Donnerstag, 30. April 2009

Carlos Ruiz Zafón - „Der Schatten des Windes“

(Insel, 544 S., HC)
Barcelona, 1945. Der zehnjährige Daniel wird eines Abends von seinem Vater, dem Inhaber eines Antiquariats, zum geheimen „Friedhof der Vergessenen Bücher“ geführt, wo er sich ein Buch aussuchen darf, für das er sein Leben lang verantwortlich zu sein hat. Seine Wahl fällt auf das eher unscheinbare Buch „Der Schatten des Windes“ eines gewissen Julián Carax. Er liest die verschachtelte Geschichte eines Mannes auf der rastlosen Suche nach seinem richtigen Vater binnen einer Nacht und will mehr über den Autor und sein Schicksal erfahren. Sein Vater kann ihm allerdings nicht weiterhelfen.
So macht sich Daniel auf eine ähnliche Odyssee wie der ihn faszinierende Autor und stößt bald auf einen üblen Zeitgenossen, der Daniels Buch um jeden Preis erstehen möchte, nur um es zu verbrennen. Wie sich herausstellt, nennt sich der durch ein Feuer missgebildete Mann Lain Coubert – wie der leibhaftige Teufel in Carax’ Roman. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle noch erhältlichen Bücher von Carax aufzukaufen und zu vernichten. Daniel stößt auf immer geheimnisvollere Entdeckungen, auf Frauen wie die blinde Clara und Bea, die Schwester seines besten Freundes Tomas, in die er sich verliebt, die ihn aber ebenso täuschen wie viele andere, die Daniel auf der Suche nach Informationen über den ermordeten Autor befragt. Je mehr er sich mit Carax und der Geschichte von „Die Schatten des Windes“ auseinandersetzt, um so mehr erkennt er die Parallelen zu seinem eigenen Leben und droht in einen Strudel grässlicher Ereignisse zu geraten.
Kein Wunder, dass das fantasievolle Buch in Spanien 2002 zum besten Roman gekürt wurde. Zafón kreiert sympathische wie geheimnisvolle Figuren, deren Schicksal auf ebenso mystische Weise verbunden zu sein scheint, und lässt die Magie der Literatur poetisch und farbenfroh erstrahlen.

James Wilson - „Der Schatten des Malers“

(Insel, 507 S.,)
Joseph Mallord William Turner (1775-1851) gilt als berühmtester Maler England, stand aber stets in dem Ruf, sowohl „genialisch“ als auch „verrückt“ zu sein. Der in Oxford Geschichte studierte britische Autor James Wilson geht dem geheimnisvollen Leben William Turners in Form eines historischen Romans auf den Grund, verwebt die mühsam aus etlichen Biografien, Museen und vor Ort recherchierten Fakten in eine spannend zu lesende Geschichte, in der der begabte, aber wenig erfolgreiche Maler Walter Hartright von Lady Eastlake, der Gattin des National-Gallery-Direktors Charles Eastlake, einige Jahre nach dem Tod Turners gebeten wird, eine Biografie Turners zu schreiben, da der Journalist Walter Thornbury seinerseits an einer Biografie schreibt, die kein gutes Haar an dem großen Künstler lässt.

Zusammen mit seiner Schwägerin Marian Halcombe macht sich Hartwright auf die Suche nach Zeitgenossen und muss schnell feststellen, dass er ganz unterschiedliche Beschreibungen von Turners Wesen in Einklang miteinander bringen muss. Während manche ihn als großzügigen, warmherzigen Edelmann bezeichnen, verachten andere ihn als Geizhals und als Mann mit außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben. Je mehr Hartwright in das Leben Turners eintaucht, umso deutlicher werden die Veränderungen in ihm selbst. Sein Wunsch, Turners Genie zu verstehen, führt fast zur zerstörerischen Selbstaufgabe... James Wilson hat mit dem in Brief- und Tagebuchform geschriebenen Roman ein authentisch wirkendes Portrait eines faszinierenden Künstlers geschaffen und zugleich ein stimmungsvolles historisches Abbild der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Mittwoch, 29. April 2009

Mark Lindquist - „Carnival Desires“

(German Publishing, 379 S., Pb.)
Etwas nachdenklich versammeln sich ein paar Freunde aus der Film- und Partyszene Hollywoods zu einer Silvester-Party, nachdem sich mit Tim ein Freund von ihnen scheinbar ohne besonderen Grund am Heiligabend eine Kugel in den Kopf geschossen hatte. Sie alle wollen mit besonderen Vorsätzen fürs nächste Jahr einem ähnlichen Schicksal entgehen oder vielleicht nur etwas mehr Sinn in ihrem Leben finden. Da ist der halbwegs erfolgreiche Drehbuchautor Bick, der mit nicht mal dreißig Jahren schon in den Ruhestand gehen will. Libby, die vor kurzem noch Sex mit Bick hatte, sehnt sich nach ihrer ersten richtigen Sprechrolle.
Joy, die fast so etwas wie eine Beziehung mit dem nun mausetoten Tim am Laufen hatte, hat nicht mal einen Vorsatz, will sich aber bemühen, im folgenden Jahr einen zu finden. Das Schauspielerpärchen Willie und Merri möchte endlich erwachsen werden, wobei Willie schon Probleme hat, die Finger von Alkohol und Drogen zu lassen. Und der erfolgreiche Jungregisseur Oscar ist auf der Suche nach einer Freundin, die finanziell unabhängige Mona nur einen Job … Mit seinem zweiten, 1990 veröffentlichten Roman nach „Sad Movies“ etablierte sich Mark Lindquist neben Breat Easton Ellis („American Psycho“) als Aushängeschild der postmodernen amerikanischen Literatur und hat etliche Drehbücher für Hollywood verfasst. Deshalb wirkt auch „Carnival Desires“ ungemein authentisch, beschreibt die einfachen Sehnsüchte der aufstrebenden, aber auch schon gescheiterten Twentysomethings mit viel Gefühl und Humor.

Montag, 27. April 2009

Uwe Schütte - „Basis-Diskothek Rock und Pop“

(Reclam, 231 S., Pb.)
In gewisser Hinsicht sind bestimmte Aspekte der Postmoderne, nämlich das weitgehend zufällige oder zumindest zufällig erscheinende stilistische Potpourri, in der heutigen Musikszene so ausgeprägt wie noch nie. In einer Zeit, in der Popmusik weit davon entfernt ist, eine Gegen- oder Protestkultur zum allgemeinen Kanon darzustellen, und nur noch als Spiegelbild einer vielfarbigen, vielschichtigen Gesellschaft fungiert, sind die Grenzen zwischen einzelnen Musikstilen wie Pop, Rock, Techno, Electro, Gothic, Dark Wave, Industrial, TripHop etc. kaum noch zu definieren.
Gerade deshalb erscheint es umso wichtiger, sich als interessierter Hörer auch mal auf die Schlüsselwerke der einst fest umrissenen Genres einzulassen - ein Unterfangen, zu dem Uwe Schütte in seiner 100 Alben umfassenden „Basis-Diskothek Rock und Pop“ erstaunlich geschickt und kenntnisreich den Leser zu animieren versucht. Natürlich erhebt der Autor keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber er bemüht sich, die wichtigsten Platten aus den Bereichen Rock’n’Roll, Folk, Country, Lo-Fi, Indie, Punk, New Wave, Grunge, Brit Pop, Heavy Metal, Psychedelia, Prog Rock, Glam Rock, Goth Rock, Soul, HipHop und TripHop vorzustellen. Klar, dass man immer mal wieder persönliche Lieblinge vermissen wird, aber der Gothic-Hörer wird sich zum Beispiel freuen, dass er hier Alben wie „Seventeen Seconds“ von The Cure, „The Sky’s Gone Out“ von Bauhaus, „Second Annual Report“ von Throbbing Gristle, „Closer“ von Joy Division oder „Halber Mensch“ von den Einstürzenden Neubauten finden wird. Aber auch ein Blick über den Tellerrand hinaus zu Meisterwerken von Massive Attack, Brian Eno, Echo & The Bunnymen, The Verve, Protishead, David Bowie, David Sylvian und viele andere lohnt sich, denn jedes Album wird sehr ausführlich besprochen. Äußerst lesenswert ist auch das abschließende Essay „Was ist und zu welchem Ende hören wir Popmusik?“ über die Bedeutung(sverlagerung in) der Popmusik sowie das lehrreiche Glossar mit musikalischer Stilkunde.

Roland Seim/Josef Spiegel (Hrsg.) - „Nur für Erwachsene – Rock- und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen“

(Telos, 248 S., Pb.)
Die Geschichte der Zensur in der Rock- und Popmusik ist so alt wie die Geschichte der Rock- und Popmusik selbst. Schließlich entstand der Rock’n’Roll in den Fünfzigern mit dem Beginn der Jugendbewegungen, denen die Ablehnung des gesellschaftlichen Status quo, die Provokation und Rebellion in jeder Hinsicht von Anfang an auf den Fahnen geschrieben stand.
Klar, dass die elterlichen Hüter über Gesetz und Moral von Beginn an mit allen Mitteln nicht nur Frisuren, Tanzstile und Kleidung der jugendlichen Rebellen zu diskreditieren versuchten, sondern auch die Musik und ihre Darstellungsformen. Darum geht es in dem zur gleichnamigen Ausstellung veröffentlichten Buch/Katalog „Nur für Erwachsene – Rock und Popmusik: zensiert, diskutiert, unterschlagen“. Die darin verbreitete These, dass in der Zeit von 1955 bis heute ein kontinuierlicher Wertewandel stattgefunden hat, der sich gerade in der Rock- und Popmusik nachweisen lässt, wenn auch nicht in der linearen Form, wie die zunehmende Liberalisierung verlaufen ist, wird mit Essays, einem großen Bildteil und einem ausführlichen Glossar zu dokumentieren versucht. Die einführenden Aufsätze auf den ersten fünfzig Seiten machen am Beispiel von Elvis Presley den Beginn der Zensurbemühungen der Obrigkeit deutlich und setzen sich mit exemplarischen Beispielen aus dem Heavy Metal, aus der Rockmusik mit faschistischen Symbolen und Gedanken, Tanzverboten in Amerika in Bezug auf die Technoszene und explizit den deutschen Befindlichkeiten auseinander, ehe der Abbildungsteil – oftmals in der Gegenüberstellung vom Originalentwurf und zensiertem Cover – auf zensorische Maßnahmen hinsichtlich Sex, Frauenfeindlichkeit, Verletzung von Moral, Sitte und Anstand, Gewaltdarstellung und –verherrlichung sowie Political Incorrectness konkretes Anschauungsmaterial liefert. Dabei wird tatsächlich deutlich, wie eng die Zensurmotivationen vom jeweiligen Zeitgeist, Tagesgeschehen und der Sensibilisierung der Öffentlichkeit abhängt. Der lexikalische Teil informiert abschließend über die „Verfehlungen“ verschiedener Acts wie u.a. auch The Cure, natürlich Marilyn Manson und Rammstein und die „üblichen Verdächtigen“ wie Rolling Stones, George Michael, Madonna, Kiss und Nina Hagen.

Sonntag, 26. April 2009

Mark Lindquist - „Sad Movies“

(German Publishing, 198 S., Pb.)
Neben Bret Easton Ellis zählte der in Seattle geborene Mark Lindquist in den 80ern und 90ern zu den interessantesten Newcomern in der amerikanischen Literaturszene. Auch sein 1987 veröffentlichter Roman „Sad Movies“ rechnet wunderbar mit dem hedonistischen Yuppie-Kult ab, schwelgt dabei vor allem in den Alkohol-, Drogen- und Sex-Exzessen der Zeit.
Zeke könnte es eigentlich richtig gut gehen. Er arbeitet in der Werbeabteilung der Filmgesellschaft Big Gun, die aber nur billig produzierten Schrott auf den Markt bringt, zu dem Zeke irgendwie keine richtigen Slogans mehr einfallen wollen. Mit Becky hat er eine wunderhübsche Schauspielerin als Freundin, dennoch schläft er sich durch alle Betten, die sich ihm anbieten. Becky will daraufhin ausziehen, doch die beiden kommen nicht wirklich voneinander los. Richtig chaotisch wird es aber, als Zekes alter Schulfreund Y.J. auftaucht, dessen Hund Blackie entführt wird und mit allen Mitteln zurückerobert werden will. Y.J. hat sogar Verständnis für Zekes Selbstmordabsichten und bietet ihm an, es ihm gleichzutun, wenn Zeke sein Vorhaben tatsächlich durchzieht… „Sad Movies“ ist ein turbulentes, abgedrehtes und witziges Stück über die Schwierigkeit, in den für alles offenen 80ern seinen Weg ins Erwachsenendasein zu finden.

Samstag, 25. April 2009

Annie Proulx - „Mitten in Amerika“

(Luchterhand, 512 S., HC)
Die 68jährige Amerikanerin Annie Proulx hat erst Ende der 80er Jahre begonnen, ihre Werke zu veröffentlichen, schuf aber mit dem von Lasse Halmström ebenfalls erfolgreich verfilmten „Schiffsmeldungen“ gleich eine literarische Sensation und wurde mittlerweile mit allen wichtigen amerikanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. In ihrem neuen Roman erzählt sie auf gewohnt unterhaltsame, episodenhafte und komische Art und Weise die Geschichte des jungen Amerikaners Bob Dollar, der selbst fünf Jahre nach seinem Hochschul-Diplom noch nicht so recht die Richtung zu bestimmen vermag, das sein Leben nehmen soll.
Nach Gelegenheitsjobs in der Lebensmittelbranche und als Lagerist in einer Glühbirnenfabrik verdingt er sich schließlich bei Global Pork Rind. Als Scout soll er im ehemaligen „Wilden Westen“, in den Panhandles, dem weitläufigen Gebiet, das Texas und Oklahoma miteinander vereint, nach geeigneten Grundstücken für neue Schweinemastbetriebe Ausschau halten, dabei aber sehr diskret vorgehen und sich zunächst einmal das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, ohne die wahre Absicht seines Aufenthalts zu enthüllen. Er findet in dem kleinen texanischen Ort Wooleybucket Unterschlupf in einer Arbeiterbaracke und bekommt schnell nicht nur von der Farmbesitzerin LaVon einige interessante Geschichten über Land und Leute zu hören. Nach drei Monaten Aufenthalt ist aber noch lange kein Geschäftsabschluss in Sicht, was Bobs Chef Ribeye Cluke zunehmend verärgert. Dafür erfährt Bob in den Geschichten von Tornados, Hahnenkämpfen, Windrädern, Zaunbauern und Affären, dass der Niedergang der Prärie maßgeblich mit den Schweinefarmen zusammenhängt, für die er eigentlich neues Land gewinnen soll. Annie Proulx erzählt von einer fast märchenhaften Welt, die wir so kaum mit dem heutigen Amerika verbinden würden, und das tut sie auf geistreiche, detailgetreue und fast liebevolle Weise.

Joachim Lottmann - „Die Jugend von heute“

(Kiepenheuer & Witsch, 319 S., Pb)
Mit seinem letzten Roman „Mai, Juni, Juli“ hat der 48-jährige Publizist Joachim Lottmann (u.a. Jungle World, die tageszeitung, de:bug, Neues Deutschland) einen Roman über die ausgehenden 80er veröffentlicht, nun begibt er sich als Ich-erzählender Onkel Jolo ins beginnende 21. Jahrhundert und will noch mal ganz jugendlich sein, genießt das nur offensichtlich sehr lockere Beisammensein mit seinem Neffen Elias, dem er unbedingt die erste Freundin besorgen möchte, dessen Freund Lukas und vor allem mit all den unglaublich hübschen, jungen Frauen, zwischen denen man sich irgendwie gar nicht entscheiden kann und die deshalb von den unbeschwerten Jugendlichen entsprechend wahllos ausgetauscht werden.
Zunächst will Jolo erst einmal weg aus Berlin, der Stadt der Jugend, in der er aber seit dreieinhalb Jahren keine Geliebte gehabt hat, in der er 16 Stunden am Tag schlafen musste, um „dieses Leben ohne Liebe“ überhaupt auszuhalten. Elias kommt extra aus Köln, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Dabei behilflich soll ihm die neue Superdroge Samsunit sein, die angeblich ohne Nebenwirkungen antidepressiv, angstlösend, euphorisierend und sexuell stimulierend wirkt. Jolo hält sich von Samsunit fern, doch später wird der Leser Zeuge, welchen Sexhöllentrip die Kombination aus Viagra und Lexatonil verursacht. Letztlich zieht es ihn doch von Berlin weg, mal nach Köln, mal nach München und auch nach Wien, doch so richtig glücklich will er nirgends werden. Stattdessen wundert er sich über die irgendwie ziellose, krampfhaft Spaß haben wollende, unentschlossene Jugend. Das liest sich recht amüsant und bringt stellenweise „die Jugend von heute“ ganz treffend auf den Punkt, verpufft aber ebenso schnell wie das Leben der beschriebenen Jugendlichen.

Ha. A. Mehler - „Pokerspiel“

(Silberschnur, 309 S., HC)
Der Plot erinnert zunächst etwas an die intelligente „Final Destination“-Filmreihe der beiden „Akte X“-Autoren Glen Morgan und James Wong: Gevatter Tod streckt seine grabeskalten Fühler aus, einen Schriftsteller aus dem Reich der Lebenden zu entführen und zu sich zu holen, doch im Gegensatz zu dem gestaltlosen Tod aus „Final Destination“ nimmt der Schnitter in „Pokerspiel“ die ganz reale Form eines dürren, bösartigen und obszönen alten Mannes an, der wie ein Halloween-Spuk an die Tür des noch ahnungslosen Autors klopft.
Doch bevor der Tod zuschlagen kann, gelingt dem Schriftsteller die Flucht und kann ein um das andere Mal der kalten Hand des Todes ein Schnippchen schlagen. Überzeugt davon, dass der Tod nicht das schreckliche Gesicht haben muss, das die ängstlichen Menschen von ihm haben, lässt ihm die Natur des Todes keine Ruhe, sodass er verschiedene religiöse Geheimzirkel aufsucht, um dort letztlich nur zu erfahren, dass sich tatsächlich niemand vor dem Tod fürchten muss. Doch schließlich muss sich auch der Schriftsteller ein letztes Mal dem Tod stellen. Bei einem Pokerspiel geht es dabei um alles oder nichts … Die Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod wird bei Mehler in einen spannenden Kriminalroman mit spiritueller Ausrichtung gepackt und regt dabei den Leser dazu an, seine eigene Einstellung zum Tod zu überdenken.

David Gilbert - „Die Normalen“

(Eichborn, 400 S., HC)
Zwar hat der 28jährige Billy Shine seinen Abschluss in Harvard gemacht, hält sich aber nur mit Zeitarbeits-Jobs über Wasser und verkehrt mit seiner Freundin Sally nur wegen des notwendigen Austauschs von Körperflüssigkeiten. Desillusioniert sowohl in beruflichen wie Liebesdingen, labt sich Billy an seinen Krankheiten auch nur, weil er vollkommen gesund ist. Nur die hartnäckige Inkassofirma Ragnar & Sons, die seine säumigen Studienschulden eintreiben will, machen Billy echte Sorgen.
Da kommt ihm das Angebot von Hargrove Anderson Medical, an einer Studie zur Erprobung eines atypischen Psychopharmakon zur Behandlung von Schizophrenie gerade recht. Recht gelangweilt und teilnahmslos lässt Billy alle medizinischen Prozeduren über sich ergehen und lässt sich auch von den ersten Nebenwirkungen nicht erschrecken, nicht mal als ihn sein Vater Abe um Sterbehilfe für ihn selbst und seine seit Jahren an Alzheimer leidenden Frau bittet … Mit „Die Normalen“ ist dem amerikanischen Autor David Gilbert eine ganz spezielle Hommage an Ken Keseys Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ gelungen, nur dass Billy eben gar keine rebellischen Züge hat und sich stattdessen in sein Schicksal ergibt. Vor allem die skurrilen Charaktere, die überzogenen Dialoge, die sehr mikrokosmische Behandlung von Themen wie Ethik in der Medizin und die Bedeutung von Liebe machen „Die Normalen“ zu einem vorzüglichen Lesevergnügen.

Donnerstag, 16. April 2009

David Ellis - „Die Schuldigen“

(Rütten & Loening, 448 S., HC)
Eigentlich könnte es für den jungen, aufstrebenden Anwalt Jon Soliday kaum besser laufen. Als rechte Hand des demokratischen Senators Grant Tully organisiert er dessen Wahlkampf zum Gouverneur von Illinois und hat gerade entdeckt, wie der republikanische Gegenkandidat John Trotter wegen eines Formfehlers bei der Bewerbung aus dem Rennen gekickt werden kann. Doch bevor dieses As ausgespielt werden kann, gerät Soliday in einen Strudel katastrophaler Ereignisse. Erst streckt sein Partner und Freund Bennett Carey einen Einbrecher mit drei Schüssen in den Rücken nieder, dann erhält er einen Erpresserbrief mit der Forderung, 250.000 Dollar aus dem Wahlkampffonds abzuzweigen, um ein bestimmtes „Geheimnis“ nicht preiszugeben.
Als Soliday schließlich Dale Garrison, eine ebenfalls für Senator Tully arbeitende Anwalt-Legende, tot in dessen Büro auffindet und dabei vom Sicherheitsdienst entdeckt wird, sieht er sich auch noch mit einer Mordanklage konfrontiert. Während der Ermittlungen, die er selbst anstellt, wird schnell deutlich, dass Ereignisse von vor über 21 Jahren ihren Schatten in die Gegenwart werfen. Damals hatte Soliday im Drogenrausch Sex mit einem Mädchen, das tags darauf tot war. Soliday hatte keine Erinnerung an die Ereignisse in der Nacht, wurde von seinem Freund Tully und seiner Familie aber aus der Sache rausgehalten. Nun versucht jemand, die wahren Hintergründe von damals aufzudecken. Soliday ist sich bewusst, dass einige politische Karrieren auf dem Spiel stehen, wenn er selbst mit allen Mitteln seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht... Spannender, mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichneter Justiz-Thriller des Juristen David Ellis.

Sonntag, 12. April 2009

Dennis Lehane - “Shutter Island”

(Ullstein, 366 S., HC)
Aus dem Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter auf Shutter Island ist im Sommer 1954 eines Nachts die Patientin Rachel Solando aus ihrer zugesperrten Zelle entflohen. Als US-Marshal Teddy Daniels sich mit seinem neuen Kollegen Chuck Aule von Boston aus auf dem Weg zur Insel in die Festungs-ähnliche Einrichtung machen, erfahren sie, dass auch Dr. Sheehan, der Leiter der Gruppentherapie, an der Rachel am Abend zuvor teilgenommen hatte, verschwunden ist, ohne eine Spur zu hinterlassen. In Rachels Zelle finden die Marshals zwar eine Notiz mit kryptisch anmutenden Zahlenspielereien, aber sonst finden die Cops keine Hinweise auf ihr Verschwinden. Bei ihren Befragungen des Direktors und des Pflegepersonals bekommen Chuck und Teddy immer mehr den Eindruck, dass ihnen bei ihren Ermittlungen Steine in den Weg gelegt haben.
Als Chuck erfährt, dass Teddy auch nach einem Andrew Laeddis sucht, der Teddys Frau Dolores vor zwei Jahren durch eine Brandstiftung umgebracht hat, vermutet er, dass Teddy ganz persönliche Gründe hatte, sich den Fall Rachel Solando anzueignen. Zwar freunden sich die beiden ungleichen Männer immer weiter miteinander an, vermag Teddy aufgrund seiner ehemaligen Nachrichtendiensttätigkeit auch allmählich Rachels Code zu entschlüsseln, dennoch scheint hinter Rachels Verschwinden mehr zu stecken, als die Anstaltsleitung einzuräumen gewillt ist. Nach dem erfolgreich von Clint Eastwood verfilmten „Mystic River“ legt Dennis Lehane mit „Shutter Island“ einen weiteren filmreifen Roman vor.

Samstag, 11. April 2009

Joe Meno - „Verdammte Helden“

(Heyne, 413 S., Pb.)
Der 17-jährige Brian Oswald hängt am liebsten mit seiner besten Freundin Gretchen herum. In ihrem Ford Escort funktioniert zwar selten die Anlage, doch wenn sie mal läuft, bekommt Metal-Head Brian kuriose Mixtapes mit Soundtracks zu seinem Leben zu hören, Tracks von den Ramones, The Clash, The Dead Milkmen und den Misfits. Obwohl Gretchen etwas pummelig ist, verliebt sich Brian in sie und träumt davon, sie zu entjungfern.
Doch Gretchen überlässt diese heikle Aufgabe dem Fascho-Schläger Tony Degan, worauf sich die Wege von Brian und Gretchen eine Weile trennen. Dafür hängt Brian oft mir Mike zusammen, der immer coole Mädchen zu sich einlädt und Brian so auch sein erstes Sex-Erlebnis besorgt. Brian rutscht immer mehr in die Punk-Szene hinein und erfährt dort, wie cool es sein kann, mit Gleichgesinnten sein Anderssein zu teilen. Als Brian von seiner Freundin Dorie wegen ihres Ex-Freundes verlassen wird, sehnt er sich aber umso mehr nach Gretchen …
Mit seinem dritten Roman ist Joe Meno der große Durchbruch in den USA gelungen. „Verdammte Helden“ schildert auf amüsante, aber auch mitfühlende Art und Weise die Probleme des Erwachsenwerdens. Eine Art „High Fidelity“ für Teenager …

Faye Kellerman - „Und der Herr sei ihnen gnädig“

(C. Bertelsmann, 448 S., HC)
Cindy Decker, eine ehrgeizige junge Polizistin beim LAPD, die gern in die Stapfen ihres geschätzten Vaters, Detective Peter Decker, treten möchte, wird bei einer Streifenfahrt von einem wild gestikulierenden Mann angehalten, der ein Wimmern in einem Müllcontainer hörte. Als Cindy in den Container steigt, rettet sie einem gerade entbundenen Mädchen das Leben und besucht es anschließend im Mid-City Pediatric Hospital, wo sie auch den attraktiven ägyptischen Juden Yaakov Kutiel kennen lernt.
Die Mutter des Mädchens ist schnell gefunden – ein behindertes Mädchen namens Sarah Sanders, das während der Vernehmung berichtet, von vier Jungen vergewaltigt worden zu sein, die auch ihren Freund David besinnungslos schlugen und in einen Müllcontainer steckten. Seitdem wird David vermisst. Wenig später wird Cindy auch noch Zeugin, wie ein weiteres Mädchen auf offener Straße überfahren wird. Wie sich herausstellt, wurde dieses Mädchen wie Sarah im Fordham Communal Center for the Developmentally Disabled betreut wurde. Während Cindy Vorgesetzten den Fall nicht wirklich ernst nehmen, ermittelt sie auf eigene Faust, berät sich aber immer wieder mit ihrem Vater. Schließlich kommt sie den vermutlichen Vergewaltigern auf die Spur, sucht aber auch weiterhin den vermissten David… Erstmals lässt die Cop-Thriller-Spezialistin Faye Kellerman nicht Peter Decker, sondern seine pfiffige Tochter Cindy ermitteln. In einer Nebenhandlung hilft er seiner zweiten Frau, Rina, bei der Suche nach den Umständen des Todes von Rinas Mutter in Deutschland. Neben der spannenden Handlung, die zum Ende leider etwas abflacht, sind es vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechte, die „Und der Herr sei ihnen gnädig“ so lesenswert machen.

Freitag, 10. April 2009

Michael Robotham - „Adrenalin“

(Goldmann, 447 S., HC)
Als der bekannte Psychotherapeut Joe O’Loughlin den 17-jährigen Krebspatienten Malcolm davon abhalten kann, sich vom Dach des Royal Marsden Hospital zu stürzen, verbleibt ihm nicht viel Zeit, sein Heldentum zu genießen. Wenig später wird er nämlich von dem Londoner Kommissar Vincent Ruiz um eine Expertise bei einem Mordfall gebeten. Die übel zugerichtete Leiche der Krankenschwester Catherine McBride wurde am Ufer eines Kanals in der Nähe des Friedhofs gefunden, den O’Loughlin gerade mit seiner schönen Frau Julianne und seiner Tochter Charlie besucht haben.
Nach Sichtung der Leiche fällt O’Loughlin auf, dass die selbst beigebrachten Schnittwunden der Toten Ähnlichkeit mit den Gewaltphantasien seines Patienten Bobby Moran haben. Doch aus dem zu Gewaltausbrüchen neigenden jungen Mann wird der Psychologe nicht schlau. Stattdessen gerät O’Loughlin, dem gerade erst die Parkinson-Krankheit diagnostiziert wurde, selbst unter dringenden Tatverdacht, da eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und dem Opfer bestand. Als Julianne erfährt, dass ihr Mann in der fraglichen Nacht des 13. November auch noch mit einer Prostituierten geschlafen hat, droht das Leben des Psychotherapeuten gänzlich aus den Fugen zu geraten … Raffinierter und extrem spannender Psycho-Thriller in bester „Schweigen der Lämmer“-Tradition!

Anthony Lee - „Der Deal“

(Europa, 413 S., HC)
Dass ein Krimi/Thriller mit einem Mord anfängt, ist nicht weiter ungewöhnlich, doch Anthony Lee beginnt seinen Debütroman mit einem Auftakt, der einem fulminanten Showdown gleicht. „Du legst ihn nicht um. Er sagte es sich noch mal. Der Gedanke war wie ein Erwachen.“ Martin Quinn entschließt sich, seinen besten Freund Felix Pasko am Leben zu lassen. Eigentlich sind die beiden zu Felix’ Landhaus in den Catskills gefahren, um Felix’ Vater zu hintergehen, damit sich der ungeliebte Sohn endlich aus den Fängen des übermächtigen Vaters befreien kann.
Doch die Sache läuft völlig aus dem Ruder. Denn auf einmal erscheint Terry auf der Bühne, will die beiden umlegen, schießt erst auf Martin, dann auf den flüchtenden Felix, legt dem tot geglaubten Martin die Pistole in die Hand, was Terry zum Verhängnis wird. Gerade als Martin Terry niederstreckt, taucht das FBI auf und klagt Martin wegen Mordes an. Der sieht seine Chance nur noch in einem Deal, da das FBI scharf auf Felix’ Vater ist. In Rückblenden erfährt der Leser, wie die Freundschaft von Martin und Felix beginnt, wie sie dieselbe Frau lieben, wie sie ihre Geschäfte im russischen Mafia-Milieu von New York machen und ihren eigenen Club „Anastasia“ führen. Der komplexe Roman ist zugleich packender Thriller wie die Geschichte des Aufwachsens zweier Männer in engen familiären Bindungen, intensive Milieubeschreibung und auch die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern.

Philippe Fichot/Die Form - „The Visionary Garden 2“

(Ultra Mail Prod., 192 S. mit CD, HC)
Bereits vor zehn Jahren präsentierte Die-Form-Mastermind Philippe Fichot mit dem auf 999 Exemplare limitierten Fotoband „The Visionary Garden“ einen ersten umfassenden Einblick in sein fotographisches Werk, nachdem zuvor schon die Artworks zu seinen Veröffentlichungen und vor allem das Booklet zur ersten Auflage der „Archives & Doküments“-LP-Box sehr stark zum Ausdruck brachten, dass Die Form nicht nur im musikalischen Kontext als S/M-Projekt funktionierte, sondern auch stets mit einer ausgeprägten visuellen Struktur verbunden gewesen ist.
Davon zeugten nicht zuletzt die obligatorischen Filmprojektionen bei den Live-Performances und auch die Darstellungen auf der Bühne an sich. Mit „The Visionary Garden 2“ ist bei dem in Hong Kong ansässigen Label/Verlag Ultra Mail Prod. keine echte Fortsetzung des damals gut 100 Seiten starken Buchs erschienen, sondern eine fast auf den doppelten Seitenumfang erweiterte Neuauflage von Fichots oftmals mehr als verstörenden Schwarz/Weiß-Fotographien. Im Mittelpunkt seiner stark künstlerisch bearbeiteten Bilder stehen mit allen möglichen Utensilien gefesselte, halb oder völlig nackte Frauen, die Lust, Schmerz und Tod in sich zu vereinen scheinen. Die durchweg entspannten Gesichtszüge lassen aber eher auf freiwillige Opferbereitschaft hinzudeuten - die Frau als willfähriges Objekt der ausgefallensten männlichen Begierden … In den neueren Bildern aus der „Extremum“-, „Zoopsia“- und „InHuman“-Phase nimmt der Tod in Skelettform konkretere Züge an, andere Bilder weisen fast surrealen Charakter auf. Es ist schon eine sehr eigene Ästhetik, die Fichot zum Ausdruck bringt. Für S/M-Anhänger auf jeden Fall ein opulenter Sinnesreigen … Die damals separat von Hyperium veröffentlichte „Soundtrack zum Buch“-CD „The Visionary Garden“ ist nun in remasterter Qualität dem Buch beigelegt und enthält zudem mit „The Scavenger“ einen bislang unveröffentlichten Film aus dem Jahre 1982.

Wolfgang Flür - „Kraftwerk - Ich war ein Roboter“

(Hannibal/vgs, 300 S., Pb.)
Mit Tim Barrs kürzlich, bislang leider nur auf Englisch erschienener Kraftwerk-Biographie wurde eine längst überfällige Lücke geschlossen, was die ausführliche Auseinandersetzung mit einer der bedeutendsten deutschen Kulturexporte angeht. Tim Barr und sein englischer Kollege Dave Thompson („Industrial Revolution“) waren es schließlich auch, die ex-Kraftwerker Wolfgang Flür zu seinen ganz persönlichen Erinnerungen anregten, die er in „Kraftwerk - Ich war ein Roboter“ auf sehr unterhaltsame Weise niederschrieb. Tim Barr wollte nämlich unveröffentlichte Fotos von früheren Kraftwerk-Auftritten zusammenstellen, und als Flür in seinem Aluminium-Koffer stöberte, geriet er in eine Art Rausch, als er seinen „deutschgedanklichen Kulturbeutel“ durchwühlte, ließ Erinnerungen an Hotelzimmer, Flugzeuge und andere Länder wieder aufleben, zu denen alte Polaroids, Zeitungsartikel, Pressefotos und anderes mehr die entsprechenden Initialzündungen lieferten. Und Thompson wollte der von Journalisten meistgestellten Frage nachgehen, warum Flür Kraftwerk verlassen habe, was den ehemaligen Kraftwerk-Trommler letztlich zu dem vorliegenden Buch inspirierte.
Dabei geht es Flür vor allem darum, dass man sein „romantisches Herz“ und seine „teutonische Seele“ besser versteht, weshalb er oft in eine frühere Zeit zurückblendet, „als die Lust am Leben und der Spaß am Klang in mir geweckt wurden“. Flür langweilt den Leser dabei nicht mit den Arbeitsprozessen, präzisen Anordnungen, dem Aufbau des elektronischen Instrumentariums oder technischen Fachausdrücken, die man zunächst mit einer die elektronische Musik maßgeblich beeinflussten Band wie Kraftwerk zwangsläufig assoziiert, sondern stellt eher Erlebnisse in den Vordergrund, die die zwischenmenschlichen Beziehungen der Kraftwerk-Mitglieder erhellen. Doch zunächst beschreibt Flür seine Kindheit, seine Entwicklung vom Beatnik zum Mod, seine aufkeimende Leidenschaft für das Trommeln, in dessen Felle er all seine Energien und seinen ständigen Liebeskummer schlug. Ausführlicher beschreibt Flür natürlich die Anfänge und den Werdegang von Kraftwerk, die Entstehung und Ausbreitung des Phänomens „Krautrock“ in Amerika aus ganz persönlicher Perspektive, die sich vor allem in Reisebeschreibungen durch Amerika im Jahr 1975 niederschlägt. Schließlich die längere Kreativpause, die Trennung von Kraftwerk und die Gründung des eigenen Projekts Yamo. Angereichert mit vielen s/w- und Farbfotos aus Flürs Privatarchiv, bietet „Kraftwerk - Ich war ein Roboter“ einen informativen, intimen, eben sehr persönlichen Einblick in die Geschichte Kraftwerks, wie ihn nur ein direkt Beteiligter geben kann.

Tim Barr - „Kraftwerk - From Düsseldorf to the Future (with Love)“

(Ebury Press, 216 S., Pb)
Es ist ja schon seltsam, dass das ultimative Buch über die so einflussreiche Düsseldorfer Electro-Formation Kraftwerk aus dem englischsprachigen Raum kommt, aber auf den zweiten Blick ist dieses Phänomen doch wieder nicht so überraschend, wie man anfangs glauben mag. Schließlich ist der Einfluss von Kraftwerk auf die britische Industrial- und Dance-Szene der 80er Jahre (mit Bands wie Ultravox, The Human League, Cabaret Voltaire und Heaven 17) sowie die amerikanische und europäische Electro-, House- und Techno-Szene weitaus größer gewesen als auf die deutsche Musikszene.
Tim Barr, der als Experte für die Detroiter Techno-Szene gilt und über elektronische Musik für Blätter wie „The Face“, „NME“ und „Melody Maker“ geschrieben hat, versucht mit seinem Buch „Kraftwerk“ das Geheimnis zu lüften, das die stets im Verborgenen agierende Düsseldorfer Band seit gut zwanzig Jahren umgibt.
Nachdem Barr in einem historischen Überblick auf prägnante Weise die Katalysator-Funktion von Musik für gesellschaftliche Veränderungen seit den 50er Jahren rekapituliert, beginnt er Kraftwerks Geschichte mit dem Zeitpunkt, als die Popkultur mit den Beatles hoffähig geworden war und die Titelblätter der Boulevardpresse belegte. Die Bedeutung von Kraftwerk in diesem Prozess wird schon allein durch die Tatsache deutlich, dass die Düsseldorfer Band die erste gewesen ist, die die alleinbestimmende Rolle der amerikanischen und britischen Künstler - von Elvis über Chuck Berry, The Who, The Beatles bis zu den Rolling Stones - bei der Formulierung einer neuen Sprache in der Pop- und Rockgeschichte beenden konnte und fortan die elektronische Musik rund um den Globus beeinflussen sollte.
Barr behält bei der Verfolgung von Kraftwerks Geschichte stets das musikalische Umfeld im Blick, auf das das Quartett seinen Einfluss ausüben sollte, aber auch die Inspirationen, der Kraftwerk unterlagen. Durch eigene Interviews, ausgewählte Zitate, Schwarz-Weiß-Fotos und eine ausführliche Diskografie (samt Bootlegs) ist dem Autor ein leicht verständliches, aber umfassendes und interessantes Portrait einer Band gelungen, deren Bedeutung einem nach der Lektüre von „Kraftwerk“ erst richtig bewusst wird.

Mittwoch, 8. April 2009

J.G. Ballard - „Kristallwelt“

(Edition Phantasia, 159 S., Pb.)
Als der Lepraarzt Dr. Sanders mit dem wöchentlichen Passagierschiff von Libreville nach Port Matarre reist, erholt sich Kamerun noch von einem missglückten Staatsstreich, bei dem Rebellen zehn Jahre zuvor die Smaragd- und Diamantminen in Mont Royal erobert hatten. Zu seinen Reisegefährten zählen Pater Balthus, der Sanders auf die drückende Dunkelheit in Port Martarre hinweist, und der undurchsichtige Ventress, dem Sanders in der gemeinsamen Kajüte die Pistole aus dessen Koffer entwendet und dem er während seiner Reisen immer wieder auf mysteriöse Weise begegnet. Er selbst ist auf dem Weg zu seinen beiden Freunden Max und Suzanne Clair, die gemeinsam eine kleine Klinik betreiben. Im letzten Brief seiner ehemaligen Geliebten Suzanne liest Sanders von einem schillernden Wald, wo das Licht „alles mit Diamanten und Saphiren“ überzieht.
Nachdem Sanders eine kurze Affäre mit einer Frau erlebt hat, die Suzanne sehr ähnlich sieht, trifft er seine Freunde endlich nach einer abenteuerlichen Odyssee, doch merkt er schnell, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Er stellt aber auch fest, dass Suzanne in ihrem Brief keineswegs übertrieben hat. Der Wald ist tatsächlich von leuchtenden Kristallen überzogen und breitet sich weiter aus. Ähnliche Phänomene wurden bereits in Florida und Russland entdeckt. Die Bewohner und auch die Reisenden geraten bei dem prächtigen Farbenspiel fast in religiöse Verzückung … Das 1966 erstmals von Ballard veröffentlichte Buch „Kristallwelt“ wurde mit seinen halluzinatorischen, surrealistischen Qualitäten bereits zu seiner Zeit ein absolutes Kultbuch und erscheint nun in neuer, vollständiger Übersetzung von Joachim Körber und darf so auch heute noch mal zu einem Kultbuch werden …

Montag, 6. April 2009

Allan Hollinghurst - „Die Schönheitslinie“

(Blessing, 572 S., HC)
Nachdem bereits das 1988 veröffentlichte Debüt des britischen Autors Hollinghurst, „Die Schwimmbadbibliothek“ im Jahre 1983 spielte, begibt sich auch das Szenario seines neuen Romans in dieses, vor Thatchers zweiter Amtszeit stehendes Jahr, wo sich mit Nick Guest der Sohn eines Antiquitätenhändlers ins noble Notting Hill begibt, wo er von den Eltern seines Collegefreundes Toby Fedden aufgenommen wird.
Nicks Gastvater Gerald Fedden ist Staatssekretär bei der „eisernen Lady“, so dass Nick schnell die High Society in London kennen und lieben lernt. Etwas schwieriger gestaltet sich das homosexuelle Coming-Out des Zwanzigjährigen, da man zu jener Zeit erst ab 21 Sex mit Männern haben durfte. Im privaten Park gleich in der Nähe der Fedden-Residenz hat Nick sein erstes schwules Sex-Erlebnis und kann jahrelang seine homosexuelle Gesinnung geheim halten. Drei Jahre später ist Nick mit Wani liiert, mit dem er ein exklusives Lifestyle-Magazin auf die Beine bringen will, aber außer Parties feiern bekommen die beiden nicht viel auf die Reihe. Derweil spürt man, dass die Heimlichtuerei nicht lange gut gehen kann, und tatsächlich: als Nicks sexuelle Gesinnung öffentlich wird, ist es mit aller Herrlichkeit und dem Schwelgen im Luxus bald vorbei … Hollinghurst versteht es mit schonungsloser Offenheit und enorm viel erzählerischer Raffinesse, die Faszination der Jugend für den Luxus und einen abgehobenen Lifestyle darzustellen.

Philip K. Dick - „Auf der Suche nach Valis“

(edition phantasia, 495 S., HC)
Der amerikanische Sci-Fi-Autor Philip K. Dick ist vor allem durch seine verfilmten Romanvorlagen zu „Blade Runner“, „Total Recall“ und „Minority Report“ zu einem höchst populären Phänomen geworden, gilt aber auch als einer der visionärsten Schriftsteller, die Amerika je hervorgebracht hat. 1974 glaubt Dick beim Anblick eines goldenen Fisch-Kettenanhängers, das er gleich als Symbol für die im Römischen Reich verfolgten Christen erkennt) eine Art göttliche Vision zu haben, wird von Datenübermittlungen per Laserstrahl, Durchsagen aus einem abgeschalteten Radio und Berichten aus der Zukunft in Werbespots heimgesucht.
Schließlich wird ihm auch offenbart, dass das Universum, in dem wir leben, nur eine Täuschung ist. Die letzten acht Jahre seines Lebens (Dick starb 1982 an den Folgen eines Schlaganfalls) verbrachte er damit, das Rätsel dieser Visionen zu entschlüsseln. In seinem Alterswerk, der „Valis“-Roman-Trilogie, wagte Dick einen Blick hinter die Kulissen der Realität und das Geheimnis der Raum-Zeit-Matrix, in der wir leben. Darüber hinaus verfasste Dick ein über achttausend Seiten umfassendes Tagebuch, seine ganz persönliche Exegese, die jetzt erstmals in Auszügen in deutscher Übersetzung erscheint. Für den Normalsterblichen stellenweise kaum nachzuvollziehen, macht „Auf der Suche nach Valis“ wenigstens das Ringen Dicks um Verständnis des ihm Widerfahrenen deutlich. Wenn man zuvor nicht die „Valis“-Trilogie gelesen haben sollte, die sehr zum besseren Verstehen dieser Lektüre beiträgt, hilft einem wenigstens die schöne Einführung von Lawrence Sutin und das Nachwort von Terence McKenna. Das Buch ist auf eine handnummerierte Auflage von 250 Exemplaren limitiert.

Philip K. Dick - „Minority Report“ + “Die große Philip K. Dick Edition“

(Heyne)
Obwohl der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick mit seinen visionären Geschichten nicht nur das Science-Fiction-Genre maßgeblich erneuert, sondern mit seinen literarischen Vorlagen für Filmklassiker wie „Blade Runner“ und „Total Recall“ bemerkenswerte Beiträge zum Thema Authentizität der Wirklichkeit abgeliefert. Pünktlich zum Start des neuen Steven-Spielberg-Films „Minority Report“ hat der Heyne-Verlag nicht nur das – wiederum von Dick verfasste - Buch zum Film (438 S.) veröffentlicht (in dem neben der 60-seitigen Titelstory noch acht weitere Kurzgeschichten enthalten sind), sondern eine wunderschön aufgemachte sechsbändige TB-Edition mit den wichtigsten Werken des 1982 verstorbenen Autors. Da darf der bereits 1968 verfasste Klassiker „Blade Runner“ (269 S.) um den Androiden-Jäger Rick Deckard ebenso wenig fehlen wie das Kultbuch „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ (313 S.), in dem Dick so deutlich wie kaum ein anderer beschreibt, wie man durch den Konsum einer Droge zwischen verschiedenen Identitäten wechseln kann. In „Marsianischer Zeitsturz“ (350 S.) dient die erfolgreiche Kolonisierung des Mars als Hintergrund für eine irrwitzige Geschichte eines Jungen, der durch seine Zeit-Reisen die gewohnte Ordnung der Dinge vollkommen auf den Kopf stellt. Und mit „Zeit aus den Fugen“ (288 S.) hat Dick schon 1959 die Idee der „Truman Show“ vorweg genommen.
„Die Valis-Trilogie“ (926 S.), bestehend aus den drei Romanen „Valis“, „Die göttliche Invasion“ und „Die Wiedergeburt des Timothy Archer“, ist sicher Dicks metaphysischstes Werk, das neben der Frage der Transzendenz der Realität auch ein treffendes Bild der amerikanischen Kultur der 70er zeichnet. Und in „Der unmögliche Planet“ (832 S.) sind dreißig der besten Kurzgeschichten von Philip K. Dick zusammengefasst. Vor- und Nachworte runden oft die einzelnen Bände wunderbar ab. Diese sorgfältig editierte Edition bietet den bestmöglichen Einstieg in das Werk eines der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Sonntag, 5. April 2009

Iain Pears - „Scipios Traum“

(Droemer, 608 S., HC)
Mit seinem ersten großen historischen Kriminalroman „Das Urteil am Kreuzweg“ wurde der britische Kunsthistoriker Iain Pears bereits in einem Atemzug mit Umberto Eco genannt. Mit seinem neuen Epos „Scipios Traum“ entführt der begnadete Autor den Leser nach Avignon in die südfranzösische Provence und in gleich drei Zeitebenen, die jeweils die schwierige Entscheidung der Protagonisten zwischen Verstand und Gefühl illustrieren. Da ist auf der einen Seite Manlius Hippomanes, ein römischer Aristokrat des 5. Jahrhunderts, der sich in seinem Traktat „Scipios Traum“ philosophisch mit den moralischen Problemen seiner Zeit auseinandersetzt.
Während er taktische Kompromisse eingeht, um die römische Zivilisation gegen die anstürmenden Germanen zu verteidigen, wird er von seiner tief verehrten Freundin Sophia verstoßen. Auf der anderen Seite ist Olivier de Noyen, Dichter und Sekretär im 14. Jahrhundert, als Kurier an einer Verschwörung der Kardinäle beteiligt, die sich für eine Rückkehr des Papstes nach Rom einsetzen. Und schließlich übernimmt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Julien Barneuve ein Ministeramt in der Hoffnung, Schlimmeres unter deutscher Besatzung zu verhindern, doch kann er seine jüdische Frau nicht vor den Deutschen beschützen. Auf eindringliche Weise beschreibt Pears die moralischen Konflikte dreier Männer, die sowohl von philosophischer Neugier als auch der Liebe zu einer Frau getrieben sind. Das eindringliche wie vielschichtige Werk ist als Auseinandersetzung mit wichtigen philosophischen Ideen und der europäischen Geschichte ebenso gelungen wie auch als leidenschaftliches Epos über die Liebe.

William Gibson - „Virtuelles Licht“ + „Idoru“ + „Futurematic“

(Heyne)
Mit der 1984 begonnenen “Neuromancer”-Trilogie hat William Gibson einen echten Science-Fiction-Klassiker abgeliefert. Von 1993 bis 1999 entstand seine zweite Zukunfts-Trilogie, die so utopisch gar nicht zu sein scheint. Gibson beschreibt das 21. Jahrhundert als eine Welt des globalen Marktes, bei dem genmanipulierte Produkte zum Alltag gehören und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtueller Realität immer mehr verwischen.
In „Virtuelles Licht“ (364 S., Tb.) beschreibt Gibson ein Amerika, in dem die Kluft zwischen Arm und Reich weit auseinanderdriftet und die Riesenstädte nur mit Überwachungssatelliten kontrolliert werden können. Auf der Suche nach einer Brille, die verschiedene Simulationen von Realität zu erzeugen hilft, kommt der Sicherheitsbeamte Berry Rydell einer Verschwörung auf der Spur, deren Ursprung in San Francisco zu liegen scheint, wo eine riesige High-Tech-Kommune liegt. In „Idoru“ (333 S., Tb.) verliebt sich der Rock-Star Rez in seine schöne Kollegin Rei Toei, die allerdings eine Idoru ist, ein virtueller Popstar, der von Imageberatern perfekt konstruiert wurde. Durch ihre Liebe zu Rez beginnt sie allerdings, einen eigenen Willen zu entwickeln und sich danach zu sehnen, ihr Gefängnis aus Bits und Bytes zu verlassen. Der Abschluss der Trilogie, „Futurematic“ (395 S., Tb.), führt den Leser über Tokio zurück nach San Francisco. Dort glaubt der Netzläufer Colin Laney etwas Bedeutendes vorauszusehen, das die uns bekannte Welt für immer verändern wird. Auf spannende Weise beschreibt Gibson mit seiner neuen Trilogie die Aussichten der neuen Welt, ohne die technischen Errungenschaften zu verteufeln, wohl aber auf ihre möglichen Auswirkungen hinzuweisen.

Christopher Frayling - „Alpträume - Die Ursprünge des Horrors“

(vgs, 224 S., HC)
Dass sich die archetypischen Horror-Themen, wie sie einst Mary Shelley mit „Frankenstein“, Bram Stoker mit „Dracula“, Robert Louis Stevenson mit „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und Sir Arthur Conan Doyle mit „Der Hund von Baskerville“ geschaffen haben, auch heute noch so großer Beliebtheit erfreuen, wird nicht zuletzt an den immer wieder erfolgreichen Neuverfilmungen ihrer Geschichten eindrucksvoll dokumentiert. Der Kulturhistoriker Christopher Frayling macht sich in seinem wundervoll illustrierten Werk „Alpträume“ auf die Suche nach den historischen Quellen dieser vier Eckpfeiler der Horrorliteratur, die wie kaum ein anderes Werk die Phantasie ihrer Leser anzuregen wussten und dies in immer neuer Gestalt auch heute noch tun.
Ausgehend von Johann Heinrich Füsslis berühmtes Gemälde „Der Nachtmahr“ von 1782 setzt sich Frayling im Prolog mit der Natur der Träume auseinander und berichtet vom Streben romantischer Dichter, sich mittels verschiedener Techniken und Hilfsmittel in die Welt der Träume zu begeben, geht aber auch kurz auf Freuds Definition von Träumen ein.
In den folgenden vier Kapiteln rekapituliert Frayling jeweils die Entstehungsgeschichte der vier Horrorwerke, gibt jeweils eine kurze Inhaltsangabe und beschreibt sehr detailliert die persönlichen Umstände der Autoren zusammen mit dem gesellschaftlichen Umfeld und den Quellen, die Shelley, Stoker, Stevenson und Doyle zu ihren Geschichten inspiriert haben. Schließlich werden auch die Reaktionen des Publikums erwähnt, als die Werke veröffentlicht und bald für die Theaterbühne, im 20. Jahrhundert auch für die Kinoleinwand adaptiert wurden. All dies wird illustriert mit Fotos historisch relevanter Stätten, Portraits der Autoren, Plakat- und Filmabbildungen.

Thomas Karsten - „Model Years“

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, 240 S., HC)
Es gibt erotische Bildbände, die allein des Fotografen künstlerische Visionen abbilden bzw. das voyeuristische Bedürfnis der Betrachter befriedigen sollen. Einen angenehm anderen Ansatz verfolgt der renommierte Aktfotograf Thomas Karsten, der mit „Model Years“ nach „Heute nackt“ seinen zweiten, aufwändig gestalteten Fotoband bei Schwarzkopf & Schwarzkopf präsentiert.
Waren es in „Heute nackt“ noch junge Männer und Frauen an der Schwelle zum Erwachsensein, die Kasten portraitierte, stellen sich in „Model Years“ junge Frauen zwischen 20 und 25 nicht allein vor Kastens Kameraobjektive, sondern auch sich selbst vor. Statt allein als fotografisches Objekt zu fungieren, hat Kasten seinen Models, die oft nicht die klassischen Model-Attribute besitzen, die Möglichkeit zur Selbstdarstellung geboten und sie in ganz unterschiedlichen Umgebungen fotografiert, in der freien Natur, in Kinosälen, Duschen, Badewannen, vor mal mehr kühl-sterilem Hintergrund, dann wieder in behaglich-vertrauter Atmosphäre von Wohnzimmer-Sofas. Man merkt dabei deutlich die Lust der jungen Frauen an ihrer selbstbewussten Zurschaustellung in kecken, ungehemmten, selten etwas verbergenden Situationen. Ein ausführliches Vorwort von Fotohistoriker Fritz Franz Vogel, der den künstlerischen Ansatz von Thomas Kasten anschaulich darstellt, und Statements einiger Models zu ihrer Zusammenarbeit mit dem Fotographen runden den prächtigen Bildband im Großformat ab.

Arne Dahl - „Tiefer Schmerz“

(Piper, 411 S., HC)
Ein griechischer Zuhälter zieht sich abends auf der menschenleeren Vattugränd in Stockholm ein paar Linien rein und fühlt sich plötzlich von Tieren und merkwürdigen Schatten verfolgt, gibt wahllos ein paar Schüsse ab und landet in einem Vielfraßgehege, dessen Bewohner nicht viel von ihrem unfreiwilligen Besucher übrig lassen. Paul Hjelm und seine Kollegen können den Mann zunächst nicht identifizieren, finden aber die Buchstaben „Epivu“ in den Boden geschrieben und ein Seil am Bein des Opfers.
Die beiden Ermittlerinnen Kerstin Holm und Sara Svenhagen suchen ein Motel auf, das als Flüchtlingsunterkunft dient und dessen Verwalter acht Frauen als vermisst meldet, die offensichtlich Prostitution betrieben haben. Und auf einem jüdischen Friedhof wird der einst für den Nobelpreis nominierte Hirnforscher Leonard Sheinkman über Kopf an einer Eiche aufgehängt vorgefunden – mit einem Metalldraht in seinem Kopf.... Derweil nimmt sich Arto Söderstedt mit seiner Familie in der Toskana eine Auszeit von den turbulenten Fällen, die er in der letzten Zeit mit seiner so genannten A-Gruppe, der Spezialeinheit beim Reichskriminalamt für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter, zu betreuen hatte. Doch die Vermutungen, dass die drei Fälle miteinander in Verbindung stehen, beenden die südländische Idylle abrupt. Im Auftrag von Europol führen ihn seine Ermittlungen über Mailand, Weimar bis in die dunklen Kapitel der schwedischen Geschichte... Arne Dahl hat mit seinen Romanen um die A-Gruppe und ihren charismatischen ErmittlerInnen schnell zu seinen berühmten Kollegen Henning Mankell und Hakan Nesser aufschließen können. Mit „Tiefer Schmerz“ erweist er sich einmal mehr auch als hervorragender Stilist mit einem sicheren Gespür für kuriose, spannende Mordfälle.

Timo Denz - „Fairies and Fiends …“

(Ubooks, 130 S., HC)
Nach “Modern Times Witches” und “FreakShowDiary” legt der Fotograf Timo Denz mit “Fairies and Fiends” bereits sein drittes Buch vor und hat sich einmal mehr mit bezaubernden, schaurig-schönen, manchmal auch unheimlichen Fabelwesen auseinandergesetzt. Schon der Hardcovereinband offenbart die Dualität der im Innern abgebildeten Märchengestalten. Während auf der „fairies“ betitelten Vorderseite ein zartes Mädchen in unschuldigem Weiß den Inbegriff einer zauberhaften Fee darstellt, ist auf der „fiends“ betitelten Rückseite nur der ausgestreckte Arm eines hexenähnlichen Wesens zu sehen, von dessen Zeigefinger Blut tropft.
In dem einleitenden Text „Die schmutzigen Kinder“ erfahren wir etwas über die Geschichte von Feen und Naturgeistern, dann verzaubern den Betrachter ganz in Weiß gewandete Feen vor ebenfalls weißem Hintergrund oder in ihrer natürlichen Umgebung des Waldes, dann finden auch andere Farben wie Grün und Blau Eingang in die ausgefallenen Kostüme und Frisuren, ehe Timo Denz auch die dunklen Schwestern der Feen würdigt, doch die zerbrechlich wirkenden Geschöpfe in Weiß bleiben das zentrale Thema des rundherum aufwändig gestalteten Buchs, an dem auch Corinna Schwerdtfeger mit ihren Illustrationen und Sybille Werthner mit ihren Kostümen und Make-up-Kreationen ihren Beitrag leisteten.

Ignacio Martínez de Pisón - „Mein Vater, die Göttin und ich“

(Hoffmann und Campe)
Eigentlich könnte es dem fünfzehnjährigen Felipe und seinem Vater richtig gut gehen, schließlich stammt ihre spanische Familie aus gutem Hause. Doch nach einem Zerwürfnis über den verlorenen Job als Gerichtsmediziner verlässt der Vater die Heimatstadt Vitoria und macht sich mit seinem Sohn auf eine abenteuerliche Odyssee. Mit krummen Geschäften halten sich die beiden am Leben, residieren im Winter in Strandhäusern oder billigen Wohnungen mit Telefonen, die sie als private Telefonzellen „vermieten“, bis sie die Rechnungen nicht mehr zahlen können und weiterziehen müssen.
Papas Stolz ist ein schwarzer Citroën DS 19, den er als seine „Göttin“ bezeichnet und ihm das Gefühl gibt, etwas Klasse in seinem Leben zu besitzen. Doch Felipe ist das ewige Herumreisen bald leid, zumal er in Zaragoza, wo er sich auf dem amerikanischen Stützpunkt in die zauberhafte Miranda verliebt, endlich seine Unschuld verliert und mit dem Verkauf von amerikanischen Produkten etwas selbstständig Geld verdienen kann. Schließlich landet Felipes Vater im Gefängnis, und er selbst wird von seinem großzügigen Onkel aufgezogen. Auf einmal merkt Felipe, dass ihm sein Vater doch ähnlicher ist, als er immer angenommen hat … Wunderbar poetischer Road-Movie-Roman und eine berührende Geschichte über eine besondere Vater-Sohn-Beziehung.

Thomas van de Scheck - „Cuts“

(art-manufaktur, 208 S., HC)
S/M- und Fetisch-Fotografie ist mittlerweile so populär, dass sie teilweise den subkulturellen Kontext bereits verlassen und Alltagscharakter angenommen hat. Selten jedoch stößt man noch auf künstlerische Arbeiten in diesem Gebiet, die den Betrachter wirklich schockieren. Inwieweit das die Fotografien im ersten Bildband von Thomas van de Scheck vermögen, wird jeder selbst für sich entscheiden müssen, doch gänzlich unberührt wird man „Cuts“ nach der Auseinandersetzung mit den eigenwilligen Portraits nicht weglegen.
Obwohl der Künstler, der bereits als Tontechniker, freier Redakteur und Werbetexter gearbeitet hat und Bassist bei Cancer Barrack gewesen ist, auch viel mit Make-up und „Special Effects“ gearbeitet hat, wirken seine Bilder meist schmerzlich/sinnlich realistisch, präsentieren eine morbide Ästhetik im besten Sinne. Dass sich die fast ausschließlich weiblichen Motive so stark ins Bewusstsein brennen, liegt zweifellos auch in der Tatsache begründet, dass van de Scheck seine Modelle stets vor absolut weißem Hintergrund abgelichtet hat, dass der Betrachter gezwungen ist, seine volle Aufmerksamkeit auf das Model zu fokussieren. Es ist eben nichts da, wohin der Blick abschweifen könnte. Der erste, „Beautiful Strangers“ betitelte Teil von „Cuts“ bietet noch recht harmlose Portraits von Gothic-Leuten in Lack und Leder, Samt und Pelzen und den üblichen Accessoires, mal mehr, mal weniger bekleidet und geschminkt. Derart eingestimmt geht es im nächsten Kapitel, „Secret Wishes“, um, wie es Matthias T. J. Grimme („Schlagzeilen“, Bondage Project u.a.) im Vorwort zum Kapitel nennt, inszenierte „Begehrlichkeiten“, aber um welche, um die des Betrachters? „Sind es die Träume der dargestellten Protagonisten? Die Deutungen des Foto-Künstlers?“ Interessant sind diese in klaren, bunten Farben gegossenen Fantasien allemal. Und schließlich entführt uns der Künstler im abschließenden „Wild Cuts“ in die manchmal schwer nachzuvollziehende Welt der Autoaggression, doch hier vermag bereits das Vorwort eines „Opfers“ für Aufklärung sorgen. „Cuts“ ist auf jeden Fall ein Werk, das der Auseinandersetzung lohnt und zum Glück trotz der Klischee-Nähe nie zu plump und aufgesetzt wirkt.

Isaac Asimov - „Azazel“

(Edition Phantasia, 232 S., Pb.)
Der 1992 verstorbene Schriftsteller Isaac Asimov zählt zu den großen Ikonen der Sci-Fi-Literatur. Mit dem Geschichtenband „Azazel“ in der neu entstandenen Paperback-Reihe des Liebhaber-Verlags Edition Phantasia wird mal ein weniger populäres, aber gewiss nicht weniger lesenswertes Gesicht des grandiosen Autors präsentiert. Er enthält nämlich achtzehn Geschichten, die ihren Anfang 1980 in einem Auftrag für ein Krimi-Magazin nahmen, dessen Herausgeber Eric Protter monatlich eine Story von Asimov haben wollte.
Den Anfang machte eine Story, in denen ein zwei Zentimeter kleiner Dämon namens Azazel im Mittelpunkt stand. Da die zweite Story um den kleinen Dämon abgelehnt wurde, Asimov es aber hasste, Geschichten nicht zu veröffentlichen, entschloss er sich, weitere Geschichten über Azazel zu schreiben, die er in verschiedenen Magazinen wie Magazine of Fantasy and Science Fiction und Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine veröffentlichte. In ihnen geht es um den Schnorrer George und den – wenn auch nicht namentlich genannten – Ich-Erzähler Isaac Asimov, der von George oft genug übel beleidigt wird, während dieser ebenso von seiner eigenen Würde und Eleganz eingenommen ist. Bei den regelmäßigen Treffen der beiden Freunde beim Essen erzählt George von FreundInnen, denen er durch Azazels dämonischen Kräften stets helfen wollte, doch die Auswirkungen sind oft anders als erhofft, so dass sich George statt der oftmals erwarteten Belohnung eher den Unwillen seiner „Patienten“ zuzieht. Asimov sind damit wundervoll humorvolle, fantasiereiche Erzählungen in bester Club-Geschichten-Tradition gelungen.

Samstag, 4. April 2009

George P. Pelecanos - „Wut im Bauch“

(Rotbuch, 360 S., Tb.)
Mit „Wut im Bauch“ präsentiert der aus Washington, D.C. stammende Autor George P. Pelecanos den zweiten Fall des ungleichen Ermittlerpaars Derek Strange und Terry Quinn. Der erste Fall, „Schuss ins Schwarze“, wurde bereits mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und wird gerade von Curtis Hanson („Die Hand an der Wiege“, „L.A. Confidential“) verfilmt. In „Wut im Bauch“ haben es die ehemaligen Polizisten gleich mit mehreren Fällen zu tun.
Zunächst – und dieser Fall zieht sich von Anfang bis Ende des Romans durch – werden Strange und Quinn, die in ihrer Freizeit auch noch eine Jugend-Footballmannschaft trainieren, werden sie von zwei Frauen der Aiding Prostitutes in Peril damit beauftragt, ein 14-jähriges Mädchen aufzuspüren, das in die Fänge des brutalen Revierbosses Worldwide Wilson geraten ist. Dann sollen sie den zukünftigen Ehemann der hübschen Tochter eines Freundes checken. Und schließlich wird der Mord an einem Jungen ihres Teams zu einer ganz persönlichen Sache für Strange und Quinn. Zu allem Überfluss läuft Stranges Beziehung zu seiner tüchtigen Bürovorsteherin Janine nicht mehr so gut, nachdem sie feststellen musste, dass er sich in der Mittagspause mal gern in einem japanischen Massagesalon verwöhnen lässt… In seiner unprätentiösen Sprache zieht Pelecanos den Leser rücksichtslos und packend in den Bann großstädtischer Hoffnungslosigkeit und Gewalt, spart dabei aber weder mit Humor noch Sex.

Kazuo Ishiguro - „Alles, was wir geben mussten“

(Blessing, 349 S., HC)
Seit elf Jahren arbeitet die 31-jährige Kathy H. als Betreuerin von „Spendern“, doch erst seit den letzten sechs Jahren darf sie sich auch aussuchen, wen sie betreuen möchte. Eine der ersten Fälle, den sie sich selbst aussuchen durfte, war ihre Freundin Ruth, mit der sie das englische Internat Hailsham besucht hat. Überhaupt hat Kathy bevorzugt ehemalige Hailsham-Kollegiaten ausgewählt.
Zwar existiert das Internat längst nicht mehr, aber immer wenn Kathy übers Land fährt, erinnert sie so vieles an Hailsham, und diese Erinnerungen lässt Kathy nun Revue passieren. Vor allem ihre Freundschaft zum aufbrausenden Außenseiter Tommy und zur mit ihm liierten Ruth rufen die lebendigsten Bilder hervor. Wie sie sich im Unterricht beispielsweise künstlerisch betätigen sollten und die besten Erzeugnisse von den Erziehern in einer geheimnisvollen „Galerie“ aufbewahrt wurden. Wie Kathy an einer Musikcassette hängt, die ihr abhandenkommt, sie aber wieder in einem Second-Hand-Laden in Norfolk wieder findet, wie Tommy fast daran verzweifelt, dass er keine künstlerische Ader zu haben scheint, insgeheim aber merkwürdige Tiere zeichnet. Erst nach und nach wird offenbart, um was für eine Art Internat es sich bei Hailsham handelt und wie es um die „Kollegiaten“ bestellt ist … Ishiguro („Was vom Tage übrigblieb“) schrieb seinen neuen Roman in Form klassischer Internatsgeschichten und lüftet das Geheimnis, das sich hinter seinen Mauern verbirgt, sehr behutsam, während er sich vordergründig auf die üblichen Verwirrungen von erster Liebe und den Problemen des Erwachsenwerdens konzentriert …

James Herbert – „48“

(Bastei Lübbe, 391 S., Tb.)
Der britische Autor James Herbert, dessen Roman „Besessen“ erfolgreich als „Haus der Geister“ verfilmt worden ist, hat mit „‘48“ ein intensives, hochdramatisches Kammerspiel inszeniert. Der Roman spielt im Nachkriegs-London, wobei die Stadt 1948 durch eine Wunderwaffe völlig zerstört worden ist. Nur wenige Menschen, nämlich die Angehörigen der Blutgruppe AB-negativ, entkommen dem schleichenden Tod. Fünf recht unterschiedliche Menschen suchen Zuflucht in den Ruinen eines verlassenen Grandhotels und müssen der Zerstörungswut von draußen durch Zusammenhalt standhalten.
Doch die Lage spitzt sich immer dramatischer zu, je näher sich die zwei befreundeten Frauen, ein undurchsichtiger Deutscher, ein weltfremder Engländer vom Zivilschutz und ein Kriegsfreiwilliger aus Kanada kennenlernen.
James Herbert verband so in „‘48“ seine bekannte Vorliebe für apokalyptische Szenarien, die er besonders eindrucksvoll in seiner Ratten-Trilogie zeichnete, mit nervenaufreibendem psychologischem Grauen zu einem klaustrophobisch beängstigenden Roman.

Bill Willingham, Kevin Nowlan u.a. - “Sandman: Was Sie schon immer über Träume wissen wollten…”

(Speed/Tilsner, 42 S., Pb.)
Der eigentliche „Sandman“-Zyklus, der gemeinhin als „das größte Epos in der Geschichte der Comics“ (Los Angeles Time Magazine) betrachtet wird, war mit dem elften Band „Das Erwachen“ eigentlich beendet, aber sein Schöpfer Neil Gaiman wird wohl doch immer mal wieder neue „Sandman“-Geschichten aus seinem Hut zaubern.
Das gerade mal 42 Seiten umfassende „Sandman“-Special „Was Sie schon immer über Träume wissen wollten…“ ist auf der einen Seite eine kleine Einführung in das farben- und figurenprächtige Universum von Sandman und seinen Geschwistern, den Ewigen, die kurz vorgestellt werden, gefolgt von kurzen Inhaltsangaben der elf „Sandman“-Bände, die in einheitlicher Aufmachung bei Speed neu aufgelegt wurden. Schließlich werden auch die wichtigsten der ständig präsenten Nebendarsteller vorgestellt, wie der Kürbiskopf Mervyn, der Rabe Matthew, der Bibliothekar Lucien, Luzifer, die „zweihunnertunfuffzich“ Jahre alte Hexe Mad Hettie und andere, ehe in kurzen und amüsanten Comic-Stories die Fragen beantwortet werden, wodurch Alpträume verursacht werden, ob Traumgestalten schlafen und selber auch Träume haben, warum so viele Träume sexueller Natur sind, warum manche Leute in Farbe und manche in Schwarz-Weiß träumen, was immer wiederkehrende Träume verursacht, ob in Träumen universelle Symbole auftauchen, die von Fachleuten gedeutet werden können, warum man Schlafwandler nicht aufwecken soll, wieso man sich oft nur schlecht an seine Träume erinnern kann. Ein zweiseitiges Portrait von Neil Gaiman und eine Bibliographie runden das kleine Heft schließlich ab.

Brian K. Vaughan, Pia Guerra, José Marzán, Jr. - „Y - The Last Man – Entmannt“

(Tilsner, 128 S., Pb.)
Ohne ersichtlichen Grund sterben in Brooklyn, New York, alle Jungen und Männer in der Bevölkerung auf grausame, blutige Weise. Bald stellt sich heraus, dass überhaupt jedes Lebewesen, das ein Y-Chromosom in sich trägt, Opfer dieser geheimnisvollen Seuche geworden ist. Allein Yorick Brown und sein Kapuzineräffchen scheinen immun gegen die männervernichtende Krankheit zu sein.
Derweil toben in Nablus, Westbank, Straßenkämpfe, die amerikanische Forscherin Dr. Frozan wird in Al Karak, Jordanien, Opfer eines Attentats, und Dr. Mann, Biotechnologin, erwartet in Boston, Massachusetts, ihren eigenen Klon auf die Welt zu bringen... Zwei Monate später sammeln die überlebenden Frauen noch immer die männlichen Leichen von der Straße, aus Bürocentern und ihren Wohnungen, um sie in Krematorien zu verbrennen. Zugleich fordern sie die politischen Ämter und hochdotierten Jobs der verstorbenen Männer ein, so dass sich eine ganz neue Frauenbewegung herauskristallisiert. Gut getarnt begibt sich Yorick auf den Weg nach Washington, wo seine Mutter Abgeordnete im Unterhaus ist, und versucht mit ihr die bohrende Frage zu beantworten, warum ausgerechnet er überlebt hat... Spannende, originelle Story, die sich wirklich aufdrängt, verfilmt zu werden.

Brian K. Vaughan, Pia Guerra, Jose Marzán, Jr. - “The Last Man – Tage wie diese”

(Vertigo/Speed, 128 S., Pb.)
Wir erinnern uns: Im Sommer 2002 hat eine unbekannte Seuche innerhalb weniger Stunden die komplette männliche Weltbevölkerung, Menschen, Spermien, Föten und Tiere ausgelöscht. Einzig der Amateur-Entfesselungskünstler Yorick Brown und sein ebenfalls männliches Kapuzineräffchen Ampersand sind wie durch ein Wunder von dieser Katastrophe verschont geblieben.
In Teil 1 der intelligenten Comic-Geschichte „The Last Man“ machte sich Yorick auf den Weg nach Washington zu seiner Mutter, einer Kongressabgeordneten, wo er zusammen mit der Regierungsagentin 355 nach Boston geschickt wird, um die Klon-Spezialistin Dr. Allison Mann ausfindig zu machen. Zu dritt machen sie sich auf den Weg nach Kalifornien, um ein Daten-Backup machen zu können, nachdem Terroristen Dr. Manns Laboratorium in Schutt und Asche gelegt haben. Doch ihnen sind die „Töchter der Amazonen“ auf den Versen, Männer hassende und –mordende Frauen, die auch den letzten Mann auf Erden beseitigen wollen. In Teil 2 kann Yorick mit einer Gasmaske als Frau verkleidet ein Ticket für einen Zug raus aus Boston ergattern, doch werden sie dort von den Amazonen aufgespürt und gezwungen, ihre Reise vorzeitig zu beenden. Sie landen in dem malerischen Ort Marrisville, Ohio, wo sich Yorick in seine schöne Pflegerin Sonia verliebt. Doch wie sich sehr bald herausstellt, lauern auch in Marrisville neue Gefahren, zumal auch die Amazonen, unter ihnen auch Yoricks Schwester Hero, auf Herausgabe des letzten lebenden Mannes drängen…

Brian Michael Bendis/Marc Andreyko - „Torso“

(Speed, 280 S., Pb.)
Zusammen mit dem „100 Bullets“-Autoren Brian Azzarello zählt Brian Michael Bendis zu den wichtigsten Erneuerern des US-Crime Comics. Gemeinsam mit Marc Andreyko („Dr. Strange: What is it that disturbs you, Stephen?“, “The Lost”) kreierte er mit “Torso” eine “true crime graphic novel”, die sich mit dem berühmten Ermittler Eliot Ness beschäftigt. Nachdem er und seine schlagkräftige Truppe (die „Untouchables“) Al Capone das Handwerk gelegt haben, wartet ein neuer Schlagzeilen machender Fall auf ihn.
Als neuer Polizeidirektor von Chicago räumt er nicht nur mit den Alkohol-Schmugglern und Casino-Betreibern, sondern auch der Korruption innerhalb der Polizeibehörde auf. Doch dann hat er es mit einem Killer zu tun, der überall in der Stadt schrecklich zugerichtete Leichen hinterlässt. Da der so genannte „Torso-Killer“ die Leichen ohne Kopf, Hände und Füße zurücklässt, bleiben die Leichen unidentifizierbar. Methodische, stets gleich ausgeführte Schnitte lassen ähnlich wie bei Jack The Ripper auf einen Experten auf dem Gebiet der menschlichen Anatomie schließen, außerdem weisen die Leichen Spuren einer merkwürdigen Chemikalie auf, die der Täter selbst erfunden zu haben scheint. Eine spannende Jagd auf den gerissenen Killer und gegen die Zeit beginnt, denn es steht die Wahlversammlung der Republikaner an. Bald wird auch ein Verdächtiger festgenommen, der angeblich ein Geständnis abgelegt haben soll, am nächsten Tag aber erhängt in seiner Zelle aufgefunden wird. Die Spur führt schließlich in das Elendsviertel an den Hafendocks, von wo die meisten anonymen Opfer herzukommen scheinen… Ausdrucksstark in Schwarz-Weiß gezeichneter, mit authentischen Fotos verzierter Thriller, den Andreyko bereits für Miramax für die große Landwand umzusetzen beginnt.

Craig Thompson - „Blankets“

(Speed, 592 S., Pb.)
Craig lebt mit seinem jüngeren Bruder Phil und seinen streng christlichen Eltern in einer Kleinstadt in Wisconsin, wo er mit seinen langen Haaren als Außenseiter gilt und als Mädchen oder Schwuchtel beschimpft wird. Nicht immer verhält sich Craig loyal seinem kleinen Bruder gegenüber und macht sich Vorwürfe, dass er seine Beschützerrolle vernachlässigt, wenn es gefährlich wird, zum Beispiel, wenn Phil vom Babysitter sexuell missbraucht wird, was Craig mehr ahnt als wirklich weiß. Dass er in der Schule Gedichte über Leute schreibt, die ihre Exkremente essen, hilft ihm auch nicht viel weiter. Als Flucht aus der bedrohlichen Realität dient Craig das Zeichnen, doch irgendwann bemerkt er, dass die Zeichnungen nur Erinnerungen darstellen, die er verbrennen möchte.
Nicht mal im christlichen Weihnachtscamp erfährt Craig die ersehnte Anerkennung – bis er dort das Mädchen Raina kennen lernt. Doch das Camp geht viel zu schnell vorbei. Die beiden frisch Verliebten schreiben sich, dann besucht Craig Raina für zwei Wochen in Michigan. Dort kommen sie sich zwar näher, doch Raina scheint vollkommen von ihrer Beschützerrolle ihrer geistig behinderten Adoptivgeschwistern Ben und Laura aufgezehrt zu werden…
Mit viel Gefühl beschreibt und zeichnet Craig Thompson in „Blankets“ die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens, die Wunder der ersten Liebe und die Restriktionen einer fundamentalistisch christlichen Erziehung in ehrlichen Worten und zarten Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Kate Atkinson - „Die vierte Schwester“

(Droemer, 400 S.,, HC)
Während der Mathematiker Victor sich ganz um seine wichtigen Studien kümmert, ist seine Frau Rosemary – immerhin eine frühere Krankenschwester – völlig mit der Erziehung ihrer vier Töchter Sylvia, Amelia, Julia und Olivia überfordert. Allein das dreijährige Nesthäkchen Olivia erfüllt die Familie mit Sonnenschein. Doch eines Nachts im Jahr 1970 verschwindet die Kleine aus einem Zelt im Garten und wird nicht mehr aufgefunden. Dreißig Jahre später stirbt Victor, und die Schwestern wundern sich über die Blaue Maus Olivias, die sie im Haus ihres Vaters finden, die Olivia aber nie aus den Händen gegeben hatte …
1994 verschafft sich ein Unbekannter Zutritt zur Kanzlei von Theo Wyre, sticht auf einen Kollegen ein und tötet dabei auch gleich Theos innig geliebte Tochter Laura, die in der Kanzlei ihrem Vater zuliebe einen Ferienjob angenommen hatte. Der Mörder wird jedoch nie gefunden. Nach zehn Jahren nimmt Theo die Ermittlungen selbst in die Hand … An einem Samstag im Spätsommer 1979 scheitert Michelle an der eigenen Ambition, alles perfekt machen zu müssen, spaltet mit einer Axt den Kopf ihres Mannes Keith und wartet auf die Polizei. Nach ihrer Verurteilung und der Entlassung aus dem Gefängnis verschwindet Michelle spurlos …
Der Privatdetektiv Jackson Brodie, der selbst noch damit zu kämpfen hat, dass ihn seine Frau verlassen hat, wird mit den drei Fällen beauftragt, macht sich aber keine Illusionen, dass er sie auch lösen könne. Dafür dringt er tief in die von Trauer, Leid und unerfüllten Sehnsüchten geprägten Lebensgeschichten der Beteiligten ein und wird dadurch schmerzlich an das Drama seines eigenen Lebens erinnert … Psychologisch vielschichtiger und spannender Roman, der vor allem die zerstörerischen Qualitäten familiärer Tragödien aufzeigt.

Niccolò Ammaniti - „Die Herren des Hügels“

(C. Bertelsmann, 256 S., HC)
In dem süditalienischen Dorf Acqua Traverse ist im Sommer 1978 so heiß, dass sich nur die Kinder aus den Häusern trauen. Der neunjährige Michele gehört mit seiner fünfjährigen Schwester Maria einer kleinen Gruppe von Kindern an, die unter Führung des zwölfjährigen Antonio Natale immer wieder Wettrennen oder andere Wettbewerbe unter sich austrägt, wobei der Verlierer stets eine der gemeinen Aufgaben zu erfüllen hat, die ihm der verhasste Antonio aufträgt.
Eines Tages radelt die sechsköpfige Clique zu einem etwas entfernteren Hügel. Als Michele aufgetragen wird, das verfallene Haus auf dem Hügel zu erkunden, entdeckt er in einem Verlies einen zunächst für tot gehaltenen Jungen. Erschüttert von seiner Entdeckung, erzählt er niemandem davon, kehrt aber immer wieder zurück, stellt fest, dass der Junge noch lebt, in seinem Alter ist und versorgt wird. Stutzig wird er allerdings, als er bei ihm einen Topf entdeckt, den er von zuhause kennt. Und bald muss er feststellen, dass sein Vater an der Entführung des Sohnes eines norditalienischen Industriellen beteiligt ist. Nachdem die Lösegeldübergabe gescheitert ist, planen die Entführer, den Jungen umzubringen, aber die Rechnung haben sie ohne Michele gemacht. Die Verfilmung des spannenden wie gefühlvollen Romans mit herrlichen Landschaftbeschreibungen lief übrigens jüngst auf der diesjährigen Berlinale.

Freitag, 3. April 2009

Val McDermid - „Echo einer Winternacht“

(Droemer, 557 S., HC)
Sie nennen sich selbst die Laddies fi’ Kirkcaldy und sind seit ihrer Jugend die besten Freunde: Alex „Gilly“ Gilby, Sigmund „Ziggy“ Malkiewicz, Davey „Mondo“ Kerr und Tom „Weird“ Mackie. Als die vier Studenten am 16. Dezember 1978 nach einer Party im schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews aber auf einem alten keltischen Friedhof über die neunzehnjährige Kneipenbedienung Rosie Duff stolpern, die schwer verletzt im Schnee liegt, kann selbst Medizinstudent Ziggy ihr nicht mehr helfen. Da andere Tatverdächtige nicht auszumachen sind und sich jeder der vier von der Party hätte stehlen können, um das Mädchen zu vergewaltigen und zu erstechen, werden aus den Zeugen schnell mutmaßliche Täter. Da ihre Schuld aber nicht bewiesen werden kann, bleiben sie abgesehen von ein paar üblen Drohungen, bösen Scherzen und Prügeleien ungeschoren…
25 Jahre später werden ungelöste Mordfälle wieder aufgerollt, die man mittels neuer Verfahren wie DNA-Analyse nun doch noch aufzuklären hofft. Doch während die Beweise im Fall Rosie Duff bei einem Umzug abhanden gekommen zu sein scheinen, nimmt offensichtlich jemand anderer die Gerechtigkeit in seine Hand: Ziggy verbrennt in seinem Haus, Davey wird nach einem Einbruch erstochen. Vor allem Alex glaubt nicht an Zufall und macht sich auf die Suche nach dem Rachetäter. Dabei sind nicht nur Rosies Brüder Colin und Brian verdächtig, sondern auch der plötzlich auftauchende Programmierer Macfadyen, der behauptet, Rosies Sohn zu sein…
Extrem spannende Tätersuche, aber auch einfühlsames Portrait einer anfangs eingeschworenen Jungen-Clique, die unter dem öffentlichen Druck allmählich auseinander fällt.

Jonathan Ames - „Henry und Louis“

(Europa, 448 S., HC)
Bereits mit seiner Geschichtensammlung „Flüchtig wie die Nacht“ hat sich der junge Kolumnist der „New York Press“, Jonathan Ames, als talentierter Erzähler mit viel Witz, melancholischer Gelassenheit und einer unbekümmerten Sexualität erwiesen. Sein Roman „Henry und Louis“ erzählt die aberwitzige Geschichte einer ganz außergewöhnlichen Männerfreundschaft.
Louis Ives, ein romantischer, stets elegant wie ein junger Gentleman gekleideter Englischlehrer aus New Jersey, verliert seinen Job, als er mit dem Büstenhalter einer Kollegin im Lehrerzimmer erwischt wird. Ein Foto auf einem Buchumschlag von Henry James bringt ihn auf die Idee, nach New York zu ziehen. Er findet Unterschlupf bei dem komischen Kauz Henry Harrison, einem ehemaligen Schauspieler und wenig beachteten Dramatiker, dessen Lebenssinn darin besteht, sich unbemerkt in Opern und Musicals zu schmuggeln und kostenlose Mahlzeiten bei älteren Frauen aus guter Gesellschaft abzustauben. Während Louis seine Leidenschaft für Frauenwäsche durch Verabredungen mit Transsexuellen auslebt, versucht er verzweifelt, auch Henrys sexuellem Leben auf die Spur zu kommen. Obwohl die beiden Männer auch ständig über Kleinigkeiten aneinander geraten, wird immer wieder deutlich, wie sehr sie einander brauchen. Jonathan Ames beschreibt die Freundschaft zweier völlig unterschiedlicher Männer mit einem erfrischenden Humor und frech-frivolen Episoden kurioser sexueller Abenteuer.

Peter Ackroyd - „William Blake. Dichter, Maler, Visionär“

(Knaus, 475 S., HC)
Der Untertitel der Biografie über William Blake (1757-1827) deutet bereits an, über welche vielschichtigen Qualitäten das wahnsinnige Genie William Blake verfügt hat. In seinem umfangreichen Werk beleuchtet der Autor vor dem Hintergrund einer aufregenden Epoche, die vom Vorabend der Französischen Revolution bis zur Restauration währte, das Leben und Werk eines Künstlers, der auf der einen Seite die sozialen Missstände in seiner Gesellschaft beklagte, auf der anderen Seite Gedichte über die freie Liebe schrieb.
Er idealisierte Englands Vergangenheit und verschmolz biblische und keltische Mythen zu einer eigenen Kosmologie, verkehrte als religiöser Mystiker mit den Himmelsboten und brach in seinen Kupferstichen mit erotischen Tabus, während der 45 Jahre lang treu an der Seite seiner Frau Catherine lebte. Er erfand für sich neue Drucktechniken und fertigte ca. 580 Kupferstiche als Auftragsarbeiten an. Vor allem ist uns William Blake aber als der letzte religiöse Dichter Englands in Erinnerung geblieben. Ackroyd macht all die oft gegensätzlichen Facetten von Blakes Genius transparent und hat sein Werk mit vielen wunderbaren s/w- und Farb-Abbildungen bereichert.

Donnerstag, 2. April 2009

Axel Schmidt/Klaus Neumann-Braun - „Die Welt der Gothics – Spielräume düster konnotativer Transzendenz“

(Verlag für Sozialwissenschaften, 336 S., Pb.)
Bereits der Untertitel macht deutlich, dass es sich bei vorliegendem Buch um eine streng wissenschaftliche Abhandlung über das kulturell immer signifikanter werdende Phänomen der schwarzen Szene handelt, die in den letzten Jahren aus einem subkulturellen Randphänomen zu einem elementaren Bestandteil der Popkultur gewachsen ist. Da als Ausgangspunkt der wissenschaftliche Studie das „Phänomen des jugendzentrischen Satanismus“ gewählt wurde, muss man zunächst Schlimmes befürchten, aber die Autoren haben sich tatsächlich die Mühe gemacht, Interviews mit den Gothics zu führen, Clubs wie das KUZ in Mainz, das „Rind“ in Rüsselsheim und das „Nachtleben“ in Frankfurt mit ihren szenespezifischen Veranstaltungen ebenso zu besuchen wie das WGT und das M’era Luna in den Jahren 2000 und 2001.
Es wird die Geschichte, die Wertvorstellungen, das Lebensgefühl und die ästhetischen Praxen der schwarzen Szene beschrieben, um sich abschließend mit dem Religionsbegriff innerhalb der Gothics zu befassen. Schon früh stellen die Autoren dabei fest, dass eine scharfe Trennung zwischen Gothic-Szene und satanistischen Kreisen besteht. Fazit: „Gothic lässt sich zusammengefasst begreifen als ein flexibler und nicht verpflichtender, synkretistisch-patchwork-artiger, stilistisch-ästhetischer überformter, damit auf die individuelle Kreativität und Originalität setzender, stark individualisierter/privatisierter und moderat gegenkultureller resp. `spielerisch-häretischer´ Rekurs auf traditionelle Glaubens- und Ideologiesysteme mit dem Ziel, sich auf der Basis dieser Glaubens- und Religions-Bricolage von der `Normalgesellschaft´ in kontrollierbaren Grenzen abzuheben“ (S. 321). Doch von solchen wissenschaftlichen Analysen sollte man sich nicht zu sehr abschrecken lassen. Die Studie erweist sich nämlich als überaus fundiert und gewährt faszinierende Einblicke in die schwarze Szene.

Klaus Farin & Kirsten Wallraff - „Die Gothics“

(Tilsner, 216 S., Pb.)
Vor zwei Jahren hat der Gründer und Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen e.V., Klaus Farin, mit „Die Gothics“ bereits einen informativen Führer durch die Schwarze Szene veröffentlicht, der sich nicht nur durch eine differenzierte, wenn auch nur einführende Auseinandersetzung mit szenerelevanten Themen wie Ursprung und Entwicklung der Schwarzen Szene, literarischen Vorlieben, Sex, Satan, Tod und Faschismus auszeichnete, sondern vor allem die Anhänger der Szene selbst zu Wort kommen ließ und ablichtete. Damit wurde erstmals ein authentisches Bild der Grufti-Szene gezeichnet, die in den Medien sonst immer schlagzeilenadäquat in ein diffuses Licht von Grabschändungen, Schwarzen Messen und Vampir-Erotik gestellt worden ist.
Für die Neuauflage wurde das ursprünglich 128 Seiten umfassende Buch um den gut 90 Seiten langen Beitrag „Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz“ von Kirsten Wallraff erweitert, die sich 1994 in ihrer Sozialpädagogik-Diplomarbeit mit der Schwarzen Szene auseinandersetzte, aber auch selbst seit über fünfzehn Jahren in sie involviert ist. Sie macht von vornherein deutlich, dass es nicht möglich ist, ein umfassendes Bild der Schwarzen Szene zu kreieren, da es gerade hier um das Ausleben von zwar gemeinsamen, aber vor allem stark individuellen Vorlieben und Gefühlen geht. Die Gemeinsamkeiten zeigen sich rein äußerlich vor allem im Outfit und musikalischen Präferenzen, und so nimmt die Auseinandersetzung mit der Mode samt Hairstyling und Körperschmuck sowie den Farben Schwarz und Weiß fast die Hälfte des Beitrags ein, während die Beschäftigung mit der Musik, Literatur und religiös-philosophischen Themen eher oberflächlich bleibt und gerade bei den musikalischen Zuordnungen böse Patzer passiert sind (so werden Skinny Puppy in die Gothic-, Delerium und Kirlian Camera in die Industrial- und Omala in die Ritual-Ecke gesteckt). Interessant ist allerdings die abschließende Beurteilung bezüglich der Einbindung der Szene in den soziokulturellen Kontext, bei dem deutlich wird, wie schwierig gerade in einer so gefühlsbetonten Szene die Gratwanderung zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Bedürfnissen ist, was in der Regel dazu führt, die rein äußerlichen Merkmale im „Alter“ abzulegen und sich allenfalls noch mit szenerelevanten Inhalten auseinanderzusetzen.

Klaus N. Frick - „Zwei Whisky mit Neumann“

(Tilsner, 92 Seiten, Softcover)
Seit 1986 bringt der Punk Klaus N. Frick sein Egozine „ENPUNKT“ heraus, das mit teils ironischen Untertiteln wie „Fanzine für Science Fiction, Punk und Dosenbier“, „Zeitschrift für angewandtes Spießertum“, „Das Fanzine für Spät-Pubertierende“ oder „Die Zeitschrift für die spießige Frau von heute“ überwiegend Erlebnisberichte des Herausgebers und alleinigen Autors veröffentlicht und weniger Reflexionen von kulturellen Ereignissen in der Szene. „Beim ENPUNKT ging es nie um scharfsinnige Analysen oder seriöse Berichterstattung - das ist auch nicht Sinn eines Egozines“, schreibt Frick im Vorwort der Anthologie seiner Kurzgeschichten.
„Sinn eines Egozines ist die Kommunikation einerseits und die Förderung des Egos des Herausgebers andererseits.“ Die zwanzig Geschichten aus 34 bis 2000 erschienenen „ENPUNKT“-Ausgaben sind - bis auf eine Ausnahme - reine Erlebnisberichte und besitzen alle „streng subjektiven Charakter“. Nach einem sechsseitigen Fotoalbum und einem Vorwort, in dem der Autor den Unterschied zwischen Fanzine und Egozine erläutert, folgt schließlich die lose Aneinanderreihung verschiedener Erlebnisse, die im Prinzip so trivial wie unspannend sind. Interessent ist allein der authentische Charakter, den eigentlich alle Publikationen des in Berlin ansässigen „Archiv der Jugendkulturen“ besitzen. Aus erster Hand bekommt der Leser einen Einblick in das Denken und Fühlen und die Überzeugungen eines Punks, doch wird man zumindest bei Frick über eine oberflächliche Betrachtung nicht hinauskommen. So erfährt man in der Geschichte „Nazis aufm Flohmarkt“, dass sich der Autor gern mal Naziplatten in seinen „Giftschrank“ stellt, um die Leute zu irritieren, als es dann zur Begegnung mit einem Neonazi kommt, geht Frick eben nach Hause, weil es ihm reicht. Andere Geschichten handeln vom Saufen und dem Morgen danach, als man sich nicht mehr daran erinnert, was man mit dem Mädchen, das morgens neben einem aufwacht, zu tun hat.