Montag, 21. September 2009

Robert Ludlum (mit Eric Van Lustbader) – „Das Bourne Attentat“

(Heyne, 607 S., HC)
Nachdem Jason Bourne bei seinem letzten Abenteuer („Der Bourne Betrug“) seinen Freund Martin Lindros verloren hatte und die CIA an höchster Stelle von einem arabischen Terroristen infiltriert und der Direktor ermordet wurde, versucht die neue CI-Chefin Veronica Harts das Chaos in ihrem Geheimdienst in den Griff zu bekommen. Dass Luther LaValle, Geheimdienstchef des Pentagon, alles daran setzt, auch die CI unter sein Kommando zu bekommen, erleichtert ihre Aufgabe nicht zwingend.
Mit ganz anderen Schwierigkeiten hat Jason zu kämpfen, der von Moira Trevor das Angebot erhält, sich in ihrer Firma um die Sicherheitsvorkehrungen zu kümmern. In zwei Wochen soll an dem gerade fertiggestellten Flüssiggas-Terminal in Long Beach die erste Lieferung eintreffen, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Visier von Terroristen befindet. Doch Jason ist sich nicht sicher, ob er sein Leben als Linguistik-Professor unter dem Namen David Webb aufgeben soll. Ziemlich schnell stellt er allerdings fest, dass sein akademisches Leben ganz mit seiner toten Frau Marie zusammenhing. Beim Frühstück mit seinem Uni-Mentor Dominic Specter will Jason die Karten auf den Tisch legen, da wird Specter vor Bournes Augen auf der Straße entführt. Und schon hängt Jason Bourne wieder in einem heiklen Fall drin, der seine ganze Intelligenz und Kampfkraft erfordert. Nachdem er Specter aus den Fängen seiner Entführer befreit hat, lernt er Specters andere Identität kennen. Dieser hat sich nämlich zur Aufgabe gemacht, die Überbleibsel der Schwarzen Legion aus dem Dritten Reich auszumerzen. Also schickt er Jason auf eine gefährliche Mission nach Moskau und München, bis er erfährt, was für ein Spiel Specter wirklich treibt. Derweil bekämpfen sich die NSA und die CI mit allen erlaubten wie unerlaubten Mitteln … Mit gewohnt viel Action, hinterhältigen Manövern listenreichen Wendungen und lässt Robert Ludlum seinen Helden durch die Mafia-Clans in Moskau kämpfen und falsche Identitäten lüften. Die vielen Nebenhandlungen und –Personen machen den Plot dabei manchmal unnötig komplex, und so manche Szene wirkt wie bei James Bond etwas unglaubwürdig, doch spannend ist die rasante Agenten-Hatz wieder allemal.

Robert Ludlum (mit Eric Van Lustbader) – „Der Bourne Betrug“

(Heyne, 669 S., HC)
Wenn der notorische Einzelgänger Jason Bourne in seiner Vergangenheit eines gelernt hat, dann dass er vor allem seinen eigenen Leuten bei der CIA nicht trauen kann. Dort ist er vor allem dem Direktor ein Dorn im Auge, doch da sein Stellvertreter Martin Lindros große Stücke auf den unbequemen, aber extrem effektiven Agenten und für einen echten Freund hält, wird Bourne immer mal wieder für außergewöhnlich schwierige Missionen eingesetzt. Als Bourne gerade bei dem Psychologen Dr. Sunderland an der Regeneration seines Gedächtnisses arbeitet und vor allem die Erinnerung an ein totes Mädchen in seinen Armen zu verstehen versucht, erhält er einen Anruf von Anne Held, der Assistentin des „Alten“, wie der CIA-Direktor intern gern bezeichnet wird.
Bourne soll unverzüglich ins Hauptquartier kommen, da Lindros sich bei einem streng geheimen Einsatz seines streng geheimen Typhon-Projekts nicht mehr zurückgemeldet hat. Seiner Freundschaft zu Lindros gewissenhaft verpflichtet, macht sich Bourne auf den Weg nach Äthiopien, wo sich Lindros‘ Spur verloren hat, und entdeckt in einer Höhle die Leiche eines Mannes, dessen Körper offensichtlich von radioaktiver Strahlung zerfressen wurde. Dermaßen alarmiert vermutet Bourne einen terroristischen Hintergrund für das Verschwinden seines Freundes und kommt einer islamischen Gruppe auf die Spur, die Amerikas Herz im tiefsten Innern zu zerstören versucht …
Auch wenn der renommierte Thriller-Autor Robert Ludlum im Jahre 2001 verstorben ist, erblicken noch immer Romane aus seinem Nachlass beständig das Licht der literarischen Welt. Seine Reihe um den CIA-Agenten Jason Bourne, der von seiner Dienststelle zu einem Killer ohne Gedächtnis ausgebildet worden ist, zählt zu den komplexesten und spannendsten Geheimdienst-Thrillern und wurde bislang dreimal höchst erfolgreich und spektakulär mit Matt Damon verfilmt. „Der Bourne Betrug“ reiht sich nahtlos in die Thriller-Serie ein, überrascht mit etlichen Wendungen und Täuschungsmanövern, wartet mit packender Action und undurchschaubaren Intrigen auf und hält die Spannung stets auf höchstem Niveau. Bei dem rasenden Tempo stören einzig die vielen Zufälle und plötzlich auftretenden Freunde, die Jason Bourne immer wieder zur rechten Zeit aus der Patsche helfen. Und auch die anscheinend unauffällige Annahme falscher Identitäten von hochrangigen Geheimdienst-Mitarbeitern durch die Terroristen wirkt unglaubwürdig. Davon abgesehen bietet „Der Bourne Betrug“ wieder beste Geheimdienst-Action in bester James-Bond-Manier.

Salley Vickers - „Die Versuchungen des Mr. Golightly“

(Claassen, 318 S., HC)
Als Mr. Golightly, ein alternder Herrscher über ein mächtiges Firmenimperium, für einen Sommer ins verschlafene Great Calne in der englischen Grafschaft Devon zieht, will er eigentlich nur sein vor Ewigkeiten geschriebenes Buch überarbeiten, das schnell zum Bestseller und Klassiker wurde, seiner Meinung nach aber einen neuen Anstrich vertragen könne. Doch mit der Ruhe ist es nicht weit her; wo die Einwohner dem Vertrauen erweckenden Mann begegnen, nehmen sie seine Zeit und Aufmerksamkeit voll in Anspruch, erwarten von ihm Hilfe in allen Lebens- und Liebenslagen.
Da ist der resignierende Filmregisseur Sam Noble, der einst hoffte, mit einem Film über weibliche Jockeys die Goldene Palme in Cannes zu gewinnen, und sich nun nach Sensationen in dem unscheinbaren Dorf sehnt, in dem er hängen geblieben ist und Mr. Golightly im örtlichen Pub anbietet, sein Buch zu verfilmen. Oder Morning Claxon, die in einer ehemaligen Teestube ein alternatives Gesundheitszentrum zu errichten versucht, Nicky Pope, die nur mit Mühe die Pension ihrer verstorbenen Mutter Emily weiterführen kann, weil das Spring Cottage erhebliche Mängel in seiner Ausstattung aufweist. Oder Ellen Thomas, die den Verlust ihres geliebten Mannes Robert nur schwer verkraftet und während eines Spaziergangs eine Stimme vernimmt, die Ellen verkündet, sie sei die Liebe, bevor sich in ihrem Haus der wegen Vergewaltigung für zehn Jahre Gefängnis verurteilte flüchtige Verbrecher Jos Bainbridge einnistet. Die Beschäftigung mit all diesen zunächst etwas skurril erscheinenden, aber nur mit allzu menschlichen Problemen belasteten Einwohnern nimmt Mr. Golightly so gefangen, dass er seinen ursprünglichen Plan bald aufgibt. Erst am Ende wird auf amüsante Art das Geheimnis gelüftet, wer Mr. Golightly eigentlich ist…

Sonntag, 20. September 2009

Michael Connelly - „Unbekannt verzogen“

(Heyne, 400 S., HC)
Beruflich könnte es für den Molekularbiologen Henry Pierce kaum besser laufen. Zusammen mit seinem Partner Charlie Condon unterhält er die Firma Amedo Technologies, die kurz
davor steht, ein revolutionäres Speichermedium auf Molekularebene zum Patent anzumelden. Mit Maurice Goddard ist auch ein williger Investor für das „Proteus“-Projekt in Sicht, der über mehrere Jahre mit zig Millionen das Unternehmen finanzieren möchte. Doch privat läuft so ziemlich alles schief. Noch immer trägt er die Last des gewaltsamen Todes seiner
Schwester Isabelle mit sich herum, nun trennte sich seine Lebensgefährtin Nicole James von ihm, die auch Pressesprecherin in seiner Firma gewesen ist. Zu allem Überfluss hat Pierce in seiner neuen Wohnung eine Telefonnummer bekommen, die offensichtlich zuvor an eine Prostituierte namens Lilly vergeben worden war.
Zunächst ärgert sich Pierce über all die männlichen Anrufer, die Lilly sprechen wollen, doch dann siegt die Neugier und Pierce macht sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Mädchen, das wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein scheint. Auch ihre Freundin Robin, mit der Lilly auf einer Website für flotte Dreier wirbt, kann Pierce kaum weiterhelfen. Doch dann tauchen zwei miese Schlägertypen auf, die sowohl Robin als auch Pierce einzuschüchtern versuchen, und wenig später wird der Forscher auch noch des Mordes an Lilly verdächtigt … Spannender Psycho-Thriller des ehemaligen Polizeireporters der „Los Angeles Times“, dessen Romane zunehmend auch in Hollywood verfilmt werden (siehe „Das zweite Herz“ als „Blood Work“ von und mit Clint Eastwood).

Michael Connelly - (Harry Bosch:10) „Die Rückkehr des Poeten“

(Heyne, 448 S., HC)
Als die FBI-Agentin Rachel Walling einen Anruf aus Quantico erhält, dass an die Abteilung Behavioral Sciences ein an sie adressiertes Päckchen mit einem GPS-Gerät geschickt worden ist, weiß sie sofort, wem sie dieses „Geschenk“ zu verdanken hat. Dabei kann es sich um niemand anderen als Robert Backus handeln, ihren ehemaligen Vorgesetzten, der als „Poet“ einige brutale Morde auf dem Gewissen hat und seit sieben Jahren als tot galt. Die GPS-Koordinaten führen das FBI in die Mojave-Wüste, wo sie neun männliche Leichen ausgraben. Auch den Privatermittler Harry Bosch führt es in die Einöde von Nevada, als er den rätselhaften Tod seines herzkranken Ex-Kollegen Terry McCaleb untersucht, der nach seiner Pensionierung weiterhin an offenen Fällen arbeitete.
Während Rachel nur als Beobachterin am Fundort der Leichen zugelassen ist und sich wundert, dass das Team nicht darüber informiert wird, dass es sich beim gesuchten Täter nur um den Poeten handeln kann, glaubt sie, dass sie mit dem Privatermittler bessere Chancen hat, Backus auf die Spur zu kommen. Dieser beobachtet aber jeden Schritt aus sicherer Entfernung … Spannende Fortsetzung von Connellys Bestseller „Der Poet“ mit sympathischen Hauptfiguren und amüsanten Verweisen auf „Blood Work“, die Clint-Eastwood-Verfimung von Connellys „Das zweite Herz“.

Montag, 14. September 2009

Gabriel García Márquez - „Erinnerung an meine traurigen Huren“

(Kiepenheuer & Witsch, 160 S., HC)
Nachdem er eher untalentiert als Spanisch- und Lateinlehrer tätig gewesen war und vierzig Jahre lang für die heimische Diario de la Paz Informationen über die Kurzwelle oder Morsezeichen aufgefangen und zu Meldungen aufbereitet hatte, sind ihm nur noch eine Sonntagsglosse sowie gelegentliche Musik- und Theaterbesprechungen geblieben. Zu seinem neunzigsten Geburtstag möchte der alte Mann, der sich selbst für unbeschreiblich hässlich und gewöhnlich hält, sich eine Jungfrau gönnen, die zu besorgen er seine alte Freundin Rosa Cabarcas beauftragt, in deren laden der Mann Stammkunde ist.
Er hat sein Leben lang für Sex bezahlen müssen und hat doch schon einen recht resignierten Blick auf das Leben und das Altern, der auch unverhohlen in seinen Glossen zum Ausdruck kommt. Die Bordellbesitzerin erfüllt dem Alten den Wunsch und hat ein vierzehnjähriges Mädchen besorgt, das sie mit Bromid und Baldrian betäubte. Augenblicklich ist der Mann von der Reinheit des Mädchens fasziniert und denkt gar nicht an den Vollzug dessen, wofür er mehr bezahlt hatte als sonst. Stattdessen erfährt er mit neunzig Jahren erstmals das Gefühl, verliebt zu sein … Was zunächst wie eine Geschichte über einen alten, geilen Mann und sein minderjähriges Objekt sexueller Begierden zu sein scheint, entwickelt sich zu einer melancholischen, humorvollen und zärtlichen Parabel über die wunderbaren Möglichkeiten, die sich einem Mann auch im hohen Alter eröffnen können, wenn man nur daran glaubt.

Sonntag, 13. September 2009

Denis Johnson - „Fiskadoro“

(Rowohlt, 256 S., HC)
Auf den Florida Keys befinden sich die letzten Überbleibsel einer Zivilisation, die in Nachbarschaft mit primitiven Gesellschaften wie der Israeliten, der Fischer und der Sumpfleute lebt. Im Geschichtsunterricht der fünfköpfigen „wissenschaftlichen Gesellschaft“ liest man Ernest Hemingways „Fiesta“ und „Alles über den Dinosaurier“, der ehemalige Manager des Sinfonierorchesters von Miami, Mr. Cheung, bringt dem kaum wortgewandten Fischerjungen Fiskadoro das Klarinettenspiel bei.
Eines Tages folgt Fiskadoro, der in seinem bisherigen Leben bereits zweimal mit einem Mädchen geschlafen hatte, einem Sumpfmädchen in ihr Dorf und wird dort Opfer eines schmerzhaften Initiationsritus, an den er sich später nicht mehr erinnern kann, nur daran, dass er nicht so aussieht wie die anderen Männer im Dorf mit ihren aufgeplatzten Geschlechtsteilen. Nach seiner Rückkehr ins Heimatdorf fällt ihm allerdings das Klarinettenspiel ungewöhnlich leicht, doch hat der Harpunenwerfer, so die Bedeutung des Namens Fiskadoro, mit dem Verlust seiner Eltern und auch der Großmutter zu kämpfen. Denis Johnson, dessen Werk, wie er selbst sagt, von Leuten wie dem Mythenforscher Joseph Campbell und dem Psychologen Bruno Bettelheim stark geprägt ist, schuf mit „Fiskadoro“ eine in ihrer Sprunghaftigkeit nicht immer leicht nachzuvollziehende, doch stets höchst poetische Parabel auf das heutige Amerika und macht trotz des apokalyptischen Charakters Mut für ein harmonisches Miteinander verschiedener Kulturkreise.

Samstag, 12. September 2009

Jeffrey Eugenides - „Die Selbstmord-Schwestern“

(Rowohlt, 251 S., HC)
Im vergangenen Jahr erhielt der in Berlin lebende 44-jährige Amerikaner Eugenides für seinen zweiten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis. Grund genug, jetzt noch mal auf sein 1993 veröffentlichtes Roman-Debüt „Die Selbstmord-Schwestern“ aufmerksam zu machen, das im Jahre 2000 erfolgreich von Sofia Coppola verfilmt und nun von Rowohlt als Hardcoverausgabe neu herausgegeben wurde.
Es erzählt die Geschichte der fünf Lisbon-Mädchen Therese, Mary, Bonnie, Cecilia und Lux, die Anfang der 70er Jahre in einer von Ulmen gesäumten nordamerikanischen Vorstadtstraße vor allem unter der strengen Erziehung ihrer Eltern zu leiden haben. Als die dreizehnjährige Cecilia versucht, sich in der Badewanne mit aufgeschnittenen Pulsadern das Leben zu nehmen, kann sie zunächst rechtzeitig gerettet werden. Wenig später hat sie beim Sprung durchs Fenster mehr „Glück“ und wird von einem Gartenzaun durchbohrt. Nachbarn, Lehrer, Psychologen und Mitschüler sind zunächst wie paralysiert, doch dann verliebt sich der Mädchenschwarm Trip Fontaine in die vierzehnjährige Lux und kann Mr. Lisbon dazu überreden, seine Tochter in Begleitung der anderen Töchter und seiner Freunde zu einem Schulfest auszuführen. Als Lux zwei Stunden nach der vereinbarten Zeit nach Hause kommt, verlieren die Mädchen ihre letzten Privilegien, werden von der Schule genommen und dürfen das Haus nicht mehr verlassen. Nur Lux wird immer wieder dabei beobachtet, wie sie nachts auf dem Dach des Hauses mit verschiedenen Männern kopuliert. Die Jungen, die sich in die Mädchen verliebt haben, versuchen verzweifelt, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, während die Mädchen immer mehr die Lust am Leben verlieren. Es ist das „Jahr der Selbstmorde“ und verändert die Mädchen und Jungen für immer. Eugenides hat die pubertären Probleme von verstörender Todessehnsucht, erwachender Sexualität und schillernder Phantasie auf sehr einfühlsame und wunderbar poetische Weise beschrieben.

J. D. Salinger - „Der Fänger im Roggen“

(Kiepenheuer & Witsch, 270 S., HC)
Als J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ Mitte der 40er Jahre erstmals veröffentlicht wurde, avancierte das Buch schnell zum Kultbuch einer jungen Generation, die sich erstmals durch Adaption und Kreation eigener kultureller Stilmittel bewusst von der Elterngeneration abzugrenzen versuchte. Wenn man Salingers Roman, nun in einer „neuen“, immerhin schon 1962 erfolgten Neuübersetzung von Eike Schönfeld vorliegend, heute liest, wird schnell deutlich, warum der auch heute noch so gewitzt geschriebene Roman damals für solch großes Aufsehen gesorgt hat.

Zuvor dürfte man nämlich selten die Gelegenheit gehabt haben, einen Jugendlichen so unverblümt seine Lebensgeschichte erzählen zu hören. Holden Caulfield, der junge Ich-Erzähler des Romans, macht von Anfang an klar, dass er nicht seine „ganze verfluchte Autobiographie“ wiedergeben, sondern nur von dem ganzen „Irrsinnskram“ erzählen möchte, der ihm vor kurzem passiert ist. Das beginnt mit dem – nicht ersten – Rausschmiss von der Schule. Diesmal ist es die Pencey Prep, wo Holden einmal mehr wegen unterirdisch schlechter Leistungen den Abgang machen muss. Statt direkt nach Hause zu fahren, macht er ein paar Umwege, damit seine Eltern den Schrieb von der Schule erst einmal verdauen können und sich abgeregt haben, wenn Holden zuhause eintrifft. Was folgt, sind amüsante Episoden sowohl über seinen ehemaligen Zimmerkollegen Ward Stradlater, der mit seiner einschmeichelnden Art jedes Mädchen herumzukriegen scheint, als auch über die eigene Unfähigkeit, bei Mädchen wirklich zu landen, seine Abneigung gegen Kinofilme und seine Abenteuer in New York und seine Romanze mit Phoebe. All das gibt einen wunderbaren Einblick in das Leben und Fühlen eines Pubertierenden in New York zur Zeit der letzten Jahrhundertmitte.

Sonntag, 6. September 2009

Philippe Djian - „Sirenen“

(Diogenes, 448 S., HC)
Nathan hat es wirklich nicht leicht im Leben. Der unorthodox arbeitende Kriminal-Polizist folgt stets seinem in die Irre führenden Instinkt und gerät dabei immer wieder in Teufels Küche. Als er den Tod von Jennifer Brennen, der Tochter des mächtigen Sportbekleidungsherstellers Paul Brennen, untersuchen muss, ist es mal wieder soweit, da er fest davon überzeugt ist, dass der Big Boss seine prostituierende Tochter umbringen ließ. Seine neunzig Kilo auf die Waage bringende Partnerin Marie-Jo geht dagegen ihren eigenen Spuren nach, die ihr Mann Franck ihr besorgt hat.
Natürlich kommt Marie-Jo der Auflösung des Falls näher als Nathan, doch mehr als der zu lösende Kriminalfall interessieren bei Djian natürlich die komplizierten persönlichen Verflechtungen. Marie-Jo, noch immer geschockt von der Erkenntnis, dass ihr Mann, der übrigens ein gefeierter Schriftsteller ist, jungen Männern einen bläst, lässt es sich täglich an den unmöglichsten Orten von Nathan und gelegentlich auch von Ramon, dem jungen Nachbarn mit dem krummen Pimmel, besorgen, während Nathan gleich drei Frauen unter einen Hut zu bringen hat: seine aktivistische Ex-Frau Chris, die jetzt mit dem gut gebauten Dozenten Wolf eine Affäre begonnen hat und mit ihm eine neue Demo organisiert und für die er immer noch leidenschaftliche Gefühle empfindet, seine Polizei-Partnerin Marie-Jo, die extrem eifersüchtig auf alle Frauen in Nathans Umfeld reagiert, und das Super-Model Paula, das Nathan zu Füßen liegt, mit ihm sogar in einem Bett schläft, die Nathan aber absolut nicht zu vögeln gedenkt. Vor dem nicht immer ganz leicht zu durchschauenden Konstrukt eines Kriminalfalls entwickelt Djian wie gewohnt verfängliche und amüsante Episoden um das prickelnde Thema von Lust, Liebe und Leidenschaft, doch waren seine Dialoge schon mal spritziger und seine Geschichten witziger.

Philippe Djian - „Reibereien“

(Diogenes, 234 S., HC)
Pünktlich zum DVD-Release des dreistündigen Director’s Cut von „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“, der kongenialen Verfilmung von Djians längst zum modernen Klassiker avancierten Debütroman, beglückt uns der französische Bestsellerautor mit einem neuen Buch. Darin entfaltet er lose zusammenhängend in fünf Episoden die schwierige Beziehung eines Mannes zu seiner alkoholkranken Mutter, der er bereits im Alter von elf Jahren eine Stütze im Leben sein muss, da sein rastloser Vater nur sporadisch eine Rolle im Leben der beiden spielt.
Der Junge muss ihr versprechen, sie nie zu verlassen, und damit scheint der Pakt für ihr beider Leben besiegelt. Elf Jahre später ist der Junge ausgezogen, in eine 500 Meter entfernte Wohnung, seine 42-jährige Mutter unterhält recht lockere Männergeschichten. Später hält sich der Sohn gut mit einem Kleinverlag für feministische Literatur und einen anhängenden Buchladen über Wasser, Frauen kommen und gehen, seine Mutter lässt sich mit Vincent endlich auf eine feste Beziehung ein, doch macht der arbeitslose Knastbruder ihr bald das Leben zur Hölle. Doch irgendwie meistern Sohn wie Mutter die großen und kleinen Hürden des Lebens, und darin ist Djian bekanntermaßen ein Meister: wie er mit sympathischen Tönen und leichter Melancholie menschliche Schwächen und Leidenschaften beschreibt, zeugt schon von literarischer Größe, psychologischem Feingefühl und genauer Beobachtungsgabe.

Samstag, 5. September 2009

Jason Starr- „Hard Feelings“

(Diogenes, 298 S., Tb.)
Bereits mit seinen bisherigen Romanen „Top Job“, „Die letzte Wette“ und „Ein wirklich netter Typ“ hat der amerikanische Emporkömmling Jason Starr auf unterhaltsame wie treffsichere Weise die Krise des modernen Menschen beschrieben, sich erfolgreich in einer auf Anerkennung und Wohlstand ausgerichteten Gesellschaft zu behaupten und einen Lebenssinn jenseits des Profitstrebens zu finden.
Auch sein neues Werk greift dieses mehr denn je aktuelle Thema wieder auf und spinnt eine interessante Kriminalgeschichte drum herum. Der vierunddreißigjährige New Yorker Richard Segal wartet seit Monaten auf seinen ersten Vertragsabschluss bei seiner neuen Computer-Netzwerk-Firma. Seine Frau Paula wurde dagegen gerade zur Vizepräsidentin ihrer Abteilung befördert. Zudem kriselt es mächtig in ihrer Ehe, worauf Richard wieder zu trinken anfängt. Ein Wochenendurlaub in den Berkshires verschlimmert die Situation eher, da seine Frau mit einem Großkotz zu flirten anfängt. So richtig aus dem Gleichgewicht kommt der erfolglose Verkäufer allerdings, als er eines Tages zufällig seinen Jugendfreund Michael Riddick auf der Straße trifft, mit dem er in Brooklyn zusammen aufgewachsen war und oft Tischtennis mit ihm im Keller gespielt hat. Von nun an wird Richard immer häufiger von Flashbacks geplagt, die nach und nach ein dunkles Geheimnis ans Licht bringen. Spannender wie realistischer und kurzweiliger Krimi mit hohem Unterhaltungswert.

Leon de Winter - „Malibu“

(Diogenes, 418 S.,)
Joop Koopman, 47-jähriger Niederländer, hat es in L.A. zu einem mäßig anerkannten Drehbuchautor gebracht. Während seine geschiedene Frau Ellen in ihrer niederländischen Heimat erfolgreich als Art Director tätig ist, lebt er allein mit seiner Tochter Mirjam zusammen, die am 22. Dezember ihren 17. Geburtstag feiert. An diesem Tag trifft er seinen alten Schulfreund Philip wieder, der ihn für den israelischen Geheimdienst gewinnen will, um einen mutmaßlichen marokkanischen Terroristen zu bespitzeln.
Während des Gesprächs erfährt Joop, dass seine Tochter tödlich verunglückt ist. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Wenig später wird Joop von Erroll aufgesucht, einem riesigen Schwarzen, der Mirjam auf seinem Motorrad hatte, als der tödliche Unfall passierte. Zwischen den beiden Männern entsteht eine innige, wenn auch nicht unkomplizierte Freundschaft. Dann wird es turbulent: Joop nimmt den Agenten-Auftrag an, findet den Marokkaner aber sehr nett, der ihm sogar hilft, die Person aufzuspüren, die Mirjams Herz transplantiert bekam. Er trifft seine erste Liebe Linda wieder, mit der er wieder eine leidenschaftliche Affäre beginnt und die ihn in die Geheimnisse der buddhistischen Weltsicht einzuweihen versucht... De Winter gelang mit „Malibu“ ein höchst unterhaltsamer, vergnüglicher, mit metaphysischen Spekulationen und allerlei anregenden Erzählstrukturen gespickter Roman, der viele Überraschungen zu bieten hat.

John Updike - „Wie war’s wirklich“

(Rowohlt, 252 S., HC)
Der 1932 geborene amerikanische Schriftsteller John Updike ist spätestens durch seinen wunderbar mit Jack Nicholson, Cher, Michelle Pfeiffer und Susan Sarandon verfilmten Roman „Die Hexen von Eastwick“ auch hierzulande einem breiten Publikum bekannt geworden. In seiner Heimat gilt er längst als „grand old man“ der amerikanischen Literatur und vor allem als Meister der Kurzgeschichte. Mit „Wie war’s wirklich“ legt Updike zwölf neue, meisterhafte Erzählungen vor, die von leisem Humor und nostalgischer Sehnsucht geprägt sind.
In „Die Frauen, die ihm entgangen sind“ erzählt Martin von der Selbstverständlichkeit, nach den Sechzigern Affären zu unterhalten, und während er beobachtet, wie seine Frau Jeanne bei einem Bootsausflug mit ihrem Liebhaber Frank tanzt, erinnert er sich der Mädchen, die er geliebt hat. Auch in „Mittagspause“ werden kostbare Erinnerungen aufgewärmt, als David Kern beim Klassentreffen seines Highschool-Jahrgangs Julia und Doris wieder trifft, mit denen er damals in der Mittagspause in ihren Autos auf der Suche nach dem perfekten Hamburger durch die Straßen fuhr. Und Stan, Vertreter für „stranggepresstes Nichteisenmetall“, denkt an seine Reisen nach New York zurück, wo er mit der Kunsthändlerin Jane eine Affäre hatte und der er nach zehn Jahren wieder begegnet. So begleitet der Leser die Protagonisten durch ihre von kostbaren Erinnerungen geprägten Jugend und die aufregenden Jahre des Erwachsenwerdens. Geliebte, Ehefrauen, die Eltern und das Zuhause spielen dabei naturgemäß die wichtigsten Rollen. Erstaunlich, wie leicht Updike diese wehmütig klingenden Stories aus der Feder zu schütteln scheint.

José Saramago - „Die portugiesische Reise“

(Rowohlt, 606 S., HC)
Einen Reiseführer der besonderen Art legt der 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete portugiesische Autor José Saramago mit seinem neuen Buch „Die portugiesische Reise“ vor, nämlich keine handliche Broschüre für die Handtasche, in der man die beliebtesten und berühmtesten Touristenziele nachschlagen kann, sondern eine ganz persönliche Reisebeschreibung, die kenntnisreicher und liebevoller kaum hätte ausfallen können.
Als Saramago eines Tages die spanische Grenze mit seinem betagten Auto überquert und bei Miranda de Douro am Rio Douro mit den Fischen spricht, ist dies der Auftakt einer Reise vom Nordosten in den Nordwesten und dann weiter in den Süden des Landes, wobei er natürlich auch die Portugal prägenden Landschaften und Kunststätten besucht, aber eben nicht immer entlang der ausgetretenen Pfade, „er war auch dort, wo eigentlich nie jemand hinfährt“. Saramago lernt auf seiner einsamen Reise Land und Leute kennen, macht uns mit den Geschichten der Helden und Heiligen seines geliebten Landes vertraut. Meist wird ihm mit großherziger Gastfreundschaft begegnet, doch nicht immer fallen seine Bekanntschaften friedlich aus. Zu allem Bekannten und Erinnerten erfährt der Reisende auch immer wieder ein Aufeinanderprallen und Überraschungen. Vor allem die Kirchen haben es ihm angetan, die Kunst und die Grabmäler. Und indem Saramago sich und seinem Land einen Spiegel vorhält, lernt auch der Leser weit mehr über Portugal als aus einem Reiseführer.

Freitag, 4. September 2009

Stewart O’Nan - „Halloween“

(Rowohlt, 256 S., HC)
Halloween vor einem Jahr in der Kleinstadt Avon, Connecticut. Die fünf Jugendlichen Kyle, Tim, seine Freundin Danielle, Toe und Marco rasen ausgelassen mit lauter Musik und ein paar Joints über den Highway, bis der örtliche Polizeibeamte Brooks die Verfolgung aufnimmt und das Auto von der Straße abkommt...
Ein Jahr später kehren die Geister der verstorbenen Kids Toe, Danielle und Marco nach Avon zurück, um eine Bestandsaufnahme zu machen. Sie sehen, wie Kyle nach dem Unfall mit zerschmettertem Schädel sein Gedächtnis verloren hat und langsam seine motorischen Fähigkeiten neu trainieren muss. Zusammen mit seinem alten Kumpel Tim hilft er im Stop’n’Shop aus. Tim blieb körperlich zwar unverletzt bei dem Unfall, doch darüber hinaus ist er ohne Antrieb, ein seelisches Wrack. Ähnlich schlimm hat es Brooks erwischt, der die tragischen Ereignisse und seine Mitschuld daran nicht vergessen kann und seinen Dienst nicht mehr ordentlich versehen kann. Kyles Eltern haben ihre Träume von einem Domizil am Cape Cod aufgegeben und haben über der Pflege ihres Sohnes fast ihre Ehe vergessen. Und so schweben die Geister der drei Jugendlichen durch eine durch den Unfall völlig ernüchterte Kleinstadt, in der das Leben nicht so recht weiterzugehen scheint. Stewart O’Nan hat nicht nur den Titel des berühmten Romans von Ray Bradbury adaptiert, sondern ihm gleich seinen neuen Roman gewidmet. Zwar kann er nicht in gleichem Maße Bradburys Magie heraufbeschwören, doch ist „Halloween“ zumindest eine virtuos erzählte Geschichte aus ungewohnter Perspektive über Trauer, Schuld und schmerzhafte Erinnerungen.

Stewart O’Nan – „Das Glück der anderen“

(Rowohlt, 221 S., HC)
Mitten in Wisconsin liegt die sterbende alte Bergarbeiterstadt Friendship, in der Jacob Hansen nicht nur als Sheriff, sondern auch noch als Leichenbestatter und Pastor tätig ist. An einem heißen Sommertag wird er von der kleinen Bitsi zu Hilfe gerufen. Old Meyer, ihr Vater, habe einen unbekannten Toten hinter seinem Bienenstock gefunden. Als Hansen zum Fundort radelt, kann er bei dem ausgemergelten Uniformierten keine offensichtliche Todesursache entdecken.
Er lässt den Toten zu Doc Guterson bringen und seinen Kollegen im benachbarten Shawano, Bart Cox, informieren, dass er nach Landstreichern Ausschau halten möge. Als der Doc die erschütternde Diagnose stellt, dass der Soldat an Diphtherie gestorben sei, muss Jansen an die Epidemie denken, die die halbe Bevölkerung von Endeavor vor ein paar Jahren dahingerafft hatte. Doch von einer Quarantäne will der Doc noch nichts wissen. Hansens Frau Marta will mit ihm und Tochter Amelia am liebsten weggehen, doch pflichtbewusst bleibt Hansen bei seiner Gemeinde, in der sich die Toten häufen. Bald bleibt auch Hansens Familie nicht von der Epidemie verschont, dazu nähert sich rasch ein Feuer von Norden, das mit rasender Geschwindigkeit durch die staubtrockenen Wälder fegt. Hansen muss sich zwischen dem Glück seiner Liebsten, der Verantwortung für seine Gemeinde und für die Menschen in den benachbarten Dörfern entscheiden …
Vor dem apokalyptischen Szenario einer vernichtenden Feuersbrunst und Epidemie stellt Stewart O’Nan in seinem 1999 veröffentlichten Roman „A Prayer for the Dying“ aus der Perspektive des verantwortungsbewussten Ich-Erzählers Jacob Hansen wesentliche Fragen nach den Werten sozialer Bindungen und religiöser Ideologie, nach dem Abwägen zwischen persönlichen Bedürfnissen und der Verantwortung für die Gemeinschaft. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, regt O’Nan den Leser zu tiefgründigen Fragen über die menschliche Natur an.

Stewart O’Nan - „Abschied von Chautauqua“

(Rowohlt, 700 S., HC)
Jahr für Jahr macht die Großfamilie Maxwell in ihrem Sommerhaus am Lake Chautauqua im Staat New York für eine Woche Urlaub. Nachdem nun Emilys Mann Henry gestorben ist, soll das Haus verkauft werden, und so finden sich zum letzten Mal die Hausherrin Emily, ihre Schwester Arlene, Emilys Tochter Meg mit ihren beiden Kindern Justin und Sarah, Emilys Sohn Ken mit seiner Frau Lise und den Kindern Sam und Ella zusammen, um sich von dem Haus zu verabschieden und Sachen, an denen man hängt, mitzunehmen. Doch schnell wird deutlich, wie schwierig die Beziehungen untereinander geraten sind. Die Alkoholikerin Meg wurde von ihrem Mann Jeff wegen einer Jüngeren verlassen. Ken, leidenschaftlicher, wenn auch untalentierter Fotograf und stets auf der Suche nach dem passenden Motiv, hat seinen Job verloren und weiß nicht, wie er mit seiner Frau und den Kindern über die Runden kommen soll.
Anstatt sich seinem Problem zu stellen, verfolgt er wie besessen das Verschwinden einer jungen Angestellten von der Tankstelle, an der Ken auf dem Weg zum Sommerhaus getankt hatte. Und die wenig selbstbewusste Ella verliebt sich in ihre hübsche Cousine Sarah, die gerade von ihrem Freund Mark abserviert worden ist, aber schon wieder Ausschau nach einem Jungen in der Nachbarschaft hält … Stewart O’Nan hat die kleinen und großen Probleme der Maxwell-Familie mit großem psychologischen Feingefühl und voller Sympathie für seine Figuren beschrieben, so dass man niemandem wegen seiner Schwächen wirklich böse sein kann. Selten schreibt jemand mit so viel Verständnis über die einfachen Menschen wie O’Nan.

Jonathan Franzen - „Die 27ste Stadt“

(Rowohlt, 670 S., HC)
Mit seinem letzten Roman „Die Korrekturen“ ist dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen eine allseits gefeierte literarische Sensation gelungen, so dass jetzt auch endlich sein 1988 veröffentlichtes Debüt „Die 27ste Stadt“ endlich in deutscher Übersetzung erschienen ist, das bereits Zeugnis von Franzens außergewöhnlicher Erzählkraft ablegt. Er erzählt darin von den besonderen politischen und wirtschaftlichen Konflikten und Intrigen in St. Louis, jener einstmals vielversprechenden Metropole, die noch im Jahre 1870 die viertgrößte Stadt Amerikas war und aufgrund der Abwanderungen der Eliten und des wirtschaftlichen Abstiegs in den 80er Jahren nur noch auf Platz 27 rangierte.
Die Geschichte beginnt mit dem Amtsende von Polizeichef William O’Connell, dessen Nachfolger die 35-jährige Frau S. Jammu antritt, einer zwar in Amerika geborenen, aber lange Zeit der Polizei von Bombay vorstehenden Inderin, deren Auftritt in St. Louis mit großer Skepsis von Medien und Wirtschaftselite beobachtet wird. Unruhen machen sich schnell breit, als erst eine Autobombe explodiert, die beinahe Mr. Hutchinson, den Generalintendanten der Sendeanstalt KSLX das Leben gekostet hätte, dann eine Bombendrohung gegen das gefüllte Footballstadion im Stadtzentrum bei der Evakuierung mehrere Schwerverletzte fordert. Die Polizei ist jedoch ungewöhnlich schnell bei den Krisenherden und löst die Probleme souverän. Schon vermuten einige führende Köpfe der Stadt ein Komplott, und tatsächlich treibt Jammu ebenso ihre Machtspielchen wie die verschiedenen Immobilien-Spekulanten und Bauherren der Stadt. Franzen schildert nicht nur minutiös, amüsant und scharfsinnig die Intrigen, die eine amerikanische Metropole allmählich zugrunde richten, sondern auch das Schicksal der weißen amerikanischen Mittelschicht, die ihrer Träume beraubt wird.

Jonathan Franzen - „Schweres Beben“

(Rowohlt, 685 S., HC)
Seitdem Jonathan Franzen mit seinem Roman „Die Korrekturen“ für eine mittlere literarische Sensation auch hierzulande gesorgt hat, sind zunächst sein Erstling „Die 27ste Stadt“ und nun auch der 1992 verfasste Nachfolger „Schweres Beben“ ins Deutsche übersetzt worden. Der sehr üppige, detaillierte und verschachtelte Roman beginnt mit der Professorenfamilie Holland, die in Evanston, Illinois, aufwuchs, wo der Vater von Louis und Eileen als Professor für Geschichte an der Northwestern University beschäftigt war.
Mittlerweile hat es Eileen nach Cambridge gezogen und Louis gerade erst von Houston nach Somerville, einen ärmlichen Nachbarort von Cambridge, wo er als Radiomoderator jobbt. Da erhält er auch schon einen Anruf von seiner Großmutter Rita, die sich als Esoterikautorin einen Namen gemacht hat und mit der er sich gleich verabredet. Doch da erschüttert Boston ein Erdbeben und tötet Louis’ Großmutter. Was folgt, sind wütende Auseinandersetzungen über das Erbe und problematische Beziehungen zwischen Louis und Lauren einerseits und Louis und der durch das Erdbeben in die Stadt gekommene Seismologin Renée andererseits. Renée macht bald einen Chemiekonzern aus, der für die Erdbeben verantwortlich zu sein scheint, womit die Handlung des vielschichtigen Familienromans durch Krimi-Aspekte erweitert wird und auch eine komplizierte Liebesgeschichte und Weltuntergangsszenarien bereithält. Franzen erweist sich als stilsicherer Erzähler, der es mit seiner Gründlichkeit manchmal etwas zu genau nimmt.

Mittwoch, 2. September 2009

Paul Auster - „Die Brooklyn Revue“

(Rowohlt, 351 S., HC)
Nachdem der fast sechzigjährige ehemalige Versicherungsvertreter Nathan Glass die Scheidung von seiner Frau Edith hinter sich gebracht und das Haus in Bronxville verkauft hat, kehrt er nach 56 Jahren wieder in seine Heimat nach Brooklyn zurück. Dorthin will er sich zum Sterben zurückziehen, nachdem ihm Lungenkrebs diagnostiziert worden war, doch es bestehen gute Chancen auf Heilung.
Auch wenn seine 29-jährige Tochter Rachel insistiert, er solle sich eine Beschäftigung suchen, genügt es Nathan vorerst, fast täglich sein Mittagessen im Cosmic Diner einzunehmen, wo er sich hoffnungslos in die puertoricanische Kellnerin Marina verknallt hat, nimmt dann aber ein Projekt in Angriff, das er „Das Buch menschlicher Torheiten“ nennt, in das Nathan all seine begangenen Blamagen und Fehltritte einzutragen gedenkt. Bei einem Besuch im antiquarischen Buchladen „Brightman’s Attic“ trifft er zufällig seinen Neffen Tom Wood, dem Nathan eine grandiose akademische Karriere vorhersagte, der aber jahrelang Taxi gefahren war und schließlich bei Harry Brightman eine Anstellung in dessen Laden gefunden hat. Brightman kann auf ein schillerndes Leben verweisen, zu dem auch ein längerer Gefängnisaufenthalt zählt. Als Inhaber der Kunstgalerie „Dunkel Frères“ förderte er erfolgreich den Künstler Alec Smith und verkaufte nach dessen Tod weiterhin Bilder mit seinem Namen, die jedoch von einem anderen Künstler gefälscht wurden. Und schon plant Brightman den nächsten Coup, den Verkauf eines gefälschten Hawthorne-Manuskripts. Nathan rät dringend von dem Plan ab, doch Harry ist schon längst Feuer und Flamme für das ambitionierte Projekt … Gewohnt sprachgewandt und mit leisem Humor spinnt der Brooklyner Autor ein faszinierendes Geflecht von aneinander gereihten Torheiten.

Paul Auster - „Nacht des Orakels“

(Rowohlt, 286 S., HC)
Nachdem der 35-jährige Schriftsteller Sidney Orr im Januar 1982 an einer Subwaystation zusammenbricht, wird er mit inneren Blutungen, Knochenbrüchen, zwei Kopfverletzungen und neurologischen Schäden ins Krankenhaus eingeliefert. Nach einigen Wochen geben die Ärzte die Hoffnung auf, doch Sid hält durch und wird sogar nach vier Monaten aus dem Krankenhaus entlassen und von seiner bezaubernden Frau Grace liebevoll gepflegt. Als er wenige Monate darauf im „Paper Palace“ von Mr. Chang ein wundervolles blaues Notizbuch aus Portugal entdeckt, ist sogar seine Schreibblockade aufgehoben.
Die Geschichten strömen mit unglaublicher Leichtigkeit aus Sids Feder, enden aber immer irgendwie in einer Sackgasse. Er beginnt aber sogar ein Drehbuch für ein Remake von H.G. Wells’ „Die Zeitmaschine“ zu schreiben. Doch auf einmal beginnt sein gerade erst wieder in geordnete Bahnen gelenktes Leben aber ebenfalls wieder aus den Fugen zu geraten. Seine Frau benimmt sich äußerst merkwürdig, nachdem sie erfährt, dass sie schwanger ist, und bleibt sogar über Nacht fort. Mr. Chang kündigt ihm aus heiterem Himmel die Freundschaft, und Sid beginnt, merkwürdige Szenarien auch um seinen besten Freund, den berühmten Schriftsteller John Trause, zu spinnen… Paul Auster erweist sich einmal mehr als virtuoser Erzähler des Zufalls und geht der spannenden Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem „Vorher“ und dem „Nachher“ nach, der Möglichkeit, ob das Schreiben das Leben beeinflussen könne. „Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns“, lässt Auster Trause am Ende sagen. „Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum. Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen.“

Dienstag, 1. September 2009

Paul Auster - „Das Buch der Illusionen“

(Rowohlt, 384 S., HC)
Den Literaturprofessor David Zimmer kennen wir bereits aus Austers vorzüglichem Roman „Mond über Manhattan“. Mittlerweile ist er ein sehr einsamer, fast gebrochener Mann, der den Schmerz durch den Tod seiner Frau und seiner beiden Söhne nach einem Flugzeugabsturz mit Whiskey zu betäuben versucht. Vor ein paar Jahren schrieb er ein Buch über den Stummfilmkomiker und –regisseur Hector Mann, der im Januar 1929 spurlos verschwand. „Die stumme Welt des Hector Mann“ erschien 1988 – wenig später erhält Zimmer einen geheimnisvollen Brief, in dem ihm die Möglichkeit eröffnet wird, Hector Mann kennenzulernen.
 Es tauchen überall in der Welt längst für verschollen gehaltene Filme auf, und Zimmer setzt seine Lehrtätigkeit aus, um die Filme in Paris, London und in den USA zu betrachten. Mit neuem Lebenswillen macht er sich an die Übersetzung von Chateaubriands umfangreichen Memoiren, bis eines Abends eine Frau vor dem Haus des Professors auftaucht und ihn mit gezückter Pistole auffordert, sie nach New Mexico zu begleiten, um den im Sterben liegenden Hector Mann zu treffen. Zimmer tritt in eine mysteriöse Welt aus Liebe und Leidenschaft, Kunst und Täuschung. Paul Auster erweist sich mit seinem neuen Roman wieder mal als brillanter Geschichtenerzähler, der trotz aller liebevoll geschilderter melancholischer Stimmungen stets auch Hoffnungsschimmer zu transportieren versteht, die sich hinter all den rätselhaften Ereignissen verbergen, deren Zeuge nicht nur der Protagonist des Romans, sondern auch der Leser wird.