Sonntag, 23. Dezember 2012

Carlos Ruiz Zafón – „Der Gefangene des Himmels“

(S. Fischer, 403 S., HC)
Beginnend mit dem zum Welt-Bestseller avancierten „Der Schatten des Windes“ hat der spanische Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón eine eigene Welt erschaffen, mit der er seine Leser in ein Barcelona entführt, das voller Geheimnisse steckt, die nicht nur im kuriosen Fundus des Friedhofs der vergessenen Bücher schlummern, sondern auch in den historischen Straßen und zwielichtigen Gestalten der außergewöhnlichen Stadt. Mit „Der Gefangene des Himmels“ setzt Zafón seinen erfolgreichen Zyklus um den Buchhändler Daniel Sempere und seine Abenteuer auf gewohnt unterhaltsam-spannende Weise fort.
Das Weihnachtsgeschäft der Buchhandlung Sempere & Söhne läuft 1957 eher schleppend an. Da verkauft Daniel einem eher mürrischen Kunden das teuerste Buch im Laden, eine edle Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“. Der geheimnisvolle Mann schreibt eine Widmung ins Buch und beauftragt Daniel, es seinem guten Freund Fermín Romero de Torres zu übergeben. Irritiert von den Worten, die der spendable Kunde hinterlassen hat, verfolgt ihn Daniel bis zu einer billigen Pension, in der sich der Mann unter Fermíns Namen eingetragen hat. Als Daniel seinem alten Freund das Buch übergibt und ihn zur Rede stellt, erfährt er, wie Fermín zu seinem Namen kam, als er 1939 im Gefängnis auf Montjuic erleben musste, wie Hunger, Folter und Korruption hinter den Mauern regierten, wobei dem damaligen Gefängnisdirektor Mauricio Valls eine besondere Bedeutung zukam. Hier kreuzten sich auch die Wege von Fermín und David Martín, Autor von „Das Spiel des Engels“, bis Fermín die spektakuläre Flucht gelang und er im Armenviertel von Barcelona von Armando zu neuem Leben erweckt wurde.
„Seine Tage verstrichen zwischen Schlafen und einer hartnäckigen Müdigkeit. Immer wenn er die Augen schloss und sich der Erschöpfung überließ, reiste er an denselben Ort. In seinem sich Nacht für Nacht wiederholenden Traum erkletterte er die Wände eines unendlichen, mit Leichen angefüllten Grabens. Wenn er oben war und zurückschaute, sah er, dass sich diese Flut geisterhafter Leichen durcheinanderwühlte wie ein Strudel von Aalen. Die Toten schlugen die Augen auf und kletterten hinter ihm die Wände hinauf. Sie folgten ihm durch den Berg und überschwemmten die Straßen Barcelonas, wo sie ihr ehemaliges Zuhause suchten, bei den geliebten Menschen anklopften. Einige machten sich auf die Suche nach ihren Mördern und klapperten rachedurstig die ganze Stadt ab, aber die meisten wollten nur in ihre Wohnung, in ihre Betten zurück, wollten die zurückgelassenen Kinder, Frauen, Geliebten in die Arme nehmen. Es machte ihnen jedoch niemand auf, niemand nahm ihre Hand in die seinen, und niemand wollte ihre Lippen küssen, und der Todkranke erwachte in der Dunkelheit schweißgebadet ob dem ohrenbetäubenden Weinen der Toten in seiner Seele.“ (S. 216)
Doch die Lebensgeschichte von Fermín bildet nur einen Teil von „Der Gefangene des Himmels“. Darüber hinaus gilt es Fermíns Hochzeit mit der schwangeren Bernarda vorzubereiten und Daniels Rivalen Pablo auszuschalten, der seine Ankunft in Barcelona mit einem Brief an Daniels Frau Bea ankündigt und keine Zweifel daran lässt, seine ehemalige Verlobte noch immer zu lieben.
Zafón läuft in seinem neuen Roman zu vertrauter Hochform auf. Von Beginn an packend und rasant erzählt, wird mit „Der Gefangene des Himmels“ ein weiteres Puzzlestück in dem mystisch angehauchten Kosmos eines literarischen Barcelonas enthüllt, dessen Atmosphäre der Autor so meisterhaft zu beschreiben versteht. Virtuos webt der mittlerweile in Los Angeles lebende Autor schaurige Fantastik, labyrinthische Bücherwelten, dramatische Liebesgeschichten, packenden Krimi und das mystische Flair Barcelonas zu einem elegant geschriebenen Meisterwerk, das neugierig macht auf die nächste Episode aus dem Friedhof der vergessenen Bücher …
Leseprobe Carlos Ruiz Zafón – „Der Gefangene des Himmels“

Samstag, 15. Dezember 2012

Jussi Adler-Olsen – (Carl Mørck 4) „Verachtung“

(dtv, 542 S., HC)
Nachdem skandinavische Krimi-Autoren wie Henning Mankell und Hakan Nesser jahrelang dafür gesorgt haben, weltweit erfolgreich auf sich aufmerksam zu machen, schien mit der „Millennium“-Trilogie des viel zu früh verstorbenen Stieg Larsson der Höhepunkt der skandinavischen Thriller-Literatur erklommen worden zu sein. Auf der Suche nach ebenbürtigen Autoren ist die Bücherwelt zwar noch nicht wirklich fündig geworden, doch mit dem dänischen Schriftsteller Jussi Adler-Olsen bevölkert seither ein höchst talentierter Mann mit seinen Geschichten um das Sonderdezernat Q die Bestsellerlisten und erfreut sich zunehmender Beliebtheit auch beim deutschen Publikum.
Nach „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ präsentiert Adler-Olsen mit „Verachtung“ bereits den vierten Roman aus der Reihe um den kauzigen Ermittler Carl Mørck und seinem sehr speziellen Team beim Sonderdezernat Q, das sich im Kopenhagener Polizeipräsidium um alte, nicht abgeschlossene Fälle kümmert. Diesmal landet die Akte von Rita Nielsen auf dem Tisch des Dezernats, die in den Siebzigern und Achtzigern in Kolding einen Escort- und Begleitservice leitete und im November 1987 spurlos verschwand. Als sich Mørck, Assad und Rose an die Ermittlungen machen, stoßen sie zunächst auf weitere vermisste Personen aus dieser Zeit und offensichtliche Verbindungen zwischen ihnen. Da ist auf der einen Seite der rassistische Gynäkologe Curt Wad, der mit seiner Partei „Klare Grenzen“ gerade versucht, ins Parlament zu gelangen, auf der anderen Seite Nete Rosen, die eine schlimme Zeit in einem Frauengefängnis auf Sprogø verbracht hat. Vor allem die Machenschaften der „Klare Grenzen“-Köpfe bereiten den Ermittlern mehr als nur Bauchschmerzen.
„Carl warf Assad einen prüfenden Blick zu. Dieser Fall ging Assad mehr an die Nieren als andere Fälle, Gleiches galt für Rose. Ganz klar, beide waren Menschen mit Narben auf der Seele, aber trotzdem erstaunte es Carl, dass sich Assad dermaßen engagierte, dass ihn die Sache offenbar so erschütterte. ‚Wenn man Frauen auf eine Insel deportieren kann und damit durchkommt‘, fuhr Assad unbeirrt fort, ‚und wenn man massenhaft gesunde Embryos töten und Frauen sterilisieren kann, wenn man das einfach so kann, dann kommt man mit allem durch. Das denke ich, Carl. Und wenn man daraufhin auch noch im Folketing sitzt, wird es richtig kritisch.‘“ 
Das trifft allerdings auch auf die Ermittler zu. Denn je näher Mørck & Co. sich den Machenschaften der rechten Partei nähern, desto heftiger reagieren sie darauf, ihre dunklen Geheimnisse zu bewahren. Dabei schrecken sie vor keinen Mitteln zurück.
Adler-Olsen hat mit „Verachtung“ ein höchst brisantes Thema, das auf einem tatsächlichen Missstand in der dänischen Geschichte beruht, in eine höchst packende Thrillerhandlung gepackt. Daneben bleibt auch immer ein wenig Zeit, in die persönlichen Befindlichkeiten der drei sympathischen, doch ganz unterschiedlichen Protagonisten einzutauchen, doch könnte davon in Zukunft ruhig mehr zu lesen sein. Denn wie sich Mørck seiner angebeteten Mona nähert, ist schon amüsant geschildert, lässt aber viel Raum zur Entwicklung. Und auch Assads mysteriöser Hintergrund wird nur unzureichend erhellt. Doch die rasante und intelligent verquickte Geschichte packt den Leser mit einer Wucht, dass dieses kleine Manko schnell entschuldigt wird. Schließlich bleibt die Hoffnung auf noch viele weitere Bände aus dieser Reihe …
Leseprobe Jussi Adler Olsen - "Verachtung"

Walter Moers – „Der Pinguin“

(Knaus, 104 S., Klappenbroschur)
Ist Walter Moers zum Anfang seiner Karriere vor allem als Comic-Künstler wahrgenommen worden und hat der Welt so herrliche Bände wie „Huhu!“, „Schweinewelt“ oder „Kleines Arschloch“ beschert, so ist er in den letzten Jahren vor allem als großgeistiger Schöpfer so fantasiereicher Romane aus dem zauberhaften Zamonien-Kosmos zu schriftstellerischer Reife gelangt.
Zum Glück hat ihn die Begeisterung für die Comic-Kunst nie ganz verlassen, und so darf sich die Fangemeinde auf die Reihe „Moers Classics“ freuen, in der der Knaus-Verlag einige von Moers‘ Lieblingscomics nicht nur einfach wiederveröffentlicht, sondern auf eine Weise, wie sie dem Autor ursprünglich vorschwebte. Eröffnet wird die Reihe mit dem – und davor wird auf dem Cover bereits ausdrücklich gewarnt – brutalen wie sex- und drogenhaltigen Titel „Der Pinguin“, der 1997 erstmals als „Wenn der Pinguin zweimal klopft…“ das Licht der Welt erblickte, damals allerdings noch in Schwarzweiß.
„Farbe wurde schon beim erstmaligen Erscheinen des Comics diskutiert“, verrät Moers im Klappentext. „Wir entschieden uns damals für Schwarzweiß, weil so viel Blut darin vorkommt – was in Schwarzweiß nicht so brutal wirkt. So vorsichtig waren wir. Heute ist es das, was mich an dem Comic stört: In Farbe wäre er viel drastischer und konsequenter gewesen. Und komischer. Blut ist komisch.“ 
Dafür liefert „Der Pinguin“ den im wahrsten Sinne des Wortes einschlägigen Beweis. Moers erzählt die recht simple Geschichte eines Pärchens, das es sich im heimischen Iglu vor einem Feuerchen im Ehebett gemütlich gemacht hat. Doch bevor das Liebesspiel beginnen kann, betritt ungebeten ein Pinguin das traute Heim und erquickt sich am wärmenden Feuer. Das perplexe Paar beobachtet nun, wie der Pinguin Liedchen trällert, sich einen Joint bastelt und im Drogenrausch schließlich das Feuer auskotzt. Was dann folgt, soll hier nicht weiter beschrieben werden, bietet aber den typisch krassen, ganz und gar politisch inkorrekten Moers-Humor, der über Leichen geht. Und tatsächlich: So wie bei „Der Pinguin“ das Blut spritzt, ist es einfach unbeschreiblich komisch! Für Februar 2013 ist bereits der nächste Band angekündigt: „Jesus total“.
Leseprobe: Walter Moers – “Der Pinguin”

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Anja Dollinger, Walter Moers – „Zamonien“

(Knaus, 312 S., HC)
Als Walter Moers Mitte der 80er Jahre mit politisch gar nicht so korrekten Comics wie „Die Klerikalen“, „Schweinewelt“ schließlich mit „Das kleine Arschloch“ auf sich aufmerksam machte, war nicht im entferntesten abzusehen, dass er sich zu einem Meister der Fabulierkunst in der Tradition deutscher Fantastik à la E.T.A. Hoffmann entwickeln würde, der sich quer durch die Jahrhunderte aus dem großen Fundus klassischer Literatur, Märchen, Mythen und esoterischer Traditionen bedient.
Mit seinem ersten Roman „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ fiel 1999 der Startschuss zu einer ganzen Reihe von fantastischen Romanen, die in Zamonien angesiedelt sind, Heimstätte legendärer Dichter, Zauberkünstler und kurioser Fabelwesen. Mittlerweile 2011 ist mit „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ der sechste Zamonien-Band erschienen und das Panoptikum geheimnisvoller Orte, labyrinthischer Gänge, skurriler Figuren und mysteriöser Phänomene auf ein Maß angestiegen, dass es durchaus sinnvoll erschien, die fremdartige, doch so faszinierende Welt Zamoniens lexikalisch zu vermessen.
Dieser Herkules-Aufgabe haben sich der Autor, der sich im Zusammenhang mit den Zamonien-Romanen nur als Übersetzer und Illustrator von Zamoniens größten Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz sieht, vor aqllem aber die Kunsthistorikerin Anja Dollinger angenommen, indem sie mit „Zamonien – Entdeckungsreise durch einen phantastischen Kontinent“ ein Nachschlagewerk der besonders schönen Art entworfen haben.
Moers-Fans werden vielleicht enttäuscht sein, dass der Autor nur das Vorwort selbst beigesteuert hat, doch Dollinger hat – erfolgreich - viel Mühe darauf verwendet, den Stil des Zamonien-Schöpfers zu bewahren und durchaus einige Informationen zusammengestellt, die nicht den Romanen zu entnehmen sind. Ausführliche Artikel widmen sich der Megacity Atlantis ebenso wie Blaubär, der Universitätsstadt Buchhaim, den Buchlingen oder den Bücherjägern, als auch dem Schattenkönig, dem Puppetismus und dem großen Helden Rumo von Zamonien.
Wie es die treuen Zamonien-Leser gewohnt sind, ist das Lexikon, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit hegt und die Hoffnung auf ergänzende Bände dieser Art macht, wie ein echter Zamonien-Roman gestaltet – mit Illustrationen, wie sie bislang nur auf einer Ausstellung zu Zamonien zu sehen gewesen sind, und schön eingerahmten Zitaten und Übersichten.
Ein ausführliches Register rundet das informative Werk an, das auf angenehme Weise die Wartezeit bis zu „Das Schloss der träumenden Bücher“ verkürzt.
 Leseprobe Walter Moers & Anja Dollinger – “Zamonien”

Montag, 26. November 2012

Richard Laymon - "Das Loch"

(Heyne, 544 S., Pb.)
Rodney war schon zu Schulzeiten ein Außenseiter, über den ständig gespottet wurde. Nun rächt er sich, indem er in das Haus seines Jugendschwarms Pamela einbricht, ihren Mann Jim umbringt und sie selbst entführt. Bei einer Pinkelpause in der Wüste gelingt es ihr, sich ihres Peinigers zu entledigen und von einem geheimnisvollen Fremden in dessen Bus mitgenommen zu werden. Dass er als Gäste nur angezogene Schaufensterpuppen befördert, die auf ihren T-Shirts Slogans tragen, die mit einem 6-Seelen-Kaff namens Pits zu tun haben, verwundert Pamela zunächst, doch vor allem ist sie dankbar, dem sicher geglaubten Tod entkommen zu sein und in dem Diner von Pits leckere Hamburger serviert zu bekommen.
Kaum hat sich Pamela in der kleinen, völlig von der Außenwelt isolierten Gemeinde angefangen wohlzufühlen und in dem Diner zu arbeiten, da stößt sie auf das verstörende Tagebuch eines Jungen und auf merkwürdige Überbleibsel, die offensichtlich frühere Gäste vergessen haben. Nun ängstigt sie der Gedanke, dass hier Menschen zu Burgern verarbeitet werden …
Ich werde den Kühlschrank aufmachen und mir in Ruhe den Inhalt ansehen. Und dort werden Frikadellen, Koteletts und Steaks liegen – ganz normales Essen wie in jedem Restaurant. Es werden keine Menschenköpfe darin sein, die für die Suppe bestimmt sind. Keine Steaks von den Hinterbacken. Keine gebackenen Rippchen von Lkw-Fahrern, keine Burritos mit Leberfleisch oder Dim Sun aus Studenten. Pamela ging zur Dusche und zog sich auf dem Weg die Kleider vom Leib. Zeit, sich frisch zu machen. Und die Uniform anzuziehen, bestehend aus einem weißen Polohemd, auf das links auf der Brust mit rotem Garn Pamela eingestickt war, hellroten Shorts und einer blauen Schürze mit Taschen für Bestellblock und Trinkgeld. Süß wie ein Kätzchen. Dann in den Lagerraum des Cafés zu spazieren und den Kühlschrank aufzumachen. Sich zu beweisen, dass Pits kein Kannibalen-Ort ist.“ (S. 315) 
Währenddessen hat der Student Norman zwei Anhalter mitgenommen, die ihn gehörig auf Trab halten. Während ihrer wilden Fahrt durch die Wüste verliert Norman nicht nur seine Unschuld und kann den zweifelhaften Reizen der nymphomanischen Boots kaum widerstehen, sondern angestiftet vom psychopathischen Duke hinterlässt das Trio auch eine Spur aus Blut. In Pits drehen sie schließlich richtig auf … Richard Laymon gelingt es in seinem 2005 veröffentlichten Werk „Into The Fire“, das jetzt als deutsche Erstausgabe erhältlich ist, ein packendes Road-Movie mit ganz unterschiedlichen Figuren zu inszenieren, die sich zu einem blutigen Showdown in einem abgeschotteten Wüstenkaff zusammenfinden. Bis dahin bietet Laymon in vertraut einfacher, aber pointierter Sprache seinen Lesern die geschätzte Mischung aus Horror, Sex und Humor, dass kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Das Finale schießt dabei sicher etwas über das Ziel hinaus, doch letztlich überzeugt „Das Loch“ als sehr kurzweiliger Thriller mit eigenwilligen Figuren, interessantem Setting und spannenden Entwicklungen.
 Leseprobe Richard Laymon – “Das Loch”

Sonntag, 11. November 2012

Philippe Djian – „Die Rastlosen“

(Diogenes, 220 S., HC) 
Seit dem Durchbruch mit seinem dritten Roman „Betty Blue – 37,2° am Morgen“, der 1986 kongenial mit Béatrice Dalle und Jean-Hugues Anglade verfilmt worden ist, hat sich der französische Schriftsteller Philippe Djian mit Geschichten hervorgetan, in denen meist Männer in den besten Jahren, die irgendwie versuchen, als Schriftsteller durchzukommen, in verzwickte amouröse Abenteuer verstrickt werden. Dieses vertraute Terrain betritt der Leser auch in Djians neuem Werk „Die Rastlosen“.
Als 53-Jähriger hat es Marc längst aufgegeben, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden, und sich damit arrangiert, als Literaturdozent wenigstens bei seinen Studenten einen Sinn für die Kunst des Schreibens zu entwickeln. Dabei fällt es ihm mit zunehmendem Alter immer leichter, vor allem seine junge weibliche Zuhörerschaft zu betören. Um ja keinen Skandal zu riskieren, geht Marc beim Abschleppen der jungen Dinger stets überaus diskret vor. Diese Vorsicht macht sich in dem Moment bezahlt, als er eines Morgens neben der Leiche der 23-jährigen Barbara aufwacht, die er kurzerhand in einer Felsspalte entsorgt. Als er die Mutter des vermisst geltenden Mädchens kennenlernt, entdeckt Marc plötzlich ganz neue Gefühle in sich, nämlich die Leidenschaft für eine ältere, ihm intellektuell ebenbürtige Frau.
„Er konnte sich Myriam ohne weiteres im Badeanzug vorstellen – oder besser noch in Unterwäsche. Sie war knapp über fünfundvierzig. Bestens in Form. Und intellektuell gefestigt. Was gab es da noch zu sagen? Konnte man sich ein perfekteres Geschöpf, eine gefährlichere Begleitung denken? Die Vorstellung, dass man das Interesse einer solchen Person erweckte, war alles andere als unangenehm, ja sie steigerte sogar sein Selbstwertgefühl, fand er – denn so eine Person hatte ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Geschmack und einiges an Lebenserfahrung. Plötzlich sprang ihm ins Auge, wie mittelmäßig seine Beziehungen mit den Studentinnen gewesen waren. Die Sexualität hatte die Welten nicht durchlässiger gemacht.“ (S. 56f.)
Doch einer Beziehung mit ihr stehen zwei Tatsachen im Wege: Seine Angebetete ist noch mit einem Soldaten verheiratet, der in Afghanistan verschollen scheint, und Marc lebt mit seiner Schwester Marianne in einem Haus, mit der ihn eine mehr als nur schwesterliche Beziehung verbindet …
Djian hat sich in seiner langjährigen Karriere als Meister von Erzählungen allerlei erotischer Verwirrungen erwiesen, und dieses Talent spielt er in seiner neuen, sehr flüssig geschriebenen Story voll aus. Die Ausgangssituation, dass sich ein Mann in besten Jahren mit weitaus jüngeren Damen herumschlägt, ist zwar allzu vertraut, wird in „Die Rastlosen“ aber auf sehr unterhaltsame Weise variiert. Das Jonglieren mit all den Frauen in Marc Leben sorgt für einige amüsante Reflexionen, und das psychologische Feingefühl, mit dem Djian seinen sympathischen Antihelden beschreibt, sorgt für einen vielschichtigen wie kurzweiligen Lesegenuss.

Samstag, 3. November 2012

Jason Starr – „Dumm gelaufen“

(Diogenes, 288 S., Pb.)
Mickey Prada arbeitet in einem Brooklyner Fischgeschäft, um sich so sein Studium zu finanzieren. Außerdem lebt er mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater zusammen, um den er sich kümmern muss. Doch das geordnete Leben des jungen Mannes beginnt aus den Fugen zu geraten, als ein Stammkunde des Ladens, der sich als Angelo Santoro vorstellt und den Mickeys bester Freund Chris gleich als Mafioso identifiziert, Mickey bittet, ein paar Sportwetten für ihn abzuschließen.
Zu Mickeys Pech zählt nicht nur der Umstand, dass Angelo ausnahmslos alle Wetten verliert, sondern dass er partout seine Schulden nicht bezahlen will. Dennoch drängt er Mickey dazu, weitere Wetten für ihn bei Mickeys Buchhalter Artie abzuschließen.
“Während er auf dem Kings Highway nach Hause fuhr, spielte Mickey in Gedanken beide Varianten durch. Wenn er die Wette nicht abgab und die Seahawks verloren, stünde Angelo immer noch mit 1020 Dollar bei Artie in der Kreide. Wenn er die Wette abschloss und die Seahawks gewannen, würde Angelo morgen im Laden auftauchen und annehmen, seine Schulden hätten sich auf zwanzig Piepen reduziert, und Mickey müsste die tausend Dollar Unterschied gegenüber Artie ausgleichen. Mickey wäre so oder so am Arsch, und er entschied, dass er Angelos Wette irgendwie abschließen musste.“ (S. 89) 
Nachdem Mickey seinen Buchmacher immer wieder vertröstet hat, setzt Artie dem Jungen ein Ultimatum. Mickey bleibt nichts anderes übrig, als sein Gespartes anzuzapfen, um wenigstens einen Teil der Schulden zurückzuzahlen, nachdem Angelo schließlich völlig abgetaucht ist. Selbst die Freude über die Bekanntschaft mit der hübschen Rhonda währt nur kurz. Ihr Vater sieht den Umgang mit dem offensichtlichen Tunichtgut nicht gern, und schon bald geht Rhonda ihm aus dem Weg. Als sich für Mickey die Möglichkeit ergibt, bei einem todsicheren Einbruch seine Verluste wieder wettzumachen, hofft er, Rhonda zurückgewinnen zu können, doch natürlich geht auch diese Aktion fürchterlich schief …
Der New Yorker Schriftsteller Jason Starr hat sich zu einem wahren Meister darin entwickelt, sympathische Typen dabei zu beobachten, wie sie ihr eigenes Grab schaufeln oder zumindest von Tragödie zu Tragödie stolpern. Dass er dabei nie die Achtung vor seinen Figuren verliert und ihre Missgeschicke so beschreibt, als könnten sie jedem passieren, macht seine kurzweiligen Geschichten so lesenswert. In diese Tradition reiht sich das bereits 2003 vom Autor verfasste Werk mit dem programmatischen Titel „Dumm gelaufen“ nahtlos ein. Auf charmante Weise beschreibt Starr seinen an sich aufrechten Antihelden, der durch seine Gutmütigkeit unversehens in die Bredouille gerät und aus der Not heraus Dinge tut, die ihn noch tiefer in den Schlamassel reißen. Am Ende wird zwar nicht alles gut, aber zumindest einen Hoffnungsschimmer hält Starr für Mickey und seine Leser bereit.

Samstag, 27. Oktober 2012

John Katzenbach – „Der Wolf“

(Droemer, 510 S., HC)
„Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne euch. Es gibt drei von euch. Ich habe beschlossen, euch
Rote Eins
Rote Zwei
Rote Drei
zu nennen. Ich weiß, dass sich jede von euch im Wald verirrt hat. Und genauso wie das kleine Mädchen im Märchen seid ihr auserwählt zu sterben.“
So endet der kurze Brief mit New Yorker Poststempel, den drei Frauen mit auffallend roten Haaren zur gleichen Zeit in ihrem Briefkasten finden. Verfasst hat sie ein mäßig erfolgreicher Thriller-Autor, der sich dem Rotkäppchen-Märchen entsprechend Böser Wolf nennt und hinter seiner unauffälligen bürgerlichen Fassade mit großer Präzision den Mord an der Internistin Dr. Karen Jayson, der College-Studentin Jordan Ellis und der Lehrerin Sarah Locksley plant, die noch immer nicht den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter verkraftet hat.
Nach den Briefen folgen Hinweise auf YouTube-Links zu Videos, die die Frauen in alltäglichen Situationen zeigen. Doch die Internet-Links geben den Frauen die Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu treten. Obwohl jede von ihnen gerade eine Lebenskrise zu meistern hat, schöpfen sie den Mut, sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben und darauf zu warten, bis der Böse Wolf zuschlägt, sondern sie planen, den Spieß umzudrehen und ihren Peiniger aufzuspüren. Derweil ahnt der Böse Wolf nicht, dass ihm noch von ganz unerwarteter Seite eine Bedrohung naht, die es abzuwenden gilt. Doch in dem Wettkampf mit seinen Opfern strahlt er nach wie vor eine unerschütterliche Zuversicht aus:
„Der Böse Wolf war stolz darauf, wie er seine fiktionalen Welten perfekt mit der Realität in Deckung brachte. In beiden Welten war er ein Mörder. Für ihn gab es kaum noch einen Unterschied zwischen den drei Roten und ihrer Verarbeitung zu Romanfiguren. Beide Welten, die Wirklichkeit und die Fiktion, meisterte er souverän. Die Gewissheit, an beiden Schauplätzen so routiniert zu sein, erfüllte ihn mit einer diebischen Freude.“ (S. 404f.) 
In seiner langjährigen erfolgreichen Schriftstellerkarriere hat der amerikanische Autor John Katzenbach („Die Anstalt“, „Der Patient“) regelmäßig authentisch wirkende Psychopathen geschaffen, die mit akribischer Leidenschaft ihre Taten planten und ausführten. An diese Qualität schließt „Der Wolf“ nahtlos an. Was den Thriller dabei so interessant macht, sind die drei Handlungsebenen, auf denen Katzenbach agiert. Natürlich nimmt der Plan des Bösen Wolfs, seine drei Opfer nach minutiöser Berechnung zu töten, zunächst den größten Raum der Geschichte ein, doch das Gleichgewicht verschiebt sich, sobald die drei im Visier ihres Peinigers stehenden Frauen sich zusammenfinden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und zuletzt greift auch die ganz und gar biedere Ehefrau des Bösen Wolfs ins Geschehen ein, was dem Roman eine packende Dynamik verleiht. Katzenbach versteht es, seine Figuren psychologisch fundiert zu zeichnen und sie in außergewöhnlichen Situationen aufeinander wirken zu lassen, was „Der Wolf“ zu einem äußerst spannenden, kurzweiligen Lesevergnügen macht.

Freitag, 19. Oktober 2012

Stephen King (Der Dunkle Turm: 8) – „Wind“

(Heyne, 415 S., HC)
Was für Tolkien die Bücher über Mittelerde gewesen sind, ist für Stephen King seine Saga um den Dunklen Turm, die abenteuerliche Reise, die Roland, den Revolvermann, mit seinem Ka-Tet durch Mittwelt erlebt. Eigentlich war das gewaltige Epos, das – neben vielen anderen - von Robert Brownings Gedicht „Herr Roland kam zum finstern Turm“ ebenso inspiriert wurde wie von Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie und den Western von Sergio Leone, mit dem 2004 erschienenen siebten Band „Der Turm“ abgeschlossen, doch offensichtlich lässt Stephen King sein für ihn „wichtigstes Werk“ nicht los.
„Wind“ führt die Saga um den Dunklen Turm aber nicht weiter, sondern bildet eher eine Episode ab, die zeitlich zwischen dem vierten Band „Glas“ und dem fünften Band „Wolfsmond“ angesiedelt ist. Nach ihrem Abenteuer im Grünen Palast streifen Roland von Gilead, Susannah, Eddie und Jake mit dem Billy-Bumbler Oy auf der Straße des Balkens in Richtung des Landes Donnerschlag und damit weiter in Richtung Dunkler Turm. In dem heruntergekommenen Versammlungshaus von Gook schützt sich die Truppe vor dem herannahenden Stoßwind, und Roland nutzt die Zeit, in der niemand an Schlaf denken kann, zum Erzählen einer Geschichte über den Fellmann, den der junge Roland mit seinem Ka-Gefährten Jamie in Debaria aufspüren soll, eine Bestie, die sich offensichtlich von einem Menschen durch mehrere Metamorphosen in einem riesigen Bär verwandeln kann und ganze Familien abschlachtet. Als sie die Jefferson-Ranch nach einem dieser Gemetzel aufsuchen, bergen sie einen Jungen namens Bill, der sich vor dem Gestaltwandler verstecken und an ihm eine Tätowierung entdecken konnte. Bevor sich Roland und seine Freunde auf die Suche nach der Bestie machen, erzählt er dem Jungen eine Geschichte, die er selbst als Junge von seiner Mutter erzählt bekam, „Der Wind durchs Schlüsselloch“.
„Ich begann langsam und systematisch, denn auch das Geschichtenerzählen fiel mir in jenen Tagen nicht leicht … obwohl es etwas war, was ich im Lauf der Zeit gut lernte. Weil ich musste. Das müssen alle Revolvermänner. Aber sobald ich einmal angefangen hatte, sprach ich zunehmend freier und natürlicher. Weil ich die Stimme meiner Mutter hörte. Sie sprach mit allen Hebungen, Senkungen und Pausen aus meinem Mund. Ich konnte sehen, wie Bill in der Geschichte aufging, und das gefiel mir – es war fast so, als hypnotisierte ich ihn wieder, allerdings auf bessere Weise. Auf ehrlichere Weise. Das Beste daran war jedoch, dass ich wieder die Stimme meiner Mutter hörte. Es war, als würde sie mir, tief aus meinem Inneren kommend, zurückgegeben. Es schmerzte natürlich, aber das tun die besten Dinge meistens, wie ich seither festgestellt habe. Das würde man nicht glauben, aber – wie die Alten zu sagen pflegten – die Welt ist schief und hat irgendwo ein Ende.“ (S. 146) 
Tatsächlich nimmt die von Roland erzählte Geschichte „Der Wind durchs Schlüsselloch“ den Hauptteil des achten „Dunkler Turm“-Romans ein und präsentiert sich als grandios fabuliertes klassisches Märchen eines Jungen, der loszieht, um den Mord an seinen Vater zu rächen und die Blindheit seiner Mutter zu heilen, und dabei zum jungen Mann heranreift und schließlich zu einem Revolvermann wird. Insofern funktioniert „Wind“ auch als eigenständiges Werk, für das man den Hintergrund der damit zusammenhängenden Dark-Fantasy-Saga nicht zwingend kennen muss. Fans der „Dunkler Tum“-Saga dürfen nach dieser wunderschönen Märchengeschichte aber hoffen, dass der Autor immer mal wieder nach Mittwelt zurückkehrt, um weitere so schöne Geschichten zu erzählen.
Leseprobe: Stephen King – “Wind”

Dienstag, 16. Oktober 2012

Håkan Nesser – „Am Abend des Mordes“

(btb, 474 S., HC)
Nachdem seine Frau Marianne durch ein Aneurysma plötzlich verstorben ist, bekommt Inspektor Barbarotti von seinem Chef Asunander einen sogenannten „Cold Case“ zur alleinigen Bearbeitung. Offensichtlich will der Kommissar einen Monat vor seiner Pensionierung noch ein paar ungelöste Fälle abgearbeitet haben, vielleicht möchte er Barbarotti aber auch nur mit einem hoffnungslosen Fall beschäftigen, bis er wieder richtig bei der Sache sein kann. Vor fünf Jahren verschwand der damals 54-jährige Elektriker Arnold Morinder spurlos. Seine Lebensgefährtin Ellen Bjarnebo wurde deshalb verdächtigt, etwas mit dem Umstand zu tun zu haben, weil sie bereits 1989 den Beinamen „Die Schlächterin von Klein-Burma“ erhalten hatte, nachdem sie gestand, ihren Mann Harry Helgesson mit einem Vorschlaghammer erschlagen, zerstückelt und die Körperteile in Müllsäcken im naheliegenden Wald verstreut zu haben.
Während Barbarotti die alten Vernehmungsprotokolle durcharbeitet und alte Zeugen und mit dem Fall befasste Kriminalbeamte besucht, leitet seine Kollegin Eva Backman die Ermittlungen im Mordfall Raymond Fängström, Mitglied im Stadtrat von Kymlinge für die rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Barbarotti nutzt die Reisen zu den Zeugen für einen Besuch seiner Tochter Sara in Stockholm, versucht, bei einem Trauertherapeuten mit dem Verlust seiner geliebten Frau umgehen zu lernen, befindet sich in einem Zwiegespräch mit Gott und hofft auf eine Zeichen, dass es Marianne im Jenseits gut geht.
„Die Trauer öffnete eine Tür zwischen Seele und Körper und wurde rein physisch empfunden. Nach Mariannes Tod hatte er gelernt, dass es so war – so sein konnte. Dass er tatsächlich gelähmt sein konnte, unfähig, aus dieser Position, dieser Gemengelage zu kommen, in der er sich befand. Wie gesagt, wie versteinert. Weil jede Bewegung, jede Handlung und jeder Gedanke völlig sinnlos waren. Unter dem schweren Druck der Trauer lag man platt. Das Atmen fiel ihm schwer, die Brust wurde zusammengepresst, statt sich zu weiten. War es das, was man gemeinhin panische Angst nannte? Er wusste es nicht. Man konnte nur abwarten, dass es aufhörte, zumindest ein klein wenig nachließ; das Einzige, was man eventuell tun konnte, war beten, aber wortlos, weil es keine Worte gab; als ein mehr oder minder heroischer Versuch, die Gedanken zu fokussieren. Auf sie. Auf die Hoffnung, dass sie in irgendeinem Sinne noch lebte. Darauf, dass es überhaupt so etwas wie einen Sinn gab.“ (S. 247) 
Bevor sich Barbarotti auf den Weg nach Lappland macht, um sich mit Ellen Bjarnebo zu treffen, warnt ihn Marianne vor der Gefahr, in die er sich begibt … Nach Van Veeteren hat der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser mit dem halbitalienischen Inspektor Gunnar Barbarotti einen ebenfalls sehr sympathischen Protagonisten kreiert, der in „Am Abend des Mordes“ auch schon seinen fünften Fall bearbeitet. Dabei fügen sich gleich mehrere Fälle zusammen, die zunächst wenig miteinander gemein haben und bei denen sich erst allmählich herauskristallisiert, wie die Dinge wirklich liegen. Im Falle der „Cold Cases“ geschieht dies immer wieder durch Rückblenden, in denen vor allem die Beziehung zwischen der Verdächtigen und ihrem gehandicapten Sohn Billy im Zentrum stehen, aber auch ihr Verhältnis zu den beiden unbeliebten Männern, während Eva Backmans Fall eher im Hintergrund verläuft. Doch „Am Abend des Mordes“ überzeugt nicht nur allein durch Barbarottis Ermittlungsarbeit, die die Schwächen der vorangegangenen Verhöre und Schlussfolgerungen aufdeckt, sondern vor allem auch in der einfühlsamen Beschreibung von Barbarottis Innenleben nach seinem schmerzlichen Verlust. Das verleiht dem durchaus packenden Krimi eine zutiefst menschliche Note, für die Nesser wohlbekannt ist.
Leseprobe Håkan Nesser - "Am Abend des Mordes"

Montag, 15. Oktober 2012

Jack Kerouac – „Unterwegs – On The Road“

(Rowohlt, 575 S., Tb.)
Zusammen mit Allen Ginsberg und William S. Burroughs, seinen Kommilitonen an der Columbia University in New York, zählt der US-amerikanische Schriftsteller Jack Kerouac (1922 – 1969) zu den Wegbereitern der sogenannten Beat Generation, die heute als erste Vertreter der Popliteratur angesehen wird. Seinen Durchbruch und Höhepunkt schaffte Kerouac mit dem 1957 erstmals veröffentlichten, nun zur Verfilmung durch Walter Salles auch in der Urfassung erschienenen Roman „On The Road“.
Der stark autobiografisch geprägte Roman fokussiert sich vor allem auf Kerouacs Bekanntschaft mit Neal Cassady, der auch anderen Beatniks als Inspiration diente. Kerouac hat immer davon geträumt, das Land auf dem Weg nach Westen zu erkunden, konnte sich aber nie dazu aufraffen. Als Cassady aus dem Erziehungsheim in Colorado entlassen worden ist und nach New York kommt, will er von Kerouac das Schreiben lernen. Nicht nur Ginsberg und Cassady liegen schnell auf einer Wellenlänge, auch mit Kerouac redet Cassady ohne Unterlass und zieht ihn mit auf die Straße. Sie haben kaum Geld in den Taschen, finden aber immer irgendjemanden, der ihnen einen Wagen leiht, Geld schickt oder eine Mitfahrgelegenheit anbietet. In wechselnden Konstellationen trampen die Beatniks durch die Vereinigten Staaten von Amerika, springen auf Güterzüge, reisen in Greyhound-Bussen oder fahren in gestohlenen Autos von New York City über Chicago und Denver bis nach New Orleans und schließlich nach Mexiko. Unterwegs machen sie die merkwürdigsten Frauen- und Männerbekanntschaften, heiraten hier und da, praktizieren die freie Liebe und geben sich dem Rausch der Drogen und der Musik hin. Der Bebop hat es ihnen angetan, das Leben auf der Straße und in den Clubs.
„Alles, was ich wollte und was Neal wollte und was alle wollten, war, irgendwie ins Herz der Dinge vorzustoßen, wo wir uns wie im Mutterschoß einkringeln und dem ekstatischen Schlaf hingeben konnten, den Burroughs mit einer schönen großen Spritze M. erlebte und die Werbemanager in New York mit zwölf Scotch & Sodas im Stouffers, bevor sie in den Säuferzug nach Westchester stiegen – nur ohne Kater. Ich hatte damals haufenweise romantische Phantasien und beseufzte mein Ungemach. In Wirklichkeit stirbt man einfach, man stirbt die ganze Zeit, und doch lebt man, man lebt weiter, und das ist keine Augenwischerei.“ (S. 251) 
So wie das wilde Treiben auf den Straßen liest sich auch „On The Road“. Kerouac beschreibt wie im Rausch das Lebensgefühl eines aufgeweckten, lebenshungrigen Vagabunden. „Die Geschichte handelt von dir und mir und der Straße“, hat Kerouac 1951 in einem Brief an seinen Freund Neal Cassady so treffend zusammengefasst, und es passt durchaus ins Bild, dass Kerouac das ganze Ding auf einer fast vierzig Meter langen Rolle Fernschreiberpapier ohne Punkt und Komma runtergeschrieben hat. Es ist nicht nur das Dokument einer Reise, sondern auch einer spirituellen Suche, die durch Arbeiten, Ambitionen und Ablehnung geprägt ist. Und wenn er sich nicht räumlich von der Stelle bewegte, halfen ihm die Drogen, sich an Orte zu begeben, die Burroughs als „dunkle oder Übergangszonen“ bezeichnet hat.
Nach der Zerrüttung seiner Familie, dem Chaos der Kriegsjahre, dem Tod seines Vaters und älteren Bruders war der traditionell erzogene Kerouac auf einmal empfänglich für alles Entwurzelte und Hilflose und glaubte an die Fortbewegung als Mittel zur Selbstveränderung. Dass er sich bei seinen Beobachtungen stets auf die Außenseiter und Zurückgebliebenen konzentrierte, verleiht auch „Unterwegs“ seinen zauberhaften, fast magischen Charme. Weitere tiefgreifende Einsichten vermitteln die verschiedenen Essays zur Entstehung und Wirkung des Romans am Ende des Buches – sie nehmen immerhin über 130 Seiten ein und sorgen für ein besseres Verständnis des temperamentvollen Straßenromans.

Freitag, 21. September 2012

John Grisham – “Verteidigung”

(Heyne, 464 S., HC)
Fünf Jahre in der Tretmühle von Chicagos renommierter Kanzlei Rogan Rothberg sind für David Zinc mehr als genug. Fünf Jahre, in denen Zinc sechs Tage die Woche von frühmorgens bis spätabends schuftete, aber immerhin gutes Geld nach Hause brachte. Doch eines Tages steigt er nicht aus dem Fahrstuhl im Trust Tower aus, um sich zu seinen sechshundert Kollegen zu gesellen, sondern fährt wieder nach unten und fühlt eine enorme Erleichterung, als er den Entschluss fasst, nie wieder zurückzukehren. Stattdessen kehrt er in eine Bar ein und lässt sich den ganzen Tag volllaufen. Anschließend torkelt er in die nächstbeste Kanzlei und bittet um einen Job. Bei der zufällig ausgesuchten „Boutiquekanzlei“ handelt es sich um Finley & Figg, die überwiegend Personenschäden bearbeitet, die sie an der nahen Kreuzung aufgabelten, wenn es mal wieder ordentlich krachte.
Der 62-jährige Seniorpartner Oscar Finley leidet vor allem daran, noch immer mit seiner ersten Frau verheiratet zu sein, die ihm das Leben zur Hölle macht, sein 45-jähriger Juniorpartner Wally Figg ist vor allem für die billige Kanzleiwerbung zuständig und markiert den knallharten Prozessanwalt. Als sich Zinc bei einem dieser Unfälle positiv hervortut, nehmen Finley & Figg den jungen Mann bei sich auf und bekommen bald an einen Fall, der endlich das große Geld bringen könnte. Durch einen ihrer Mandanten erhalten sie den Hinweis, dass das cholesterinsenkende Medikament Krayoxx Menschenleben kostet. Eifrig suchen Finley & Figg nach weiteren Todesfällen und hängen sich an die große Kanzlei Zell & Potter, die auf Sammelklagen spezialisiert ist. Das Ziel ist ein Vergleich, der nicht nur die Klägerparteien entschädigt, sondern auch für die beteiligten Anwälte ein hübsches Sümmchen abwirft. Tatsächlich scheint der immer wieder in den Schlagzeilen stehende Pharmakonzern Varrick Labs ungewöhnlich schnell auf einen Vergleich eingehen zu wollen.
„Warum war David beunruhigt? Schließlich würde es ja keine Verhandlung geben, richtig? Alle Anwälte auf seiner Seite des Gerichtssaals glaubten, hofften und beteten, dass Varrick Labs für Krayoxx einen Vergleich schließen würde, lange bevor es mit den Verhandlungen losging. Und wenn man Barkley von der Gegenseite glauben konnte, rechneten auch die Anwälte der Beklagten mit einem Vergleich. War das Ganze ein abgekartetes Spiel? Funktionierte so das Sammelklagengeschäft? Jemand stellt fest, dass ein Medikament gesundheitsschädlich ist, die Anwälte der Kläger sammeln so viele Mandate wie möglich, Klagen werden eingereicht, die Verteidiger des Beklagten reagieren mit endlosem Nachschub an teuren Rechtsbeiständen, beide Seiten kämpfen mit harten Bandagen und so lange, bis der Hersteller des Medikaments es leid ist, andauernd fette Schecks auszustellen. Daraufhin wird ein Vergleich ausgehandelt, die Anwälte der Kläger stecken ein gigantisches Honorar in die Tasche, und ihre Mandanten bekommen viel weniger, als sie erwartet haben. Wenn der Staub sich gelegt hat, sind die Anwälte auf beiden Seiten ein gutes Stück reicher, und das Pharmaunternehmen bereinigt seine Bilanz und entwickelt ein neues Medikament. War das Ganze nichts anderes als unterhaltsames Theater?“ (S. 228) 
David Zincs Unruhe ist nicht unbegründet, wie sich bald herausstellt, denn es fehlen dringend benötigte Beweise, die Krayoxx mit den Todesfällen in Verbindung bringt. Vor Gericht entwickelt sich das Verfahren schnell zu einem Rohrkrepierer, das die Zukunft der Kanzlei gefährdet …
John Grisham hat sich in den meisten seiner Justiz-Thriller auf Fälle spezialisiert, in denen junge Anwälte den Kampf gegen übermächtige Konzerne aufnehmen. In dieser Tradition steht auch „Verteidigung“. Während sich der Verhandlungsverlauf in absolut vorhersehbaren Bahnen bewegt und wenig Spannung aufbauen lässt, sind es vor allem die charismatischen Protagonisten, die dem Thriller Leben einhauchen und das Lesevergnügen begründen. „Verteidigung“ zählt sicher nicht zu den Highlights unter den über zwanzig Romanen, die Grisham bereits auf seinem Konto verbuchen kann, dazu wirkt die Geschichte doch sehr wie am Reißbrett konstruiert. Aber die lebendigen Portraits der ganz unterschiedlichen Anwaltsfiguren machen das Buch letztlich doch lesenwert.
Leseprobe John Grisham – „Verteidigung“

Dienstag, 11. September 2012

Ryan David Jahn – “Ein Akt der Gewalt”

(Heyne, 287 S., Tb.)
Nach einer wieder mal langen Nacht macht sich die knapp dreißigjährige Barfrau Katrina Marino morgens um vier Uhr auf den Heimweg. Nachdem sie noch einen platten Reifen an ihrem Auto wechseln musste, freut sie sich nur noch auf ein warmes Bad. Sie hat schon den Wohnungsschlüssel im Schloss stecken, als sie von hinten an den Haaren gepackt wird und einen Messerstich an ihrer Schulter spürt. Der Täter sticht noch einmal zu und lässt sein Opfer blutend zurück. Einige von Kats Nachbarn beobachten den Vorfall oder sehen sie später am Hauseingang sitzen, fühlen sich aber nicht zuständig, ihr zu helfen oder die Polizei zu rufen.
Da ist Patrick, der seine todkranke Mutter pflegt und nicht weiß, wie er ihr beibringen soll, dass er zur Musterung aufgefordert worden ist und vielleicht nach Vietnam muss. Da ist die betrogene Ehefrau Diane Myers, die ihrem Mann Larry entlocken will, mit wem er sie betrügt. Da ist Larrys einsamer Bowling-Kumpel Thomas, der seinem armseligen Leben ein Ende setzen will. In einem anderen Apartment haben sich Peter Adams und sein Arbeitskollege Ron jeweils mit den Frauen des anderen vergnügt. Während all diese und einige weitere Menschen ihre eigenen kleinen wie großen Probleme zu bewältigen versuchen, nehmen sie irgendwann von der jungen Frau Notiz, die auf der anderen Straßenseite hilflos am Hauseingang sitzt, doch nichts unternehmen.
„Sie sieht sich um. Die meisten Gesichter, die vorher zu ihr heruntergeblickt haben, sind verschwunden. In den meisten Wohnzimmern ist das Licht gelöscht worden. Aber einige sind noch erleuchtet, und in anderen kann man, obwohl das Licht mehr brennt, Menschen sehen, die am Fenster stehen und sie beobachten. Vielleicht haben sie das Licht ausgemacht, um so einen besseren Blick zu haben, vielleicht auch nicht. Jedenfalls sind da immer noch einige Gesichter mit weißen Augen, die zu ihr herunterblicken. ‚Helft … mir‘, sagt sie. ‚Bitte.‘ Es hatte ein Ruf werden sollen, aber es ist kaum ein Flüstern geworden. Eine schwache Brise. Ein Rascheln von Laub. Für mehr als das hat sie fast keine Kraft – aber sie versucht es. ‚Jemand‘, sagt sie mit brechender Stimme, ‚hilf mir! Bitte!‘ Sie hört die Verzweiflung in der eigenen Stimme. Die Menschen, die in ihren Wohnzimmern stehen und ihr zusehen, rühren sich nicht.“ (S. 123) 
Während Kat schwer verletzt versucht, in ihre Wohnung zu gelangen, um telefonisch Hilfe zu besorgen, bewegen sich ihre Nachbarn in ihrem eigenen Mikrokosmos. Sie haben zwar Notiz von der notleidenden Frau genommen, gehen aber davon aus, dass andere bereits Hilfe gerufen haben, und versuchen, ihre eigenen Probleme in den Griff zu bekommen.
Der amerikanische Autor Ryan David Jahn hat sich für sein Romandebüt „Ein Akt der Gewalt“ von dem Mord an Kitty Genovese inspirieren lassen, der 1964 in den Medien für Aufsehen sorgte und in der Kriminalgeschichte mit dem „Bystander-Effekt“ belegt worden ist. Jahn beschreibt das erschütternde Geschehen allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Die kämpferische Art, mit der das Opfer an seinem Leben festzuhalten versucht, einerseits und der nüchterne Stil, mit dem beschrieben wird, wie Kats Nachbarn die frühen Morgenstunden verbringen, hebt nur umso intensiver hervor, wie fassungslos man als (lesender) Beobachter das Geschehen verfolgt. Doch das Buch bietet noch weitere Themen, so werden Probleme der Sterbehilfe, des Rassismus und verschiedene Arten der Liebe angerissen, dass der Stoff durchaus für mehr als nur 270 Seiten gereicht hätte. Doch in der Kürze liegt bekanntlich die Würze, und „Ein Akt der Gewalt“ schafft es von Beginn an, den Leser mit der Schilderung der dramatischen Ereignisse zu fesseln und bis zum bitteren Finale nicht mehr loszulassen. Als Bonus präsentiert das Buch noch eine Leseprobe aus Jahns neuem Werk „Der Cop“.
Leseprobe Ryan David Jahn – „Ein Akt der Gewalt“

Mittwoch, 5. September 2012

David Ballantyne – “Sydney Bridge Upside Down”

(Hoffmann und Campe, 335 S., HC)
Der dreizehnjährige Harry lebt mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder Cal in dem neuseeländischen Kaff Calliope Bay und wartet darauf, dass seine Mutter, die über den Sommer in die Stadt gezogen ist, zurückkommt. In der Zwischenzeit erwartet er mit Spannung die Ankunft seiner älteren Cousine Caroline. Mit ihr, Cal und dem Nachbarsjungen Dibs erkundet Harry die steile Küste und die Ruine der alten Fleischfabrik.
Besondere Freude bereitet ihm aber das morgendliche, nackte Toben durch das Haus, und Harry beginnt, Caroline vor jeder potentiellen Gefahr zu beschützen, besonders vor dem aufdringlichen Mr. Wiggins. Auch die gelegentlichen Küsse mit spitzen Lippen gefallen dem Jungen. Doch nach und nach scheint Caroline das Interesse an Harry zu verlieren und sich mit älteren Jungs anzufreunden. In dieser Hinsicht nimmt der Ausflug zur Kirmes eine besondere Bedeutung ein.
„In den letzten Tagen, seit einer Woche etwa, hatte ich mir um Caroline einige Sorgen gemacht. Sie war unglücklich, das war nicht zu übersehen, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sagen würde, dass sie Calliope Bay satthatte und nach Hause wollte. Ich hatte lange darüber nachgedacht und war mir inzwischen ziemlich sicher, dass dieses traurige Schweigen unmittelbar nach der Kirmes angefangen hatte. Was ist nur auf der Kirmes passiert, fragte ich mich, dass sie so traurig ist? Der Ausflug hätte sie fröhlich machen sollen! Sie war ganz anders als vorher. Noch bevor ich morgens mit meinem Training anfing, spürte ich, dass sie auf unser altes Spiel keine Lust mehr hatte, mit dem Fangen war es endgültig vorbei. Ich wusste auch nicht mehr so recht, wie ich mich bei dem Spiel verhalten sollte, ich trauerte ihm deshalb nicht nach, aber wenn Caroline gewollt hätte, hätte ich natürlich weiter mitgemacht. Doch seit der Kirmes hatte sie kein Wort mehr darüber verloren, und sie hatte mich auch kein einziges Mal geküsst.“ (S. 235f.) 
Weit beunruhigender sind allerdings die Unglücksfälle, die in dem kleinen Küstenort für Aufsehen sorgen …
David Ballantyne (1924-1986) zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Neuseelands und hat mit seinem fünften Roman „Sydney Bridge Upside Down“ (was der Name eines Pferdes ist, das in dem Roman zwar keine tragende Rolle spielt, aber immer mal wieder auftaucht) eine einfühlsam geschriebene Geschichte über einen Jungen vorgelegt, der die Schwelle zum Erwachsenwerden betritt. Vor allem die Gedanken, Sorgen, Glücksmomente und Unsicherheiten im Zusammenhang mit Harrys hübscher Cousine zählen zu den Stärken des Romans, der nicht nur ein Portrait über einen pubertierenden Jungen darstellt, sondern ebenso ein Familiendrama und Gesellschaftsstudie mit tragischem Ausgang.
Leseprobe David Ballantyne - “Sydney Bridge Upside Down”

Mittwoch, 22. August 2012

Don Winslow – “Tage der Toten”

(Suhrkamp, 689 S., Tb.)
Als der ehemalige CIA-Agent Art Keller 1973 von der gerade gegründeten DEA in die mexikanische Provinz Sinaloa geschickt wird, werden seine Ambitionen im Kampf gegen die Drogen zunächst von der örtlichen Polizei als auch den eigenen Kollegen torpediert. Das ändert sich erst, als er Miguel Ángel Barrera kennenlernt, der nicht nur Polizeioffizier in Sinaloa ist, sondern auch Leibwächter und rechte Hand des dortigen Gouverneurs Manuel Sánchez Cerro. „Arturo“, wie Art von seinen neuen mexikanischen Freunden genannt wird, erkämpft sich in einem Boxkampf den Respekt von Barreras Neffen Adán und wird in die Familie aufgenommen, die mit einem fulminanten Paukenschlag das Drogenimperium von Don Pedro Áviles zerschlägt.
Doch Familienoberhaupt Tío Barrera dient dieses Manöver nur dazu, sich selbst an die Spitze einer neuen Federación zu setzen, die auf einmal den gesamten Drogenhandel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze kontrolliert.
„Offenbar gibt es ein Gesetz der paradoxen Wirkungen, denkt Keller beim Anblick der Kisten schleppenden Federales. Operation Condor sollte das Krebsgeschwür der Opiumproduktion beseitigen, doch bewirkt hat sie, dass sich überall im Land Metastasen bilden. Das muss man den Opiumbauern von Sinaloa lassen – ihre Reaktion auf die Vertreibung war einfach genial. Sie haben begriffen, dass ihr wertvollstes Kapital nicht die Drogen sind, sondern die zweitausend Meilen gemeinsame Grenze mit den USA. Den Boden kann man vergiften, Ernten kann man verbrennen, Menschen kann man vertreiben, aber diese Grenze steht fest, ihr kann man nichts anhaben. Und eine Ware, die auf der einen Seite der Grenze ein paar Cent wert ist, lässt sich auf der anderen Seite für zig Dollar verkaufen. Die Ware, um die es geht, ist – allen offiziellen Verlautbarungen zum Trotz – Kokain.“ (S. 135) 
Die mexikanische Federación ist von der Drogenproduktion auf den –transport umgestiegen, lässt sich von den Kolumbianern tausend Dollar für jedes Kilo Kokain zahlen, das die Mexikaner in die USA schmuggeln, wo es in Labors zu Crack verarbeitet und auf den Straßen der USA vertrieben wird. Keller muss sich neue Verbündete suchen, um seine ehemaligen Freunde zu bekämpfen. Doch bei all den undurchsichtigen Manövern, Intrigen und Hinterhalten sterben immer wieder Unschuldige …
Schon in seiner Kindheit hatte der New Yorker Schriftsteller Don Winslow Kontakt zu berüchtigten Mafiagrößen und hat fünf Jahre an seinem durch eine wahre Begebenheit inspirierten Thriller geschrieben, das sich wie ein packendes Epos à la „Der Pate“ liest und als literarisches Äquivalent zu Steven Soderberghs Drogen-Episoden-Drama „Traffic“ angesehen werden kann. Winslow gibt sich viel Mühe, in seiner schnörkellosen Sprache die Zusammenhänge in dem komplexen Drogenkrieg zu erläutern, den der amerikanische Präsident Richard Nixon ausgerufen hat und bis heute noch zu keinem Ende gekommen ist. Schließlich verdienen alle Beteiligten enorme Summen mit der Produktion und dem Vertrieb von Drogen. Allianzen werden geknüpft und verraten, Exekutionen in Auftrag gegeben, Massaker und Folterungen veranstaltet, Freunde werden zu Feinden, Unschuldige geraten ins Kreuzfeuer der Drogenmafioso.  
„Tage der Toten“ deckt einen Zeitraum von gut dreißig Jahren ab und bringt verschiedene Charaktere wie den irischen Killer Callan, den mexikanischen Bischof Juan Parada und die Edelprostituierte Nora Hayden ins Spiel, deren Wege sich auf verschlungenen Pfaden kreuzen und das Drama mit Leben füllen. Winslow nimmt bei der Schilderung von Folter-, Sex- und Attentatsszenen kein Blatt vor den Mund, was sein Epos ebenso authentisch wie brutal wirken lässt. Auf jeden Fall lässt dieses mit dem „Deutschen Krimipreis 2011“ausgezeichnete Meisterwerk niemanden kalt.
Lesen Sie im Buch: Don Winslow – „Tage der Toten“

Freitag, 10. August 2012

John Lescroart – “Der Angeklagte”

(Heyne, 527 S., Tb.)
Nach vier Tagen in seinem neuen Job als Staatsanwalt in San Francisco wird Wes Farrell mit einem besonders heiklen Fall konfrontiert. Von Cliff und Theresa Curtlee, Eigentümer des „Courier“, San Franciscos zweitgrößter Zeitung, wird er gedrängt, den Prozess gegen ihren Sohn Ro nicht wieder aufzunehmen. Dieser wurde vor zehn Jahren wegen Vergewaltigung und Mord an dem Curtlee-Hausmädchen Dolores Sandoval zu 25 Jahren bis lebenslänglich verurteilt worden, doch durch eine erfolgreiche Berufung steht für Ro nun der Weg offen, auf Kaution freigelassen zu werden, bis über die Wiederaufnahme des Prozesses entschieden worden ist.
Tatsächlich wird Ro die ersehnte Kaution gewährt, der sich sofort daran macht, potentielle Zeugen und Mitschuldige an seiner damaligen Verurteilung aus dem Weg zu räumen, ohne dass ihm von Kommissar Abe Glitsky und der stellvertretenden Staatsanwältin Amanda Jenkins etwas nachgewiesen werden kann.
„In Farrells Augen war das Recht ein nicht dehnbahres, objektives Instrumentarium, mit dem eine Gesellschaft ihre Meinungsverschiedenheiten klärte. Der Ermessensfreiheit waren enge Grenzen gesetzt. Und Moral war ein Faktor, der ohnehin nur höchst selten zum Tragen kam. Aber mit Sicherheit war das Gesetz kein Werkzeug, mit dem man selektiv die einen verfolgte – und andere, die das gleiche Vergehen begangen hatten, ungeschoren davonkommen ließ. Glitsky und Jenkins hatten offenkundig kein Problem damit, die Rechtslage kreativ zu interpretieren, um Ro Curtlee wieder hinter Gitter zu schicken. Farrell hingegen war überzeugt, dass alles, was nicht mit der gleichen Elle gemessen würde, per Definition Unrecht sei. Und trotzdem glaubten Glitsky und Jenkins offensichtlich, dass sie Recht und – mehr noch – die Moral auf ihrer Seite hatten.“ (S. 92f.) 
Der amerikanische Schriftsteller John Lescroart zählt nach John Grisham zu den besten Justizthriller-Autoren der heutigen Zeit. Mit seinem neuen Werk „Der Angeklagte“ demonstriert er wiederum eindrucksvoll, warum ihm diese Genre-Spitzenstellung zu Recht gebührt. Von der ersten Seite an fesselt Lescroart den Leser mit einem packenden Plot und entwickelt einen nervenzerreißenden Wettkampf zwischen den aufrichtigen Gesetzeshütern und den abgrundtief bösen Ro Curtlee, der sich keinen Deut um Recht und Moral schert. Zwar sind Lescroarts Figuren extrem eindimensional gezeichnet – hier die sympathischen Hüter von Recht und Ordnung, dort die reichen Curtlees, die glauben, mit ihrem Geld alles kaufen zu können und so auch über dem Gesetz zu stehen -, doch unterstützt diese Schwarz-Weiß-Malerei die Dramaturgie im Kampf für die Gerechtigkeit. Der Showdown hat es auf typisch amerikanische Weise natürlich in sich und wartet mit ein paar Überraschungen auf. Und Fans von Lescroarts Kultfigur Dismas Hardy dürfen sich auf ein kurzes Stelldichein ihres Lieblings freuen.
Lesen Sie im Buch: John Lescroart – „Der Angeklagte"

Donnerstag, 9. August 2012

Brian DeLeeuw – “Der Andere”

(Knaur, 344 S., Tb.)
An einem Novembertag vor acht Jahren lernte Daniel den gleichaltrigen Luke auf dem Spielplatz gegenüber dem Metropolitan Museum kennen und weicht seitdem nicht mehr von seiner Seite. Wie selbstverständlich gehört er seit jenem Tag zum Haushalt seines neuen Freundes und dessen Mutter Claire, die als Verlegerin eines Krimi-Kleinverlages arbeitet. Daniel wird so Zeuge der Trennung von Lukes Eltern, der Depression seiner Mutter, die tagelang ihr Arbeitszimmer nicht zu verlassen scheint.
Doch Claire Nightingale sträubt sich gegen die Freundschaft ihres Sohnes mit Daniel und schickt ihn zum Psychiater Dr. Claymore. Daniel animiert seinen neuen Freund zu Taten, die sich dieser so nicht zugetraut hätte, doch mit der Zeit entwickelt sich eine Rivalität zwischen den beiden Jungen. Daniel wird zunehmend aus dem Leben seines Freundes gedrängt, der sich wiederum immer neue Ideen einfallen lassen muss, Lukes Zuneigung zurückzugewinnen.
„Luke wurde älter, einige Dinge in seinem Leben veränderten sich, andere nicht. Die wirklich wichtigen Dinge veränderten sich nicht. In der Schule machte er seine Sache recht ordentlich und pflegte die Freundschaft zu Omar. Er ging regelmäßig zu Dr. Claymore und nahm seine Medikamente ein. Seinen Vater sah er so gut wie nie. Im Grunde lebte er eigentlich nicht, sondern existierte einfach nur. Am Tag ließ er sich in der Schule, am Abend zu Hause bei Claire treiben, während sich Wochen, Monate und Jahre ansammelten wie neuer Schnee, der leise auf den alten herabrieselt. Ich stemmte mich gegen die Innenwand seines Schädels, aber es war zwecklos. Er konnte mich nicht hören, ich war gefangen. So wartete ich, wie jeder andere Gefangene auch. Ich saß die Zeit ab und setzte mein Vertrauen in die Vorstellung, dass sich etwas ändern musste und dass mein Vertrauen schließlich belohnt würde.“ (S. 92) 
Dem Leser wird schnell klar, dass Luke eine gespaltene Persönlichkeit ist und Daniel als imaginären Freund heraufbeschwört, den der Seelenklempner gefälligst zu exorzieren hat. Bei aller sprachlicher Souveränität lässt „Der Andere“ allerdings vor allem eins vermissen: Spannung. Nach dem fulminanten Auftakt mit den beiden Sätzen „Ich betrete den Eingangsbereich des Apartmenthauses, in dem Claire Nightingale lebt. Ich will ihr sagen, dass ich ihren einzigen Sohn umgebracht habe“ wartet man nicht nur vergeblich auf eine Auflösung, sondern auf eine Dramaturgie, in der sich die Ereignisse, die zu dieser Tat geführt haben, zuspitzt. Stattdessen entpuppt sich „Der Andere“ als stilistisch wundervoll verfasstes Psychogramm eines schizophrenen Jungen, dessen dunkle Seite aber keine wirklich entsetzlichen Taten verübt.
Lesen Sie im Buch: Brian DeLeeuw "Der Andere"

Sonntag, 5. August 2012

Howard Linskey – “Crime Machine”

(Knaur, 378 S., Tb.)
David Blake arbeitet als „Berater“ für Bobby Mahoney, Gangsterboss im englischen Newcastle. Als er mit seiner Frau Laura aus dem Thailand-Urlaub zurückkehrt, wird er von Bobbys wichtigstem Vollstrecker in Empfang genommen und zum Chef kutschiert, was nur Ärger bedeuten kann. Tatsächlich wird David mit der Information konfrontiert, dass die übliche Übergabe vor seinem Urlaub nicht stattgefunden habe.
David Blake macht sich auf die Suche nach Geordie Cartwright, der für ihn die Übergabe übernehmen sollte, doch Geordie ist verschwunden. Zusammen mit Vollstrecker Finney klappert David verschiedene Clubs ab, bis er einen Tipp erhält, dass Geordie wohl Spielschulden hatte und nebenbei Geschäfte mit einem Russen abwickelte. Schließlich entdecken sie den Gesuchten mit einem Loch im Kopf. Doch Geordie ist nicht der Einzige, der auf der Abschussliste aus Bobby Mahoneys Crew steht. David hat alle Hände voll zu tun, herauszufinden, wer seinem Boss das Revier streitig machen will, und die Übergabe nachzuholen …
„Die Übergabe war eine Versicherungspolice. Bestechungs- und Schmiergeld. Mit der Übergabe kauften wir Einfluss und Informationen. Dadurch bekamen wir die Erlaubnis zugesichert, in unserem Revier Geschäfte machen zu dürfen. Die Übergabe war all das und mehr. Die Organisation, die wir bezahlten, gab es schon sehr lange. Ihr Einfluss reichte sehr weit. Aber sie hatte keinen Eintrag im Handelsregister. Wir zahlten bar und stets pünktlich, abgesehen vom letzten Mal. Also, was hatten wir davon? Zunächst einmal würden die uns fertigmachen, wenn wir es nicht täten – oder jemand anders würde es tun, mit ihrer Zustimmung. Man könnte die Übergabe als Steuer betrachten, die wir abdrückten, und wenn wir es nicht täten, stünden viele andere Schlange, die bereit wären, viel Geld zu bezahlen für die Erlaubnis, ein Unternehmen unserer Größe führen zu dürfen.“ (S. 165) 
Mit seinem Debütroman „Crime Machine“ präsentiert der britische Journalist Howard Linskey eine höchst unterhaltsame Schnitzeljagd, die durchaus als Drehbuchvorlage für einen Guy-Ritchie-Film („Revolver“, „Bube, Dame, König, grAs“) taugen könnte. Vor allem fasziniert der coole, zuweilen auch brutale Thriller als überzeugende Gangstermilieustudie mit einem sympathischen Protagonisten und einem schlichten Plot, der zum Ende hin zum Glück an Fahrt aufnimmt.
Lesen Sie im Buch: Howard Linskey "Crime Machine"

Samstag, 28. Juli 2012

Anthony McCarten – “Liebe am Ende der Welt”

(Diogenes, 360 S., HC)
Die sechzehnjährige Delia Chapman hat gerade einen Ferienjob in der Packerei einer Fleischfabrik im neuseeländischen Kaff Opunake angenommen, da verblüfft sie ihre Mitmenschen mit der Nachricht, dass sie eine Begegnung mit Außerirdischen hatte und nun schwanger sei. Das verstört nicht nur ihren gewalttätigen Vater und den Sheriff, sondern auch Bürgermeister Jim Sullivan und seinen Neffen Phillip, der in Opunake die seit langem geschlossene Bibliothek wieder auf Vordermann bringen soll, Pater O’Brien, der keine rechte Erklärung mehr für seinen Glauben an Gott findet, und den Skandaljournalisten Vic Young, der erleben muss, dass seine Geschichten über die unglaublichen Ereignisse in Opunake von seinem Chef völlig entstellt werden.
Als Delia schnell zu einer örtlichen Berühmtheit wird, wollen ihre Freundinnen natürlich nachziehen und erzählen ähnliche Geschichten von außerirdischen Heimsuchungen. Ein Kornkreis mit einer unerklärlich zerquetschten Kuh nährt schließlich die Vermutungen, dass an den unglaublichen Gerüchten vielleicht doch etwas dran sein könnte. Und so gerät ein verschlafenes Nest ganz aus dem Häuschen.
„Der Ruhm von Delia Chapman, Yvonne McKay und Lucinda Evans verbreitete sich über ihr persönliches Umfeld hinaus, denn mit jedem Sonntag erschien ein neuer Artikel (…) Es war, als sei über Nacht ein neues Zeitalter in Opunake angebrochen, mit all seinen Versprechungen und unerhörten technischen Neuerungen, eines, das ihr schläfriges, langweiliges Leben gründlich durcheinandergewirbelt hätte. Und andere merkwürdige Dinge geschahen in dieser neuen Zeit. Der städtische Einzelhandel vermerkte zum Beispiel einen starken und unerklärlichen Anstieg der Verkäufe von Taschenlampen und Batterien. Erst einige Tage später kam man darauf, dass nicht alle junge Frauen von Opunake nachts in ihren Betten waren, in die sie gehörten. Sie schlichen sich aus dem Haus, einsam, gelangweilt, ließen Hausaufgaben oder Hausarbeit im Stich und richteten ihren Lichtstrahl zum Firmament – wer konnte es ihnen verdenken, dass sie es mit einer hoffnungsvollen Botschaft zu den Sternen versuchten? An und aus gingen die Lichtlein himmelwärts, an-aus-an in willkürlichen, analphabetischen Morsezeichen, Strahlen, die eben bis zum Briefkasten reichten und die sie doch in ihrem Optimismus hinauf zum Mars sandten.“ (S. 196 f.) 
Während der Journalist über fragwürdige Interviews und effektheischende Vermutungen dem Phänomen auf die Spur geht, versucht es der an sich und Gott zweifelnde Priester über ein persönliches Gespräch mit Delia und schließlich anderen Ablenkungen. Der Bibliothekar hingegen, der mehr als Sympathie für die örtliche Berühmtheit entwickelt, sucht bei den Philosophen die Antworten auf all die Fragen, die Delias Geschichte aufwirft … Mit viel Witz und feinem Gespür für seine Figuren erzählt Anthony McCarten eine unglaubliche Geschichte, die den Leser lange grübeln lässt, wie sich diese wohl wirklich zugetragen hat. Es ist aber nicht allein die Aufklärung des Rätsels, aus der „Liebe am Ende der Welt“ seine Spannung bezieht. Vor allem sind es die vielschichtigen Beziehungen zwischen all den Mitmenschen, die alle ihre eigenen Ambitionen und Ansätze verfolgen, mit der abenteuerlichen Geschichte umzugehen. Dabei ist viel Wortwitz im Spiel, aber auch immer ein Stück Moral, die aber nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.

Montag, 23. Juli 2012

Jim Thompson – „In die finstere Nacht“

(Heyne, 272 S., Tb.)
Als sich der kleinwüchsige und unscheinbare Carl Bigelow in der Pension von Jake Winroy einquartiert, ahnt niemand in dem beschaulichen Peardale bei Chicago, dass sich hinter dem kleinen Neuankömmling der berüchtigte Auftragskiller Charlie Bigger verbirgt, der nur aus einem Grund in dem unbedeutenden Kaff abgestiegen ist, nämlich Jake Winroy so umzubringen, dass es wie ein Unfall aussieht, damit dieser nicht als Kronzeuge in einem Prozess gegen illegale Wettgeschäfte aussagen kann.
Zur Tarnung schreibt sich der tödlich an Lungenkrebs erkrankte Bigelow am örtlichen Kolleg ein und nimmt einen Job in der Bäckerei an, wo er von dem fürsorglichen Mr. Kendall angelernt und betreut wird. Um noch näher an sein Opfer zu kommen, beginnt er nicht nur mit Fay Winroy eine Affäre, sondern auch mit der verkrüppelten Haushaltshilfe Ruthie.
„Aus den Augenwinkeln sah ich, dass ich, was ihre linke Hand anging, recht gehabt hatte. Die Finger waren verkrümmt gespreizt. Sie konnte die Hand nicht richtig benutzen und versuchte, es vor mir zu verbergen. Doch selbst damit und mit ihrem Bein – was immer dem fehlte – hatte sie immer noch eine Menge zu bieten. Die harte Arbeit und das tiefe Atmen hatten ihr zwei Brüste beschert, die einen armen Mann in den Beichtstuhl treiben konnten. Und das Herumgehüpfe mit der Krücke hatte ihrem Hintern kein bisschen geschadet. Wenn man ihn isoliert betrachtete, konnte man meinen, er gehöre einem Shetland-Pony. Damit meine ich aber nicht, dass er ausladend war, sondern nur die Art, wie beweglich er an íhr dranhing, hinter dem flachen Bäuchlein und unter den schmalen Hüften. Es war, als solle er sie für all die anderen Gebrechen entschädigen.“ (S. 48) 
Doch die beiden Affären und die manchmal etwas undurchsichtigen Beziehungen zu seinen Mitmenschen machen es für Bigelow nicht einfacher, seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Als Fay ihm schließlich eröffnet, dass ihr Mann doch zu seinem eigenen Schutz ins Gefängnis will, wird die Zeit knapp, und die Dinge drohen aus dem Ruder zu laufen …
Der Glücksspieler, Sprengstoffexperte, Ölarbeiter, Alkoholschmuggler und Schriftsteller Jim Thompson (1907-1977) gehört mit seinem erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Werk „In die finstere Nacht“ nicht unbedingt in die Heyne-Hardcore-Kategorie, doch der atmosphärische Noir-Klassiker fasziniert mit interessanten Figuren, starken Dialogen und unerwarteten Wendungen. Kein Wunder, dass Thompson Stephen Kings „liebster Krimiautor“ ist.
Lesen Sie im Buch: Jim Thompson – „In die finstere Nacht“

Donnerstag, 19. Juli 2012

Brett McBean – „Die Mutter“

(Heyne, 368 S., Tb.)
Es ist der Albtraum aller Eltern, dass ihre Kinder bei einem Fremden ins Auto steigen und nicht mehr nach Hause kommen. Diese „Urangst“ hat der australische Autor Brett McBean in einen kompromisslosen wie verstörenden Thriller verarbeitet. Die gerade volljährig gewordene Rebecca will endlich ihren Vater kennenlernen, von dem ihre Mutter nie mehr preisgegeben hat, als dass er nach Übersee gezogen sei. Dass Burt ihre Mutter stets volltrunken verprügelte und sie deshalb eines Tages hochschwanger nach einem Krankenhausaufenthalt das Weite suchte, hat sie Rebecca stets verschwiegen.
Entsprechend groß ist der Schock, als die Mutter eines Morgens nach einem Streit mit ihrer Tochter einen Zettel vorfindet, dass Rebecca ihren Vater, den sie in Sydney aufgespürt hat, besuchen wolle. Doch dort kommt sie nie an. Von dem Täter hat die Mutter nur eine Spur. Bei einem Anruf von unterwegs teilte Rebecca ihr mit, dass der Fremde ein Tattoo auf dem linken Arm habe: „Stirb Mutter“. Nun ist die Mutter seit fünf Monaten auf den Highways zwischen Melbourne und Sydney unterwegs, um den Mann zu finden, der ihr ihre geliebte Tochter entrissen hat.
„Ich denke oft daran, was sie wohl in ihren letzten Stunden durchlebt hat. Ich kann nichts dagegen tun. In mancher Hinsicht fühle ich mich ihr dadurch näher. Ich stelle mir vor, wie der Mann sie mitgenommen hat, was er gesagt hat, damit sie zu ihm ins Auto steigt, worüber sie unterwegs gesprochen haben. Ich frage mich, wann Rebecca zum ersten Mal bewusst wurde, zu wem sie da ins Auto gestiegen war. Woran dachte sie, als sie sich wehrte und versuchte, zu entkommen? Hat sie an mich gedacht oder hatte sie so entsetzliche Angst, dass sie an überhaupt nichts denken konnte? Ich denke an den Mann und was er mit ihr gemacht hat, nicht nur, als er sie getötet hat, auch hinterher, und dann verschwinden all meine Gedanken ans Aufgeben. Ich will ihn finden, ich muss ihn finden …“ (S. 179f.) 
Mit der für eine verzweifelte Mutter unerschütterlichen Hingabe bis zur Selbstaufgabe macht sie sich auf die oft schmerzvolle Suche nach dem Mörder ihrer Tochter. Sie steigt nur zu Männern ins Auto und wird so natürlich leicht zur Beute, doch all die Schändungen lässt sie geradezu stoisch über sich ergehen. Manchmal scheint sie sich mit den Fahrern anzufreunden, doch verschwindet sie bei erstbester Gelegenheit, sobald sie Gewissheit darüber hat, dass der Täter ein anderer sein muss.
Brett McBean versteht es, in den jeweils meist recht kurzen Episoden, in denen die Mutter jemand Neuen aufgetan hat, den sie zu überprüfen gedenkt, die Figuren so plastisch darzustellen, dass man sich stets wünscht, länger bei ihnen verweilen zu dürfen. Die Begegnungen mit den Männern fallen oft extrem drastisch aus, so dass sich „Die Mutter“ das Prädikat „Heyne Hardcore“ vollauf verdient. Die episodenhafte Erzählweise des Romans entspricht natürlich dem Lebenswandel der Hauptperson, für den Leser reduziert sie allerdings das Vergnügen um einen kohärenten Spannungsaufbau. Von dieser Schwäche abgesehen, bietet „Die Mutter“ aber kurzweiligen Thrill mit starken Figuren und einem unkonventionellen Finale.
Lesen Sie im Buch: Brett McBean – „Die Mutter“

Samstag, 7. Juli 2012

Michael Connelly – (Mickey Haller: 3) „Spur der toten Mädchen“

(Knaur, 493 S., Tb.)
Neben der Alex-Cross-Reihe von James Pattersson zählen die Harry-Bosch-Romane von Michael Connelly zu den beliebtesten Krimi-Romanserien. Nach dem Wechsel der Reihe vom Heyne-Verlag zu Knaur fiel der Auftakt mit „Neun Drachen“ noch nicht so überzeugend aus, aber mit seinem neuen Werk kehrt der amerikanische Bestseller-Autor wieder zu alter Stärke zurück.
Allerdings steht in „Spur der toten Mädchen“ nicht der Ermittler Harry Bosch im Vordergrund, sondern wieder Strafverteidiger Mickey Haller, den Connelly mit seinem Roman „Der Mandant“ einführte und der zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Haller staunt nicht schlecht, als er mit Gabriel Williams, dem Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles, zum Mittagessen ins feine Water-Grill-Restaurant eingeladen wird und dort ein interessantes Angebot erhält: Haller soll als Sonderankläger für die Staatsanwaltschaft den Fall Jason Jessup neu aufrollen. Jessup war vor über zwanzig Jahren verurteilt worden, ein zwölfjähriges Mädchen entführt und ermordet zu haben. Doch die Spermaspuren auf dem Kleid des Opfers, die zur Verurteilung führten, stammten nicht von Jessup, wie eine DNA-Analyse später ergab, so dass der Oberste Gerichtshof des Staates Kalifornien das Urteil schließlich vor einer Woche revidierte. Nun blieben der Staatsanwaltschaft sechzig Tage, ein neues Verfahren gegen Jessup anzustrengen oder den Inhaftierten auf freien Fuß zu setzen. Zusammen mit seiner Ex-Frau Maggie McPherson als Anklagevertreterin und Harry Bosch als Ermittler macht sich Haller auf die Suche nach Zeugen von damals. Bosch hängt sich derweil an die Fersen des vorläufig auf freien Fuß gesetzten Jessup und beobachtet, dass dieser nachts immer wieder Parks am Mulholland Drive aufsucht und dort meditiert.
„Bosch spürte, wie sich eine tiefe Entschlossenheit seiner bemächtigte. Eine Entschlossenheit, die mit der wachsenden Gewissheit einherging, dass es sich bei diesem Mord nicht um einen Einzelfall handelte. Wenn Wallings Theorie richtig war – und er hatte keinen Grund, daran zu zweifeln -, war Jessup ein Wiederholungstäter. Und nachdem er vierundzwanzig Jahre auf Eis gelegt worden war, konnte er sich jetzt wieder frei in der Stadt bewegen. Es würde nicht lange dauern, bis er wieder den finsteren Zwängen nachgab, die ihn schon damals zu seinen tödlichen Taten getrieben hatten. Bosch fasste einen raschen Entschluss. Wenn Jessup unter Stress geriet und der Zwang zu töten ihn das nächste Mal überkam, wäre er zur Stelle, um dem Mann das Handwerk zu legen.“ (S. 196) 
Es erweist sich jedoch alles andere als einfach, die zwölf Geschworenen vollkommen von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Die Hauptzeugin der Anklage, Sarah Geason, die Jessup unzweifelhaft als Täter identifizieren will, hat nämlich eine bewegte Drogen- und Sanatoriums-Vergangenheit hinter sich. „Spur der toten Mädchen“ erweist sich als spannungsreicher Gerichtsthriller, bei dem die Figuren zwar wieder einmal etwas blass bleiben, doch wird dieses Manko durch den spektakulären Fall in den Schatten gestellt. Connelly, der 1992 mit „Schwarzes Echo“ seinen Harry-Bosch-Siegeszug begonnen hatte, versteht es als ehemaliger Gerichtsreporter souverän, seine Leser mit einem packenden, stets authentisch wirkenden Plot zu fesseln, der keine Längen kennt und auf ein Finale zusteuert, das allerdings so manchen Leser etwas unbefriedigt zurücklassen könnte.
Lesen Sie im Buch: Michael Connelly– „Spur der toten Mädchen“

Samstag, 23. Juni 2012

Peter Straub – „Okkult“

(Heyne, 559. S., Tb.)
Ein Zwischenfall im Frühstückscafé löst ein Déjà-vu bei dem erfolgreichen Schriftsteller Lee Harwell aus. Das unangemessene Verhalten eines Kunden und später die Erwähnung von Nathaniel Hawthorne im Radio erinnert den Autor an einen Jungen namens Howard „Hootie“ Bly, der die Fähigkeit besaß, sich alles zu merken, was er las, und dieser Junge zitierte oft lange Absätze aus Hawthornes „Der scharlachrate Buchstabe“. Mittlerweile hat Hootie über vier Jahrzehnte in einer Nervenheilanstalt verbracht.
Er wurde wie viele andere aus Harwells Clique Opfer des umherziehenden Gurus Spencer Mallon, u.a. auch Harwells Frau Lee Truax. Bei einer Zeremonie auf der Wiese ist ein Junge regelrecht zerfleischt worden, alle anderen Beteiligten haben ihre Narben davongetragen, ohne etwas darüber verlauten zu lassen, was in dieser unglückseligen Nacht des 16. Oktober 1966 geschehen ist.
„Da waren sie also, meine Frau und meine ehemaligen Freunde, immer noch in ihrem Bannkreis, und hier war ich, draußen und nach all den Jahrzehnten, die inzwischen vergangen waren, immer noch verwirrt durch das, was ihnen zugestoßen war. Eine vertraute Stimme im Radio hatte mich auf Hawthorne gebracht und mich von Hawthorne zu Hootie Bly geführt, der immer noch in dieser verdammten Nervenklinik begraben war. Wegen Hootie war alles andere über mich hereingebrochen. Der magere Jagdhund, der durch den Schnee hetzt, der abblätternde Lack auf unseren Schlitten, das ganze Stadtbild der Westside von Madison, ein Glas Wasser, das wie der Inbegriff von allem schimmerte, was für den Verstand nicht fassbar war, von allem, was sich einer Definition entzog … Die Gesichter jener, die meine engsten Freunde gewesen waren und keine Geheimnisse vor mir gehabt hatten – bis zu dem Moment, als ich mich weigerte, ihnen zu folgen und mich der Jüngerschar anzuschließen: Ihre schönen Gesichter standen in leuchtenden Farben vor meinen Augen. Die Hälfte ihres Strahlenglanzes machte das aus, was wir einander bedeutet hatten, und die andere Hälfte entsprang genau dem, was ich nie gewusst und nie verstanden hatte.“ (S. 66 f.) 
Lee Harwell macht sich daran, die Geschehnisse von damals in einem Buch aufzuarbeiten und die Beteiligten an der Zeremonie diesbezüglich zu befragen. Dabei stößt er auch auf die Memoiren des Polizeibeamten Dave Cooper, der erfolglos versucht hat, den berüchtigten „Ladykiller“ zu fassen … Peter Straub hat mit Werken wie „Geisterstunde“ und „Schattenland“ Meisterwerke der Horror-Literatur geschaffen und mit seinem Freund Stephen King die beiden epischen Romane „Der Talisman“ und „Das schwarze Haus“ veröffentlicht. Mit seinem neuen Werk „Okkult“, das im Original viel passender und weniger reißerisch „A Dark Matter“ betitelt ist, greift er ein auch von Stephen King beliebtes Thema auf, nämlich die Suche eines Schriftstellers nach dem Stoff für einen neuen Roman. Das Setting hat Straub geschickt konstruiert: Der Autor möchte ein mysteriöses Erlebnis aufarbeiten, bei dem alle seine Freunde und sogar seine jetzige Ehefrau anwesend gewesen waren, nicht aber er selbst. Indem er die Beteiligten aufsucht und sich ihre Version der Geschichte erzählen lässt, fügen sich die Einzelteile wie bei einem Puzzle zusammen, bis die ganze Dramatik und Ungeheuerlichkeit der Ereignisse natürlich erst am Schluss zum Tragen kommt, wenn Harwells Frau ihre Version zum Besten gibt.
Die Figuren hat Straub sehr glaubwürdig und liebenswert auf der einen Seite gezeichnet, wenn es um seine Freunde geht, hassenswert auf der anderen, wenn Mallon und andere dämonenhafte Typen ins Spiel kommen. Die dadurch entstehenden Gegensätze machen die Faszination von „Okkult“ aus, und Peter Straub ist ein glänzender Schriftsteller, der die Atmosphäre der Ereignisse wunderbar einzufangen versteht. So wird eine Spannung aufgebaut, die der Leser im Gleichschritt mit Lee Harwell erlebt, und sie entlädt sich in einem furiosen, sprachlich virtuos inszenierten Finale.
Lesen Sie im Buch: Peter Straub –„ Okkult“
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Sonntag, 27. Mai 2012

Linwood Barclay – „Weil ich euch liebte“

(Knaur, 527 S., Tb.)
Weil seine Baufirma nicht mehr ganz so gut läuft, besucht Glens Frau Sheila einen Buchhaltungskurs, um ihrem Mann unter die Arme greifen zu können. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters und einem offensichtlich selbst verschuldeten Brand, der eines seiner Gebäude vernichtete, steht Glen Garber mit dem Rücken zur Wand. Aber es kommt noch schlimmer: Als Sheila nach einem ihrer Kurse nicht nach Hause kommt, macht sich Glen auf die Suche und entdeckt ihren Wagen an einer Unfallstelle. So wie es aussieht, hat Sheila in volltrunkenem Zustand ein anderes Fahrzeug gerammt und damit sich selbst und zwei weitere unschuldige Menschen getötet.
Doch dies ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von merkwürdigen Todesfällen. Nachdem Glens achtjährige Tochter Kelly völlig verstört wieder von den Slocums abgeholt wurde, wo sie bei ihrer Freundin Emily übernachten wollte, stirbt Emilys Mutter nach einer Reifenpanne an einem Pier – offensichtlich ist sie ins Wasser gefallen und ertrunken. Als Glen seine Tochter ins Verhör nimmt, warum sie so überstürzt nach Hause wollte, erzählt ihm Kelly von zwei merkwürdigen Telefonaten, die Ann im Schlafzimmer geführt hat, wo sich Kelly im Kleiderschrank versteckte. Natürlich will auch Anns Ehemann Darren Slocum, Polizist in Milford, wissen, worum es in diesen Telefonaten ging, und will von Kelly alles erfahren, was sie gehört hat.
„Dachte ich nicht genau dasselbe, was Sheila anging? Ihr Tod war ein Unfall, aber die näheren Umstände waren mir suspekt. Hatte ich nicht genau dasselbe getan wie Darren Slocum jetzt? Als ich mit den anderen Kursteilnehmern und dem Lehrer sprach, war ich da nicht auch auf der Suche nach der Wahrheit gewesen? Als ich das Haus auf den Kopf stellte, um rauszufinden, ob meine Frau irgendwo Alkohol versteckt hatte, den ich nicht finden sollte, suchte ich da nicht auch nach einer Antwort?“ (S. 155) 
Glen Garber glaubt nicht an die von der Polizei angenommene Trunkenheits-Theorie und unternimmt eigene Ermittlungen. Als er von einem Detektiv angesprochen wird, stößt er auf einen blühenden Handel mit minderwertigen Kopien von Handtaschen, Medikamenten und Baumaterialien, in den Sheila und Ann verstrickt gewesen sein sollen. Um dahingehende Spuren zu beseitigen und unterschlagenes Geld zurückzubekommen, sorgt ein skrupelloser Drahtzieher des Imitathandels für weitere Tote.
Linwood Barclay versteht es blendend, mit dem plötzlich alleinerziehenden Bauunterunternehmer einen sympathischen Helden in Szene zu setzen, der sich nicht nur mit dem fragwürdigen Pfusch einiger seiner treusten Mitarbeiter herumschlagen muss, sondern auch die näheren Umstände des Todes seiner Frau in Erfahrung bringen will und dabei auf mehr dunkle Geheimnisse, Affären und betrügerische Geschäfte erfährt, als ihm lieb sein kann, was schließlich auch das Leben seiner geliebten Tochter in Gefahr bringt. Die realistische Erzählweise und der kritisch kommentierte Handel mit billig produzierten Imitaten macht „Weil ich euch liebte“ zu einem jederzeit packenden Thriller-Highlight, in dem allein der übertrieben konstruierte Showdown mit Hollywood-typischen „überraschenden“ Wendungen das Lesevergnügen etwas trübt.
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Samstag, 19. Mai 2012

Guillermo Del Toro/Chuck Hogan – „Die Nacht“

(Heyne, 430 S., HC)
Zwei Jahre ist es her, dass Ephraim Goodweather als Teamleiter des Centers for Disease Control in New York seine Kollegin Nora, ihre Mutter und seinen Sohn Zack zur U-Bahn an der Pennsylvania Station gebracht hatte, damit diese in letzter Minute vor den Vampirhorden flüchten konnten, die die Menschheit zu vernichten drohen. Er konnte nicht verhindern, dass die Vampire den Zug kenterten, seine Ex-Frau Kelly selbst zu einer Blutsaugerin wurde, ihren gemeinsamen Sohn entführte und ihn dem Meister übergab. Dieser hat sich mittlerweile für einen Rockstar als Wirtskörper entschieden und braucht zur Sicherung seiner Herrschaft nur noch das sagenumwobene „Occido Lumen“, das den einzigen Schlüssel zum Verständnis der Vampirseuche in sich barg. Es befindet sich in den Händen des ehemaligen New Yorker Kammerjägers Vasily Fet, dem das Buch von Professor Setrakian anvertraut worden war.
Allerdings fehlen Eph, Vasily und Nora nach Setrakians Tod die Möglichkeiten, das geheimnisvolle Buch zu lesen. Um jedoch kein Risiko einzugehen, bietet der Meister Zack zum Tausch gegen das „Occido Lumen“ an, formt aber Zack ganz nach seinen Vorstellungen.
„Und so trainierte der Meister den Jungen Nacht für Nacht, Monat für Monat: Indem er die Dunkelheit, die bereits in Zacks Herz schlummerte, herauslockte und nährte. Und er empfand dabei etwas, was er seit Jahrhunderten nicht mehr empfunden hatte: Er wurde bewundert. Fühlte es sich so an, wenn man Vater war? Und war die Erziehung eines Kindes immer eine solch monströse Aufgabe? Die zarte Seele nach seinem Bilde zu formen, nach seinem Schatten … Nun, bald würde das alles zu einem Ende kommen. Der entscheidende Moment rückte näher. Der Meister spürte es überall: im Rhythmus des Universums, in den Wolken und im Wasser, im Echo der Stimme Gottes. Der Körper dieses Jungen würde sein letzter sein – dann würde er für immer über diese Welt herrschen.“ (S. 121) 
Genau das wollen Eph und seine Gefährten natürlich verhindern. Als Eph im Traum eine Vision hat, die ihm einen Weg weist, den Meister zu besiegen, beginnt für die Vampirjäger eine Odyssee zum „Dunklen Ort“, wo der Meister geboren wurde …
Nach einem fulminanten Auftakt mit den ersten beiden Bänden „Die Saat“ und „Das Blut“ können Filmemacher Guillermo Del Toro („Pans Labyrinth“, „Hellboy“) und Thriller-Autor Chuck Hogan („Mördermond“, „Kopfgeld“) mit dem Abschluss ihrer Vampir-Trilogie leider nicht mehr ganz die erzählerische Dichte und Spannung aufrechterhalten, die die Vorgänger ausgezeichnet hat. Immerhin lüften die beiden Autoren weitere Hintergründe zur ganz eigenen Geschichte der Vampire, die Del Toro und Hogan mit ihrer Trilogie schreiben, aber die schon so glänzend eingeführten Figuren bleiben in „Die Nacht“ enttäuschend blass, der Showdown fällt auch etwas unglaubwürdig aus. Von einem berauschenden Vampir-Epos ist die Trilogie letztlich weit entfernt, unterhaltsame Momente hat sie aber durchaus.
Lesen Sie im Buch: Guillermo Del Toro/Chuck Hogan –„Die Nacht“
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