Sonntag, 29. März 2009

Kevin Brockmeier - „Die Stadt der Toten“

(Luchterhand, 256 S., Pb.)
Wie mag ein mögliches Dasein nach dem Tod aussehen? Einige afrikanische Kulturen teilen die Vorstellung von drei Kategorien, in die die Menschheit unterteilt werden kann: die Lebenden, die lebendig Toten und die Toten. Die Stadt der Toten ist im Szenario des amerikanischen Schriftstellers Kevin Brockmeier jenes Zwischenreich, in dem die lebendig Toten so lange verweilen, bis sie in den Erinnerungen der noch Lebenden verblasst sind. Hier finden sich alte Freunde und Liebespaare wieder, es gibt Geschäfte, Bistros und überhaupt ein recht munteres gesellschaftliches Leben.
Durch eine als „Blinks“ bezeichnete, schnell um sich greifende Viruserkrankung geraten die Lebenden auf der ganzen Welt urplötzlich in jene Stadt der Toten, deren Grenzen sich ganz von selbst ausdehnen. Die junge Biologin Laura Byrd bekommt von dieser Epidemie nichts mit. Zusammen mit ihren zwei männlichen Kollegen Puckett und Joyce ist sie nämlich im Rahmen einer Marketing-Aktion von Coca-Cola in der Antarktis unterwegs. Als die Funkverbindung zu ihrem Arbeitgeber abbricht, machen sich die beiden Männer auf den Weg zur nächsten Beobachtungsstation, finden diese aber verlassen vor, da auch hier bereits das Virus um sich gegriffen hat. Nach zwei Wochen macht sich Laura auf die Suche nach ihren beiden Kollegen und findet in der Station ein Tagebuch mit Eintragungen, die sie mit blankem Entsetzen erfüllen. Derweil reduziert sich auch die Bevölkerung in der Stadt der Toten auf unerklärliche Weise. Ob es daran liegt, dass es auf einmal immer weniger Menschen gibt, die sich an sie erinnern können? Die wunderbar erzählte Geschichte von den Lebenden und den lebenden Toten wird gerade von Chris Columbus verfilmt und fasziniert vor allem als Auseinandersetzung mit der Erinnerung.

Donnerstag, 26. März 2009

Åsa Larsson - „Sonnensturm“

(C. Bertelsmann, 348 S., HC)
Die psychisch labile Sanna Strandgard findet frühmorgens ihren Bruder Viktor bestialisch ermordet mit ausgestochenen Augen und abgetrennten Händen vor dem Altar der Kirche der Kraftquelle auf. Vor einigen Jahren erlangte Viktor Strandgard Berühmtheit, als er nach einem Unfall mit seinem Fahrrad klinisch tot gewesen ist und nach seiner wundersamen Wiederbelebung als charismatischer Führer und Medienstar drei freikirchliche Sekten zu einer großen gemeinsamen Erweckungsgemeinde zusammengeführt hatte. Sanna bittet ihre alte Jugendfreundin Rebecka Martinsson, die als Steueranwältin in einer bekannten Stockholmer Kanzlei arbeitet, zur Unterstützung herbei.
Bei ihren Ermittlungen, die sie teilweise zusammen mit der hochschwangeren Kommissarin Anna-Maria Mella durchführt, stößt sie nicht nur auf den mächtigen Wirtschaftsapparat, die die gemeinnützige und daher steuerbefreite Kirchengemeinde unter dem Deckmantel des Verlagshauses VictoryPrint unterhält, sondern wird auch mit Ereignissen ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, die sie damals nach Stockholm ziehen ließen. Auf jeden Fall scheucht sie Viktors Mörder so auf, dass sie bald selbst in sein Visier gerät … Das spannende, psychologisch vielschichtige Debüt der schwedischen Autorin wurde als bestes Krimidebüt des Jahres ausgezeichnet und garantiert rasantes Lesevergnügen.

Mittwoch, 25. März 2009

Erik Larson - „Der Teufel von Chicago“

(Scherz, 448. S., HC)
Auch wenn er längst nicht die Berühmtheit von Jack The Ripper, der 1888 im Londoner Whitechapel-Viertel fünf Prostituierte auf grausamste Weise ermordet hatte, erreichen sollte, darf man Dr. Herman W. Mudgett als einen der gerissendsten Serienmörder bezeichnen, den die Welt je erlebt hat. 1886, also in dem Jahr, als Sir Arthur Conan Doyle erstmals seinen berühmten Detektiv präsentierte, nahm Mudgett den Namen Holmes an und wurde 1895 wegen mehrerer Morde zum Tode durch den Strang verurteilt.
Auch wenn der Titel des Buchs und der Text auf der Buchrückseite annehmen lassen, dass hier die Geschichte des Serienkillers erzählt wird, belehrt einen bereits der Klappentext eines besseren. Der „Time Magazine“-Autor Erik Larson beschreibt nämlich in erster Linie das Ringen um die Weltausstellung, die 1889 in Paris für Furore gesorgt hatte und 1893 nun in Amerika neue Maßstäbe setzen soll. Nachdem Chicago das Rennen um die Ausrichtung für sich entscheiden konnte, sorgen der berühmte Architekt Daniel Burnham und seine Kollegen für ein schillerndes Wunder, das bald nur noch „die Weiße Stadt“ genannt wird. Innerhalb von nur drei Jahren Bauzeit entstehen prachtvolle Plätze und Gebäude, ziehen unzählige Männer und Frauen nach Chicago, um dort im Rahmen der Ausstellung Arbeit zu finden. Bei diesem gewaltigen Menschenstrom fällt es überhaupt nicht auf, dass immer wieder junge Frauen spurlos verschwinden… Larsen hat akribisch recherchiert, um eine spannende Geschichte rund um die Weltausstellung und Amerikas ersten Serienkiller zu stricken. Schade nur, dass dem Killer dabei so wenig Platz eingeräumt wird und die Portraits der Stadt Chicago und ihrer Erbauer so im Mittelpunkt stehen.

T.C. Boyle - "Dr. Sex"

(Hanser, 471 S., HC)
Pünktlich zum Filmstart von "Kinsey" erscheint auch die deutsche Übersetzung von T.C. Boyles "Inner Cirlcle", der in spannender wie erregender Romanform die Karriere des Zoologen (mit dem Spezialgebiet Gallwespen) Alfred C. Kinsey (1894 bis 1956) rekapituliert. Die von Kinseys fiktivem Mitarbeiter John Milk aufgezeichnete Geschichte beginnt 1939 mit Kinseys harmlos klingender Uni-Vorlesung "Ehe und Familie", zu der aber nur Verlobte Zutritt hatten, und dokumentiert vor allem die aufreibende, minutiös gewissenhaft durchgeführte Dokumentation des amerikanischen Sexuallebens, für die Kinsey und seine Mitarbeiter in den 40ern durch Amerika reisten, um allen möglichen Orten die Sexualpraktiken von Strichern, Hausfrauen, Studenten, Vertretern, Prostituierten etc. anhand standardisierter Interviews zu erforschen, um sie dann in den beiden Aufsehen erregenden Bänden "Das sexuelle Verhalten des Mannes" (1948) und "Das sexuelle Verhalten der Frau" (1953) darzulegen.
Dabei wird schon anhand der Sexualgeschichte von John Milk deutlich, wie es um die Sexualmoral der Amerikaner in der Zeit vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stand. Kinsey selbst lebte die freizügige Moral, für die er kämpfte, ebenso frei aus, unterhielt mit Milk und anderen Mitarbeitern "H-Geschichten" aus, überließ es seiner Frau Mac, Milk in die Freuden heterosexueller Liebe einzuführen, und erfreute sich vor allem daran, Pärchen beim Sex hinter Kleiderschranktüren zu beobachten - alles für die Wissenschaft. Doch Boyle ist mit seinem Roman nicht darauf aus, den Sex zu entmystifizieren. Vielmehr schildert er eine spannende Biografie und die aufzubrechende verklemmte Sexualmoral an der Schwelle zu einer neuen, freizügigeren Auffassung der menschlichen Sexualität.

Freitag, 20. März 2009

Julie Garwood - „Ein mörderisches Geschäft“

(Ullstein, 511 S., HC)
Drei Tage nach der Geburt ihrer Tochter Avery machte sich die soziopathische Jilly Delaney auf und davon, während Avery von ihrer Großmutter Lola und ihrer Tante Carolyn aufgezogen wurde. Im Alter von elf Jahren wird Avery aber von ihrer Mutter und ihrem Begleiter angeschossen und für tot gehalten, während Grandma tatsächlich getötet wurde.
Mittlerweile hat sich Avery beim FBI verdingt, zwar nicht als Agentin, sondern nur als Typistin, aber schon bald muss sie echte Agentin-Qualitäten unter Beweis stellen, als ihre Tante Carrie bei einem Besuch auf der Wellness-Farm Utopia, zu der Carrie auch Avery eingeladen hat, gekidnappt wird. Schnell findet sie heraus, dass sie zusammen mit einer Richterin und einer anderen Frau in einem Haus in den Bergen von Colorado in der Nähe von Utopia von ihrer tot geglaubten Mutter Jilly und dem Auftragskiller Monk gefangen gehalten wird. Zum Glück ist auch der ehemalige CIA-Agent John Paul dabei, Monk auszuschalten. Gemeinsam müssen sie einen raffinierten Plan entwickeln, der wahnsinnigen wie rachsüchtigen Jilly und ihrem hörigen Liebhaber das Handwerk zu legen … Spannender Psycho-Thriller um einen „weiblichen Hannibal Lecter“, psychologisch aber längst nicht so ausgefeilt wie die großartige „Hannibal“-Trilogie von Thomas Harris. Für einen kurzweiligen Lesethrill langt es aber allemal.

Henning Boëtius - „Rom kann sehr heiß sein“

(btb, 284 S, HC)
Der Kommissar Piet Hieronymus ist so etwas wie das holländische Pendant zum seinem schwedischen Kollegen Kurt Wallander. Hieronymus war einst praktizierender Psychologe und arbeitet seit einigen Jahren als Sonderermittler bei der Groninger Polizei. Er wird immer dann herbeigerufen, wenn Landsleute im Ausland in kriminelle Handlungen verstrickt werden und die örtlich ansässigen Ermittler Probleme mit ihrer Arbeit haben. In seinem neuen Fall macht er sich auf die Suche nach seiner Freundin Dale Mackay, einer schottischen Kollegin, die er bei seinem letzten Fall „Das Rubinhalsband“ kennen- und liebengelernt hat.
Zunächst verschwindet seine Mutter aus dem Pflegeheim, dann taucht Dale für zwei Tage auf, bevor sie nach Bern zu einem Italienischkurs weiterreist. Dort trifft sie zwar ein, scheint sich dann aber direkt weiter nach Italien zu begeben, wo sich ihre Spur verliert. Hieronymus pfeift sogar auf seinen Job, um Dale in Rom zu finden, wo auch sein verstorben geglaubter Vater im Krankenhaus mit dem Tode ringt. Dort stößt er auf eine Gruppe von Wissenschaftlern und Ordensträgern, die die Genforschung bis zum Klonen von Menschen vorangetrieben haben.
Im Gegensatz zum eher nüchternen Stil Mankells versteht es Boëtius hervorragend, nicht nur die wissenschaftlichen Fakten um das Klonen und seine moralische Problematik hervorzuheben, sondern vor allem seinen Figuren eine psychologische Vielschichtigkeit zu verleihen, die die Lektüre des Romans zum reinen Lesegenuss machen.

Montag, 16. März 2009

Anne Rice - „Vittorio“

(Fischer, 334 S., Tb.)
Mit ihrer „Chronik der Vampire“ und dem verfilmten Welterfolg ihres Bestsellers „Interview mit einem Vampir“ hauchte die Schriftstellerin aus New Orleans dem langlebigen Vampir-Mythos frisches Blut ein. Seither hat die beliebte Autorin unzählige Vampir-Romane verfasst, die den Vampir als äußerst fragiles und verletzliches Wesen mit romantischen Zügen und verzweifelten Sehnsüchten darstellten und nicht als blutrünstiges Monster, dessen Dasein man mit den ausgefallensten Methoden ein Ende bereiten muss.
Das Setting ihres neuen Romans „Vittorio“ versprach eigentlich, diesem Thema neue Aspekte verleihen zu können, denn er erzählt die Geschichte des gerade mal 16-jährigen Vittorio, der im Florenz der blühenden Renaissance zum Vampir wird, nachdem eine ganze Horde von Vampiren des Blutroten Grals den Hof seiner reichen Familie vernichtet. Auf seinem Rachefeldzug gegen die Peiniger seiner Familie verfällt er allerdings der schönen Vampirin Ursula... Leider versteht es Anne Rice nie, den Leser mit ihrer unspektakulären Geschichte zu fesseln. Nur die Namen Cosimo de Medicis, Filippo Lippis und Donatellos lassen den strahlenden Glanz von Florenz erahnen, viel zu weitschweifig wird der Initiationsritus von Vittorios Vampirweihe geschildert, auch die Dialoge wirken seltsam gestelzt und fremdartig. Da wird man nie wirklich in die Geschichte eingeführt, viel mehr fragt man sich, wann es denn endlich losgeht. Enttäuschend schwache Vorstellung der großen Dame des Vampirromans.

Johler & Burow - „Gottes Gehirn“

(Europa, 320 S., HC)
Kaum ein Thema wird momentan so kontrovers diskutiert wie die Fortschritte in der Gen-Forschung und die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz, die die Biotechnologie vorantreibt. Wo liegen die ethischen Grenzen bei der Verschmelzung von Mensch und Maschine? Bis zu welchem Grad darf sich der Mensch in den natürlichen Entstehungs- und Wachstumsprozess menschlichen Lebens einmischen und damit Gottes Schöpfung manipulieren? Die beiden Schriftsteller Olaf-Axel Burow und Jens Johler, die bereits gemeinsam den Roman „Bye bye, Ronstein“ verfasst haben, nehmen sich dieses hochbrisanten Themas in ihrem neuen Werk „Gottes Gehirn“ auf sehr spannende Weise an, indem sie den aktuellen Stand der wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Genetik, Neurophysiologie und Biotechnologie in einen packenden Thriller verpacken.
Dieser nimmt seinen Anfang in dem furchtbaren Mord an dem berühmten Klimaforscher und Nobelpreisträger John Eklund, der von seiner Frau zuhause mit entnommenem Gehirn und einer blassrosa Naht um den Schädel aufgefunden wird. Bevor der Zukunftsforscher Professor Dr. Ralph G. Kranich seinen Verdacht in diesem Fall mit seinem Freund, dem Wissenschaftsjournalisten Troller, besprechen kann, wird auch dieser ermordet. Damit beginnt eine rätselhafte Mordserie an führenden Wissenschaftlern, die durch den Umstand miteinander verbunden sind, dass sie 1995 alle an einer geheimen Konferenz auf Hawaii teilgenommen haben, die von einem Softwaregiganten gesponsert und bei der versucht wurde, eine Wiedervereinigung der zersplitterten Wissenschaften herbeizuführen. Troller fährt mit der Kriminalreporterin Jane Anderson in die USA, um mit den noch lebenden Teilnehmern der Konferenz zu sprechen, doch stoßen sie dabei entweder auf weitere Tote oder eine Mauer des Schweigens. Johler und Burow verstehen es, das wissenschaftlich komplexe Gebiet der Biotechnologie für den Laien anschaulich darzustellen und mit der spannenden Kriminalgeschichte gleichzeitig ein Szenario zu malen, das die möglichen Konsequenzen der unaufhaltsamen Fortschritte in der wissenschaftlichen Forschung aufzeigt. „Facts and fiction“ verbinden sich hier zu einem explosiven Gemisch, das jeden Leser dazu anregen wird, sich eine fundiertere Meinung über die ethischen Probleme unserer Zukunft zu bilden.

Andreas Gößling - „Dea Mortis. Der Tempel der dunklen Göttin“

(Knaur, 300 S., HC)
Als Rick Nadar am frühen Morgen nach der Nachtschicht im „Security Center“ eines Computer-Unternehmens erschöpft nach Hause kommt, will er nur noch schlafen. Doch seine hochschwangere, wunderschöne Freundin Rachel hat anderes im Sinn: sie drängt Rick, sich gemeinsam mit gepackten Koffern umgehend auf den Weg zu machen. Ziel unbekannt … Während der Fahrt aus New Providence heraus wirkt Rachel seltsam abwesend. Und Rick nimmt während der stundenlangen Fahrten und den kurzen Zwischenhalten in Motels und Hotels weitere Merkwürdigkeiten wahr.
Als die beiden schließlich im Lillison Valley landen, verliert Rick seine Rachel nach dem Einchecken im „Overidge“-Motel plötzlich aus den Augen, schlägt die Warnung des Motelbesitzers in den Wind und begibt sich ins anliegende Idleton, wo er zwar seine Freundin nicht wieder findet, aber Zeuge unheimlicher Vorgänge wird, in denen Menschen die Füße und Hände abgehackt werden. Wie sich herausstellt, wurde bei Bauarbeiten für ein neues U-Bahn-System ein uralter Tempel entdeckt und damit auch die dunkle Göttin erweckt, die nun alle schwangeren Frauen aus der Umgebung anzieht …
Gößlings Sci-Fi-Horrorroman ist stark von H.P. Lovecrafts düsteren Mythen inspiriert und liest sich durchaus spannend. Doch ohne die prachtvollen Illustrationen von H.R. Giger in dem schmucken Hochglanz-Band würde „Dea Mortis“ kaum auf größeres Interesse stoßen.

Sonntag, 15. März 2009

Ian Caldwell/Dustin Thomason - „Das letzte Geheimnis“

(Lübbe, 443 S., HC)
Im Zuge der unglaublichen Bestseller-Erfolge von Dan Browns Geheimbund- und Verschwörungs-Thrillern war vorauszusehen, dass die großen Verlage nach und nach mit thematisch ähnlich gelagerten Publikationen aufwarten würden. So katapultierten sich die beiden amerikanischen Studenten Ian Caldwell und Dustin Thomason mit ihrem Roman-Debüt in den USA auf Platz 2 der New-York-Times-Bestsellerliste und lassen nicht von ungefähr Vergleiche zu Dan Browns „Sakrileg“ aufkommen.
Erzählt wird die Geschichte der vier befreundeten Princeton-Studenten Tom, Charlie, Gil und Paul, die in eine Reihe von grausamen Todesfällen verwickelt werden. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht das geheimnisvolle wie wertvolle Renaissance-Manuskript „Hypnerotomachia Poliphili“ (dt. „Der Liebestraum des Pholiphilus“), das Ende des 15. Jahrhunderts von einem mysteriösen Autor namens Francesco Colonna verfasst wurde, von dem viele Forscher aber meinen, dass mehr dahinter steckt als nur eine umfangreiche Minneerzählung - so auch Toms mittlerweile verunglückter Vater, der zusammen mit den beiden Professoren Vincent Taft und Richard Curry sich intensiv mit dem Werk auseinandersetzte. Nun scheint Paul unter Toms Mithilfe den in den „Hypnerotomachia“ verborgenen Chiffren und Rätseln und damit ihrem wahren Gehalt in seiner Abschlussarbeit näherzukommen. Doch im Zuge der fortschreitenden Enthüllungen flammen alte und neue Rivalitäten zwischen den Studenten und Professoren auf ... Wenn auch nicht ganz so rasant und spannend geschrieben wie Dan Browns Thriller, stellt „Das letzte Geheimnis“ doch ein unterhaltsames Lesevergnügen dar, beschreibt dabei nicht nur detektivische Forschungsarbeit, sondern auch das turbulente Leben auf dem Campus ebenso wie die fruchtbare Kultur des italienischen Humanismus.

Neal Gabler - „Das Leben, ein Film. Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment“

(Goldmann, 320 S., Tb.)
Dass medienrelevante Beobachtungen in der Regel zuerst aus der Unterhaltungsmetropole der Welt, den USA, kommen, ist seit Marshall McLuhans „Die magischen Kanäle“ und seiner These „Das Medium ist die Botschaft“ sowie Neil Postmans provozierendem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“, jedem Konsumenten geläufig. Eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem stets problematischen Verhältnis Mensch und Medien bietet der amerikanische Medien- und Kulturhistoriker Neal Gabler mit seinem neuen Buch „Das Leben, ein Film“.
Darin vertritt er die These, dass das Leben mit dem Fernsehen zu einer riesigen Unterhaltungsshow geworden ist, in der die Grenzen zwischen Kunst und Leben vollkommen verschwommen sind. „Was, wenn Unterhaltung der Sinn des Lebens wäre!“, fragte schon in den 60ern der amerikanische Schriftsteller Philip Roth. In den Selbstinszenierungen von Künstlern wie Warhol und Hemingway bis zu Liz Taylor und Madonna, dem „interaktiven Selbstmord“ von Timothy Leary, der sich via Internet-Übertragung einen Gift-Cocktail verabreichte, bis zu „Big Brother“, wo sich Menschen durch Pseudo-Ereignisse marktgerecht in Szene setzten - überall erscheint der Mensch als „Programm gestaltender Dauergast eines Amüsierbetriebs“. Die Menschen legen sich ein Image zu und leben danach. Gabler macht auf den bemerkenswerten Umstand aufmerksam, dass das Künstliche, Nicht-Authentische und Theatralische dabei ist, alles Natürliche, Echte und Spontane aus dem Leben zu verdrängen, so dass der Mensch ganz realistisch in einer Welt von Illusionen leben kann. Der Autor macht sich Umberto Ecos Ansatz zu Nutze, einen neuen kognitiven Ansatz zur Realität zu finden, indem wir „noch einmal ganz von vorne anfangen, uns zu fragen, was läuft“, und untersucht, warum die Unterhaltung in Amerika zum höchsten Wert erhoben wurde und welche Bedeutung sie für unsere öffentliche Kultur hat. Dabei verzichtet Gabler auf den moralischen Zeigefinger. Vielmehr stellt „Das Leben, ein Film“ einen unterhaltsam zu lesenden historischen Grundkurs über die Entwicklung der Unterhaltung dar und über den immer größeren Einfluss, den sie auf unser aller Leben ausübt.

Sergej Lukianenko - „Wächter der Nacht“

(Heyne, 525 S., Pb.)
Anton Sergejewitsch Gorodezki ist eigentlich Programmierer in der Nachtwache, die ebenso darauf achtet, dass die Dunklen Magier nicht das Gleichgewicht der Mächte stören, wie die Tagwache kontrolliert, dass die Lichten Magier dieses tun. Allerdings wird Anton aufgrund seiner überraschend stark ausgeprägten magischen Fähigkeiten für immer wichtigere Aufgaben im Außendienst eingesetzt. Durch einen ungeklärten Mord an einer Dunklen scheint das Gleichgewicht zwischen den Kräften außer Kontrolle zu raten. Es gibt überhaupt nur vier Verdächtige unter den Wächtern der Nacht, die für die Tat in Frage kommen, darunter Antons Chef Boris Ignatjewitsch, der ein Verhältnis mit Antons Partnerin Olga unterhält, und Anton selbst. Dennoch soll ausgerechnet Anton die Alibis überprüfen, um sich dann mit einer weiteren Möglichkeit auseinanderzusetzen: dass ein nicht registrierter Lichter Magier in Moskau sein Unwesen treibt und Dunkle ermordet …
Der erste Teil der Bestseller-Trilogie von Sergej Lukianenko wurde gerade verfilmt und wurde zum erfolgreichsten russischen Film aller Zeiten. Rechtzeitig zum Deutschlandstart von „Wächter der Nacht“ erscheint die Romanvorlage in deutscher Übersetzung. Allerdings vermag die deutsche Übersetzung nicht zu vermitteln, warum sich der Roman in Russland besser verkauft als „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“. Der Mischung aus Fantasy und Horror mangelt es an sprachlicher Eleganz und spannender Handlung. Auf die Fortsetzungen kann man also getrost verzichten.

Freitag, 13. März 2009

Gerhard Habarta - „Ernst Fuchs. Das Einhorn zwischen den Brüsten der Sphinx“

(Styria, 272 S., HC)
Während Ernst Fuchs hierzulande nur unter Kunstkennern bekannt sein dürfte, zählt er in seiner österreichischen Heimat zu den großen Künstlern des vergangenen Jahrhunderts, wurde als Wunderkind gefeiert und 1982 sogar mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Als einer der Hauptvertreter der Wiener Schule des phantastischen Realismus lernte er zusammen mit Hundertwasser an der Akademie der bildenden Künste in Wien, kreierte mit medial-phantastischen Zeichnungen seine eigene Apokalypse, traf Dali in Paris, schrieb Gedichte und arbeitete am Theater, spielte eine CD mit mystischen Gesängen ein und illustrierte die Bibel.
Gerhard Habarta kennt den Künstler seit 1959 und hat bereits 1967 das erste Werksverzeichnis von Ernst Fuchs herausgegeben. Mit seiner Biografie zeichnet Habarta ein detailliertes Portrait des vielseitigen Künstlers, der mit 15 Jahren die Professoren der Kunstakademie verblüffte und drei Jahre später Paris eroberte, auf Parkbänken nächtigte, viele Frauen hatte, mit denen er insgesamt sechzehn Kinder zeugte, Engel zeichnete, eine Gotteserscheinung hatte und zum Schrecken der Kirche avancierte. Dabei lässt Habarta viele Lebensgefährten, Freunde und Künstlerkollegen, aber auch Fuchs selbst zu Wort kommen, zeigt die Stationen seines Lebens vom Kriegsende über den Eintritt in die Kunstakademie auf, sein Vagabundenleben in Paris und sein wildes Leben in den fünfziger Jahren, seine Begegnung mit dem Surrealismus und die Gründungen der Künstlervereingungen „Der Art Club“ und „Die Hundsgruppe“ bis zu Fuchs Rolle innerhalb der internationalen Kunst. So entsteht ein farbenfrohes, mit vielen Privatfotos ausgestattetes Portrait des Künstlers, das demnächst wohl durch eine Autobiografie ergänzt wird, an der Fuchs seit einigen Jahren arbeitet.

Donnerstag, 12. März 2009

Brian Lowry - „Akte X - Das offizielle Kompendium: Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen“ + „Akte X - Das offizielle Kompendium, Band 2: Vertrauen Sie niemandem!“

(vgs, 286 S. + 304 S., Pb.)
„Akte X“-Fans, die gern mehr über „die unheimlichen Fälle des FBI“, über die faszinierenden Hintergründe der paranormalen Ereignisse erfahren möchten, denen die FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully jede Woche nachspüren, werden bei ihrer „Suche nach der Wahrheit“, die „irgendwo dort draußen“ lauert, zunächst wohl auf die umfangreichen und informativen Kompendien stoßen, die Brian Lowry zusammengestellt hat.
In der Einführung zum ersten Band beschreibt Lowry ganz zutreffend von der Faszination, die die Serie ausmacht, die zunächst als Krimiserie angekündigt wurde, aber ganz unterschiedliche Facetten aufweist, nämlich einmal die Beschäftigung mit UFOs und anderen bizarren Vorfällen, dann die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen dem felsenfest ans Paranormale glaubenden Agenten Fox Mulder und der ihm zugeteilten Agentin Dana Scully, die als strenggläubige Wissenschaftlerin Mulders X-Akten die Aura des Unerklärlichen nehmen soll. Und schließlich werden die oftmals recht komplexen Handlungen durch Verschwörungen und Verschleierungen, in denen die Regierung verwickelt ist, angereichert, so dass die Suche nach der Wahrheit ein manchmal ungewisses und auch unbefriedigendes Ende nimmt - doch gerade diese Bestandteile machen die Serie so „unheimlich“ und ließen sie nach „Twin Peaks“ als erste Mystery-Krimi-Serie etablieren, die etliche Nachfolger wie „Dark Skies“, „Profiler“ oder „Millennium“ nach sich ziehen sollte.
Brian Lowry geht der Geschichte von „Akte X“ von ihren Ursprüngen an nach und beginnt folgerichtig mit der Karriere von „Akte X“-Schöpfer Chris Carter und seiner Konzeption der Kultserie, die eine zeitgemäße Version der Serie „Nachtjäger“ und nach dem Oscar prämierten Kinohit „Das Schweigen der Lämmer“ das FBI als ständige Ausgangsbasis benutzen sollte. Lowry rekapituliert dann die Schwierigkeiten bei der Besetzung der Hauptrollen und wirft einen Blick „hinter die Kulissen“, wobei Produzenten, Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler zu Wort kommen. In den „Pro-files“ werden die einzelnen Hauptdarsteller der Serie vorgestellt.
Im Hauptteil des ersten Bandes folgen dann die Inhaltsangaben, Facts, Besetzungslisten zu jeder Folge der ersten und zweiten Staffel auf je zwei bis drei Seiten.
Abgeschlossen wird das erste Werk der Kompendium-Reihe durch eine Vorstellung der „X-Philes“-Aktivitäten, also die der „Akte X“-Fans, sowie Einschaltquoten, Pressestimmen und Auszeichnungen, die die Serie bislang verliehen bekam - und schließlich Infos zu den Charakteren der Serie.
Da sich Band 2 bei gleichem Umfang mit nur einer, nämlich der dritten Staffel auseinanderzusetzen hat, wurde das Konzept entsprechend verändert. Auf eine längere Einführung zu „Akte X“ generell konnte ja ebenso verzichtet werden wie auf die Portraits der Serienstars. In der Einführung beschreibt der Autor diesmal den Umgang der „Akte X“-Verantwortlichen mit dem doch etwas überraschenden Erfolg der Serie, die Roman-, Novel-, Comic- und CD-Veröffentlichungen nach sich zog, ganz zu schweigen von dem Wust an sonstigen Merchandising-Produkten wie T-Shirts, Kaffeebecher, Poster, Kalender, Schlüsselanhänger...
Auf über 70 Seiten rekapituliert Lowry dann die Entstehung von der Folge „Talitha Cumi“, die als „Der Tag steht schon fest“ den Cliffhanger der dritten Staffel bildet.
Hier erhält der Leser eine detaillierte Vorstellung davon, wie eine „Akte X“-Folge innerhalb von acht zur Verfügung stehenden Tagen realisiert wird, vom Boarding über das Verfassen des Drehbuchs, das seine Basis mit der Darstellung des Cigarette-Smoking-Man als Großinquisitor erhält, die dann mit Fleisch gefüllt wird, bis zu den Dreharbeiten und der Postproduktion am Schneidetisch sowie mit der Musik- und Soundeffects-Untermalung.
Der Episodenführer zur dritten Staffel ist im Vergleich zu Band 1, in dem zwei Staffeln untergebracht werden mussten, natürlich ausführlicher ausgefallen, so dass jeder Folge sechs bis sieben Seiten eingeräumt wurden. Abgeschlossen wird Band 2 des „Akte X Kompendiums“ mit der Schilderung, wie die „Akte X“-Drehbuchautoren arbeiten und einem Dossier mit den 12 am häufigsten Fragen und dazugehörigen Antworten zu „Akte X“.
Fazit: Als echter „X-Phile“ kommt man um diese beiden informativen Kompendien, denen im Januar der dritte Band folgen soll, kaum umhin. Abgesehen von den Infos zu den einzelnen Folgen bekommt man hier einen schönen Einblick in die Konzeption und Entstehung der Mystery-Serie.

Jane Goldman - „Die wahren X-Akten - Das Buch der unerklärlichen Phänomene“, Band 1+2

(vgs, 352 S. + 352 S., HC)
Millionen von Zuschauern saßen in den 90ern jede Woche gebannt vor dem Bildschirm, um „die unheimlichen Fälle des FBI“ mitzuverfolgen, die den beiden so unterschiedlichen, sich aber so perfekt ergänzenden Agenten Fox Mulder und Dana Scully anvertraut werden. Das Erfolgsrezept der Serie von Chris Carter liegt sicher nicht nur in seiner für das Medium Fernsehen ungewöhnlich aufwendigen Produktionsweise und den spannenden Erzählweise - „Akte X“ spricht vor allem unsere ureigensten Ängste, Träume und Vorstellungen von dem an, was „irgendwo da draußen“ vor sich geht, handelt es sich nun um außerirdisches Leben, um internationale Verschwörungen, Monströsitäten, die die Natur und die Wissenschaft hervorbringen, oder um alte Mythen und geheimnisvolle Rituale, Geister und Dämonen.
Die Journalistin Jane Goldman leistet (nicht nur) dem treuen Akte-X-Fan eine fast unentbehrliche Hilfestellung bei seiner Suche nach der Wahrheit, die die FBI-Agenten Mulder und Scully stellvertretend für uns jede Woche unternehmen.
In „Die wahren X-Akten“ geht Goldman den in der Kult-Serie thematisierten seltsamen Phänomenen auf den Grund und unterstützt den Leser damit bei der Entwicklung einer eigenen Meinung. Zwar beruhen die in „Akte X“ thematisierten Phänomen nicht - wie so oft behauptet wird - auf wahren Begebenheiten, sehr wohl weisen die Geschichten aber durchaus reale Hintergründe auf, denen Jane Goldman gewissenhaft nachgeht.
In Band 1 der „wahren X-Akten“ werden aber nicht nur Phänomene aufgegriffen wie „Wildlebende Menschen“, „Künstliche Intelligenz“, „UFO-Erfahrungen“; es wird nicht nur dem Werwolf-Mythos oder indianischen Mythen nachgespürt - der Zusammenhang mit „Akte X“ wird immer wieder durch Zitate von Scully und Mulder sowie den Produzenten der Serie hergestellt, durch „Fallnotizen“, wie sie meist zum Ende einer Serienfolge von Scully oder Mulder niedergeschrieben werden, und vor allem wunderbares, farbiges Bildmaterial auf Hochglanzpapier ergänzt. Am Ende des Buches werden vier Männer aus dem wirklichen Leben vorgestellt, die ähnlich wie Mulder „auf der Suche nach der Wahrheit“ sind, und mit Nick Pope wird ein leitender Angestellter des britischen Verteidigungsministeriums portraitiert, der ähnliche Aufgaben wahrnimmt wie Fox Mulder in „Akte X“.
Das erfolgreiche und grafisch so ansprechend aufbereitete Buch musste natürlich eine Fortsetzung finden: Band 2 beschäftigt sich mit den Ereignissen, die in der zweiten und dritten Staffel von „Akte X“ thematisiert wurden: Seeungeheuer, körperliche Anomalien, halluzinogene Ausflüge, Voodoo, Gedankenkontrolle, Träume. Dazu kommen wieder die Macher und Beteiligten der Serie zu Wort, aber auch Wissenschaftler, die ihre Kommentare zu den „Akte X“-Phänomenen und den neuesten Entwicklungen in den Grenzwissenschaften abgeben.
Zum Schluss gewährt Goldman dem Leser einen Einblick in die Geschichte des FBI und lässt wieder Forscher und Wissenschaftler ihre Wahrheitssuche schildern.

Mittwoch, 11. März 2009

Iain McCalman - „Der letzte Alchemist – Die Geschichte des Grafen Cagliostro“

(Insel, 332 S., HC)
Giuseppe Balsamo oder - wie er sich später selbst nannte – Graf Cagliostro zählt bis heute zu den schillerndsten Persönlichkeiten zu Beginn der Moderne. Der 1743 in Palermo geborene Balsamo bereiste bereits im Alter von zwanzig Jahren Nordafrika und unter seinem edleren Namen zehn Jahre lang Europa, wo er als Geisterbeschwörer, Wunderheiler und Prediger für Aufsehen sorgte und gern gesehener Gast bei seinen Gönnern in Rom, Venedig, St. Petersburg, London, Warschau und Paris gewesen ist – bis er aufgrund seiner freimaurerischen Aktivitäten vor allem bei der katholischen Kirche unbeliebt machte und zur Flucht/Weiterreise gezwungen wurde.
Der in Australien lebende Kulturhistoriker Iain McCalman hat sich auf die Spurensuche begeben und auf historischen Dokumenten und seinem Besuch der Wirkungsstätten des Grafen Cagliostro basierend ein äußerst faszinierendes wie spannendes Portraits des Mannes gezeichnet, der seine eigene Freimaurerloge gründete, mit seiner bezaubernden Frau Serafina immer wieder auf Casanova traf und durch seine alchemistischen Kunststücke stets der kirchlichen Verfolgung ausgesetzt war. Wegen der berüchtigten Halsbandaffäre landete er in der Bastille, wurde von seiner Frau der römischen Inquisition ausgeliefert und musste die letzten sechs Jahre seines Lebens im vatikanischen Staatsgefängnis verbringen. McCalman zeichnet die Stationen im Leben des Grafen Cagliostros als Freimaurer, Geisterseher, Schamane, Prophet und Ketzer auf unterhaltsame Weise nach und entwirft so ein farbenprächtiges Bild einer der vielschichtigsten und einer enorm einflussreichen Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts.

Florian Illies - „Generation Golf zwei“

(Blessing, 256 S., HC)
Vor drei Jahren gelang dem 1971 geborenen, ehemaligen Leiter der Berliner Seiten in der FAZ, Florian Illies mit „Generation Golf“ eine witzige Inspektion seiner in den 80ern Jahren von Modern Talking sozialisierten Generation, die ganz unbelastet von Holocaust und Studentenrevolte einen ausschweifenden Hedonismus pflegte. In der Welt von Nutella, „Wetten, dass...?“, Cappuccino, dem von den Eltern bezahlten VW Golf, Rubik’s Cube, Kajagoogoo und A-ha schien alles einfach wunderbar und bunt und einfach zu sein.
Illies gelang damit ein Bestseller, dem ursprünglich keine weitere Bestandsaufnahme folgen sollte. Der Autor vermutete, dass sich in Zukunft nicht viel ändern würde. Weit gefehlt. Nach dem 11. September 2001, dem Einbruch der Aktienkurse und dem Irak-Krieg scheint auf einmal nichts mehr so zu sein wie zuvor. Die erfolgsverwöhnte Generation der um 1970 Geborenen hat mit bis in den engsten Bekanntenkreis vordringenden Arbeitslosigkeit, gescheiterten Beziehungen, der Wahl des richtigen Wohnbezirks in Berlin und Kommunikationsdefiziten durch den Siegeszug von Handys, Chat-Rooms und Internet zu kämpfen. So treffend und witzig Illies’ zweite Bestandaufnahme seiner Generation auch ausfällt, ein wenig kritischer hätte sie trotzdem ausfallen können. Nicht mal im Ansatz wird auf Möglichkeiten für einen Weg aus der vorverlegten Quarterlifecrisis hingewiesen. Illies scheint sich selbst im Dschungel der Lebensgestaltung zwischen Aldi, Ikea und Wellness-Angeboten verirrt zu haben und beschreibt daher seine ganz eigenen Erinnerungen an die 80er. Ab und zu ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus hätte dem Buch sicher gut getan.

Dienstag, 10. März 2009

Ethan Coen - „Falltür ins Paradies“

(Goldmann, 253 S., Tb.)
Cineasten geraten bei dem Namen Ethan Coen ins schmunzelnde Schwärmen, schließlich ist Ethan zusammen mit seinem Bruder Joel für so groteske und ironische filmische Leckerbissen wie „Fargo“, „Blood Simple“ und „No Country For Old Men“ verantwortlich gewesen, wobei Joel in der Regel Regie führte und Ethan für die Produktion zuständig war, beide zusammen aber für das Drehbuch verantwortlich gewesen sind. Mit „Falltür ins Paradies“ legt der jüngere Coen-Bruder seine erste Geschichten-Sammlung vor, die zum Glück für alle Coen-Fans den gleichen hintergründigen Charme und absurden Humor besitzt wie die stilistisch eigenwilligen Filme der Coen-Talentschmiede.
Die vierzehn, in der Regel zehn- bis zwanzigseitigen Geschichten erzählen abenteuerliche, unglaubliche, kuriose, aber immer doch noch absolut vorstellbare Episoden aus dem Leben von sympathischen Verlierern und verhinderten Helden, und als Leser kommt man nicht umhin, in dem selben Moment, in dem man über die eine wieder mal mißglückte Situation lacht, ehrliches Mitgefühl zu empfinden, und das macht Ethan Coens Geschichten so lesenswert. So bezieht Joseph Carmody in „Bestimmung“ nicht nur im Boxring ordentlich Prügel, sondern auch bei einem wenig lukrativen Job, bei dem er die Frau seines Auftraggebers in flagranti mit einem Geschäftspartner fotografieren soll, dabei aber nicht unentdeckt bleibt. „Im Blut“ erzählt die seltsame Geschichte des Privatdetektivs Victor Strang, dem bei einer Auseinandersetzung mit einem Ganoven das Ohr abgebissen wird und der nach dem Schock im Krankenhaus taub aufwacht und von merkwürdigen Träumen heimgesucht wird. In der Titelgeschichte ist Eichmeister Joe Gendreau Betrügern auf der Spur, die ihre Kunden beim Wiegen der Ware betrügen, gerät dabei aber in die Hände der japanischen Mafia. So reiht sich eine absurde Story an die nächste, und fast ist man froh, dass das eigene Leben - im Vergleich zu den bemitleidenswerten Protagonisten von Coens Geschichten - in verhältnismäßig geordneten, vorhersehbaren Bahnen verläuft.

Jonathan Kellerman - „Das Buch der Toten“

(Manhattan, 574 S., HC)
So wie James Patterson seinen Alex Cross und Jeffery Deaver seinen Lincoln Rhyme hat, schickt der gelernte Kinderpsychologe und erfolgreiche Krimi-Autor Jonathan Kellerman den Psychologen Dr. Alex Delaware im Kampf gegen das Verbrechen ins Rennen. Beim „Buch der Toten“ handelt es sich um ein edles Fotoalbum, das Alex anonym zugeschickt wird. Als er das Album seinem Freund, dem Polizeidetective Milo Sturgis, zeigt, hält dieser beim Durchblättern der Tatortfotos schockiert inne.
Ein Bild zeigt nämlich die grässlich zugerichtete Leiche des jungen Mädchens Janie Ingalls – einer der ersten Mordfälle, die Milo zu bearbeiten hatte, und einer der wenigen, die er nicht lösen konnte. Damals wurde er nämlich mit seinem damaligen Partner Pierce Schwinn von dem Fall abgezogen: Schwinn wurde in Pension geschickt, Milo zu einer anderen Einheit versetzt. Doch nach zwanzig Jahren nimmt Milo die Spur wieder auf. Schon die Tatsache, dass Janie vor ihrem Tod auf einer Party der Kinder des reichen Unternehmers Garvey Cossack gewesen war, lässt Milo und Alex Unheilvolles ahnen: der Fall führt die beiden Freunde in die höchsten Gesellschaftskreise, und das Fotoalbum erweist sich zunehmend als mysteriöser Fingerzeig, nachdem auch Schwinn angeblich einem Reitunfall zum Opfer gefallen ist. Schon bald stochern die beiden Ermittler in einem undurchdringlichen Dschungel aus Lügen, Korruption, Gewalt und Macht. Spannender wie einfühlsamer Psycho-Thriller von einem Meister seines Fachs!

Alain Demurger - „Der letzte Templer – Leben und Sterben des Großmeisters Jacques de Molay“

(C.H. Beck, 390 S., HC)
Seit jeher ranken sich um den Templerorden, der 1120 in Jerusalem zunächst als Schutz der Pilger gegründet wurde, dann zu einer kampfstarken Eliteeinheit des Rittertums im Glaubenskampf avancierte, bis der unmittelbar dem Papst unterstellte, unermesslich reiche Orden schließlich nicht nur den Neid der Kirchen, sondern auch von Frankreichs König Philipp der Schöne zu spüren bekam, der die Ordensritter diskreditierte , bis die Scheiterhaufen brannten, wo im März 1314 auch Jacques de Molay, der dreiundzwanzigste und letzte Großmeister des Ordens, sein bedauernswertes, schreckliches Ende nahm. Noch auf dem Scheiterhaufen, so will es die Legende, soll de Molay König und Papst verflucht haben, die daraufhin noch im selben Jahr einen grausamen Tod starben.
Der französische Experte für die Geschichte der Ritterorden, Alain Demurger, der bei Beck 1991 bereits das Standardwerk „Die Templer“ veröffentlichte, beschreibt in seinem faszinierenden Abriss , wie der Orden zum Schutz der Kreuzfahrer auf ihrer Pilgerfahrt ins befreite Jerusalem gegründet wurde und sein Haupthaus auf dem heutigen Tempelberg hatte, was dem Orden seinen Namen gab. Molay trat 1265 in den Orden ein, der ihn bereits 1292 zum Großmeister kürte. Doch dem Komplott gegen seinen Orden durch Papst Clemens V. und Philipp den Schönen konnte er nicht rechtzeitig entgegenwirken … Demurger zeichnet sein Portrait des Großmeisters und damit auch der letzten Tage des Ordens anhand zeitgenössischer Chroniken und Briefe, vor allem aber mittels der Verhörprotokolle aus dem Prozess gegen die Templer. So ergibt sich ein schillerndes und packendes Portrait nicht nur von de Molay, sondern gleichsam eine Kulturgeschichte der Endzeit des Templerordens.

Montag, 9. März 2009

Richard Jones - „Verwunschenes England und Irland“

(Bechtermünz, 160 S., HC)
Spätestens durch die prächtigen Fotobände von Simon Marsden und Gerald Axelrod im Eulen Verlag ist das Interesse an britischen Spukorten und Gespenstergeschichten sprunghaft gestiegen. Der englische Forscher, Geisterjäger und Touristenführer Richard Jones unternimmt mit seinem üppig ausgestatteten Reiseführer eine unheimliche Exkursion zu über 130 gespenstischen Orten auf der britischen Insel und verbindet dabei historische Legenden, mündliche Überlieferungen und Augenzeugenberichte zu einem höchst unterhaltsamen, schaurig-schönen Lesevergnügen.
Die einzelnen Kapitel sind nach geografischen Kriterien geordnet, eine Landkarte mit Legende erleichtert die Verortung der einzelnen, zumeist öffentlich zugänglichen Spukorte, so dass jeder Geisterjäger sich leicht selbst auf die Suche nach diesen verwunschenen Orten begeben kann. So erfährt man von irischen Feen, Elfen und Kobolden, von Hexen in Suffolk, Norfolk und Essex, von grausamen Morden und Horrorgeschichten rund um London und dem Grauen, das vom Meer auf die Insel überschwappte. Historische Dokumente, Zeichnungen, unzählige, teils farbige, teils in atmosphärischem Duoton abgelichtete Fotografien (natürlich auch von Simon Marsden) und ein ausführliches Register runden das informative wie unterhaltsame Werk wunderbar ab.

Jerome Delafosse - „Im Blutkreis“

(Limes, 414 S., HC)
Nachdem der Wissenschaftler Nathan Falh nach einer missglückten Tauchexpedition mit der „Pole Explorer“ in der Arktis verunglückt ist, wacht er in einem norwegischen Krankenhaus aus dem Koma aus und kann sich an nichts erinnern. Als man ihm im Treppenhaus aber ans Leben will, erwachen Nathans nahkampferprobten Instinkte. Er entledigt sich der Killer und flüchtet nach Paris, wo er seinen ständigen Wohnsitz hat. Doch auch in der leeren Wohnung kommen die Erinnerungen an sein früheres Leben nicht zurück. Ein Fax führt ihn allerdings ins italienische Cesena, wo in einer Bibliothek das mysteriöse „Elias“-Manuskript aufbewahrt wird.
In ihm ist von einem Geheimbund namens „Der Blutkreis“ die Rede. Zusammen mit dem Bibliothekar Ashley Woods versucht Nathan nicht nur, das Geheimnis des mysteriösen Manuskripts und des darin erwähnten Geheimbundes zu entschlüsseln, sondern vor allem auch seine eigene Identität zu erfahren, die nach wie vor im Dunkeln liegt. Doch je mehr das Manuskript seinen Inhalt preisgibt und Nathan die Stätten seines früheren Wirkens aufsucht, desto unheimlicher offenbart sich seine eigene düstere Vergangenheit … Natürlich wird auch das Debüt dieses Franzosen mit Dan Brown verglichen. Obwohl es spannend geschrieben ist, entwickelt sich die Geheimbund-Geschichte erst nach über der Hälfte des Romans und hat dann wenig mit den derzeit so beliebten christlichen Verschwörungstheorien zu tun.

John J. Dunne - „Irland - Die Welt der Geister“

(Eulen, 120 S., HC)
Dass die britischen Inseln einen wahren Fundus an Geistergeschichten besitzen, hat vor allem der englische Fotograf Simon Marsden ausgiebig in seinen schaurig-schönen Bildbänden über Spuk und Gespenster in Großbritannien dokumentiert. Aus seinem Archiv stammen auch die vierzig Fotografien, die die von John J. Dunne gesammelten Spukgeschichten aus Irland stimmungsvoll illustrieren.
Er berichtet von der typisch irischen Banshee, die als Art Todesbotin betrachtet wird, von Phantomhunden (man erinnere sich nur an Sherlock Holmes’ Abenteuer in „Der Hund von Baskerville“) und grauenhaften schwarzen Katzen, von ruhelosen Geistern in alten Herrenhäusern, merkwürdigen Todesfällen und noch unheimlicheren Geräuschen in den Gemäuern labyrinthartiger Schlösser. Ob es sich um „dämonische Heimsuchungen“, „Todesboten“ oder „Vorzeitiges Ableben“ handelt, um nur einige Kapitel zu nennen, stets wird deutlich, dass in den noch immer lebendigen Geschichten eine uralte Tradition Irlands bewahrt wird, die den Geistern eine unheimliche Macht zugesteht. Wie faszinierend diese Geschichten auch für uns noch sind, bewies erst Tim Burton mit „Sleepy Hollow“, wo genau eine dieser Geschichten über einen kopflosen Reiter erzählt wurde, die auch John J. Dunne wiedergibt. Neben Marsdens atmosphärischen Bildern sorgen auch Gedichte von Thomas Moore und Gerald Griffin für angenehmes Gruseln. Und wer dann erst richtig Lust aufs Gruseln bekommen hat, kann sich im Internet unter www.irelandseye.com/ghost/index.shtm selbst auf Geistersuche begeben.

Sonntag, 8. März 2009

Rainer Rother - „Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents“

(Henschel, 288 Seiten, HC)
Lange Zeit ist Leni Riefenstahl einfach ein Tabu-Thema, eine Unperson gewesen. Es reichte die Vorstellung vom Werk, nicht seine genaue Analyse, dass auf die „NS-Filmerin“ reduziert wurde. Seit einigen Jahren findet allerdings eine sachorientiertere Diskussion um die wohl umstrittenste Regisseurin aller Zeiten statt, wobei man sich um eine kulturgeschichtliche Einbettung in das Deutschland der 30er und 40er Jahre bemüht. Genau hier setzt Rother mit seinem Bemühen an, etwas mehr Licht in das Dunkel der rätselhaften Persönlichkeit Riefenstahl zu nähern, die selbst in ihren Memoiren noch behauptete, von Hitler zu Parteitagsfilmen gezwungen worden zu sein, die Regie für „Olympia“ (1938) nur widerwillig angenommen zu haben und sich „Tiefland“ (1940/1954) nur gewidmet zu haben, weil ihr eigenes Projekt „Penthesilea“ zu Zeit des Krieges nicht recht am Platze schien.
Rother rekonstruiert dagegen das Bild einer ungewöhnlich willensstarken Frau, die sich in der Männerdomäne des Films gegen alle Widerstände zu behaupten wusste. Er zeichnet das Portrait einer ebenso talentierten wie durchsetzungsfähigen Frau, deren bemerkenswerteste Filme ausgerechnet Propagandawerke gewesen sind. Doch ihre nachhaltige Wirkung ist noch heute in der Sportberichterstattung, in der Werbung und in Historienfilmen zu erkennen. Rother beschäftigt sich bei seiner nüchternen, aber analytisch genauen Auseinandersetzung mit Leni Riefenstahls Leben und Werk konsequenterweise auch mit der Nachkriegszeit, für die die Regisseurin und Fotografin ebenso Symbolfigur wurde wie für den Nationalsozialismus. Er zeigt dabei, wie stark die öffentliche Ablehnung Riefenstahls mit der Verdrängung des einstmals vielgeliebten NS-Regimes zusammenhängt und wie zerrissen Riefenstahl selbst ihre Rolle im Hitler-Deutschland erlebt hat. Das vor allem auch in historisch interessante Werk räumt mit einigen Legenden auf, die sich um die mal als „Genie“, mal als „Propagandistin“ bezeichnete Riefenstahl ranken, und wird durch einen wundervollen Bildteil entsprechend abgerundet.

Alfred Pfabigan - “Gottes verbotene Worte. Was die Bibel verschweigt”

(Eichborn, 432 S., HC)
Obwohl die christliche Kirche in ihrer jahrhundertelangen Geschichte immer alles daran gesetzt hat, alle Texte christlichen Ursprungs, die nicht dem offiziellen Kanon der Bibel entstammen, zu unterschlagen, zu verdrängen und zu verteufeln, haben die sogenannten Apokryphen (griechisch: das Verborgene) gerade im heutigen, immer mehr von verschiedenen esoterischen Lehren durchsetzten Jahrhundert nichts von ihrer Anziehungskraft verloren und waren schon in der frühchristlichen Ära Inspiration für gnostische und manichäische Sekten.
Während die Bibel nur einen Bruchteil der koptischen, altjüdischen und aramäischen Quellen enthält, hat der Professor für Philosophie, Politik- und Kulturwissenschaftler Alfred Pfabigan nun einige der unterschlagenen und durch päpstliches Dekret verteufelten Texte zusammengesucht und sie mit dem Alten Testament, den Schöpfungsgeschichten, Evangelien, Apostelgeschichten und der Apokalypse so zusammengestellt, dass sie dem Aufbau der offiziellen Version der Bibel folgen.
Bei der unterhaltsamen Lektüre der Texte, die sich teilweise stark von der kanonisierten Variante unterscheiden, wird schnell deutlich, warum sie bei der Zusammenstellung der offiziellen Bibel unter den Tisch fielen: So schlugen sich nach dem Buch Ephraim Kain und Abel nicht um Gottwohlgefälligkeit, sondern um eine verführerische Frau. Der kleine Jesus lässt einen Spielkameraden verdorren und tötet einen anderen mit bloßen Worten. Und im Evangelium Barnabas wurde nicht etwa Jesus gekreuzigt, sondern - als Strafe für seinen Verrat - Judas. Der überlebende Jesus verkündete, dass nicht er der Messias sei, sondern Mohamed. Obwohl natürlich klar wird, warum solche Texte von der Kirche verboten wurden, plädiert Pfabigan nicht für eine andere Kirche, sondern nur für einen weniger ängstlichen Umgang mit unserer Tradition. Auf jeden Fall bietet „Gottes verbotene Worte“ rätselhafte, sinnliche und amüsante Unterhaltung. Zudem zeigt der Autor in einem längerem Vorwort die interessante Entstehungsgeschichte der Bibel, die Machtkämpfe während der Kanonisierung ihrer Texte und auch Freuds psychoanalytische Auseinandersetzung mit der Bibel auf, deren Geschichten auch heute noch in der Hoch- und Populärkultur stetig wiederholt werden.

Peter O. Chotjewitz - „Machiavellis letzter Brief“

(Europa, 452 S., HC)
Christian Weise ist ein junger und hochtalentierter, aber noch recht unbekannter Dichter und Philosoph, der im Jahre 1664 den delikaten Auftrag erhält, für die berühmte Wolfenbütteler Bibliothek den angeblich letzten Brief des großen Florentiner Denkers und Dichters Niccolò Machiavelli käuflich zu erwerben. Der Leser wird in Form eines Reiseberichts, den Weise in Art von Tagebuchaufzeichnungen seinem Herrn, den Herzog August d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel vorlegt, Zeuge einer recht abenteuerlichen Reise, die den jungen Philosophen von Braunschweig über Augsburg nach Sant’ Andrea bei Florenz führt, wo eine gewisse Ippolita Machiavelli im Besitz des unglaublichen Dokuments sein soll.
 Über einige Umwege endlich am begehrten Ziel angekommen, legt ihm Ippolita nicht nur einen Brief, sondern gleich eine längere autobiographische Erzählung Machiavellis vor. Allerdings bleibt dem deutschen Philosophen nicht viel Zeit zur Überprüfung der Echtheit des Manuskripts. Als Ippolita ermordet aufgefunden wird, gerät Weise unter dringenden Tatverdacht. Seine Flucht verläuft ähnlich abenteuerlich wie die beschwerliche Hinreise. Wenn man genügend Interesse an historischen Stoffen aufbringen mag und sich weder von der altertümlichen Sprache noch den unzähligen Namen abschrecken lässt, erhält man einen wundervollen Einblick in die italienische Kultur sowohl aus der Zeit Machiavellis (1469-1527) als auch aus der Zeit der Reise anderthalb Jahrhunderte später. Vor allem das gut fünfzigseitige Nachwort des Autors erhellt einige wichtige Zusammenhänge und historische Hintergründe.

Henri Loevenbruck - „Das Jesusfragment“

(Knaur, 431 S., Pb.)
Mit seiner HBO-Fernsehshow „Sex Bot“ ist der französische Drehbuchautor Damien Louvel in New York momentan total angesagt. Doch die gescheiterte Ehe mit einer schlechten Schauspielerin und die Absage an frühere Alkohol- und Kokain-Exzesse haben den jungen Mann geläutert. Die Nachricht vom Unfalltod seines verhassten Vaters, den er seit dem Tod seiner Mutter vor elf Jahren nicht mehr gesehen hatte, berührt ihn zunächst wenig. Dennoch reist er nach Paris, um als einziger noch lebender Verwandter die letzten Angelegenheiten seines Vaters zu regeln.
Überrascht stellt er dabei fest, dass dieser neben seiner geliebten Wohnung in Paris noch ein Haus auf dem Lande in Gordes gekauft hat, das – wie er später erfährt – Chagall gehört hatte. Als er sich mit einer Harley auf den Weg nach Gordes macht, lernt er die attraktive Journalistin Sophie de Saint-Elbe kennen, die durch Damiens Vater Informationen über zwei geheimnisvolle Dokumente erhielt, die mit dem Stein von Iorden zusammenhängen und beweisen sollen, dass diese Reliquie tatsächlich existiert haben soll. Bei ihren gemeinsamen Recherchen stoßen Damien und Sophie auf verschiedene Geheimorganisationen wie den Bilderberg, Opus Dei und Acta Fidei, die offensichtlich auch ein starkes Interesse an dem Stein haben, denn schon bald geraten die beiden Ermittler in deren Schussfeuer … Dass nach den anhaltenden Bestsellererfolgen von Dan Browns Vatikan-Mystery-Thrillern immer mehr Nachahmungstäter auftauchen würden, war vorauszusehen, und das nicht nur in den USA. Nach Julia Navarros „Die Bruderschaft“ aus Spanien sorgt nun Henri Loevenbruck aus Frankreich für kurzweilige, spannende Unterhaltung rund um die dunkle Seite des Vatikans.

Michael Baigent/Richard Leigh - „Verschlusssache Magie - Wir werden noch immer von magischen Kräften gesteuert“

(Droemer Knaur, 496 S., HC)
Angesichts des weithin verbreiteten und kaum, wenn mittlerweile auch immer häufiger angezweifelten Glaubens an die Wissenschaft und Technologie wirkt der Untertitel des neuen Werks der Erfolgsautoren Baigent/Leigh („Verschlusssache Jesus“, „Der Tempel und die Loge“) etwas unglaubwürdig, ja sogar provozierend. Das englische Autorengespann behauptet nämlich, dass der Erfolg der westlichen Zivilisation nicht auf der Vernunft und der Wissenschaft beruht, die seit dem 17. Jahrhundert im letztlich erfolgreich verlaufenden Wettbewerb mit der Philosophie, den Künsten und der etablierten Religion stand, sondern auf einer von Zauberern, Magiern, Schamanen und Sehern begründeten uralten Tradition.
Dass wir diesen magischen Kräften auch heute noch unterliegen, auch wenn wir sie bewusst nicht mehr wahrnehmen, machen Baigent und Leigh an der Tatsache fest, dass wir immer noch für Manipulationen durch Werbung, Musik und Propaganda anfällig sind, ohne dass die einseitige Ausrichtung auf die Rationalität etwas dagegen ausrichten könne.
Baigent/Leigh gehen mit „Verschlusssache Magie“ auf die Spurensuche nach diesen magischen Einflüssen in unserem Leben und versuchen darzustellen, auf welche Weise sie in der heutigen Zeit noch ihre Wirkung ausüben. Eine Schlüsselstellung nimmt dabei die Hermetik ein und eine als Corpus Hermeticum bezeichnete geheimnisvolle Lehre, denn diese bot Perspektiven, die über die engen Grenzen der Wissenschaft hinausführten, und Einsichten, wie die Magie von den Mechanismen der modernen westlichen Gesellschaft benutzt und ausgebeutet wurde.
Im ersten Teil ihres Buches machen uns Baigent/Leigh mit den magischen Traditionen des Abendlands vertraut, mit Hermes, den alexandrischen Mysterien, der Alchemie und der Magie im frühen Mittelalter, in der Renaissance. Sie erläutern die okkulten Lehren eines Agrippa von Nettesheim, John Dee und Giordano Bruno, um dann Verbindungen zwischen dem hermetischen Denken und den Künsten herzustellen.
Magie definieren die Autoren kurz als „die Kunst, Dinge geschehen zu machen“. Dazu zählen natürlich auch manipulative Techniken, und diese sind es, mit denen sich Baigent/Leigh zunächst im zweiten Teil ihres Werkes auseinandersetzen: Manipulation in den Sekten, in der Politik, in der Werbung und in den Medien. Manipuliert wird die Wirklichkeit, die menschliche Wahrnehmung und das Image.
Offensichtlich scheint allein die Kunst im 20. Jahrhundert zum Überlebungsraum der Hermetik geworden zu sein. Der von Baigent/Leigh viel zitierte Autor Lawrence Durrell jedenfalls prophezeite, dass die Menschheit erst dann Reife erlangen würde, „wenn der Mob zum Künstler wird“. Davon sind wir heute zwar noch weit entfernt, aber schließlich fangen auch immer mehr sogenannte normale Menschen an, sich in die Bereiche von Psychologie, Philosophie und Kunst vorzuwagen. Laut Baigent/Leigh sollte die Phantasie nämlich integraler Bestandteil all unserer mentalen Fähigkeiten sein. „Sie ermöglicht es uns, vielleicht zum ersten Mal die Auswirkungen und Folgen unseres Tuns zu erkennen; und somit hilft sie uns, einen moralischen Rahmen für unser Leben zu schaffen“, schreiben sie zum Schluss. „Die Phantasie benutzen heißt wach werden.“
Es ist äußerst spannend und unterhaltsam, den beiden Autoren bei ihrem Streifzug durch die Geschichte der Magie und ihren Erscheinungsformen in der heutigen Zeit zu begleiten. Darüber hinaus versteht das Buch aber auch vielleicht wirklich, den für solche Fragen offenen Leser dazu zu bewegen, seine Lebensumstände zu überdenken und gefeiter gegen die suggestiven Kräfte gerade der Medien zu werden.

Freitag, 6. März 2009

Arnold Stadler - „Sehnsucht“

(Du Mont, 328 S., HC)
Er wollte schon immer mal „mein Buch“ schreiben, eine Art „Apologia pro vita sua“, eine Verteidigung des eigenen Lebens, ein Buch über seine Erinnerungen vom ersten Mal und von der Sehnsucht. Es könnte aber auch die Autobiographie seines Schwanzes sein, den er liebevoll Max nennt. Tatsächlich schlägt Arnold Stadler nach seinem hochgelobten Roman „Ein hinreißender Schrotthändler“ einen weiten Bogen quer durch sein Leben und wieder zurück, macht mal hier Station, mal dort, immer ganz episodenhaft und spontan.
Wie er nach Berlin geflüchtet ist, um dem Wehrdienst zu entgehen, erfährt man, über seinen Vortrag, den er in Bleckede hält, von seiner Reise durch die Lüneburger Heide und den sinnlichen Erinnerungen an seine Friseurbesuche, wo sein Kopf bei der eigentlich zu kostspieligen Haarwäsche im Busen seines Schwarms, über den Schulausflug mit Herrn Schultze, von der Sehnsucht nach dem Meer. Vor allem lässt sich Stadler über seine ständigen Erektionen lang und breit aus – deshalb hätte das Buch auch die besagte Autobiographie seines Schwanzes sein können, was es letztlich vielleicht auch ist. Hat man sich erst einmal an Stadlers manchmal etwas gezwungen umständliche Sprache gewöhnt und an die willkürlich wirkenden Zeitsprünge, vermag der komische wie melancholische Ton seiner Lebensgeschichte durchaus zu unterhalten.

Till Lindemann - „Messer“

(Eichborn, 176 S., HC)
In erster Linie kennt man Till Lindemann als Frontmann von Rammstein. Mit seinen expliziten, manchmal fast schaurig und brutal wirkenden Texten hat er stets für die passende Begleitung der schneidend scharfen Rammstein-Gitarren- und Rhythmus-Attacken gesorgt. Doch Till Lindemann hat seit jeher auch abseits des Rammstein-Song-Kontextes geschrieben.
Sein langjähriger Freund Gert Hof hat aus über tausend ihm vorliegenden Texten eine erste Auswahl getroffen und sie für den vorliegenden Band in Zusammenhang mit einer Foto-Reihe veröffentlicht, die wenig dazu geeignet ist, die ungewöhnlichen Gedichte zu illustrieren, aber durchaus demonstrieren, dass Till Lindemann sich tatsächlich als Kunstprodukt in einer artifiziellen Umgebung betrachtet und nicht der brutale Gewaltverbrecher und Menschenschlächter ist, der da manchmal aus seinen Texten zu sprechen scheint. Vielmehr ist der stark vom Schweizer Symbolisten Conrad Ferdinand Meyer beeinflusste Lindemann ein sensibler Beobachter seiner Umwelt, der mit seinen messerscharfen Texten oft genug in die Wunden unserer verletzlichen Seelen sticht. Gert Hof beschreibt die Gedichte treffend als „verbale Hinrichtungen“, „poetischen Suizid“ und „Wunden aus Verzweiflung und Hoffnung“. Rammstein-Kenner werden den unverwechselbaren Stil Lindemanns sofort erkennen und doch wirken die drastisch formulierten Texte persönlicher und oft schockierender.

Carlos María Domínguez - „Das Papierhaus“

(Eichborn, 93 S., HC)
Als die an der Universität Cambridge lehrende Literaturdozentin Bluma Lennon mit einem Gedichtband von Emily Dickenson aus einer Buchhandlung tritt, wird sie – wie selbst einmal vorausgesagt hat – von einem Auto überfahren. Wenig später nimmt ihr Kollege und Nachfolger ein in Uruguay aufgegebenes Päckchen für sie an, in dem sich ein von Zement verklebtes Exemplar von Joseph Conrads „Die Schattenlinie“ befindet, das mit einer Widmung Blunas an einen gewissen Carlos versehen ist.
Blunas Kollege vermutet, dass es sich um eine der Affären handeln muss, die seine alternde Kollegin zu ihrer Eitelkeit unterhielt, und versucht, sich selbst einige interessante Fragen zu beantworten, vor allem, warum das Buch nach zwei Jahren, nachdem es von Bluna verschenkt worden ist, wieder nach Cambridge zurückkehrt und was es mit der Zementkruste auf sich hat. Also macht sich der Dozent auf die Reise, zunächst in seine Heimatstadt Buenos Aires, dann nach Montevideo, wo er Jorge Dinarli in einer der größten antiquarischen Buchhandlungen der Stadt aufsucht, der ihn wiederum an Delgado verweist, einen alten Freund von Carlos Brauer. Dieser, selbst ein Büchersammler, erzählt ihm von Brauers Dasein, das ganz dem Lesen und Sammeln von Büchern gewidmet war und irgendwo an einem Strand bei La Paloma mündete, wohin Brauer ausgewandert war, um aus seinen Büchern ein Haus zu bauen. Dort wird dem Erzähler endgültig klar, wie Bücher das Leben von Menschen prägen und auch zerstören können … Wunderbar melancholische, poetische und geistreiche Erzählung über die manchmal auch zerstörerischen Leidenschaften des Lesens und Büchersammelns, letztlich aber über die Magie von Büchern schlechthin.

Donnerstag, 5. März 2009

Kjell Johansson - „Die Traumseglerin“

(Claassen, 336 S., HC)
Als Evas Mutter im Juni 1993 beerdigt wird, empfindet sie wenig Trauer, sondern eher ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung. Auf der anderen Seite erfasst die Lehrerin an einem Abendgymnasium eine seltsame Unruhe. Als sie mit ihrem Bruder Einar am nächsten Tag die letzten Sachen ihrer Mutter aus der Wohnung ihrer Mutter räumt, beschließt sie, nach Skogstorp zu fahren, wo sie mit ihrem Bruder mal einen Sommer bei ihren Verwandten verbracht hatte. Im November macht sie sich schließlich auf den Weg und stattet ihrer Tante Helga, Onkel Elis, ihrem Cousin Bruno und allen weiteren Verwandten einen Besuch ab.
Die Erinnerungen an den geheimnisvollen Landstreicher, dem sie zu essen brachten, an ihren gleichaltrigen Freund Axel und andere Jungs, mit denen sie flirtete, scheinen Evas eintönigem Leben als Lehrerin wieder etwas Glanz zu verleihen, doch der Aufenthalt in Skogstorp bleibt nicht ganz ohne Konflikte und Eifersuchtsszenen. Mit der Zeit weiß Eva nicht mehr, ob sie ihren Erinnerungen trauen darf, denn immer wieder werden schreckliche Ereignisse von damals ins Hier und Jetzt reflektiert, so dass Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit immer diffuser ineinander übergehen… Sehr gefühlvolle wie aufwühlende Geschichte über die merkwürdige Kraft der Erinnerungen.

Kenneth Cook - „In Furcht erwachen“

(C.H. Beck, 191 S., HC)
Nachdem er ein Jahr lang 28 Schüler zwischen fünf und siebzehn in der Schule des australischen Wüstendorfes Tiboonda unterrichtet hatte, stehen dem jungen Lehrer John Grant sechs Wochen bezahlte Winterferien bevor, die er in Sydney bei Verwandten verbringen möchte, um dort nach einem neuen Job zu suchen. Mit seinem Lohnscheck über hundertvierzig Pfund und zwanzig Pfund Bargeld macht er sich nach am Abend auf den Weg nach Bundanyabba, von wo er tags darauf mit dem Flugzeug weiter nach Sydney fliegen will. Doch dann zieht es ihn in das schummrige Hinterzimmer einer Kneipe, wo er sich schnell an einem Two-up-Münzwettspiel beteiligt.
Berauscht von seinem unverhofften Gewinn über zweihundert Pfund macht er sich auf den Weg ins Hotel und überlegt, was er mit dem Geld anfängt. Grant beschließt, sein Glück noch einmal zu versuchen, kehrt in den Club zurück – und verliert alles! Was folgt, ist eine wenig erbauliche Reise. Er betrinkt sich besinnungslos, geht mit ein paar Typen auf Känguru-Jagd und versucht, nach Sydney zu trampen. Dabei wird ihm immer wieder bewusst, dass er auch andere Entscheidungen in seinem Leben hätte treffen können … Das 1961 erstmals veröffentlichte Buch des 1987 verstorbenen Kenneth Cook ist nicht nur als „Outback“ erfolgreich verfilmt worden, sondern die erschütternde Geschichte in der existentialistischen Tradition von Camus und Hemingway ist auch Schullektüre in Australien geworden.

Bernd Harder - „Das Lexikon der Großstadtmythen“

(Eichborn, 320 S., HC)
Verschwörungstheorien-Anhänger wurden im Eichborn-Verlag bereits mit dem „Lexikon der Verschwörungstheorien“ von „Illuminatus“-Autor Robert Anton Wilson bestens bedient. Als sinnvolle Ergänzung erscheint da nun mit dem Untertitel „Unglaubliche Geschichten von Astralreisen bis Zombies“ ein Lexikon über die faszinierendsten Phänomene moderner Mythen, die Bernd Harder als Journalist der Zeitschrift „Skeptiker“ und Pressesprecher der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ auf ebenso fundierte wie lesenswerte Weise zusammengestellt hat.
Dazu zählen Geschichten wie die Asbestverseuchung von Tampons, tödliche Wurmarten in Dönern, die sich durch den ganzen Körper bis ins Gehirn fressen, oder ganz einfach die „Männer in Schwarz“. Dass solche oft haarsträubenden Geschichten, die uns von der Nachbarin einer Freundin und noch mehr Ecken oder auch durch die Zeitung und Ketten-e-Mails übermittelt wurden, so leicht und ungefiltert unseren Verstand passieren, erklärt der Autor damit, dass sie eine andere, überlegene Instanz in uns ansprechen: das Gefühl. Harder geht nach Kategorien wie „Außerirdisches“ (Alien-Autopsie, Bermuda-Dreieick, Area 51), „Esoterik“ (Feng-Shui, Kristallschädel, „Die Prophezeiungen von Celestine“), „Gesellschaft“ (Busenstarren hält Männer fit, tödliche Briefumschläge), „Medien“ (Amityville Horror, Blair Witch Project, Poltergeist, Snuff-Filme) und „Sex“ (Mündliche Befriedigung, Scheidenkrampf) ausgewählten Mythen auf den Grund. Das ist für Skeptiker und Gläubige gleichermaßen ein amüsantes wie interessantes Lesevergnügen.

Robert Anton Wilson - “Das Lexikon der Verschwörungstheorien”

(Eichborn, 400 S., HC)
Als Chris Carters apokalyptisch angehauchte Serien “Millennium” und “Akte X” jahrelang erfolgreich das Montagabend-Programm bei PRO 7 gestalteten, hatten Verschwörungstheorien  Hochkonjunktur. Bei der anwachsenden Masse der Vermutungen, wer John F. Kennedy und Marilyn Monroe ermordet hat, wer die “Men In Black” wirklich sind und wer die Welt tatsächlich regiert, wurde es höchste Zeit, dass jemand Licht ins Dunkel der vielfältigen Verschwörungstheorien bringt, und wer könnte dies besser als Robert Anton Wilson, der mit seiner berühmten “Illuminatus”-Trilogie auf amüsante wie intellektuell anregende Weise zwei gigantische Weltverschwörungen thematisiert hatte?
Getreu dem einleitenden Motto “Bloß weil du nicht paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind” und der Tatsache, dass drei von vier US-Bürgern der Überzeugung sind, dass die US-Regierung regelmäßig in geheime und verschwörerische Aktivitäten verstrickt sei, scheint man mittlerweile alles durch das “Vergrößerungsglas des Bösen” (Wilson) zu betrachten und überall die Schuldigen für das ökologische Ungleichgewicht, die Drogenkartelle, Kriege und Armut suchen zu wollen.
Geheimdienste scheinen dabei eine besondere Rolle zu spielen, denn ihnen obliegt nicht nur das Sammeln von präzisen Informationen, sondern auch die Herstellung und Verbreitung falscher Informationen. Wilson geht in seinem umfangreichen Kompendium insgesamt 350 Konspirationstheorien von A-Z auf den Grund, wobei jeder, der weiter nachforschen möchte, anhand von Literaturhinweisen und Internet-Adressen am Ende jeder Eintragung seine eigenen Theorien spinnen kann. Für “Akte X”- und “Millennium”-Fans ein absolutes Muss!

Brian Azzarello/Eduardo Risso - „100 Bullets: Der unsichtbare Detektiv“

(Speed/Tilsner, 144 S., Pb.)
Der draufgängerische Privatdetektiv Milo Garret geht keinem Kampf aus dem Weg, doch nach dem letzten blieben üble Blessuren zurück. Im achten Band der Comic-Serie „100 Bullets“ wacht Garret mit voll bandagiertem Kopf im Krankenhaus auf, nachdem er bei einem Autounfall durch die Windschutzscheibe geflogen war. Ein gewisser Agent Graves sucht ihn im Krankenhaus auf, erzählt ihm, dass es sich bei seinem Missgeschick um keinen Unfall, sondern um eine Botschaft handelte. Er übergibt ihm einen Aktenkoffer mit allen Beweisen, einer nicht registrierten Waffe und 100 ebenfalls nicht zurückzuverfolgenden Patronen.
Doch so offensichtlich und gut alles zusammenpasst, muss an der Sache etwas faul sein. Also sucht Garret nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus den Kunsthändler Karl Reynolds auf, der Garret engagiert hatte, um den zwielichtigen Importeur Monroe Tannenbaum ausfindig zu machen. Doch Reynolds hat mit einer Kugel im Kopf nichts mehr zu sagen. Garret findet Tannenbaum schließlich in seinem Stamm-Sexlokal und wird auf eine neue Spur gebracht, doch vorher schiebt er noch zwei Nummern mit der Barkeeperin Nadine… Auch der achte Band der genialen Serie um den coolen Detektiv Milo Garret nimmt in keiner Weise ein Blatt vor den Mund. Auch wenn Sex und Gewalt dabei an Explizität nichts zu wünschen übrig lassen, überzeugt „Der unsichtbare Detektiv“ vor allem durch seine spannende Story, die düstere Film-Noir-Atmosphäre und coole Charaktere.

Mittwoch, 4. März 2009

Mark Costello - „Paranoia“

(Goldmann, 432 S., HC)
Die beiden ungleichen Geschwister Vi und Jens Asplund wuchsen im beschaulichen Center Effing, New Hampshire, auf und wurden in ihrer Kindheit maßgeblich durch ihren skurrilen Vater, den Versicherungsgutachter Walter Asplund, geprägt, den sie auf seinen Fahrten zu Unglücksstellen von entgleisten Güterzügen oder abgebrannten Häusern begleiten durften. Vi verdingte sich daraufhin beim Secret Service und gehört nun dem Personenschutz-Team an, das jeden Schritt des Vizepräsidenten überwacht und ihn von jeder möglichen Gefahr abschirmt. Jens, der schon als Kind bei „Jugend forscht“-Wettbewerben glänzte, ist leitender Programmierer für das Internet-Action-Spiel „BigIf“, das sein Vater für amoralisch hielt.
Sowohl Vi als auch Jens sind beruflich viel zu eingespannt, um viel voneinander zu haben. Und dann ist da noch Jens’ Frau, die erfolgreiche Immobilien-Maklerin Peta Boyle, die nur noch superteure, superschicke Anwesen betreut, es dabei aber auch mit äußerst anstrengenden Kunden zu tun hat, deren ausgefallenen Wünsche Peta nur mit größtem Einfühlungsvermögen zu befriedigen vermag. Während auf der einen Seite Paranoia das bestimmende Lebensgefühl im heutigen Amerika zu sein scheint, steckt das Leben der Protagonisten in diesem Roman voller Überraschungen, Probleme und kleinen Katastrophen, gegen die auch die intensivsten Schutzmechanismen nichts ausrichten können. Der zweite Roman des ehemaligen Staatsanwalts Mark Costello besticht durch seine erstklassige Beobachtungsgabe und den skurrilen Humor, weshalb der Autor bereits mit Jonathan Franzen und Don DeLillo verglichen wird.

Dienstag, 3. März 2009

Hans Meurer - „Vampire – Die Engel der Finsternis“

(Eulen, 136 S., HC)
Geschichten von Blutsaugern, den Engeln der Finsternis, haben seit jeher eine große Faszination auf Menschen und vor allem auch Künstler ausgeübt. Schließlich berührt der Vampir in unserer Vorstellungskraft so philosophisch bedeutende Themen wie Tod und (ewiges) Leben, Gut und Böse, Sexualität und Macht. Seine Sucht nach Blut, die stellvertretend für unsere stille Sehnsucht nach ewigem Leben steht, und seine sexuelle Anziehungskraft machen den Vampir zu einem ebenso schaurigen wie anziehenden Monster, das seit Bram Stokers „Dracula“-Roman aus dem Jahre 1897 eine Vielzahl von Künstlern, Filmemachern und Schriftstellern inspiriert hat.
Der Vampirforscher Hans Meurer hat in seinem Werk nicht nur den Mythen nachgespürt, die sich um den Vampir in aller Welt ranken, sondern erläutert gerade auch die bedeutende Verbindung von Tod und Sexualität, spürt dem historischen Graf Dracula und seiner Charakterisierung im klassischen Horror-Roman nach, interpretiert den weitverbreiteten Mythos aus psychologischer Perspektive und zeichnet die Spuren nach, die die Vampire in Literatur, Comics und vor allem in Filmen hinterlassen haben. Mit 75 Farb- und 60 Schwarzweißabbildungen ist das unterhaltsame Buch zudem reichhaltig illustriert.

Basil Copper - „Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit“

(Festa, 335 S., Pb.)
Seit Bram Stokers Roman „Dracula“ und den verschiedensten Vampirfilmen, beginnend mit Bela Lugosis Darstellung des Blutfürsten in dem 1931 inszenierten „Dracula“, übt die mythische Gestalt des Vampirs eine ungeheure, anhaltende Faszination auf uns aus. Zuletzt haben Filme wie „Underworld“ und „Van Helsing“ das beliebte Horror-Thema visuell beeindruckend in Szene gesetzt. Der britische Krimiautor hat bereits 1973 mit dem vorliegenden Buch, das nun erstmals ungekürzt in deutscher Übersetzung vorliegt, eine umfassende Abhandlung über die mythischen, künstlerischen und medizinischen Aspekte des Vampirismus vorgelegt.
So erfahren wir, was es mit dem Holzpflock und dem Kruzifix auf sich hat, die einen Vampir abwehren sollen, wie sich die verschiedenen Vampirlegenden in aller Welt entwickelt haben, wie sich der Vampir in der Literatur, im Theater und Film entwickelt hat, und schließlich schildert Copper auch die Fälle von „echten“ Vampiren, Menschen wie Fritz Haarmann, John George Haigh und Sergeant Bertrand, die Menschen umbrachten, um ihr Blut zu trinken. Das ausführliche Nachwort von Uwe Sommerlad geht vor allem auf die aktuelleren Vampirfilme nach 1973 ein; eine ausführliche Bibliografie und ein umfassender Index runden das informative Werk perfekt ab.

Matthew Bunson - „Das Buch der Vampire. Von Dracula, Untoten und anderen Fürsten der Finsternis“

(Heyne, 315 S., Pb.)
Unzählige Vampir-Geschichten und ihre Verfilmungen scheinen uns bereits allerhand über die nächtlichen Blutsauger vermittelt zu haben, ihre Allergien gegen Knoblauch und Kruzifixe, ihren Blutdurst, ihre erotische Anziehungskraft, die sie auf Frauen ausüben, über Holzpfähle, die, wenn sie ihr Herz durchbohren, ihrem ewigen Leben ein erlösendes Ende setzen. Die bereits 1993 im englischen Original veröffentlichte „The Vampire Encyclopedia“ ist zwar nicht mehr auf dem neusten Stand, was die literarischen, filmischen und musikalischen Verweise auf den Vampir-Mythos angeht, aber er bietet dem interessierten Leser einen prägnanten Überblick über die Ausrüstung des Vampirjägers, die wichtigsten „Dracula“-Verfilmungen und -Romane, Schriftsteller und Filmemacher, die sich dem Blutsauger-Stoff angenommen haben, historische Persönlichkeiten wie die Gräfin Elisabeth Báthory und Fritz Haarmann, die wegen ihrer grausamen Vorlieben mit den Eigenschaften eines Vampirs verglichen wurden, und man erfährt, wie es in verschiedenen Ländern mit dem Glauben an Vampiren bzw. Vorgängen bestellt ist, bei denen Vampire beteiligt gewesen sein sollen.
Darüber hinaus stellt das Buch Checklisten bereit, wie Vampire entstehen und wie sie vernichtet werden können. Ein netter Schwarz/Weiß-Bilderteil und eine weiterführende Bibliografie runden das informative Buch ab, das sich leider manchmal etwas sehr kurz mit wichtigen Kapiteln wie Vampirismus, Schauspielern wie Peter Cushing und Christopher Lee, Sexualität und Liebe und den bedeutendsten Vampirfilmen und -romanen auseinandersetzt.

Gerald Axelrod & Liane Angelico - „Die Nacht des Blutmondes“

(Ubooks, 128 S., HC)
Es hat sich schon bei den Bildbänden von Simon Marsden als erfolgreiches Konzept erwiesen, die atmosphärisch-unwirklichen, gespenstischen Schwarz-Weiß-Fotografien von verwunschenen Orten, Spukschlössern, verfallenen Burgen und Friedhöfen mit illustrierenden Texten zu versehen. Während es sich bei den Marsden-Werken dabei um Geschichten rund um die fotografierten Objekte handelte, arbeitet der österreichische Fotograf Gerald Axelrod nach „… denn weiter als der Himmel ist die Liebe“ zum zweiten Mal mit der Autorin Liane Angelico zusammen, die den abgebildeten Orten wie Mont Saint-Michel (Bretagne), den Park der Monster in Bomarzo (Italien), den Kalvarienberg in Eisenstadt (Österreich) oder das Chateau de Pérennou (Bretagne) durch ihre Geschichte einen literarischen Rahmen verleiht.
 Als die „Hexe“ Sorana und ihre hübsche Enkelin Lemura von dem kleinen Dämon Kemon aufgesucht werden, ist ihnen der Hexenjäger Hiremus bereits auf der Spur. Mit Hilfe des Amuletts des Lichts, das er in den Händen der beiden vermeintlichen Hexen weiß, will er in der Nacht des Blutmondes den Hexenkompass finden, der ihm wiederum über alle weiteren Hexen Auskunft geben könnte. Hiremus tötet die Alte, während Lemura mit Kemon das Amulett zu retten versucht. Ihre Reise führt die beiden ungleichen Gefährten an wahrlich gespenstische Orte … Auch wenn die Story an sich wenig packend geschrieben ist, geht sie doch eine symbiotische Beziehung zu den stimmungsvollen Bildern ein, die zum Glück auch den Hauptteil des Buches einnehmen.

Montag, 2. März 2009

Montague Summers - „Hexen & Schwarze Magie“

(Festa, 431 S., Pb.)
Der englische Historiker Montague Summers (1880 – 1948) zählt zu den interessantesten und exzentrischsten Experten des Okkultismus, ist in Deutschland bislang aber kaum wahrgenommen worden. So liegt erst jetzt mit „Hexen & Schwarze Magie“, 1946 erstmals veröffentlicht, das erste Werk des Autors in vollständiger deutscher Übersetzung vor. Das Buch ist insofern schon interessant, als Summers die Blüte des Hexenwesens gar nicht mehr selbst erlebte, aber von seiner Existenz so vehement überzeugt war, dass er sich schon zu Lebzeiten viele Kritiker zuzog.
Er hatte zuvor 1929 bereits die erste englische Übersetzung des legendären „Hexenhammers“ („Malleus Maleficarum“) besorgt und weitere Standardwerke zu Dämonologie und Hexenwesen ins Englische übertrug. Außerdem widmete er sich leidenschaftlich der Schauerliteratur. In seinem Kompendium über Hexen und Schwarze Magie gibt Summers kenntnisreich und gut recherchiert fundierte Informationen zur Natur des Hexenwesens, den Hexen, ihren menschlichen und tierischen Hilfsgeistern, ihren Gotteslästerungen, ihren Verbindungen zu den Templern und zur Politik, Ausprägungen der assyrischen und ägyptischen Hexerei, ihren Schriften, Göttern und Zeremonien.
Der deutsche Summers-Experte Michael Siefener schrieb dazu ein erleuchtendes Vorwort mit einem Abriss über Summers’ interessantes Leben. Einige Abbildungen und ein ausführlicher Index runden das lesenswerte Buch ab.

Sonntag, 1. März 2009

Gerald Axelrod - „Wo die Zeit keine Macht hat. Feen, Hexen und Druiden in der Sagenwelt Irlands“

(Eulen, 128 S., HC)
Neben dem Briten Simon Marsden zählt der Österreicher Gerald Axelrod zu den bekanntesten Fotografen unheimlicher und magischer Bilder, die die Mythen, Fabeln und Geheimnisse vergangener Epochen in ihren atmosphärisch dichten Schwarz/Weiß-Fotos wieder lebendig werden lassen. Der Titel seines neuen Buchs „Wo die Zeit keine Macht hat“ bezieht sich auf die keltische Anderswelt, jenes prächtige Abbild unserer Welt im Jenseits, wo weder Hunger, Krankheit noch Tod herrschen.  
Axelrod beschreibt in seinem Werk sowohl die Mythen als auch die Lebensgewohnheiten der Kelten und illustriert diese mit bezaubernden Bildern, bei denen Iris Guggenberger als Fee, Hexe oder Prinzessin vor der prächtigen Kulisse von Friedhöfen, verfallenen Schlössern, Höhleneingängen, kunstvollen Torbögen, verlassenen Altären und an steinigen Meeresufern die uralten Bräuche, Kleidungsgewohnheiten und Lebensumstände demonstriert. Gelegentlich lässt der Autor das faszinierende Naturpanorama auch nur für sich sprechen. So entsteht das spannende wie lebendige Panorama einer zwar längst untergegangenen, in ihren überlieferten Mythen und Denkmälern nach wie vor einflussreichen und faszinierenden Kultur, deren Wege, Ausbreitung und Entwicklung der Autor gleich zu Beginn seines Buches kurz skizziert, bevor einzelne Figuren der keltischen Mythologie wie Maildun, Cuchulinn und Finn MacCool episodenhaft portraitiert werden. Der Hauptreiz von „Wo die Zeit keine Macht hat“ liegt aber eindeutig in den 83 Duoton-Fotografien, die der Phantasie des Betrachters auf die Sprünge helfen.