlichste.“ (S. 297) 
Stephen King war fasziniert von der Idee, sich ähnlich wie einst Charles Dickens an einem Fortsetzungsroman zu versuchen, der 1996 in einem Abstand von jeweils einem Monat zunächst in sechs Einzelbänden erschien und 1999 schließlich als Roman in einem Band veröffentlicht wurde. Die Geschichte von „The Green Mile“ wird aus der Perspektive des Oberwärters Paul Edgecombe erzählt, der seine Erinnerungen in einem Altenheim zusammenträgt und dabei ebenso von einem widerwärtigen Pfleger drangsaliert wird wie er und seine Kollegen damals von Percy Wetmore. Stephen King hat mit „The Green Mile“ sicher eines seiner eindringlichsten Werke verfasst, das 1999 auf kongeniale Weise von Frank Darabont verfilmt wurde, nachdem dieser bereits fünf Jahre zuvor Stephen Kings Kurzgeschichte „The Shawshank Redemption“ ebenfalls meisterhaft für die große Leinwand adaptiert hatte. Auf unnachahmlich lebendige Weise beschreiben King bzw. sein Ich-Erzähler die Umstände von John Coffeys Verhaftung und den Lebensumständen im Todestrakt des Gefängnisses von Cold Mountain, wobei sich humorvolle Momente immer wieder in die Schreckensszenarien der Hinrichtungen einfügen. Einfühlsam ist vor allem die Beziehung zwischen Edgecombe und Coffey beschrieben, nervenaufreibend die Durchführung der Exekutionen und aufwühlend die Bemühungen der Wärter, das Leben der unauffälligen Gefangenen so angenehm wie möglich zu gestalten. Geschickt hält King die Spannung über die sechs Einzelbände aufrecht, wartet mit einem feinen Cliffhanger auf, der bei der Lektüre des vollständigen Romans natürlich nicht mehr ganz seinen ursprünglichen Zweck erfüllt, aber so immer wieder dramaturgische Höhepunkte setzt.
Leseprobe Stephen King - "The Green Mile"

Dienstag, 1. Mai 2018

Douglas Coupland – „Generation A“

(Tropen, 333 S., HC)
In einer Zeit, die unserer Gegenwart nur wenig voraus zu sein scheint, leben die Menschen ohne Bienen und Liebe, verfetten angesichts hochdosierter Fruktosesirupe, die aus Mais gewonnen werden, und befinden sich im seligen Entschleunigungsrausch, den ihnen die Droge Solon verschafft. Doch dann werden plötzlich fünf Menschen an ganz unterschiedlichen Orten der Welt jeweils von einer Biene gestochen: der auf Sri Lanka für Abercrombie & Fitch arbeitende Call-Center-Agent Harj, der im Mahaska County, Iowa, lebende Nacktmähdrescher-Fahrer Zack, der einen vier Hektar großen Schwanz mit Eiern in ein Maisfeld mäht, die Neuseeländerin Samantha, deren Eltern ihr gerade verkünden, dass sie an nichts mehr glauben, der in Paris lebende Julien, der den Verlust seiner World-Of-Warcraft-Identität betrauert, und die vierunddreißigjährige, am Tourette-Syndrom leidende kanadische Zahnhygienikerin Diana.
Natürlich entwickeln sich die Opfer der Bienenstiche zu einer viralen Attraktion. Um herauszufinden, warum nach fünf Jahren, in denen keine Biene mehr gesichtet worden ist, ausgerechnet diese fünf Menschen von Bienen gestochen wurden, werden Harj, Zack, Samantha, Julien und Diana in den Research Triangle Park nach North Carolina verfrachtet und in absoluter Abgeschiedenheit gründlich untersucht. Nach ihrer Entlassung beginnen die plötzlich berühmten Bienenstichopfer sich füreinander zu interessieren, um herauszufinden, ob sie etwas gemeinsam hatten, das den Wissenschaftlern entgangen war.
„Ich sah, dass jeder von uns auf seine Weise ein völlig isoliertes Leben führte. Ich glaube, dass die moderne Welt die Menschen voneinander trennt – dazu ist sie da -, aber es gibt zahllose Möglichkeiten, aus der Gesellschaft herauszufallen, das Leben jedes Einzelnen von uns jedoch wies im Moment des Gestochenwerdens eines auffällige Gemeinsamkeit mit dem der anderen auf: Es war ein Augenblick, in dem wir mit dem gesamten Planeten in Beziehung traten.“ (S. 150) 
Vor über fünfundzwanzig Jahren schrieb der in Vancouver lebende Douglas Coupland Geschichten über die Generation der 20- bis 30-Jährigen und ihrem Wunsch, ein interessantes Leben jenseits der Arbeitswelt zu führen, wobei sie für die ökologischen und ökonomischen Sünden ihrer Eltern büßen müssen, und nannte sie „Generation X“. Als Kurt Vonnegut 1994 bei einer Rede vor Absolventen der Syracruse University die Generation A als Anfang einer Reihe von spektakulären Errungenschaften und Reinfälle bezeichnete, fühlte sich Coupland inspiriert, einen Neuanfang zu wagen, aber auch mit dem Thema der Generationenbildung abzuschließen.
Am Anfang seines Romans „Generation A“ steht allerdings das große Bienensterben, mit dem ein ökologischer Kollaps einhergeht, dem die Weltbevölkerung nur mit Eskapismus begegnen kann. Die mit hohem Suchtpotenzial ausgestattete Droge Solon nimmt den Konsumenten die Angst und lässt Einsamkeit als Ideal erscheinen. Auf einer einsamen kanadischen Insel kommen die fünf Bienenstichopfer schließlich zusammen, um sich selbst erdachte Geschichten zu erzählen, in denen Außerirdische Menschen züchten, die umso schmackhafter sind, je mehr Bücher sie gelesen haben, aber es geht vor allem um den Verlust von Sprache, um Menschen, die ihre Seelen, Geschichten und das Gefühl der Liebe verlieren.
Gerade durch das Erzählen ihrer Geschichten einer merkwürdigen Welt bilden die fünf unterschiedlichen Individuen eine neue Gemeinschaft und so den Hoffnungsschimmer für eine neue Welt. Coupland erweist sich in „Generation A“ einmal mehr als visionärer Erzähler mit soziologischem Gespür und beißendem Humor. Bei allem Pessimismus, den Coupland einer Welt entgegenbringt, die sich eher in virtuellen Welten als in der richtigen bewegt, verliert er aber nicht die Hoffnung, dass die Menschen sich auf ihre ureigenen Qualitäten besinnen. 
Leseprobe Douglas Coupland - "Generation A"

Montag, 30. April 2018

Richard Laymon – „Das Ende“

(Heyne, 304 S., Tb.)
Eigentlich würde Bass Paxton lieber mit Pac losziehen, aber da seine Traumfrau mit seinem besten Freund verheiratet ist, muss er sich vorerst mit Faye Everett begnügen. Bei einem Kanuausflug mit Picknick am Silver River stoßen sie auf ein Pärchen, das nur auf den ersten Blick verliebt am Ufer beieinanderliegt. Als sich der Mann erhebt, hat der den Kopf der fast nackten Frau unter dem Arm und flüchtet mit ihm ins Wasser. Rusty Hodges, Waffennarr und Sheriff von Sierra County, trommelt seine Leute zusammen, wobei seine Schwiegertochter Mary „Pac“ Hodges, als Erste am Tatort auftaucht.
Die Leiche wird als Alison Parkington identifiziert, Frau des Gastprofessors Grant Parkington am Sierra College, der sich die Schuld am Tod seiner Frau gibt und Selbstmord begeht. Der Professor wiederum soll wie wild hinter seinen Studentinnen her gewesen sein.
Als Faye nach der ersten Befragung durch die Cops spurlos verschwindet, sieht ihre Mitbewohnerin Ina sieht nun die Möglichkeit, endlich ihrem Schwarm Bass näherzukommen, der sich die Chance nicht nehmen lässt, eine weitere Eroberung zu machen.
„Ina beugte sich vor, um ihm das Glas zu reichen, und sah, wie seine Augen nach unten wanderten. Er sah in den Ausschnitt ihres Tops. Nachdem er das Glas genommen hatte, verharrte sie noch einen Moment in der Position und ließ ihn in Ruhe ihre Brüste ansehen, bevor sie sich neben ihn auf das Sofa setzte.“ (S. 170) 
Mit „Das Ende“ erscheint nun einer der letzten bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Titel aus dem umfangreichen Oeuvre des mittlerweile auch hierzulande äußerst populären Horror-Schriftstellers Ruichard Laymon, der auch von seinen Kollegen Stephen King und Jack Ketchum sehr geschätzt worden ist. Allerdings stellt sich Laymons Werk in seiner Qualität als sehr durchwachsen dar. Nach den ersten deutschen Veröffentlichungen wie „Rache“, „Das Spiel“, „Die Jagd“, „Das Treffen“ und „Die Insel“, die den Autor hierzulande populär gemacht haben, markieren vor allem die zuletzt erschienen Titel wie „Das Auge“, „Die Tür“ und „Das Ufer“ erschreckende Defizite in der Figurenzeichnung und Dramaturgie.
Auch in „Das Ende“ begnügt sich Laymon mit einigen bizarren Slasher-Szenen, die aber längst nicht so explizit wie in seinen früheren Werken ausgefallen sind, und übertrieben häufigen sexuellen Anspielungen, die alles andere als originell sind.
Dramaturgisch hat sich der Autor zwar einen interessanten Kniff einfallen lassen, dieser verpufft allerdings bei den eindimensionalen Figuren, von denen allein Pac annähernd eine Charakterisierung erfährt. Die sehr einfache Sprache, das flotte Erzähltempo und der dialoglastige Schreibstil sorgen zwar für rasante, aber leider auch sehr oberflächliche Unterhaltung. 
Leseprobe Richard Laymon - "Das Ende"

Samstag, 28. April 2018

Natalio Grueso – „Der Wörterschmuggler“

(Atlantik, 254 S., Tb.)
Bruno Labastide hält sich für den einsamsten Menschen der Welt. Den sympathischen Abenteurer mit Sinn für kuriose Geschichten zieht es nach Venedig, der seiner Meinung nach melancholischsten und einsamsten Stadt der Welt. Doch in dem kleinen Apartment im gar nicht so touristischen Stadtviertel Dorsoduro hofft er die schreckliche Last der Einsamkeit lindern zu können, als er die geheimnisvolle wie wunderschöne Japanerin Keiko kennenlernt, die auf ihre eigene Weise mit der Einsamkeit umgeht: Ihre Liebhaber sucht sie sich nur für eine Nacht und nach der Schönheit der Verse aus, die ihr ihre Verehrer zukommen lassen.
Bruno hat es sich zur Aufgabe gemacht, Keiko mit immer neuen außergewöhnlichen Geschichten zu betören, beispielsweise mit der über den Argentinier Horacio Ricott, der Bücher statt Medikamente verschreibt, über den argentinischen Fußball-Moderator Ricardo Kublait und den Jungen namens Lucas, der in einer Zeit, als der für jedes gesprochene oder geschriebene Wort bezahlt werden muss, Wörter schmuggelt, um der wunderschönen Clara seine Liebe zu gestehen.
In einer weiteren Geschichte heuert Bruno in einem Genfer Hotel als Barkeeper an, wo er vor allem dafür sorgen muss, dass der Pianist, der nie auch nur eine Note falsch spielt, immer genügend Whisky in seinem Glas hat, und eine wohlhabende Dame kennenlernt, die eine besondere Vorliebe für Champagner hegt.
Und dann ist Bruno der mysteriösen Figur des Traumjägers auf der Spur, von dem er erstmals durch einen alten Mann am Ufer des Atitlán-Sees gehört hat. Der Legende nach soll der Traumjäger sich unvermittelt einem Menschen vorstellen, ihn nach seinen Träumen fragen, um dann den Berg hinaufzusteigen und einem den Traum zu verwirklichen.
„Die Geschichte des alten Mannes und der Traumjäger faszinierte mich. Allein der Gedanke an die Existenz einer magischen Figur, die durch die Dörfer und Berge streifte und Gutes tat, traurige oder müde Menschen suchte, arme Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hatte, um ihnen dann einen ihrer Träume zu erfüllen, wenigstens einen, erschien mir wie eine wundersame poetische Gerechtigkeit. Und wenn es diese Persönlichkeit wirklich gab, wollte ich sie kennenlernen.“ (S. 198) 
Natalio Grueso ist Regisseur sowohl am Teatro Español als auch am Institut für Performing Arts of the City of Madrid und liefert mit „Der Wörterschmuggler“ seinen ersten Roman ab, der durch seine ungewöhnliche Form überrascht. Zwar bildet der Ich-Erzähler Bruno Labastide den Mittelpunkt in dem kurzweiligen Werk, doch geht es dem Autor eher darum, Gefühle von Einsamkeit, Melancholie und der Sehnsucht nach Liebe zu vermitteln, statt eine zusammenhängende Geschichte mit ausgefeilten Charakteren zu erzählen.
Schon der Ausgangspunkt der Erzählung in Venedig mit der wunderschönen Japanerin, die ihre Geliebten allein nach poetischen Gesichtspunkten und nicht nach Aussehen oder Status auswählt, macht deutlich, wie sehr die Liebe und Erotik den Takt für die nachfolgenden Geschichten vorgibt. Die Figuren bewegen sich an illustren Orten wie Paris, Bueno Aires, Shanghai und Sankt Petersburg, sind Pianisten, Traumjäger, Kaviarschmuggler, Radiomoderation oder Auslandskorrespondenten, kleine Jungen und alte Männer oder Frauen, die einfach nur gern Champagner trinken.  
Grueso demonstriert eine feine poetische Ader, die die einzelnen Geschichten auszeichnet und der allgegenwärtigen Sehnsucht nach Liebe und der Erfüllung von Träumen melancholischen Ausdruck verleiht, aber zum Glück auch immer wieder Hoffnung.
Schön wäre es gewesen, mehr als nur kurze Momentaufnahmen aus dem Leben der skizzierten Figuren präsentiert zu bekommen. Jede einzelne Geschichte hätte wahrscheinlich das Potenzial für einen Roman gehabt. So flüchtig die einzelnen Eindrücke auch bleiben, brilliert Grueso mit magischer Sprache und außergewöhnlichen Ideen, die sich um die ganz großen menschlichen Gefühle drehen.

Mittwoch, 25. April 2018

James Patterson – (Alex Cross: 11) „Ave Maria“

(Blanvalet, 381 S., Tb.)
Der für das FBI tätige Polizeipsychologe Alex Cross genießt es, seit langer Zeit endlich mal wieder Urlaub mit seinen Kindern zu machen. Den Trip nach Disneyland nutzt er auch, um seine Geliebte Jamilla Hughes vom San Francisco Police Department im Hotel zu treffen, doch dann erfordert der Mord an der Hollywood-Schauspielerin Antonia Schifman Alex‘ Anwesenheit in Los Angeles, dem bald weitere Morde an prominenten Filmschaffenden folgen. Dazu schreibt der Täter stets eine Mail an den „Los Angeles Times“-Kolumnisten Arnold Griner, die mit dem Namen Mary Smith unterzeichnet sind.
Bei den Ermittlungen geraten nicht nur das LAPD und das FBI aneinander, Alex muss auch noch im unerwarteten Sorgerechtsstreit um Klein Alex mit seiner Ex-Frau Christine vor Gericht aussagen und hat alle Mühe, den aufdringlichen Journalisten James Truscott auf Distanz zu halten.
„Die am meisten verwendete Formel in meinem Beruf lautet: Wie plus warum ist gleich wer. Wenn ich Mary Smith kennen lernen wollte, musste ich die Unterschiede und Ähnlichkeiten bedenken – die Kombination aus beidem -, und das für jeden Tatort dieser Morde. (…) Wie groß war die Überschneidung der Persönlichkeit des Killers und der Person, die die E-Mails verschickte? Wie ehrlich – ein besseres Wort fiel mir im Moment nicht ein – waren Mary Smiths Schreiben?“ (S. 143) 
In seinem bereits elften Fall hat der 41-jährige Alex Cross wieder mal alle Hände voll zu tun, sein turbulentes Familienleben mit seinem aufreibenden und wieder mal lebensgefährlichen Beruf unter einen Hut zu bringen. Bestseller-Autor James Patterson ist sicher ein Meister des rasanten und leicht zu lesenden Thrillers und führt sein Publikum auch in „Ave Maria“ durch 120 (!) sehr kurze Kapitel, in denen stets nur kurze Momentaufnahmen des Plots abgebildet werden. Ein tiefer Blick in die Ermittlungsarbeit oder in die Psyche der Figuren wird so nicht gewährt.
Die Spannung bezieht die Story tatsächlich aus der Frage, ob sich hinter dem Täter tatsächlich eine Frau verbirgt oder doch eher ein Mann eine falsche Fährte zu legen versucht. Abgesehen von den skrupellos ausgeführten Morden, bei denen auch noch meist die Gesichter der Opfer bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten worden sind, bietet „Ave Maria“ aber auch eher konventionell konstruierte Thriller-Unterhaltung, bei der die familiären Ereignisse beinahe interessanter sind als die Aufklärung der Mary-Smith-Morde.
Vor allem beim hastig hingerotzten Finale werden die Schwächen des Thrillers offensichtlich, weil die überraschenden Wendungen wenig glaubwürdig wirken. 
Leseprobe James Patterson - "Ave Maria"

Montag, 23. April 2018

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 6) „Im Schatten der Mangroven“

(Pendragon, 542 S., Pb.)
Hollywood-Produzent Mike Goldberg produziert in New Iberia mit Star-Schauspieler Elrod Sykes einen Film und lässt die Geschäftsleute in der Gegend von einem Geldregen träumen. Dass auch der berüchtigte Mafioso Julie Balboni dabei seine Finger im Spiel hat, stört zunächst niemanden, doch dann muss Dave Robicheaux den Mord an der 19-jährigen Prostituierten Cherry LeBlanc aufklären, die offensichtlich zu einem ihr bekannten Mann ins Auto gestiegen ist und deren fürchterlich zugerichteter Körper im Wald aufgefunden ist. Von Balbonis Handlanger Cholo Manelli erfährt der Vietnam-Veteran, dass dieser sich mit Balboni über den Tod des Mädchens unterhalten hatte, während dieser behauptete, nichts darüber gehört oder gelesen zu haben.
Während seiner Ermittlungen wird Robicheaux aber auch noch an ein Erlebnis von vor 35 Jahren erinnert, als er in den Atchafalaya-Sümpfen Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einem Schwarzen gewesen war. Allerdings konnte die Leiche nie gefunden, der Täter nicht gefasst werden. Ausgerechnet der alkoholsüchtige Sykes behauptet nun, die Überreste der Leiche entdeckt zu haben. Während Robicheaux einmal mehr mit den Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert wird, legt er sich mit einigen mächtigen Männern in Iberia Parish an und gerät so selbst ins Visier eines raffinierten Killers, der keine Skrupel hat, auch unbeteiligte Menschen zu opfern …
„Meine Erfahrungen mit Mitgliedern der Mafia und Soziopathen im Allgemeinen zeigten, dass sie ganz selbstverständlich und ohne Weiteres lügen. Sie lügen so überzeugend, weil sie es oft tun, auch wenn keinerlei Bedarf dazu besteht. Man könnte jetzt tief in die Kiste der forensischen Psychologie greifen, um zumindest ansatzweise zu verstehen, wie die Gedankenprozesse solcher Menschen ablaufen, aber genauso gut könnte man seinen Kopf in den Mikrowellenherd stecken, um tiefere Erkenntnisse über die Elektrizität zu gewinnen.“ (S. 58) 
In schöner Regelmäßigkeit beglückt uns der Bielefelder Pendragon-Verlag seit Jahren mit Neuauflagen und Erstausgaben der zurecht gefeierten Krimi-Serie um den charismatischen Südstaaten-Cop Dave Robicheaux, der nach seiner Rückkehr aus Vietnam dem Alkohol verfallen war und noch immer Probleme hat, sein Temperament zu zügeln, wenn er der Ungerechtigkeit und Gewalt in seiner Welt ohnmächtig gegenübersteht. Doch da er das Herz am rechten Fleck trägt und einen wunderbaren Ehemann für seine Jugendliebe Bootsie und Adoptivvater für Alafair abgibt, kann man dem Staatsdiener kaum böse sein. Auch in seinem sechsten Fall, der 2009 von Bertrand Tavernier mit Tommy Lee Jones und John Goodman unter dem Titel „In The Electric Mist – Mord in Louisiana“ verfilmt worden ist, schlägt Robicheaux immer wieder mal über die Stränge, schließlich entwickelt sich Julie Balboni, mit dem er aufgewachsen ist, mit seiner Filmproduktion zu einer echten Plage. Burke gelingt es meisterhaft, die komplexen Beziehungsgeflechte zwischen den Protagonisten seines Romans auf höchst stimmungsvolle Weise nachzuzeichnen, den Rassismus und das organisierte Verbrechen, Hollywood und das große Geld, Prostitution und Korruption in einen Plot zu gießen, in dem auch die FBI-Agentin Rosa Gomez eine wichtige Rolle spielt. Zusammen mit den unnachahmlichen Landschaftsbeschreibungen und dem trockenen Humor bietet „Im Schatten der Mangroven“ abgründige Krimi-Unterhaltung vom Feinsten.

Sonntag, 22. April 2018

Andrea De Carlo – „Macno“

(Diogenes, 280 S., HC)
Gerade als Macno, charismatischer Diktator eines fiktiven südamerikanischen Staates, eine weitere Version der Rede zum Dritten Jahrestag aufgenommen hat, die in einigen Wochen ausgestrahlt werden soll, nehmen die Palastwachen zwei Eindringlinge fest, die zunächst für Terroristen gehalten werden. Doch die aus München stammende, nun in New York lebende Journalistin Liza Förster und Kameramann Ted Wesley wollen nur ein Interview mit dem Präsidenten, das ihnen Macno überraschenderweise auch gewähren will. Doch einen Termin zu finden, erweist sich als äußerst schwierig.
Macno lädt die beiden Journalisten ein, in seinem Palast zu wohnen. Während sich Liza und Macno vor allem persönlich näherkommen, rückt das angestrebte Interview zunehmend in die Ferne. Stattdessen unterhält sie sich mit dem Botaniker und Schriftsteller Henry Dunnell und Macnos rechter Hand, Ottavio Larici, der offensichtlich eigene Pläne mit Liza verfolgt. Er zeigt ihr alte Videos von Macnos legendär gewordener Talk-Show „Kollisionen“, in denen er vom abgesprochenen Konzept vorher abgesprochener Fragen abwich und so dem damaligen Ministerpräsidenten vom Thron stürzte.
Doch die populistische Kritik an Korruption und Unehrlichkeit der politischen Elite scheint Macno keine lange eigene politische Karriere zu bescheren. An eigenen konkreten Ideen und Konzepten zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas hat es ihm schon immer gemangelt, aber nun scheint ihm auch sein medienwirksames Charisma verloren zu gehen …
„Ottavio sagt: ‚Macno war nie ein Politiker. Er hatte weder ein politisches Programm noch ein politisches Bezugssystem, noch die Fähigkeit zur politischen Analyse – so unglaublich es klingen mag. Ihn interessierte die Welt und das Leben, wie er selbst sagte. Er hatte diese utopische und wenn du willst kindliche Vision, wie die Dinge sein könnten, wie schön das Leben sein könnte, wenn wir alle anders wären und die Umwelt anders wäre, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Rollen und so weiter.“ (S. 224) 
Mit seinem dritten Roman nach „cream train“ und „Vögel in Käfigen und Volieren“ kreierte der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo eine Mediensatire, die über dreißig Jahre danach leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Dabei vermeidet De Carlo konkrete Hinweise auf den politischen Führungsstil seines fiktiven Diktators. Vielmehr geht es dem Autor darum, die Scheinheiligkeit politischer Führer und Parteien zu entblößen, die kollektive Heuchelei, das strikte Verfolgen eigener Interessen, während die Menschen im Land Opfer von Plünderungen, Gewalt und Betrug wurden.
Der Plot beschränkt sich dabei fast nur auf den einen Monat, den Liza und Ted im präsidialen Palast verbringen, ohne ihrem Interview näher zu kommen, was die Ohnmacht der Medien in quasi diktatorisch geführten Staaten veranschaulicht. Letztlich gelingt es Liza nicht, ein persönliches Portrait von Macno zu zeichnen. De Carlo überzeichnet das Leben in Macnos Palast auf fast comichafte Weise, wenn Macno von all den berühmten Künstlern, Schauspielern und Prominenten, die sich auf den Festen und Empfängen vergnügen, nur angewidert ist, doch einen Ausweg bietet der Autor auch nicht an. Ähnlich wie sein titelgebender Protagonist beschränkt sich De Carlo auf die wenig schmeichelhafte Beschreibung des Ist-Zustandes und sorgt mit der eingestreuten Affäre für noch mehr triviale Ablenkung, als es Macno und sein Gefolge im Palast für die Massen besorgen.

Samstag, 21. April 2018

Douglas Coupland – „Spieler Eins. Roman in 5 Stunden“

(Tropen, 246 S., HC)
Die fast vierzigjährige Karen fliegt nach Toronto, um sich in der Cocktail-Lounge des Camelot-Hotels am Flughafen mit ihrem Blinddate Warren zu treffen. Dort wartet der als Barkeeper arbeitende trockene Alkoholiker Rick darauf, den Motivations-Guru Leslie Freemont zu treffen, ihm achttausendfünfhundert Dollar in bar in die Hand zu drücken, damit der 37-jährige, etwas niedergeschlagene Rick an dessen Power Dynamics Seminar teilnehmen kann. Luke wiederum, Pfarrer der Kirche des Neuen Glaubens, brütet bei einigen Whiskeys über seine Zukunft nach, nachdem er mit den 20.000 Dollar aus der Spendenkasse seiner Kirche das Weite gesucht hat.
Die autistische Rachel leidet darunter, dass sie zu keinen menschlichen Regungen fähig ist, keine Kunst und keinen Humor versteht. Sie ist auf der Suche nach einem Mann, der sie schwängert, weil sie hofft, als Mutter von ihrem Vater als vollwertiger Mensch akzeptiert zu werden.
Doch dann wird Karens Blinddate Warren vor der Bar von einem religiös motivierten Heckenschützen getötet, dann sorgt eine Giftgaswolke für Katastrophenstimmung, und ausgerechnet der Todesschütze Bertis verlangt Einlass in die nun hermetisch abgeriegelte Bar, in der die Besucher auf dem Fernsehbildschirm beobachten, wie der Ölpreis in die Höhe schnellt. Eingeschlossen in einer Bar, in der eigentlich niemand mehr sein möchte, beginnen Karen, Rachel, Luke, Rick und Bertis Allianzen zu schmieden und über den Sinn des Lebens zu philosophieren. So kommt der ehemaliger Pfarrer Luke zum Schluss:
„,Mit zwanzig weiß man, dass kein Rockstar mehr aus einem wird. Mit fünfundzwanzig weiß man, dass man es weder zum Zahnarzt noch zu sonst etwas Anständigem bringen wird. Und mit dreißig beginnt sich die Dunkelheit auf einen herabzusenken – man fragt sich, ob einem je ein erfülltes Leben beschieden sein wird, von Wohlstand und Erfolg ganz zu schweigen. Mit fünfunddreißig weiß man im Grunde, was man für den Rest des Lebens zu erwarten hat, und ergibt sich in sein Schicksal.“ (S. 105f.) 
Gleich mit seinem Romandebüt „Generation X“ avancierte Douglas Coupland Anfang der 1990er Jahre zum Sprachrohr für eine ganze Generation. In späteren Werken wie „Shampoo Planet“ und „Generation A“ hat es der kanadische Autor und Künstler immer wieder verstanden, das Lebensgefühl spezifischer Bevölkerungsgruppen und Generationen einzufangen, wobei er immer wieder religiöse, sexuelle, popkulturelle und virtuelle Thematiken verarbeitet.
In seinem 2010 veröffentlichten und zwei Jahre später bei Tropen/Klett-Cotta in deutscher Sprache erschienenen Roman „Spieler Eins. Roman in 5 Stunden“ entwirft Coupland einmal mehr ein postapokalyptisches Szenario, dessen Handlung einen recht überschaubaren Rahmen von fünf Stunden abdeckt und an sich wenig spektakulär erscheint.
Viel spannender als der für das Genre eher konventionelle Plot sind die ganz unterschiedlichen Figuren, die der Autor in einer Flughafenbar aufeinandertreffen lässt und ihnen eine je eigene Stimme verleiht – ergänzt durch Rachels Avatar „Spieler Eins“, der einen Blick auf die zukünftigen Ereignisse wirft und sie im weiteren Verlauf in einen Zusammenhang bringt.
Die Gespräche, die vor allem die autistische Rachel mit Fragen in Gang bringt, die sie auf ihrem Kompetenz-Seminar erlernt hat, geht die bunt zusammengewürfelte Truppe der Bedeutung des Lebens auf den Grund, wobei vor allem diskutiert wird, welche Rolle Gott darin spielt. Dabei gelingen Coupland immer wieder bemerkenswerte Aussagen, die den Leser mehr als nur inspirieren, sein eigenes Leben und das, was er daraus macht, zu reflektieren.
Leseprobe Douglas Coupland - "Spieler Eins"

Montag, 16. April 2018

John Grisham – „Forderung“

(Heyne, 431 S., HC)
Als Mark Frazier seine Mutter und seinen unter Hausarrest stehenden Bruder Louie besucht, um Ferien von seinem Jurastudium an der Foggy Bottom Law School in Washington, D.C., zu machen, das er im Mai abschließen würde, bereiten ihm vor allem die horrenden Schulden aus dem Studienkredit Sorgen. Seine Aufnahmeprüfung bestand er gerade eben, aber die Zentralbank ging sehr freizügig mit ihren Darlehen an Studenten um, und wenn er wie geplant einen guten Job nach dem Studium bekommt, wird er das Darlehen innerhalb weniger zurückzahlen können.
Doch wie sich während des Studiums herausstellen sollte, ist die Ausbildung an der Foggy Bottom so schlecht, dass deren Absolventen erschreckend oft bei der Zulassungsprüfung der Anwaltskammer durchfallen. Die Jobaussichten für Mark und seine Freunde Todd, Zola und Gordy sind alles andere als rosig. Der bipolare Gordy macht seine Freunde auf die faulen Machenschaften der Swift Bank aufmerksam, die einen Haufen Geld ins Marketing steckt, um sich nach außen hin als Vertrauensbank des kleinen Mannes zu präsentieren, dem sie dann versteckte Gebühren abrechnet. Als den verzweifelten Jura-Studenten klar wird, dass sie ihre jeweils um die zweihunderttausend Dollar Schulden nie werden zurückzahlen können, hängen sie ihr Studium an den Nagel, geben sich unter falschen Namen als Rechtsanwälte aus und machen sich in den Gerichten auf die Jagd nach Mandanten, von denen sie sich bar bezahlen lassen.
„Dass Zola lügen musste, bereitete ihr immer noch Probleme, aber inzwischen gehörte es fast zu ihrem Leben dazu. So gut wie alles, was sie tat, war eine Lüge: der falsche Name, die falsche Kanzlei, die falschen Visitenkarten und die falsche Persönlichkeit einer mitfühlenden Anwältin, die Jagd auf bedauernswerte Unfallopfer machte. So konnte sie nicht weitermachen. Wäre ihr Leben schlimmer, wenn sie jetzt immer noch studieren und versuchen würde, einen richtigen Job zu finden, und sich Sorgen wegen der Zulassungsprüfung und ihres Kredits machen müsste?
Ja, wäre es.“ (S. 232f.) 
Doch natürlich dauert es nicht lange, bis der Schwindel auffliegt und die Freunde untertauchen müssen. Sie setzen schließlich alles auf eine Karte und initiieren einen noch riskanteren Plan …
In seiner langjährigen Karriere als Bestseller-Autor von Justizthrillern hat sich John Grisham immer wieder des kleinen Mannes und außergewöhnlicher juristischer Themen angenommen. Für seinen neuen Roman wurde er durch Paul Campos‘ Artikel „The Law-School Scam“ in der „The Atlantic“-September-Ausgabe 2014 inspiriert. Mit „Forderung“ ist Grisham einmal mehr ein überaus flotter Pageturner gelungen, der gerade mal einen Zeitraum von etwas mehr als einer Woche abdeckt, mit einem sehr überschaubaren Figurenarsenal auskommt, dafür aber viel Raum für die Beschreibung der nicht illegalen, aber durchaus unlauteren Machenschaften der privaten Jura-Hochschulen einräumt, die sich durch die leicht erhältlichen Studienkredite eine goldene Nase verdienen.
Der Plot weist aber ein so unglaublich hohes Tempo auf, dass einmal mehr die Charakterisierung der Figuren auf der Strecke bleibt und die Glaubwürdigkeit der Täuschungsmanöver leidet. Davon abgesehen bietet „Forderung“ aber einfach rasante Thriller-Unterhaltung mit recht erfrischenden humoristischen Einlagen.
Leseprobe John Grisham - "Forderung"

Sonntag, 15. April 2018

„Lexikon des internationalen Films 2017“

(Schüren, 560 S., Pb.)
Auch wenn die Digitalisierung in immer weitere gesellschaftliche Bereiche vordringt und auch – man denke nur an die wachsenden Streaming-Angebote von Netflix, Amazon & Co. - die Art der Filmrezeption verändert, hat sich die Situation des Kinos nachhaltig stabilisiert, was sowohl die Zahl der Kinos (mit dem höchsten Stand seit zehn Jahren und die Anzahl der Besucher (bei über 122 Millionen mit einem leichten Plus gegenüber dem Vorjahr) betrifft.
Erfreulich bleibt für lesefreundliche Cineasten die Tatsache, dass das „Lexikon des internationalen Films“ weiterhin als Printausgabe erhältlich ist, während der Herausgeber des Jahrbuchs, die Katholische Filmkommission, den Filmdienst Ende des Jahres 2017 als Printpublikation eingestellt hat und nun als Online-Magazin filmdienst.de weiterführt.
Wie gewohnt vereint das „Lexikon des internationalen Films“ auch in diesem Jahr nicht nur in Kurzkritiken alle Filme, die 2017 im Kino, Fernsehen oder auf DVD/Blu-ray zu sehen waren – immerhin mehr als 2000 Titel -, sondern blickt in einer monatlich eingeteilten Chronik auf das vergangene Filmjahr zurück, in dem vor allem die durch die sexuellen Übergriffe von Harvey Weinstein in Gang gesetzte #MeeToo-Bewegung ein Umdenken in Hollywood initiiert hat. Darüber hinaus werden verstorbene Filmschaffende und besondere europäische Filme gewürdigt.
Überhaupt bildet der europäische Film den thematischen Schwerpunkt in diesem Jahr: Während der „Brexit“ die EU erschüttert und gerade in Osteuropa der Nationalismus auf dem Vormarsch ist, kommt gerade dem europäischen Kino die bedeutende Rolle zu, Geschichten von der Gemeinsamkeit der Völker zu erzählen, ohne ihre spezifischen Eigenheiten und Mentalitäten zu nivellieren.
„Kein touristischer oder folkloristischer Blick im Spiel- und Dokumentarfilm bringt uns Europa näher, sondern nur ein wahrhaftiger und authentischer. Ein solcher Blick darf auch die negativen Seiten nicht aussparen und soll vermitteln, wie die Menschen vor Ort mit Krisen und Konflikten umgehen, wie sie auf ihre Umwelt reagieren. Der Vielfalt der europäischen Kultur lässt sich dann am besten gerecht werden, wenn sie durch die Vielfalt an Meinungen und Perspektiven ergänzt wird.“ (S. 63) 
Die Redaktion des Filmdienstes hat in diesem Zusammenhang nicht nur 60 herausragende europäische Filme zusammengestellt, sondern würdigt in Hommagen den Filmemachern François Ozon („Frantz“), Pedro Almodóvar („Alles über meine Mutter“, „Fliegende Liebende“), Jean-Pierre und Luc Dardenne („Das Versprechen“, „Rosetta“), Lars von Trier („Dogville“, „Melancholia“) und Michael Haneke („Das weiße Band“, „Liebe“).
Das nach wie vor einzigartige, von Horst Peter Knoll und Jörg Gerle redaktionell bearbeitete Nachschlagewerk wird durch den Kinotipp der katholischen Filmkritik, die besten Kinofilme des Jahres 2017, die herausragenden DVD- und Blu-ray-Editionen und eine Übersicht über die wichtigsten Filmpreise abgerundet. Filmfreunde werden so mit Sicherheit noch auf etliche sehenswerte Filme stoßen, die in dem dem spannenden Kinojahr 2017 bislang an ihnen vorbeigegangen sind.

Freitag, 13. April 2018

Katrine Engberg – „Krokodilwächter“

(Diogenes, 506 S., HC)
Als sich Gregers Hermansen über die geöffnete Wohnungstür der beiden Studentinnen im 1. Stock des Miethauses der pensionierten Lehrerin Esther de Laurenti bemerkt, will er nach dem Rechten sehen und entdeckt eine schrecklich zugerichtete weibliche Leiche, die später als eine der Studentinnen, Julie Stender, identifiziert wird.
Während Gregers mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, übernimmt das Ermittlerduo Jeppe Kørner und Anette Werner von der Mordkommission in Kopenhagen den Fall und stößt bald auf eine interessante Tatsache: Die Vermieterin Esther de Laurenti hat den Mord nahezu identisch in einem Krimi-Manuskript beschrieben, das sie in einer Online-Schreibgruppe mit Anna Harlov und dem bekannten Künstler Erik Kingo geteilt hat.
Bei ihren Ermittlungen stoßen der unter der Trennung von seiner Frau leidende Jeppe und seine besonnene Kollegin auf ein reges Sexualleben der Toten, die von ihrem Vater abgöttisch geliebt wurde und bereits eine Schwangerschaft hinter sich hatte, die offenbar aus einer Affäre mit ihrem damaligen Lehrer hervorgegangen war. Als dann auch noch Julies jugendlicher Freund Kristoffer tot aufgefunden wird, haben die Ermittler alle Mühe, Verbindungen zwischen den beiden Morden herzustellen und ein Motiv für die Taten zu entdecken.
Die alkoholsüchtige Esther beschließt, über Google Docs Kontakt mit dem Mörder aufzunehmen, der offensichtlich Zugriff auf ihr Manuskript hat.
„Worum ging es hier? Könnte jemand auf die Idee kommen, Menschen zu ermorden, weil er der Ansicht war, dass sie ein schlechtes Buch geschrieben hatte? Es war ja nicht einmal fertig, geschweige denn veröffentlicht!
Was willst du, schrieb sie und löschte es sofort wieder. Mitten in einem Mordfall kann man einem Verrückten nicht so einfach schreiben. Wenn aber der Verrückte als Erster schreibt? Wäre es dann nicht dumm, nicht zu antworten?“ (S. 292f.) 
Mit ihrem Krimidebüt „Krokodilwächter“ stürmte die aus Kopenhagen stammende Autorin, Tänzerin, Choreographin und Regisseurin Katrine Engberg gleich an die Spitze der dänischen Bestseller-Liste. Dabei wirkt der Mord nach einer literarischen Vorlage zunächst nicht besonders originell. Der Täterkreis scheint durch die begrenzte Bekanntheit des dem Mord zugrundeliegenden Manuskripts zwar sehr beschränkt zu sein, aber Engberg legt immer weitere Spuren, die vor allem auf das rege Sexualleben und die Verwicklungen zwischen ihren Liebhabern zurückgehen. Die Autorin geht mit Charakterisierungen eher sparsam um. Den beiden Ermittlern wird dabei die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie den Opfern, Zeugen und Verdächtigen.
Während Jeppe Kørner wegen der Trennung von seiner Frau Therese, die mit ihrem neuen Lebensgefährten Niels ihr Glück gefunden zu haben scheint, unter psychosomatischen Rückenschmerzen leidet und sich freut, durch eine Affäre mit einer verheirateten Frau wieder etwas Pepp in sein Sexleben zu bringen, wird Anette Werner nur als ausgeglichene Ehefrau und Ermittlerin beschrieben, die vielleicht ein paar Pfunde zu viel mit sich herumträgt.
Es bleibt abzuwarten, inwieweit dieses Duo in den Folgebänden an Konturen gewinnt. Engberg konzentriert sich stattdessen ganz auf die schnörkellos geschilderte Ermittlungsarbeit und dabei vor allem auf die etwas verworrenen Beziehungen, die erst nach und nach das Mordmotiv offenbaren. Bis dahin bekommt es der Leser mit einem eher durchschnittlich spannenden, arg konstruierten Plot zu tun, der wenig Originelles zu bieten hat. Bei dem verwöhnten deutschen Krimi-Publikum wird es „Krokodilwächter“ nicht leicht haben, sich durchzusetzen. 
Leseprobe Katrine Engberg - "Krokodilwächter"

Sonntag, 8. April 2018

Donal Ryan – „Die Lieben der Melody Shee“

(Diogenes, 296 S., HC)
Die dreiunddreißigjährige Melody Shee trägt sich mit dem Gedanken, sich und ihr noch ungeborenes Kind umzubringen. Die Ehe mit ihrem Highschool-Schwarm Pat liegt in Trümmern, nachdem sich ihr Mann nach zwei Fehlgeburten heimlich sterilisieren lassen und seine Bedürfnisse nicht mehr im Ehebett, sondern bei Prostituierten befriedigt hat.
Melody, die ihren Traum von einer Karriere als Journalistin an den Nagel hängen musste und stattdessen als Nachhilfelehrerin arbeitet, rächt sich, indem sie einen ihrer Schüler, den siebzehnjährigen Traveller Martin Toppy, verführt und schwanger wird.
Sie hadert mit ihrem Schicksal, will wieder in ihr Elternhaus zu ihrem Vater ziehen, der sie beschwichtigt, dass alles gut wird. Tatsächlich freundet sich Melody allmählich mit dem Gedanken an, ihr Baby zur Welt zu bringen. Und dann lernt sie die neunzehnjährige Mary Crothery kennen, die sich selbst als eine „Schande für die Familie“ bezeichnet, die ihrem Mann keine Kinder schenken konnte und ihre einst beste Freundin Breedie in den Selbstmord getrieben hat.
Melody ist hin- und hergerissen, wie sie mit ihren Sünden, die sie in ihrer erzkatholischen Heimat begangen hat, umgehen soll, wie sie sich ihrem eigenen Kind und vor allem Pat gegenüber verhalten soll, und trifft eine außergewöhnliche Entscheidung.
„Pat hatte Sex mit Prostituierten: Das ist Fakt. Ich hatte Sex mit einem Jugendlichen, einem Schutzbefohlenen: Auch das ist Fakt. Welche Worte hätten etwas an der Tatsache ändern sollen, dass wir zu solchen Dingen fähig wären? Menschen tun einander Schlimmeres an, aber viel schlimmer wird es nicht. Wir haben Greueltaten begangen. In unserem Einfamilienhaus hat ein Holocaust stattgefunden, eine Auslöschung der Liebe.“ (S. 125) 
Der irische Schriftsteller Donal Ryan wurde für seinen Roman „Die Gesichter der Wahrheit“ mit dem Irish Book Award, dem Guardian First Book Award und dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet. Wie in seinem Debüt „Die Sache mit dem Dezember“ und seinem preisgekrönten Zweitwerk erweist sich Ryan auch in „Die Lieben der Melody Shee“ als feinfühliger Beobachter menschlicher Befindlichkeiten. Im Gegensatz zu „Die Gesichter der Wahrheit“, wo der Autor eine ganze Reihe von Ich-Erzählern aufgefahren hat, die von ihren durch die Finanzkrise geprägten Schicksalen berichten, konzentriert sich Ryan in seinem neuen Roman auf zwei Frauengestalten, die ihre Vorstellung vom Liebesglück nicht realisieren konnten und als Konsequenz für ihr moralisch verwerfliches Verhalten von der Gesellschaft ausgestoßen worden sind.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht zwar die titelgebende Melodie Shee, aber das Schicksal ihrer Schülerin Mary wird immer enger mit ihrem eigenen verbunden. Ryan bedient sich der einfachen Sprache seiner Protagonisten und entwirft so ein stimmiges Portrait verzweifelter Frauen, die an den gesellschaftlichen Normen zugrunde zu gehen drohen, aber am Ende stark genug sind, mit den Entscheidungen, die sie treffen mussten, leben zu können.
Geschickt verwebt der Autor dabei ebenso Vergangenheit und Gegenwart wie die Schicksale seiner Figuren, die er weder verurteilt noch mit Mitleid überhäuft. Stattdessen bewegt er sich sehr subtil und einfühlsam zwischen all den verwirrenden Gefühlsregungen von Liebe, Trauer, Leidenschaft, Verrat, Verlust und Enttäuschung. 
Leseprobe Donal Ryan - "Die Lieben der Melody Shee"

Montag, 2. April 2018

Steve Hamilton – (Nick Mason: 2) „Drei Zeugen zu viel“

(Droemer, 334 S., Pb.)
Seit sein Zellenblock-Gefährte, der einflussreiche Chicagoer Gangster Darius Cole, seine Beziehungen hat spielen lassen, dass der für 25 Jahre verknackten Nick Mason nach bereits fünf Jahren wieder auf freien Fuß kommt, muss Nick ihm für die geschenkten 20 Jahre als Auftragskiller dienen. Als Cole alles daransetzt, ein Wiederaufnahmeverfahren in Gang zu setzen, setzt er Nick darauf an, zunächst die beiden im Zeugenschutzprogramm untergebrachten Kronzeugen, Coles ehemaligen Buchhalter Ken McLaren und Isaiah Wallace, auszuschalten.
Doch damit ist Nicks Auftrag noch längst nicht beendet, denn die schwierigste Aufgabe wartet noch auf ihn: Nicks Vorgänger Sean Burke räumt sich nämlich den Weg aus der Schutzhaft frei und macht Jagd auf Mason. Der macht sich weniger Sorgen um sein eigenes Leben oder Detective Sandoval, der ihm seit seiner vorzeitigen Entlassung an den Fersen klebt, sondern vor allem um das seiner Ex-Frau Gina und ihrer gemeinsamen Tochter Adriana, die Cole zu töten droht, sollte Nick die geforderten Gefälligkeiten nicht erledigen.
Aber auch Nicks Mitbewohnerin im schicken Townhouse in Lincoln Park West, Coles Geliebte Diana Rivelli, der Nick näherkommt, fürchtet um ihr Leben, als Coles Plan aufzugehen scheint, wegen einer juristischen Spitzfindigkeit aus dem Gefängnis zu kommen, was auch die resolute Staatsanwältin Rachel Greenwood nicht zu verhindern vermag.
Um die Menschen zu schützen, die ihm am Herzen liegen, entwickelt Nick zwei äußerst riskante Pläne, bei der ausgerechnet sein Kontrahent Burke eine wichtige Rolle spielt.
„Und auch wenn er mit Burke eine Abmachung getroffen hatte, konnte er nicht anders, als sich den Kopf seiner Tochter im Fadenkreuz eines Snipergewehrs irgendwo unten auf der Straße vorzustellen. Du hast einen Handel mit einem Irren geschlossen, dachte er. Du setzt alles aufs Spiel, was du hast, alles, was dir je etwas bedeutet hat.“ (S. 276f.) 
Während Steve Hamilton sich in der englischsprachigen Krimiwelt bereits als erfolgreicher Autor der Alex-McKnight-Reihe etabliert und u.a. mit dem renommierten Edgar Award ausgezeichnet worden ist, wird er hierzulande erst langsam durch die bei Droemer erscheinende Nick-Mason-Reihe bekannt. „Drei Zeugen zu viel“ setzt nahtlos an den kurzweiligen Spannungs-Trip des Debüts „Das zweite Leben des Nick Mason“ an und konfrontiert den Auftragskiller wider Willen erneut mit kniffligen Herausforderungen, denn bekanntermaßen hat das Zeugenschutzprogramm WITSEC bislang noch keinen seiner Mandanten verloren, die sich an die Regeln gehalten haben.
Dass Nick das Herz am rechten Fleck hat, beweist er schon dadurch, dass er niemanden tötet, den er nicht kaltstellen muss, aber auch seine Fürsorge für seine Familie, Freunde und nicht zuletzt Diana wird überzeugend dargestellt. Steve Hamilton konzentriert sich allerdings weniger auf die psychischen Befindlichkeiten seiner Figuren, sondern ganz auf den vertrackten, extrem spannend konstruierten Plot. Wie sein Nick Mason nicht nur seine komplexen Aufträge erledigt, sondern sich selbst immer wieder aus der Schusslinie bringen und Fluchtpläne schmieden muss, ist dramaturgisch so geschickt gestrickt, dass „Drei Zeugen zu viel“ atemloses Lesevergnügen verspricht und dazu mit einem Paukenschlag endet, der neugierig auf die weiteren Bände einer außergewöhnlichen Reihe macht.

Samstag, 31. März 2018

Gay Talese – „High Notes“

(Tempo, 368 S., HC)
Warum der 1932 in Ocean City geborene Gay Talese zu den Mitbegründern des literarischen Journalismus zählt, haben die deutschen Leser im vergangenen Jahr durch die bei Tempo/Hoffmann und Campe erschienene Reportage „Der Voyeur“ eindrucksvoll nachvollziehen können. Auch wenn sich der Autor mittlerweile wegen Zweifel an seiner Quelle von seinem eigenen Buch distanziert, gelang Talese nicht nur das aufschlussreiche Portrait eines Mannes, der in seinem Motel Vorkehrungen getroffen hat, unbemerkt das Sexualleben seiner Kunden zu beobachten, sondern gewährte auch einen faszinierenden Einblick in das Sexualverhalten der Amerikaner, das sich durch die Pille, Pornofilme und die Hippie-Bewegung nachhaltig gewandelt hat.
In dem nun veröffentlichten Sammelband „High Notes“ sind nun einige von Gay Talese wichtigsten Reportagen zusammengefasst, darunter die berühmteste, im Esquire veröffentlichte „Frank Sinatra ist erkältet“, die deshalb so beeindruckend ist, weil Taleses Story entstanden ist, ohne dass der Autor den berühmten Sänger und Schauspieler getroffen hat, und trotzdem ein sehr intimes Portrait des Stars zeichnet, weil Talese sich die Mühe gemacht hat, nahezu alle wichtigen Leute aus Sinatras Umfeld zu interviewen.
Seit Talese in den frühen 1960er Jahren für die New York Times zu schreiben begonnen hat, hat er seine berühmtesten Reportagen für den Esquire verfasst, dazu Bücher wie „Ehre deinen Vater“ (über einen Mafia-Clan) und „Du sollst begehren“ (über die sexuelle Revolution) veröffentlicht.
Nach einem Vorwort von Lee Gutkind, der anhand einiger Beispiele Taleses außergewöhnliche Qualitäten als Reporter verdeutlicht, erzählt Talese in „Ein Sonntag zu Kriegszeiten“ zunächst von seinen eigenen Kindheitserinnerungen und Erlebnissen als ungeschickter Messdiener und einer ungewöhnlichen Begegnung mit dem berühmten New Yorker Baseball-Schlagmann Joe DiMaggio. Tiefe Einblicke in die Geschichte einer Mafia-Familie gewährt „Das Verschwinden Joe Bonannos“, während „Charlie Mansons Ranch im Westen“ von der Erinnerungen eines gewissen George Spahn erzählt, der auf seiner Ranch immer wieder Hippies zu Besuch hatte, darunter auch zeitweise Charlie Manson mit seinen AnhängerInnen.
Mit der 80-seitigen Reportage „Das Reich, die Macht und die Herrlichkeit der New York Times bringt uns Talese nicht nur die internen Strukturen der einflussreichen Tageszeitung nahe, sondern vor allem die charismatischen Figuren, die die Zeitung geprägt haben und Zeugnis davon ablegen, mit welchem Anspruch sie Journalismus betrieben haben. Besonders aufschlussreich ist der recht kurze Artikel „Über die Arbeit an ‚Frank Sinatra ist erkältet‘“, in der Talese die näheren Umstände seiner Arbeit an der Reportage beschreibt, aber auch verdeutlicht, dass die besten Autoren damals oft Wochen und Monate mit Recherchen, Gliederung, Schreiben und Überarbeiten verbracht haben. Über seine eigene Arbeitsweise schreibt Talese:
 „Was mich seit meinen Anfängen als Journalist schon immer interessierte, sind weniger die genauen Worte, die jemand äußert, als deren tiefere Bedeutung. Wichtiger als das, was Leute sagen, ist das, was sie denken, selbst wenn sie es zunächst kaum auszudrücken vermögen und es dem Interviewten eine Menge Grübelei und Selbstbefragung abverlangen mag – ein Prozess, den ich mit meiner Art zu fragen, ihnen näherzukommen und mich in sie hineinzuversetzen, behutsam anzustoßen versuche.“ (S. 217f.) 
Nicht alle hier versammelten kurzen wie langen Artikel und Reportagen mögen für das deutsche Publikum von Interesse sein, aber sie machen deutlich, wie gut sich Talese in die Menschen einfühlen kann, über die er schreibt. In der abschließenden Titelstory „High Notes“ lässt die Reporterlegende beispielsweise die besondere Atmosphäre in dem Studio spüren, in dem der fast 85-jährige Tony Bennett für sein Album mit Duetten, „Duets II“, mit Lady Gaga den Song „The Lady Is a Tramp“ einsingt.
Wer also den New Journalism von Truman Capote, Hunter S. Thompson und Tom Wolfe schätzt, kommt auch an Gay Talese nicht vorbei.

Katherine Heiny – „Gemischte Gefühle“

(Tempo, 350 S., HC)
Fast zwölf Jahre schon sind Graham und Audra miteinander verheiratet, und Graham wundert sich noch immer, wie seine 41-jährige Frau immer und überall mit jedem über alles Mögliche plaudern und auch aus dem Stehgreif die irrwitzigsten Lügengeschichten aus dem Hut zaubern kann, wobei sie die kleinsten Informationen abspeichert. Wenn er seine Frau so im Alltag beobachtet, denkt Graham oft, dass sich Audra und er in Paralleluniversen befinden, denn oft genug verblüfft Audra ihn mit irrwitzig anmutenden Äußerungen, Beobachtungen und vor allem Handlungen.
So hat sie vor drei Wochen in einem Restaurant in Midtown den Mann der ungefähr fünfzigjährigen Bitsy (die sie nur von ein paar Treffen im Buchclub kennt) mit einem Mädchen im Minirock entdeckt, worauf sich der Mann (den Audra ebenfalls nur von einem Buchclub-Treffen her kennt, das bei Bitsy zuhause stattfand, und der als Banker arbeitet) für eine einmonatige Kreativpause nach Ithaca zurückgezogen hat. Aus ihrem Mitgefühl heraus hat Audra kurzerhand Bitsy vor drei Wochen bei sich zuhause aufgenommen. Immerhin kümmert sich Bitsy rührend um Grahams und Audras Sohn Matthew, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und nur schwer Freunde findet. Doch dann entdeckt Graham Hinweise, dass Audra eine Affäre haben könnte, und spioniert ihr nach.
„Ach ja, Handys. Manchmal wünschte sich Graham, er hätte eine Affäre, nur damit er von den Annehmlichkeiten seines Handys profitieren konnte. (In etwa so, wie er manchmal mit dem Skifahren anfangen wollte, jetzt, wo es Fleece-Mützen gab, die nicht so juckten wie Wollmützen.) Aber was, wenn die eigene Frau schon immer an ihrem Handy gehangen hatte? Sie hatte auch immer am Festnetz gehangen! Audra vorzuwerfen, sie habe eine Affäre, weil sie zu viel telefoniere, wäre wie Tiger Woods vorzuwerfen, er habe eine Affäre, weil er zu viel Golf spielte. (Obwohl Tiger Woods hier vielleicht nicht der beste Vergleich war.)“ (S. 145) 
Er selbst baut unterdessen wieder eine Beziehung zu seiner eigentlich eher spröden, sehr auf Ordnung und Sauberkeit bedachten Ex-Frau Espeth auf, die er zufällig wiedertrifft und der er eine neue Wohnung besorgt. Aus den anfänglichen Vierer-Dates mit ihrem neuen Freund entwickelt sich schließlich eine ungewöhnliche Dynamik. Aber Graham und Audra haben nicht nur mit weiteren Mitbewohnern (wie dem Nachmittagsportier Julio) zu tun, die Audra immer so freigiebig einlädt, sondern auch mit angestrengten Bemühungen, Matthew wieder glücklich zu machen, nachdem sich sein einziger Freund Derek von ihm abgewendet hat.
Die Aufnahme von Matthew in den ambitionierten Origami-Club von Clayton und Manny scheint da nicht die Lösung zu sein …
Nachdem die in Washington, D.C., lebende Katherine Heiny mit „Glücklich, vielleicht“ ihr Debüt als Geschichtenerzählerin feierte, legt sie nun mit „Gemischte Gefühle“ ihren ersten Roman vor. Darin beschreibt sie mit viel Humor die vielschichtigen Gefühle, die sich im Laufe einer langjährigen Ehe entwickeln. Auch wenn er nicht als Ich-Erzähler auftritt, wird die Geschichte aus Grahams Perspektive erzählt, wobei Graham ebenso einfühlsam wie mit bissigem Humor die besonderen Eigenheiten seiner Frau ebenso beschreibt wie seine eigenen, eben sehr gemischten Gefühle bei dem, was er im Zusammenleben mit ihr beobachtet.
Heiny deckt dabei alle emotionalen Tiefen und Wirrungen ab, die das menschliche Herz im Beziehungsmodus zu empfinden vermag, zieht diese aber bei aller lakonischer Leichtigkeit nie ins Lächerliche, sondern bewegt sich einfach weiter unbeschwert zur nächsten Irritation.
Der erfrischende Humor macht das Lesen zu einer kurzweiligen, erfrischenden Angelegenheit, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Heiny mit ihrem Roman durchaus profunde Wahrheiten über das Beziehungsleben moderner Menschen offenbart.

Sonntag, 25. März 2018

Paul Theroux – „Mutterland“

(Hoffmann und Campe, 653 S., HC)
Als der geizige Vater stirbt, versammelt sich die Familie bei der neunzigjährigen Mutter, die von dem sechzigjährigen Ich-Erzähler Jay Justus als „undurchschaubar und rätselhaft, manchmal uneinsichtig, wie eine zornige Gottheit“ beschrieben wird. Doch damit sind nur einige der vielen Eigenschaften umrissen, mit der die Matriarchin in ihrem Domizil auf Cape Cod über ihre sieben Kinder (die eine Stunde nach ihrer Geburt verstorbene, von Mutter wie eine Heilige verehrte Angela nicht mitgezählt) herrscht. Die mehr oder weniger gut kaschierte Verachtung für ihre Brut schlägt sich im Neid und Hass unter den Geschwistern nieder.
Der Ich-Erzähler Jay hat sich durch Reiseromane, halbbiografische Romane und Zeitschriftenartikel einen Namen gemacht und es sich nun zur Aufgabe gemacht, über die Gesetzmäßigkeiten im gefürchteten „Mutterland“ zu berichten. Kurz werden Jays Geschwister skizziert, vor allem der erfolgreiche, in aller Welt arbeitende Anwalt Fred, der zu Mutters Berater, Verteidiger und Welterklärer avancierte, und der Universitätsprofessor und erfolgreiche Lyriker Floyd, der nicht müde wird, sein geballtes Wissen in scharfzüngigen Kommentaren zu demonstrieren.
Außerdem gehören noch die beiden korpulenten Lehrerinnen Franny und Rose, der grüblerische Krankenpfleger Hubby und der von Mutter besonders geliebte Diplomat Gilbert zur Familie. Geschickt sorgt Mutter mit ihren intriganten Winkelzügen dafür, dass die Kinder sie regelmäßig mit Geschenken besuchen, ihr die vertraulichsten Dinge erzählen, damit sie diese an ihre übrigen Kinder weitertragen kann, natürlich so verzerrt, dass das entblößte Opfer möglichst gierig, hartherzig und unsensibel dasteht. Dieses sorgsam von Mutter aufbereitete Misstrauen zwischen den Kindern wahrt die Macht der Matriarchin, die stolz verfolgt, wie andere alte Leute unter Medikamenteneinfluss stehen, bis sie sterben, während sie selbst nicht müde wird zu betonen, nichts zu nehmen. Selbst als Hundertjährige im Seniorenheim hat Mutter noch alles im Griff, während sich die Kinder darum streiten, wer gerade besonders hoch in Mutters Gunst steht und wer nicht.
„Für Mutter war Loyalität gefährlich, wie eine obskure Form des Betrugs. Liebe unter den Geschwistern hätte sie nie geduldet. Liebe hätte uns unzuverlässig gemacht, denn sie stand unserer ersten, allerwichtigsten Pflicht im Weg: Gehorsam gegenüber ihr, Mutter.“ (S. 248) 
Der 1941 in Medford, Massachusetts, geborene, heute mit seiner Familie auf Hawaii und Cape Cod lebende Paul Theroux hat sich vor allem als Reiseschriftsteller einen Namen gemacht und fügt nicht nur diese Erfahrungen immer wieder in seinen epischen Familienroman ein: der Leser darf durchaus davon ausgehen, dass die so detailliert entblätterte Familienchronik einige weitere biografische Züge aufweist. Interessant ist dabei vor allem, dass Theroux‘ „Mutterland“ gerade mal das letzte Jahrzehnt von Mutters tyrannischer Herrschaft über die Familie umfasst, beginnend mit Vaters Begräbnis. Zwar werden einzelne Episoden aus der früheren Familiengeschichte wie im Zeitraffer skizziert, aber Theroux lässt seinen ebenfalls schriftstellerischen Ich-Erzähler geradezu genüsslich die Einzelheiten der innerfamiliären Zerwürfnisse rekapitulieren, wobei die Entdeckung von Mutters verräterischen Scheckheft durch Floyd und Jay einen dramatischen Höhepunkt darstellt, denn nun haben die beiden Brüder den schriftlichen Beweis, dass vor allem Franny und Rose erhebliche finanzielle Zuwendungen durch ihre sonst eher knauserig auftretende Mutter erhalten haben.
Ansonsten geschieht nicht viel auf den über 600 Seiten, außer dass Jay minutiös die irreführenden Telefonate und Gespräche, die Mutter mit einzelnen Kindern führt, und deren verfälschten Wiedergabe an die anderen Geschwister beschreibt und so sehr genau sowohl die von Mutter indoktrinierten Kinder als auch Mutter selbst charakterisiert.
Das ist zuweilen etwas eintönig, weil dieses Konzept von Mutters Herrschaft sehr starr durchgezogen wird und wenig Raum für die persönliche Entwicklung ihrer Kinder bereithält, die aber durchaus teilweise beachtliche Karrieren aufweisen. Theroux gelingt es allerdings durch sein feines Sprachgefühl und viel Witz, die familiären Fehden und Sticheleien äußerst kurzweilig zu gestalten und keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sich der Ich-Erzähler auch im hohen Alter noch immer wie ein Kind fühlt. 
Leseprobe Paul Theroux - "Mutterland"

Mittwoch, 21. März 2018

Cormac McCarthy – „Der Feldhüter“

(Rowohlt, 287 S., Pb.)
Ende der Dreißigerjahre ist Kenneth Rattner als Anhalter nach Knoxville unterwegs. Als er an einer Tankstelle kurz vor Atlanta von dem Schnapsschmuggler Marion Sylder mitgenommen wird, endet die Zusammenkunft tödlich. Eine Reifenpanne will Rattner nutzen, seinen vermeintlichen Wohltäter mit dem Wagenheber zu erschlagen, doch Sylder kann den Mann in letzter Sekunde überwältigen, bringt ihn um und verscharrt die Leiche in der Mischgrube eines Gartens, ohne zu wissen, dass er dabei von Arthur Ownby, dem Hüter eines verwilderten Apfelhains beobachtet wird.
Als Sylder später ein Autounfall hat, rettet ihn ausgerechnet Rattners Sohn John Wesley aus der misslichen Lage, worauf die beiden eine Art Vater-Sohn-Beziehung eingehen, ohne zu ahnen, mit wem sie es eigentlich jeweils zu tun haben. Selbst als Sylder schließlich in den Knast wandert, bleibt ihm der Junge treu.
„Du willst so was wie ein verdammter Held sein. Tja, eins kann ich dir sagen, es gibt keine Helden mehr. Der Junge schien zu schrumpfen, lieg rot an. Verstehst du das?, sagte Sylder. Ich hab nie behauptet, dass ich ein Held sein will, sagte der Junge mürrisch. Niemand hat das je behauptet, sagte Sylder. Jedenfalls, ich hab nie was wegen dir gemacht, wie du sagst. Ich mach nichts, was ich nicht machen will.“ (S. 249) 
Der aus Knoxville, Tennessee, stammende Schriftsteller Cormac McCarthy hat sich nie um die Gesetze und Mechanismen des Buchmarktes gekümmert. In seinen alle paar Jahre veröffentlichten Romanen sucht der Leser vergeblich nach Anführungszeichen bei wörtlicher Rede, von der McCarthy so häufig und lebendig Gebrauch macht, dass sich seine Romane wie Filmdrehbücher lesen.
Über die Jahrzehnte wurde McCarthy mit dem Faulkner Award, dem American Academy Award, dem National Book Award, dem National Book Critics Circle Award und 2007 für seinen Roman „Die Straße“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
Seither ist es leider sehr still um den großen amerikanischen Autor geworden, der sich in der Tradition von William Faulkner sieht, dessen legendärer Lektor Albert R. Erskine McCarthys Manuskript zu „The Orchard Keeper“ 1965 bei Random House veröffentlichte. Über fünfzig Jahre später erschien McCarthys Debüt mit dem Titel „Der Feldhüter“ erstmals auch in deutscher Sprache. Es ist eher ein zähes Vergnügen, das der damals 32-jährige McCarthy mit seinem literarischen Einstand dem Publikum bereitet. Denn trotz des Totschlags zu Beginn des Romans entwickelt sich kein ernstzunehmender Plot, der auf eine klassische Auflösung und Bestrafung des Täters hinausläuft. Stattdessen beschreibt der Autor wie in späteren Werken das (Über-)Leben am Rande der Gesellschaft.
Hier herrscht nicht nur Armut, Verzweiflung und Gewalt vor, sondern auch eine derbe Sprache, die McCarthy wie kaum ein anderer Autor authentisch wiederzugeben vermag. Daneben sind es vor allem seine charakteristischen, atmosphärisch dichten Naturbeschreibungen, die das Setting, in dem seine Romane angesiedelt sind, so lebendig werden lassen. Die (männlichen) Figuren in „Der Feldhüter“ sind äußerst lebendig beschrieben und gewinnen Gestalt durch die Verflechtungen von Erinnerungen und Erzählungen, die sich über verschiedene Zeitebenen miteinander verflechten, ebenso wie die Schicksale von Sylder, den beiden Rattner-Männern und Ownby unausweichlich aufeinander zusteuern.
Bei aller Dunkelheit und Trostlosigkeit bleiben McCarthys Figuren aber zutiefst menschlich. Besonders eindrucksvoll ist dem Autor dabei die Schilderung von Ownbys Verhaftung gelungen, der beim Abtransport in der Kutsche seinen geliebten alten Hund zurücklassen muss.
„Der Feldhüter“ ist sicherlich noch kein Meisterwerk, wie es McCarthy später mit „Verlorene“, „Ein Kind Gottes“ oder „Kein Land für alte Männer“ abliefern sollte, aber es führt den geneigten Leser ein in die Welt eines wahrhaftigen Sprachvirtuosen, der sein erzählerisches Talent noch entwickeln muss. 
Leseprobe CormacMcCarthy - "Der Feldhüter"

Dienstag, 20. März 2018

Alessio Torino – „Über mir die Sonne“

(Hoffmann und Campe, 157 S., HC)
Auf der süditalienischen Insel Pantelleria verbringen die beiden achtjährigen Zwillingsschwestern Tina und Bea mit ihrer Mutter erstmals den Urlaub ohne ihren Vater, der sich – so ihre Mutter – in ein zwanzigjähriges „Nichts“ namens Laura verliebt hat. Während sich die Mutter mit dem schwermütigen und alkoholsüchtigen Kanadier Charles zu trösten versucht, der wiederum den Tod seiner Frau Angela nicht verwinden kann, vertreiben sich Tina und Bea die Zeit in der kleinen Bucht Cala, wo sie Quallen fangen und auf Felsen austrocknen lassen.
Der Schürzenjäger und Restaurantbetreiber Andre und sein halbitalienischer Freund Stefano mit seiner französischen Freundin, der Profischwimmerin Parì, sowie der aufmerksame Supermarktbesitzer Pagliaro aus Khamma komplettieren das überschaubare Ensemble, das den heißen Sommer am Meer mit gutem Essen, Weißwein, Cocktails und meist lockeren Gesprächen verbringt. Allein der Verdacht, dass sich Charles‘ Unfall als Selbstmordversuch entpuppt haben könnte, und der Umgang mit der Tatsache, dass die Mädchen ihren Vater vermissen, liegt wie eine dunkle Wolke über der unbeschwerten Leichtigkeit des Sommers.
„Andre war immer noch hinter der Cocktailtheke, er wollte sich mit dem Shaker nicht geschlagen geben. Er wird sich nie verlieben, in keine, hatte ihre Mutter gesagt. Und sie hatte es gesagt, als wäre es ein Todesurteil. Wie das wohl werden soll, hatte sie gesagt, wenn er alt ist.“ (S. 153) 
Der 1975 in Urbino geborene Alessio Torino veröffentlichte 2010 mit „Undici Dedici“ sein Romandebüt und wurde seither mit etlichen italienischen Literaturpreisen geehrt. Mit „Über die Sonne“ erscheint erstmals eines seiner Bücher in deutscher Übersetzung, aber es bleibt abzuwarten, ob ihm hierzulande eine ähnliche Popularität zuteilwird wie seinen Kollegen Umberto Eco, Andrea De Carlo, Giuseppe Fava, Italo Calvino, Andrea Camilleri oder Luciano de Crescenzo, denn so richtig fesselnd ist das schmale Bändchen nicht gelungen.
Torino hält sich nicht lange mit einer Einführung in sein kleines Figuren-Arsenal auf, sondern konfrontiert den Leser gleich mit den Urlaubsaktivitäten der beiden Zwillingsschwestern. Erst nach und nach werden beiläufig Einzelheiten zum Hintergrund der verschiedenen Figuren enthüllt, eine Charakterisierung bleibt Torino schuldig. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf die fast schon nüchterne Beschreibung der Landschaft und des Gefühls, den Sommer dort zu verbringen, während die ungewöhnliche Konstellation, dass sich die Mutter mit ihren beiden Töchtern erstmals ohne das Familienoberhaupt im Urlaub befindet, auch nur am Rande thematisiert wird.
Die eigentliche Krise spielt sich eher bei dem schwerreichen Charles ab, der seine geliebte Angela an den Krebs verloren hat. Tina und ihre Mutter bemühen sich um den trinkfreudigen, hin und wieder verschwundenen Mann, doch eine wirkliche Entwicklung ist in diesen Beziehungen nicht auszumachen. So bleibt es dem Leser überlassen, in den kurzen Episoden und losen Urlaubsbekanntschaften, die Torino hier aneinanderreiht, seine eigenen Geschichten zu spinnen, wie die Menschen wohl auf Pantelleria gelandet sind und wie es mit ihnen weitergeht, wenn sie die Insel wieder verlassen haben. Einen bleibenden Eindruck hat das sprachlich gefällige Bändchen bei mir allerdings nicht hinterlassen.