Mittwoch, 30. März 2011

William Landay - „Strangler“

(Heyne, 528 S., Tb.)
Im Boston des Jahres 1962 stehen die Zeichen auf Neuanfang. Große Investitionen sollen getätigt werden, um das heruntergekommene West End zu sanieren und die Weichen für das „Neue Boston“ zu stellen, das sich gern als Zentrum für Manager, Forscher und Intellektuelle etablieren möchte. Doch nach dem Attentat auf John F. Kennedy geht die Angst auch in Boston um. Dreizehn zu Tode strangulierte, teilweise vergewaltigte und verstümmelte Frauen werden dem sogenannten „Boston Strangler“ zugeschrieben, den das Boston Police Department einfach nicht stoppen zu können scheint.
Deshalb setzt Generalstaatsanwalt Alvan Byron ein All-Star-Team ein, dem auch der Staatsanwalt Michael Daley aus dem Amt für Enteignung und Gemeinwohl angehören soll. Noch ahnt er nicht, dass auch seine Brüder mit dem Fall verbunden sind. Der Polizist Joe Daley ist gerade erst einem Fernsehbericht zum Opfer gefallen, als er bei einer Reportage über illegale Wetten dabei zu sehen ist, wie er aus einem der illegalen Wettannahmestellen herauskommt, und Ricky Daley ist mit der „Observer“-Reporterin Amy Ryan liiert, die mit ihrer Kollegin auf die Story des Würgers von Boston angesetzt wird.
„Sie spürte, dass die Stimmung in der Stadt mit ihrer Würger-Hysterie und der ganzen selbstsüchtigen, instinktiven Angst, die alle erfasst hatte, auch etwas Erhellendes hatte. Was hier in Boston passierte, war wie eine Offenbarung: Der Würger hatte allen klargemacht, dass es inmitten der Herde keine Sicherheit gab. Jeder einzelne war verwundbar. Der Tod konnte einen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, genauso wie die Kugel von Lee Harvey Oswald.“ (S. 75)
Schon bei ihren ersten Recherchen wird Amy klar, dass in den Ermittlungen gravierende Fehler begangen wurden. Auffällig ist vor allem der Umstand, dass die Morde nicht nur einem Muster folgen, doch die Polizei ist stets von nur einem Täter ausgegangen.
Doch die Würger-Morde bilden nur den roten Faden in „Strangler“. Viel intensiver wird die Familiengeschichte der Daleys aufgearbeitet, die zunächst nur den Tod des Vaters zu betrauern hat, doch in den Wirren der Kämpfe zwischen Polizei, Stadtplanern und organisiertem Verbrechen haben die Daleys bald weitere Opfer zu beklagen. William Landay wählt die damals sensationslüstern von der Presse ausgeschlachteten „Boston Strangler“-Morde als Aufhänger für ein ausgefeiltes gesellschaftliches Portrait, in dem eine Polizistenfamilie nicht immer allein auf der Seite der Guten steht. Landay nimmt sich viel Zeit, seine Figuren zu portraitieren, ihre Gewissensbisse, finanziellen Sorgen, persönlichen Ängste und Verquickungen mit Familienangehörigen, Freunden, - teilweise verhassten –Kollegen und Partnern zu schildern. Herausgekommen ist dabei kein konventioneller Serienmörder-Thriller à la James Patterson, Kathy Reichs, Patricia Cornwell oder Cody McFadyen, sondern eine atmosphärisch dichte Familiengeschichte, in der alle Beteiligten für ihre moralischen Verfehlungen einen hohen Preis zahlen müssen.

Donnerstag, 24. März 2011

William Landay - „Jagdrevier“

(Heyne, 526 S., Tb.)
Bei einer Drogenrazzia im Bostoner Viertel Mission Flats unter der Leitung der beiden Polizisten Artie Trudell und Julio Vega im Jahre 1987 soll ein Versteck der berüchtigten Gang Mission Posse ausgehoben werden, doch bei der Aktion wird Trudell tödlich verletzt. Zehn Jahre später entdeckt Benjamin Truman, Polizeichef im beschaulichen Versailles, Maine, bei einer Routinestreife am Lake Mattaquisett in einer Hütte die Leiche des Bostoner Staatsanwalts Robert M. Danziger.
Das FBI hat sofort Harold Braxton im Visier, den Anführer der Mission Posse, der auch für den Mord an Trudell verantwortlich gemacht wird. Truman, der noch nie mit einem Mord zu tun hatte, ist fasziniert von dem Fall und macht sich mit dem pensionierten Detective John Kelly auf den Weg nach Boston, um dort auf eigene Faust zu ermitteln. Truman lernt nicht nur Kellys attraktive Tochter Caroline kennen, die als Bezirksstaatsanwältin in Boston arbeitet, sondern auch Detective Martin Gittens, der über gute Kontakte im Viertel verfügt. Wie Truman den Akten in Danzigers Büro entnehmen kann, wollte dieser den Fall Trudell wieder aufrollen, wobei ein Informant namens „Raul“ eine Rolle spielt.
„Der Fall Trudell mit all seinen verborgenen Taten und geheimen Motiven lag klar vor mir. Ich wusste, dass Raul nicht existierte – zumindest nicht der Raul, von dem im Durchsuchungsbeschluss die Rede war. Detective Julio Vega hatte Raul mit besten Absichten erfunden und benutzte ihn, um sich von Richtern Durchsuchungsbeschlüsse zu beschaffen.
Die Gerichte hatten von Vega Besseres verlangt als die Junkies und Spitzel, die ihn mit Informationen von der Straße fütterten. Also hatte Vega den Informanten erfunden, der alle Informanten überflüssig machte, ein Orakel der Straße, dessen Glaubwürdigkeit es nur im Traum eines Richters geben konnte. Und dann geriet alles außer Kontrolle. Mit einem Schuss hatte Braxton nicht nur Vegas Partner ermordet, sondern auch den ganzen Schwindel entlarvt. Er verwandelte einen erschwindelten Routine-Durchsuchungsbeschluss in einen Prozess. Und er verwandelte Julio Vega von einem unscheinbaren, gewöhnlichen Polizisten in einen stümpernden, lügenden Schurken, dessen Gesicht die Titelseite von USA Today zierte. So kam Harold Braxton mit dem Mord an Artie Trudell davon.“ (S. 225f.)
Doch so einfach liegt der Fall dann doch nicht, wie Truman bald feststellen muss. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Informanten stößt der Polizeichef aus Maine auf immer neue Aussagen und Indizien, bis er sogar selbst ins Visier der Ermittlungen gerät.
William Landay hat mit seinem Debüt einen atmosphärisch dichten Roman in bester Südstaaten-Thriller-Tradition eines Dennis Lehane und John Grisham geschaffen. So wie der Icherzähler Truman mit seinen Ermittlungen stets neue Richtungen einschlägt und bald nicht mehr sagen kann, wem er noch vertrauen kann, wird auch der Leser beständig an der Nase herumgeführt. Bis zur überraschenden Auflösung des Ganzen schildert Landay mit viel Liebe zum Detail und hervorragenden Figurenschilderungen die eigenwillige Bande zwischen Polizisten, Staatsanwälten, Dealern und Informanten, aber mehr als eine Ahnung, wie die Zusammenhänge tatsächlich aussehen, bekommt der Leser über lange Zeit nicht vermittelt. Genau das macht „Jagdrevier“ so unglaublich spannend.

Mittwoch, 23. März 2011

Christine Klell & Reinhard Deutsch - „Dracula – Mythen und Wahrheiten“

(Styria, 290 S., HC)
Bram Stokers 1897 veröffentlichter Roman „Dracula“ zählt nicht von ungefähr zu den meistverfilmten Werken der Literaturgeschichte. Die mit dem Vampirmythos verbundene Aussicht auf Unsterblichkeit und erotische Anziehungskraft, aber auch die Furcht davor, gegen den eigenen Willen zu unnatürlichen Handlungen gezwungen zu werden, bringt immer neue Erzählungen hervor, die in Büchern, Comics und Filmen um die Gunst des Publikums wetteifern. Der Autor, Dramaturg, Regisseur, Ausstellungsleiter, Theaterintendant und Verlagslektor Reinhard Deutsch ist dem anhaltenden Interesse am Vampir-Mythos, der zuletzt durch Stephenie Meyers „Bis(s)“-Roman-Reihe und deren Verfilmung gerade jüngere Interessenten gewonnen hat, mit dem sehr unterhaltsamen Kompendium „Dracula – Mythen und Wahrheiten“ auf den Grund gegangen.
„Der Vampir hat eine steile Karriere gemacht. Seit der Antike taucht er immer wieder aus dem Dunkel der Mythen auf, führt Jahrhunderte lang ein zurückgezogenes Dasein in den Schluchten der Karpaten mit gelegentlichen Ausflügen in die Metropolen Europas. Allmählich breiten sich das Wissen um ihn, die Furcht vor ihm, vor allem aber: die Faszination! aus, erobern geduldig die Hirne und Herzen der Menschen, nisten sich ein in Sehnsüchten und Alpträumen … Romanautoren und Maler geben dem Vampir Gesicht und Kontur, verfeinern seine Eigenschaften, steigern die Erwartung, ihm zu begegnen. Zur Erfahrung der Welt durch Reisen, durch Berichte, durch neue Medien kommt die Sehnsucht nach Schrecken. Es ist der Versuch, das Fremde, das man nicht versteht, in eine Form zu gießen.“ (S. 6)
Natürlich geht Deutsch auf Spurensuche, beschreibt das Wesen der Vampire in den unterschiedlichsten Regionen und deren Mythen über die furchterregenden und faszinierenden Blutsauger, die ihren Opfern das ewige Leben versprechen. Der historische Teil wartet nicht nur mit einer Rekapitulation auf, wie der Vampir-Stoff durch William Polidori, Bram Stoker und Sheridan Le Fanu popularisiert wurde, er enthält auch Original-Auszüge aus den jeweiligen Texten, dazu passende Gedichte von Goethe und Baudelaire. Was das Buch aber von den unzähligen anderen Veröffentlichungen zum Thema abhebt, ist zum einen der sehr aktuelle Bezug, bei dem die jüngsten Vampir-TV-Serien ebenso wenig fehlen dürfen wie eine Auflistung relevanter Romane, Comics, Filme, Portraits bekannter „Dracula“-Darsteller Bela Lugosi und Christopher Lee, zum anderen die sehr schöne, liebevolle grafische Aufmachung, für die die Grafikdesignerin Christine Klell verantwortlich zeichnet. Dass das ganze Thema nicht so tierisch ernst angegangen wird, dafür sorgen Vampir-Cocktail-Rezepte, Origami-Bastelanleitungen, ein Wochen-Horoskop und Auszüge aus einem Schulbuch für kleine Vampire.
Eine ausführliche Bibliografie und Filmografie runden das hochwertig gestaltete „Handbuch der Vampire“ gelungen ab. Einen Einblick in die schöne Ausstattung gibt es bei Vampirhandbuch.at.

Montag, 21. März 2011

Michael Connelly - „Sein letzter Auftrag“

(Heyne, 495 S., HC)
Vor zwölf Jahren erlebte der Journalist Jack McEvoy den Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, als er in der Rocky Mountain News den Killer überführte, den man den „Poeten“ nannte, und ein erfolgreiches Buch dazu veröffentlichte. Doch nun nähert sich seine Karriere dem Ende, als er im Zuge der bei Printmedien umgreifenden Kündigungswelle bei der L.A. Times entlassen wird.
Jack darf weitere zwei Wochen in der Redaktion verweilen, wenn er sich bereiterklärt, seine Nachfolgerin einzuarbeiten, die frisch von der Uni kommende, mit allen Wassern für den Medienmarkt der Zukunft gerüstete Angela Cook. Doch bevor der über Vierzigjährige die Segel streicht, will er noch eine große Story schreiben. Die Verhaftung des 16-jährigen Schwarzen Alonzo Winslow kommt dem ausgemusterten Polizeireporter gerade recht. Nachdem die nackte und mehrfach geschändete Leiche der 23-jährigen Striptease-Tänzerin Denise Babbit im Kofferraum ihres Mazda Millenia aufgefunden wurde, fand die Polizei im Wagen den Fingerabdruck des Verdächtigen, der in der Haft offensichtlich ein vollständiges Geständnis abgelegt hat und nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden soll. Jack kontaktiert zunächst die Großmutter des Angeklagten, die fest von der Unschuld ihres Enkels überzeugt ist, dann dessen Pflichtverteidiger, der Jack mit den wichtigsten Unterlagen versorgt. Dem über 900 Seiten umfassenden Protokoll des Geständnisses kann McEvoy allerdings entnehmen, dass Alonzo mit keinem Wort den Mord gestanden hat, sondern nur die Tatsache, dass er in dem Auto umherfuhr und dann die Leiche im Kofferraum entdeckte.
Als der Reporter auf einen ganz ähnlichen Fall in Las Vegas stößt, ist er überzeugt, dass in beiden Fällen die Falschen im Gefängnis sitzen.
„Im investigativen Journalismus mochte es vielleicht das Höchste sein, einen Präsidenten zu Fall zu bringen, aber was die Niederungen schnöder Kriminalität anging, war es auch nicht gerade das Schlechteste, wenn man den Nachweis erbringen konnte, dass ein vermeintlich Schuldiger unschuldig war… Einen unschuldigen Jungen freizubekommen, war schwer zu toppen. Mochte Alonzo Winslow offiziell auch noch nicht schuldiggesprochen worden sein, war er in den Medien längst verurteilt worden.
Ich war Teil dieser Lynchjustiz gewesen und sah jetzt, dass ich eine Chance bekommen hatte, alles wiedergutzumachen. Vielleicht gelang es mir, ihn zu retten.“ (S. 129)
Allerdings beginnt Angela Cook, die Story an sich zu reißen und macht durch ihre Recherche den mit allen Wassern gewaschenen Täter auf sich aufmerksam und bringt sich selbst in Gefahr ...
Auch wenn es sich bei „Sein letzter Auftrag“ nicht um einen Roman aus Connellys bekannter Harry-Bosch-Reihe handelt, hat der amerikanische Bestseller-Autor mit Jack McEvoy doch eine Figur in den Mittelpunkt seines neuen Thrillers gestellt, der Boschs Wege bereits in „Der Poet“ gekreuzt hat. In der Kombination zwischen einem routinierten Journalisten auf dem Abstellgleis und einer ebenso gescholtenen FBI-Agentin hat Connelly ein Dream Team geschaffen, von dem in Zukunft hoffentlich mehr zu lesen sein wird. Die Recherche-Qualitäten des einen und die Ermittler-Fähigkeiten der anderen bringen schließlich einen überaus raffinierten wie brutalen Killer zur Strecke. Neben den für Thriller üblichen Einblicken in die Vorgehensweisen von Polizei und FBI erhält der Leser hier auch einen gelungen beschriebenen Eindruck vom Alltag in einer großen Tageszeitungsredaktion. Sympathische Helden, ein geschickt konstruierter Plot und ein packendes, wendungsreiches Finale sorgen für Thriller-Unterhaltung erster Klasse!
Leseprobe „Sein letzter Auftrag“

Mittwoch, 16. März 2011

Simon Beckett - „Tiere“

(Rowohlt, 284 S., Tb.)
Nach dem Tod seiner Eltern lebt der geistig etwas minderbemittelte Nigel allein in dem einst von den Eltern geführten, nun längst nicht mehr betriebenen Pub, arbeitet in einem Büro und liest in seiner Freizeit Comics und sieht sich mit Vorliebe Zeichentrickfilme an. Niemand würde ahnen, dass der junge Mann im Keller Menschen in Käfigen gefangen und sie mit Hundefutter und Wasser am Leben hält.
Darüber hinaus erfährt Nigel wenig Aufregendes in seinem Leben. Allein die Bekanntschaft mit seinen Kolleginnen Cheryl und Karen bedeutet etwas Abwechslung in seinem tristen Dasein, und entsprechend aufgeregt ist er, als sie für den Sonntag ihren Besuch ankündigen. Ansonsten hängt Nigel seinen Erinnerungen an seine Eltern nach.
„Als ich aufwachte, war ich total trübsinnig. Ich mag Sonntage nicht. Selbst im Fernsehen ist bis zum Nachmittag nicht viel los. Als Kind war es noch schlimmer, denn meine Mama wollte abends, bevor der Pub aufmachte, unbedingt die ganzen religiösen Sendungen sehen. Sie ging zwar nie zur Kirche oder so, aber sie war trotzdem religiös. Ganz egal, welche Sendungen auf den anderen Programmen liefen, meine Mama musste immer Lobgesänge oder so was gucken. Ich war jedes Mal froh, wenn es halb acht wurde und sie runterging, um meinem Papa hinter der Theke zu helfen.
Dieser Sonntag war nicht so schlimm, denn am nächsten Tag war Feiertag, und Cheryl und Karen wollten ja kommen. Wenn ich an Besuch dachte, wurde ich ganz aufgeregt, es reichte aber nicht, um meine Sonntagslaune aufzuheitern. Noch dazu war es draußen bewölkt.
Beim Frühstück in der Küche las ich meinen Spiderman-Comic zu Ende. Nicht mal der war besonders spannend …“ (S. 102)
Das trifft leider auch auf Simon Becketts zweiten Roman „Tiere“ zu, der 1995 in Becketts englischer Heimat erschien und im Zuge des Erfolges seiner Reihe um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter („Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“, „Leichenblässe“ und „Verwesung“) nun auch erstmals in deutscher Sprache erhältlich ist. Mit dem Schachzug, die Geschichte aus der Ich-Perspektive des geistig gehandicapten Nigel erzählen zu lassen, sollen Sympathien für den von allen Seiten gemiedenen Außenseiter geweckt werden, doch die will sich partout nicht einstellen. Abgesehen davon, dass seine Motivation, Menschen wie Tiere einzupferchen und zu füttern, nie überzeugend vermittelt werden kann, entwickelt die Geschichte kein Potenzial, weder so etwas wie Spannung, noch eine Entwicklung seines Antihelden zu präsentieren. Statt auf eine Wendung oder einen irgendwie gearteten Höhepunkt zuzusteuern, ergießt sich der Ich-Erzähler in wenig aufregenden Erinnerungen an eine bewegtere Zeit, als der Pub noch Gäste bediente, und lapidaren Beschreibungen der langweiligen Dinge, die mittlerweile seinen Alltag prägen.
Langweiliger und unspektakulärer geht es nicht, und die Möchtegern-Sprache des präsentierten Dummkopfes verleidet einem den letzten Rest eines rudimentären Lesevergnügens.
 Leseprobe “Tiere”

Sonntag, 13. März 2011

Richard Laymon - „Der Käfig“

(Heyne, 512 S., Tb.)
Diebe machen sich bei Robert Callahan daran zu schaffen, die Mumie der Pharaonenbraut Amara zu stehlen, doch Callahan und sein Ziehsohn Imad überraschen die Täter und verscharren ihre Leichen schließlich im Garten. Imad schlägt es allerdings auch in die Flucht, während sich die befreite Mumie am Hausherren gütlich tut. Nach Callahans Tod gelangt die Mumie in die Obhut des Charles-Ward-Museums, wo die stellvertretenden Kuratorin Sarah Connors erleben muss, wie ein Wachmann des Museums grausam verstümmelt wird.
Während die Mumie offensichtlich ihren vier Jahrtausende währenden Schlaf für einen Reanimationsblutbad beendet hat, plagen Ed Lake und Virginia ganz andere Probleme. Sie können sich nicht erinnern, wie sie in die Käfige gelangt sind, in die sie eingesperrt worden sind. Sie bekommen genug zu essen und zu trinken, müssen in dem oft abgedunkelten Raum ihren Entführern aber sexuell gefügig sein.
“Die Zeit verging. Ed Lakes Fuß heilte. Währenddessen gingen die seltsamen Spiele im Menschenzoo weiter. Immer wurde das Licht ausgeschaltet. Manchmal richtete sich die Aufmerksamkeit auf Virginia, manchmal auf Ed. Er bewahrte seine Kraft, so dass er die geforderte Leistung erbringen konnte. Und die Spiele dauerten stundenlang. Er lag immer auf dem Rücken auf der Plattform. Entweder wurde sein Schwanz von dem Mund bearbeitet oder von der anderen gierigen Öffnung. Aber er war jetzt sicher, dass es sich um eine Frau handelte. Natürlich sah er nie etwas. Zu dunkel. Und er achtete darauf, dass er nie zu einem Orgasmus kam, jedenfalls nie, ehe seine Entführerin befriedigt war.
Danach, egal was ihnen angetan worden war, sprach Ed jedes Mal mit Virginia. Sie teilten ihre Erlebnisse. Sie diskutierten jede Einzelheit – was ihre Peiniger getan hatten, wie sie rochen, wie sie sich anfühlten. Hat es sich schlecht angefühlt? Manchmal war es so schlimm, dass es unbeschreiblich war. Das Reden half ihnen. Es machte sie stärker. Sie begannen zu besprechen, wie sie zurückschlagen könnten.“ (S. 267)
Der 2002 posthum veröffentlichte Roman „Amara“ zählt zu den letzten Werken des großen amerikanischen Horrorautors Richard Laymon (1947-2001), allerdings nicht zu seinen besten. Zwar ist die für Laymon typische Mischung aus Sex und Horror wieder allgegenwärtig, aber der Plot wird durch zu viele Erzählstränge unnötig aus dem Rhythmus gebracht. Bis sich all die losen Fäden am Ende zusammenfügen, ist einiges an Sperma und Blut geflossen, doch so rechte Spannung will bei „Der Käfig“ leider nicht aufkommen. Wenig prickelnd ist leider auch das Vorwort von Laymons Freund und Kollegen Dean Koontz ausgefallen, dass sich ganz auf die Schilderung einer persönlichen Begegnung beschränkt.
Leseprobe "Der Käfig"

Freitag, 11. März 2011

Michael Connelly - (Harry Bosch: 15) „Neun Drachen“

(Knaur, 479 S., Tb.)
Harry Bosch und sein Familien-gestresster Partner Ignacio Ferras bekommen einen Überfall auf einen Getränkemarkt in South Normandie zugeteilt, wo zunächst alles nach einem Raubüberfall aussieht, bei dem der Ladenbesitzer John Li erschossen wurde. Der Täter hat zur Sicherheit die Überwachungs-DVD mitgenommen, doch auf den beiden DVDs, die zurückgelassen wurden, entdeckt Bosch einen ersten Hinweis auf eine Schutzgeldzahlung, die Li geleistet hat. Durch die Mithilfe von Detective David Chu von der Asian Gang Unit nimmt Bosch den Verdächtigen Bo-Jing Chang fest, der zur chinesischen Triade Yung Kim – Tapferes Messer – gehören soll.
Allerdings bleibt den Beamten nur das Wochenende, um Chang wegen Mordes dranzukriegen, sonst müssen sie ihn wieder auf freien Fuß setzen. Doch die Durchsuchung von Changs Wohnung, Auto und Handy bringt nicht die gewünschten Ergebnisse. Da bekommt Bosch eine Videobotschaft seiner 13-jährigen Tochter Maddie zugeschickt, die mit ihrer Mutter in Hongkong lebt. Das Entführungsvideo enthält ein paar Hinweise auf den Aufenthaltsort seiner Tochter. Bosch nimmt den nächsten Flieger nach Hongkong, um mit seiner Ex-Frau Eleanor und ihrem neuen Lebensgefährten Sun Yee nach Maddie zu suchen.
„Er würde seine Tochter finden und nach Hause bringen. Oder er würde bei dem Versuch, sie zu befreien, sterben. Sein ganzes Leben lang hatte Harry Bosch geglaubt, eine Mission zu haben. Und um diese Mission durchführen zu können, musste er kugelsicher sein. Er musste sich und sein Leben so gestalten, dass er unverwundbar war, dass ihm nichts und niemand etwas anhaben konnte. Das alles hatte sich an dem Tag geändert, an dem er der Tochter vorgestellt worden war, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie hatte. In diesem Moment hatte er gewusst, dass er gleichzeitig gerettet und verloren war. Von jetzt an war er mit der Welt für immer auf eine Weise verbunden, wie sie nur ein Vater kannte.“ (S. 227 f.)
Auch wenn „Neun Drachen“ ein ungewöhnlich persönlicher Fall für Detective Harry Bosch ist, fällt die Spannung recht moderat aus. Dabei wird weder besonders ausführlich auf die Triaden-Thematik eingegangen, noch auf den Menschenhandel in Hongkong. Ebenso unsicher wie Bosch ist, wem er bei seiner Suche nach seiner Tochter trauen kann, wird auch der Leser etwas unsicher durch den Plot geführt, der zumindest mit einer elegant aus dem Hut gezauberten Lösung aufwartet.
Leseprobe “Neun Drachen”

Steve Mosby - „Spur ins Dunkel“

(Knaur, 377 S., Tb.)
Es sind einige Wochen vergangen, seit Amy einen Abschiedsbrief auf dem Küchentisch hinterlassen hatte, in dem sie ankündigte, einige Probleme in den Griff bekommen zu müssen, aber sie würde auf jeden Fall zurückkommen. Doch ihr Freund Jason ist mittlerweile überzeugt, dass seiner Amy etwas zugestoßen sein muss. Er durchstöbert diverse Internet-Foren und bewegt sich unter dem Namen Amy17 in einem virtuellen Sex-Chatroom, wo er auch gleich einen Interessenten aufgabelt, von dem er hofft, nähere Informationen zum Aufenthaltsort von Amy zu erfahren. Als die Polizei bei ihm auftaucht, befürchtet er schon, dass sie tot aufgefunden wurde, doch tatsächlich geht es um Claire Warner, eine weitere Internet-Chat-Bekanntschaft, die er schließlich einmal in Schio getroffen hatte.
Kaum ist die Polizei gegangen, taucht ein alter Mann namens Walter Hughes bei Jason auf, der mit ihm über Claire reden will. Zusammen mit seinem Freund, dem Computer-Experten Graham, versucht Jason den wenigen Hinweisen nachzugehen, die er in Bezug auf Amy hat, lässt ihren Computer untersuchen und stößt schließlich auf eine Art Snuff-Literatur, die detailliert Vergewaltigungen dokumentiert.
„Es gibt einen tiefen Abgrund, in den man fallen kann und den man eigentlich nur entdeckt, wenn man jemanden sehr gernhat. Niemand bringt einem das je bei, und niemand redet viel darüber, es gehört zu den Dingen, die man selbst und allein lernen muss. Das erste Mal, wenn man in dieses Loch fällt, kommt es einem vor, als werde der Sturz nie enden, und wenn man dann hinabstürzt, dass man niemals entkommen wird, dass man aus einem so tiefen, dunklen Loch nie wieder herausklettern kann.“ (S. 49)
Je mehr sich Jason in diesen erschreckenden Kreisen bewegt, umso mehr gerät sein eigenes Leben völlig aus den Fugen und in tödliche Gefahr.
„The Third Person“ war 2003 der erste Roman des britischen Thrillerautors Steve Mosby, der hierzulande vor allem mit seinem zweiten Werk „Der 50/50-Killer“ bekannt geworden ist. „Spur ins Dunkel“, so der deutsche Titel des Debüts, lässt zumindest schon den eleganten Stil des Autors erkennen, wirkt aber als geschlossene Erzählung noch viel zu umständlich. Was als spannende Suche nach einer vermissten Lebensgefährtin beginnt, verstrickt sich zunehmend in eine immer verworrene Verschwörung, die weit über illegale Sex-Websites hinausgeht, unzählige Tote nach sich zieht und am Ende gar keinen Durchblick mehr zulässt.
Leseprobe “Spur ins Dunkel”

Montag, 7. März 2011

Philippe Djian – „Die Leichtfertigen“

(Diogenes, 218 S., HC)
Der 60-jährige Schriftsteller Francis lebt mit seiner zweiten Frau Judith, einer erfolgreichen Immobilienmaklerin an der Grenze zu Spanien und versucht, irgendwie mit den angehäuften Problemen seines Lebens fertigzuwerden. Natürlich schmerzt ihn noch immer der Verlust seiner ersten Frau Johanna und seiner Tochter Olga, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, aber auch Olgas Schwester Alice, die den Unfall damals überlebt hat, bereitet ihm immer wieder Kummer. Sie heiratete den ständig zugedröhnten Banker Roger, stürzte sich als bekannte Schauspielerin immer wieder in Affären und verschwindet auf einmal spurlos.
Roger, der endlich zur Vernunft gekommen war, nachdem er im Rausch zwei Fingerglieder seiner Tochter zerquetscht hatte, und schlagartig seine Finger von den Drogen ließ, kommt mit den beiden Zwillingen aus Paris zu Besuch; Francis kümmert sich eine Zeitlang um die Zwillinge, versucht aber auch, endlich an einem neuen Roman zu arbeiten. Währenddessen wird ihm bewusst, dass Judith und er sich zunehmend entfremden, und er engagiert den gerade aus dem Knast entlassenen Sohn seiner alten Schulfreundin A.M. , um Judith beschatten zu lassen. Doch der 24-jährige Jérémie kann Francis keine Beweise für Judiths Untreue vorlegen. Francis muss nicht nur tatenlos mit ansehen, wie A.M., die er als Detektivin auf die Suche nach Alice angesetzt hat, rasend schnell vom Krebs zerfressen wird. In dieser Atmosphäre von Misstrauen, Verlustängsten, Tod und Unbestimmtheiten ist es für Francis alles andere als einfach, sich aufs Schreiben zu konzentrieren.
„Viele glaubten, Johannas Tod habe mich am Boden zerstört, und niemand hätte einen Cent auf mein Comeback gesetzt. Gut möglich. Dass ich am Boden zerstört war und mir die Hoffnung, je wieder einen Roman zu schreiben, endgültig abschminken konnte, mochte durchaus zutreffen. Das hätte mich nicht allzu sehr verwundert. Es war aber noch zu früh, um es mit Bestimmtheit zu sagen.
Es gibt nichts Schwierigeres, als einen Roman zu schreiben. Keine menschliche Beschäftigung erfordert so viel Anstrengung, so viel Selbstverleugnung, so viel Widerstandskraft. Kein Maler, kein Musiker kann einem Romanschriftsteller das Wasser reichen. Das ist fast jedem klar.
Ich biss manchmal mitten in einem Satz so fest die Zähne zusammen, dass der ganze Raum zu pfeifen begann. Das war auch Hemingways Erfahrung. Das Gras wurde nicht von selbst grün. Die Landschaft glitt nicht wie durch ein Wunder an der Scheibe vorbei.
Es wäre mir lieber gewesen, mit meiner Tochter wieder eine normale Beziehung zu haben oder meine Eheprobleme mit Judith zu lösen, aber einen Roman zu schreiben war im Moment das Einzige, was mir realisierbar schien. Mit jedem Tag war ich mehr davon überzeugt. Nichts anderes kam für mich in Frage. Ich sah keinen anderen Ausweg. Selbst wenn ich mich nach allen Seiten umschaute, sah ich keine andere Möglichkeit. Ich hatte noch nie ein Buch in einer solchen Verfassung geschrieben.“ (S. 122 f.)
Philippe Djian erweist sich immer wieder als Meister von Erzählungen, in denen es vor allem um die Irrungen und Wirrungen eines Schriftstellers geht. Mittlerweile stehen dabei nicht mehr die erotischen Eskapaden im Mittelpunkt, die Djians frühen Meisterwerke „Betty Blue“, „Rückgrat“ oder „Verraten und verkauft“ geprägt haben; die Empfindungen des in die Jahre gekommenen Autors scheinen reifer geworden zu sein, doch taumelt er immer noch zwischen den verschiedensten, unausgegorenen Empfindungen hin und her. Mit gewohnt eleganter Sprache schildert Djian die Eindrücke, die sein Protagonist aufnimmt, die ihn immer aufs Neue verunsichern, verärgern und verwirren. Und das tut er so lebendig und eindrucksvoll wie selten zuvor in seinen letzten Werken. „Die Leichtfertigen“ ist sicher nicht das große Meisterwerk eines renommierten Schriftstellers, aber herrlich kurzweilig und amüsant zu lesen. Man merkt dem kurzen Roman überhaupt nicht an, dass das Verfassen solche Schwierigkeiten mit sich bringt, von denen Francis im Zitat berichtet, aber darin liegt wohl Djians Meisterschaft – in der Verbindung ungeschönter literarischer Reflexion und psychologisch einfühlsam beschriebener Tragödien, die seine Protagonisten zu bewältigen haben.

Leseprobe: Philippe Djian: „Die Leichtfertigen“

Samstag, 5. März 2011

Håkan Nesser – „Die Perspektive des Gärtners“

(btb, 320 S., HC)
Vor vierzehn Monaten beobachtete der Schriftsteller Erik Steinbeck am Küchenfenster seines Hauses in Saaren, wie ein Mann seine vierjährige Tochter Sarah im Garten ansprach und sie in sein grünes Auto einsteigen ließ. Bevor Erik an der Straße ankam, war der Wagen über alle Berge, die Polizei fand bis jetzt nicht einen einzigen Anhaltspunkt, was mit Sarah geschehen sein könnte. Vor allem Eriks Frau Winnie, die schon einmal eine Tochter in Sarahs Alter durch einen gewaltsamen Tod verloren hat, kam mit dem erneuten Verlust ihres Kindes nicht klar, verbrachte eine Zeit in einer psychiatrischen Anstalt und schlug schließlich vor, nach New York zu ziehen, um einen Neuanfang zu starten.
Doch Erik und Winnie finden nicht mehr zueinander und verbringen ihre Zeit meist getrennt voneinander. Während Winnie an einem fast fotografisch detaillierten Bild arbeitet, das die Entführungsszene aus Eriks Sicht darstellt und nur noch auf das Gesicht des Mannes wartet, an dessen Züge sich Erik aber nicht erinnern kann, arbeitet Erik in der Bibliothek an seinem neuen Roman. Als er Winnie zweimal überraschend in der Stadt sieht, leugnet sie jeweils, sich dort befunden zu haben. Dann behauptet sie plötzlich, Sarah sei noch am Leben. Erik macht sich Sorgen, dass Winnie wieder in ihren krankhaften Zustand nach dem Verschwinden ihrer Tochter zurückfällt.
„… wenn nun meine Ehefrau behauptet, unsere Tochter sei tatsächlich am Leben, dann will ich das nicht als Zeichen sehen, dass sie auf dem Weg zurück in die Dunkelheit ihrer Krankheit ist. Obwohl es natürlich so ist. Ich brauche eine gesunde Winnie – zumindest eine einigermaßen gesunde Winnie -, meine Kräfte reichen nicht für eine neue Welle des Wahnsinns. Guter Gott, denke ich, lass sie nicht den Verstand verlieren, lass nicht alles den Bach runtergehen. Lass etwas geschehen, das uns wieder ein bisschen Hoffnung gibt. Aber dass Sarah tatsächlich am Leben sein soll? Ich wage diesen Gedanken kaum zu denken.“ (S. 112f.)
Erik macht in der Bibliothek, in der er fast täglich arbeitet, die Bekanntschaft von Mr. Edwards, einem pensionierten Privatdetektiv, der dem Schriftsteller anbietet, herauszufinden, was Winnie mit ihrer Zeit, die sie nicht in ihrem Atelier verbringt, so treibt. Offensichtlich hat sie eine Parapsychologin namens Grimaux aufgesucht, und Erik fällt sofort der Zusammenhang mit dem gleichnamigen französischen surrealistischen Poeten auf, der ein Gedicht verfasst hat, das auf mysteriöse Weise Winnie und Erik einst zusammengeführt hat. Und je mehr Erik den immer geheimnisvolleren Hinweisen auf Winnie und Sarah folgt, desto mehr Rätsel geben Erik zu denken …
Dass der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser nicht nur Krimis nach Schema F produziert, hat er bereits mit „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ bewiesen. Sein neuer Roman ist in New York angesiedelt, wo der Autor einige Jahre gelebt hat, und trägt von Beginn an jene surrealistischen Züge, die auch einige Romane des New Yorker Schriftstellers Paul Austers tragen.
„Die Perspektive des Gärtners“ wirft immer wieder Fragen nach Namen und Identitäten auf, lässt die Grenzen zwischen Realität, Traum, Vorsehung und Wahnsinn miteinander verschmelzen und immer wieder neue Rätsel die bisherigen Merkwürdigkeiten in neuem Licht erscheinen. Dabei tritt Sarahs Schicksal nicht unbedingt in den Hintergrund, aber zunehmend geht es auch um die Frage, was es mit Winnie auf sich hat. Dadurch, dass der Leser das Geschehen allein aus Eriks Perspektive verfolgen muss, bleibt lange Zeit ungewiss, inwieweit vielleicht Erik selbst dem Wahnsinn verfallen ist. Nesser erweist sich wieder einmal als sprachlich versierter Autor, der mit viel Liebe zum psychologischen Detail einen außergewöhnlichen wie verstörenden Roman geschaffen hat, der mit einem ebenso überraschenden Ende aufwartet.
Lesen Sie im Buch: Nesser, Håkan - Die Perspektive des Gärtners

Simon Beckett – (David Hunter: 4) „Verwesung“

(Wunderlich, 444 S., HC)
Vor acht Jahren wurde der forensische Anthropologe Dr. David Hunter von Detective Chief Superintendent Simms nach Dartmoor gebeten, um dort eine Leiche im Moor zu identifizieren. Offensichtlich handelte es sich um eines der Mädchen, die dem verurteilten Serienmörder und Vergewaltiger Jerome Monk zum Opfer gefallen sind und deren Leichen noch nicht gefunden werden konnten. Doch die Ermittlungen standen unter keinem guten Stern. Hunter muss sich nicht nur dem besserwisserischen forensischen Archäologen Prof. Leonard Wainwright unterordnen, sondern hatte es auch mit Terry Connors zu tun, dessen Selbstgefälligkeit und Angeberei schon immer ein Dorn in Hunters Augen gewesen sind.
Nachdem die Torfleiche als Monks drittes Opfer Tina Williams identifiziert werden konnte, folgte eine großangelegte Suchaktion im Moor, hoffte man doch, die anderen beiden noch vermissten Leichen zu finden. Monk erklärte sich bereit, bei der Suche zu helfen, kann sich vor Ort aber an nichts erinnern, und die psychologische Ermittlungsberaterin Sophie Keller stößt nur auf einen Dachskadaver. Nach diesem Fiasko verschlug es Hunter an den Balkan, um an der Bergung eines Massengrabes mitzuwirken, dann verlor er seine Frau Kara und Tochter Alice bei einem Autounfall.
Acht Jahre später bekommt Hunter überraschenden Besuch von Terry Connors, der ihm erzählt, dass Jerome Monk aus dem Gefängnis geflohen ist, dann erhält er einen panischen Anruf von Sophie Keller, die ihn bittet, sich mit ihr in Dartmoor zu treffen. Als Hunter dort eintrifft, liegt Sophie allerdings auf der Intensivstation, wenig später kommt Leonard Wainwright zu Tode. Offensichtlich befindet sich Jerome Monk auf einem Rachefeldzug gegen alle, die damals mit seinem Fall zu tun gehabt haben. Er verfügt über das übliche Täterprofil:
„Mit fünfzehn Jahren war Monks Lebensweg vorgezeichnet. Von Geburt an verwaist, war er schon als Kind in doppelter Hinsicht ausgeschlossen, gemieden wegen seiner körperlichen Defekte und gefürchtet wegen seiner abnormen Kraft. Die wenigen Familien, die den störrischen, unberechenbaren Jungen in Pflege nahmen, schickten ihn bald wieder voller Entsetzen zurück. Bereits in der Pubertät war er kräftiger als die meisten erwachsenen Männer, sein Leben wurde durch Gewalt und Einschüchterung geprägt.“ (S. 357)
Simon Beckett beginnt seine David-Hunter-Romane stets mit der Schilderung nüchterner Fakten rund um den Verwesungsprozess, was an sich höchst informativ ist, doch leider setzt sich dieser abgeklärte Stil auch auf die Beschreibung der Handlung und der Zeichnung seiner Figuren fort. „Verwesung“ weist sicherlich alle Merkmale eines Bestsellers auf, eine interessante Hauptfigur, die nach „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ und „Leichenblässe“ zum vierten Mal im Mittelpunkt des Geschehens steht, einen mysteriösen Fall um einen mutmaßlichen Serienmörder und etliche persönliche Konflikte, die dem Geschehen seine „Würze“ verleihen. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass Beckett in jeder Hinsicht auf Nummer sicher gehen wollte. Der Plot und die „überraschende“ Wendung zum Ende hin wirken wie am Reißbrett konstruiert, und Becketts abgeklärter Stil lässt nicht wirklich Sympathien für seine Figuren entwickeln, die aber immerhin alle ihre Päckchen zu tragen haben, auch David Hunter selbst, der sich immer noch Vorwürfe wegen des Todes seiner Familie macht. Sicher bietet „Verwesung“ spannende Unterhaltung, aber schon im vierten David-Hunter-Fall sind die Abnutzungserscheinungen nicht zu übersehen.
 Leseprobe “Verwesung”

Donnerstag, 3. März 2011

Cody McFadyen – „Der Menschenmacher“

(Lübbe, 605 S., HC)
Ein halbes Jahr nachdem David Rhodes seine alleinerziehende Mutter durch einen Autounfall verloren hatte, wurde er der sechsjährige Junge von einem Mann namens Robert Gray adoptiert, ebenso wie die fast gleichaltrigen Charlie Carter und Allison. Nahezu zehn Jahre lang wurden die drei Kinder von ihrem Ziehvater auf jede erdenkliche Art misshandelt, gequält, im dunklen Keller weggesperrt. Jede nicht erfüllte Anforderung, die dazu dienen sollte, die Kinder in ein höheres Dasein zu „evolvieren“, wurde bitter bestraft.
Doch eines Tages konnten die Kinder ihrem Gefängnis entkommen und ihren Peiniger töten. Seither hat jeder auf seine eigene Weise alles daran gesetzt, sein Leben dem Kampf gegen Kinderpornographie und Kinderprostitution zu widmen. David wurde Schriftsteller und erreichte bereits mit seinem ersten Thriller einen internationalen Bestseller. Seine Fähigkeit, die Menschen mit seinen Worten zu fesseln, kam seiner Stiftung Innocence Foundation zugute, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kindern in Not zu helfen, Kinderpornographieringe auszuheben und Menschenhändlerbanden auffliegen zu lassen. Charlie hat sich zu einem Elitesoldaten ausbilden lassen und übernimmt den schmutzigen Teil der Aufgabe. Mit dem Wissen, wie ihre Brüder gegen die Grausamkeit Kindern gegenüber vorgingen, konnte Allison jedoch nicht mehr ihren Dienst beim FBI ausüben. Doch nach zwanzig Jahren werden die drei Adoptivgeschwister mit ihrer grausamen Vergangenheit konfrontiert. Eine Videobotschaft an jeden von ihnen und Geiselnahmen machen deutlich, dass das Böse aus ihrer Vergangenheit offensichtlich noch nicht vollständig ausgemerzt worden ist. Wenn sie nicht binnen 36 Stunden eine bestimmte Ärztin, die Abtreibungen vornimmt, töten, müssen auch die ihnen nahestehenden Geiseln dran glauben. David, Charlie und Allison machen sich auf eine erschreckende Odyssee in ihre alte Heimat und stoßen auf entsetzliche Hintergründe:
„Wir wissen, dass Bob, als Kind selbst misshandelt wurde. Er wurde von seiner Mutter gequält. Sein Vater war Prediger und starb wahrscheinlich schon, als Bob noch ein kleiner Junge war. Nach allem, was wir wissen, war der Vater ein ultra-fanatischer religiöser Eiferer. Ein christlicher Fundamentalist sozusagen. Wir wissen außerdem, dass Bob noch kein Killer war, bevor er nach Vietnam ging, aber er war mit Sicherheit einer, als er zurückkam. Er kannte kaum noch Grenzen. Er war ein abgebrühter, brutaler Psychopath, lange bevor er uns drei adoptiert hat.“ (S. 426)
Nach vier Bestsellern um die psychisch wie physisch mit Narben übersäte Polizistin Smoky Barrett hat Cody McFadyen mit seinem neuen Roman „The Innocent Bone“, der etwas arg reißerisch als „Der Menschenmacher“ ins Deutsche übertragen wurde, einen kleinen Exkurs unternommen und sich eines brisanten wie schrecklichen Themas angenommen. Zwar bemüht er die üblichen Erklärungen von religiösem Fanatismus, Brutalität in der Erziehung und philosophische Verwirrungen, um das kaum vorstellbare Grauen zu erklären, dass nicht nur die drei Adoptivgeschwister, sondern auch ihre Angehörigen erleiden müssen, aber McFadyen schildert ihre schreckliche Geschichte sehr überzeugend, psychologisch nachvollziehbar und letztlich auch spannend, um „Der Menschenmacher“ in einem furiosen Finale münden zu lassen, das es wirklich in sich hat.
Lesen Sie im Buch: Mcfadyen, Cody - Der Menschenmacher