Montag, 14. Juni 2010

Michael Connelly – (Mickey Haller: 2) „So wahr uns Gott helfe“

(Heyne, 511 S., HC)
Als sein Mandant Barnett Woodson im Jahre 1992 wegen zweifachen Mordes die Todesstrafe erwartet, kann sein Pflichtverteidiger Mickey Haller den Topzeugen des Staatsanwalts Jerry Vincents der Lüge überführen und so einen Deal mit ihm aushandeln. In den nächsten 15 Jahren haben sich beide Anwälte mit Ein-Mann-Kanzleien selbstständig gemacht und sich immer wieder gegenseitig bei Fällen ausgeholfen. Dann wird Haller aber von der Vorsitzenden Richterin des Los Angeles Superior Courts, Mary Townes Holder, unverzüglich in ihr Büro bestellt und erfährt, dass sein Kollege Vincent ermordet aufgefunden wurde und er ihm seine Kanzlei und Fälle im Falle seines Ablebens übertragen hat. Zwar wollte es Haller nach seiner einjährigen Pause einen etwas ruhigeren Einstieg zurück ins Berufsleben finden, aber er stellt sich gern der Herausforderung. Schließlich gehörte der Filmmogul Walter Elliot zu Vincents aktuellen Fällen. Der wegen Mordes an seiner Frau und dessen Geliebten angeklagte Elliot hat erst kürzlich einhunderttausend Dollar Vorschuss an den ermordeten Anwalt überwiesen, weshalb Haller den prominenten Klienten nur zu gern übernehmen möchte.
Allerdings deuten die Ermittlungen im Mordfall Vincent darauf hin, dass dessen Mörder unter seinen Klienten zu finden ist. Sowohl eine Akte als auch Vincents Laptop und Terminkalender sind nicht mehr aufzufinden, und der Tote muss seinen Mörder offensichtlich gekannt haben. Während Elliot ungewöhnlich siegessicher dem Prozess entgegensieht, glaubt Haller eine Verbindung zwischen Elliot und einem pro-bono-Fall entdeckt zu haben, den sein ermordeter Kollege unbedingt übernehmen wollte …
Gewohnt packend entwickelt Michael Connelly in „So wahr uns Gott helfe“ einen rasanten Justiz-Thriller, der immer mehr Fahrt aufnimmt, den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte führt und zum Ende hin mit etlichen Überraschungen aufwartet. Das Überraschungsmoment wird zum Schluss vielleicht etwas überstrapaziert, doch Connelly erweist sich über die ganze Distanz des Romans als begnadeter Spannungsautor, dessen Geschichten man wie gebannt folgt.

Scott Turow – „Der letzte Beweis“

(Blessing, 576 S., HC)
Am 30. September 2008 stirbt Barbara Sabich auf ihrem Bett. Ihr Mann Rusty, der leitender Richter am Berufungsgericht und aussichtsreichster Kandidat für das Oberste Bundesstaatsgericht, verweilt fast einen ganzen Tag bei ihr, räumt Bücher und Kleider weg, bevor er seinen Sohn Nat informiert und schließlich ein Bestattungsunternehmen. Die Todesursache wird als Herzversagen diagnostiziert. Schließlich litt Barbara Sabich unter einer bipolaren Störung, die sie mit einem Haufen Medikamente behandeln musste. Dennoch stellt sich die Frage, warum der Richter einen ganzen Tag verstreichen ließ, bevor er jemanden informierte. Wollte er etwas vertuschen, darauf warten, dass sich beispielsweise gewisse Substanzen im Körper der toten Frau bis dahin nicht mehr nachweisen ließen?
Diese Theorie vertritt nämlich Oberstaatsanwalt Tommy Molto, der Rusty Sabich bereits vor 22 Jahren angeklagt hatte, seine damalige Geliebte, die junge Staatsanwältin Carolyn Polhemus, in ihrer Wohnung erschlagen zu haben. Doch beim Prozess unterliefen der Anklage etliche Fehler, die Rustys Anwalt Sandy Stern erbarmungslos für seinen Mandanten auszunutzen verstand. Während Molto noch sehr zurückhaltend ist, was eine erneute Ermittlung gegen Sabich angeht, ist sein Mitarbeiter Jim Brand weniger zimperlich und trägt immer mehr Indizien zusammen, die Sabich belasten, vor allem die neue Affäre mit seiner Referendarin Anna …
Mit seinem 1987 veröffentlichten Debüt „Aus Mangel an Beweisen“ begründete der Anwalt Scott Turow quasi eindrucksvoll das Genre des Justizthrillers, das in der Folge vor allem durch seinen Kollegen John Grisham immer populärer wurde. Im Gegensatz zu Grisham praktiziert Turow aber nach wie vor als Anwalt und versteht es in seinen Romanen meisterhaft, die komplexen Fragen von Schuld und Unschuld in extrem spannenden Thrillern zu thematisieren. Auch „Der letzte Beweis“ unterstreicht diese Meisterschaft. Indem jeweils Rusty, sein Sohn Nat und die Referendarin Anna aus der Ich-Perspektive, Oberstaatsanwalt Tommy Molto aber in der dritten Person die Ereignisse vor und nach dem Mord an Barbara Sabich Revue passieren lassen, tappt der Leser lange Zeit im Dunkeln, ob Rusty Sabich tatsächlich seine Frau umgebracht hat. Aber viel interessanter als die Frage nach dem Täter sind einmal mehr die juristischen Findigkeiten, Schlupflöcher und moralischen Grundsätze, die Turow in geschliffen feiner Weiseäußerst lebendig und packend beschreibt.

Sonntag, 13. Juni 2010

Dean Koontz - „Survivor – Die Überlebende“

(Lübbe, 384 S., HC)
Von besonderer psychologischer Intensität ist auch sein Roman „Survivor - Die Überlebende“, in dem Joe Carpenter nach einem Jahr, das er mehr schlecht als recht damit verbrachte, über den Verlust seiner Frau Michelle und seiner Tochter Nina, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, hinwegzukommen. Während die Trauer so langsam in Lebensmüdigkeit umschlägt, begegnet dem ehemaligen Zeitungsreporter der Los Angeles Post eine geheimnisvolle Frau namens Rose, die behauptet, den Flugzeugabsturz vor einem Jahr überlegt zu haben, doch versucht ein mächtiger Technologiekonzern die Frau daran zu hindern, Joe weitere Informationen mitzuteilen.
Während Joe auf der einen Seite verzweifelt versucht, diese Frau wiederzufinden, keimt in ihm die immer stärker werdende Hoffnung auf, dass seine Familie den Absturz auch überlebt haben könnte. Damit beginnt ein atemberaubender Wettlauf zwischen ihm und Teknologik auf der Suche nach Rose Tucker sowie eine eindringliche psychologische Reise, an deren Ende ganz neue Erkenntnisse über Leben und Tod auf Joe warten.

Dean Koontz – „Morgengrauen“

(Bastei Lübbe, 318 Seiten, Tb.)
In seinem  Roman „Morgengrauen“ geht es um einen Schriftsteller, nur heißt dieser Tommy Phan und hat eigentlich Journalismus studiert.
Da ihm das Leben bei seinen Eltern und den zahlreichen Geschwistern, die er alle von Herzen liebt, aber zu langweilig ist, beendet er seine Reporter-Karriere und macht sich als Schriftsteller selbständig.
Doch schon die von seinem ersten verdienten Geld gekaufte Corvette ruft unheimliche Ereignisse hervor, die den Leser zunächst an „Christine“ erinnern lassen. Doch auch in Phans Apartment geschehen merkwürdige Dinge, die dem jungen Schriftsteller bald deutlich machen, dass man ihm nach dem Leben trachtet. Koontz, der bislang so verschiedene Elemente wie Thriller und Horror, Fantasy und Krimi, Love-Story und Science-fiction in seinen Werken verband, versucht sich diesmal an einer Mixtur von übernatürlichem Thriller und Screwball-Komödie. Dabei ist „Morgengrauen“ nicht unbedingt ein beängstigender, aber recht spannender und humoriger Roman geworden.

Dean Koontz - „Intensity“

(Heyne, 478 S., Tb.)
Mit „Intensity“ veröffentlicht Heyne ein bereits 1996 von Dean Koontz geschriebenen Psychothriller, der 1997 mit John C. McGinley in der Hauptrolle des Serienkillers Edgler Vess als hochgelobter TV-Zweiteiler verfilmt worden ist. Vess dringt in der Nacht nach dem Thanksgiving-Fest, das die junge Kellnerin Chyna Shepard bei der Familie ihrer Freundin Laura verbracht hat, in das Haus dieser Familie ein und metzelt alle nieder außer Chyna, die sich im Wohnmobil des Psychopathen verstecken kann. Bei einem Tankstellenaufenthalt erfährt sie aus einem Gespräch zwischen Vess und den Besitzern, dass Vess in seinem Keller die kleine Ariel gefangen hält.
Entschlossen, das kleine Mädchen zu retten, nimmt Chyna den ungleichen Kampf mit dem Killer auf. Dieses Szenario beschreibt Koontz so spannend, dass einem beim Lesen vor Nervenkitzel fast die Luft wegbleibt.

Dean Koontz - „Kalt“

(Heyne, 512 S., HC)
Der 29-jährige Künstler Dylan O’Connor ist mit seinem knapp zehn Jahre jüngeren, autistischen, aber hochintelligenten, Bruder Shepherd auf dem Weg zu einem Kunstfestival. Als Dylan für seinen Bruder und sich Fastfood zum Abendbrot besorgen will, bekommt er eins über den Schädel und wird zurück ins Motel, wo Shepherd selbstvergessen mit rasender Geschwindigkeit ein Puzzle zusammensetzt, geschleppt und erhält eine Injektion mit einem „psychotropen Zeugs“, das das Lebenswerk eines verrückten Wissenschaftlers sein soll.
Das gleiche Schicksal widerfährt der zynischen Comedy-Künstlerin Jillian Jackson, die mit ihrem 56er mitternachtsblauen Cadillac Coupe DeVille und ihrem „Freund“ Fred (Geburtsname Crassula argentea) auf dem Weg nach Phoenix, Arizona, zu einem dreitägigen Engagement ist. Auch sie bekommt diese Injektion, deren Wirkung außergewöhnlich, „manchmal positiv“ sein soll. Als der Wissenschaftler vor „denen“ flüchtet und Jillians Coupe DeVille in Flammen aufgeht, beginnt für die beiden Brüder und die Frau eine gefährliche Fahrt ins Ungewisse. Während Jillian plötzlich von erschreckend realistischen Halluzinationen heimgesucht wird, folgt Dylan düsteren Vorahnungen und befreit mit Jillians Hilfe den kleinen Kenny aus der Gefangenschaft seines gewalttätigen Bruders und seiner Freundin. Gemeinsam entdecken sie die seltsamen Fähigkeiten, die das „psychotrope Zeugs“ bewirkt, müssen aber auch vor den skrupellosen Wissenschaftlern flüchten, die ihnen auf den Versen sind. Packender, filmreifer Psycho-Thriller mit viel Humor.

Dean Koontz - “Im Bann der Dunkelheit”

(Heyne, 544 Seiten, Tb.)
Christopher Snow, der Protagonist von Koontz’ neuem Roman, dürfte den Koontz-Fans schon durch seinen letzten Roman “Geschöpfe der Nacht” bekannt sein, in dem der von einer seltenen Erbkrankheit geplagte Snow den rätselhaften Tod seines Vaters zu ergründen versuchte und dabei nur in der Nacht das Haus verlassen konnte, weil seine Haut durch die Krankheit in höchstem Maße lichtempfindlich ist. Die Menschen in seiner Heimatstadt Moonlight Bay zeichneten sich bereits im ersten Snow-Roman durch ihr merkwürdiges, oft aggressives Verhalten aus.
Diesmal verfolgt der junge Journalist Kidnapper, die den kleinen Sohn einer Freundin entführt haben. Da er der korrupten Polizei nicht trauen kann, verfolgt Snow die Spur der Kidnapper auf eigene Faust und stößt dabei auf einen stillgelegten Militärstützpunkt in Fort Wyvern. Zusammen mit seinen Freunden untersucht Snow jeden Winkel des Geländes und macht dabei grausame Entdeckungen, die das Verschwinden weiterer Kinder erklären.
Wie sein letzter Roman ist auch “Im Bann der Dunkelheit” eine flüssig geschriebene, spannende Parabel unserer Zeit, wobei Koontz mittlerweile einen reifen und gelegentlich sogar poetischen Stil entwickelt hat, der seine liebevoll gezeichneten Charaktere noch eindringlicher zur Geltung kommen lasst.

Dean Koontz - „Geschöpfe der Nacht“

(Heyne, 511 S., HC)
Dean Koontz ist neben Stephen King der wohl populärste Horror-Autor unserer Zeit. Mit vielen seiner Werke versucht Koontz den Leser durch das Aufgreifen weitverbreiteter Ängste vor zwielichtigen Organisationen zu schockieren, wie es eben auch sehr geschickt „Akte X“ zu tun versteht.
Mit „Geschöpfe der Nacht“ führt Koontz den Leser in das ungewöhnliche Leben des 28jährigen Journalisten und Buchautoren Chris Snow ein, dem eine seltene Hautkrankheit verbietet, sich dem Sonnenlicht auszusetzen. Als sein Vater nach längerer Krankheit stirbt, muss Chris mit ansehen, wie die Leiche seines Vaters mit der eines Penners vertauscht wird, wobei der Leichendieb aber gute Kontakte zum örtlichen Polizeichef besitzt und den Priester von Moonlight Bay erpresst. Während sich Chris gezwungenermaßen nachts auf die Suche nach Erklärungen begibt, muss er miterleben, wie viele seiner Mitmenschen auf unerklärliche Weise wütender und aggressiver werden. Koontz versteht es dabei auf gewohnt meisterhafte Art, die Spannung kontinuierlich zu steigern und mit dem Ich-Erzähler gemeinsam die aufzuklärende Ungewissheit förmlich spürbar zu machen.

Dean Koontz - „Bote der Nacht“

(Heyne, 752 S.)
Die arbeitssuchende 28-jährige Micky Bellsong will sich eigentlich nur ein paar nette Tage bei ihrer schrulligen, aber liebenswerten Tante Geneva in ihrem Wohnwagen im südlichen Kalifornien machen, als sie das neunjährige Mädchen Leilani von nebenan kennen lernt. Körperlich zwar missgebildet, entpuppt sich die Kleine als ziemlich clever, aber sie muss unter ihrer drogensüchtigen Mutter und ihrem Stiefvater Preston leiden, der als Killer mit fehlgeleiteten ethischen Grundsätzen bereits Leilanis ebenfalls behinderten Bruder auf dem Gewissen hat.
Micky glaubt den abenteuerlichen Geschichten des Mädchens zunächst nicht, muss aber schnell am eigenen Leib erfahren, dass die Wahrheit weitaus erschreckender ist. Sie flüchtet mit Leilani und findet immer wieder unerwartete Unterstützung, doch ihre Verfolger sind nicht nur vom FBI, sondern viel ungeheuerlicher. Auf der Flucht ist auch ein zehnjähriger Junge, der Zeuge wurde, wie seine Mutter getötet wurde. Als er Zuflucht in dem Haus der Familie Hammond suchte, wird auch sie von den Häschern ausgelöscht. Und dann gibt es noch den desillusionierten Privat-Detektiv Noah Farrel, der schon mal Mickeys Freundin aus dem Schlamassel gezogen hatte und nun Micky bei der Suche nach Preston Maddoc helfen soll. Suspense-Meister Dean Koontz, der zusammen mit Stephen King, Peter Straub und Clive Barker in den 80er Jahren das Horror-Genre neu belebte, schuf eine spannende Geschichte mit stark gezeichneten Charakteren und viel Humor, überzieht den Bogen aber etwas beim rasanten Showdown.

Dean Koontz - „Die Anbetung“

(Heyne, 479 S., HC)
Der zwanzigjährige Odd Thomas ist die Bescheidenheit in Person und lebt glücklich als hervorragender Koch im Pico Mundo Grill mitten in der sengend heißen Wüste Südkaliforniens. Er träumt vielleicht davon, ins Reifengeschäft zu wechseln oder als Schuhverkäufer umzusatteln, doch darüber hinaus hegt er keine weiteren Ambitionen. Und dennoch ist Odd Thomas ein ganz ungewöhnlicher Mensch, schließlich kann er die Toten sehen. Und diese bitten ihn manchmal um Hilfe, damit an ihnen verübtes Leid vergolten wird und sie das Zwielicht zwischen Leben und Tod endlich verlassen können. So wie die zwölfjährige Penny Kallisto, die vergewaltigt und erdrosselt worden ist. Sie bringt Odd Thomas auf die Spur seines alten Schulkumpels Harlo, den Odd dann der Justiz überführt.
Chief Wyatt Porter weiß als einer der wenigen Menschen von Odds seltsamer Gabe und konnte aufgrund seiner Hinweise schon einige Verbrechen aufklären. Doch als eines Tages ein Fremder im Pico Mundo Grill auftaucht, sind es keine Toten, die Odd Thomas so erschrecken, sondern ein ganzer Schwarm von so genannten Bodachs, die immer dann auftauchen, wenn sich besonders schreckliche Ereignisse ankündigen. Zusammen mit seiner Freundin Stormy verfolgt Odd Thomas den mysteriösen Mann bis nach Hause und macht dort eine entsetzliche Entdeckung … Mit „Die Anbetung“ ist Koontz ein von Anfang an extrem spannender Thriller mit ungemein sympathischen Protagonisten und viel Humor gelungen.

Dean Koontz - „Der Wächter“

(Heyne, 736 S.)
Dean Koontz ist in den 80ern einer der herausragenden Protagonisten gewesen, der im Zuge der Stephen-King-Erfolgswelle zusammen mit Clive Barker, Peter Straub und Ramsey Campbell frischen Wind in das bis dahin blutleere Horror-Genre gepumpt hat. Mittlerweile ist er zu einem stilistisch versierten Thriller-Autor avanciert, der geschickt die tiefsten Ängste des Menschen in der modernen Zivilisation thematisiert.
In seinem neuen umfangreichen Roman begleitet er zunächst Ethan Truman, der als Sicherheitschef des höchst erfolgreichen Schauspielers Channing Manheim in letzter Zeit verschiedene mysteriöse Päckchen in Empfang genommen hat. Nachdem die ersten Sendungen noch kommentarlos Schnecken, Käfer und zehn von Leichen abgetrennte Vorhäute enthielten, wird Truman beim nächsten Päckchen nervöser – dem aufgetrennten und wieder säuberlich zugenähten Apfel, der in seinem Inneren ein Puppenauge enthält, liegt diesmal eine mysteriöse Botschaft bei. Die Überwachungskameras des alten wie riesigen Anwesens haben aber den Überbringer, den weitaus weniger erfolgreichen Schauspieler Rolf Reynerd, aufzeichnen können, weshalb zunächst Truman, dann auch sein ehemaliger Polizei-Kollege Hazard Yancy ihn aufsuchen. Wenig später wird Reynerd ermordet, dann verschwindet Trumans alter Jugendfreund Dunny Whistler von einer Bahre in der Pathologie und scheint auf einmal wieder quicklebendig.
Während Truman bei seinen Ermittlungen immer wieder von höchst real wirkenden Halluzinationen heimgesucht wird, macht sich Corky Laputa daran, mit kostenlosen Ecstasy-Päckchen und Halluzinogenen-getränkten Karamellbonbons den Wahnsinn zu verbreiten. Bei allem Engagement, die Ursache für die merkwürdigen Sendungen herauszufinden, wird gar nicht bemerkt, dass Channings kleiner Sohn Aelfric von einem mysteriösen Anrufer bedroht wird ... Dean Koontz erweist sich wieder als Meister seines Fachs: Mit brillantem Spannungsaufbau, großem psychologischem Feingefühl und einer Prise Humor schuf er einen von Beginn an absolut packenden Psycho-Thriller in bester „Schweigen der Lämmer“-Manier.

Peter Straub - “Magic Terror” + “Pork Pie Hat”

Nach der 1993 veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung „Haus ohne Türen“ liegt mit „Magic Terror“ endlich eine weitere, höchst unterhaltsame Kollektion von Short Storys des versierten Horror-Autors Peter Straub vor, der nicht nur wegen seiner über 10 Millionen aufgelegten Bücher neben Stephen King, Dean Koontz und Clive Barker als führende Stimme im Grusel-Genre betrachtet wird.
Mit den sieben hier veröffentlichten Stories blickt der gebürtige Brite Straub einmal mehr sprachgewandt und voll makabrem Witz hinter die Fassade wohlanständiger Bürgerlichkeit und zerrt den Leser gnadenlos in den blutrünstigen Rachen des Grauens, das in Kindergärten („Zena“), in den Hütten schlimmer Wohnviertel („Pork Pie Hat“), eben einfach überall zu herrschen scheint. Dadurch, dass Straub viele seiner Storys als Ich-Erzähler verfasst, wird der Leser von früh an mit den irritierenden, grotesken, abgeklärten und schrecklichen Gedanken und Gefühlen vertraut, die den blutigen Horror ganz langsam, aber unaufhaltsam heraufbeschwören. Ob nun eine Kindergärtnerin ihre Macht über die ihr anvertrauten Kinder missbraucht, zwei Jungs in einer abgelegenen Hütte beobachten, wie eine Frau vergewaltigt und umgebracht wird, oder ein Vietnam-Veteran die Geister der Vergangenheit nicht abschütteln kann, stets kitzelt Straub geschickt den richtigen Nerv und sorgt damit für angenehme Gänsehaut. (Heyne, 432 Seiten, Tb.)
Wer neben spannendem Nervenkitzel auch noch eine edle Aufmachung schätzt, kann die in „Magic Terror“ enthaltene Geschichte „Pork Pie Hat“ auch in gebundener Ausgabe im schwarzen Samtschuber erstehen. Die Story handelt nur vordergründig von einem Jazz-Liebhaber, der die Gelegenheit erhält, ein Interview mit einem seiner großen Idole zu machen. Im Grunde genommen geht es um die Geschichte, die der sogenannte Hat aus seiner Kindheit zu erzählen hat, von einer schrecklichen Beobachtung, die er mit seinem Freund Dee in einer Halloween-Nacht machen musste. Die 200 handnummerierten Exemplare des Buchs sind mit stimmungsvollen Zeichnungen von Reinhard Kleist illustriert, der die einzelnen Bücher zusammen mit dem Autor auch signiert hat. (Edition Phantasia, 147 Seiten, HC., im Samtschuber)

Peter Straub - „Haus der blinden Fenster“

(Heyne, 379 S., Tb.)
Die Idylle der amerikanischen Kleinstadt Millhaven wird empfindlich gestört, als zwei Jungen im Teenager-Alter spurlos verschwinden und die Angst vor einem Serienkiller die Runde macht. Der fünfzehnjährige Mark und sein Kumpel Jimbo hält dies aber kaum davon ab, weiterhin ihre Runden mit dem Skateboard durch den Ort zu ziehen, bis Mark auf ein versteckt liegendes Haus aufmerksam wird, das direkt an das Grundstück seines Vaters angrenzt. Allein irritiert von der Tatsache, dass ihm dieses Haus vorher nie aufgefallen ist, fesselt den Jungen dermaßen, dass er fast jede Minute das Haus beobachtet, in dem er einen großen Mann und ein junges Mädchen gesehen zu haben glaubt. Wenig später findet Mark seine Mutter tot in der Badewanne vor, mit aufgeschlitzten Pulsadern und einer Plastiktüte auf dem Kopf.
Fest davon überzeugt, dass das Haus schuld an ihrem Tod ist, wagt er sich mit Jimbo auf eine waghalsige Besichtigung des Hauses, in dem er in einem Geheimversteck ein Fotoalbum findet, das ihm erste Hinweise auf die Identität des Bewohners liefert. Dann verschwindet auch Mark… Als Marks Onkel, der bekannte Schriftsteller Timothy Underhill, seinen Bruder Philip trösten will, nachdem dieser Frau und Sohn verloren hat, macht er sich auf Spurensuche und findet weit mehr als den so genannten Sherman-Park-Killer… In Peter Straubs neuen Roman geht es weniger um die Suche nach einem Serienkiller, als um das ganz besondere Geheimnis, das das Haus und Marks Verschwinden umgibt. Meisterhaft und spannend erzählt ist „Haus der blinden Fenster“ besonders Fans von Stephen Kings „Atlantis“ oder „Es“ zu empfehlen.

Peter Straub - „Esswood House“

(Edition Phantasia, 165 S., Pb.)
Von Peter Straub, der mit seinem Freund Stephen King die Romane “Der Talisman” und “Das schwarze Haus” und selbst mit Werken wie „Koko“, „Der Hauch des Drachen“ und „Geisterstunde“ Meisterwerke der Horror- und Fantasy-Literatur verfasst hat, liegt mit „Esswood House“ jetzt eine bereits 1990 erschienene Geschichte vor, die alle guten Zutaten einer feinen Geisterhausgeschichte enthält.
Der amerikanische Professor William Standish erhält gerade dann die Zusage für ein Stipendium des englischen Esswood House, als seine Frau Jean schwanger wird. Trotz ihrer Bedenken und Einwände tritt Standish die Reise an, um drei oder vielleicht sogar vier Wochen lang die Unterlagen und Manuskripte seiner Großmutter Isobel Standish zu studieren, die 1912 in einer Kleinstauflage das schmale Bändchen „Crack, Whack and Wheel“ veröffentlichte, aber wie ihre berühmten Kollegen Henry James, D.H. Lawrence, T.S. Eliot oder Virginia Woolf ein gern gesehener Gast im Esswood House war. Mit einer Arbeit über das Werk seiner Großmutter hofft Standish seine akademische Karriere zu festigen. Die Fahrt vom Flughafen zum abgelegenen Haus führt ihn zunächst nach Hackstall, wo ihm der Wirt eines Pubs erzählt, dass in Esswood House mal ein Amerikaner ermordet wurde, doch Robert Wall, sein Gastgeber von Esswood House, will von diesem Vorfall nichts wissen, wohl aber von einer Tragödie, die in Hackstall stattgefunden haben soll. Als einziger Stipendiat in Esswood House wird Standish zunehmend von Albträumen geplagt, oft ist ihm schlecht und schwindlig, und seine Recherchen enthüllen wahnwitzige Dinge, die ihn allmählich an seinem eigenen Verstand zweifeln lassen ... Straub zieht seine Leser mit präzisem Geschick unentrinnbar in einen Sog von mysteriösen Ereignissen, die Wahn und Wirklichkeit zunehmend verschwimmen lassen… Straub hat diese Geschichte bereist als „Frau Gott“ in kürzerer Version in seinem Story-Band „Haus ohne Türen“ veröffentlicht, sie aber im Stile von Robert Aickman noch erweitert und mysteriöser gestaltet.

Samstag, 12. Juni 2010

Stephen King/Peter Straub - „Das Schwarze Haus“

(Heyne, 832 S., HC)
Bereits 1984 ließen der Horror-King und der geschätzte britische Fantasy-Autor Straub in ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, dem Fantasy-Epos „Der Talisman“ den damals 12-jährigen Jack Sawyer zwischen den Welten hin- und herflippen. Mittlerweile hat er Karriere als Detective mit außergewöhnlichem kriminalistischem Spürsinn gemacht, seinen Job aber bereits an den Nagel gehängt. Er kehrt von Los Angeles in das verträumte French Landing in den Wäldern Wisconsins zurück, wo er vor Jahren einen brutalen Kindermörder dingfest gemacht hat.
Eigentlich wollte er sich hier nur ein Häuschen kaufen, um - gerade mal dreißigjährig - einen ruhigen Lebensabend zu verbringen, doch sehr bald wird er von seinem Freund Dale Gilbertson, dem hiesigen Polizeichef, um Hilfe bei der Ermittlung von Kindesentführungen gebeten. Einige dieser Kinder tauchen nach Hinweisen des brutalen Killers teilweise verstümmelt wieder auf. Um den „Fisherman“ zu stellen, sieht sich Sawyer gezwungen, mit seinen Freunden wieder in die „Territorien“, in die „Anderwelt“ zu flippen... Was auf den ersten 400 Seiten ziemlich wirr und zäh beginnt, entwickelt sich zumindest in der zweiten Hälfte zu einem packenden Psycho-Thriller in bester Hannibal-Lecter-Tradition, nur dass dabei noch Fantasy-Elemente, unter anderem auch der Revolvermann und der Dunkle Turm eine Rolle spielen.

Stephen King – „Der Sturm des Jahrhunderts“

(Heyne, 478 S., HC) Nach dem Todestrakt-Thriller „The Green Mile“, dem Dark-Fantasy-Epos „Glas“ und dem Psycho-Schocker „Sara“ wagt Stephen King mit „Der Sturm des Jahrhunderts“ ein Experiment, das ihn zwar nicht wie gewohnt an die Spitze der Bestsellerlisten führte, aber dennoch lesenswert ist. Es handelt sich nämlich um ein Drehbuch, das eben neben den kurzen Szenebeschreibungen in reiner Dialogform geschrieben ist. Der Plot der spannenden Geschichte ähnelt etwas dem von „Needful Things“ und ist deshalb ebenso prädestiniert für eine packende Verfilmung.
Nachdem nämlich ein orkanartiger Sturm die Küste von Maine zu verwüsten drohte, haben etliche Einwohner der vor der Küste liegenden Insel Little Tall Island ihre Heimat verlassen. Während die verbliebenen Inselbewohner ihr Hab und Gut zu sichern versuchen, wird die 80jährige Martha ermordet. Sheriff Mike Anderson kann mit dem mysteriösen Fremden Andre Linoge zwar den mutmaßlichen Täter festnehmen, doch verfügt dieser über die Macht, anderen Menschen seinen Willen aufzuzwingen und sie zu Morden und Selbstmorden anzustiften. Mit seiner Forderung, ihm ein Kind zu übergeben, um das grausige Spiel zu beenden, stürzt er die idyllische Inselgemeinde in einen schweren Gewissenskonflikt. So spannend die Geschichte an sich ist, muss man sich nicht nur erst an den Dialogstil gewöhnen, sondern wird auch die dadurch fehlende Beschreibung der unheilschwangeren, dichten Atmosphäre vermissen, die King bei seinen Romanen so vortrefflich beherrscht und damit seine Leser in den Würgegriff des Grauens nimmt.

Stephen King – „Sara“

(Heyne, 607 S., HC)
Zum Glück lässt Stephen King seine treuen Leser selten länger als ein Jahr auf ein neues, natürlich auch stets umfangreiches Werk warten. Und es ist nicht mal ein Jahr vergangen, bis auf den wunderbaren vierten Band der Saga vom Dunklen Turm, „Glas“, Stephen Kings Roman „Sara“ erschienen ist, womit sich der Meister des Schreckens auf recht vertrautes Terrain begibt.
Wie schon in „Sie“ und „Stark - The Dark Half“ behandelt King das Seelenleben eines Schriftstellers. Diesmal geht es nicht um die alptraumhafte Verbindung zwischen einem Bestsellerautor und seinem „größten Fan“ oder um den bösen Zwillingsbruder, der sein Unwesen im Geist eines Autors treibt, sondern um die seltsame Beziehung zwischen dem Bestsellerautor Michael Noonan und seinem Sommerhaus namens „Sara“, das er seit genau dem Tag nicht mehr betreten hat, als seine Frau an einem Gehirnschlag unerwartet gestorben ist. Die Trauer über den schmerzlichen Verlust ließ Noonan keine Zeile mehr aufs Papier bringen, doch da in seinen Alpträumen immer wieder das Sommerhaus auftaucht, stellt er sich seiner Vergangenheit, sucht das Haus auf und findet nicht nur die Kraft zum Schreiben wieder, sondern durch die Bekanntschaft von Mattie und ihrer Tochter auch neuen Lebensmut. Doch die heile Welt, die wieder zurückzukehren scheint, ist nur von kurzer Dauer. Bald muss Noonan feststellen, dass ein Fluch über dem Haus liegt, dessen Geheimnis er im Ort zu ergründen versucht. Einmal mehr gelingt es Stephen King, den Leser schnell mit der von ihm erdachten Welt vertraut zu machen und eine mühelose Identifizierung mit seinem tragischen Helden zu erreichen. Dabei schreibt er wie gewohnt äußerst spannend und lässt subtil die Anziehungskraft des Bösen, dem Noonan bei seinen Recherchen ausgeliefert wird, deutlich werden. Man wird auch diesen King nicht eher aus der Hand legen wollen, bis man zur letzten Seite vorgedrungen ist.

Stephen King - „Puls“

(Heyne, 557 S., HC)
Clayton Riddell hat in Boston gerade seine erste Graphic Novel „Dark Wanderer“ verkauft und einen Briefbeschwerer für seine von ihm getrennt lebende Frau Sharon gekauft, als das Unheil losbricht: Von überall ertönen Schmerzensschreie und Explosionen, dann beobachtet Clay, wie ein Mann einem Hund das Ohr abbeißt und eine Frau ihre Zähne einer anderen Frau in den Hals gräbt. Clay erkennt schnell, dass diese Wahnsinnsausbrüche etwas mit den Handys zu tun haben müssen, mit denen die Verrückten gerade noch zugange waren.
Zusammen mit Tom McCourt und dem jungen Mädchen Alice Maxwell verbarrikadiert sich Clay in seinem Hotel, dann machen sich die drei auf den Weg nach Malden, wo sie in Toms Zuhause ihre Kräfte auftanken. Überall rotten sich die Handy-Verstrahlten wie willenlose Zombies zusammen – immer auf der Suche nach Nahrung und Musik! Während Clay weiterhin erfolglos versucht, seine Frau und seinen Sohn in Maine telefonisch zu erreichen, flüchtet das Trio in die Gaiten Academy und erblickt auf dem Fußballfeld ein gespenstisches Szenario … Stephen King hat mit dem Handy nicht den mobilen Überbringer von Nachrichten jeder Art im Sinn gehabt, sondern von unkontrolliertem Wahnsinn. Das Ganze wirkt wie eine moderne Version von „Dawn Of The Dead“ und ist für eine Verfilmung geradezu prädestiniert. Als Bonus gibt es noch original handschriftliche Auszüge aus Stephen Kings für angekündigten neuen Roman „Lisey’s Story“.

Stephen King (Der Dunkle Turm: 4) - „Glas“

(Heyne, 847 S., HC)
Mit Werken wie „Das letzte Gefecht“ oder „Es“ hat sich der meistgelesene Autor unserer Zeit als Meister in der Erzählung epischer Geschichten und Erbauer phantastischer Welten erwiesen, in die der Leser förmlich hineingesogen wurde. Sein anspruchsvollstes und auch für ihn selbst wichtigstes Werk hat King allerdings mit der 1978 initiierten, sich bislang über drei Bände erstreckenden Saga von Rolands Suche nach dem Dunklen Turm in Angriff genommen. Inspiriert von Robert Brownings epischen Gedicht „Herr Roland kam zum finstern Turm“ schuf King eine faszinierende, symbolbeladene und rätselhafte Geschichte, die auf ganz natürliche Weise Horror-, Fantasy- und Western-Elemente miteinander verbindet.
Fünf Jahre ließ King seine treuen Fans auf die Fortsetzung von „tot“, dem dritten Teil der Saga, warten, aber irgendwann musste sich der Horror-Meister ja wieder seinem Lieblingskind annehmen. So beginnt „Glas“ - in vielen Buchclub-Ankündigungen irrtümlicherweise als Abschlussband der Saga vom Dunklen Turm bezeichnet - dort, wo „tot“ aufhörte, nämlich in dem von einem aus Rand und Band geratenen Computer namens Blaine geführten Zug, der seine vier Insassen, darunter Roland von Gilead, in den sicheren Tod fahren wird. Einen letzten Funken Hoffnung versprechen sich die Passagiere von Blaines Vorliebe für Rätsel. Sollte Roland und seinen Gefährten ein Rätsel einfallen, das Blaine nicht lösen kann, wären sie frei. Natürlich besteht das Gespann diese erste Bewährungsprobe, aber es landet dafür in der apokalyptischen Szenerie von „The Stand“. An einem Lagerfeuer erzählt Roland seinen Freunden die Geschichte seines Lebens, eine Geschichte von Liebe, Verrat und Verlust.
Nachdem die Gruppe vom Lagerfeuer aufgebrochen ist, gelangt sie in ein märchenhaftes Schloß, in dem sie sich mit dem mächtigen Magier Marten auseinandersetzen müssen. Dieser legt Rolands Gefährten nämlich nahe, sich von Roland abzuwenden, da er die Gewohnheit besitze, seine Freunde umzubringen, woraufhin Roland auch das letzte seiner dunklen Geheimnisse offenbaren muss...
Für „Glas“ gilt eigentlich auch das, was für die besten King-Romane zutrifft: es zieht seine Leser nach der eröffnenden Zusammenfassung der ersten drei Bände recht schnell in seinen Bann und verzaubert mit der detaillierten, teilweise recht poetischen Beschreibung einer magischen Welt, die voller dunkler, aber faszinierender Geheimnisse steckt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Fortsetzung von „Glas“ nicht wieder fünf Jahre auf sich warten lässt.

Stephen King (Der Dunkle Turm: 5) - „Wolfsmond“

(Heyne, 940 S., HC)
In der fünften Episode des insgesamt sieben Bände umfassenden Fantasy-Epos vom „Dunklen Turm“ gelangen der Revolvermann Roland von Gilead und seine Gefährten Eddie, Jake und Susannah in den kleinen Ort Calla Bryn Sturgis, dessen Einwohner die Revolvermänner um Hilfe im Kampf gegen mysteriöse Wolfskreaturen bitten, die in etwa jeder Generation einen der vielen Zwillinge im Dorf entführen und es geistig behindert wieder zurückschicken. Andy, der Boten-Roboter, der sonst nur Horoskope zum Besten geben kann, schockiert die Dorfbewohner mit der Ankündigung eines weiteren Überfalls der Wölfe, vor denen die Angst so groß ist, dass sich viele im Calla nicht trauen, den Revolvermännern beizustehen. Roland hört sich jedoch geduldig die Geschichten von Callahan, dem Priester, und anderen Männern aus dem Dorf an, und trifft auf mutige Frauen, die sich als tödliche Tellerwerferinnen erweisen.
Nachdem auch Susannah diese Fertigkeit erlernt hat, sind Roland und seine Gefährten wieder zuversichtlich, den bevorstehenden Kampf gegen die Wölfe zu gewinnen. Als sie in einer Höhle eine Tür entdecken, die Reisen in andere Welten ermöglicht, versucht das sogenannte Ka-tet, im New York des Jahres 1977 eine Rettungsaktion der besonderen Art. Erschwert wird ihr Unterfangen allerdings durch die Tatsache, dass sich in Susannah nicht nur die ätzende Persönlichkeit von Odetta Holmes verbirgt, sondern auch Mia, die einen hungrigen Dämon austrägt. Auch wenn auf den knapp 1000 Seiten nicht wirklich viel passiert, lesen sich vor allem Callahans Erinnerungen sehr spannend. Dabei begegnet der Leser nicht nur dem Vampir Barlow und dem Marsten-Haus aus „Brennen muss Salem“, sondern auch den „niederen Männern“ aus „Atlantis“.

Stephen King (Der Dunkle Turm: 6) - „Susannah“

(Heyne, 494 S., HC)
Als Stephen King 1976 mit der Kurzgeschichte „Der Revolvermann“ den Grundstein für sein umfangreiches Fantasy-Epos um Roland von Gilead, den letzten Revolvermann, auf der Suche nach dem Dunklen Turm, legte, mochte wohl niemand glauben, dass ihn diese Geschichte über fast dreißig weitere Jahre lang verfolgen würde. In dem knapp 1000 Seiten umfassenden letzten Band, „Wolfsmond“, kamen Roland und seine Gefährten Eddie, Jake und Susannah nach Calla Bryn Sturgis, wo sie die Bewohner vor den Wolfsreitern beschützten. Am Ende trug Susannah ein Dämonenkind in sich und flitzte mit der Schwarzen Dreizehn nach New York von 1977, um dort das Kind auszutragen, wohin sich nun mit Hilfe der Mannis Henchick und Cantab auch Roland, Eddie, Jake und der Calla-Priester Callahan aufmachen.
Während die Brecher versuchen, auch die letzten Balken zu zerstören, die den Dunklen Turm tragen, kämpft Susannah dagegen an, Mias todbringendes Kind zu gebären. Mordred, so soll der Name des Kindes lauten, soll – so die Prophezeiung – Roland töten, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der seinen Höhepunkt im siebten und damit letzten Band der Saga vom Dunklen Turm finden wird… Teil VI zählt jedenfalls zu den verwirrendsten und komplexesten der ohnehin nicht leicht zu konsumierbaren Geschichte, in der nun Stephen King auch selbst als Figur auftaucht und auch von den Reisenden aus Mitt-Welt aufgesucht wird. Am Ende von „Susannah“ ist man froh, dass dieser Band „nur“ 500 Seiten umfasst und dass das Ende der Saga nah ist. Für King mag dieses umfangreiche Werk im Zentrum seines Schaffens stehen, für seine Leser mittlerweile leider wohl eher weniger… Einzig die angefügten Tagebuchaufzeichnungen von Stephen King, die den Schaffensprozess des „Dunklen Turms“ thematisieren, wirken etwas erhellend.

Stephen King (Der Dunkle Turm: 7) - „Der Turm“

(Heyne, 1010 S., HC)
Basierend auf Robert Brownings Gedicht „Herr Roland kam zum finstern Turm“ (das im Anhang von „Der Turm“ nachzulesen ist) hat Stephen King in den vergangenen dreißig Jahren seines Lebens an seinem Magnum Opus, der Geschichte vom „Dunklen Turm“, geschrieben, das nun mit dem siebten Band „Der Turm“ endlich sein Ende findet.
Der Revolvermann Roland ist endlich am Ende seiner langen Reise angekommen. Doch bevor er den Dunklen Turm erreicht, sind noch einige Monster, Vampire, Bösewichte und Mutanten, allen voran Crimson King, der Herr der Dunklen Turms, aus dem Weg zu räumen. Während Jake Chambers und Pere Don Callahan 1999 im Dixie Pig Cafe in Manhattan einen aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die Erben des Bösen fechten, bei dem Callahan sein Leben lassen muss, versuchen Eddie und Roland in der Parallelwelt von 1977 den Staat Maine zu retten. Sie versuchen, ihren Kaufvertrag für das unbebaute Grundstück an der Second Avenue Moses Carver zu übergeben, der nicht nur das Grundstück, sondern auch eine darauf wachsende spezielle Wildrose in Obhut nehmen, weiterhin die Tet Corporation mit Holmes Industries verschmelzen soll und zudem verhindern muss, dass die Sombra Corporation mit North Central Positronics ihre Pläne durchführen können. Eddie und Roland selbst machen sich auf den Weg zu Susannah/Mia ins Krankenhaus, wo sie gerade einen schrecklichen Sohn gebärt. Das Ka-Tet begegnet alten Weggefährten wie Dinky, Sheemie und dem aus Stephen Kings „Atlantis“ bekannten Gedankenleser Ted Brautigan, der den Revolvermännern auf vier Tonbändern seine Geschichte hinterlässt. Er half seinen Auftraggebern, die Balken zu zerstören, von denen nur noch Shardiks und Gans Balken den Dunklen Turm stützen. Der Wettlauf gegen die Zeit geht seinem dramatischen Ende entgegen, denn das Ka-Tet, das zum Ende hin zerbricht, muss Stephen King vor einem Autounfall retten, damit er die Geschichte von Roland und seiner Suche beenden kann… Nach gewohnt verwirrendem Beginn und unübersichtlichen wie unnötigen Nebenhandlungssträngen kommt der abschließende „Dunkle Turm“-Band erst ab der zweiten Hälfte so richtig in Fahrt.

Stephen King – „Das Mädchen“

(Ullstein, 304 Seiten, Tb.)
Mit seinem aktuellen Streich „Das Mädchen“ erzählt der „King des Horrors“ auf ungewohnt geradlinige Weise die Geschichte der neunjährigen Trisha, die mit ihrem Bruder und ihrer Mutter eine Wanderung unternimmt, im Wald aber vom Weg abkommt und sich verirrt, ohne dass jemand mitbekommt, dass sie sich verirrt hat.
Die Stärke in Kings Geschichte liegt dabei in der Beschreibung der Ängste, die das Mädchen gerade mit dem nahenden Hereinbrechen der Dunkelheit durchmacht. Doch die Einsamkeit, die Mücken und die wilden Tiere stellen sich noch als die geringsten Probleme heraus, die Trisha zu bewältigen hat. Um sie herum scheint sich ein Grauen zu manifestieren, dessen Intensität zum einen auf Grimms Märchen von Hänsel und Gretel basiert, aber auch an den Schocker „The Blair Witch Project“ denken lässt.

Stephen King - „Im Kabinett des Todes“

(Ullstein, 585 S., HC)
Stephen King ist seit jeher ein Meister der Kurzgeschichte gewesen, hat sein Ausnahmetalent in diesem literarischen Genre in Sammlungen wie „Nachtschicht“, „Frühling, Sommer, Herbst & Winter“, „Im Morgengrauen“, „Alpträume“ und „Abgrund“ immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Nach längerer Zeit legt der „King des Horrors“ mit „Im Kabinett des Todes“ endlich wieder eine packende Sammlung gruseliger wie literarisch anspruchsvoller Geschichten vor, darunter unter anderem „Achterbahn“, jener erfolgreicher Versuch, eine Geschichte allein über das Internet zu verkaufen. Ein junger Student erhält die Nachricht, dass seine Mutter einen Schlaganfall erlitten hat, und per Anhalter zu seinem Zuhause in Harlow fährt. Dabei wird er von seinem gar nicht menschlichen Fahrer vor die Wahl gestellt, ob er selbst oder seine Mutter sterben soll... Wunderbar witzig ist „L.T.s Theorie der Kuscheltiere“, in der L.T. seinen Kumpels erzählt, wie seine Frau ihn verlassen hat, und er bringt all die kuriosen Anekdoten zum Besten, die ihre Ehe so schmackhaft gemacht haben. Andere Stories wie „Autopsieraum vier“, in der es um die Angst vor dem Scheintod geht, oder „1408“ – die Geschichte eines unheimlichen Hotelzimmers, dessen Geheimnis ein Schriftsteller zu lüften versucht – bearbeiten bekanntes Terrain, aber es ist eben Kings meisterhafte und vielseitige Art des Erzählens, die sein Werk so unterhaltsam machen.

Stephen King - „Atlantis“

(Heyne, 592 S., HC)
Seine erzählerische Meisterschaft stellt Stephen King in seinem Roman „Atlantis“ eindrucksvoll unter Beweis. In diesem Epos, das in der Woodstock-Ära angesiedelt ist und damit das Lebensgefühl von Stephen Kings Generation widerspiegelt, entwirft King das einfühlsame Szenario einer Freundschaft zwischen dem elfjährigen Bobby Garfield und seinem neuen Nachbarn Ted Brautigan, der durch seine Lebenserfahrung und Klugheit schnell zu Bobbys Lehrmeister wird.
Allerdings bittet der Alte seinen jungen Freund bald um Beistand gegen mächtige Feinde in senfgelben Mänteln, als Menschen getarnte Außerirdische. Was Bobby anfangs als Spinnerei abtut, entpuppt sich schließlich als reale, mächtige Bedrohung nicht nur für Bobby und seinen väterlichen Freund, sondern für die ganze Kleinstadt Harwich im Nordosten der USA. Geschickt zeichnet King das komplexe Portrait seiner eigenen Generation, macht durch die Verstrickung von der im Zuge des Vietnam-Traumas aufkeimenden Paranoia mit Verrat, Gewalt, Träumen und Ängsten das Lebensgefühl einer Ära transparent, deren Alltag ebenso vom normalen Wahnsinn durchzogen wurde wie heute.
Die filmische Adaption von Scott Hicks („Shine“, „Schnee, der auf Zedern fällt“) mit Anthony Hopkins in der Rolle von Ted Brautigan zählt übrigens auch zu den besten unter den unzähligen Stephen-King-Verfilmungen.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Dan Simmons - "Drood"

(Heyne, 976 S., HC)
Über 125 Jahre nach dem Ableben der beiden miteinander befreundeten großen englischen Schriftsteller Wilkie Collins („Die Frau in Weiß“) und Charles Dickens („Oliver Twist“, „Große Erwartungen“) taucht eine Geschichte auf, in der Wilkie Collins die letzten Jahre im Leben seines Freundes beschreibt, das am 9. Juni 1865 eine tragische Wendung genommen hat. An diesem Tag befand sich Charles Dickens im Tidal Train auf der Rückreise nach London (nachdem er in Paris an seinem Buch „Our Mutual Friend“ gearbeitet hatte), als der Zug an einer Baustelle nicht rechtzeitig zum Stehen kam und über einer Brücke entgleiste. Nur ein Wagen der ersten und einer der zweiten Klasse schafften es auf die andere Seite. Zu den Glücklichen, die in jenem Wagen der ersten Klasse saßen, gehörte der damals wohl neben Shakespeare berühmteste Autor, der sich gleich auf den Weg machte, zu den Toten und Verletzten zu eilen. Doch während seiner Rettungsaktion fiel Dickens ein großer, dünner Gentleman in einem schweren, schwarzen Umhang auf, der ausgemergelt wie eine Leiche aussah und dem mehrere Finger teilweise oder ganz fehlten. Als sich die beiden Herren einander vorstellten, meinte Dickens den Namen „Drood“ verstanden zu haben, und offensichtlich wollte er nach East London, wo der Zug eigentlich nicht hinfuhr.
Dickens fiel auf, dass überall dort, wo sich dieser Drood über die geschundenen Körper beugte, später nur noch Leichen waren. Dickens hat es sich zur Aufgabe gemacht, den geheimnisvollen Mann aufzuspüren. Dafür spannt er sich seinen Schriftsteller-Kollegen und Freund Wilkie Collins sowie den von Scotland Yard um seine Pension betrogenen Ex-Inspector Charles Frederick Field ein, der es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht hat, diesen geheimnisvollen Drood zur Strecke zu bringen, ist er doch der Überzeugung, dass Drood für über 300 Morde in London verantwortlich gewesen sei. Dickens und Collins werden von Fields Helfern in die düsteren Katakomben der Stadt geführt und kommen mit altägyptischen Mysterien in Berührung, die im Zusammenspiel mit Opium, Laudanum und Mesmerismus unheilvolle Geschehnisse in Gang bringen …
Dan Simmons hat sich erfolgreich als Autor im Horror-Genre („Kinder der Nacht“, „Kraft des Bösen“) und in der Science-fiction („Hyperion“, „Ilium“) einen Namen gemacht, mit dem 2007 veröffentlichten „Terror“ nahm er sich John Franklins abenteuerlichen Suche nach der Nordwestpassage an und landete mit dem historischen Thriller einen Bestseller. Mit „Drood“ setzt Simmons nun seine Arbeit in diesem Genre fort und spinnt aus dem Eisenbahnunglück, das Dickens tatsächlich an besagtem 9. Juni 1865 erlebte und von dem er sich nie so recht erholte, eine höchst spannende Geschichte, die eindrucksvolle Einblicke in das Leben zweier berühmter englischer Schriftsteller gewährt und dabei ihre Epoche lebensnah vor Augen führt.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Jed Rubenfeld - „Morddeutung“

(Heyne, 527 S., HC)
Als Ehrendoktor der Clark University in Worcester, Massachusetts, wird Sigmund Freud im Jahr 1909 zu einer Vorlesungsreihe über Psychoanalyse eingeladen. Zur gleichen Zeit wird eine junge Frau, die zuvor mit Peitschenhieben gefoltert wurde, an einem Kronleuchter aufgehängt in ihrem Luxusapartment aufgefunden. Wenig später erleidet die hübsche Nora Acton fast ein ähnliches Schicksal, überlebt den Angriff aber mit einem Schock, der sie nicht nur die Stimme, sondern auch das Gedächtnis verlieren lässt.
Der junge Psychologe Stratham Younger, der Freud und seine Kollegen C.G. Jung und Sándor Ferenczi in Empfang genommen hat, wird damit beauftragt, mit Freuds Unterstützung die Erinnerungen der jungen Frau zurückzugewinnen, um so Aufschluss über den Täter zu erhalten. Währenddessen wird einiges darangesetzt, dass Freud seine Vorlesungen an der Universität absagt. Und während der nervöse Bürgermeister McClellan, der profilneurotische Pathologe Hugel und der tüchtige Jung-Detective Littlemore sich auf die Suche nach dem Serienkiller machen, macht sich zunehmend Unruhe in den höchsten Schichten der New Yorker Gesellschaft breit, denn alles deutet darauf hin, dass unter ihnen der Täter zu finden ist …
Jed Rubenfeld hat die Spekulationen über Freuds Amerika-Reise, von der seine Biografen meinen, dass dort ein unbekanntes Ereignis eine Art Trauma bei dem berühmten Psychoanalytiker verursacht haben könnte, als Ausgangspunkt für einen faszinierenden Thriller in bester Jack-the-Ripper-Manier genommen.