Samstag, 27. Oktober 2012

John Katzenbach – „Der Wolf“

(Droemer, 510 S., HC)
„Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne euch. Es gibt drei von euch. Ich habe beschlossen, euch
Rote Eins
Rote Zwei
Rote Drei
zu nennen. Ich weiß, dass sich jede von euch im Wald verirrt hat. Und genauso wie das kleine Mädchen im Märchen seid ihr auserwählt zu sterben.“
So endet der kurze Brief mit New Yorker Poststempel, den drei Frauen mit auffallend roten Haaren zur gleichen Zeit in ihrem Briefkasten finden. Verfasst hat sie ein mäßig erfolgreicher Thriller-Autor, der sich dem Rotkäppchen-Märchen entsprechend Böser Wolf nennt und hinter seiner unauffälligen bürgerlichen Fassade mit großer Präzision den Mord an der Internistin Dr. Karen Jayson, der College-Studentin Jordan Ellis und der Lehrerin Sarah Locksley plant, die noch immer nicht den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter verkraftet hat.
Nach den Briefen folgen Hinweise auf YouTube-Links zu Videos, die die Frauen in alltäglichen Situationen zeigen. Doch die Internet-Links geben den Frauen die Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu treten. Obwohl jede von ihnen gerade eine Lebenskrise zu meistern hat, schöpfen sie den Mut, sich nicht ihrem Schicksal zu ergeben und darauf zu warten, bis der Böse Wolf zuschlägt, sondern sie planen, den Spieß umzudrehen und ihren Peiniger aufzuspüren. Derweil ahnt der Böse Wolf nicht, dass ihm noch von ganz unerwarteter Seite eine Bedrohung naht, die es abzuwenden gilt. Doch in dem Wettkampf mit seinen Opfern strahlt er nach wie vor eine unerschütterliche Zuversicht aus:
„Der Böse Wolf war stolz darauf, wie er seine fiktionalen Welten perfekt mit der Realität in Deckung brachte. In beiden Welten war er ein Mörder. Für ihn gab es kaum noch einen Unterschied zwischen den drei Roten und ihrer Verarbeitung zu Romanfiguren. Beide Welten, die Wirklichkeit und die Fiktion, meisterte er souverän. Die Gewissheit, an beiden Schauplätzen so routiniert zu sein, erfüllte ihn mit einer diebischen Freude.“ (S. 404f.) 
In seiner langjährigen erfolgreichen Schriftstellerkarriere hat der amerikanische Autor John Katzenbach („Die Anstalt“, „Der Patient“) regelmäßig authentisch wirkende Psychopathen geschaffen, die mit akribischer Leidenschaft ihre Taten planten und ausführten. An diese Qualität schließt „Der Wolf“ nahtlos an. Was den Thriller dabei so interessant macht, sind die drei Handlungsebenen, auf denen Katzenbach agiert. Natürlich nimmt der Plan des Bösen Wolfs, seine drei Opfer nach minutiöser Berechnung zu töten, zunächst den größten Raum der Geschichte ein, doch das Gleichgewicht verschiebt sich, sobald die drei im Visier ihres Peinigers stehenden Frauen sich zusammenfinden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und zuletzt greift auch die ganz und gar biedere Ehefrau des Bösen Wolfs ins Geschehen ein, was dem Roman eine packende Dynamik verleiht. Katzenbach versteht es, seine Figuren psychologisch fundiert zu zeichnen und sie in außergewöhnlichen Situationen aufeinander wirken zu lassen, was „Der Wolf“ zu einem äußerst spannenden, kurzweiligen Lesevergnügen macht.

Freitag, 19. Oktober 2012

Stephen King (Der Dunkle Turm: 8) – „Wind“

(Heyne, 415 S., HC)
Was für Tolkien die Bücher über Mittelerde gewesen sind, ist für Stephen King seine Saga um den Dunklen Turm, die abenteuerliche Reise, die Roland, den Revolvermann, mit seinem Ka-Tet durch Mittwelt erlebt. Eigentlich war das gewaltige Epos, das – neben vielen anderen - von Robert Brownings Gedicht „Herr Roland kam zum finstern Turm“ ebenso inspiriert wurde wie von Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie und den Western von Sergio Leone, mit dem 2004 erschienenen siebten Band „Der Turm“ abgeschlossen, doch offensichtlich lässt Stephen King sein für ihn „wichtigstes Werk“ nicht los.
„Wind“ führt die Saga um den Dunklen Turm aber nicht weiter, sondern bildet eher eine Episode ab, die zeitlich zwischen dem vierten Band „Glas“ und dem fünften Band „Wolfsmond“ angesiedelt ist. Nach ihrem Abenteuer im Grünen Palast streifen Roland von Gilead, Susannah, Eddie und Jake mit dem Billy-Bumbler Oy auf der Straße des Balkens in Richtung des Landes Donnerschlag und damit weiter in Richtung Dunkler Turm. In dem heruntergekommenen Versammlungshaus von Gook schützt sich die Truppe vor dem herannahenden Stoßwind, und Roland nutzt die Zeit, in der niemand an Schlaf denken kann, zum Erzählen einer Geschichte über den Fellmann, den der junge Roland mit seinem Ka-Gefährten Jamie in Debaria aufspüren soll, eine Bestie, die sich offensichtlich von einem Menschen durch mehrere Metamorphosen in einem riesigen Bär verwandeln kann und ganze Familien abschlachtet. Als sie die Jefferson-Ranch nach einem dieser Gemetzel aufsuchen, bergen sie einen Jungen namens Bill, der sich vor dem Gestaltwandler verstecken und an ihm eine Tätowierung entdecken konnte. Bevor sich Roland und seine Freunde auf die Suche nach der Bestie machen, erzählt er dem Jungen eine Geschichte, die er selbst als Junge von seiner Mutter erzählt bekam, „Der Wind durchs Schlüsselloch“.
„Ich begann langsam und systematisch, denn auch das Geschichtenerzählen fiel mir in jenen Tagen nicht leicht … obwohl es etwas war, was ich im Lauf der Zeit gut lernte. Weil ich musste. Das müssen alle Revolvermänner. Aber sobald ich einmal angefangen hatte, sprach ich zunehmend freier und natürlicher. Weil ich die Stimme meiner Mutter hörte. Sie sprach mit allen Hebungen, Senkungen und Pausen aus meinem Mund. Ich konnte sehen, wie Bill in der Geschichte aufging, und das gefiel mir – es war fast so, als hypnotisierte ich ihn wieder, allerdings auf bessere Weise. Auf ehrlichere Weise. Das Beste daran war jedoch, dass ich wieder die Stimme meiner Mutter hörte. Es war, als würde sie mir, tief aus meinem Inneren kommend, zurückgegeben. Es schmerzte natürlich, aber das tun die besten Dinge meistens, wie ich seither festgestellt habe. Das würde man nicht glauben, aber – wie die Alten zu sagen pflegten – die Welt ist schief und hat irgendwo ein Ende.“ (S. 146) 
Tatsächlich nimmt die von Roland erzählte Geschichte „Der Wind durchs Schlüsselloch“ den Hauptteil des achten „Dunkler Turm“-Romans ein und präsentiert sich als grandios fabuliertes klassisches Märchen eines Jungen, der loszieht, um den Mord an seinen Vater zu rächen und die Blindheit seiner Mutter zu heilen, und dabei zum jungen Mann heranreift und schließlich zu einem Revolvermann wird. Insofern funktioniert „Wind“ auch als eigenständiges Werk, für das man den Hintergrund der damit zusammenhängenden Dark-Fantasy-Saga nicht zwingend kennen muss. Fans der „Dunkler Tum“-Saga dürfen nach dieser wunderschönen Märchengeschichte aber hoffen, dass der Autor immer mal wieder nach Mittwelt zurückkehrt, um weitere so schöne Geschichten zu erzählen.
Leseprobe: Stephen King – “Wind”

Dienstag, 16. Oktober 2012

Håkan Nesser – „Am Abend des Mordes“

(btb, 474 S., HC)
Nachdem seine Frau Marianne durch ein Aneurysma plötzlich verstorben ist, bekommt Inspektor Barbarotti von seinem Chef Asunander einen sogenannten „Cold Case“ zur alleinigen Bearbeitung. Offensichtlich will der Kommissar einen Monat vor seiner Pensionierung noch ein paar ungelöste Fälle abgearbeitet haben, vielleicht möchte er Barbarotti aber auch nur mit einem hoffnungslosen Fall beschäftigen, bis er wieder richtig bei der Sache sein kann. Vor fünf Jahren verschwand der damals 54-jährige Elektriker Arnold Morinder spurlos. Seine Lebensgefährtin Ellen Bjarnebo wurde deshalb verdächtigt, etwas mit dem Umstand zu tun zu haben, weil sie bereits 1989 den Beinamen „Die Schlächterin von Klein-Burma“ erhalten hatte, nachdem sie gestand, ihren Mann Harry Helgesson mit einem Vorschlaghammer erschlagen, zerstückelt und die Körperteile in Müllsäcken im naheliegenden Wald verstreut zu haben.
Während Barbarotti die alten Vernehmungsprotokolle durcharbeitet und alte Zeugen und mit dem Fall befasste Kriminalbeamte besucht, leitet seine Kollegin Eva Backman die Ermittlungen im Mordfall Raymond Fängström, Mitglied im Stadtrat von Kymlinge für die rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Barbarotti nutzt die Reisen zu den Zeugen für einen Besuch seiner Tochter Sara in Stockholm, versucht, bei einem Trauertherapeuten mit dem Verlust seiner geliebten Frau umgehen zu lernen, befindet sich in einem Zwiegespräch mit Gott und hofft auf eine Zeichen, dass es Marianne im Jenseits gut geht.
„Die Trauer öffnete eine Tür zwischen Seele und Körper und wurde rein physisch empfunden. Nach Mariannes Tod hatte er gelernt, dass es so war – so sein konnte. Dass er tatsächlich gelähmt sein konnte, unfähig, aus dieser Position, dieser Gemengelage zu kommen, in der er sich befand. Wie gesagt, wie versteinert. Weil jede Bewegung, jede Handlung und jeder Gedanke völlig sinnlos waren. Unter dem schweren Druck der Trauer lag man platt. Das Atmen fiel ihm schwer, die Brust wurde zusammengepresst, statt sich zu weiten. War es das, was man gemeinhin panische Angst nannte? Er wusste es nicht. Man konnte nur abwarten, dass es aufhörte, zumindest ein klein wenig nachließ; das Einzige, was man eventuell tun konnte, war beten, aber wortlos, weil es keine Worte gab; als ein mehr oder minder heroischer Versuch, die Gedanken zu fokussieren. Auf sie. Auf die Hoffnung, dass sie in irgendeinem Sinne noch lebte. Darauf, dass es überhaupt so etwas wie einen Sinn gab.“ (S. 247) 
Bevor sich Barbarotti auf den Weg nach Lappland macht, um sich mit Ellen Bjarnebo zu treffen, warnt ihn Marianne vor der Gefahr, in die er sich begibt … Nach Van Veeteren hat der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser mit dem halbitalienischen Inspektor Gunnar Barbarotti einen ebenfalls sehr sympathischen Protagonisten kreiert, der in „Am Abend des Mordes“ auch schon seinen fünften Fall bearbeitet. Dabei fügen sich gleich mehrere Fälle zusammen, die zunächst wenig miteinander gemein haben und bei denen sich erst allmählich herauskristallisiert, wie die Dinge wirklich liegen. Im Falle der „Cold Cases“ geschieht dies immer wieder durch Rückblenden, in denen vor allem die Beziehung zwischen der Verdächtigen und ihrem gehandicapten Sohn Billy im Zentrum stehen, aber auch ihr Verhältnis zu den beiden unbeliebten Männern, während Eva Backmans Fall eher im Hintergrund verläuft. Doch „Am Abend des Mordes“ überzeugt nicht nur allein durch Barbarottis Ermittlungsarbeit, die die Schwächen der vorangegangenen Verhöre und Schlussfolgerungen aufdeckt, sondern vor allem auch in der einfühlsamen Beschreibung von Barbarottis Innenleben nach seinem schmerzlichen Verlust. Das verleiht dem durchaus packenden Krimi eine zutiefst menschliche Note, für die Nesser wohlbekannt ist.
Leseprobe Håkan Nesser - "Am Abend des Mordes"

Montag, 15. Oktober 2012

Jack Kerouac – „Unterwegs – On The Road“

(Rowohlt, 575 S., Tb.)
Zusammen mit Allen Ginsberg und William S. Burroughs, seinen Kommilitonen an der Columbia University in New York, zählt der US-amerikanische Schriftsteller Jack Kerouac (1922 – 1969) zu den Wegbereitern der sogenannten Beat Generation, die heute als erste Vertreter der Popliteratur angesehen wird. Seinen Durchbruch und Höhepunkt schaffte Kerouac mit dem 1957 erstmals veröffentlichten, nun zur Verfilmung durch Walter Salles auch in der Urfassung erschienenen Roman „On The Road“.
Der stark autobiografisch geprägte Roman fokussiert sich vor allem auf Kerouacs Bekanntschaft mit Neal Cassady, der auch anderen Beatniks als Inspiration diente. Kerouac hat immer davon geträumt, das Land auf dem Weg nach Westen zu erkunden, konnte sich aber nie dazu aufraffen. Als Cassady aus dem Erziehungsheim in Colorado entlassen worden ist und nach New York kommt, will er von Kerouac das Schreiben lernen. Nicht nur Ginsberg und Cassady liegen schnell auf einer Wellenlänge, auch mit Kerouac redet Cassady ohne Unterlass und zieht ihn mit auf die Straße. Sie haben kaum Geld in den Taschen, finden aber immer irgendjemanden, der ihnen einen Wagen leiht, Geld schickt oder eine Mitfahrgelegenheit anbietet. In wechselnden Konstellationen trampen die Beatniks durch die Vereinigten Staaten von Amerika, springen auf Güterzüge, reisen in Greyhound-Bussen oder fahren in gestohlenen Autos von New York City über Chicago und Denver bis nach New Orleans und schließlich nach Mexiko. Unterwegs machen sie die merkwürdigsten Frauen- und Männerbekanntschaften, heiraten hier und da, praktizieren die freie Liebe und geben sich dem Rausch der Drogen und der Musik hin. Der Bebop hat es ihnen angetan, das Leben auf der Straße und in den Clubs.
„Alles, was ich wollte und was Neal wollte und was alle wollten, war, irgendwie ins Herz der Dinge vorzustoßen, wo wir uns wie im Mutterschoß einkringeln und dem ekstatischen Schlaf hingeben konnten, den Burroughs mit einer schönen großen Spritze M. erlebte und die Werbemanager in New York mit zwölf Scotch & Sodas im Stouffers, bevor sie in den Säuferzug nach Westchester stiegen – nur ohne Kater. Ich hatte damals haufenweise romantische Phantasien und beseufzte mein Ungemach. In Wirklichkeit stirbt man einfach, man stirbt die ganze Zeit, und doch lebt man, man lebt weiter, und das ist keine Augenwischerei.“ (S. 251) 
So wie das wilde Treiben auf den Straßen liest sich auch „On The Road“. Kerouac beschreibt wie im Rausch das Lebensgefühl eines aufgeweckten, lebenshungrigen Vagabunden. „Die Geschichte handelt von dir und mir und der Straße“, hat Kerouac 1951 in einem Brief an seinen Freund Neal Cassady so treffend zusammengefasst, und es passt durchaus ins Bild, dass Kerouac das ganze Ding auf einer fast vierzig Meter langen Rolle Fernschreiberpapier ohne Punkt und Komma runtergeschrieben hat. Es ist nicht nur das Dokument einer Reise, sondern auch einer spirituellen Suche, die durch Arbeiten, Ambitionen und Ablehnung geprägt ist. Und wenn er sich nicht räumlich von der Stelle bewegte, halfen ihm die Drogen, sich an Orte zu begeben, die Burroughs als „dunkle oder Übergangszonen“ bezeichnet hat.
Nach der Zerrüttung seiner Familie, dem Chaos der Kriegsjahre, dem Tod seines Vaters und älteren Bruders war der traditionell erzogene Kerouac auf einmal empfänglich für alles Entwurzelte und Hilflose und glaubte an die Fortbewegung als Mittel zur Selbstveränderung. Dass er sich bei seinen Beobachtungen stets auf die Außenseiter und Zurückgebliebenen konzentrierte, verleiht auch „Unterwegs“ seinen zauberhaften, fast magischen Charme. Weitere tiefgreifende Einsichten vermitteln die verschiedenen Essays zur Entstehung und Wirkung des Romans am Ende des Buches – sie nehmen immerhin über 130 Seiten ein und sorgen für ein besseres Verständnis des temperamentvollen Straßenromans.