Mittwoch, 23. Dezember 2009

Julia Navarro - „Die Bibel-Verschwörung“

(Limes, 637 S., HC)
Als die internationale Presse von einem archäologischen Kongress in Rom berichtet, sind die vier alten Freunde, der italienische Doktor Carlo Cipriani, die spanische Bauunternehmerin Mercedes Barreda, der deutsche Professor Hans Hausser und der Wiener Pianist Bruno Müller, wie elektrisiert, als sie unter den Teilnehmern den Namen Tannenberg entdecken. Seit sechzig Jahren haben sie nämlich nach Alfred Tannenberg gesucht und sich damals geschworen, den Mann, der so viel Leid über sie gebracht hatte, für seine Sünden mit dem Leben bezahlen zu lassen. Sie lassen die junge Archäologin Clara Tannenberg beschatten und finden heraus, dass es sich um die Enkelin des verhassten Mannes handelt, der offensichtlich im Irak lebt.
Dort sucht Clara zusammen mit Professor Yves Picot nach der so genannten Tonbibel – Tontafeln, auf denen ein Schreiber namens Shamas von Erzvater Abraham die Geschichte über die Entstehung der Welt festgehalten haben soll. Während Tannenbergs rachsüchtige Feinde einen Killer auf die Spur des sterbenskranken Mann ansetzen, sind andere Parteien damit beschäftigt, die Tonbibel an sich zu bringen. Doch die Zeit läuft ab. In einem Monat hat der amerikanische Präsident nämlich seinen Einmarsch in den Irak geplant … Der spanischen Autorin Julia Navarro ist bereits mit ihrem Erstling „Die stumme Bruderschaft“ ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen, mit dem sie zunächst Dan Brown von der spanischen Bestsellerliste verdrängte, dann auch international abräumen konnte. Ihr neues Werk ist ein spannender Archäologie-Thriller vor dem Hintergrund des bevorstehenden Irak-Krieges.

Julia Navarro - „Die stumme Bruderschaft“

(Limes, 450 S., HC)
Dass die Erfolge von Bestseller-Autor Dan Brown mit seinen Vatikan-Thrillern „Illuminati“ und „Das Sakrileg“ bald auf Nachahmer stoßen würden, war abzusehen. So wird das Debüt der spanischen Autorin Julia Navarro auch mit der Tatsache beworben, dass es Dan Brown von Platz 1 der spanischen Bestseller-Liste verdrängt habe. Ähnlich wie ihr amerikanischer Kollege verknüpft sie minutiös recherchierte Fakten mit eigenen Spekulationen zu einem spannenden Thriller.
Als der Turiner Dom, der das Leichentuch Christi beherbergt, mal wieder in Flammen steht, vermutet Kommissar Marco Valoni und seine Kollegen vom Dezernat für Kunstdelikte, dass es ein Geheimbund auf das Grabtuch abgesehen hat. Denn den Flammen fiel ein junger Mann mit herausgeschnittener Zunge zum Opfer. Er weist damit die gleichen Merkmale auf wie schon die Christen von Edessa, wo das Grabtuch nach der Kreuzigung Christi zunächst aufbewahrt und von dort unter größter Geheimhaltung in Sicherheit gebracht wurde. Während Valonis attraktive Kollegin Sofia Galloni im Umkreis des Bauunternehmens Umberto D’Alaqua nach Verdächtigen fahndet, die mit den Renovierungsarbeiten des Doms beschäftigt waren, geht die Journalistin Ana Jiménez Spuren in der Vergangenheit nach. Ihr Verdacht, dass das Grabtuch im Besitz der Templer sei, lässt sich allerdings nur schwer beweisen. Zwei befeindete Geheimbünde schrecken auch vor Mord nicht zurück, um das Geheimnis des Grabtuchs zu bewahren... Packender Geheimbund-Thriller, der geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt und dabei spannende historische Fakten mit modernen Krimi-Elementen vermischt.

Justine Wilson - „Blood Angel“

(Knaur, 414 S., Pb.)
Auch wenn das Cover zu Justine Wilsons „Blood Angel“ vielleicht bewusst an das Artwork der erfolgreichen Geheimbund-Verschwörungs-Thriller-Bestseller von Dan Brown angelegt worden ist, hat der Roman absolut nichts mit den so spannend von Brown kreierten Geschichten zu tun. Stattdessen versucht sie den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse als apokalyptische Schlacht zwischen Dämonen und Engeln auf dem Erdenreich zu schildern.
Da ist auf der einen Seite die Dämonin Asha Bakal, die den erfolgreichen, aber desillusionierten Rock-Musiker Lucas Maddox für sich gewinnen konnte, um mit der mysteriösen Band Trans die Jugendlichen anzuziehen, die ihr auch in jeder Hinsicht bald zu Füßen liegen. Auch Ramsey Doe wird durch einen Hinweis seines Internet-Chat-Freundes Lizardking schnell in ihren Bann gezogen und macht sich auf den Weg in die Wüste, wo das ultimative Konzert stattfinden soll. Auf der anderen Seite versucht Ashas Bruder Kai, ehemaliger Anführer der „guten“ Bruderschaft, mit der Künstlerin Jessamy Shepard sich der wachsenden Macht der Dämonen entgegenzustellen … Leider gelingt es der Autorin nie, dem altbekannten Thema neue Fassetten abzugewinnen. Stattdessen bleiben die Ambitionen der Protagonisten eher undurchsichtig, die Dialoge ersticken in nichts sagenden Plattitüden, die Handlung wirkt dazu wirr und lässt zu keinem Zeitpunkt Spannung aufkommen. So bleibt das Cover leider das einzig Interessante an dem Buch.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Frances Fyfield - „Rabenbrut“

(Hoffmann und Campe, 319 S., HC)
Richard Beaumont, pensionierter Immobilienmakler, genießt seine Freizeit am liebsten mit zwei Dingen, dem Beobachten von Vögeln und dem Malen. Häufig verschlägt es ihn an die steilen Klippen an der Küste von Dover, wo er beiden Leidenschaften gleichzeitig frönen kann. Eines Tages rauscht der Körper einer Frau von weiter oben an ihm vorbei in die Tiefe und schlug fast unbekleidet im Geröll an der See auf. Fasziniert von seinem neuen „Modell“, nimmt Beaumont Zeichnblock und Stift zur Hand und beginnt die Leiche zu zeichnen. Als er bei seinem Tun ertappt wird, kann sich Beaumont an nichts erinnern, wird aber schnell von jedem Verdacht freigesprochen. Zuhause in London verewigt der Maler seine Skizze in Öl, doch wenig später wird das Bild von Steven, dem Bruder der Beaumont-Nachbarin Sarah Fortune, entwendet, die wiederum eigene Nachforschungen über die Herkunft der unbekannten Toten anstellt.
Je näher sie der Wahrheit kommt, umso verwickelter werden die persönlichen Beziehungen zwischen Beaumonts hübscher Ehefrau Lilian und Sarahs Bruder sowie Sarah, ihrem Geliebten Richard Beaumont und dessen neuen Freund, den Gerichtsmediziner John Armstrong … Ungewöhnlicher Krimi mit vielen psychologischen Raffinessen.

Freitag, 18. Dezember 2009

Kenneth J. Harvey - „Die Stadt, die das Atmen vergaß“

(Blessing, 576 S., HC)
Nach der Trennung von seiner Frau Kim verbringt Joseph Blackwood mit seiner Tochter Robin drei Wochen Ferien im pittoresken Fischerdörfchen Bareneed. Doch die Idylle trügt, denn seltsame Dinge geschehen in dem Ort, dessen Bewohner einst vom Kabeljaufischen gelebt haben, aber nach dem Fischfangverbot nun ein spürbar tristes Dasein fristen. Ehemalige Fischer werden von plötzlichen Atembeschwerden erfasst und sterben ohne sichtliche organische Ursachen. Im Meer tauchen nicht nur mysteriöse Wesen wie ein roter Seeskorpion und ein Albinohai auf, sondern auch Jahrzehnte alte Leichen.
Während das Militär bereits eine Seuchengefahr wittert und Bareneed absperrt, erfahren die Einwohner die Veränderungen am eigenen Leib. Josephs Onkel Doug sieht plötzlich eine Meerjungfrau im Wasser, Robin entdeckt im Haus der Nachbarin Claudia deren seit anderthalb Jahren vermisste Tochter Jessica, die Robin in das Reich der Toten verführen will, und Joseph verspürt seltsam aggressive sexuelle Neigungen seiner Frau und der attraktiven Claudia gegenüber … Spannend und virtuos geschrieben, entwickelt der Roman von Beginn an eine unheimliche Atmosphäre und steuert geradewegs auf ein bedrohliches Finale zu.

Liza Marklund - „Prime Time“

(Hoffmann und Campe, 416 S.)
Während Marklunds männliche Kollegen Hakan Nesser und Henning Mankell ihre Kommissare Van Veeteren und Wallander im Kampf gegen das Verbrechen in Schweden ins Rennen schicken, hat Marklund mit der Journalistin Annika Bengtzon längst ihre eigene Heldin geschaffen. In ihrem vierten Abenteuer hat Bengtzon nicht nur um ihre Beziehung mit Thomas zu kämpfen, nachdem sie kurzfristig ihren geplanten Familienurlaub absagen musste, sondern auch einen heiklen Auftrag zu erledigen.
Nach Abschluss der Dreharbeiten zur TV-Serie „Das Sommerschloss“ auf Schloss Yxtaholm wurde nämlich die prominente Moderatorin Michelle Carlsson im Ü-Wagen erschossen aufgefunden. Durch ihre Freundin Anne Snapphane, die bei TV-Plus arbeitet, gelangt Annika ans Set und kann einige der dreizehn bei der Produktion anwesenden Verdächtigen interviewen. Sie bekommt schnell heraus, dass fast jeder von ihnen ein triftiges Motiv für einen Mord an dem Fernsehstar hatte, auch ihre Freundin Anne, die scharf auf den Job der Ermordeten gewesen ist, oder Michelles Manager Sebastian Follin, der kurz zuvor von Michelle gefeuert worden war. Nach einigen Recherchen stößt Annika auf ein Band, das zufällig noch während der Mordnacht im Ü-Wagen mitlief und Aufschluss über den Mord geben könnte. Liza Marklund, die vor ihrer Karriere als Schriftstellerin selbst als Journalistin gearbeitet hatte, liefert mit ihrem vierten Bengtzon-Roman einen interessanten Einblick in die schwedische Medienwelt, einen spannenden Krimi und eine vielschichtige Hauptfigur.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Michael Ridpath - „Fatal Error“

(Hoffmann und Campe, 448 S., HC)
Im Jahre 1999 gründen der ehemalige Wirtschaftsprüfer David und sein charismatischer Freund Guy Jourdan ein erfolgversprechendes Start-up-Unternehmen. Doch ihrer Fußball-Website ninetyminutes.com gehen nach fünf Monaten die finanziellen Reserven aus. Einzig Guys vermögender Vater Tony, der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des Unternehmens ist, kann die Firma noch retten, indem er die Zustimmung für einen Deal mit einer Risikokapitalfirma gibt, was allerdings seinen Aktienanteil erheblich schmälern würde.
Tony lässt seinen Sohn allerdings im Regen stehen. Wenige Stunden später wird Tony auf der Straße tödlich von einem Auto erfasst. In Rückblenden wird deutlich, dass es ungewöhnliche Todesfälle im Jourdan-Clan schon früher gegeben hatte. David erinnert sich dabei vor allem an einen Ferienaufenthalt an der Côte d’Azur im Jahre 1987, als Tony seinem Sohn die Freundin ausspannte und Tonys Frau Dominique sich rächte, indem sie David verführte. Dieser Machtkampf zwischen Vater und Sohn, aber auch die problematische Freundschaft zwischen Guy und David hinterließ seine Spuren bis in die Gegenwart hinein... Spannender Thriller, der erst in den Rückblenden offenbart, auf welchem Pulverfass sich Tony, Guy und David seit dem Sommer von 1987 befunden haben.

Matthew Pearl - „Der Dante Club“

(Hoffmann und Campe, 480 S., HC)
Ein grausamer Mord erschüttert Boston im Jahr 1865. Der ehrenwerte Oberrichter Artemus Prescott Healey wird von seiner Haushälterin nackt und von Maden, Würmern und Fliegen angefressen im Garten aufgefunden, wobei er während des vier Tage andauernden Todeskampfes miterleben musste, wie ihn die exotischen Insekten von innen her auffraßen. Wenig später findet man den antikatholischen unitaristischen Reverend Elisha Talbot ähnlich bizarr ermordet vor: Kopfüber in einem Loch des Kellerdurchgangs seiner Kirche aufgeknüpft, wurden seine Füße in Brand gesteckt, bis der Geistliche einem Herzinfarkt erlag.
Während die Polizei bei ihren Ermittlungen weitgehend im Dunkeln tappt, ahnt nur ein elitärer Zirkel um den Dichter Henry Wadworth Longfellow die Hintergründe der Verbrechen. Zusammen mit dem Verleger J.T. Fields, dem Dichter James Russell Lowell und dem Arzt und Autor Dr. Oliver Wendell Holmes gehört er zum Dante Club, der sich zum Ziel gesetzt hat, Dantes „Göttliche Komödie“ dem amerikanischen Publikum zugänglich zu machen. Nur der Dante Club erkennt, dass die Morde auf Dantes Schilderungen bestimmter Höllenqualen beruhen. Um nicht selbst der Verbrechen verdächtigt zu werden, machen sich die Übersetzer von Dantes Werk selbst auf die Suche nach dem Mörder... Matthew Pearl hat die wahren Probleme bei der Einführung Dantes durch den Dante Club in Amerika zu einem höchst spannenden Krimi verwoben, der stark an die Suche nach Jack The Ripper erinnert und ein wohliges Schaudern hervorruft.

Colin Harrison - „Havana Room“

(Hoffmann und Campe, 448 S., HC)
Bill Wyeth gehört eindeutig zu den Typen auf der Überholspur des Lebens. Als erfolgreicher Anwalt in einer bekannten New Yorker Kanzlei lässt er es sich auf der Sonnenseite des Lebens mit seiner Frau und seinem geliebten Sohn Timothy gut gehen. Bis Timothy seinen achten Geburtstag feiert, Bill aber erst nachts nach Hause kommt und versehentlich für den Tod eines der dort übernachtenden Kinder verantwortlich wird. Bill fällt daraufhin in ein tiefes Loch, wird von seiner Frau verlassen und aus der Firma geschmissen.
Er sucht sich eine Bruchbude in den schlimmeren, anonymeren Gegenden der Stadt und treibt ziellos durch sein verpfuschtes Leben. Regelmäßig kehrt er aber in ein schickes Steakhaus ein, wo die Reichen und Berühmten der Stadt einkehren, wo er Tag für Tag Tisch 17 im hinteren Teil des Ladens besetzt, die Leute beobachtet, vor allem aber von der schönen, selbstbewussten Geschäftsführerin Allison fasziniert ist, mit der er bald ins Gespräch kommt. Sie vermittelt ihm einen zwielichtigen Immobilien-Deal, der unbedingt bis Mitternacht abgeschlossen werden muss. Dafür würde er Zugang zum mysteriösen „Havan Room“ bekommen, das zu unregelmäßigen Zeiten von einer erlesenen Auswahl an Leuten frequentiert wird. Bill lässt sich auf den Deal ein, obwohl er das Gefühl nicht loswird, dass sein Mandant, der imponierende Jay Rainey, dabei übers Ohr gehauen wird. Damit beginnt Bills Ärger aber erst richtig, denn noch in derselben Nacht muss er sogar mit anpacken, um die gefrorene Leiche eines von Jays Arbeitern vom gerade verkauften Grundstück zu entsorgen… Als stilsicherer Erzähler führt Colin Harrison den Leser auf eine rasante Achterbahnfahrt eines Albtraums, der für Bill Wyeth kein Ende zu nehmen scheint. Der etwas an Tom Wolfes Bestseller „Fegefeuer der Eitelkeiten“ erinnernde Roman liest sich witzig, spannend und äußerst schnell.

Patricia Cornwell - (Kay Scarpetta: 12) „Die Dämonen ruhen nicht“

(Hoffmann und Campe, 463 S., HC)
Nachdem die von vielen Kollegen fast heldenhaft verehrte Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta in Virginia ihren Job losgeworden ist, hat sie sich in Florida als private Beraterin selbstständig gemacht und versucht so, auch Abstand von den traumatischen Erlebnissen der jüngeren Vergangenheit zu gewinnen, vom Tod ihres Liebhabers Benton Wesley, der einst als FBI-Profiler eine echte Koryphäe gewesen ist, und von Jean-Baptiste Chandonnes Mordanschlag auf ihre Person. Doch der Tod von Benton Wesley war nur vorgetäuscht. Unter Mithilfe von Scarpettas Nichte, der ebenfalls aus dem polizeilichen Dienst ausgetretenen Lucy Farinelli, und Scarpettas geschätzten Freund Pete Marino ist Wesley offiziell und auch für Scarpetta bei einem Brand ums Leben gekommen.
Tatsächlich fristet er nun als Tom Haviland ein anonymes, extrem einsames Leben, hat aber noch eine Rechnung zu begleichen… Während Scarpetta an der National Forensic Academy den abschließenden Kurs des Jahrgangs 2003 betreut, hat ein Serienmörder in Baton Rouge, Louisiana, bereits zehn Frauen in den vergangenen vierzehn Monaten entführt und gefoltert.
Sie spricht Nic Robillard, eine der Lehrgangsteilnehmerinnen, auf den Fall an, da diese aus Baton Rouge stammt, und versucht durch sie, nähere Informationen über den Fall zu bekommen. Sie ahnt nicht, dass Jean-Baptiste Chandonnes Bruder Jay Tally hinter den Entführungen der Frauen steckt, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit Kay Scarpetta aufweisen. Chandonne, der im Todestrakt des Gefängnisses von Polunsky in Texas sitzt, verspricht Scarpetta Hinweise auf den Fall, wenn sie ihm einen Gefallen tut: sie persönlich soll ihm die Todesspritze geben…
Faszinierender Psycho-Thriller mit interessanten, gut gezeichneten Charakteren und überraschenden Handlungsverläufen!

Patricia Cornwell - „Insel der Rebellen“

(Hoffmann und Campe, 480 S., HC)
Nach einem Streit mit seiner Ehefrau verbringt Moses Custer die Nacht in seinem Peterbilt-Sattelschlepper auf einem Obst- und Gemüsemarkt am Stadtrand von Richmond. Als um vier Uhr morgens eine hübsche junge Frau an das Autofenster klopft um Hilfe bei ihrem liegen gebliebenen Auto bittet, bezahlt er seine Hilfsbereitschaft mit dem Tod. Was auf den ersten Seiten in Cornwells neuem Buch geschildert wird, liest sich zunächst wie der Auftakt einer Vampir-Horror-Story, doch Unique First, die Lady, die Moses Custer auf bestialische Weise umbringt, ist kein Vampir, sondern Teil einer Gruppe von Highway-Piraten, die es vor allem auf Lastwagen und Trucks abgesehen haben.
Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, lässt Virginias Gouverneur Bedford Crimm IV Radarfallen auf der abgeschotteten Insel Tangier errichten, die sich aber durch diese Anordnung nur provoziert fühlt und kurzerhand den dubiosen Festland-Zahnarzt Dr. Faux kidnappt. Superintendent Judy Hammer, die die Entführung ihres geliebten Katers zu verdauen hat, und ihr engagierter Trooper Andy Brazil versuchen, mit den ungewöhnlichsten Mitteln, der eskalierenden Situation Herr zu werden. Doch die Rechnung haben sie weder ohne die Highway-Piraten noch das aufgebrachte Inselvolk gemacht… Nicht so spannend wie ihre Kay-Scarpetta-Romane, aber unterhaltsam und witzig schildert die Thriller-Bestseller-Autorin politische Intrigen und die Eigenartigkeiten kleinstädtischer Bürgerlichkeit.

Patricia Cornwell - „Wer war Jack the Ripper?“

(Hoffmann und Campe, 414 S., HC)
Zuletzt versuchten die Hughes-Brüder mit „From Hell“, einer Adaption des Comics von Alan Moore, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer der mysteriöse Killer gewesen ist, der 1888 in London fünf Frauen auf bestialische Weise umgebracht hat und als Jack the Ripper bezeichnet wurde. In den vergangenen hundert Jahren sind immer wieder neue Theorien über die Identität des ersten Serienmörders in Umlauf gebracht worden, doch stichhaltig bewiesen konnte noch keine davon. In gewisser Weise ist Patricia Cornwell fast dazu prädestiniert gewesen, den schillernden Spekulationen ein Ende zu bereiten. Schließlich war die erfolgreiche Thriller-Autorin Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia und hat mit der Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta eine sympathische Serienheldin geschaffen.
Mit ihren Kenntnissen in der modernen Forensik hat Cornwell nun die historischen Beweise und Indizien minutiös unter die Lupe genommen und festgestellt, dass nur der englische Maler Walter Sickert, ein Schüler von Edgar Degas, als Täter der Whitechapel-Morde in Frage kommt. Die Autorin geht mit einem Team von Spezialisten dem Leben von Walter Sickert und seinen Werken auf den Grund und beschreibt ihre Entdeckungen halb als Thriller, halb als Dokumentation. Abbildungen von Fotos, Briefen und Zeichnungen runden das „Portrait eines Killers“ – so der Untertitel – gelungen ab.

Jilliane Hoffman – „Vater unser“

(Wunderlich, 572 S., HC)
Seit fast einer Woche arbeitet Georgia Adams in der Nachtschicht der Notrufzentrale, als sie um Viertel vor fünf morgens den beunruhigenden Anruf eines kleines Mädchens annimmt, das leise schluchzend um Hilfe bittet und vermutet, dass „er“ zurückkommt. Dann ist es still in der Leitung. Als ein Streifenwagen vor dem entsprechenden Haus vorfährt, aus dem der Notruf kam, entdecken die Streifenpolizisten ein grausames Blutbad. Jennifer Marquette und ihre drei Kinder Emma, Danny und Sophie liegen ermordet in ihren Betten, Dr. David Marquette hat als Einziger das Massaker überlebt und wird auf die Intensivstation ins Krankenhaus gebracht. Er gilt schnell als Hauptverdächtiger, der sich als Chirurg die lebensgefährlichen Verletzungen selbst zugefügt haben soll.
Der resoluten Staatsanwältin Julia Valentine wird der Fall übertragen. Als sie das Band von dem besagten Notruf abhört, wird der Verdacht gegen den jungen Chirurgen untermauert. Doch bei der Suche nach einem Motiv und eindeutigen Beweisen tun sich die Ermittler schwer, allerdings entpuppt sich das Sperma auf Jennifers Nachthemd nicht als das ihres Mannes. Problematisch wird der Fall vor allem dadurch, dass Marquette französischer Staatsangehörigkeit ist und die Franzosen den Angeklagten vor der befürchteten Todesstrafe bewahren wollen. Dieser plädiert zudem auf Unzurechnungsfähigkeit, weil er schizophren sei …
Nach ihren ersten beiden Thrillern um den „Cupido“-Mörder William Bantling und die Staatsanwältin C.J. Townsend ist Jilliane Hoffman mit ihrem neuen Thriller zwar ihrer Heimat Miami treu geblieben, hat aber das spektakuläre Familienmassaker mit neuen Protagonisten besetzt. Dabei hat auch die neue Staatsanwältin eine Vergangenheit aufzuarbeiten, die ihr bei dem Fall in die Quere kommt. Außerdem spielen politische Ambitionen ebenso eine Rolle wie die interessante Frage nach der psychischen Struktur des Täters. Immer wieder tauchen neue Erkenntnisse und Vermutungen auf, die es bis zum Schluss offen halten, ob Marquette tatsächlich schizophren ist oder ein geschickter Blender … Hoffman erweist sich dabei erneut als souveräne Spannungsautorin, die zunächst einen interessanten Fall konstruiert und den Leser anschließend mit den Tücken des amerikanischen Justizsystems vertraut macht.

Jilliane Hoffman – „Morpheus“

(Wunderlich, 400 S., HC)
Vor über drei Jahren versetzte der als „Cupido“ bekannte Serienkiller William Bantling ganz Miami in Angst und Schrecken. Doch Staatsanwältin C.J. Townsend, die zwölf Jahre vor der Mordserie in New York selbst Opfer einer Vergewaltigung durch Bantling wurde, setzte vor Gericht die Todesstrafe gegen Bantling durch, obwohl dieser erst durch einen anonymen Tipp und eine unrechtmäßige Fahrzeugkontrolle gefasst werden konnte.
Doch der Fall scheint noch nicht ganz abgeschlossen. Victor Chavez, der Streifenpolizist, der Bantling damals festgenommen hatte, wird bei einem Einsatz die Kehle durchgeschnitten, und zwar so grausam, dass er an seinem eigenen Blut erstickt, außerdem wird ihm die Zunge herausgeschnitten. Wenig später wird auch Chavez‘ Kollege, Officer Bruce Angelillo, hingerichtet, dann der City-Cop Sonny Lindeman. Die Presse hat für den Cop-Killer schnell einen Namen parat: „Morpheus“ – der Gott des Schlafes. Eine erste Spur führt zu Roberto Valle, der seit Jahren im Verdacht steht, in vielen seiner Hotels und Nachtclubs Geld zu waschen. Jeder der drei ermordeten Cops arbeiteten in verschiedenen Clubs, die Valle gehören. Während C.J.s Lebensgefährte, der FDLE-Special Agent Dominick Falconetti, in Richtung Drogen und Korruption ermittelt, macht sich bei der Staatsanwältin schnell ein ungutes Gefühl breit, das auf beunruhigende Weise bestätigt wird, als ihr von einem Unbekannten eine kleine Jadeskulptur der drei weisen Affen zugeschickt wird, eine Erinnerung an C.J.s früheres Leben, mit dem sich Bantling so gut auskannte. Ein weiterer Mord und ein Geständnis bringen den „Cupido“-Fall wieder vor Gericht. Wenn damals Beweismittel unrechtmäßig zutage gefördert wurden, droht Bantlings Freilassung …
Mit ihren zweiten Thriller nimmt Jilliane Hoffman den packenden „Cupido“-Fall ihres erfolgreichen Debüts erneut auf und lässt ihre Heldin weiter leiden. Erneut überzeugt die Story mit einer komplizierten Liebesgeschichte und einem spannenden Fall, der viele grausame Morde und interessante Wendungen bietet, aber nicht mehr ganz so stark von der inneren Zerrissenheit profitieren kann, die die Protagonistin in „Cupido“ prägte.

Jilliane Hoffman – „Cupido“

(Wunderlich, 479 S., HC)
Im Juni 1988, vier Wochen vor ihrem New York State Bar Exam, besucht Chloe Larson mit ihrem Freund, dem vielversprechenden Anwalt Michael Decker, am Broadway „Das Phantom der Oper“, um ihren zweiten Jahrestag zu feiern. Doch der Abend wird ein Desaster. Michael erscheint erst zum letzten Akt des Musicals, schenkt seiner Freundin beim anschließenden Essen statt des erhofften Verlobungsrings eine goldene Halskette und schwafelt nur von seiner Arbeit.
Die folgende Nacht verbringt Chloe lieber allein, doch sehr bald bekommt sie ungebetenen Besuch von einem Einbrecher mit Clownsmaske, der sie fesselt und bis zum Morgen vergewaltigt. Als sie aus dem Krankenhaus mit der Nachricht entlassen wird, dass sie keine Kinder bekommen könne, sucht sich Chloe eine neue Wohnung in den North Shore Towers, schmeißt die Anwaltsprüfung, gibt die Beziehung zu Michael auf und nimmt eine Stelle als Telefonistin in einem Hotel an. Doch Chloes Vergewaltiger ist ihr immer noch auf den Fersen …
Zwölf Jahre unterstützt Chloe als Staatsanwältin C.J. Townsend Dominick Falconetti, Special Agent des Florida Department of Law Enforcement, und sein Team in der Sonderkommission „Die Mauer“, die es mit elf vermissten jungen Frauen zu tun hat, von denen mittlerweile neun verstümmelt und tot aufgefunden worden sind. Der Killer hat seine Opfer nicht versteckt, sondern sie für ihre Entdeckung sorgfältig inszeniert, sie aufgeschnitten und ihnen das Herz entnommen, sie auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt und von der Sonderkommission wegen seiner Brutalität den Namen Cupido verpasst bekommen. Bei einer einfachen Verkehrskontrolle geht der Polizei Cupido ins Netz. William Bantling, so sein bürgerlicher Name, hat sein letztes ermordetes Opfer sogar noch im Kofferraum. Als Staatsanwältin C.J. Townsend dem mutmaßlichem Täter vor Gericht begegnet, nimmt sie schockiert die S-förmige Narbe an der Hand des Angeklagten zur Kenntnis und erkennt in Bantling jenen Mann wieder, der sie vor zwölf Jahren so brutal vergewaltigt hatte. Allerdings verjähren in New York Sexualdelikte nach fünf Jahren, so dass Bantling für Chloes Vergewaltigung nicht mehr belangt werden kann. Also macht sie sich auf die Suche nach weiteren Opfern des Vergewaltigers mit der Clowns-Maske, füttert die juristische Online-Datenbank mit entsprechenden Suchbegriffen und stößt tatsächlich auf ähnliche Fälle in anderen Staaten, in denen allerdings auch die Verjährungsfrist zur Strafverfolgung abgelaufen ist. Doch es kommt noch schlimmer. Da Bantlings Fahrzeugkontrolle unrechtmäßig war, droht der Fall vor Gericht durchzufallen. Doch erst als Bantling erkennt, wer die Todesstrafe für ihn beantragt, bekommt der Cupido-Fall eine ganze neue Wendung …
Mit ihrem ersten Thriller ist der ehemaligen stellvertretenden Staatsanwältin Jilliane Hoffman gleich ein großer Wurf gelungen. „Cupido“ überzeugt mit einem spannenden Plot, einer sympathischen Heldin, die zwischen persönlicher Rache und ihrer Verantwortung als Staatsanwältin abwägen muss, und einem wendungsreichen Justiz-Thriller-Setting, das den Leser bis zum Schluss in Atem hält.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Karin Slaughter - (Grant County: 3) „Dreh dich nicht um“

(Wunderlich, 460 S., HC)
Mit ihren ersten beiden Thrillern „Belladonna“ und „Vergiss mein nicht“ hat sich Karin Slaughter verdientermaßen in die erste Liga der Krimi-Autorinnen geschrieben. Auch ihr neues Werk ist wenig zimperlich ausgefallen und stellt die reinste Adrenalinspritze dar. Dabei begegnen uns alte Bekannte. Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton ist gerade mit ihrer schwangeren Schwester Tess unterwegs, als sie zu einem Unfallort gerufen wird.
Auf dem Campus in Heartsdale, Georgia, wird der junge Andy Rosen von seiner Kommilitonin Ellen Schaffer tot aufgefunden. Ein Abschiedsbrief legt Selbstmord nahe, doch in der Nähe des Tatorts wird dann auch Tess brutal überfallen, als sie sich auf die Suche nach einer Toilette begab. Als dann auch Ella Schaffer nach einem vorgetäuschten Selbstmord mit weggeschossenem Kopf aufgefunden wird, versuchen Polizeichef Jeffrey Tolliver und seine Leute eine Verbindung zwischen den drei Fällen herzustellen. Spielten etwa Drogengeschäfte auf dem Campus eine Rolle, oder vielleicht rechtsradikale Parolen am Brückengeländer, wo Andy aufgefunden wurde? Vor allem macht sich Lena Adams, Jeffreys ehemalige Arbeitskollegin und nun bei der Campus-Polizei angestellt, verdächtig, lässt sich auch noch auf den jungen Ethan White ein, der über und über mit Nazi-Zeichen tätowiert ist und ein ellenlanges Vorstrafenregister besitzt. Dann passieren weitere Morde ... Atemberaubend spannend – man tappt bis zum Schluss absolut im Dunkeln und wird mitgerissen in einen Strudel aus Rassismus, Drogensumpf, Gewalt und Leidenschaft.

Karin Slaughter - (Grant County: 4) „Schattenblume“

(Wunderlich, 480 S., HC)
Gerade als die Kinderärztin und Gerichtsmedizinerin Sara Linton ihren Freund, Chief Jeffrey Tolliver, im Büro aufsucht, um ihre Beziehungsprobleme zu erörtern, und der junge Cop Brad Stephens eine Gruppe von Schulkindern durch die Räume des Polizeireviers von Heartsdale führt, stürmen zwei maskierte Gangster ins Revier, knallen den erstbesten Polizisten ab und nehmen die Kinder und alle anderen Personen als Geiseln.
Derweil versuchen Frank, der noch rechtzeitig flüchten konnte, und die gerade erst zum Polizeidienst zurückgekehrte Lena mit Hilfe des Georgia Bureau Of Investigation, die Geiselnahme zu einem unblutigen Ende zu führen und die Motive der Gangster zu ergründen. Die liegen nämlich in der mehr als zehn Jahre zurückliegenden Vergangenheit, als Jeffrey und Sara gerade erst ein Paar wurden und in Jeffreys Heimatstadt Sylacauga ein paar Tage Urlaub machen wollten. Doch der Aufenthalt wird von einigen Morden überschattet, in die Jeffreys bester Freund Robert verwickelt zu sein scheint …
Im vierten, wiederum extrem spannenden und wendungsreichen Abenteuer von Jeffrey Tolliver und Sara Linton erfährt der Leser endlich etwas über den schwierigen Beginn der problematischen Beziehung zwischen den beiden Protagonisten. Und dann verwundert es einen nicht mehr, dass die Ereignisse von 1991 noch immer wie ein dunkler Schatten über den beiden liegt …

Karin Slaughter - (Grant County: 2) „Vergiss mein nicht“

(Wunderlich, 508 S., HC)
Das Wiedersehen zwischen Jeffrey Tolliver, dem Polizeichef der Kleinstadt Heartsdale, und seiner Ex-Frau, der Kinderärztin und Pathologin Sara Linton, auf der Rollschuhbahn wird jäh unterbrochen, als Tolliver zu einem Einsatz direkt vor der Bahn gerufen wird. Dort droht die 13-jährige Jenny den sechzehnjährigen Herzensbrecher Mark Patterson zu erschießen. Bevor es dazu kommt, ist Tolliver gezwungen, das Mädchen niederzustrecken.
Derweil entdeckt Dr. Linton ein Neugeborenes auf der Toilette, auf der ihr zuvor Jenny begegnet war. Doch die Blutanalyse und Jennys Autopsie bringen Schreckliches zutage. Das Kind ist nicht von Jenny, deren Körper nicht nur von selbst zugefügten Schnittwunden übersät ist, sondern die auch brutal vergewaltigt und deren Vagina vor gut einem halben Jahr zugenäht worden ist. Niemand, nicht mal Jennys Mutter oder Sara selbst, die Jennys Ärztin gewesen ist, ahnten etwas von den schrecklichen Leiden des Mädchens. Doch auf der Suche nach Erklärungen tut sich die Polizei schwer. Erst als Tolliver seine alkoholabhängige Mutter im Krankenhaus von Sylacauga besucht und bei einem Treffen mit Highschool-Freunden auf einen Fremden trifft, der auf der Hand die gleiche Tätowierung wie Mark Patterson aufweist, wird das ganze Ausmaß des Dramas deutlich…
Schonungsloser und extrem spannender Kleinstadt-Thriller, der unverblümt die finstersten Abgründe der menschlichen Seele aufzeigt.

Cody McFadyen – „Ausgelöscht“

(Lübbe, 459 S., HC)
Smoky Barrett, Koordinatorin für das US-Bundesamt zur Analyse von Gewaltverbrechen beim FBI, verbringt mit ihrem Lebensgefährten Tommy gerade ein paar unbeschwerte Tage auf Hawaii, ehe sie in Los Angeles schnell wieder der brutale Alltag einholt. Vor dreieinhalb Jahren wurde Smoky Opfer eines abscheulichen Verbrechens, als der Psychopath Joseph Sands ihren Mann Matt zu Tode folterte, sie selbst vergewaltigte und verstümmelte und schließlich ihre Tochter Alexa als Schutzschild benutzte, als Smoky den Peiniger ihrer Familie erschoss.
Doch als wäre dieses Erlebnis nicht schon traumatisch genug gewesen, musste Smoky den Verlust ihrer besten Schulfreundin Annie King betrauern, deren Tochter Bonnie sie schließlich adoptierte. Zurück in L.A. nimmt Smoky als Trauzeugin an der Hochzeit ihrer Freundin und Kollegin Callie Thorne teil, als Smoky eine beunruhigende SMS mit der Botschaft „Ich bin ganz nah. Und ich habe ein Geschenk für Sie, Special Agent Barrett“ erhält. Wenig später fährt ein schwarzer Mustang vor und wirft eine halbnackte Frau auf den Asphalt. Wie die Ermittlungen ergeben, handelt es sich um die Polizistin Heather Hollister, die vor acht Jahren spurlos verschwunden ist und von ihrem Mann vor kurzem für tot erklärt wurde, worauf er ihre stattliche Lebensversicherung kassieren konnte. Wie Smokys Team herausfindet, wollte sich Heather vor ihrer Entführung scheiden lassen, so dass ihr Mann nach wie vor als Tatverdächtiger gilt – im Gegensatz zu Heathers Geliebtem Jeremy Abbott, der in derselben Nacht verschwand wie Heather. Mit dem damals ermittelnden Detective Daryl Burns versuchen Smoky & Co Heather zu befragen, doch leider kann sie sich an absolut nichts erinnern. Dafür geraten Smoky und ihr Team selbst unvermittelt ins Visier des Killers, der den meisten seiner Opfer durch Lobotomie jeglicher Erinnerungen und Persönlichkeit beraubt …
Mit Smoky Barrett hat der amerikanische Autor Cody McFadyen eine sympathische Heldin erschaffen, die dermaßen qualvolle Erfahrungen machen musste, an denen die meisten Menschen höchstwahrscheinlich zerbrochen wären. Doch angetrieben von dem starken Verlangen, anderen Menschen das Leben zu retten, zählt sie zu den besten Ermittlern beim FBI und kann sich hervorragend in die Psyche der grausamen Serientäter hineinversetzen. McFadyen schildert die schwierigen Ermittlungen auf extrem spannende Weise und vor allem psychologisch sehr eindringlich und einfühlsam, so dass der Leser nie Smokys aufwühlendes Seelenleben aus den Augen verliert. Wie seine Vorgänger ist „Ausgelöscht“ mit einer hypnotischen Sogkraft ausgestattet, bei dem das grausame Geschehen immer von interessanten wie beunruhigenden Emotionen und Gedanken unterfüttert wird. Diese Qualität macht den vierten Smoky-Barrett-Roman schon jetzt zu einem der absoluten Thriller-Highlights des Jahres!

Dienstag, 15. Dezember 2009

Dan Brown - „Sakrileg“

(Lübbe, 605 S., HC)
Nachdem Robert Langdon, Harvard-Professor für religiöse Symbolologie, in Dan Browns erstem Bestseller „Illuminati“ seinen erfolgreichen Einstand feiern durfte, schaffte es auch sein neues Abenteuer, „Sakrileg“, innerhalb kürzester Zeit auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Schließlich versteht es der amerikanische Autor Dan Brown mit seinen Büchern perfekt, einige der interessantesten Aspekte aus der Kirchen- und Kunstgeschichte in packenden Thriller zu beleuchten. In „Sakrileg“ geht es dabei um nicht weniger als das Bemühen der katholischen Kirche und der ultrakonservativen Sekte Opus Dei, die Heilsgeschichte, wie sie in den vier Evangelien des Neuen Testaments geschrieben stehen, mit allen Mitteln als die einzige Wahrheit zu verteidigen.
Vor allem wird dabei die Prieuré de Sion, die 1099 gegründete Orden der Bruderschaft von Sion, bekämpft, die sich der Behütung des Heiligen Grals verschrieben hat, aber plant, zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr mächtiges Geheimnis zu lüften. Als Langdon nach Paris zu einem Vortrag eingeladen wird, wird mit Jacques Saunière, dem Museumsdirektor des Louvre, der Großmeister des Ordens, ermordet aufgefunden. In den wenigen Minuten, die ihm noch blieben, bis er an der Bauchschusswunde sterben sollte, hinterließ er eine merkwürdige Nachricht. Zusammen mit Saunières Enkeltochter, der Kryptologin Sophie Neveux, macht sich der des Mordes an Saunière verdächtige Langdon auf eine aufregende Schnitzeljagd, bei der sie dem Geheimnis des Heiligen Grals gefährlich nahe kommen…
Sicherlich entsprechen einige von Dan Browns kunsthistorischen und religionsgeschichtlichen Deutungsversuchen nicht immer dem wissenschaftlichen Konsens, aber seine gewagten Thesen regen auf jeden Fall zum Nachdenken und Diskutieren an und sind vor allem in absolut spannende Thriller verpackt.

Minette Walters - „Der Außenseiter“

(Goldmann, 512 S., HC)
Als sich die beiden dreizehnjährigen Mädchen Cill und Lou eines Nachmittags im Mai des Jahres 1970 von drei halbstarken Jungs aus dem Ortszentrum von Highdown, Bournemouth, in den Colliton Park mitnehmen ließen, endete das kokette Spiel der Mädchen damit, dass Cill von den drei Jungen mehrmals vergewaltigt wurde, während die dünnbrüstige Lou verschont blieb. Mit der Freundschaft zwischen den beiden Mädchen war es dann vorbei.
Der Fall wurde der Polizei zwar bekannt, die Täter wurden aber nie gefasst, Cill verschwand daraufhin spurlos … Einen Monat später wird in Bournemouth die 57-jährige Grace Jeffries brutal ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Verdächtigt wurde ihr geistig zurückgebliebener Enkel, der zwanzigjährige Howard Stamp, der bereits in der Schule auffällig gewesen ist und nach einer 36-stündigen Befragung durch die Polizei ein Geständnis ablegte und im August 1971 verurteilt wurde. Die lebenslange Haftstrafe hat Stamp aber nicht vollends verbüßt. Er nahm sich im Gefängnis das Leben. Als dem Anthropologen Dr. Jonathan Hughes dreißig Jahre später die Prozessakten in die Hände fallen, befasst er sich in seinem Buch „Kranke Seelen“ über Justizirrtümer und Fehlurteile auch mit dem Fall Howard Stamp. Die resolute Stadträtin George Gardener ist ebenfalls von der Unschuld Stamps enttäuscht und macht sich mit Hughes gemeinsam daran, den Fall neu aufzurollen. Interessant wird es, als die beiden herausfinden, dass das verschwundene Mädchen von damals, Cill Trevelyan, von der noch immer jede Spur fehlt, mit Howard Stamp und Grace Jeffries befreundet gewesen war. Als das ungleiche Ermittlerpaar eine Verbindung zwischen beiden Fällen herzustellen versucht, kommt es einer raffinierten Intrige auf die Spur … Extrem spannender und psychologisch packender Thriller der britischen Autorin.

Montag, 14. Dezember 2009

Dan Brown - „Diabolus“

(Lübbe, 524 S., HC)
Nach seinen beiden Geheimbund-Thrillern „Illuminati“ und „Sakrileg“, mit denen Dan Brown weltweit monatelang die obersten Plätze der Bestseller-Listen belegte, scheint dem Titel nach auch sein neuster Streich, „Diabolus“, im Milieu geheimnisvoller Bruderschaften zu spielen. Doch „Diabolus“ bezeichnet keine teuflische Sekte, sondern ein Codierungs-Programm, das selbst TRANSLTR, den Super-Computer der kryptographischen Abteilung des US-Geheimdienstes NSA, überfordert. Während dieser geheime Computer bislang innerhalb weniger Minuten jeden erdenklichen Code dechiffrieren und damit schon etliche Anschläge auf die Sicherheit der USA vereiteln konnte, rechnet TRANSLTR nun schon über 18 Stunden an „Diabolus“. Sein Erfinder, das ehemalige NSA-Genie Ensei Tankado, will diesen Code der Allgemeinheit zugänglich machen und so seinen verhassten ehemaligen Arbeitgeber bloßstellen. Bevor er den Entschlüsselungscode jedoch meistbietend verkaufen kann, wird er in Sevilla ermordet.
Die NSA schickt den Fremdsprachenspezialisten David Becker nach Sevilla, um Tankados Ring, auf dem der Code eingraviert ist, in die USA zurückzubringen, doch der Ring ist bereits durch viele Hände gegangen und scheint nicht mehr aufzufinden zu sein. Währenddessen versucht Susan Fletcher, Davids Verlobte und Chefin der kryptographischen Abteilung der NSA, den Mittelsmann ausfindig zu machen, der nach Tankados Tod die Verhandlungen über den Key führt. Dabei stößt sie bald auf eine entsetzliche Überraschung… Auch mit seinem neuen Werk gönnt Dan Brown seinen Lesern keine Atempause. „Diabolus“ ist ein rasanter, packender Thriller, den man ungern aus der Hand legt, bevor man die letzte Seite erreicht hat.

Montag, 7. Dezember 2009

Jeffery Deaver – (Kathryn Dance: 2) „Allwissend“

(Blanvalet, 543 S., HC)
Am Abend des 25. Juni entdeckt ein Streifenpolizist auf dem Highway 1 bei Monterey ein Kreuz am Straßenrand, wie zum Gedenken an einen tödlichen Autounfall – allerdings steht auf dem von roten Rosen umgebenen Kreuz kein Name, dafür aber das Datum des folgenden Tages. Tatsächlich entkommt am nächsten Abend Tammy Foster nur knapp dem Tode, als sie von ihrem Entführer in den Kofferraum eines Wagens gesperrt und das Auto am Strand stehengelassen wurde, wo der Kofferraum allmählich von der Flut überschwemmt wurde. Doch das Wasser stieg nicht so hoch, dass die beliebte Cheerleaderin von der Robert Louis Stevenson Highschool hätte ertrinken können.
Als Kathryn Dance, Kinesik-Expertin des California Bureau of Investigation, zusammen mit Detective Michael O’Neil vom Monterey County Sheriff’s Office die Ermittlungen aufnimmt, führt Tammys Laptop zu einem populären Blog namens „The Chilton Report – Die moralische Stimme Amerikas“, in dem sich Tammy abfällig über einen mutmaßlichen Unfallfahrer geäußert hat, der bereits zwei Mädchen auf dem Gewissen hat, die mit ihm im Auto gesessen haben. Nachdem auch andere User des Blogs über Travis Brigham hergezogen sind, befürchten Kathryn und ihre Kollegen weitere Racheakte von Tammys verleumdetem Mitschüler. Doch der taucht plötzlich mit der Pistole seines Vaters bewaffnet unter. Sorgen macht Kathryn aber auch die Anklage gegen ihre Mutter Edie, der vorgeworfen wird, in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, einem schwerverletzten Patienten Sterbehilfe geleistet zu haben …
Nach „Die Menschenleserin“ legt Jeffery Deaver mit „Allwissend“ den zweiten Roman um seine neue Protagonistin Kathryn Dance vor, die Deavers Hauptermittler-Duo Lincoln Rhyme und Amelia Sachs bereits bei einem Fall ausgeholfen hatte. In „Allwissend“ ist sie aber nicht nur beratend tätig, sondern als leitende Ermittlerin bei einem Fall unterwegs, der sich mit den virtuellen Welten des Internets befasst, Mobbing-Attacken in Online-Foren, Spielsucht bei Online-Rollenspielen und den sozialen Auswirkungen der wachsenden Abhängigkeit Jugendlicher im virtuellen Raum. Deaver schildert die Problematik auch für Laien verständlich und wie gewohnt äußerst spannend mit vielen Wendungen bis zu einem überraschenden Schluss. Sicher nicht der beste Thriller aus Deavers Feder, aber mit Kathryn Dance hat der Bestseller-Autor eine faszinierende Figur geschaffen, die sich nahtlos in die Reihe von Patricia Cornwells Kay Scarpetta , Kathy Reichs Tempe Brennan, Karin Slaughters Sara Linton und James Pattersons Club der Ermittlerinnen einfügt. Interessanterweise gibt es den „Chilton Report“ tatsächlich, und Jefferys Deavers Schwester ist dessen Webmasterin …

Samstag, 5. Dezember 2009

Ethan Hawke - „Aschermittwoch“

(Kiepenheuer & Witsch, 317 S., HC)
Jimmy Heartsock sieht eigentlich wie der geborene Verlierer aus. Das wird ihm selbst sehr deutlich, als er im Auftrag seines Lieutenants einer Frau beibringen muss, dass ihrem Mann bei einer Schießerei der Kopf weggeschossen wurde. Total vollgekifft leiert Jimmy den offiziellen Text ohne jegliche Anteilnahme runter. Schwerer wiegt für ihn allerdings der Umstand, dass er ohne triftigen Grund mit seiner Freundin Christy Schluss gemacht hatte. Dabei war sie das Beste, was ihm in seinem armseligen Leben passiert ist.
Christy macht sich daraufhin schwanger mit dem Greyhound-Bus nach Texas zu ihrer Familie. Jimmy fährt ihr hinterher und macht ihr einen Heiratsantrag, den Christy sogar annimmt. Abwechselnd aus der Perspektive von Jimmy und Christy erzählt, wird der Leser Zeuge einer ganz besonderen Odyssee, die das junge Paar nicht nur durch Manhattan, Cincinatti und New Orleans bis nach Houston führt, sondern auch durch die schwierigen Familienverhältnisse, in denen die beiden aufgewachsen sind, durch die problematische Vergangenheit, durch all ihre Ängste und Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen. Der bekannte Schauspieler Ethan Hawke („Große Erwartungen“, „Gattaca“, „Schnee der auf Zedern fällt“) erzählt in seinem zweiten Roman mit viel Humor und großem Einfühlungsvermögen eine hinreißende Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die sich erst einmal selbst finden müssen, um den Mut für ein gemeinsames Leben aufbringen zu können.

Freitag, 4. Dezember 2009

Jeffery Deaver - (Lincoln Rhyme: 6) „Das Teufelsspiel“

(Blanvalet, 511 S., HC)
Als die sechzehnjährige Geneva Settle in der Bibliothek des Museums für afroamerikanische Kultur und Geschichte in Midtown Manhattan über einem Artikel über die Verfolgung ihres Verwandten Charles Singleton aus dem Jahre 1868 sitzt, wundert sie sich über verdächtige Geräusche. Doch der ihr auflauernde Täter drischt mit seinem Baseballschläger nur auf eine verkleidete Puppe ein, Geneva nutzt das Täuschungsmanöver zur Flucht. Als Amelia Sachs und der vom Hals abwärts gelähmte Kriminalist Lincoln Rhyme von dem Fall erfahren, geht man noch von einer versuchten Vergewaltigung aus, doch die am Tatort gefundene Tarotkarte „Der Gehängte“ lässt auf ein anderes Motiv schließen.
Während der Spurensicherung wird auch der Bibliothekar erschossen. Den Ermittlern wird schnell klar, dass es sich um einen Auftragskiller handelt, der einfach keine Spuren hinterlässt, aber Geneva auch unter Polizeischutz nach wie vor auszuschalten versucht und dabei auch unschuldige Opfer bewusst in Kauf nimmt. Doch je näher die Polizei dem Killer auch auf die Spur kommt, desto mehr wird das tatsächliche Motiv unklar. Erst der an einem späteren Tatort gefundene Diamantenstaub bringt die Ermittler auf die richtige Spur. Doch bis zur Ergreifung des geschickten Täters müssen noch etliche Hinweise verfolgt werden … Gewohnt wendungsreicher, extrem spannender Psychothriller, der zum Ende hin vielleicht etwas übertrieben viele Haken schlägt.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Jeffery Deaver - (Lincoln Rhyme: 7) „Der gehetzte Uhrmacher“

(Blanvalet, 512 S., HC)
Nicht zuletzt durch die kongeniale Verfilmung ihres ersten gemeinsamen Falls „Der Knochenjäger“ mit Denzel Washington als körperlich schwerstbehindertes Ermittler-Genie Lincoln Rhyme und Angelina Jolie als taffe Spuren-Expertin Amelia Sachs ist das Duo auch einer breiten Leserschaft bekannt geworden. In ihrem mittlerweile siebten Fall haben es die beiden mit einem raffinierten Killer zu tun, der sich selbst der „Uhrmacher“ nennt und an den ersten beiden Tatorten an einem Pier und in einer dunklen Seitengasse am Broadway jeweils ein Gedicht und eine Uhr zurückgelassen hat.
Als der Verkäufer der Uhren endlich ausfindig gemacht werden kann, müssen Rhyme und Sachs feststellen, dass der Uhrmacher gleich zehn Exemplare dieser außergewöhnlichen Uhr bestellt hat – doch wo liegt die Verbindung zwischen den Opfern? Zum Glück bekommt das geniale Ermittler-Duo tatkräftige Unterstützung von dem engagierten Neuling Pulaski und Kathryn Dance, einer Spezialistin für Körpersprache. Die Ermittlungen werden aber durch Sachs’ Entdeckung gestört, dass ihr Vater offensichtlich ein korrupter Polizist gewesen ist, weshalb auch sie unter polizeilicher Beobachtung steht, zumal sie vor kurzem noch mit einem Gangster liiert gewesen ist. Doch der Uhrmacher sucht unerbittlich ein Opfer nach dem nächsten auf und verdeckt dabei gekonnt die Spuren zu seinem eigentlichen Ansinnen … Deavers Thriller zählen zu recht zu den besten, die das Genre hervorbringt. Auch „Der gehetzte Uhrmacher“ bietet wieder atemlose Spannung bis zur letzten Seite!

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Jeffery Deaver - (Lincoln Rhyme: 5) „Der faule Henker

(Blanvalet, 480 S., HC)
In einer New Yorker Musikschule stirbt ein junges Mädchen qualvoll durch eine Strangulation, bei der ihre Hände auf dem Rücken gefesselt und ihre Füße mit einem Strick um den Hals verknüpft sind. Obwohl zwei Polizeibeamtinnen den mutmaßlichen Täter in einem Raum ohne Fluchtmöglichkeiten ausmachen können, verschwindet dieser spurlos. Als Amelia Sachs, die gerade ihre Prüfung zum Detective Sergeant abgelegt hat, den Tatort nach Spuren absucht, fallen ihr nicht nur die um exakt 8 Uhr zertrümmerte Armbanduhr des Opfers, sondern auch einige merkwürdige Utensilien auf, die üblichem Zaubereibedarf entstammen. Genau vier Stunden später wird ein Maskenbildner in seiner Wohnung auf einem Tisch zersägt aufgefunden. Diesmal schaffte es der Täter, zwei Schlösser innerhalb kürzester Zeit zu knacken.
Auch diesmal verweist der Mord auf einen typischen Illusionistentrick. Lincoln Rhyme, der querschnittsgelähmte Ermittler, den wir mit Amelia bereits in der Roman-Verfilmung „Der Knochenjäger“ kennen lernen durften, engagiert die junge Zauberkünstlerin Kara zur Unterstützung bei den Ermittlungen. Tatsächlich kann mit ihrer Hilfe der dritte geplante Mord an einer Anwältin am Ufer des Hudson River gerade noch vereitelt werden. Es beginnt ein spannendes Katz- und Mausspiel, bei dem der bald als Erick A. Weir identifizierte Tatverdächtige immer wieder dem Zugriff der Polizei entkommt und sich immer neue Verkleidungen und Tricks ausdenkt. Schließlich scheint auch die Spur zu seinem eigentlich Motiv immer neue Wege einzuschlagen... Raffinierter, gut recherchierter Psycho-Thriller, bei dem Rhyme und Sachs all ihr Können aufbieten müssen, um dem gerissenen Illusionisten auf die Spur zu kommen.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Jeffery Deaver - (Lincoln Rhyme: 4) „Das Gesicht des Drachen“

(Blanvalet, 475 S.,HC)
Genau wie sein Bestseller-Kollege John Grisham ist auch Jeffery Deaver Rechtsanwalt gewesen, bevor er sich ganz der Schreiberei widmete. Spätestens die Verfilmung seines Romans „Die Assistentin“ von Phillip Noyce als „Der Knochenjäger“ mit Denzel Washington in der Rolle des fast vollständig gelähmten Kriminalistik-Genies Lincoln Rhyme und Angelina Jolie als seine Spurensicherungsexpertin Amelia Sachs machte Deaver einem größeren Publikum bekannt.
Mit „Das Gesicht der Drachen“ veröffentlicht er bereits den vierten Roman um das brillante Ermittlerpaar, das auch zum Liebespaar wurde. Diesmal ist Rhyme als Berater für das FBI tätig, die einem gesuchten chinesischen Menschenschmuggler auf der Spur ist, der wegen seiner Fähigkeit, stets unentdeckt zu bleiben, nur als der „Geist“ bezeichnet wird. Rhyme gelingt es zwar, den Anlaufpunkt des Schiffes „Fuzhou Dragon“ im New Yorker Hafen zu ermitteln, doch rechnet er nicht damit, dass der Geist das Schiff in die Luft sprengt und entkommt. Mit brutaler Entschlossenheit macht sich der Geist auf die Suche nach den überlebenden Flüchtlingen. Rhyme und Sachs bleibt nicht viel Zeit, denn nach und nach spürt der Geist seine Opfer auf... Deaver beschreibt mit kriminalistischem Feingefühl und psychologischem Tiefsinn eine aussichtslos erscheinende Suche, bei der Rhyme und Sachs auch private Sorgen zu bewältigen haben.

Freitag, 27. November 2009

Tom Wolfe - „Ich bin Charlotte Simmons“

(Blessing, 791 S., HC)
Tom Wolfe zählt nicht unbedingt zu den produktivsten Schriftstellern. Der preisgekrönte Sachbuchautor erzielte 1987 mit seinem Romandebüt „Fegefeuer der Eitelkeiten“ gleich einen von Brian de Palma verfilmten Hit. Nun liegt mit „Ich bin Charlotte Simmons“ erst sein dritter Roman vor. Der aber hat es in sich. Auf fast 800 Seiten gewährt er tiefe Einblicke in das rege, absolut nicht standesgemäße Treiben auf einer amerikanischen Elite-Uni.
Die junge, überaus strebsame Charlotte Sometimes ist die erste aus dem 900-Seelen-Kaff Sparta in North Carolina, die ein Stipendium für die traditionsreiche Dupont University in Pennsylvania erhält. Doch schon beim Einzug in die Freshmen-Unterkunft wird Charlotte etwas mulmig zumute. Ihre Zimmergenossin Beverly spielt fraglos in einer ganz anderen Liga. Schon früh schleppt sie Jungen ab und schickt Charlotte ins „Sexil“. Dabei wurde ihr von der Resident Assistant Ashley doch gesagt, dass diese Art von „Heimzest“ allgemein ziemlich verpönt sei. Auch das strikte Alkoholverbot wird bei jeder Gelegenheit mühelos umgangen. Während sich die unbedarfte Charlotte in den Waschräumen der gemischten Unterkunft nur noch ekelt, fühlt sie sich bald ziemlich allein und wird so doch empfänglicher für die Annäherungsversuche drei ganz unterschiedlicher Männer. Da ist auf der einen Seite der fast schon berühmte Basketballstar Jojo, der es als einziger Weißer in die Startmannschaft des Teams geschafft hat, seine Aufsätze aber von seinem Tutoren Adam schreiben lassen muss, weil er einfach nichts in der Birne hat. Adam wiederum nähert sich Charlotte als einer der wenigen, wie er glaubt, Intellektuellen auf dem Campus, während Hoyt der allgemeine Mädchenschwarm ist, der schon darum wettet, die Frauen in sieben Minuten rumzukriegen … Tom Wolfe beschreibt seine Charaktere sehr präzise, ebenso das soziale Umfeld und die Gepflogenheiten von Sex, Drugs und Rap. Das ist höchst amüsant zu lesen und kann durchaus als treffendes Portrait der amerikanischen Jugendkultur gelten.

David Schickler - „Fette Klunker“

(Blessing, 288 S., HC)
Dass der Verbrecherbande Floyd, Roger und Henry auf dem Weg zu einem Auftrag, den sie für ihren Boss Honey Pobrinkis ein Bussard in die Windschutzscheibe kracht, mutet schon wie ein schlechtes Omen an. Tatsächlich läuft die geplante Aktion, Honeys Diamantenhändler Charles Chalk wieder die so genannten „Planeten“, eine Reihe von sieben perfekt in Form der sieben 1790 bekannten Planeten geschliffenen Diamanten, abzunehmen, die er Honey geklaut hatte. Als Roger sich an Charles’ heiße Braut Helena heranmacht, schlägt Henry erst Roger zusammen und geht dann selbst mit dem Diamantenkoffer stiften. Auf seiner Flucht macht der 32-jährige Gauner die Bekanntschaft der abgedrehten Grace McGlone, die im Alter von 14 Jahren die Orgasmen ihrer zwei Jahre älteren Freundin überwachen musste und dann wenig später selbst von Reverend Bertram Block in seinem Wohnwagen entjungfert wurde.
Während Honey sich selbst mit seinen Männern an Henrys Fersen, verfolgt Grace ihre ganz eigenen Pläne. Noch an dem Tag, an dem sie Henry kennen lernt, suchen die beiden einen Priester auf, der die beiden traut, damit Henry die gottesfürchtige Grace endlich vögeln kann. Sie nimmt Henry das Versprechen ab, dass sie sowohl Reverend Block als auch Graces Jugendfreund Stewart aufsuchen, doch vorher kommt es bereits zur Konfrontation mit den Pobrinkis-Jungs… Schickler ist mit „Fette Klunker“ ein rasanter Road-Movie-Roman voller skurriler Typen, erfrischendem Humor, netter Prügel-Action und natürlich viel Sex gelungen.

Donnerstag, 26. November 2009

Cees Nooteboom - „Paradies verloren“

(Suhrkamp, 159 S., HC)
Eingerahmt in zwei Zitate aus John Miltons „Verlornes Paradies“ (womit schon mal ein Bezug zum Titel hergestellt wäre), erzählt der niederländische Erfolgsschriftsteller Cees Nooteboom in seinem neuen Roman die Geschichte von Alma, die mit ihrer langjährigen Freundin Almut in Brasilien lebt, wohin ihre beiden Väter nach dem Krieg ausgewandert sind.
Als Alma eines Abends in einem schlimmeren Viertel von Sao Paulo vergewaltigt wird, unternehmen die beiden Freundinnen eine Reise in das Land ihrer Kindheitsträume, Australien, wo sich Alma in einen Aborigines-Künstler verliebt und durch ihn in die Geheimnisse der Traumzeit eingeführt wird. Schließlich reisen die beiden Frauen nach Perth, wo Alma an einem Angel Project teilnimmt, sich als Engel verkleidet und an einem bestimmten Ort darauf wartet, von den Besuchern entdeckt zu werden. Vor allem der holländische Literaturkritiker Erik Zondag, der in Perth Abstand zu seinen Alltagsproblemen zu gewinnen sucht, ist von der Engelsgestalt besonders angetan und bringt so auch Alma ins Leben zurück … Wundervoll poetischer Roman über die Macht der Phantasie und die Magie der Engel.

Mittwoch, 25. November 2009

Asko Sahlberg - “Die Stimme der Dunkelheit”

(Luchterhand, 256 S., HC)
Der namenlose Ich-Erzähler in Asko Sahlbergs prämierten Debütroman hat sich scheinbar ganz aus der realen Welt verabschiedet. Nachdem er das geerbte Anzeigenblättchen in seiner schwedischen Heimat verkauft und seine Frau Ursula verlassen hatte, wanderte er nach Finnland aus, um dort seine Ersparnisse langsam aufzubrauchen und gelegentlich für einen finnischen Bauunternehmer zu jobben, nur um ab und zu mal was zu tun zu haben.
Er schläft tagsüber, um mit dem Leben der anderen so wenig wie möglich in Berührung zu kommen. Und obwohl er die Anonymität in einer Großstadt gesucht hat, wo ihn niemand kennt, kann er sich doch nicht ganz dem Leben entziehen. Er macht die Bekanntschaft seiner arbeitslosen Nachbarin Karin, einer Dänin, die sich von einem reichen Schweden aushalten lässt und das sexuelle Abenteuer sucht. Und er lernt auch die verzweifelte Anna kennen, die unfreiwillig ihre finnische Heimat verlassen musste und sich aufgrund der Verständigungsprobleme so einsam in Finnland fühlt. Wider Erwarten kümmert er sich um die beiden Frauen, empfindet Sehnsüchte und Anteilnahme und findet letztlich doch seinen Platz im urbanen Treiben der Stadt, die für ihn anfangs nicht mehr als eine Mülldeponie war. Sahlberg schildert eindringlich Empfindungen von Einsamkeit und Mitgefühl und drückt stimmungsvoll das großstädtische Seelenleben unserer Zeit aus.

David R. MacDonald - „Die Straße nach Cape Breton“

(S. Fischer, 352 S., HC)
Nach einigen Autodiebstählen wird Innis Corbett nach Kanada ausgewiesen, obwohl er dort nur die ersten drei Jahre seines Lebens verbracht hatte. Ohne Geld in der Tasche macht er sich auf den Weg zu seinem Onkel Starr, der in einem verschlafenen Nest in den Wäldern von Cape Breton eine kleine Fernsehreparaturwerkstatt unterhält. Schon auf der Reise per Anhalter klaut Innes junge Föhren-Pflanzen, um sie in den Wäldern zum Schutz seiner geplanten Marihuana-Plantage anzubauen.
Es dauert nicht lange, da wird Innis schon wieder auffällig. Ohne rechte Motivation sägt er eine ausgewachsene Föhre in der Nähe seines neuen Zuhauses ab und wird dabei von einem Mann namens Finlay gestellt, der ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Um den Schaden wieder gut zu machen, wird er von Finlays hellsichtigen Vater Dan Rory für einige Jobs eingeplant. Kein Problem für Innes, solange er nach wie vor Zeit findet, sich um seinen großen Traum zu kümmern, den Anbau seiner Marihuana-Plantage. Die Beziehung zu seinem Onkel Starr gestaltet sich indes schwierig. Ohnehin nicht besonders erfreut über die Zwangseinquartierung, wird das familiäre Verhältnis auch noch durch die Claire, einer attraktiven Frau Ende Dreißig, aus dem Gleichgewicht gebracht. Die aufkommenden Verdächtigungen und Rivalitäten zwischen den beiden Männern steuern letztlich auf einen gefährlichen Höhepunkt zu. MacDonald zeichnet seine Figuren psychologisch sehr eindringlich und beschreibt ihre Träume, Ängste und Leidenschaften vor dem Hintergrund einer ebenso geheimnisvollen Landschaft.

Carl-Johan Vallgren - „Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe“

(Insel, 377 S., HC)
Der Titel des neuen Romans des schwedischen Autors Vallgren, der viele Jahre in Berlin gelebt hat, macht neugierig. Was kann an einer Liebe „ungeheuerlich“ sein? Das Rätsel wird schnell gelüftet: Als Doktor Götz in einer unbarmherzigen Winternacht des Jahres 1813 ins prominenteste Bordell Königsberg gerufen wird, soll er gleich zwei Frauen entbinden. Das eine unglückliche Mädchen liegt seit vierzig Stunden in den Wehen und bringt eine Missgeburt zur Welt, ehe sie - erschöpft von der schwierigen Geburt – stirbt: einen verkrüppelten Jungen mit einem riesigen Kopf ohne Ohren und Gehörsinn, verstümmelten Armen und Händen, eigentlich zu einem frühen Tode bestimmt, doch wie durch ein Wunder bleibt das hässliche Kind, Hercule Barfuss mit Namen, am Leben.

Das zweite Kind wird ohne Komplikationen geboren, ein hübsches, groß gewachsenes Mädchen, das auf den Namen Henriette Vogel getauft wird. Die beiden Kinder wachsen gemeinsam auf und lieben sich inniglich. Im Alter von zehn Jahren soll Henriette versteigert werden, nachdem eine Frau des Etablissements bestialisch zugerichtet wurde und die Kunden abschreckt. Die Wege der beiden Kinder trennen sich. Hercule entwickelt unglaubliche Fähigkeiten, lernt mit seinen Füßen Orgel zu spielen und kann vor allem Gedanken anderer Leute lesen. Das macht ihm vor allem in den Augen der Kirche verdächtig. Nach einem Aufenthalt im Irrenhaus kommt Hercule in die Obhut des liebenswürdigen Mönchs Julian Schuster, kann sich dann aus den Fängen der wiederbelebten Inquisition befreien und verdingt sich bei dem Wanderzirkus unter dem Direktor Barnaby Wilson, einem kleinwüchsigen Zyklopen, der wie Hercule die Gabe des Gedankenlesens beherrscht. Von ihm lernt Hercule die Ideen der frühen Sozialisten und die Schätze der romantischen Literatur und Kunst. Das Ziel seiner aufregenden Reise bleibt aber Henriette. Fest davon überzeugt, dass auch sie ihn sucht, hält allein der Gedanke an die Liebe zu ihr, ihn am Leben... Eine bewegende wie turbulente Liebesgeschichte in historisch unruhigen Zeiten!

Samstag, 21. November 2009

José Carlos Somoza - „Die dreizehnte Dame“

(Claassen, 496 S., HC)
Als der arbeitslose Literaturdozent Salomón Rulfo jede Nacht von dem gleichen Albtraum heimgesucht wird, in dem er Zeuge von drei bestialischen Morden in einer Villa wird, vertraut er sich einem Arzt an, der Rulfo sogar begleitet, als die von ihm geträumte Villa in den Nachrichten als Schauplatz eben genau des Verbrechens erwähnt wird, das Rulfo in seinen Albträumen heimsucht. Als er später das Haus noch einmal aufsucht, trifft auf die junge Prostituierte Raquel, deren Träume sie ebenfalls zu dem Haus geführt haben. Bei der gemeinsamen Durchsuchung des Hauses fällt Rulfo auf, dass die ermordete Hausbesitzerin Lidia Garetti ebenso wie er selbst die Dichtkunst liebt.
So richtig mysteriös wird es aber, als Rulfo seinen alten Literatur-Professor César Sauceda aufsucht, dem er einen Zettel zeigt, den er in dem Haus gefunden hat und auf dem ein Vers aus Dantes „Inferno“ geschrieben steht. Sauceda erzählt darauf erschrocken die Geschichte von seinem Großvater, der diesen Zettel geschrieben hat – und von einem Essay, das nachzuweisen versucht hat, dass eine Sekte von dreizehn Damen als Musen Dichter wie Petrarca, Shakespeare, Hölderlin, Milton, Keats, Blake und Borges inspiriert haben sollen, die dreizehnte Dame aber nie erwähnt werden durfte. Mit immer gefährlicheren, geheimnisvolleren Ereignissen konfrontiert, begreift Rulfo, dass er unbedingt die dreizehnte Dame finden muss, um nicht weniger als die Welt zu retten… Wunderbar poetischer Roman um die Macht der Sprache, dazu ebenso geheimnisvoll und spannend!

Freitag, 20. November 2009

Patrick Redmond - „Der Musterknabe“

(C. Bertelsmann, 448 S., HC)
Als der siebzehnjährigen Anna Sidney 1945 in der Londoner Provinz Hepton von ihrem Arzt eröffnet wird, dass sie schwanger sei, kommt eine Abtreibung für sie nicht in Frage. Fest davon überzeugt, dass der Vater des Kindes nach dem Krieg wie versprochen zu ihr zurückkehrt, gewährt ihrem nach dem Schauspieler Ronald Colman benannten Sohn Ronnie all ihre Liebe, auch wenn sie bei der Familie ihrer Verwandten Stan und Vera nicht viel zu lachen hat und Ronnie auch von den Kindern als Bastard bezeichnet wird.
Natürlich wird Annas Hoffnung auf die Rückkehr ihres Geliebten enttäuscht. Um sich und ihren Sohn zu ernähren, nimmt sie einen Job im entfernten Kendleton als Gesellschafterin an und heiratet schließlich den verunstalteten Charles Pembroke, um endlich wieder ihren geliebten Ronnie zu sich holen zu können. Der hübsche wie gescheite Junge hat schon bei seiner Pflegefamilie nichts zwischen sich und seiner Mutter kommen lassen. Nun lernt er mit Susie ein Mädchen kennen, das früh ihren geliebten Vater verlor und von ihrem brutalen Stiefvater Albert missbraucht wurde. Für sie ist ihre Schwester Jennifer das Objekt all der Fürsorge, die sie selbst nie erfahren hat. Sie und Ronnie entdecken eine Seelenverwandtschaft, in der vor allem Ronnie vollkommen aufgeht, die für Susie aber bald zu eng wird. Aber Ronnie hat auch schon früher der Gerechtigkeit mit Gewalt nachgeholfen… Patrick Redmond beschreibt das Böse auf sehr anschauliche, psychologisch fundierte Weise, doch baut sich die Spannung leider nur schleppend auf und leidet etwas unter dem wenig inspirierten Erzählstil.

Leif Davidsen - „Die guten Schwestern“

(Zsolnay, 544 S., HC)
Etwas deprimiert liegt der alternde dänische Sowjetexperte Teddy Pedersen auf seinem Bett in einem Hotel in der slowakischen Hauptstadt Pressburg und sehnt sich nach dem kalten Krieg und dem großen Imperium zurück, als er noch ein gefragter Mann war und zu etlichen Kongressen eingeladen wurde. Diese glorreichen Zeiten sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion passé. Als Teil einer Reisegruppe kehrt er noch einmal in den Osten zurück und wird von einer Frau angesprochen, die sich nicht nur als seine Halbschwester Maria vorstellt, sondern ihm auch zu erzählen versucht, dass sein als längst verstorben gegoltener Vater erst vor einem Jahr gestorben ist.
Offensichtlich ist er geflohen, als seine Vergangenheit in der Waffen-SS publik geworden ist, und hat sich in Kroatien in eine neue Frau verliebt und ein neues Leben begonnen. Zurück in Kopenhagen muss Teddy zudem erfahren, dass seine andere Schwester, Irma, als mutmaßliche Stasi-Agentin namens „Edelweiß“ festgenommen worden ist. Per Toftlund, der von seiner alten Chefin Jette Vuldom für den polizeilichen Nachrichtendienst reaktiviert wurde, übernimmt die Übermittlungen im Fall „Edelweiß“ und folgt verschiedenen Spuren der Familie Pedersen durch verschiedene osteuropäische Länder und sieht sich mehreren Attentaten ausgesetzt, während seine hochschwangere Frau zuhause auf seine Rückkehr wartet… Faszinierender Politthriller, der eine Brücke von den Nazi-Greueln bis zu den aktuellen Krisen im Balkan zieht, aber auch auf sympathische Weise die Protagonisten zeichnet.

Samstag, 7. November 2009

Leslie Silbert - „Der Marlowe Code“

(Blanvalet, 416 S., HC)
Als der englische Dramatiker Christopher Marlowe an einem Frühlingsabend des Jahres 1593 den Jahrmarkt an der London Bridge besucht, lässt er sich von einer seltsamen Alten die Karten legen, wobei ihm ein früher, gewaltsamer Tod prophezeit wird. Doch der selbstbewusste Bühnenautor, der zu den pfiffigsten Spionen seiner Majestät, Königin Elizabeth I., zählt, lässt sich von dieser Prognose nicht beirren. Doch die Wahrsagerin sollte Recht behalten. Gerade als Marlowe herauszufinden versucht, was es mit der geplanten Verschwörung gegen seine Königin auf sich hat, wird er in eine Falle gelockt und ermordet, die Umstände seines Todes verschleiert, so dass die Beweise für die Verschwörung unentdeckt bleiben…
Im heutigen London macht sich ein adliger, die Katze genannter Meisterdieb auf elegante Weise an einem Safe zu schaffen, der ein Jahrhunderte altes Manuskript enthält, doch bevor er seinen Coup genießen kann, wird der Baron gestellt, worauf sich dieser schnell selbst vergiftet. Das Manuskript gelangt in die Hände des smarten Geschäftsmannes Cidro Medina, der es in New York Kate Morgan übergibt, einer früheren Literaturwissenschaftlerin und Renaissance-Expertin, die nun für eine dem CIA zugehörige private Ermittlungsagentur arbeitet. Sie entschlüsselt das geheimnisvolle Manuskript als eine Sammlung von brisanten Spionageberichten, die der britische Spion Thomas Phelippes zusammengetragen hat und auch heute noch von hoher Brisanz ist. Kate macht sich auf den Weg nach London, muss aber schnell feststellen, dass ihr Leben in Gefahr gerät… Vielschichtiger, raffiniert zwischen den Epochen springender Spionage-Thriller mit interessantem historischem Background.

Freitag, 6. November 2009

Ian Rankin - „Die Kinder des Todes“

(Manhattan, 543 S., HC)
Während Detective Inspector John Rebus seine mysteriösen Brandverletzungen an den Händen im New Royal Infirmary in Edinburgh auskuriert, berichtet ihm seine Partnerin Detective Sergeant Siobhan Clarke von einem schrecklichen Fall, bei dem an einer Schule im kleinen Küstenstädtchen South Queensbury zwei Schüler getötet und einer verletzt wurde, während sich der vermeintliche Todesschütze, der ehemalige Soldat Lee Herdman, offensichtlich selbst eine Kugel in den Kopf schoss. Rebus hat zwar mit einer internen Ermittlung zu kämpfen, weil der Gauner Marty Fairstone bei einem Brand in seiner Wohnung ums Leben gekommen war und Rebus ihm nachweislich kurz vorher einen Besuch abgestattet hatte.
Rebus wird wegen Tatverdachts zunächst vom Dienst suspendiert, hilft seinen Kollegen Clarke und Hogan aber bei der Auflösung der Bluttat an der Port Edgar Academy. Man vermutet gemeinhin, dass Herdman seine soldatische Vergangenheit psychisch noch nicht verarbeitet hat, aber es bleibt ein Rätsel, warum er ausgerechnet in den Aufenthaltsraum der Schule ging und die drei Jungs erschießen wollte, von denen James Bell, der Sohn des Parlamentariers Jack Bell, mit einer Schulterverletzung mit dem Leben davonkam. Recht schnell schalten sich allerdings zwei Ermittler von der Royal Army ein, so dass Rebus vermutet, dass mehr hinter dem Fall steckt. Und tatsächlich, bei dem Beziehungsgeflecht der involvierten Jugendlichen und Herdmans zwielichtigem Bekanntenkreis tun sich ganz andere Abgründe auf, die die Tragödie heraufbeschworen haben… Gewohnt spannender, atmosphärisch dicht erzählter John-Rebus-Krimi vom Meister des britischen Krimis.

Ian Rankin - „Die Tore der Finsternis“

(Manhattan, 542 S., HC)
Ehe er sich versieht, muss Detective Inspector John Rebus in Tulliallan die Schulbank des Scottish Police College drücken, nachdem er gegenüber seiner Vorgesetzten, Detective Chief Superintendent Gill Templer, ausgerastet war und sie mit einem Becher Tee beworfen hatte. Zusammen mit fünf weiteren aufsässigen Kollegen aus den Reihen der schottischen Polizei soll Rebus seine Kenntnisse in korrektem Verhalten auffrischen und Teamarbeit lernen. Dafür setzt sie ihr Ausbilder, DCI a.D. Tennant, auf einen älteren, ungelösten Fall an, den Mord an Eric Lomax.
Da Rebus damals bei den Ermittlungen beteiligt gewesen ist, bemüht er sich, die neu aufgenommene Ermittlungsarbeit zu verschleppen und sich auf einen frischen Fall zu konzentrieren, von dem er gerade abgezogen worden war, der Ermordung des Kunsthändlers Edward Marber. Zusammen mit seiner Kollegin Siobhan Clarke sucht Rebus Motive und Beweise und stößt schnell auf den Kriminellen M.G. Cafferty, der sich aber schwer dingfest machen lässt. Je weiter die Ermittlungen von Rebus und Clarke auf der einen Seite, am Fall Lomax auf dem College aber vorangehen, um so mehr treten die Verbindungen zwischen beiden Morden zutage. Als die beiden Detectives schließlich erkennen, dass die Spuren der Mörder nicht nur in Edinburghs Unterwelt führen, sondern bis in die höchsten Polizeikreise, wird die Situation für die Ermittler äußerst brenzlig. Raffinierter und komplexer Krimi um den beliebten Serienhelden John Rebus.

Donnerstag, 5. November 2009

Max Dax/Robert Defcon - „Nur was nicht ist ist möglich. Die Geschichte der Einstürzenden Neubauten“

(Bosworth, 320 S., HC)
Einem international bedeutsamen kulturellen Phänomen wie den Einstürzenden Neubauten kann man sich auf verschiedene Weise nähern, will man ihre aufregende Geschichte in Buchform fassen, als reich bebilderte Biographie, wie sie Neubauten-Intimus Klaus Maeck mit „Hör mit Schmerzen“ vorgelegt hat, als ausführlich kommentierte Diskographie (Kirsten Borchardts „Einstürzende Neubauten“) oder eben als aussagekräftige O-Ton-Collage, wie es jetzt Max Dax und Robert Defcon getan haben. In einem Zeitraum von zwei Jahren haben die beiden engagierten Autoren 49 Einzelinterviews mit den Mitgliedern und Vertrauten der Einstürzenden Neubauten geführt und die ausführlichen Statements nach bestimmten Themenkomplexen sortiert und ohne die einleitenden Fragen kommentarlos neu zusammengesetzt und aneinandergereiht.
So erfahren wir im ersten Kapitel „Ich“, wie die Neubauten-Mitglieder zu ihren außergewöhnlichen Namen kamen, im nachfolgenden „Westberlin“ reflektieren Blixa Bargeld, Alexander Hacke & Co. die wilden Tage und Nächte im Berlin der Achtziger, die von Hausbesetzungen und Atomkriegängsten geprägte Endzeitstimmung. Die Neubauten wollten damals eigentlich keine Musik machen, sondern nur nerven, Interesse erzeugen. Auf über 300 Seiten erfährt der interessierte Leser eine Menge Intimes, Interessantes und Aufschlussreiches aus den Mündern der Macher selbst, über ihre Ansichten, Arbeitsweisen, Tourneen und das Selbstverständnis nach 25 Jahren Einstürzende Neubauten. Einen intimeren Einblick in das Wesen dieser wichtigen Band wird man wohl kaum noch bekommen.

Maximilian Dax & Johannes Beck - „The Life And Music Of Nick Cave - An Illustrated Biography“

(Die Gestalten Verlag, 178 S., Softcover im Großformat)
Bereits der kleine Photo-Band in dem Box-Set zum 93er Live-Album „Live Seeds“ dokumentierte nicht nur die unglaubliche Bühnenpräsenz, die Nick Cave bei seinen Live-Performances ausstrahlt, sondern legte vor allem Zeugnis über die ganz besondere Aura ab, die den charismatischen Künstler stets zu umgeben scheint. Die ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotographien können aus heutiger Sicht als Appetitanreger gedient haben für die längst überfällige deutschsprachige Biographie des australischen Ausnahmemusikers, wobei sich das von Maximilian Dax und Johannes Beck sorgfältig recherchierte und kurzweilig geschriebene Werk durch ein schönes Gleichgewicht von informativem Text und ausdrucksvollen Ganzseiten-Fotos auszeichnet.
Den beiden Autoren war von Beginn an daran gelegen, nicht weiter einer Mystifizierung des Rockstars Nick Cave zuzuarbeiten, sondern seinen Werdegang auch stets im Lichte der Zeit und der besonderen Lebensumstände zu betrachten, die Dinge zu erwähnen, die Cave antrieben und behinderten. Nach dem Vorwort von Johannes Beck bekommt der Leser erst einmal auf sieben durchgehenden Seiten rein visuelle Eindrücke aus Nick Caves Kindheit und Schulzeit vermittelt, und so bietet das großzügig mit über 100 Bildern aus Caves Leben ausgestattete Werk immer wieder Inseln emotional ansprechender Momentaufnahmen, die dem Leser Leben und Werk des außergewöhnlichen Künstlers nahebringen. Der dazugehörige Text schildert nicht nur Stationen von Nick Caves Leben und Werk, sondern bietet in konzentrierter Form auch unterhaltsame Episoden aus seinen Etappen zum Erfolg, setzt sich mit den einzelnen Alben und künstlerischen Einflüssen auseinander, läßt andere Künstler zu Wort kommen und wartet schließlich auch mit einer umfassenden Diskographie und Bibliographie auf und rundet damit ein farbenprächtiges, lustvoll designtes Werk ab, das man immer wieder gern zur Hand nimmt.

Sonntag, 1. November 2009

Douglas Coupland - „Alle Familien sind verkorkst“

(Hoffmann und Campe, 335 S., HC)
Mit seinem 1991 veröffentlichten Debüt „Generation X“ hat der 1961 geborene amerikanische Autor Douglas Coupland nicht nur ein beißend ironisches Portrait der Nach-Baby-Boom-Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen gezeichnet, sondern sich sogleich in den Olymp der Kult-Autoren geschrieben. Wie in seinen nachfolgenden Romanen erweist sich Coupland auch mit seinem neuesten Streich als intelligenter Beobachter der amerikanischen Mittelschicht und ihrer Träume.
Er erzählt die kuriose wie liebenswerte Geschichte der Familie Drummond, deren Mitglieder eigentlich in ganz Nordamerika verstreut sind. Doch zum Weltraumausflug der Contergan-geschädigten Tochter und Schwester Sarah finden sich alle in Cape Canaveral zusammen: Die pillensüchtige, extrem sparsame Mutter Janet, ihr bankrotter Ex-Mann Ted, ihr Sohn Wade, der irgendwie auch immer blank ist und mit dem Gesetz auf Kriegsfuß steht, ihr anderer Sohn Bryan, dessen hysterische Frau mit dem Fantasienamen Shw das gemeinsame Kind abzutreiben gedenkt. Sie alle nehmen allerlei Schwierigkeiten bei ihrer Odyssee nach Orlando auf sich und kommen sich bei aller Hass-Liebe ausgerechnet durch einen deutschen Pharma-Erben wieder näher. Coupland beschreibt diese irrwitzigen Abenteuer so lebhaft und liebenswert, dass einem die schrägen Drummond-Vögel schon nach ein paar Seiten ans Herz wachsen. Die Coen-Brüder sollten sich die Filmrechte sichern.

Daniel Wallace - „Big Fish“

(Knaur, 222. S., Tb.)
Mit Filmen wie „Beetlejuice“ und „Edward mit den Scherenhänden“ hat Regisseur Tim Burton bislang am beeindruckendsten sein Faible für märchenhafte Geschichten in Szene setzen können. In dieser Tradition steht auch sein Film „Big Fish“, der auf dem Roman von Daniel Wallace basiert. Dieser schildert im Gegensatz zu seiner farbenprächtigen Leinwand-Adaption in knappen Sätzen ein wahrlich bezauberndes Märchen, in dem William Bloom seinen Vater erst richtig kennen lernt, als dieser bereits im Sterben liegt.
Bis dahin war das Leben von Edward Bloom eine Aneinanderreihung von unglaublichen Geschichten. Da rettete er einer Meerjungfrau das Leben, indem er ihr eine Giftschlange vom Leibe hielt. Oder er verschonte die kleine Gemeinde Ashland vor dem Riesen Karl, indem Edward ihm beibrachte, Gemüse anzubauen (während er im Film mit dem Karl auf Reisen ging). Bezaubernd auch, wie er das Herz seiner ersten großen Liebe zu erobern versuchte und wie er die Stadt Specter aufkaufte. Die sehr kurze Romanvorlage wurde von Tim Burton weitaus farbenprächtiger, witziger und märchenhafter umgesetzt, die schwierige Vater-Sohn-Beziehung besser herausgearbeitet. Dennoch bietet auch die Romanvorlage ein bezauberndes Lesevergnügen.