Donnerstag, 18. Februar 2010

Jo Nesbø - (Harry Hole: 5) „Das fünfte Zeichen“

(Claassen, 490 S., HC)
Ausgerechnet in der Urlaubszeit, die auch das Morddezernat verwaisen lässt, wird Oslo von einer beunruhigenden Mordserie heimgesucht. Erst wird über der Wohnung von Vibeke Knutsen und Anders Nygard eine junge Frau nackt und tot in ihrer Dusche aufgefunden. Ihr linker Zeigefinger wurde abgetrennt, unter einem ihrer Augenlider fand man einen roten Diamanten. Wenig später meldet der Theater-Produzent Willy Barli seine Frau Lisbeth als vermisst, von der kurz darauf der linke Mittelfinger ins Morddezernat geschickt wird.
Dort wird unter Leitung des magenkranken Chefs Møller ein Ermittlungsteam zusammengestellt, bei dem sich der aufstrebende Tom Waaler und der abgehalfterte Harry Hole zusammenraufen müssen. Hole kann es noch immer nicht verwinden, dass seine Kollegin Ellen Gjelten ermordet worden ist, und rollte den Fall noch einmal auf, bis er sogar Waaler verdächtigt hatte. Es folgten vier Wochen Zwangsurlaub, die Hole überwiegend im Suff verbrachte. Erst als die Empfangsdame einer Anwaltskanzlei tot in der Damentoilette ihrer Firma aufgefunden wird und eine Verbindung mit den beiden anderen Fällen hergestellt werden kann, beginnt sich Hole wieder zusammenzureißen und stürzt sich mit gewohnt kriminalistischem Gespür auf die schwierigen Ermittlungen … Mit seinem fünften Fall um den eigenbrötlerischen Kommissar Harry Hole ist dem norwegischen Krimi-Autor Jo Nesbø ein hochkarätiger Thriller gelungen, der die besten Motive skandinavischer Krimi-Tradition und amerikanischen Bestsellern à la Thomas Harris, James Patterson und Jeffery Deaver miteinander vereint.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Hakan Nesser - „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“

(btb, 287 S., HC)
Nachdem der schwedische Krimi-Autor Hakan Nesser in den letzten Jahren mit seinem Kommissar Van Veeteren ähnlich erfolgreich gewesen ist wie sein Landsmann Henning Mankell mit seinen Kurt-Wallander-Krimis, veröffentlicht der btb-Verlag mit „Kim Novak“ nun einen frühen Roman aus dem Jahr 1998, als Van Veeteren noch nicht auf den Plan getreten war. „Kim Novak“ ist weniger ein klassischer Krimi als die Schilderung von Kindheitserinnerungen.
Im Sommer 1962 verbringen der vierzehnjährige Erik und sein Freund Edmund zusammen mit Eriks älteren Bruder Henry die Ferien in einem Sommerhaus namens Genezareth. Henriks hübsche Freundin Emmy kommt allerdings doch nicht mit. Dafür taucht eines Abends die hübsche Aushilfslehrerin Ewa Kaludis auf, die Verlobte des ehemaligen Handball-Stars Berra Albertsson. Die beiden Jungen, deren Mütter entweder im Sterben liegen oder eine Alkohol-Entziehungskur durchmachen, beobachten eines Nachts die Henry und Ewa beim Liebesspiel und sind gleichermaßen erregt wie verstört. Wenige Tage später findet man ganz in der Nähe im Wald die Leiche von Ewas Verlobtem. Henry wird zwar in Untersuchungshaft genommen, doch kann man ihm den Mord nicht nachweisen. 25 Jahre später ist der unaufgeklärte Mord verjährt. Erst jetzt kommt die Wahrheit ins Licht. Im Mittelpunkt des brillant geschriebenen Romans steht auch weniger der Mord und das Geheimnis seiner überraschenden Auflösung, sondern die Initiation zum Erwachsenen, die Einführung in die Mysterien von Liebe, Leidenschaft, Sex und Tod.

Hakan Nesser - „Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod“

(btb, 572 S., HC)
Eigentlich wollte sich Hauptkommissar Van Veeteren längst zur Ruhe gesetzt haben und sich nur noch um sein Antiquariat und seine niedliche Enkeltochter kümmern. Doch eines Tages bittet der junge Priester Tomas Gassel den seit vier Jahren permanent vom Dienst befreiten Van Veeteren um ein Gespräch, das dieser wegen eines Zahnarzttermins nicht wahrnehmen kann. Wenig später erfährt der aus der Zeitung, dass der Pfarrer von einem Zug überfahren worden ist, und setzt sich mit Eva Moreno, der ermittelnden Kommissarin, in Verbindung. Etwa zur gleichen Zeit werden Martina Kammerle und dann auch ihre sechzehnjährige Tochter Monica erwürgt aufgefunden.
Da der Name des Pastors auf einem Notizblock im Zimmer des Mädchens gefunden wird, scheinen die Fälle miteinander verknüpft zu sein. Die einzigen Spuren zum Mörder, der weitere Frauen erwürgt, sind aus der Literatur bekannte Namen, derer sich der geheimnisvolle Mörder bedient, und seltene Gedichtbände. Während seine aktiven Kollegen lange Zeit im Dunkeln tappen, verlässt sich Van Veeteren bei seinen eigenen Ermittlungen ganz auf seine Intuition und stößt auf den elitären Universitätszirkel der Sukkulenten. Doch wie soll Van Veeteren den mutmaßlichen Verdächtigen ohne handfeste Beweise überführen? Mit Van Veeterens neunten Fall hat Hakan Nesser endgültig bewiesen, dass er sich vor seinem Bestseller-Kollegen Henning Mankell nicht zu verstecken braucht. Spannend und dazu noch sprachgewandter taucht Nesser wieder tief in die Seele eines Psychopathen ein, lässt zum Schluss aber leider einige wichtige Fragen offen.

Hakan Nesser - „Der Tote vom Strand“

(btb, 352 S., HC)
In seiner schwedischen Heimat genießt Hakan Nesser schon längst einen Ruf als erstklassigen Schriftsteller, der sich hinter Henning Mankell keineswegs zu verstecken braucht. Auch hierzulande haben seine Romane um Kommissar Van Veeteren immer mehr an Popularität gewonnen. Schon die ersten beiden Kapitel seines neuen Romans demonstrieren, warum Nesser so geschätzt wird. Die einleitende Erklärung, dass einem jungen Mädchen der Schädel gespalten wurde, weil sie offensichtlich ihre Pläne geändert hatte, wird von einer kurzen Szene gefolgt, in der der Leser ein Stück weiter ins Geheimnis eingeweiht wird.
Die sechzehnjährige Winnie Maas trifft sich mit ihrem Freund am Strand, erzählt ihm von der Änderung ihrer Entscheidung, worauf dieser eine Idee hat. Szenenwechsel. Der achtzehnjährigen Mikaela soll an ihrem Geburtstag etwas mitgeteilt werden. Auch diesmal bleibt der Leser im Dunkeln. Schließlich soll die 32jährige Kommissarin Ewa Moreno an ihrem ersten Urlaubstag noch dem gerade gefassten Kleinverbrecher Lampe-Leermann ein Geständnis entlocken. Und schon sieht sie sich in einen äußerst mysteriösen Fall verwickelt, bei dem es nicht nur um die verschwundene Mikaela geht, die ihren Vater erstmals nach sechzehn Jahren in der psychiatrischen Anstalt besuchen wollte, sondern auch um zwei ungelöste Mordfälle. Die spannende Story gefällt auch durch den recht poetischen Stil, der das Buch zu einem echten Lesegenuss macht.

Dienstag, 16. Februar 2010

Henning Mankell - „Die Brandmauer“

(Zsolnay, 576 S., HC)
Ähnlich wie Stephen King einst der Begeisterung für das Horror-Genre den Weg geebnet hat, ist es in den letzten Jahren vor allem dem schwedischen Autor Henning Mankell gelungen, ein breites Interesse an seiner liebenswerten Figur, den Polizeikommissar Kurt Wallander und seinen oft ungewöhnlich brutalen Fällen wachzurufen. Mittlerweile gesellen sich zu den oft gleichzeitig in den Bestsellerlisten befindlichen Krimis die dazu passenden Verfilmungen, wofür auch Mankells neuer Streich prädestiniert sein dürfte.
In „Die Brandmauer“ hat es der schwedische Spürhund gleich mit mehreren ungewöhnlichen Mordfällen zu tun: Ein penibler Mann wird bei einem Abendspaziergang vor einem Bankautomaten ermordet, seine Leiche aus der Pathologie gestohlen und wieder an den Tatort zurück befördert; zwei junge Mädchen überfallen einen Taxifahrer, töten ihn mit einem Küchenmesser und zeigen bei der Verhörung nicht die geringsten Schuldgefühle. Schließlich wird nach einem Stromausfall in ganz Schonen eine verkohlte Leiche in der Transformatorstation gefunden. Wallander kommt einem gewaltigen Computerverbrechen auf die Spur und erlebt dabei, wie sein zerrüttetes Privatleben ebenfalls in die Turbulenzen des schwierigen Falles hinein gezogen wird. Spannende Leseabende sind hier wie immer garantiert.

Henning Mankell - „Kennedys Hirn“

(Zsolnay, 400 S., HC)
Als die Archäologin Louise Cantor aus Griechenland zurückkehrt, um in Schweden einen Vortrag zu halten, will sie ihren 25-jährigen Sohn Henrik besuchen, findet ihn aber tot in seiner Stockholmer Wohnung vor. Doch an Selbstmord will sie trotz der Schlafmittelvergiftung nicht glauben, dazu war es in der Wohnung zu aufgeräumt, und Henrik schlief stets nackt und nicht im Schlafanzug, wie sie ihn vorfand. Für Louise beginnt eine Odyssee, die sie zunächst nach Australien führt, wo sie ihren untergetauchten Ex-Mann Aron sucht und findet.
Mit ihm gemeinsam versucht sie die Bedeutung der Unterlagen zu ergründen, die sie in Henriks Kleiderschrank zum Verschwinden von John F. Kennedys Hirn nach dessen Obduktion gefunden hat. Die Spur führt die beiden nach Barcelona, wo Henrik eine Wohnung unterhielt, dann verschwindet Aron spurlos, Louise zieht es nach Maputo in Mosambik. Da Henrik HIV-positiv war, vermutet Louise, hier die Ursache für Henriks Tod zu finden. Je mehr sie bei Henriks Freunden und Freundinnen nachfragt, umso mehr lernt sie, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt hat. Sie selbst muss aber erst einmal das Leben in Afrika und die Mentalität der armen und kranken Menschen verstehen und stößt schließlich auf ein namenloses Asyl für AIDS-Kranke … Mankell hat, nachdem er mit den Kommissar-Wallander-Romanen abgeschlossen hat, einen packenden Roman geschrieben, der als Krimi getarnt vor allem die sozialen Probleme in Afrika beschreibt und damit auch das Versagen der Industrienationen anprangert.

Henning Mankell - „Vor dem Frost“

(Zsolnay, 544 S., HC)
Eigentlich hatte der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell den langjährigen Protagonisten seiner Kriminalromane, den kauzigen Kommissar Kurt Wallander, schon halbwegs „beerdigt“: nach seinem achten Fall, „Die Brandmauer“, sollte das Kapitel Kurt Wallander eigentlich abgeschlossen sein. Mankells letzter Krimi, „Die Rückkehr des Tanzlehrers“, führte bereits einen neuen Kommissar ein, den 37-jährigen Ermittler Stefan Lindman. Mit „Vor dem Frost“ schließt sich der Kreis. Kurt Wallanders Tochter Linda, die ihrem Vater am Ende von „Die Brandmauer“ erklärte, selbst Polizistin werden zu wollen, kommt nach ihrer Ausbildung als Polizeianwärterin ans Polizeipräsidium von Ystad.
Noch bevor sie ihren Dienst dort antritt, verschwindet ihre Freundin Anna, die ihr gerade noch erzählt hatte, ihren lange verschwundenen Vater in Malmö gesehen zu haben. Als Linda in Annas Wohnung nach Spuren sucht, entdeckt sie Annas Tagebuch und darin den Namen der Kulturgeographin Birgitta Medberg, deren Vespa Linda daraufhin in einem Busch versteckt auffindet. Ein Suchtrupp findet schließlich den Kopf und die in Gebetshaltung abgehackten Hände der Frau. Zu allem Überfluss fallen brennende Schwäne vom Himmel, werden eine Tierhandlung und ein Kalb in Brand gesetzt. Dass Linda auf eigene Faust ermittelt, behagt ihrem Vater dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie sich in Stefan Lindman verliebt, der aus Boras nach Ystad gekommen ist. Auf gewohnt packende und realitätsnahe Weise schildert Mankell vor dem Hintergrund eines weltweit vorhandenen religiösen Fanatismus einen komplizierten Mordfall und eine nicht minder einfache Vater-Tochter-Beziehung.

Henning Mankell - „Wallanders erster Fall“

(Zsolnay, 477 S., HC)
Dem Wunsch unzähliger Leser folgend, die die Vorgeschichte des zur Zeit wohl populärsten literarischen Kommissars, Kurt Wallander, in Erfahrung bringen wollten, bevor er als bereits gestandener Kriminalist erstmals mit „Mörder ohne Gesicht“ das Licht der Öffentlichkeit erblickte, hat der schwedische Autor Henning Mankell alle Geschichten zusammengetragen, die er in den letzten Jahren immer mal wieder sporadisch über Wallanders frühen Jahre verfasst hatte.
 „Wallanders erster Fall“ ist also nur der Beginn von insgesamt fünf mehr oder weniger kniffligen Fällen, die hier versammelt sind. In der eröffnenden Titelgeschichte begegnet uns Wallander als junger Polizist von 21 Jahren, der kurz davor stand, seine Freundin Mona zu heiraten, und wir lernen den bereits kauzigen Vater kennen, zu dem Wallander offensichtlich schon immer ein schwieriges Verhältnis hatte. Eines Abends wird Wallander in seiner Wohnung von einem Knall aufgeschreckt. Wie sich herausstellt, ist in der Nachbarswohnung der pensionierte Seemann Artur Halen erschossen worden. Während der Ermittlungen macht Wallander durch sein kriminalistisches Geschick auf sich aufmerksam, handelt aber auch unvorsichtig, was er fast mit dem Leben hätte bezahlen müssen. Die andere längere, interessante Geschichte ist „Die Pyramide“, in der Wallander den Absturz eines nicht registrierten Flugzeugs und den Tod zweier alter Frauen untersucht, die ein Handarbeitsgeschäft leiteten, offensichtlich aber auch etwas mit den Drogentransporten des Flugzeugs zu tun hatten.

Helene Tursten - „Tod im Pfarrhaus“

(btb, 352 S., HC)
Jacob Schyttelius, ein junger Lehrer, wird in dem Ferienhaus seiner Eltern von Kommissar Sven Andersson und seiner Kollegin Irene Huss erschossen aufgefunden, nachdem sie vom Rektor der Schule über dessen Verschwinden informiert wurden. Merkwürdig ist das mit dem Blut des Toten auf dem Computerbildschirm gezeichnete, von einem Kreis umrandete Pentagramm. Als die beiden Göteburger Kommissare seinen Eltern, das Pfarrer-Ehepaar Sten und Elsa Schyttelius, die Nachricht über den Tod ihres Sohnes überbringen wollen, werden auch sie erschossen in ihren Betten aufgefunden.
Im Arbeitszimmer des Pfarrers findet sich wiederum das bekannte Pentagramm in Blut auf dem PC-Monitor. Eine Untersuchung der Computer ergibt, dass alle Daten von der Festplatte gelöscht worden sind. Hängen die Morde mit den satanistischen Aktionen in der Gemeinde zusammen, denen der Pfarrer intensiv auf die Spur zu kommen versuchte? Oder spielt sich hier eine Familientragödie ab? Irene Huss macht sich auf den Weg nach London, wo Jacobs Schwester, die Computer-Spezialistin Rebecka Schyttelius, lebt und momentan wegen schwerer Depressionen behandelt wird. Während ihre Kollegen in Schweden mit dem Satanisten-Verdacht nicht weiterkommen, glaubt Irene, dass Rebecka und ihr Umfeld in London tiefer in den Fall verstrickt sind als angenommen. Spannender Schweden-Krimi in bester Tradition von Henning Mankell und Hakan Nesser.

Montag, 15. Februar 2010

Kjell Ola Dahl - „Sommernachtstod“

(Ehrenwirth, 480 S., HC)
Der Erfolg von Henning Mankells Krimis um Kommissar Kurt Wallander beschert mittlerweile auch weiteren Krimi-Autoren aus dem skandinavischen Raum hierzulande eine erhöhte Aufmerksamkeit. Mit einem kniffligem Fall hat es zum Beispiel auch der norwegische Kriminalhauptkommissar Gunnarstranda in „Sommernachtstod“ zu tun. Zunächst wird die attraktive Reisebüroangestellte Katrine am Samstagnachmittag kurz vor Feierabend im Geschäft von einem heruntergekommenen älteren Mann körperlich angegriffen, dann fühlt sich ihr eifersüchtiger Freund Ole von ihr betrogen, und auf der Party von Björn und Annabeth Gerhardsen bedrängt sie auch noch der Gastgeber.
Nachdem sich die Party-Gesellschaft allmählich aufgelöst und Katrines Freund mit anderen Gästen noch auf den Weg in die Stadt gemacht hat, lässt sich Katrine von Henning abholen, einem Freund, mit dem sie hin und wieder auch mal intim geworden ist – so auch diese Nacht. Als Katrine am nächsten Tag erdrosselt und nackt aufgefunden wird, macht sich nicht nur Henning durch seine unstimmige Aussage verdächtig, auch ihr Freund Ole verschweigt zunächst, dass er mit einer anderen Frau in der besagten Nacht zusammen war. Kompliziert wird die Geschichte, als auch Henning in der Wohnung seines Bruders tot aufgefunden wird. Selbstmord? Gunnarstranda und sein Kollege Frank Frölich dringen immer tiefer in ein weit verzweigtes Labyrinth aus Lügen, Affären und Intrigen. Raffinierter Krimi mit überraschenden Wendungen und kauzigen Kommissaren.

Kjell Ola Dahl - „Schaufenstermord“

(Ehrenwirth, 508 S.)
Nach den beiden gefeierten schwedischen Krimi-Autoren Henning Mankell und Hakan Nesser ist der Norweger Kjell Ola Dahl der nächste große Wurf aus skandinavischen Gefilden, der die Leser mit skurrilen Morden und pfiffigen wie kauzigen Kommissaren erfrischt. Nach seinem Erstling „Sommernachtstod“ schickt Ola Dahl seine beiden Kommissare Gunnarstranda und Frank Frolich erneut auf Tätersuche in Oslo.
Der siebzigjährige Antiquitäten-Händler Reidar Folke Jespersen wird eines Morgens nackt im Schaufenster seines Geschäfts leblos aufgefunden, sorgfältig auf einem Stuhl drapiert und mit mysteriösen Schriftzeichen versehen. Schon bald entdecken die beiden liebenswürdigen Kommissare eine Vielzahl von Verdächtigen mit Motiven. Da ist einmal seine attraktive Frau Ingrid, die ein Verhältnis mit einem ihrer ehemaligen Tanzschüler hat, dem Reidar auf die Spur gekommen ist. Oder Reidars jüngere Brüder Arvid und Emmanuel, denen er beim Verkauf des Geschäfts ins Gehege gekommen ist. Oder Jonny Stokmo, ein ehemaliger Mitarbeiter, den der alte Mann fristlos entlassen hatte. Und was hat es mit der geheimnisvollen, schönen Frau auf sich, die der Ermordete kurz vor seinem Tod empfangen hatte? Gunnarstranda und Frolich kommen der Lösung des Falls aber erst auf die Spur, als sie tiefer in die Vergangenheit des Opfers tauchen. Ola Dahl hat einen fesselnden, vielschichtigen Krimi mit äußerst sympathischen Kommissaren geschrieben und braucht sich gewiss nicht hinter Mankell und Nesser zu verstecken.

Kjell Ola Dahl - „Lügenmeer“

(Ehrenwirth, 350 S., HC)
Allein die ansprechende wie einheitliche Covergestaltung (wie man sie ähnlich auch vom Kollegen Henning Mankell her kennt) verführt bei den Büchern des norwegischen Krimi-Autors Kjell Ola Dahl schon zum Kauf. Aber auch in literarischer Hinsicht bieten die Romane von Dahl stets spannendes Lesevergnügen. So wie Mankell seinen Kommissar Kurt Wallander und Håkan Nesser seinen Van Veeteren in der skandinavischen Krimi-Szene etabliert haben, ermittelt das ungleiche Gespann Gunnarstranda und Frølich nun schon zum dritten Mal.
Als die engagierte Journalistin Lise Fagernes vom „Verdens Gang“ in einem Osloer Parkhaus die Leiche einer jungen Frau entdeckt, deutet zunächst alles auf Selbstmord durch eine Überdosis Heroin hin. Bei der von Gunnarstranda eigenmächtig angeordneten Obduktion stellt sich jedoch heraus, dass Kristine Ramm aber zuvor mit Äther betäubt worden ist. Wenig später verschwindet auch ihr Freund, der aus Kenia stammende Stuart Takeyo, der dann aber im Laufe der Ermittlungen in Kenia gesichtet wird. Unabhängig voneinander machen sich Fagernes und Frølich auf die Reise nach Kenia, um Takeyo wegen des Mordes an Kristine Ramm zu befragen. Währenddessen stößt Gunnarstranda daheim in Oslo bei seinen Zeugenbefragungen auf ein schwer zu entwirrendes Lügengeflecht. Sicher scheint nur zu sein, dass der Mord an der jungen Frau und das Verschwinden von Takeyo mit einem Pharmakonzern zu tun hat, der mit einem – längst verbotenen – Heilmittel gegen AIDS viel Geld zu machen versucht. Spannende Katz-und-Maus-Hatz mit vielen Wendungen.

Walter Moers - „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“

(Piper, 698 S., HC)
Wer bislang das Vergnügen gehabt hat, mit Käpt’n Blaubär und seinen Gefährten das wundersame Land Zamonien erkunden zu dürfen, wird sich freuen, dass es mit „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ endlich ein neues Abenteuer zu erleben gilt. Der kleine Wolpertingwelpe Rumo soll einmal der größte Held Zamoniens werden, aber davon weiß er natürlich noch nichts.
Zu Beginn seiner Geschichte ist er nur der auf einem kleinen Bauernhof von Fhernhachenzwergen verwöhnte Welpe, dessen Leben sich in dem Moment ändert, als er zwischen all den Gerüchen des ländlichen Lebens eines Morgens einen silbernen Faden riecht. Mit diesem Duft ist eine seltsame Unruhe und unbestimmte Sehnsucht verbunden. Doch bevor er sich auf die Witterung machen kann, wird er von einem Teufelsfelszyklopen in einen Sack gesteckt und auf den Teufelsfelsen verschleppt wird. In der Grotte der Gefangenen wird der junge Welpe erwachsen und stark. Mit der Haifischmade Smeik fasst er einen abenteuerlichen Fluchtplan und kann von dem teuflischen Felsen fliehen. Seinen silbernen Faden scheint Rumo in Wolperting in der schönen Rala gefunden zu haben, doch es gibt noch viele Kämpfe zu fechten, kuriose Wesen kennen zu lernen und Furcht erregende Abenteuer zu bestehen. Irgendwo zwischen Tolkien, Terry Pratchett und Michael Ende hat Walter Moers eine ganz eigene Welt kreiert, die vor witzigen und fantasiereichen Wesen und Abenteuern nur so sprüht. Willkommen in Zamonien!

Walter Moers - „Schamlos“

(Eichborn, 144 S., HC)
Seit über zehn Jahren belustigt und schockiert das Kleine Arschloch auf herrlich anarchistische Weise sein Publikum. Mit „Schamlos“ wird dem rotzfrechen Bengel ohne Schamgefühl und moralische Werte nun ein außergewöhnliches Denkmal gesetzt.
In unzähligen Comic-Strips und –Büchern und sogar einem Kinofilm ist der pubertäre Anarchist zu einem echten Star avanciert, der zwar auch die Sittenwächter auf den Plan rief, aber mit seinem unbekümmerten, hemmungslosen Charakter insgeheim unsere unterdrückten Fantasien zum Ausdruck bringt.
Die vorliegende Retrospektive bietet weniger die vielleicht zu erwartende „Best of“-Sammlung aus den mittlerweile zahlreichen „Kleines Arschloch“-Bänden. Zwar sind so einige Strips vertreten, auch der allererste, der bezeichnenderweise in einem Porno-Shop spielt, aber vor allem finden sich hier interessante Anekdoten, z.B. Walter Moers' Erinnerungen daran, wie er diese Figur erfunden hat, Faksimiles des Tagebuchs, in das das Kleine Arschloch seine unglaublichen Erlebnisse und Gedanken niederschreibt, Skurriles aus dem Merchandise-Bereich, Ausflüge in die Welt des Kleinen Arschlochs und die Kunst, letztlich auch sowohl überschäumende wie zerschmetternde Fanbriefe mit entsprechenden Antworten, unveröffentlichte Tagebuchnotizen und Zeichnungen, alles schön mit Kommentaren des Autors versehen, und als Gimmick gibt’s die „Kleine Arschloch“-Maske obendrein dazu. Statt einer lieblosen Zusammenstellung bekannten Materials bietet „Schamlos“ also durchaus neue und höchst vergnügliche Einblicke in die Welt des pubertierenden, pickligen, bebrillten Arschlochs.

Walter Moers - „Die Stadt der Träumenden Bücher“

(Piper, 464 S., HC)
Bereits mit Käpt’n Blaubär und dem Kleinen Arschloch hat uns Walter Moers zwei nicht mehr aus der deutschen Populärkultur wegzudenkende Kultfiguren geschenkt. Seit seinem Romandebüt „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ hat sich Moers allerdings auch als ebenso fantasiebegabter Märchenerzähler erwiesen, der mit dem wunderbaren Zamonien eine ähnlich schillernde Fantasy-Welt erschuf wie Terry Pratchett mit seiner Scheibenwelt oder Neil Gaiman mit seinem Sandman-Universum. In seinem neuen Zamonien-Epos „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gelangt der junge Lindwurmfeste-Bewohner Hildegunst von Mythenmetz in den Besitz eines mysteriösen Manuskripts, das ihm sein Dichtpate Danzelot von Silbendrechsler vermacht hat.
So macht sich der junge Dichter mit dem Manuskript auf nach Buchhaim, der legendären Stadt der Träumenden Bücher, in deren unterirdischen Labyrinthen allerlei antiquarische Schätze versteckt sind. Mythenmetz erwirbt in einem Antiquariat den abenteuerlichen Reiseführer „Die Katakomben von Buchhaim“ des legendären, seit fünf Jahren verschollenen Bücherjägers Colophonius Regenschein und macht sich so mit den Geheimnissen vor allem der Untenwelt vertraut, in der raffinierte, raffgierige und brutale Bücherjäger auf der Jagd nach den Schätzen der Goldenen Liste sind, seltenen Büchern wie „Das Blutige Buch“, „Die Dämonenflüche des Nokimo Norken“ oder das „Handbuch der gefährlichen Gesten“. Mythenmetz begegnet während seiner Suche nach dem Autor des geheimnisvollen Manuskripts so etlichen kuriosen Gestalten und hat natürlich unzählige Abenteuer zu bestehen, da sich bald herumspricht, von welch großer literarischer Qualität sein Manuskript ist… Walter Moers hat sich mit diesem literarischen Manifest und schillernden Märchen voller skurriler Figuren und unaussprechlicher Namen einmal mehr selbst übertroffen. Das nächste Zamonien-Abenteuer wird bereits mit Spannung erwartet.

Walter Moers - „Wilde Reise durch die Nacht“

(Eichborn, 208 S., HC)
Mit seinen ersten beiden Romanen „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Ensel und Krete“ hat sich der Comic-Zeichner Walter Moers („Das kleine Arschloch“) sogleich in die Herzen von Märchen- und Fantasy-Fans geschrieben. Für seine neue Geschichte hat er sich eine ganz besondere Idee ausgedacht: Auf der Grundlage von 21 Kupferstichen von Gustave Doré, dem erfolgreichsten Illustrator des 19. Jahrhunderts, erzählt Moers die Geschichte des zwölfjährigen Gustave Doré, der eines Nachts als Kapitän bei einem verheerenden Siamesischen Zwillingstornado sein Schiff verliert und selbst fast zu Tode kommt.
Doch in letzter Minute lässt er sich auf ein Spiel mit dem Sensenmann ein, um seine Seele zu retten. Allerdings muss er sechs kaum zu bewältigende Aufgaben lösen und u.a. eine schöne Jungfrau aus den Klauen eines Drachen befreien, die Namen von drei Riesen erraten und dem Tod einen Zahn vom Schrecklichsten Aller Ungeheuer bringen. Moers schildert diese „wilde Reise durch die Nacht“ mit unglaublicher Fantasie, wie sie auf ähnliche Weise Comic-Autor Neil Gaiman mit seinen Romanen „Niemalsland“ und „Sternwanderer“ dokumentiert hat.

Sonntag, 7. Februar 2010

Lemony Snicket - Eine Reihe betrüblicher Ereignisse: "Der schreckliche Anfang (1)“ + „Das Haus der Schlangen (2)“ + „Der Seufzersee (3)“

(Manhattan, je ca. 180 S., HC)
Bereits die Tatsache, dass Lemony Snicket (das Pseudonym für den 34-jährigen Autor Daniel Handler) mit seiner bislang elf Bände umfassenden „Reihe betrüblicher Ereignisse“ erstmals die „Harry Potter“-Romane von der Spitze der Bestsellerliste der Kinderbücher der „New York Times“ verdrängen konnte, mag verdeutlichen, dass es neben dem allgegenwärtigen Potter-Fieber auch weitere interessante Kindergeschichten zu erzählen gibt. Im Zuge der auf den ersten drei Bänden basierenden, äußerst gelungenen Verfilmung von „Lemony Snicket“ mit dem wandlungsfähigen Jim Carrey in der Hauptrolle veröffentlicht der Manhattan-Verlag die schöne Kinderbuchreihe (an denen wie bei Harry Potter auch jung gebliebene Erwachsene ihre Freude haben werden) in handlicher, sehr schöner gebundener Ausführung.
In „Der schreckliche Anfang“ werden die drei Baudelaire-Kinder, die erfinderische Violet (14), der Büchernarr Klaus (12) und die kleine, mit vier scharfen Zähnen ausgestattete Sunny (4), eines Tages an der Kahlen Küste von Mr. Poe aufgesucht, der ihnen die schreckliche Mitteilung überbringen muss, dass sie ihre Eltern beim Brand ihres Hauses verloren haben. In ihrem Testament haben die geliebten Eltern bestimmt, dass die drei Waisen von ihrem Verwandten, Graf Olaf, adoptiert werden. Sehr schnell erfahren sie, dass Graf Olaf mit seiner unheimlichen Theatergruppe alles versucht, an das große Vermögen der Kinder zu kommen. Durch eine Heirat mit Violet könnte zum Beispiel Graf Olaf sofort über das Geld verfügen. Gelingt es den Kindern, den perfiden Plan des Bösewichts zu erkennen und zu durchkreuzen?
Nachdem sich Graf Olaf als unwürdiger Ziehvater erwiesen hat, kommen die Kinder zu Onkel Monty in „Das Haus der Schlangen“. Er plant gerade eine Expedition nach Peru und hat mit Stefano einen neuen Assistenten eingestellt, der sich – zum Schrecken der Kinder – als Graf Olaf entpuppt. Doch als Onkel Monty dem Schurken auf die Schliche kommt, ist es für ihn schon zu spät… Schließlich kommen die Waisen zu Tante Josephine, deren Haus gefährlich wacklig über dem „Seufzersee“ schwebt. Sie verlor ihren Mann Ike durch die blutrünstigen Seufzerseesauger und lebt in ständiger Angst vor weiteren Unglücken. Natürlich taucht einmal mehr Graf Olaf in Verkleidung auf und treibt die Familie in ein weiteres gefährliches Abenteuer… Trotz all der betrüblichen Ereignisse fesselt diese Reihe auch durch ihren feinen Humor und die sehr gefühlvolle Schilderung des Schicksals der Baudelaire-Waisen, die sich nie unterkriegen lassen.

Lemony Snicket - Eine Reihe betrüblicher Ereignisse: „Die unheimliche Mühle (4)“ + „Die Schule des Schreckens (5)“ + „Die dunkle Allee (6)“

(Manhattan, je ca. 200 S., HC)
Nachdem die ersten drei Episoden über die betrüblichen Ereignisse, denen die durch einen Hausbrand zu Waisen gewordenen Baudelaire-Geschwister Violet, Klaus und Sunny während ihrer Odyssee von einem neuen Vormund zum anderen ausgesetzt sind, im vergangenen Jahr erfolgreich mit Jim Carrey verfilmt worden sind, erscheinen nun die nächsten drei, wieder wenig erfreulichen Episoden neu im hübsch gestalteten Hardcover. Auf der Flucht vor dem Verwandlungskünstler und Erbschaftsjäger Graf Olaf setzt der Baudelaire-Vermögungsverwalter Mr. Poe die Kinder in den Zug nach Jammerau in „die unheimliche Mühle“, wo sie als Sklaven in einem Sägewerk arbeiten sollen, bis sie volljährig sind.
Der im wahrsten Sinne durch eine ihn stets umgebende Rauchwolke undurchsichtige „Sir“ verspricht den Kindern dafür, sie vor Graf Olaf zu beschützen, aber natürlich gelingt es dem gerissenen Bösewicht erneut, den Baudelaires Angst und Schrecken einzujagen.
Nachdem sie den Schrecken der Mühle entkommen sind, schickt Mr. Poe die Baudelaire-Waisen auf „Die Schule des Schreckens“, die von einem größenwahnsinnigen, falsch Geige spielenden Direktor namens Nero geleitet wird. Ein Super-Computer soll verhindern, dass Graf Olaf in die Nähe der Kinder gelangt, aber in der Verkleidung eines Sportlehrers bekommt er einmal die drei Geschwister unter seine Fittiche. Zusammen mit den Zwillingen Isidora und Duncan, mit denen sich die Baudelaires anfreunden, entwickeln sie einen Plan, dem Internat und Graf Olaf zu entkommen … Nach der erfolgreichen Flucht kehren Violet, Klaus und Sunny in ihre Heimatstadt zurück, wo Mr. Poe sie in die Obhut des Ehepaars Esmé und Jerome Elend in eine riesige Penthouse-Wohnung eines 66-Etagen-Hauses in „Die dunkle Allee“ ziehen. Während Jerome sehr bemüht um die Kinder ist, kümmert sich seine Frau als sechstwichtigste Finanzberaterin der Stadt allein darum, was in und was nicht. Da Waisen gerade in sind, hatten die Baudelaire-Kinder Glück, bei den Elends eine neue Heimat zu finden. Doch das Glück hält natürlich wieder nicht lange an, denn der verhasste Graf Olaf taucht diesmal als Auktionator Gustav auf, um den Kindern das Leben schwer zu machen … Erfolgreich und fantasiereich spinnt Lemony Snicket das Konzept der etwas anderen Jugend-Literatur auch in den Bänden 4 bis 6 weiter. Hoffentlich lassen auch die nächsten Bände nicht lange auf sich warten!

Lemony Snicket - Eine Reihe betrüblicher Ereignisse: „Das düstere Dorf (7)“ + „Das schaurige Spital (8)“ + „Der grausige Jahrmarkt (9)“

(Manhattan, je ca. 230 bis 260 S., HC)
Spätestens durch die kongeniale Verfilmung der ersten drei Lemony-Snicket-Bände als „Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse“ ist auch die entzückende literarische Vorlage von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt worden und ein Lesevergnügen vor allem für „Harry Potter“-Fans geworden. Nach die verwaisten Baudelaire-Kinder Violet, Klaus und Sunny von einem Vormund zum nächsten geschickt wurden und sich dabei immer wieder des Erbschleichers Graf Olaf erwehren mussten, der den Kindern in immer neuen Verkleidungen nachstellt, landen die drei bemitleidenswerten Kinder nun im Dorf F.F., das sich den Aphorismus „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ auf die Fahnen geschrieben hat.
Dort hoffen die Baudelaires die verschleppten Quagmeir-„Drillinge“ Duncan und Isadora zu finden, die mit geheimnisvollen Terzetten eine Spur zu ihrem momentanen Gefängnis legen. Doch nebenbei haben die Baudelaire-Waisen auch die Hausarbeit des ganzen Dorfes zu erledigen und Graf Olaf in der Verkleidung eines Meisterdetektivs zu enttarnen … In „Das schaurige Spital“ werden die Baudelaires im „Kaufhaus Zur Letzten Gelegenheit“ zunächst von den Freiwilligen Freudenspendern davor bewahrt, als gesuchte Mörder festgenommen zu werden, um dann ins Henry-J.-Heimlich-Hospital verschleppt zu werden, wo sie im Archiv auf ihre eigenen Akten stoßen und einige fürchterliche Vorkommnisse zu überstehen haben … Schließlich verschlägt es die Baudelaires im Kofferraum von Graf Olafs Auto auf den „grausigen Jahrmarkt“, wo sie als Monströsitäten verkleidet herauszufinden versuchen, ob vielleicht doch ein Elternteil das schreckliche Feuer überlebt haben könnte, das die drei Kinder plötzlich zu Waisen gemacht hatte. Auch hier ist wieder spannende Unterhaltung garantiert!

Samstag, 6. Februar 2010

Neil Gaiman - „Anansi Boys“

(Heyne, 448 S., Tb.)
Obwohl Fat Charlie Nancy eigentlich nie richtig dick gewesen ist, wurde er seinen Spitznamen nie los. Das hatte er seinem Vater zu verdanken, der – wie die meisten Kinder von ihren Eltern sagen würden – nur peinlich gewesen ist. Dennoch will ihn Fat Charlie zu seiner Hochzeit einladen, muss aber telefonisch erfahren, dass sein Vater bei einer Karaoke-Show einfach tot von der Bühne direkt vor die blondeste Urlauberin im Saal gefallen ist, bevor er „I Am What I Am“ ins Mikrofon schmettern konnte.
Bei der Beerdigung erklärt ihm die kauzige Nachbarin Mrs. Higgler, dass Fat Charlies Vater eigentlich der afrikanische Tiergott Anansi gewesen ist und dass Fat Charlie noch einen Bruder namens Spider hat. Dieser schleicht sich auf recht unverfrorene Weise in Charlies Leben, nistet sich in Charlies Wohnung ein, geht mit seiner Verlobten Rosie aus, schwärzt ihn bei seinem Chef an, dass Fat Charlie bald von der Polizei wegen Veruntreuung verhaftet wird. Nun ist es für Charlie gar nicht so leicht, Spider wieder aus seinem Leben verschwinden zu lassen, hat dieser doch scheinbar ganz allein die göttlichen Fähigkeiten seines Vaters geerbt …
Neil Gaiman hat sowohl in seiner gefeierten Comic-Serie „Sandman“ als auch in Romanen wie „Niemalsland“ und „American Gods“ alte Mythen und Legenden in moderne, packende und fantasievolle Geschichten eingewoben. Von dieser ausgeprägten Fähigkeit zeugt auch der als bester Fantasy-Roman bei den British Fantasy Awards 2006 ausgezeichnete Genie-Streich „Anansi Boys“, den Gaiman selbst als „Horror-Thriller-Geister-Romantik-Comedy-Familien-Epos“ beschreibt. Tiefgründige, geistreiche und humorvolle Unterhaltung ist dabei absolut garantiert.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Neil Gaiman - „American Gods“

(Heyne, 624 S., HC)
Eigentlich kann sich Shadow glücklich schätzen. Von seinen sechs Jahren Gefängnisstrafe braucht er wegen guter Führung nur die Hälfte abzusitzen, zumal ihn draußen seine Frau Laura und sein Freund Robbie mit einem Job im Fitness-Club erwarten. Am Tage seiner Entlassung erfährt er jedoch, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Auf dem Weg zu ihr lernt er den geheimnisvollen Mr. Wednesday kennen, der alles über Shadow zu wissen scheint und ihm einen lukrativen Job als Leibwächter und Laufbursche anbietet, wohl wissend, dass auch Shadows Freund Robbie bei dem Autounfall umgekommen ist, während Laura ihm einen Blow-Job verpasst hat. Shadow nimmt den Job an und findet sich schnell in einer Welt wieder, die ihm vollkommen unwirklich erscheint.
Zunächst besucht ihn seine tote Frau Laura und verspricht Shadow, auf ihn aufzupassen. Dann lernt er an dem mysteriösen Ort House on the Rock die merkwürdigen Gefährten seines neuen Arbeitgebers kennen, allesamt Behüter des göttlichen und mythischen Wissens, das vor langer Zeit mit den Einwanderern aus Europa, Asien und Afrika nach Amerika gelangt ist. Da sie befürchten, ihre alte Macht an die neuen Götter namens Geld, Ruhm, Macht und Medien zu verlieren, ruft Mr. Wednesday, hinter dem sich niemand Geringerer als der Übergott Odin verbirgt, zu einer entscheidenden Schlacht auf, bei der Shadow eine Schlüsselrolle zugedacht ist. „Sandman“-Schöpfer Neil Gaiman ist mit seinem dritten Roman ein faszinierendes Epos gelungen, das auf fantasiereiche, charmante und höchst unterhaltsame Weise die schwindende Macht religiöser Traditionen in der modernen Welt schildert, in der nur noch materielle und oberflächliche Werte die Oberhand gewonnen haben.

Dienstag, 2. Februar 2010

Neil Gaiman - „Die Messerkönigin“

(Heyne, 368 S., Tb.)
Als Erfinder der wunderbaren „Sandman“-Geschichten ist Neil Gaiman bereits ein König unter den Fantasy-Schreibern. Und mit seinen beiden Romanen „Niemalsland“ und „Sternwanderer“ hat er einfach zwei wunderbare, zauberhafte Märchen erzählt, die süchtig nach mehr gemacht haben. Mit „Die Messerkönigin“ ist jetzt eine Kurzgeschichtensammlung erschienen, die die reichhaltige Palette von Gaimans Erzählkunst und Fantasiereichtum offenbart.
In der ausführlichen, 35seitigen vom Verfasser selbst geschriebenen Einführung erläutert Gaiman auf witzige Weise die Hintergründe der einzelnen Storys, die oft eine ungewohnt erotische Komponente aufweisen. Schaurig schön sind vor allem unheimliche Storys wie „Das Hochzeitsgeschenk“ oder die an Lovecraft anknüpfende Innsmouth-Geschichte „Nur mal wieder das Ende der Welt“. Gaimans wahre Stärken liegen aber zweifellos in den wundervollen, verträumten Fantasy-Märchen wie „Ohne Furcht und Tadel“, die die Schwierigkeit eines Ritters in der Jetztzeit beschreibt, den Heiligen Gral einer schrulligen Oma abzukaufen, oder „Schnee, Glas, Äpfel“, die Gaiman-Variante des Grimm-Märchens „Schneewittchen“ darstellt. Auf der anderen Seite schimmert in grotesken Stories wie „Im Dutzend billiger“ oder „Shoggoth’s Old Peculiar“ Neil Gaimans trockener britischer Humor so gnadenlos durch, dass man aus dem Grinsen kaum noch rauskommt. Wer also nicht unbedingt auf eine bestimmte Art von Fantasy festgelegt ist, wird an den vielen, ganz unterschiedlichen Geschichten seine helle Freude haben.

Montag, 1. Februar 2010

Neil Gaiman - „Die Bücher der Magie 1“

(Vertigo/Speed, 200 S., Pb)
Während Harry Potter in aller Munde ist und die Bücher-Bestsellerlisten ebenso beherrscht wie die Kinocharts, machen einem die nun als Paperback zusammengefassten „Bücher der Magie“ von Neil Gaiman („Sandman“) darauf aufmerksam, dass die Figur des Harry Potter ihren Ursprung in Tim Hunter hat, dem 1990 von Neil Gaiman zum Leben erweckten Jungen, der von vier geheimnisvollen Männern in Trenchcoats in die Geschichte und die Möglichkeiten der Magie eingewiesen wird, um dann entscheiden zu können, ob er der Merlin des 21. Jahrhunderts werden möchte.
Im ersten Kapitel, „Das unsichtbare Labyrinth“, wird Timothy auf eine Reise in die Vergangenheit geführt, wo er Atlantis, Merlin, Luzifer und die Erzengel, aber auch die ägyptischen, fernöstlichen und nordischen Mythen kennen lernt. John Constantine entführt den Jungen anschließend in die „Schattenwelt“, wo ihm Madame Xanadu die Karten legt und von den Mächten der Dunkelheit verfolgt wird. Märchenhaft, aber nicht weniger gefährlich geht es im „Land des Sommerzwielichts“ zu, wo Tim Bekanntschaft mit dem Elfenvolk und dem Bewacher von König Artus macht, dann aber in Gefangenschaft gerät. Am Ende macht ihn Mister E in „Die Straße ins Nirgendwo“ mit den elementaren Gesetzen der Magie vertraut. Doch wie wird sich Timothy entscheiden? Neil Gaiman hat seine Faszination für Kinderliteratur zu einer wunderbaren, vielschichtigen Erzählung über die Möglichkeiten der Kindheit und Jugend ausgeformt und dabei die Grundsätze der Magie weitaus fundamentaler ins Spiel gebracht, als es bei Harry Potter je auch nur im Ansatz geschehen könnte.

Neil Gaiman - „Sternwanderer“

(Heyne, 240 S., Tb.)
Als Schöpfer der Kult-Comic-Figur Sandman längst zu Weltruhm gekommen, konnte Neil Gaiman auch als Drehbuch- und Romanautor als hervorragender Geschichtenerzähler von sich reden machen. Nach dem in Zusammenarbeit mit Fantasy-Autor Terry Pratchett entstandenen „Ein gutes Omen“ und seinem Solo-Romandebüt „Niemalsland“ erscheint mit „Sternwanderer“ sein langerwartetes zweites Buch, das einmal mehr beweist, dass der mittlerweile in den USA lebende Brite ein wunderbarer Erzähler von klassischen Märchen mit zeitlosem Flair ist.
„Sternwanderer“ ist die fantasiereiche Geschichte des kleinen Tristan, der an einem jener seltenen Tage gezeugt worden ist, als das streng bewachte Tor in der Mauer zwischen dem Dörfchen Wall und dem Feenreich anlässlich des Markttages geöffnet wurde und sich die seltsamsten und hübschesten Fabelwesen unter die Dorfbewohner mischen konnten. Tristan verliebt sich in das geheimnisvolle Mädchen Victoria, das seinem Begehren nur dann nachgeben will, wenn er ihr einen bestimmten vom Himmel gefallenen Stern bringt. Wagemutig macht sich Tristan auf die verbotene Reise ins Feenreich und muss im Wettstreit mit einer Hexenkönigin und den potentiellen Erben der Königskrone seinen wertvollen Stern finden. Gaiman bedient sich bei seiner zärtlichen Liebesgeschichte, die er als witzige wie abenteuerliche Fabel voller überschwänglicher und magischer Momente über die Erfüllung von Herzenswünschen verpackt hat, klassischer Märchenmotive und webt die vielschichtigen Handlungsstränge mit herzzerreißender Poesie und ungebändigter Leidenschaft eines Erzählers, der König in einem Reich ist, in dem nichts unmöglich scheint.