Dienstag, 12. September 2017

Antoine Laurain – „Die Melodie meines Lebens“

(Atlantik, 254 S., HC)
Als die Post bei Modernisierungsarbeiten in einer ihrer Pariser Filialen vier Briefe unter Holzregalen findet, die nicht zugestellt worden sind, ist auch einer aus dem Jahre 1983 dabei, der nun mit 33 Jahren Verspätung dem Empfänger zugestellt wird. Der über fünfzigjährige Allgemeinmediziner Alain Massoulier staunt nicht schlecht, als er so erfährt, dass die Band The Hologrammes, die er damals mit der Sängerin Bérangère Leroy, dem Schlagzeuger Stanislas Lepelle, dem Bassisten Sébastien Vaugan und dem Pianisten Frédéric Lejeune unterhalten hat, von Polydor einen Plattenvertrag angeboten bekommen hätte. Stattdessen hat sich die New-Wave-Band recht schnell aufgelöst, ihre Mitglieder haben sich in alle Winde zerstreut.
Alain, der von seiner Frau betrogen wird und ein unspektakuläres, aber zufriedenes Leben im 8. Arrondissement führt, macht sich auf die Suche nach den alten Bandmitgliedern und vor allem nach dem Demotape mit den fünf Songs, die damals für Furore hätten sorgen können. Sébastien war Alain als Kopf einer rechtsextremistischen Gruppe noch bekannt.
Durch seine Recherche im Internet erfährt er schließlich, dass Stan Lepelle ein aufstrebender Künstler geworden ist, Frédéric Lejeune in Thailand gerade ein Hotel eröffnet hat, Sébastien und der Texter Pierre Mazart ein Antiquitätengeschäft am linken Seine-Ufer unterhält. Der Produzent der Band, Mazarts Bruder Jean-Bernard – kurz JBM genannt -, kandidiert gerade für das Präsidentschaftsamt. Nur bei Bérangère hilft Alain das Internet nicht weiter, sondern der Zufall.
„Was sagt man zu einer Frau, die vor mehr als dreißig Jahren geliebt hat und der man zufällig am Bahnhof begegnet? Die man nur für ein paar Minuten und danach nie wieder sehen wird? Das ist, als ob das Leben einem ein Almosen gibt, keine zweite Chance, sondern eine Art Augenzwinkern.“ (S. 144) 
Mit seinem neuen Buch „Die Melodie meines Lebens“ spielt der Pariser Schriftsteller Antoine Laurain („Der Hut des Präsidenten“, „Das Bild aus meinem Traum“) weniger mit der „Was wäre, wenn …“-Möglichkeit, die das 33 Jahre zu spät erhaltene Angebot eines Plattenvertrags für die Bandmitglieder einer ambitionierten New-Wave-Band bereitgehalten hätte, als mit einem Abgleich der Persönlichkeiten von damals mit ihrem heutigen Leben.
Besonders gelungen sind dem Autor dabei die Rückblenden in die 1980er Jahre, als sich die Band gegründet und gefunden hatte. Weniger gut nachzuvollziehen sind die Schicksale der Protagonisten in der heutigen Zeit. Hier verliert sich Laurain in Einzelschicksalen und unzusammenhängenden Anekdoten. Allein JBMs Präsidentschaftswahlkampf und die Beziehung zu seiner ehrgeizigen persönlichen Assistentin Aurore sowie das Aufsehen erregende Kunstprojekt, mit dem Stan auf einmal weltberühmt wird, nehmen etwas mehr Raum im Strudel der Episoden ein.
Die Charakterisierungen und die Erzähldramaturgie leiden unter den sprunghaften Perspektivwechseln, zu denen auch die eingeschobenen Ich-Erzählungen einzelner Beteiligter zählen. Davon abgesehen verzaubert der kurze Roman aber mit nostalgischem Charme und Gedanken zu verpassten Möglichkeiten und verlorenen Lieb- und Freundschaften.

Montag, 11. September 2017

Patricia Cornwell – (Kay Scarpetta: 24) „Totenstarre“

(HarperCollins, 432 S., HC)
Dr. Kay Scarpetta, renommierte Forensikerin am Cambridge Forensic Center, das sie seit acht Jahren leitet, bereitet gerade ihren Vortrag an der Kennedy School of Government vor, als sie es gleich mit mehreren Herausforderungen zu tun bekommt. Zunächst macht ihr der überraschende Besuch ihrer Schwester Dorothy Sorgen, die schon einen besonderen Grund für ihre Reise haben muss, da sie sich sonst nie in Cambridge blicken lässt. Dann hat es Scarpetta mit einem Stalker namens Tailend Charlie zu tun, der sich mit verzerrter Stimme über sie bei der Polizei beschwert und ihr daraufhin weitere Audioaufnahmen zukommen lässt, die auch sehr private Details aus Scarpettas Leben enthalten.
Beruflich bearbeitet sie den Tod der dreiundzwanzigjährigen Kanadierin Vandersteel, deren Leiche, auf einem Joggerpfad am Fluss im John F. Kennedy Park gefunden wird – gut eine Stunde, nachdem Scarpetta die junge Frau kennengelernt hat. Als Zeugen können die Polizeibeamten nur zwei Zwillingsmädchen identifizieren, deren Aussage ebenso merkwürdig anmutet wie die am Tatort gefundenen Indizien.
Zu guter Letzt hat der Minister für Heimatschutz eine Terrorwarnung für Washington, D.C., Boston und benachbarte Gemeinden ausgegeben. Erschreckend wird die Konstellation der Ereignisse, als auf Scarpettas Radar der Name der Psychopathin Carrie Grethen auftaucht, die nicht nur Ausbilderin ihrer Ziehtochter Lucy beim FBI in Quantico gewesen ist, sondern sie fast in den Tod getrieben hätte …
Seit 1990 hat die vielfach prämierte Thriller-Autorin Patricia Cornwell nahezu im Jahresrhythmus einen neuen Band in ihrer Reihe um die forensische Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta veröffentlicht. Allmählich scheinen sich aber deutliche Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen zu zeigen. Fast die ganze erste Hälfte braucht Cornwell, um erst einmal zu demonstrieren, welch Koryphäe ihre Ich-Erzählerin auf ihrem Gebiet ist und was für einen gutaussehenden, brillanten Mann sie an ihrer Seite hat, ehe dann die meiste Zeit damit verbracht wird, den Tatort zu sichern, die dortigen Arbeitsbedingungen zu definieren, die Indizien am Tatort der getöteten Fahrradfahrerin zu sammeln und zu analysieren, bis sie selbstkritisch gestehen muss:
„Das alles dauert zu lange, aber es wundert mich nicht. Die Dinge klappen nur selten so schnell, wie wir es gern hätten. Und bei einer schwierigen Ermittlung in einem Todesfall funktioniert nur wenig wie geplant. Nur, dass die Welt nicht mehr so nachsichtig ist wie früher. Ich mache mich bereits auf Kritik gefasst.“ (S. 193) 
Mit dieser Aussage in der Romanmitte hat Cornwell nicht nur die Fortschritte in Scarpettas Fall treffend beschrieben, sondern auch die Qualität ihres Werks, dessen Plot jeglicher Spannung entbehrt. Die Story scheint letztlich einzig dazu zu dienen, die beruflichen Qualifikationen der Protagonistin und damit auch das entsprechende Wissen ihrer literarischen Schöpferin zu demonstrieren, was in der massiven Betonung ebenso unangenehm aufstößt wie die spröde, allzu sachliche Sprache, die keine Sympathie für die Figuren aufkommen lässt und auch das Lesen zu einer quälenden Angelegenheit macht. Immerhin sind aber Scarpettas Beziehungen zu ihren Kollegen und zu ihrer Familie sehr sorgfältig beschrieben, aber eben eher analytisch als emotional.
Wenn die Autorin dann noch ihre alte Nemesis Carrie Grethen aus dem Hut zaubert, wirkt dieser „Kniff“ wie eine letzte Verzweiflungstat, um der schleppenden Handlung noch etwas Würze zu verleihen. Im schlimmsten Fall hat der Leser da aber schon das Interesse verloren …
Leseprobe Patricia Cornwell - "Totenstarre"

Freitag, 8. September 2017

Jens Henrik Jensen – (Oxen: 1) „Oxen – Das erste Opfer“

(dtv, 461 S., Pb.)
Der ehemalige, höchstdekorierte Elitesoldaten Niels Oxen will aussteigen. Das Ziel seines neuen Lebens findet er in einem Zeitungsartikel: In dem riesigen Wald Rold Skov richtet er sich mit seinem Samojedenhund Mr White einen Unterschlupf ein und sieht sich neugierig am herrschaftlichen Schloss Nørlund Slot um. Dort bemerkt er zunächst einen im Baum erhängten Schäferhund, wenig später schon ist Oxen Hauptverdächtiger in einem Mordfall: Der Exbotschafter und einflussreiche Vorsitzende eines dänischen Thinktanks, Hans-Otto Corfitzen, wird in seinem Arbeitszimmer tot aufgefunden. Sein Tod scheint in Zusammenhang zu stehen mit weiteren mysteriösen Todesfällen, bei denen ebenfalls jeweils ein Hund ums Leben kam.
Nachdem Otto von Kriminalhauptkommissar Rasmus Grube, Polizeipräsident Max Bøjlesen und vom Chef des Inlandsnachrichtendienstes, Axel Mossman, zu seinem Aufenthalt am Schloss verhört worden ist, erhält er von Mossman das ungewöhnliche Angebot, für ihn auf eigene Faust in dem Fall zu ermitteln. Allerdings hat Oxen kaum eine andere Wahl. Um nicht selbst für die Morde zur Verantwortung gezogen zu werden, sammeln Oxen und Mossmans Assistentin Margrethe Franck zunehmend brisantere Informationen, die bis ins dänische Herrschaftsgefüge des Mittelalters zurückreichen und auch die heutige politische Elite schwer belasten.
„Jetzt wäre er gern woanders. Ohne all die Fragen, die wie Wespen in seinem Kopf herumschwirrten und ihn nicht in Ruhe ließen. Aber das ging nicht. Er konnte nicht einfach seinen Rucksack packen und verschwinden.
Erst musste er der Sache auf den Grund gehen. Das war er Mr White schuldig – und sich selbst. Wenn er nicht herausfand, was hinter dem Ganzen steckte, würden sie ihn zur Schlachtbank zerren.“ (S. 184) 
Skandinavische Autoren wie Henning Mankell, Hakan Nesser, Stieg Larsson und zuletzt der Däne Jussi Adler-Olsen sind seit den 1990er Jahren aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Mit Jens Henrik Jensen hat dtv, wo auch die Werke von Adler-Olsen verlegt werden, einen weiteren potentiellen Star an Land gezogen, nachdem dessen „Oxen“-Trilogie in seiner Heimat seit 2012 so erfolgreich gewesen war, dass bereits die Filmrechte verkauft worden sind.
Mit „Das erste Opfer“ erscheint nun der erste Teil der Trilogie um den Ex-Elitesoldaten Niels Oxen auch in deutscher Sprache. Was der höchstdekorierte Elitesoldat bei seinen oft traumatischen Auslandseinsätzen in Bosnien, Afghanistan, im Irak und Kosovo erlebt hat, wird in kurzen Flashbacks zusammengefasst, aber was den Menschen Niels Oxen ausmacht, wird eher durch die Beziehung zu seinem Hund und dem sehr zurückhaltenden und wortkargen Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen deutlich.
Die Erfahrung hat ihn gelehrt, niemandem zu vertrauen, und so dauert es eine Weile, bis er sich der ebenfalls versehrten, ihm zugeteilten Partnerin Margrethe Franck, etwas öffnen kann. Wie die beiden während ihrer spannenden Schnitzeljagd auf immer heiklere Dokumente stoßen, die zu einer im Danehof gipfelnden Machtelite zurückführen, die wie ein Geheimbund seit dem Mittelalter die Geschicke des Landes beeinflusst hat, liest sich wie ein politischer Actionthriller, bei dem die sympathischen Protagonisten einem gewaltigen Komplott auf der Spur sind, das bis in die höchsten politischen Kreise führt.
Bei der turbulenten und temporeichen Suche nach weiteren Spuren und Beweisen bleibt die Charakterisierung vieler Figuren eher skizzenhaft. Allein bei Oxen und Franck hat sich der Autor merklich Mühe gegeben, charakteristische Züge zu entwickeln. Weitaus mehr Energie verwendete Jensen darauf, eine Reihe von außergewöhnlichen Todesfällen in einen verschwörerischen Thriller zu betten, in dem es vor allem um Macht, Gewalt und Vertuschung geht.
Auf die nachfolgenden Bände „Der dunkle Mann“ (für März 2018) und „Gefrorene Flammen“ (August 2018) darf man sehr gespannt sein!

Samstag, 2. September 2017

Abstimmen für den Buch-Blog Award 2017

Seit 2009 rezensiere ich an dieser Stelle mit Begeisterung Bücher aus allerlei Genres und Sachbuch-Bereichen, die mich interessieren, faszinieren und verführen, seien es Werke von US-amerikanischen Autoren wie James Lee Burke, Joe R. Lansdale, Stewart O'Nan, Paul Auster, Jonathan Franzen, Cormac McCarthy, Horror-Werke von Stephen King, Clive Barker, Jack Ketchum, Richard Laymon, Joe Hill, Peter Straub und Dan Simmons, skandinavische Krimi-Literatur von Jo Nesbo, Henning Mankell, Jussi Adler-Olsen und Hakan Nesser oder Thriller von John Grisham, Thomas Harris, Michael Connelly, Jefferey Deaver, Karin Slaughter, Simon Beckett, John Niven, Don Winslow, Comics und Fantasy von Walter Moers, Dave McKean und Neil Gaiman, zeitgenössische Autoren wie Andrea DeCarlo, Philippe Djian, Benedict Wells, Adam Davies, Irvine Welsh, Anthony McCarten und Ray Bradbury - dazu Sachbücher aus den Bereichen Film, Musik und Kunst.
Mit meinem Blog habe ich mich nun für die Longlist des "Buch-Blog Award 2017" qualifiziert. Ich freue mich, wenn ihr mich über den folgenden Link für die Shortlist nominieren würdet!
Mamoulians Geschichten für die Shortlist nominieren

John Grisham – „Das Original“

(Heyne, 367 S., HC)
Indem sie sich der Identität eines real existierenden Juniorprofessors für Amerikanistik bedienen und am Tag ihres geplanten Coups für etliche Ablenkungsmanöver sorgen, gelingt den fünf Gaunern Denny, Mark, Trey, Jerry und Ahmed das Kunststück, aus der Firestone Library der Princeton University fünf Originalmanuskripte zu entwenden, darunter F. Scott Fitzgeralds „Diesseits vom Paradies“, „Die Schönen und Verdammten“ und „Der große Gatsby“.
Zwar gelingt es dem FBI, mit Jerry und Mark zwei Mitglieder der Gang festzunehmen, aber die anderen drei Beteiligten und vor allem die Manuskripte bleiben verschwunden. Da die Versicherung in einem halben Jahr fünfundzwanzig Millionen an Princeton zahlen muss, wenn die Manuskripte nicht wieder auftauchen, ist Elaine Shelby mit ihrem Team beauftragt worden, neben dem FBI eigene Ermittlungen anzustellen.
Als die Spur der Manuskripte zu dem Buchhändler Bruce Cable auf Camino Island in Florida führt, heuert sie die Schriftstellerin Mercer Mann an, die seit drei Jahren an ihrem zweiten Roman zu schreiben versucht und die Insel durch ihre vor elf Jahren tödlich verunglückte Großmutter Tessa kennt. Sie soll möglichst nah an Bruce Cable herankommen und herausfinden, ob die Manuskripte tatsächlich in seinem Besitz sind. Da diese Aufgabe fürstlich entlohnt wird, übernimmt Mercer den Job trotz anfänglicher Skrupel, findet aber Gefallen daran, als sie Bruce und seine Frau Noelle näher kennenlernt, die eine sehr offene Beziehung zu führen scheinen. Als Noelle nach Frankreich reist, um neue Antiquitäten für ihr Geschäft auszukundschaften, lässt sich Mercer schließlich auf das Spiel mit dem Feuer ein …
„Er führte ein gutes Leben, hatte eine schöne Frau/Partnerin und besaß ein prächtiges Haus in einer netten Stadt. War er tatsächlich bereit, das alles zu riskieren und wegen Hehlerei gestohlener Manuskripte ins Gefängnis zu wandern?
Wusste er, dass ihm ein professionelles Ermittlungsteam auf den Fersen war? Und dass das FBI nicht weit war? Ahnte er, dass er in ein paar Monaten vielleicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen musste?“ (S. 172) 
An sich ist es mal wieder ganz erfrischend, von John Grisham KEINEN Justiz-Thriller zu lesen. Zwar ist er durch internationale und auch großartig verfilmte Bestseller wie „Die Akte“, „Die Firma“, „Der Regenmacher“, „Der Klient“ und „Die Jury“ berühmt geworden, aber zwischendurch überraschte der examinierte Jurist immer wieder mal mit Romanen, die im Sportmilieu („Der Coach“, „Touchdown“) angesiedelt sind oder das Leben einer Baumwollfarmersfamilie beschreiben („Die Farm“).
Mit „Das Original“ begibt sich Grisham nun in die Welt der Bücher, in den Handel mit seltenen Erstausgaben und Originalmanuskripten. So interessant die Grundidee auch ist, bietet der Roman nur einen recht oberflächlichen Einblick in die Thematik. Der Diebstahl der Manuskripte wird recht kurz abgehandelt, die involvierten Personen nur grob skizziert.
Interessant wird es erst ab dem 2. Kapitel, wenn die Biografie von Bruce Cable rekapituliert wird, der mit dem väterlichen Erbe eine kurz vor dem Bankrott stehende Buchhandlung auf Camino Island erworben und sie mit großem Engagement zu einem florierenden Treffpunkt für Bücherfreunde und Autoren geführt hat, die auf ihren Leserreisen gern Station bei „Bay Books“ machen.
Auch bei der Charakterisierung von Mercer Mann gibt sich Grisham noch einige Mühe, schließlich sind Cable und Mann die wichtigsten Figuren in „Das Original“. Wie sich die beiden allerdings einander annähern, ist leider sehr vorhersehbar und ohne jeglichen Esprit beschrieben. Vor allem das Finale wirkt überhastet konstruiert, als hätte Grisham wie seine weibliche Hauptfigur das Interesse an der Geschichte verloren, so dass er sie nur noch schnell mit einer plötzlichen Wendung zu Ende bringen wollte. „Das Original“ lässt sich zwar flüssig lesen, doch die Figuren und der Plot können dem Vergleich mit Grishams früheren Werken nicht standhalten.
 Leseprobe John Grisham - "Das Original"

Dienstag, 29. August 2017

Tess Gerritsen – „Der Anruf kam nach Mitternacht“

(HarperCollins, 304 S., Pb.)
Sie ist gerade mal zwei Monate mit Geoffrey verheiratet gewesen, da erhält die Mikrobiologin Sarah Fontaine von Nick O’Hara, einem Mitarbeiter des US-Außenministeriums, die Nachricht, dass ihr Mann bei einem Hotelbrand in Berlin bis zur Unkenntlichkeit in seinem Bett verbrannt sei. Die unscheinbare Sarah ist fest davon überzeugt, dass es sich um ein Irrtum handeln muss, da Geoffrey sich in London aufhalte. Nachforschungen ergeben allerdings, dass er aus seinem Stammhotel mit unbekanntem Ziel ausgecheckt hat. Auch der mit seinem Job unzufriedene Nick O’Hara beginnt an der offiziellen Geschichte zu zweifeln, als sein Kumpel aus der IT-Abteilung, Tim Greenstein, herausfindet, dass Geoffrey Fontaine bis vor einem Jahr überhaupt nicht existiert hat und nur bei der CIA eine Akte über ihn existiert.
Sarah nimmt das nächste Flugzeug nach London, um ihren Mann zu finden, den sie noch am Leben glaubt. Und Nick, der bei seinem Chef Ambrose längst unten durch ist und ihm eine ‚längere Auszeit‘ verordnet hat, reist ihr hinterher, weil er nicht nur herausfinden will, was wirklich hinter der Sache steckt, sondern weil der seit vier Jahren geschiedene Mann Gefallen an Sarah gefunden hat. Beide müssen in Europa sehr schnell feststellen, dass Geoffrey Fontaine nicht nur ein Doppelleben mit einer anderen Frau geführt hat, sondern dass sie selbst zur Zielscheibe eines mysteriösen Mannes namens Magus geworden sind …
„In der Dunkelheit war ihr die Erkenntnis gekommen: Sie würde sterben. Mit dieser Sicherheit hatte sich ein seltsamer Frieden über die gelegt, die finale Akzeptanz, dass ihr Schicksal unausweichlich und es hoffnungslos war, sich dagegen wehren zu wollen. Ihr war zu kalt, und sie war zu müde, um sich noch groß darum zu scheren. Nach Tagen des Terrors sah sie ihren eigenen Tod näher kommen und sie wurde ganz ruhig.“ (S. 268) 
Bevor Tess Gerritsen ab 2001 ihre bis heute erfolgreiche Thriller-Serie um Detective Jane Rizzoli und die Pathologin Dr. Maura Isles begann, schrieb sie zunächst eine Reihe von romantischen Thrillern, bevor sie 1996 zu Medizin-Thrillern wechselte. Mit der Wiederveröffentlichung ihres Debütromans „Der Anruf kam nach Mitternacht“ aus dem Jahre 1987 wird deutlich, warum Gerritsen gut daran tat, nach ein paar Jahren das Genre zu wechseln. Zwar ist der Spionage-Thriller flüssig in leicht verständlicher Sprache geschrieben, doch kann sich die Autorin offensichtlich nicht entscheiden, ob sie eine Liebesgeschichte oder einen Spionage-Thriller erzählen will. Der Spionage-Plot ist dabei nur rudimentär ausgeprägt und folgt bis zum vorhersehbaren Finale sämtlichen Genre-Konventionen, ohne interessante Wendungen oder Themen zu verarbeiten. Sehr schnell wird aber die nicht wirklich überzeugende Liaison zwischen Sarah und Nick konstruiert und so sehr in den Vordergrund gerückt, dass die Spionage-Story nur als spannungstreibendes Element fungiert.
Für Gerritsen-Fans dürfte dieses unausgegorene Romantic-Thriller-Debüt nur zur Vervollständigung der Sammlung dienen, aber es lässt zumindest erahnen, dass die examinierte Internistin durchaus Talent zum Schreiben besitzt.

Sonntag, 27. August 2017

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 1) „Zeit der Ernte“

(Heyne, 384 S., Pb.)
Mit seinem Bruder Bailey betreibt der 35-jährige Kriegsveteran Hackberry Holland nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg 1967 eine Anwaltspraxis in einer texanischen Kleinstadt, nahe der mexikanischen Grenze. Doch statt Ölbarone wie R.C. Richardson mit ihren unmoralischen Geschäftspraktiken vor dem Gefängnis zu bewahren, würde er sich eigentlich lieber um seine Farm und Pferde kümmern.
Stattdessen wird er von dem pflichtbewussten Bailey, seiner standesbewussten Frau Verisa, US-Senator Allen B. Dowling und seinen einflussreichen Freunden aus der Öl- und Rüstungsindustrie dazu gedrängt, ein Amt als Kongressabgeordneter in Washington anzustreben. Schließlich hatte schon sein Vater ein politisches Amt bekleidet, er selbst verfügt über einen heldenhaften Ruf als im Koreakrieg verwundeter US-Navy-Sanitäter, der zweiunddreißig Monate in chinesischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat, ohne eines der gefälschten Geständnisse zu unterschreiben, Kameraden anzuschwärzen und zum Feind überzulaufen.
Doch dann erhält Hackberry einen Hilferuf seines alten Kriegskameraden Arturo Gomez, der in Pueblo Verde wegen tätlichem Angriff gegen einen Texas Ranger im Gefängnis sitzt und als Gewerkschaftsmitglied schlechte Karten in dem von Rassendiskriminierung und Wirtschaftsinteressen geprägten Grenzstädtchen hat.
Mithilfe der attraktiven Gewerkschaftsaktivistin Rie wirbelt Hackberry ordentlich Staub in dem erzkonservativen Flecken auf und bringt dabei sowohl seinen Bruder als auch seine Frau und politischen Fürsprecher gegen sich auf. Trotz aller Widerstände gelingt Hackberry jedoch die Bewilligung des Berufungsantrags, doch dann wird Art plötzlich von zwei Schwarzen im Drogenrausch getötet. Sein vom übermäßigen Jack-Daniel’s-Gebrauch und traumatischen Kriegserinnerungen befeuertes Temperament sorgt für weitere gewalttätige Auseinandersetzungen und Probleme …
„Noch nie war ich derart müde gewesen. Ich war körperlich vollkommen entkräftet und fühlte mich, als hätte ich zehn Innings hinter mir und alles Pitches aus meinem Arsenal abgefeuert. In meinem Nacken hatte sich eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase gebildet, die von der Verbrennung durch die Zigarrenspitze stammte, und eine längliche Beule, die sich anfühlte wie ein neu gewachsener Knochen, zog sich dort, wo der Junge mich mit dem Holzriegel erwischt hatte, über die Seite meines Schädels.“ (S. 333) 
Mit „Zeit der Ernte“ liegt endlich der langerwartete erste Teil der Hackberry-Holland-Reihe des aus Louisiana stammenden Schriftstellers James Lee Burke vor. „Lay Down My Sword & Shield“, so der Originaltitel, erschien bereits 1971, wurde aber ein Flop, so dass sich Burke erst einmal mit Gelegenheitsjobs und übermäßigem Alkoholkonsum beschäftigte, ehe er 1987 mit dem Start seiner bis heute erfolgreichen Reihe um den Südstaaten-Sheriff Dave Robicheaux wieder Oberwasser bekam.
„Zeit der Ernte“ führt den Leser zurück ins Jahr 1967. Hackberry Holland fungiert als Ich-Erzähler und rekapituliert zunächst in kurzen Zügen die turbulente Familiengeschichte, ehe er demonstriert, wie er sich von seiner Frau Verisa entfremdet hat und stattdessen seine bösen Erinnerungen an den Koreakrieg mit Jack Daniel’s und Prostituierten betäubt. Im späteren Verlauf der Geschichte werden die Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft detailliert aufgearbeitet, bis dahin lassen sich Hackberrys temperamentvolle Entgleisungen nur vage erklären.
Eindrucksvoll schildert Burke nicht nur die texanische Vegetation und gesellschaftspolitische Atmosphäre, sondern auch den schwierigen Kampf der armen Feldarbeiter für einen gerechten Lohn, gegen die Rassendiskriminierung, die auch nicht bei den Ordnungshütern Halt macht. Die Erzählung wirkt stellenweise etwas sprunghaft, nicht nur in chronologischer Hinsicht, sondern auch in örtlicher und personeller. In schneller Folge wechselt Hackberry von einem Ort zum anderen, hält hier eine Rede vor seinen potentiellen Wählern und lässt wiederum andere sausen. Szenen einer gescheiterten Ehe wechseln mit romantischen Angelausflügen, die Hackberry mit seiner neuen Flamme Rie unternimmt, kurze Besuche in der eigenen Praxis weichen Auseinandersetzungen mit Texas Rangers, die aggressiv gegen Streikposten vorgehen. Das schadet letztlich dem Spannungsaufbau, doch bei aller Sprunghaftigkeit in der Dramaturgie bleibt das Unbehagen über die geschilderten Ereignisse über den ganzen Roman hinweg bestehen.
Es ist erschreckend, wie aktuell die 1971 geschriebene Geschichte heute noch ist, wenn man an die jüngsten Entgleisungen in Charlottesville, Virginia, denkt, wo fackeltragende Neonazis durch die Stadt marschierten, Naziparolen skandierten und ein Auto in eine Menschengruppe raste, wobei drei Menschen getötet wurden – und der US-amerikanische Präsident Trump sich nicht von diesen Extremisten distanzierte. Burke ist sich bewusst, dass seine Romane keine gesellschaftspolitischen Lösungen anbieten, wohl aber welche für das Individuum, wie der Autor in einem aktuellen Nachwort zur deutschen Ausgabe betont. In diesem Sinne ist „Zeit der Ernte“ weniger als klassischer Krimi zu verstehen, sondern eher als Plädoyer für die Menschlichkeit. 
Leseprobe James Lee Burke - "Zeit der Ernte"