Samstag, 28. Juli 2012

Anthony McCarten – “Liebe am Ende der Welt”

(Diogenes, 360 S., HC)
Die sechzehnjährige Delia Chapman hat gerade einen Ferienjob in der Packerei einer Fleischfabrik im neuseeländischen Kaff Opunake angenommen, da verblüfft sie ihre Mitmenschen mit der Nachricht, dass sie eine Begegnung mit Außerirdischen hatte und nun schwanger sei. Das verstört nicht nur ihren gewalttätigen Vater und den Sheriff, sondern auch Bürgermeister Jim Sullivan und seinen Neffen Phillip, der in Opunake die seit langem geschlossene Bibliothek wieder auf Vordermann bringen soll, Pater O’Brien, der keine rechte Erklärung mehr für seinen Glauben an Gott findet, und den Skandaljournalisten Vic Young, der erleben muss, dass seine Geschichten über die unglaublichen Ereignisse in Opunake von seinem Chef völlig entstellt werden.
Als Delia schnell zu einer örtlichen Berühmtheit wird, wollen ihre Freundinnen natürlich nachziehen und erzählen ähnliche Geschichten von außerirdischen Heimsuchungen. Ein Kornkreis mit einer unerklärlich zerquetschten Kuh nährt schließlich die Vermutungen, dass an den unglaublichen Gerüchten vielleicht doch etwas dran sein könnte. Und so gerät ein verschlafenes Nest ganz aus dem Häuschen.
„Der Ruhm von Delia Chapman, Yvonne McKay und Lucinda Evans verbreitete sich über ihr persönliches Umfeld hinaus, denn mit jedem Sonntag erschien ein neuer Artikel (…) Es war, als sei über Nacht ein neues Zeitalter in Opunake angebrochen, mit all seinen Versprechungen und unerhörten technischen Neuerungen, eines, das ihr schläfriges, langweiliges Leben gründlich durcheinandergewirbelt hätte. Und andere merkwürdige Dinge geschahen in dieser neuen Zeit. Der städtische Einzelhandel vermerkte zum Beispiel einen starken und unerklärlichen Anstieg der Verkäufe von Taschenlampen und Batterien. Erst einige Tage später kam man darauf, dass nicht alle junge Frauen von Opunake nachts in ihren Betten waren, in die sie gehörten. Sie schlichen sich aus dem Haus, einsam, gelangweilt, ließen Hausaufgaben oder Hausarbeit im Stich und richteten ihren Lichtstrahl zum Firmament – wer konnte es ihnen verdenken, dass sie es mit einer hoffnungsvollen Botschaft zu den Sternen versuchten? An und aus gingen die Lichtlein himmelwärts, an-aus-an in willkürlichen, analphabetischen Morsezeichen, Strahlen, die eben bis zum Briefkasten reichten und die sie doch in ihrem Optimismus hinauf zum Mars sandten.“ (S. 196 f.) 
Während der Journalist über fragwürdige Interviews und effektheischende Vermutungen dem Phänomen auf die Spur geht, versucht es der an sich und Gott zweifelnde Priester über ein persönliches Gespräch mit Delia und schließlich anderen Ablenkungen. Der Bibliothekar hingegen, der mehr als Sympathie für die örtliche Berühmtheit entwickelt, sucht bei den Philosophen die Antworten auf all die Fragen, die Delias Geschichte aufwirft … Mit viel Witz und feinem Gespür für seine Figuren erzählt Anthony McCarten eine unglaubliche Geschichte, die den Leser lange grübeln lässt, wie sich diese wohl wirklich zugetragen hat. Es ist aber nicht allein die Aufklärung des Rätsels, aus der „Liebe am Ende der Welt“ seine Spannung bezieht. Vor allem sind es die vielschichtigen Beziehungen zwischen all den Mitmenschen, die alle ihre eigenen Ambitionen und Ansätze verfolgen, mit der abenteuerlichen Geschichte umzugehen. Dabei ist viel Wortwitz im Spiel, aber auch immer ein Stück Moral, die aber nie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.

Montag, 23. Juli 2012

Jim Thompson – „In die finstere Nacht“

(Heyne, 272 S., Tb.)
Als sich der kleinwüchsige und unscheinbare Carl Bigelow in der Pension von Jake Winroy einquartiert, ahnt niemand in dem beschaulichen Peardale bei Chicago, dass sich hinter dem kleinen Neuankömmling der berüchtigte Auftragskiller Charlie Bigger verbirgt, der nur aus einem Grund in dem unbedeutenden Kaff abgestiegen ist, nämlich Jake Winroy so umzubringen, dass es wie ein Unfall aussieht, damit dieser nicht als Kronzeuge in einem Prozess gegen illegale Wettgeschäfte aussagen kann.
Zur Tarnung schreibt sich der tödlich an Lungenkrebs erkrankte Bigelow am örtlichen Kolleg ein und nimmt einen Job in der Bäckerei an, wo er von dem fürsorglichen Mr. Kendall angelernt und betreut wird. Um noch näher an sein Opfer zu kommen, beginnt er nicht nur mit Fay Winroy eine Affäre, sondern auch mit der verkrüppelten Haushaltshilfe Ruthie.
„Aus den Augenwinkeln sah ich, dass ich, was ihre linke Hand anging, recht gehabt hatte. Die Finger waren verkrümmt gespreizt. Sie konnte die Hand nicht richtig benutzen und versuchte, es vor mir zu verbergen. Doch selbst damit und mit ihrem Bein – was immer dem fehlte – hatte sie immer noch eine Menge zu bieten. Die harte Arbeit und das tiefe Atmen hatten ihr zwei Brüste beschert, die einen armen Mann in den Beichtstuhl treiben konnten. Und das Herumgehüpfe mit der Krücke hatte ihrem Hintern kein bisschen geschadet. Wenn man ihn isoliert betrachtete, konnte man meinen, er gehöre einem Shetland-Pony. Damit meine ich aber nicht, dass er ausladend war, sondern nur die Art, wie beweglich er an íhr dranhing, hinter dem flachen Bäuchlein und unter den schmalen Hüften. Es war, als solle er sie für all die anderen Gebrechen entschädigen.“ (S. 48) 
Doch die beiden Affären und die manchmal etwas undurchsichtigen Beziehungen zu seinen Mitmenschen machen es für Bigelow nicht einfacher, seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Als Fay ihm schließlich eröffnet, dass ihr Mann doch zu seinem eigenen Schutz ins Gefängnis will, wird die Zeit knapp, und die Dinge drohen aus dem Ruder zu laufen …
Der Glücksspieler, Sprengstoffexperte, Ölarbeiter, Alkoholschmuggler und Schriftsteller Jim Thompson (1907-1977) gehört mit seinem erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Werk „In die finstere Nacht“ nicht unbedingt in die Heyne-Hardcore-Kategorie, doch der atmosphärische Noir-Klassiker fasziniert mit interessanten Figuren, starken Dialogen und unerwarteten Wendungen. Kein Wunder, dass Thompson Stephen Kings „liebster Krimiautor“ ist.
Lesen Sie im Buch: Jim Thompson – „In die finstere Nacht“

Donnerstag, 19. Juli 2012

Brett McBean – „Die Mutter“

(Heyne, 368 S., Tb.)
Es ist der Albtraum aller Eltern, dass ihre Kinder bei einem Fremden ins Auto steigen und nicht mehr nach Hause kommen. Diese „Urangst“ hat der australische Autor Brett McBean in einen kompromisslosen wie verstörenden Thriller verarbeitet. Die gerade volljährig gewordene Rebecca will endlich ihren Vater kennenlernen, von dem ihre Mutter nie mehr preisgegeben hat, als dass er nach Übersee gezogen sei. Dass Burt ihre Mutter stets volltrunken verprügelte und sie deshalb eines Tages hochschwanger nach einem Krankenhausaufenthalt das Weite suchte, hat sie Rebecca stets verschwiegen.
Entsprechend groß ist der Schock, als die Mutter eines Morgens nach einem Streit mit ihrer Tochter einen Zettel vorfindet, dass Rebecca ihren Vater, den sie in Sydney aufgespürt hat, besuchen wolle. Doch dort kommt sie nie an. Von dem Täter hat die Mutter nur eine Spur. Bei einem Anruf von unterwegs teilte Rebecca ihr mit, dass der Fremde ein Tattoo auf dem linken Arm habe: „Stirb Mutter“. Nun ist die Mutter seit fünf Monaten auf den Highways zwischen Melbourne und Sydney unterwegs, um den Mann zu finden, der ihr ihre geliebte Tochter entrissen hat.
„Ich denke oft daran, was sie wohl in ihren letzten Stunden durchlebt hat. Ich kann nichts dagegen tun. In mancher Hinsicht fühle ich mich ihr dadurch näher. Ich stelle mir vor, wie der Mann sie mitgenommen hat, was er gesagt hat, damit sie zu ihm ins Auto steigt, worüber sie unterwegs gesprochen haben. Ich frage mich, wann Rebecca zum ersten Mal bewusst wurde, zu wem sie da ins Auto gestiegen war. Woran dachte sie, als sie sich wehrte und versuchte, zu entkommen? Hat sie an mich gedacht oder hatte sie so entsetzliche Angst, dass sie an überhaupt nichts denken konnte? Ich denke an den Mann und was er mit ihr gemacht hat, nicht nur, als er sie getötet hat, auch hinterher, und dann verschwinden all meine Gedanken ans Aufgeben. Ich will ihn finden, ich muss ihn finden …“ (S. 179f.) 
Mit der für eine verzweifelte Mutter unerschütterlichen Hingabe bis zur Selbstaufgabe macht sie sich auf die oft schmerzvolle Suche nach dem Mörder ihrer Tochter. Sie steigt nur zu Männern ins Auto und wird so natürlich leicht zur Beute, doch all die Schändungen lässt sie geradezu stoisch über sich ergehen. Manchmal scheint sie sich mit den Fahrern anzufreunden, doch verschwindet sie bei erstbester Gelegenheit, sobald sie Gewissheit darüber hat, dass der Täter ein anderer sein muss.
Brett McBean versteht es, in den jeweils meist recht kurzen Episoden, in denen die Mutter jemand Neuen aufgetan hat, den sie zu überprüfen gedenkt, die Figuren so plastisch darzustellen, dass man sich stets wünscht, länger bei ihnen verweilen zu dürfen. Die Begegnungen mit den Männern fallen oft extrem drastisch aus, so dass sich „Die Mutter“ das Prädikat „Heyne Hardcore“ vollauf verdient. Die episodenhafte Erzählweise des Romans entspricht natürlich dem Lebenswandel der Hauptperson, für den Leser reduziert sie allerdings das Vergnügen um einen kohärenten Spannungsaufbau. Von dieser Schwäche abgesehen, bietet „Die Mutter“ aber kurzweiligen Thrill mit starken Figuren und einem unkonventionellen Finale.
Lesen Sie im Buch: Brett McBean – „Die Mutter“

Samstag, 7. Juli 2012

Michael Connelly – (Mickey Haller: 3) „Spur der toten Mädchen“

(Knaur, 493 S., Tb.)
Neben der Alex-Cross-Reihe von James Pattersson zählen die Harry-Bosch-Romane von Michael Connelly zu den beliebtesten Krimi-Romanserien. Nach dem Wechsel der Reihe vom Heyne-Verlag zu Knaur fiel der Auftakt mit „Neun Drachen“ noch nicht so überzeugend aus, aber mit seinem neuen Werk kehrt der amerikanische Bestseller-Autor wieder zu alter Stärke zurück.
Allerdings steht in „Spur der toten Mädchen“ nicht der Ermittler Harry Bosch im Vordergrund, sondern wieder Strafverteidiger Mickey Haller, den Connelly mit seinem Roman „Der Mandant“ einführte und der zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Haller staunt nicht schlecht, als er mit Gabriel Williams, dem Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles, zum Mittagessen ins feine Water-Grill-Restaurant eingeladen wird und dort ein interessantes Angebot erhält: Haller soll als Sonderankläger für die Staatsanwaltschaft den Fall Jason Jessup neu aufrollen. Jessup war vor über zwanzig Jahren verurteilt worden, ein zwölfjähriges Mädchen entführt und ermordet zu haben. Doch die Spermaspuren auf dem Kleid des Opfers, die zur Verurteilung führten, stammten nicht von Jessup, wie eine DNA-Analyse später ergab, so dass der Oberste Gerichtshof des Staates Kalifornien das Urteil schließlich vor einer Woche revidierte. Nun blieben der Staatsanwaltschaft sechzig Tage, ein neues Verfahren gegen Jessup anzustrengen oder den Inhaftierten auf freien Fuß zu setzen. Zusammen mit seiner Ex-Frau Maggie McPherson als Anklagevertreterin und Harry Bosch als Ermittler macht sich Haller auf die Suche nach Zeugen von damals. Bosch hängt sich derweil an die Fersen des vorläufig auf freien Fuß gesetzten Jessup und beobachtet, dass dieser nachts immer wieder Parks am Mulholland Drive aufsucht und dort meditiert.
„Bosch spürte, wie sich eine tiefe Entschlossenheit seiner bemächtigte. Eine Entschlossenheit, die mit der wachsenden Gewissheit einherging, dass es sich bei diesem Mord nicht um einen Einzelfall handelte. Wenn Wallings Theorie richtig war – und er hatte keinen Grund, daran zu zweifeln -, war Jessup ein Wiederholungstäter. Und nachdem er vierundzwanzig Jahre auf Eis gelegt worden war, konnte er sich jetzt wieder frei in der Stadt bewegen. Es würde nicht lange dauern, bis er wieder den finsteren Zwängen nachgab, die ihn schon damals zu seinen tödlichen Taten getrieben hatten. Bosch fasste einen raschen Entschluss. Wenn Jessup unter Stress geriet und der Zwang zu töten ihn das nächste Mal überkam, wäre er zur Stelle, um dem Mann das Handwerk zu legen.“ (S. 196) 
Es erweist sich jedoch alles andere als einfach, die zwölf Geschworenen vollkommen von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Die Hauptzeugin der Anklage, Sarah Geason, die Jessup unzweifelhaft als Täter identifizieren will, hat nämlich eine bewegte Drogen- und Sanatoriums-Vergangenheit hinter sich. „Spur der toten Mädchen“ erweist sich als spannungsreicher Gerichtsthriller, bei dem die Figuren zwar wieder einmal etwas blass bleiben, doch wird dieses Manko durch den spektakulären Fall in den Schatten gestellt. Connelly, der 1992 mit „Schwarzes Echo“ seinen Harry-Bosch-Siegeszug begonnen hatte, versteht es als ehemaliger Gerichtsreporter souverän, seine Leser mit einem packenden, stets authentisch wirkenden Plot zu fesseln, der keine Längen kennt und auf ein Finale zusteuert, das allerdings so manchen Leser etwas unbefriedigt zurücklassen könnte.
Lesen Sie im Buch: Michael Connelly– „Spur der toten Mädchen“