Mittwoch, 31. Dezember 2014

Jim Thompson – „Blind vor Wut“

(Heyne, 369 S., Tb.)
Nach seinem Verweis von der Militärschule ist der achtzehnjährige Allen Smith mit seiner Mutter gerade in eine schicke Wohngegend am East River gezogen. Wenn er mit ihr zu Fuß zur Schule am Fluss entlanggeht, kann er hinter Hell Gate die Skyline Manhattans sehen. Doch statt sich der Annehmlichkeiten seines Lebens zu erfreuen, macht ihm der Umstand, dass er der Mischlingssohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter ist, rasend vor Wut.
Mit ihrer koketten Art wickelt seine als Edelprostituierte arbeitende Mutter zunächst den Direktor von Allens Schule um den Finger, doch auch von ihrem Sohn holt sie sich immer wieder die Art von Zuneigung, die sie braucht, während sie Allen diese Lust versagt. Allen reagiert seinen Frust an seinen Mitmenschen ab, an den einfältigen Geschwistern Steve und Liz Hadley ebenso wie an Schuldirektor Velie und dem schwarzen Mitschüler Doozy, der eine Art Black-Power-Club gründen will. Einzig die Polizistentochter Josie Blair, die im Vorzimmer des Schuldirektors aushilft, scheint es gut mit Allen zu meinen. Doch das hält den Jungen nicht davon ab, alle um sich herum in den Abgrund zu schicken, in dem er sich seiner eigenen Meinung nach schon längst befindet …
„Ich hatte mir endlose Entschuldigungen für Mutter zurechtgelegt, hatte ihr zigtausend Mal verziehen; hatte mir die Schuld gegeben, mir selbst nie verziehen. Und gleichzeitig hatte ich sie gehasst, ihr nichts verziehen und mir dagegen alles. Ich hatte versucht, wann und wo auch immer alles recht zu machen. Doch in meinem Verstand sind Recht und Unrecht so miteinander verwoben, dass man sie nicht auseinanderhalten kann, also hatte ich mir meine eigenen Vorstellungen davon zurechtlegen müssen.“ (S. 265) 
Bevor der 1906 geborene Jim Thompson von der Schriftstellerei leben konnte, hat er sich mehr schlecht als recht als Glücksspieler, Alkoholschmuggler, Ölarbeiter und Sprengstoffexperte durchgeschlagen, war selbst dem Alkohol sehr zugetan und immer wieder von Depressionen geplagt. Später verfasste er Drehbücher für Regisseure wie Stanley Kubrick („Wege zum Ruhm“, „Die Rechnung ging nicht auf“) und lieferte die Romanvorlagen für die Filme „Getaway“ (1972 und 1994), „Der Mörder in mir“ (1976 und 2009), „After Dark, My Sweet“ (1990) und „Grifters“ (1990). Doch berühmt wurde er vor allem durch seine Noir-Romane, mit denen Thompson die dunkle Seite des amerikanischen Lebens beschrieb.
In dieser Hinsicht bildet sein 1972 veröffentlichtes Spätwerk „Blind vor Wut“ zwar keine Ausnahme, bemerkenswert ist allerdings die Hinterhältigkeit, mit der sein Protagonist Allen Smith agiert und seine Mitmenschen böswillig genau dorthin manövriert, wo er sie hinhaben will. Dabei berührt Thompson jedes Tabu, das ihm in den Sinn kam. Inzest, Rassismus, Schwulenfeindlichkeit und sexuelle Perversionen vermischt Thompson zu einem politisch ebenso fragwürdigen wie diskussionswürdigen Psycho-Thriller, der die Ausnahmestellung des Autors eindrucksvoll unterstreicht, aber sicherlich nicht jedermanns Sache ist.
Als Bonus ist dem Roman noch die gut 90-seitige Novelle „Ein Pferd in der Badewanne“ beigefügt, die sich wie eine Fingerübung zu „Blind vor Wut“ liest.
Leseprobe Jim Thompson - "Blind vor Wut"

Sonntag, 28. Dezember 2014

Peter Straub – „Schattenland“

(Heyne, 559 S., Tb.)
Zu der Zeit, als John Kennedy noch Senator von Massachusetts war, schmale Krawatten erstmals in Mode kamen und McDonalds erst zwei Millionen Frikadellen verkauft hatte, besuchten Tom Flanagan und Del Nightingale die Carson-Schule, eine eher zweitklassige Höhere Schule für Jungen. Nach dem Tod seiner Eltern lebte Del bei seinen Taufpaten und wünschte sich nichts mehr, als dass Tom Flanagan sein Freund werden möge.
Er lädt Tom ein, mit ihm zusammen die Weihnachtsferien bei seinem Onkel zu verbringen, und da Tom gerade den Tod seines eigenen Vaters zu verarbeiten hat und zudem das dringliche Gefühl hatte, seinen Freund beschützen zu müssen, nimmt er die Einladung an. Wie sich bald herausstellt, befinden sich die beiden Jungs tatsächlich bald in höchster Gefahr, denn Coleman Collins – so der selbsterwählte Name des ehemaligen Arztes Nightingale – nutzt seine magischen Fähigkeiten dazu, die beiden Jungs in die Geheimnisse des märchenhaften Reiches namens Schattenland einzuweihen.
Del, der bereits ein geübter Kartentrickzauberer ist, ist sich sicher, dass Collins ihn zu seinem Nachfolger ausbilden wird, doch tatsächlich sieht Collins in dem Flanagan-Jungen sein wahres Erbe. Geschickt spielt er nicht nur die beiden Jungen gegeneinander aus, sondern schickt mit Rose auch noch ein geheimnisvolles Mädchen ins Spiel, um dessen Gunst sich die Jungen streiten. Am Ende wissen die Jungen nicht mehr, wem sie überhaupt noch trauen können …
„ … er dachte, dass Schattenland, ein hässlicher Name für ein Haus, heimlichtuerisch und böse sei, und dass es Schatten verdiene, weil die Leute hier das Licht hassten. Schattenland implizierte die Enteignung. Und Coleman Collins schien ein Mann, der sich in seinen eigenen Kräften verirrt hatte, ein Schatten in einer Schattenwelt, substanzlos. Ein alter König, der wusste, was er unter den Händen seines Nachfolgers würde erleiden müssen.“ (S. 382) 
Ein Jahr nach seiner überragenden Gothic Novel „Geisterstunde“ (1979) und vier Jahre vor seinem internationalen Durchbruch mit dem epischen Fantasy-Horror-Werk „Der Talisman“ (1984), das er mit Stephen King geschrieben hat, bewies der amerikanische Autor Peter Straub mit „Schattenland“, dass er zu den versiertesten Vertretern seiner Zunft zählt.
„Schattenland“ erzählt nicht nur von der außergewöhnlichen Freundschaft der beiden Jungen Flanagan und Nightingale, der ersten Liebe und den mannigfaltigen Verführungen durch die Magie, sondern rekapituliert auch die Geschichte eines Magiers, der seine Fähigkeiten während seiner ärztlichen Tätigkeiten im Ersten Weltkrieg entdeckte und als Fahnenflüchtiger im Verborgenen weiterentwickelte, der die Bekanntschaft mit Aleister Crowley machte und sich mit den magischen Werken der Renaissance ebenso auskannte wie mit Gurdjieff und Ouspensky. 
Straub lässt in seine komplexe Geschichte, die immer wieder zwischen den Zeiten und verschiedenen Orten wechselt, märchenhafte Schilderungen einfließen und sogar die Gebrüder Grimm zu Wort kommen.
Am Ende schlägt Straub vielleicht den einen oder anderen Haken zu viel und driftet auch sprachlich in komplexe Formulierungen ab, aber Straub versteht es geschickt, den Leser in seine magischen Welten zu entführen und die Faszination für Schattenland und das Schicksal der jugendlichen Protagonisten stets aufrechtzuerhalten.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Peter Straub – „Geisterstunde“

(Goldmann, 599 S., Tb.)
Die aus den stattlichen Herren Sears James, Frederick Hawthorne, Lewis Benedikt und John Jaffrey bestehende sogenannte Altherrengesellschaft der Kleinstadt Milburn, New York, trifft sich schon seit Jahren meist in der behaglichen Bibliothek von Sears James, doch nachdem ihr Freund Edward Wanderley unter mysteriösen Umständen gestorben ist, stockte bei dem ersten Zusammentreffen danach die Unterhaltung, und als Ricky Hawthorne sich unvermittelt an den Doktor Jaffrey wandte und ihn fragte, was das Schrecklichste gewesen sei, das er je getan hatte, antwortete dieser: „Das werde ich dir nicht sagen, aber ich werde dir vom Schrecklichsten erzählen, das mir je widerfahren ist, … vom Allerschrecklichsten …“
Seither erzählen sich die alten Freunde bei ihren Zusammenkünften Geistergeschichten, doch als sich der Todestag ihres Freundes Wanderley das erste Mal jährt, haben sie alle das Gefühl, dass etwas Unheimliches in Gange ist. Sie beschließen, Edwards Neffen Don zu sich einzuladen, dem man nachsagt, durch seinen übernatürlichen Roman einige Erfahrungen auf dem Gebiet des Okkulten gesammelt zu haben. Durch seinen Besuch erhoffen die unter Alpträumen leidenden Männer Aufklärung und bestenfalls sogar Linderung ihrer Ängste. Wie berechtigt die Sorgen der Altherrengesellschaft sind, zeigt sich noch an Wanderleys Todestag, als zunächst vier Schafe mit aufgeschlitzten Kehlen, aber ohne Blutlachen am Tatort aufgefunden werden und Dr. Jaffrey tot aus dem Fluss gefischt wird.
Den verängstigten Männern ist wohl bewusst, dass die tragischen Ereignisse bereits vor fünfzig Jahren ihren Lauf nahmen, als eine Frau namens Eva Galli in ihrer aller Leben trat. An Edward Wanderleys Todestag trifft mit Anna Mostyn die Nichte von Eva Galli in der Stadt ein und sorgt für weitere Unruhe. Aber auch Donald Wanderleys Vergangenheit ist untrennbar mit der der Altherrengesellschaft verbunden:
„Wo bin ich da hineingeraten? In eine Geistergeschichte? Oder in Schlimmeres, das mehr ist als eine Geschichte? Die drei alten Herren haben nur eine vage Kenntnis von den Ereignissen vor zwei Jahren, und sie können unmöglich ahnen, dass sie mich darum baten, den seltsamsten Abschnitt meines Lebens nochmals aufzurollen, die schrecklichsten und destruktivsten Tage meiner Existenz noch einmal zu durchleben – oder die Seiten eines Buches wieder aufzuschlagen, das als Versuch geschrieben wurde, mit diesen Tage ins Reine zu kommen.“ (S. 231) 
Peter Straubs 1979 erstmals veröffentlichte „Geisterstunde“ ist wohl DAS Werk, das den Meister des atmosphärischen Horrors auch in Deutschland bekannt machte, bevor er 1984 durch das gemeinsam mit Stephen King verfasste Meisterwerk „Der Talisman“ zu einem der bekanntesten Genre-Autoren avancierte.
In „Geisterstunde“ nimmt sich Peter Straub die Zeit, zunächst die Befindlichkeiten der einzelnen Mitglieder der Altherrengesellschaft von Milburn zu beschreiben, indem er ihnen einzelne Kapitel widmet. In diesen episodenhaften Skizzen lässt er immer wieder die Ereignisse aus der Vergangenheit durchschimmern, die zu den unheimlichen Vorfällen beigetragen haben, die die Herren gerade so verängstigen, aber erst nach und nach enthüllt Straub geschickt die Puzzleteile, die allmählich zu dem großen Ganzen zusammengeführt werden. Das ist einfach großartig und packend geschrieben, wobei die Figuren vielschichtig gezeichnet und die verwirrenden Emotionen detailreich und atmosphärisch dicht beschrieben werden. „Die Geisterstunde“ ist einfach eine Gothic Novel par excellence!

Dienstag, 2. Dezember 2014

Stewart O‘Nan – „Emily, allein“

(Rowohlt, 380 S., HC)
Seit ihr Mann vor sieben Jahren verstorben ist, lebt die alternde Witwe Emily Maxwell allein in ihrem Haus in Pittsburgh, meist nur in Gesellschaft ihres altersschwachen Hundes Rufus und gelegentlich ihrer Schwägerin Arlene, mit der sie jeden Dienstag nach Edgewood fuhr, um dort im Eat ’n Park zum halben Preis am Frühstücksbuffet teilzunehmen.
Auch sonst verläuft ihr unspektakuläres Leben in geregelten, vorhersehbaren Bahnen, mit den Hunde-Spaziergängen und saisonalen Gartenarbeiten und den Vorbereitungen auf die wenigen Familienzusammenkünften zu den Festtagen. Doch als Arlene eines Dienstagmorgens am Büffettisch des Eat ‘n Park zusammenbricht und für einige Tage ins Krankenhaus muss, lernt Emily gezwungenermaßen, ihrem Leben eine neue Richtung zu verleihen. Um sich nicht länger in die zittrigen Hände ihrer Schwägerin begeben zu müssen, wenn sie längere Strecken zurücklegen möchte, schafft sie sich ein neues Auto an und versucht, ihren Kindern und Enkeln wieder etwas näher zu kommen.
„Vielleicht war es Nostalgie oder auch nur die Widerspenstigkeit der Erinnerung, doch sie konnte die erwachsene Variante der Kinder nicht von den Kindern trennen, die sie einmal gewesen waren. Margaret verdrehte schon seit fast vierzig Jahren den Männern die Köpfe – manchmal mit furchtbarem Ergebnis -, und doch würde sie immer die pummelige, mürrische Drittklässlerin bleiben, die in ihrem Zimmer Süßigkeiten versteckte. Justin, der angehende Astrophysiker, würde für immer der überempfindliche Junge sein, der in Tränen ausbrach, weil er das falsche Spülmittel in die Geschirrspülmaschine gefüllt hatte. Da Emily auf ihr eigenes früheres Ich nicht besonders stolz war, begriff sie, dass es ungerecht war, ihnen diese alten Rollen überzustülpen, und bemühte sich, über ihre neuen Aktivitäten auf dem Laufenden zu bleiben und ihre jüngsten Triumphe zu feiern.“ (S. 266)
Es verwundert nicht, dass Stewart O’Nan sein feinfühliges, ganz und gar unsentimentales Witwenportrait seiner Mutter widmet, denn selten dürfte man das Leben einer allein lebenden alten Frau kaum sensibler, detaillierter, unaufgeregter und doch so humorvoll und melancholisch beschrieben gesehen haben. Obwohl O’Nan, selbst in Pittsburgh groß geworden und wieder dort lebend, die Geschichte nicht als Ich-Erzählung angelegt hat, ist der Leser immer ganz dicht an Emily dran, teilt ihre Gedanken und Gefühle ebenso wie ihre episodenhaft geschilderten Erlebnisse, die schwierigen Familienfeste, der Verkauf des Nachbarhauses, die Beerdigungen alter Freundinnen, der Kratzer an ihrem neuen Wagen, das mysteriöse Zahlen-Graffiti auf ihrem Grundstück, das Kämpfen mit der Grippe und der Vergesslichkeit.
Auch wenn man selbst keine alte Frau ist, die die besten Jahre hinter sich hat und sich bemüht, den Rest des Lebens möglichst sinn- und würdevoll zu verbringen, fällt es dem Leser bei O’Nans einfühlsamen Schreibstil leicht, Emilys Empfindungen zu folgen, mit ihr mitzufühlen, ihre Sorgen und Ängste zu teilen. Wie der preisgekrönte Autor es versteht, Empathie für seine ganz und gar gewöhnliche Protagonistin zu wecken, ist schon große Kunst und absolut lesenswert.
Leseprobe Stewart O'Nan - "Emily, allein"

Sonntag, 23. November 2014

Jo Nesbø – „Der Sohn“

(Ullstein, 522 S., HC)
Dass Sonny Lofthus unschuldig in seinen Mauern sitzt, wissen sowohl Arild Franck, stellvertretender Leiter im Hochsicherheitsgefängnis Staten von Oslo, als auch Gefängnispastor Per Vollan. Der junge Mann hatte die Schmach nicht verkraftet, dass sein Vater ein korrupter Polizist gewesen ist, der sich vor Selbstekel schließlich das Leben nahm, und schließlich die Verantwortung für zwei Morde übernommen, die er nicht begangen hatte. Als Gegenleistung wird er während seiner Haft durch den Pastor mit Heroin versorgt.
Mittlerweile hört sich der schweigsame, vertrauenswürdige junge Mann die Probleme, Sorgen und Beichten seiner Mitgefangenen an und erfährt dabei, dass sein Vater gar kein Verräter gewesen sei, sondern für einen anderen Maulwurf bei die Polizei sein Leben lassen musste.
Sonny gelingt es, in der Uniform eines krankgeschriebenen Gefängniswärters zu fliehen, und macht sich auf die Jagd, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Dass zwischen seinem ersten Opfer, der durch Immobiliengeschäfte reich gewordene Agnete Iversen, und den erschossenen Männern im Büro einer Halle, die als Übungsraum für Rockbands diente, ein Zusammenhang bestehen könnte, ahnt nur Hauptkommissar Simon Kefas, der mit seiner jungen Assistentin Kari Adel Sonny in Gewahrsam nehmen möchte, bevor er in die Hände des Unterweltbosses gelangt, den man nur als der Zwilling kennt.
„Als Simon Kefas sich an diesem Abend im Spiegel ansah, erblickte er einen Roboter. Eine komplizierte Konstruktion mit vielen Möglichkeiten. Aber eben doch nur ein Roboter. Wofür wollte er diesen Jungen also bestrafen? Was hatte Sonny vor? Eine Welt retten, die nicht gerettet werden wollte? Etwas ausrotten, dessen Nutzen wir uns nicht eingestehen wollen? Denn wer schaffte es denn, in einer Welt ohne Kriminalität zu leben, ohne den stumpfsinnigen Aufruhr der Idioten, ohne das Irrationale, das für Bewegung sorgt, für Veränderung. Ohne Hoffnung auf eine bessere – oder schlechtere Welt.“ (S. 469) 
Nach zehn Romanen um den Osloer Kommissar Harry Hole und dem davon losgelösten Thriller „Headhunter“ präsentiert der norwegische Bestseller-Autor Jo Nesbø mit „Der Sohn“ einen weiteren eigenständigen Thriller, in dem es vor allem um Verrat, Vergebung und Rache geht. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch verschwimmen dabei immer mehr, je weiter die Handlung voranschreitet und dunkle Geheimnisse offenbart werden. Meisterhaft gelingt es Nesbø, seine Figuren ebenso vielschichtig wie geheimnisvoll zu zeichnen und sie so plastisch in den Plot einzubinden, dass man sich als Leser immer hautnah mitten im Geschehen glaubt.
Es sind aber nicht nur der Kommissar Simon Kefas, der mit Sonnys Vater gut befreundet war und sich nun vor allem um die drohende Blindheit seiner Frau Else sorgt, und Sonny, die mit ihren ganz persönlichen Tragödien das Herz von „Der Sohn“ bilden, auch die Frauenfiguren sind interessant gezeichnet, während die Sünden und Vergehen der Männer erst nach und nach offenbart werden.
Nesbø gelingt es, die Spannung von Beginn an kontinuierlich aufzubauen und bis zum wendungsreichen Finale aufrechtzuerhalten, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben.
Leseprobe Jo Nesbø - "Der Sohn"

Sonntag, 16. November 2014

Kim Zupan – „Die rechte Hand des Teufels“

(Knaur, 331 S., Tb.)
Im Alter von über siebzig Jahren lässt sich der Auftragskiller John Gload eines Tages widerstandslos auf seinem Grund und Boden von den drei Deputys Weldon Wexler, Voyle Dobek und Valentine Millimaki festnehmen und in eine der Krankenzellen des County-Gefängnisses wegsperren, wo er auf seinen Prozess wartet. Da Wexler der dienstältere Deputy ist und dazu ein lädiertes Knie beklagt, fällt dem jungen Deputy Millimaki die Nachtschicht zu, in der er mit dem schlaflosen Gefangenen immer vertrauter ins Gespräch kommt.
Millimakis Vorgesetzter erhofft sich von den Unterredungen Hinweise auf all die verborgenen Leichen, die Gload im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere irgendwo hinter sich gelassen hat. Tagsüber macht sich Millimaki mit seinem Spürhund Tom auf die Suche nach Vermissten. In letzter Zeit hat er allerdings wenig Glück, die Gesuchten auch lebend vorzufinden.
„Millimaki saß im Dreck und starrte ausdruckslos auf das Grab, wie betäubt von Schlafmangel. Gload schien durchaus fähig zu sein, Güte zu zeigen, aber das war vielleicht nur eine rudimentäre Eigenschaft, wie die Schwimmhäute und die unvollständigen Gliedmaßen von Contergan-Kindern – etwas halb entwickeltes Groteskes, das ihn wegen der Erinnerung daran, wie es gewesen wäre, intakt zu sein, noch bemitleidenswerter machte. Für uns Übrige, dachte Millimaki, ist die Entfernung zwischen Vernunft und Raserei kurz, die Grenze, die das Ungeheuer bändigt, so dünn wie Pergament und genauso brüchig. Es war in jedem vorhanden, dachte er. In ihm selbst. Eine halbe Sekunde blinder Wut, und das Beil fährt herab. Er starrte den aufgewühlten Flecken Erde an, wo noch vor so kurzer Zeit ein Leichnam gelegen hatte. Ab einem bestimmten Punkt, dachte er müde, war es nur noch Fleisch.“ (S. 149f.) 
In seinem Debütroman „Die rechte Hand des Teufels“ schildert der aus Montana stammende amerikanische Autor Kim Zupan die fast freundschaftliche Beziehung zwischen einem des Lebens und des Tötens müden Auftragsmörder und einem jungen Deputy. So verschieden sie zunächst sein mögen, werden sie doch durch die Leichen verbunden, die Gload zu verantworten hat und die Millimaki zu finden hofft, aber auch durch die Frauen in ihrem Leben, die ihre eigenen Wege gehen. Gload erzählt zwar von einigen Morden aus seiner Anfangszeit als Killer, doch verwertbares Material kann Millimaki seinem Boss nicht liefern.
Zupan erweist sich in seinem Debüt als sprachgewandter Stilist, der gekonnt die Atmosphäre und die psychischen Befindlichkeiten gerade des jungen Deputys einzufangen versteht, während den alternden Gefangenen immer eine geheimnisvolle Aura umgibt, die selbst während der vertrautesten Gespräche nie aufgebrochen wird. Das einzige Manko von „Die rechte Hand des Teufels“ liegt in dem Spannungsaufbau begründet. Zupan wechselt immer wieder abrupt die Zeiten und Orte des Geschehens, ohne dass Sinn und Zweck von ganzen Abschnitten erkennbar wären.
Aber Zupan ist fraglos ein Autor, dessen Namen sich Krimidrama-Fans merken sollten, denn sein stark assoziativer Schreibstil hat auf jeden Fall ebenso hypnotische Qualitäten wie seine Fähigkeit der interessanten Figurenzeichnung.

Sonntag, 9. November 2014

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 2) „Regengötter“

(Heyne, 672 S., Pb.)
Auf einen anonymen Anruf hin entdeckt Sheriff Hackberry Holland hinter der alten Kirche im südtexanischen Chapala Crossing die Leichen von neun jungen, schick gekleideten thailändischen Frauen, die mit einem Bulldozer plattgewalzt worden sind. An den Ermittlungen beteiligt sich nicht nur das FBI mit dem für die Exhumierungen zuständigen Agenten Ethan Riser, sondern auch der raubeinige Isaac Clawson von der Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde ICE, der nach dem Mord an seiner Tochter sämtliche Umgangsformen hinter sich gelassen hat.
Zunächst dürften allein die Stripclub-Besitzer Nick Dolan und Artie Rooney eine Vorstellung davon haben, was da passiert sein könnte, als Arties Handlanger Hugo Cistranos mit dem eigens dafür engagierten Pete Flores die Frauen über die Grenze nach Houston bringen sollte. Derweil macht sich Pete mit seiner Freundin Vikki auf und davon. Ihnen auf den Fersen ist der berüchtigte Preacher Jack Collins, dessen unberechenbar psychopathische Züge alle Beteiligten immer wieder in Erstaunen versetzen. Doch als Pracher die beiden Flüchtigen in seine Gewalt bringt, sind die Karten schon wieder neu gemischt worden. Denn statt sie zu töten, will er vor allem dem Mädchen ein neues Leben ermöglichen.
„Sie spuckte auf die Geldscheinspange und auch auf seine Finger. Dann begann sie zu weinen. In der Stille, die nun folgte, hatte sie das Gefühl, von seiner Präsenz eingehüllt zu werden wie von feuchter Wolle, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Das rosafarbene Strahlen auf seinem Hemd, der Schweißgeruch seines Körpers und die Nähe seiner Lenden zu ihrem Gesicht drohten sie zu überwältigen, und mit einem Mal bestand die einzige Realität in dieser Welt aus der Figur von Preacher Jack Collins, der nur wenige Zentimeter vor ihr stand. Ihr war nicht klar gewesen, dass sich Stille so laut anfühlen konnte. Die Intensität des Schweigens, so glaubte sie in diesem Moment, ähnelte den knackenden Geräuschen, die ein Ertrinkender auf dem Weg zum Grund eines tiefen Sees hörte.“ (S. 485f.) 
Doch nicht nur das FBI und Sheriff Holland sind Preacher und dem jungen Pärchen auf den Fersen, auch verschiedene Nachtclubbesitzer, russische Mafiagrößen und diverse Auftragskiller mischen munter mit …
Nach dem alkoholsüchtigen Cajun-Cop Dave Robicheaux, den James Lee Burke seit Mitte der 1980er Jahre in über zwanzig Fällen in den Sümpfen Louisianas ermitteln ließ (u.a. auch in der Verfilmung "In The Electric Mist" mit Tommy Lee Jones in der Hauptrolle), und dem Kleinstadtanwalt Billy Bob Holland, den Burke in den späten 90ern erschuf, tritt nun mit dessen Cousin Hackberry Holland auf den Plan, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Nordkorea in Texas erst dem Alkohol verfiel, zu oft in Bordellen verkehrte, dann eine Politkarriere versaute und nach der Scheidung von seiner ersten Frau in tiefe Depressionen verfiel, die nach dem Tod seiner zweiten Frau nicht weniger wurden.
Diese komplexe Figur, die bereits ein wechselhaftes Leben hinter sich hat, stellt in dem episch angelegten „Regengötter“ zwar den markanten Dreh- und Angelpunkt dar, doch hat Burke hier ein schillerndes Panoptikum an interessanten Figuren kreiert, die mit ihren eigenwilligen Moralvorstellungen, fehlgeleiteten religiösen Ansichten und skrupellosen Geschäftsgebaren der Geschichte eine wechselhafte Dynamik verleihen, die Burke auf atmosphärisch intensive Weise so authentisch wiedergibt, dass der Leser den Staub der Wüste und den Kupfergeschmack des Blutes zu schmecken scheint, der zwischen all den Seiten zu finden ist.
„Regengötter“ erinnert von der Figurenkonstellation etwas an Cormac McCarthys großartigen Roman „No Country For Old Men“, ist aber weit vielschichtiger angelegt und bietet immer wieder neue interessante Wendungen bis zum ungewöhnlichen Finale.
Leseprobe James Lee Burke - "Regengötter"

Dienstag, 4. November 2014

Dennis Lehane – „The Drop - Bargeld“

(Diogenes, 223 S., HC)
Eigentlich hätte Bob Saginowski die Bar an diesem Tag früher zugemacht, doch vor genau zehn Jahren hatte der ehemalige Quarterback der East Buckingham High Richie „Glory Days“ Whelan die Kneipe verlassen, um etwas Gras zu besorgen, und wurde nie mehr gesehen, weshalb seine Kumpel beim Fernsehen seiner gedachten. Auf dem Heimweg von seiner Vier-bis-zwei-Schicht in der „Cousin Marv“-Kneipe seines Bosses und – tatsächlichen - Cousins Marv findet Bob schließlich einen Boxer-Welpen in der Mülltonne und kümmert sich auf Drängen von Nadia, die den Vorfall beobachtet hat, um den verletzten Junghund.
Am nächsten Morgen besucht Bob die Sonntagsmesse und fängt gegen Mittag seine Schicht bei Marv an, der in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern noch eine Gang angeführt hatte, bis sie ihr Kreditgeschäft an aggressivere Gangs abtraten. Mittlerweile beteiligt sich Marv nur noch als Hehler für die Tschetschenen, denen Marvs Kneipe seit Jahren gehört. Doch eine Stunde nachdem die Tschetschenen ihren Geldumschlag in der Bar deponiert haben, tauchen zwei maskierte und bewaffnete Typen auf und sacken die Tageseinnahmen ein.
Detective Evandro Torres, der sich der Ermittlungen annimmt, weiß natürlich, dass die Bar ein Depot für Bandengelder ist, eine Drop Bar, doch angesichts des ausgeklügelten Systems, mit dem die Gangs ihre Gelder in den Bars kurzzeitig deponieren und wieder abholen, findet die Polizei keine Mittel, gegen sie vorzugehen. Dafür taucht mit Eric Deeds ein frischer Ex-Knacki bei Bob auf, der auch seinen Teil vom Kuchen abhaben will …
„Wie hatte es so weit kommen können?
Du hast die Welt hereingelassen, Bobby, sagte eine Stimme, die der seiner Mutter verdammt ähnlich klang. Du hast die sündenstarrende Welt hereingelassen. Und unter ihrem Deckmantel ist nichts als Dunkelheit.
Aber, Mutter?
Ja, Bobby.
Es war Zeit. Ich kann nicht nur für das Jenseits leben. Ich muss im Hier und Jetzt leben.
So sprechen die Gefallenen. So sprechen sie seit Anbeginn der Zeiten.“ (S. 188) 
Dennis Lehane hat bereits mit seinen verfilmten Bestsellern „Mystic River“ und „Shutter Island“ seine Meisterschaft dokumentiert, außergewöhnliche Geschichten packend in Szene zu setzen. Da sich an den filmischen Qualitäten seiner Stoffe nichts geändert hat, schrieb der amerikanische Bestseller-Autor zu seinem neuen Roman „The Drop“ erst das Drehbuch, so dass zur Veröffentlichung seines Romans auch die Filmadaption durch Michael R. Roskam mit Tom Hardy, Noomi Rapace und dem verstorbenen James Gandolfini (in seinem letzten Film) in den Hauptrollen in den Kinos startet.
Dennis Lehane nimmt den an sich wenig spektakulären Raubüberfall in Cousin Marvs Bar als Ausgangspunkt für eine starke Milieustudie über ein Viertel, in dem zwar die meisten Einwohner sonntags in die Kirche gehen, aber bei weitem nicht alle zum Abendmahl. Dazwischen werden so einige dunkle Geheimnisse gehütet, Menschen getötet, die sich nicht an die Regeln halten, Sex erkauft, Hunde gequält und Cops an der Nase herumgeführt, aber auch zarte Freundschaften geknüpft.
All dies webt Lehane kunstvoll und sprachgewandt zu einem faszinierenden, atmosphärisch stimmigen Gaunerstück mit etlichen Toten und überraschenden Wendungen. Schade nur, dass das Lesevergnügen nach nur 220 Seiten schon vorbei ist.
Leseprobe Dennis Lehane - "The Drop - Bargeld"

Philippe Djian – „Oh …“

(Diogenes, 231 S., HC)
Die Pariser Filmproduzentin Michèle hat einiges um die Ohren. Nicht nur, dass sie sich Tag für Tag mit miserablen Drehbüchern von Männern herumschlagen muss, die jede Kritik an ihren genialen Stücken als persönlichen Affront betrachten, auch in privater Hinsicht stellt ihr Leben derzeit kein Zuckerschlecken dar. Dass sie von einem maskierten Mann in ihrer eigenen Wohnung vergewaltigt worden ist, kann sie nur ihrer Freundin Anna anvertrauen, mit der sie die Filmproduktionsfirma leitet und mit deren Mann Robert sie seit einiger Zeit eine Affäre unterhält.
Ihr eigener Ex-Mann Richard vergnügt sich derweil mit der unverheirateten wie jungen Hélène, ihr gemeinsamer Sohn Vincent erkennt mit seinen 24 Lebensjahren immer noch nicht den Ernst des Lebens und glaubt, mit seinem Job bei McDonald’s sich und Josie unterhalten zu können, die gerade das Kind eines anderen Mannes austrägt. Zu allem Überfluss plant ihre 75-jährige Mutter nach etlichen Schönheitsoperationen noch einmal einen viel jüngeren Mann heiraten zu können, während ihr Vater im Gefängnis verrottet, nachdem er in den 80er Jahren sämtliche Kinder eines Micky-Clubs abgeschlachtet hatte.
Einzig ihr verheiratete Nachbar, der bislang so unauffällige Bankmanager Patrick, scheint etwas Licht in ihr anstrengendes Leben zu bringen.
„Ich habe in meinem Leben ja so manchen seltsamen Mann kennengelernt, aber Patrick bricht alle Rekorde. Trotzdem gefällt er mir. Ich möchte dieser Geschichte augenblicklich ein Ende setzen, jetzt sofort jeglichen Kontakt abbrechen, denn mit einem Mann, der so kompliziert, so unberechenbar ist, kann man sich nur Ärger einhandeln, andererseits fühle ich mich noch nicht so alt, dass ich nicht noch einige außergewöhnliche Abenteuer erleben könnte, ich fühle mich durchaus noch dazu imstande – denn so kurz kann das Leben nicht sein, denke ich mir.“ (S. 138) 
Seit Philippe Djian mit erotisch knisternden Romanen wie „Betty Blue – 37,2° am Morgen“, „Erogene Zone“ und „Rückgrat“ für Furore am internationalen Literaturmarkt gesorgt hat, etablierte er sich in der Folge mit weiterhin sehr lebendig geschriebenen, rasant erzählten Romanen, in denen es immer irgendwie um die Tücken des Lebens, die Schwierigkeiten in der Liebe und der Kunst, hin und wieder auch um Verbrechen geht.
Auch sein neuer Roman „Oh …“ stellt ein solches überbordendes Sammelsurium an teils neurotischen, teils ganz normalen Menschen dar, die in Situationen hineinmanövriert werden, die außerhalb ihrer Geschicke liegen, aber nicht ohne Einfluss auf ihr eigenes Schicksal bleiben.
Es ist bezeichnend für „Oh …“, dass Djian den kurzen Roman seinem Publikum ohne Kapiteleinteilungen in einem Guss serviert, denn Zeit zu verschnaufen haben weder die von allen Seiten attackierte Ich-Erzählerin noch Djians Leser, die mit Michèle von einer kuriosen Situation in die nächste taumeln.
Djians lakonischer Humor, sein feines Gespür für die allzu menschlichen Schwächen und für bei allen kuriosen Wendungen doch irgendwie lebensnahen Geschichten machen „Oh …“ zu einem extrem kurzweiligen Lesevergnügen, das zurecht 2012 mit dem Prix Interallié ausgezeichnet worden ist.
Leseprobe Philippe Djian - "Oh …"

Montag, 3. November 2014

Don Winslow – (Frank Decker: 1) „Missing. New York“

(Droemer, 395 S., Pb.)
Frank Decker ist noch Ermittler bei der Polizei in Lincoln, Nebraska, als er einen „Code 64“ übermittelt bekommt, eine Vermisstenmeldung. Da er sich gerade in der Nähe befindet, steuerte er den Bungalow in dem Viertel Russian Bottoms an und unterhält sich mit der Mutter des gerade mal fünf Jahre jungen afroamerikanischen Mädchens Hailey Hansen. Nach Aussage der alleinerziehenden Mutter ist das Mädchen beim Spielen im Vorgarten verschwunden, als sie selbst kurz auf Toilette gegangen war. Decker weiß so gut wie jeder, der mit Vermisstenfällen von Kindern zu tun hat, dass die Chancen, die Kinder lebend zu finden, mit jeder verstrichenen Stunde dramatisch schwinden.
Als mit Brittany Morgan ein weiteres, diesmal weißes Mädchen verschwindet, hilft die Zeugenaussage eines Jungen der Polizei, Harold Gaines festzunehmen, der vor fünf Jahren wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war und seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Als Brittany tot aufgefunden wird, schmeißt Decker seinen Job hin, setzt seine ohnehin kriselnde Ehe in den Sand und widmet sich fortan nur noch der Suche nach Hailey, weil er ihrer Mutter versprochen hat, sie zurückzubringen. Seine Spur führt ihn zu einer Tankstelle nach Jamestown, wo Hailey mit ihrem Spielzeugpferd beim Verlassen der Toilette gesehen wurde, und schließlich nach New York, wo Decker den prominenten Modefotografen Clay Welles und ein Model kennenlernt, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit Hailey besitzt … Der Aufenthalt in New York führt Decker in einen undurchsichtigen Sumpf aus altem Geldadel mit bizarren Vorlieben, exklusiven Bordellen und einem weit verzweigten Handel mit Mädchen. Schließlich bekommt er es sogar mit der Mafia und einigen üblen Schlägern zu tun.
„Ich sah wirklich aus wie Scheiße. Ich arbeitete an einem Dreitagebart, meine blau gehauenen Augen changierten in ein morbides Lila, meine Kinnpartie war verquollen, im Mundwinkel hatte ich getrocknetes Blut. Irgendwann hatte es wieder angefangen zu bluten, und ich hatte es nicht gemerkt.
Ich musste fast lachen.
Das war nicht mehr der Frank Decker aus Lincoln.
Von dem trennten mich ein Jahr, ein paar tausend Meilen und ein Haufen Erfahrungen.
Das Lustige war, ich konnte mich kaum noch an den Kerl erinnern. Der steckte irgendwo noch in mir drin, aber wo?“ (S. 342)
Der New Yorker Thriller-Autor Don Winslow hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, zu einem der meistprämierten Genre-Größen zu avancieren. Nicht zuletzt Oliver Stones Verfilmung von „Zeit des Zorns“ machte den Amerikaner auch hierzulande populär, wo er 2011 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.
Mit „Missing. New York“ präsentiert Droemer nun den Start einer neuen Reihe, mit der Winslow den ehemaligen Cop Frank Decker vermisste Personen aufspüren lässt, für die sich die dafür zuständigen Behörden recht schnell nicht mehr interessieren. Winslow hält sich nicht lange mit einer Einführung auf, sondern stellt seinen Protagonisten Frank Decker als tatkräftigen Mann dar, der zwar seine Ehe ruiniert hat, aber sonst zu seinem Wort steht.
Der Roman entwickelt sich ab der ersten Seite zu einem echten Pageturner. Das liegt nicht nur an dem emotional aufgeladenen Vermisstenfall, sondern auch an der rasant inszenierten Handlung. Auch wenn die Geschichte den Verlauf eines Jahres abdeckt, beschränkt sich Winslow nur auf die Episoden, in denen auch etwas passiert. Und sobald Decker erst einmal im Schmelztiegel New York angekommen ist, überschlagen sich schließlich auch die Ereignisse bis zu einem packenden Finale, das Lust auf weitere Decker-Abenteuer macht.
Leseprobe Don Winslow - "Missing. New York"

Samstag, 1. November 2014

John Niven – „Music From Big Pink“

(Heyne, 224 S., Tb.)
Als der ehemalige Drogendealer Greg an einem Märznachmittag 1986 in einem Mini-Markt in Toronto auf der Titelseite des „Star“ vom Selbstmord des The-Band-Sängers Richard erfährt, überkommt ihn eine Welle der Erinnerung. Zurück in der Bruchbude, die er von seinen Eltern geerbt hat, legt Greg „Music From Big Pink“ auf, das Debütalbum von The Band, setzt sich einen Schuss und kehrt mit seinen Gedanken zwanzig Jahre zurück, als er Toronto verlassen hatte, um in New York Jura zu studieren. Doch statt sich um seinen Abschluss zu kümmern, verkaufte Greg in ganz Manhattan Speed und Gras, bis er sich Ärger mit seinem Boss einhandelte und bei seinem Freund Alex in Woodstock unterkam.
Im einem hässlichen pinkfarbenen wie verwahrlosten Haus lernte er Richard, Rick und Garth von The Hawks kennen und bekam mit, wie sie an neuen Songs arbeiteten, aus denen später das epochale Debütalbum „Music From Big Pink“ entstehen sollte. In einer Ära, die maßgeblich von ihrem Mitbewohner Bob Dylan geprägt wurde, floss eine Menge Alkohol, wurden exzessiv allerlei Drogen konsumiert und Mädchen flachgelegt. Damals dachte Greg im Leben nicht daran, dass er die Entstehung eines so wegweisenden Albums miterleben würde.
„Ich hatte ein bisschen was von der Musik aufgeschnappt, die sie mit Dylan den Sommer über in ihrem Keller aufgenommen hatten. Vor der Revox neben Garths Orgel stapelten sich die Bänder, größtenteils Coverversionen oder Sessions mit klassischem Zwölf-Takt-Blues, über die Dylan Songs von Johnny Cash, Hank Williams oder Elmore James näselte, ausnahmslos beschissen aufgenommen, mit einem Haufen mieser Mikrofone. Das meiste von dem, was ich gehört hatte, klang wie echtes Kifferzeug. Wie Comedy-Musik. Der Scheiß eben, den sich Typen mit ihren Gitarren zusammendengeln, wenn sie völlig breit vor sich hinkichern.“ (S. 68f.)
In dem Nachwort zu seinem 2005 veröffentlichten Debütroman erzählt der schottische Autor John Niven, wie er 2004 beauftragt wurde, für die 33 1/3-Reihe bei Continuum Books über ein Rock-Album zu schreiben, das Musikgeschichte geschrieben hat. Niven hatte gerade seinen Job als A&R-Manager an den Nagel gehängt, um seine Erfahrungen in der Musikbranche in einem Roman zu verarbeiten. Mit „Music From Big Pink“ gelang ihm dabei gleich ein großer Wurf. Inspiriert von Joe Pernices ebenfalls in dieser Reihe erschienenen „Meat Is Murder“, in dem der Musiker das gleichnamige Album von The Smiths als Ausgangspunkt für die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes nahm, ließ Niven einen jungen Drogendealer, wie sie seiner eigenen Erfahrung nach immer wieder im Umfeld von Rockstars zu finden waren, miterleben, wie Musiker aus dem Bob-Dylan-Umfeld ein großartiges Album kreierten.
Dabei steht zwar der Ich-Erzähler Greg im Mittelpunkt des Geschehens, aber aus seiner Sicht erlebt der Leser eine geradezu sinnlich wahrnehmbare Atmosphäre von kreativer Energie, die sich eigentlich aus den dreckigsten Zutaten generiert. Der gerade mal 220 Seiten dünne Roman „Music From Big Pink“ liest wie ein guter Rock-Song, der seine Hörer in andere Sphären zu tragen versteht. Das ist purer Sex & Drugs & Rock’n’Roll!
Leseprobe John Niven - "Music From Big Pink"

Stephen King – (Bill Hodges: 1) „Mr. Mercedes“

(Heyne, 591 S., HC)
In einer wirtschaftlich angeschlagenen Großstadt im Mittleren Westen der USA warten bereits in den frühen Morgenstunden Hunderte Arbeitssuchende darauf, dass die populär angekündigte Jobbörse in der Stadthalle ihre Tore öffnet. Auf einmal wird die Menge von den aufleuchtenden Scheinwerfern eines Mercedes Benz erfasst, der daraufhin vorsätzlich in die Warteschlange rast und unerkannt flüchten kann. Dieser Fall des Mercedes-Killers gehört zu den wenigen, die Detective Bill Hodges ungeklärt zurücklassen muss, als er in den Ruhestand geht.
Mittlerweile ist Hodges so von seinem Leben angeödet, dass er sich Tag für Tag vor dem Fernseher berieseln lässt und mit dem .38er M&P herumspielt, um hin und wieder festzustellen, wie der Lauf des geladenen Revolvers auf der Zunge liegt und auf den Gaumen gerichtet ist. Doch dann reist ihn der persönlich an ihn gerichtete Brief des mutmaßlichen Mercedes-Killers aus der Lethargie. Indem sich der Killer darüber lustig macht, dem meistdekorierten Polizisten der Stadt entwischt zu sein, weckt er den Jagdinstinkt des Ruheständlers. Nachdem er eine Nacht darüber geschlafen hat, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Bei einem Mittagessen mit seinem alten Partner Pete Huntley bringt sich Hodges auf den derzeitigen Stand der Ermittlungen in dem Fall, dann sucht er noch einmal das Gespräch mit Olivia Trelawney, der Besitzerin des gestohlenen Mercedes. Bei seinen Ermittlungen kann sich Hodges nicht nur auf seinen cleveren Helfer Jerome verlassen, sondern auch auf die attraktive Janey Patterson, Olivia Trelawneys Schwester. Gemeinsam kommen sie einem jungen Mann auf die Spur, der durch ein anonymes Chat-Portal immer wieder Nachrichten mit Hodges austauscht und eine ungewöhnliche Beziehung zu seiner Mutter pflegt.
„Er würde gern glauben, dass es eine zärtliche Wiedervereinigung von Mutter und Kind geben wird – vielleicht sogar eine von Mutter und Liebhaber -, doch tief drinnen tut er das nicht. Er kann es sich vormachen, aber … nein.
Nur Dunkelheit.
Wegen Gott macht er sich keine Sorgen, und er hat auch keine Angst, dass er die Ewigkeit damit verbringen muss, langsam für seine Verbrechen geröstet zu werden. Es gibt weder Himmel noch Hölle. Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß, dass so etwas nicht existiert. Wie grausam müsste das höchste Wesen sein, um eine derart abgefuckte Welt zu erschaffen wie diese?“ (S. 438f.)
Hodges muss einige herbe Rückschläge und Verluste bei der Suche nach dem Mercedes-Killer hinnehmen, bis alles darauf hindeutet, dass der Killer ein weiteres Mal bei einer größeren Menschenansammlung zuschlagen wird, aber wo?
Stephen Kings neuer Roman kommt ungewöhnlich konventionell daher. Statt übersinnlicher Phänomene, die den Kampf zwischen Gut und Böse infiltrieren, bemüht der Bestseller-Autor Szenarien, wie ihn der Noir-Schriftsteller James M. Cain (dem der Roman gewidmet ist) kreiert haben könnte, den Wettkampf zwischen einem lebensmüden Cop im Ruhestand und einem aus der Reihe tanzenden Muttersöhnchen, wobei King virtuos ebenso mit den Klischees des Genres spielt wie er sie unterläuft.
Die Stärken von „Mr. Mercedes“ liegen wie bei King üblich in den sehr genauen Figurenzeichnungen, der lebendigen Sprache und einem fesselnden Spannungsaufbau, so dass man ihm sporadische Längen durchaus gern verzeiht.
 Leseprobe Stephen King - "Mr. Mercedes"

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Paolo Coelho – „Untreue“

(Diogenes, 315 S., HC)
Die 31-jährige Linda ist eine bekannte Journalistin einer angesehenen Tageszeitung in Genf, die glücklich verheiratet mit dem mehr als wohlhabenden Manager eines renommierten Investmentfonds ist, mit dem sie zwei Söhne hat, und trotzdem meint die ebenso begehrte wie beneidete Frau, dass jeder vor ihr liegende Tag ein Desaster wird. Das wird ihr besonders nach einem Interview mit einem Schriftsteller bewusst, dem es nicht darum geht, glücklich zu sein, sondern sein Leben voller Leidenschaft zu gestalten. Mit diesem Statement im Kopf beginnt Linda ihr Leben in Frage zu stellen. Hin- und hergerissen zwischen der Angst, ihr Leben bis zum Ende der Tage in völliger Gleichförmigkeit zu verbringen, und der Angst, dass sich von einem Augenblick zum anderen alles verändern könnte, quält sich Linda mit verschiedenen weiteren damit zusammenhängen Fragen, die sich um die Liebe und ihre Abwesenheit drehen und um die Sorge, dass sie ihre besten Jahre mit Routine vergeudet.
Als sie den ein Jahr jüngeren Politiker Jacob König interviewt, für den sie schon als Jugendliche geschwärmt hat, beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre mit ihm, die auch ihr Eheleben zu bereichern scheint. Doch je mehr sich Linda auf den ebenfalls verheirateten Mann einlässt, desto mehr hinterfragt sie sich selbst und ihr Verhalten.
„Kann man lernen, den richtigen Mann zu lieben? Selbstverständlich. Dafür muss es einem allerdings gelingen, den falschen Mann zu vergessen, der, ohne um Erlaubnis zu bitten, in unser Leben getreten ist, weil er gerade vorbeikam, und nachher sagt, die Tür habe doch offen gestanden. Was wollte ich von Jacob? Ich wusste doch von Anfang an, dass unsere Beziehung zum Scheitern verurteilt war, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie auf so demütigende Weise enden könnte. Vielleicht wollte ich nur, was ich bekommen habe: Abenteuer, Lust und neue Lebensfreude. Oder hatte ich etwa mehr gewollt?“ (S.254) 
Wie bei dem brasilianischen Bestseller-Autor üblich, wird „Untreue“ nicht durch die Handlung dominiert. Stattdessen dient die Ausgangssituation einer erfolgreichen, jungen, attraktiven und wohlhabenden Frau dazu, den Leser einmal mehr dazu zu animieren, sich über wesentliche Aspekte seines eigenen Lebens Gedanken zu machen. Statt seine Leser zu emotionaler Anteilnahme an Lindas Schicksal zu animieren, lässt Coelho sein Publikum vor allem an Lindas Gedanken und Gefühlen teilhaben. Allerdings wirken diese inneren Monologe nicht immer schlüssig und stellen auch Lindas Verhalten immer wieder in Frage. Stattdessen wird der Leser den Eindruck nicht los, dass Coelho sich selbst mit seinen wohlwollenden, spirituell angehauchten Weisheiten in den Vordergrund rückt und dabei leider vergisst, eine interessante Geschichte zu erzählen.
Wenn der eine oder andere Leser zum Nachdenken über das wahre Glück und wie es zu erreichen und zu bewahren ist angeregt wird, hat Coelho sein Ziel sicher erreicht. Doch die Geschichte an sich ist nicht glaubwürdig und packend genug geschrieben, um auch Leser fesseln zu können, die nicht an einer spirituellen Entwicklung interessiert sind.
Leseprobe Paolo Coelho - "Untreue"

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Joe R. Lansdale – „Dunkle Gewässer“

(Heyne, 320 S., Tb.)
Sue Ellens Daddy hat es aufgegeben, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, nachdem er dabei einige Finger verloren hatte. Stattdessen vergiftet er sie mit einem Jutesack voller grüner Walnüsse. Als Sue Ellen eines Tages ihren Vater und Onkel Gene zum Angeln begleitet, wird sie Zeuge, wie mit dem Jutesack auch die Leiche ihrer Freundin May Lynn Baxter auftaucht. Nach ihrer Beerdigung am nächsten Tag macht sich der Constable nicht die Mühe, nach dem Mörder des Mädchens zu suchen, aber Sue Ellen und ihre Freunde Terry und Jinx sind der Meinung, dass die Zeit ihres jungen Lebens hübsche May Lynn etwas Besseres verdient habe, als in einem Armengrab zu verrotten. Da das Mädchen immer davon geträumt hatte, ein Filmstar in Hollywood zu werden, beschließen die Freunde, May Lynns Leiche auszugraben und zu verbrennen und ihre Asche nach Hollywood zu bringen.
In May Lynns Sachen finden sie sogar den Hinweis auf die Beute aus einem Banküberfall, mit der sie sich zusammen mit Sue Ellens psychisch labiler Mutter auf ein Floß begeben, um damit den Fluss hinab nach Süden zu reisen. Doch auf ihre Fährte begeben sich nicht nur der korrupte Constable, sondern auch ein sagenumwobener Auftragskiller, der dafür bekannt ist, Spielchen mit seinen Opfern zu spielen … Sogar die alte Frau, bei der die Reisenden unterwegs Unterschlupf und vor allem Essen zu finden hoffen, hat von Skunk gehört.
„‘Er ist wie die Hitze, wie Wind, Regen und die Erde‘, sagte die alte Frau. ‚Ihm bedeuten Tage nichts. Zeit ist ihm gleichgültig. Er tut, was er tut, weil er etwas dafür bekommt. Schuhe, was zu essen, einen Hut. Wenigstens sind das die Gründe, wenn man die Sache oberflächlich betrachtet, aber sobald man ein wenig an dieser Oberfläche kratzt, dann stellt man fest, dass er es macht, weil es ihm gefällt. Er hat Geschmack am Töten gefunden. Wenn er sich etwas vorgenommen hat, dann macht er das auch, selbst wenn es eine halbe Ewigkeit dauert. Weder Tod noch Teufel können ihn davon abhalten. Und jetzt habt ihr diesen eiskalten Mörder an meine Tür geführt.‘“ (S. 263) 
Der texanische Autor Joe R. Lansdale ist vor allem durch seine Krimi-Serie um den weißen, heterosexuellen Kriegsdienstverweigerer Hap Collins und den schwarzen, homosexuellen Vietnam-Veteran Leonard Pine bekannt geworden, er fühlt sich aber im Science-Fiction-, Western- oder Fantasy-Genre heimisch. Mit „Dunkle Gewässer“ legt Lansdale nun einen Horror-Thriller vor, der es wirklich in sich hat. Sue Ellen, die jugendliche Ich-Erzählerin der Geschichte, ist mit einem temperamentvollen Vater und einer Mutter geschlagen, die ihr Leben im Bett verbringt und sich mit ihrer sonderbaren Medizin stets im Dämmerzustand befindet. Unter diesen Umständen hat sich das Mädchen zu einer selbstständigen und humorvollen Teenagerin entwickelt, die mit ihrem mutmaßlichen schwulen Freund Terry und der schwarzen Jinx zu einer abenteuerlichen Odyssee aufmacht, zu der sich sogar Sue Ellens Mutter aufrafft und dabei neuen Lebensmut schöpft.
Lansdale begleitet seine unerschrockene Crew mit viel Sympathie für seine Figuren und mit einer lebendigen Sprache, die immer wieder humorvoll die irrwitzigsten Vergleiche heraufbeschwört. Dieser Sprachwitz bildet dabei einen interessanten Kontrast zu den wenig erbaulichen Zwischenfällen, mit denen die Reisenden konfrontiert werden, die schließlich in der unausweichlichen Konfrontation mit dem gefürchteten Skunk kulminieren.
„Dunkle Gewässer“ bietet erfrischend leichtflüssig geschriebene Grusel- und Spannungs-Unterhaltung auf höchstem Niveau, verbindet brillanten Wortwitz mit überzeugend gezeichneten Figuren in einem dramaturgisch perfekt ausbalancierten Plot.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Dunkle Gewässer"

Samstag, 11. Oktober 2014

Richard Laymon – „Der Geist“

(Heyne, 512 S., Tb.)
Während der Semesterabschlussfeier, die die junge Literatur-Dozentin Dr. Corie Dalton für ihre Studenten bei sich zu Hause veranstaltet, entdeckt Lana unter einem Stapel von Gesellschaftsspielen ein Ouija-Brett, das sie entgegen des Rats ihrer Gastgeberin mit ihren Kommilitonen ausprobiert. Tatsächlich gelingt es den Studenten, Kontakt zu einem Geist namens Butler aufzunehmen, der die Spieler erst auf einen 100-Dollar-Schein zwischen den Sofakissen aufmerksam macht und ihnen schließlich einen Schatz am Calamity Peak, einer schwer zugänglichen Bergregion in Kalifornien, in Aussicht stellt.
Als Corie in der Nacht Besuch von Chad, dem Bruder ihres verstorbenen Mannes, bekommt, der sich vor fünf Jahren in die Berge zurückgezogen hatte, machen sich Keith, Lana, Doris, Glen, Howard und Angela auf den Weg – mit dem Ouija-Brett, das ihnen den Weg zum Schatz weisen soll. Während Corie in der Nacht endlich erfährt, warum Chad damals so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist, packen die Studenten ihre Sachen, wobei Howard Angela erst einmal aus den Fängen ihres Peinigers Skerrit befreien muss. Der Vorfall bringt die beiden einander ebenso näher, wie Corie und Chad die Vergangenheit ruhen lassen, um gemeinsam einen Neubeginn zu wagen. In Sorge um ihre Studenten macht sie sich mit ihrem neuen Lover auf den Weg, die jungen Leute von ihrem Vorhaben abzubringen. Tatsächlich durchkreuzt ein muskelbepackter Irrer die Pläne der jungen Schatzsucher, doch warten noch weitaus schlimmere Gefahren in der Wildnis auf sie.
Währenddessen erfährt Howard, warum Angela ihm immer so merkwürdig vorkam, als sie ihm ihre Geschichte erzählt.
„Er hatte Mitleid mit ihr. Und mit sich selbst. Er wollte, dass alles wieder so wäre, wie es war, bevor sie ihm ihre schreckliche, unglaubliche Geschichte erzählt hatte. Doch als er sie danach umarmt hatte, hatte er sich geekelt. Als wäre sie unrein, verdorben. Schmutzig. Als stänke sie nach all den anderen, nach ihrem Schweiß und ihrem Samen. Irgendwie hatte sie seine Empfindungen gespürt. Ich will nicht so sein, sagte er sich. Außerdem ist es dumm. Sie ist immer noch Angela. Sie hat sich nicht verändert, weil sie die Geschichte erzählt hat. Und vorher schien sie nicht schmutzig zu sein.“ (S. 276 f.) 
Richard Laymons Horror-Thriller zeichnen sich nicht gerade durch eine besonders raffinierte Sprache oder komplexe Handlungen aus, dafür gelingt es ihm spielend, seine Leser schon mit den ersten Sätzen voll ins Geschehen zu ziehen und seine Figuren äußerst lebendig zu zeichnen. In dieser Hinsicht macht „Der Geist“ keine Ausnahme. Allerdings war es noch nie Laymons Stärke, übersinnliche Elemente besonders überzeugend in seinen Geschichten darzustellen. So verliert „Darkness, Tell Us“, so der 1991 veröffentlichte Originaltitel, immer dann an Eindringlichkeit, wenn das Ouija-Brett ins Spiel kommt, und gewinnt an Dynamik, wenn das Grauen ganz reale Züge annimmt. Und wie bei Laymon üblich darf es in „Der Geist“ auch an expliziten Sexszenen nicht fehlen.
„Der Geist“ zählt sicher nicht zu den stärksten Werken des 2001 verstorbenen Amerikaners, aber Laymon-Fans dürfen sich auf einen bewährten Mix aus Sex, Spannung und Gewalt freuen, dem man so einige Ungereimtheiten gern verzeiht, wenn es die Handlung entsprechend vorantreibt.
Leseprobe Richard Laymon - "Der Geist"

Samstag, 4. Oktober 2014

J. R. Moehringer – „Tender Bar“

(S. Fischer, 459 S., HC)
Seit Steve 1970 die Bar im Herzen der idyllischen Vorstadt Manhasset, siebenundzwanzig Kilometer südöstlich von Manhatten liegend, kaufte und sie nach dem englischen Schriftsteller Charles Dickens in „Dickens“ umbenannte, gibt er seinen Gästen nicht nur den Schutz und den Glanz, den sie wie jeder Amerikaner suchen, sondern lässt sie an diesem egalitären Ort vor allem ihre Einsamkeit vergessen. Es soll einen Gegenpol zu der Welt draußen darstellen, ein Wohnzimmer jener Bilderbuchfamilie, die es nicht gibt. Der siebenjährige John Joseph Moehringer, Jr. wurde nach seinem erfolgreich als Radio-DJ arbeitenden Vater benannt, den seine Mutter verlassen hatte, als er gerade sieben Monate alt war, und der Verlust schmerzt den Jungen so sehr, dass er eine tiefe Verbundenheit zu den Männern entwickelt, die sich regelmäßig im „Dickens“ einfinden. Hier empfängt JR, wie er sich nennt, um nicht mit dem Namen seines Vaters verbunden zu sein, die Geborgenheit und die Ratschläge, die Jungen eigentlich von ihren Vätern bekommen sollten.
JR lernt, woher Smelly, Sooty, Joey D, No-Drip, Bob the Cop und Cager ihre Spitznamen bekommen haben, folgt ihren Diskussionen um Baseballstars und Frauengeschichten. Mit seiner alleinerziehenden Mutter versucht JR immer wieder, aus der Tristesse auszubrechen, die das Leben unter dem Dach seiner Großeltern mit all den Cousinen bedeutet, aber da seine Mutter nie genug verdient, um eine eigene Wohnung auf Dauer zu finanzieren, kehren sie immer wieder zurück. Als JR älter wird, bekommt er ein Stipendium für Yale, doch fühlt er sich im elitären Zirkel all der wohlhabenden Kommilitonen aus gutem Hause wie ein Underdog. Er lernt mit Sidney seine große erste Liebe kennen, die ihn immer wieder wegen anderer Männer sitzenlässt, aber im „Publicans“, wie die Bar nun heißt, findet der nun volljährige JR immer wieder den Mut und die Zuversicht, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen.
„Ich mauserte mich von einem verschwommenen Wesen zu einer wirklichen Person. Onkel Charlie fuhr nicht mehr erschrocken in die Höhe, wenn er mich neben sich stehen sah, und die anderen Männer nahmen mich bewusster wahr, redeten mit mir, brachten mir Dinge bei. Sie brachten mir den richtigen Griff für einen Curveball bei, den richtigen Schwung für ein Neuner-Eisen, die richtige Drehung beim Footballwurf, die Tricks beim Seven-Card Szud-Poker. Sie brachten mir bei, wie man mit den Schultern zuckt, wie man die Stirn in Falten legt, wie man seinen Mann steht. Sie brachten mir Haltung bei und versicherten mir, das Auftreten eines Mannes sei seine Philosophie. Sie brachten mir bei, wie man das Wort ‚fuck‘ benutzt, schenkten mir das Wort wie ein Taschenmesser oder ein gutes Kleidungsstück, wie etwas, das jeder Junge haben sollte.“ (S. 117). 
Der 1964 in New York geborene J. R. Moehringer studierte tatsächlich in Yale und wurde Reporter bei der Los Angeles Times, gewann 2000 sogar den Pulitzer-Preis und veröffentlichte 2005 mit „Tender Bar“ seinen international gefeierten Debüt-Roman. Mit lakonischem, stets selbstironischen Humor und tiefsinnig bewegendem Ton beschreibt Moehringer, wie er den frühen Verlust seines Vaters, den er immer nur als „Die Stimme“ bezeichnet, kompensiert, indem er auf die Stärke seiner Mutter ebenso bauen kann wie auf die weisen Ratschläge all der Männer im „Publicans“.
Wir erfahren, wie der junge JR durch seine „Worte“ den Respekt der Männer erwirbt, wie er durch einen Nebenjob skurrile Buchhändler kennenlernt, die ihn für Yale vorbereiten, wie seine Initialen mit Punkten versehen werden und warum Frank Sinatra eine so große Rolle in seinem Leben spielt. In all diesen biografischen Sequenzen lernen wir nicht nur, wie J. R. Moehringer zu dem Mann geworden ist, der uns schließlich mit diesem wundervollen Roman beglückt, sondern werden auch echten Männern vorgestellt, die auf ihre jeweils einzigartige Weise einen besonderen Einfluss auf das Leben des jungen Mannes genommen haben.
Mit diesem Entwicklungsprozess sind so einige schmerzhafte, aber auch erleuchtende Erkenntnisse verbunden, die „Tender Bar“ bei allem Humor und manchmal tragischen Episoden eine fundamentale Tiefe verleihen, die das Lesen auch zu einem philosophischen Vergnügen macht. Leseprobe J. R. Moehringer - "Tender Bar"

Sonntag, 28. September 2014

Nick Cutter – „Das Camp“

(Heyne, 464 S., Tb.)
Falstaff Island ist eine kleine unbewohnte Insel fünfzehn Kilometer vor der Nordspitze des kanadischen Festlands, die nur als Quartier für gelegentliche Exkursionen dient – wie für die Pfadfindertruppe von Gruppenleiter Tim Riggs. Kaum wurde der 42-Jährige mit den Jungs Kent, Shelley, Newton, Max und Ephraim von einem Boot mit Proviant für drei Tage auf der Insel abgesetzt, bekommt die Truppe Besuch von einem Schiffbrüchigen, wie es aussieht, einem völlig ausgemergelten Mann, der von einem unsäglichen Hunger gequält wird.
Doch die unerschöpfliche Nahrungszufuhr richtet wenig aus. Stattdessen zerfällt der Körper des Mannes immer mehr, und dem als Arzt praktizierenden Gruppenleiter wird schnell bewusst, dass der Mann unter einer tödlichen Infektion leidet.
 „Der Fremde sah nicht mehr ganz wie ein Mensch aus, sondern eher wie etwas, das ein zurückgebliebenes Kind mit einem Buntstift malen würde. Sein Körper bestand nur noch aus Strichen. Seine Arme waren Kritzeleien. Seine Finger kalligrafische Spinnen. Die Haut legte sich furchtbar straff um seinen Brustkorb und spannte sich um jede Rippe, sodass man die einzelnen Muskelfasern sehen konnte. Sein Brustbein war nur noch ein Knoten und sein Becken ein schauerliches, biegsames Gabelbein. Seine Gesichtshaut hatte die Patina von altem Kupfer und klebte so fest an seinem Schädel, dass Max die klaffenden Knochenringe seiner Augenhöhle sehen konnte. Seine Ohren standen wie die Henkel eines Krugs ab und waren so dünn, dass sie sich wie verkohltes Papier nach innen kräuselten.“ (S. 115) 
Riggs schickt die Jungs auf einen Orientierungsmarsch, um sich allein mit dem Kranken zu beschäftigen, wird aber schließlich selbst von dem befallen, das sich unter der Haut und in den Eingeweiden des Gestrandeten schlängelnd bewegt. Nun scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch Riggs Schützlinge in Kontakt mit der tödlichen Gefahr kommen …
Mit „The Camp“ hat der kanadische Schriftsteller Craig Davidson (der u.a. für die Romanvorlage des Films „Rost und Knochen“ verantwortlich zeichnete) unter dem Pseudonym Nick Cutter einen hoffentlich nicht einmaligen Ausflug ins Horror-Genre unternommen. Dass Cutter „The Camp“ mit einem Zitat aus William Goldings Klassiker „Herr der Fliegen“ einleitet, ist mehr als nur naheliegend, schließlich wirkt das Setting zunächst allzu vertraut: Fünf Jungen auf der Schwelle zum Erwachsensein werden auf einer einsamen Insel mit einer tödlichen Gefahr konfrontiert, die auch das Verhalten untereinander beeinflusst.
Cutter hat – wie er in seiner Danksagung zugibt – den Aufbau der Story aus Stephen Kings „Carrie“ übernommen, und auch wenn er eine komplett andere Story erzählt, weist „Das Camp“ wesentliche Charakteristika des King of Horror auf, beispielsweise eine eindrucksvolle, glaubwürdige Figurenzeichnung, eine farbenprächtige Sprache und einen packenden Spannungsaufbau, der immer nur durch Auszüge aus Beweismittellisten, Zeitungsartikeln, Gutachten, wissenschaftlichen Vorträgen und eidesstattlichen Aussagen unterbrochen werden, die auf den schrecklichen Ausgang der Story hinweisen.
Natürlich kommt hier auch der berühmte wahnsinnige Wissenschaftler ins Spiel, aber dem Autor gelingt es, dieses vertraute Mittel nicht allzu abgeschmackt zu verwenden, sondern sinnvoll in die Thematik von dem Sinn und Unsinn von wissenschaftlichem Ehrgeiz einzufügen.
„The Camp“ ist ein Horror-Thriller, der sprichwörtlich unter die Haut geht. Dabei überlassen Cutters detaillierte Schilderungen allerdings kaum etwas der Phantasie des Lesers. Aber indem er den Fokus der Geschichte ganz auf das Geschehen auf Falstaff Island reduziert, entwickelt die Story einen unheimlich fesselnden Sog, der keine Gefangenen macht.
Leseprobe Nick Cutter - "Das Camp"

Sonntag, 21. September 2014

Olen Steinhauer – „Die Spinne“

(Heyne, 494 S., Pb.)
Seit der Xin Zhu die sogenannte „Tourismus“-Abteilung der CIA für den Mord an seiner Tochter verantwortlich gemacht hat, löschte er diese in einer spektakulären Racheaktion mit den akkurat ausgeführten Morden an dreiunddreißig Agenten nahezu komplett aus. Zu den wenigen Überlebenden der Abteilung zählten neben dem Leiter Alan Drummond und der Agentin Leticia Jones auch Milo Weaver, der das Massaker an seiner Dienststelle zum Anlass nahm, seinen Job an den Nagel zu hängen.
Doch sein Freund Alan hat es bis heute nicht verwunden, dass er die Morde an seinen Agenten nicht verhindern konnte, und bittet Milo um Unterstützung bei der Vernichtung des Chinesen, der eine Abteilung des chinesischen Geheimdienstes leitet. Weaver lässt sich zunächst nicht ködern, doch dann verschwindet Drummond spurlos aus einem Londoner Hotel. Offensichtlich verfolgt er einen anderen Plan als Senator Nathan Irwin und die NCS-Beamtin Dorothy Collingwood, mit denen er zuvor eine Operation gegen Xin Zhu besprochen hatte.
Als Weavers Frau und Tochter gekidnappt werden, muss er sich wider Willen auch an der Suche nach Drummond beteiligen.
„Er wusste – oder vermutete -, dass sich Alans Plan um Rache drehte, während die Gruppe um Collingwood einen anderen Zweck verfolgte der vielleicht in den Abgründen der Außenpolitik verborgen lag. Was Alan auch vorhatte, es war auf jeden Fall so problematisch, dass Collingwood eine weltweite Suchaktion nach ihm angeleiert hatte. An diesem Punkt kam es auch darauf an, sich von seinen Vorurteilen zu verabschieden. Egal, wie durchgeknallt Alan war, Milo tendierte natürlich zu seiner Seite, denn auf der anderen Seite stand Irwin. Milo versuchte zwar, einen Bogen um Begriffe wie gut und böse zu machen, aber ihm war klar, dass er die beiden Lager automatisch in diese Schubladen einsortierte.“ (S. 276) 
Es dauert mehr als 100 Seiten, bis Milo Weaver, der Protagonist aus Steinhauers ersten beiden Thrillern „Der Tourist“ und „Last Exit“, die Bühne betritt. Bis dahin werden vor allem die Bemühungen des chinesischen Geheimdienstes beschrieben, die Gründe des zu spät bemerkten Aufenthalts von Leticia Jones in Shanghai aufzuklären. Doch sobald Milo Weaver in die Operation eingebunden wird, kommt Tempo und Spannung in den Plot, wie man es sonst nur aus dem Umfeld von James Bond und Jason Bourne kennt.
Steinhauer gelingt es dabei allerdings, die Story nicht unnötig komplex aufzubauschen, sondern diese sehr persönlich zu färben. Erst im letzten Viertel schlägt er vielleicht ein paar Haken zu viel und verliert seinen Helden etwas aus dem Blick. Interessant sind die vertrackten Pläne sowohl des amerikanischen als auch des chinesischen Geheimdienstes aber allemal.
Leseprobe Olen Steinhauer - "Die Spinne"

Dienstag, 2. September 2014

John Niven – „Coma“

(Heyne, 397 S., Pb.)
Unterschiedlicher können zwei Brüder kaum sein wie Gary und Lee Irvine. Sie sind beide nie aus dem beschaulichen Ardgirvan an der schottischen Westküste herausgekommen, doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Gary schlug sich in der Verwaltung von Hendersons Gabelstaplerwerk durch und unterminierte konsequent die höher gesteckten Erwartungen seiner Frau Pauline, die sich damals nur auf Gary einließ, weil er der einzige in der Stadt mit einem Job und Auto gewesen war.

Garys große Leidenschaft gilt aber dem Golfsport, die er von seinem vor Jahren verstorbenen Vater geerbt hat, der im Gegensatz zu seinem Sohn aber ein guter Spieler war. Wenn sich Gary auf das Grün wagt, endet sein Auftritt meist in peinlichen Fiaskos. Seinem Bruder Lee ergeht es ganz ähnlich. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und ist sich nicht zu schade, das Darth-Vader-Sparschein seines Sohnes zu plündern, um sich das nächste Pint in der Kneipe leisten zu können. Als er einen Drogendeal vermasselt, sieht es um seine Zukunft noch schwärzer aus. Das Leben der beiden Brüder ändert sich schlagartig, als Gary von einem fehlerhaften Golfball direkt an der rechten Schläfe so schwer getroffen wird, dass er ins Koma fällt, nachdem er gerade den besten Schlag seines Lebens absolviert hat. Als Gary aus dem Koma erwacht, leidet er unter einer außergewöhnlichen Art des Tourette-Syndroms.
„Robertson hatte Cathy und Pauline erklärt, dass all das unfreiwillig geschah, dass es sich dabei um eine spastische Reaktion handelte, die sich unwesentlich von einem Schluckauf unterschied, und dass Gary häufig gar nicht wahrnahm, was er da tat. Dennoch fiel ihnen auf, dass er den Kraftausdrücken manchmal eine hastige Entschuldigung oder einen durchaus bewussten Fluch aus Frustration über seinen Zustand folgen ließ. Ein solcher Satz hörte sich dann folgendermaßen an: ‚Hi, Mum, ich war bloß – O MANN! Du geile Sau, ficken – `tschuldigung! – blöde Kuh, lutsch meinen – SCHEISSE! – lutsch meinen Schwanz. SCHEISSE! SORRY! Grrr!‘“ (S. 154). 
Während Gary und seine Liebsten mit der neuen Situation zurechtzukommen versuchen, plant Garys Frau Pauline, mit dem reichen Teppich-Händler Findlay Masterson ein neues Leben anzufangen. Doch dazu muss erst einmal Findlays Frau aus dem Weg geräumt werden, da eine Scheidung nicht in Frage kommt. Derweil startet Gary allerdings auf dem Golfplatz voll durch und qualifiziert sich aus dem Nichts für die Open in St. Andrews, wo er sogar auf sein Idol Calvin Linklater trifft. Durch Garys unverhoffter Teilnahme und seiner Chance auf ein komfortables Preisgeld verändert sich gleich für etliche Freunde, Bekannte und Verwandte die jeweilige Lebenssituation.
Man muss wirklich kein Golf-Freak sein, um John Nivens „Coma“ lieben zu können. Zwar bedient sich der schottische Kultautor natürlich auch des dazugehörigen Fachjargons, doch lebt der Roman vor allem durch die außergewöhnliche Metamorphose, die Gary Irvine im Verlauf der Geschichte durchmacht. Allein die Sequenz, in der Niven beschreibt, wie Gary mit dem Aufkommen des Tourette-Syndroms auch unter ständigen Erektionen leidet, ist einfach herrlich.
Dazu wird „Coma“ von einer ganzen Reihe herrlich schräger Figuren bevölkert, die die Handlung in jeder Hinsicht bereichern. So wird aus „Coma“ nicht nur eine herrliche Golfer-Satire, sondern auch eine irrwitzige Gangster-Posse und Gesellschafts-Komödie, die durch Nivens grandiosen Wortwitz und wunderbare Dialoge besticht.
Leseprobe John Niven - "Coma"

Freitag, 29. August 2014

Stewart O’Nan – „Alle, alle lieben dich“

(Rowohlt, 413 S., HC)
Im Juli 2005 bereiten sich die drei Freundinnen Kim, Nina und Elise im beschaulichen Kleinstädtchen Kingsville darauf vor, im Herbst aufs College zu gehen. Bis dahin jobben Nina und Kim noch jeden Abend im Laden der Conoco-Tankstelle und hängen ihren Träumen und Hoffnungen nach, die mit dem Weggehen aus Kingsville verbunden sind. Doch eines Abends tritt Kim ihre Schicht im Conoco nicht an, nachdem sie kurz zuvor noch mit ihrem Freund J.P. und Nina ausgelassen am Fluss herumgealbert hat. Es dauert nicht lange, da alarmiert Kims Mutter die Polizei.
Suchtrupps werden zusammengestellt, Befragungen von Freunden und Verwandten durchgeführt, doch erst nach Tagen wird Kims Wagen aufgefunden, von ihr selbst fehlt jede Spur. Die nächsten Tage, Wochen und Monate dreht sich das Leben der Larsens ganz um das Auffinden von Kim. Die Polizei ist keine große Hilfe, also organisiert vor allem Fran mit Flugblättern und einem Online-Auftritt die Suche, während ihr Mann Ed Tag für Tag neue Gebiete nach seiner Tochter absucht und in Motels übernachtet. Die verzweifelte Suche nach ihrer Tochter verändert die Beziehung zwischen den Eheleuten.
„Plötzlich stellten sie sich persönliche Fragen. Wie sie schlafe. Ob die Pillen wirkten. Ober er auch welche haben wolle. Was er heute gegessen habe. Was sie morgen vorhabe. So hatten sie seit ihren ersten Verabredungen nicht mehr miteinander gesprochen, und das Mädchen in ihr hätte das gern romantisch gefunden, sie und er vom Schicksal getrennt, umhüllt von Nacht, zwei Stimmen verbunden durch unsichtbare Wellen, die zwischen weit auseinanderliegenden Türmen durch die kalte Luft gleiten – ein heimliches, unverdientes Band, das sich bei dem Gedanken, dass Kim allein irgendwo dort draußen war, in Luft auflöste.“ (S. 176). 
Stewart O’Nan zeichnet einmal mehr das diffizile Psychogramm einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie, die durch das Verschwinden der ältesten Tochter auf eine harte Probe gestellt wird. Dabei beschreibt O’Nan nicht nur die Verzweiflung der Eltern, die sich zunächst auf ganz unterschiedliche Weise mit der traumatischen Situation auseinandersetzen.
Während Ed gern das Weite sucht und den Kummer in sich hineinfrisst, setzt Fran alle Hebel in Bewegung, um ja nichts unversucht zu lassen, die geliebte Tochter wieder in den Schoß der Familie zu führen. Auch Kims jüngere Schwester und die Befindlichkeiten von Kims Clique seziert O’Nan mit der ihm eigenen Gründlichkeit. Der Kriminalfall dient ihm nicht als Plot für einen Thriller um ein vermisstes Mädchen, sondern als Grundlage für ein Drama, das sich vor allem innerhalb der Familie abspielt. Das ist zwar nicht unbedingt etwas für Krimi-Fans, aber spannend ist die Art, wie stückchenweise auch dunkle Geheimnisse thematisiert werden, allemal.
Leseprobe Stewart O'Nan - "Alle, alle lieben dich"

Montag, 18. August 2014

Jess Walter – „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“

(Blessing, 383 S., HC)
Der amerikanische Traum ist für Matt Prior schnell ausgeträumt. Als er noch ein halbwegs erfolgreicher Wirtschaftsjournalist war, konnte er sich mit seiner hübschen Frau Lisa und den beiden Jungs Franklin und Teddy ein nettes Häuschen in einer Vorortsiedlung leisten, doch als der verhinderte Poet seinen Job an den Nagel gehängt hatte, um eine Website für Poesie und Geldanlagen ins Leben zu rufen, kam das Unglück so richtig ins Rollen.
Da Matt mit der Website keine nennenswerten Einnahmen erzielte, musste er seinen alten Job wieder aufnehmen, nur um vor acht Wochen wieder gekündigt zu werden. Durch den Einbruch des Immobilienmarktes drohen den Priors der Verlust des Hauses und des Autos. Ganze sieben Tage bleiben Matt, seine Altersvorsorge aufzulösen und 31.000 Dollar Restzahlung an die Bank zu leisten. Vor diesem desaströsen Hintergrund erscheint es Matt eine gute Idee, beim Milchholen im Supermarkt um die Ecke, auf das Angebot zweier Kiffer einzugehen, mit ihnen auf eine Party zu gehen und mal wieder richtig schön einen durchzuziehen. Dabei kommt ihm die Idee, seine Rücklagen über 9400 Dollar in gutes Gras zu investieren, um es gewinnbringend weiterzuverkaufen. Als Matt erfährt, dass seine Frau mit einem gewissen Chuck eine Affäre zu haben scheint, gerät seine Welt allerdings immer mehr ins Wanken.
„Es ist beinahe, als bekämen Lisa und ich bloß, was wir verdienen. Zumindest bilden wir uns das ein. Irgendwie scheint das ganze Land davon überzeugt zu sein, wir alle hätten etwas getan, das diese Katastrophe rechtfertigt, diese globale Erwärmung, diesen ewigen Krieg, diesen Haufen Scheiße, in dem wir uns befinden. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, unsere Zukunft verprasst, Ressourcen geplündert, in einer Luftblase gelebt.“ (S. 210)
Matts Versuch, durch den Handel mit Gras zumindest seine finanziellen Sorgen vorübergehend in den Griff zu bekommen, scheitert allerdings schon im Frühstadium, als zwei Beamte einer Sondereinheit auftauchen und Matt zur Zusammenarbeit zwingen …
Wer „Breaking Bad“ kennt, wird das literarische Pendant von Jess Walter lieben. Ebenso wie Walter White angesichts seiner Lungenkrebserkrankung aus Sorge vor der finanziellen Absicherung seiner Familie beginnt, in den Handel mit Methamphetamin einzusteigen, sieht auch Jess Walters Protagonist im Drogengeschäft die besten Möglichkeiten, kurzfristig große Gewinne einzufahren.
Mit einer gelungen Mischung aus geballtem Sprachwitz und durchaus tiefsinnigen Einsichten in die Befindlichkeiten der amerikanischen Mittelschicht, die durch die Immobilien- und Bankenkrise ihrer Fundamente beraubt worden ist, beschreibt der Pulitzer-Preis-Träger die verzweifelten Versuche eines Durchschnittamerikaners, nicht nur sein Eigenheim, sondern auch seine Ehe zu retten und seinen Kindern ein guter Vater zu sein. Neben treffenden Statements zu den wirtschaftlichen Zusammenhängen der Krise und den Auswirkungen auf die amerikanische Mittelschicht bezaubert der kurzweilige Roman durch seinen warmherzigen Humor und den wunderbar lakonischen Ton, mit dem Matt immer wieder seine ausweglose Lage beschreibt, ohne die Hoffnung zu verlieren.
Leseprobe Jess Walter - Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten

Sonntag, 10. August 2014

Paul Auster – „Sunset Park“

(Rowohlt, 317 S., HC)
Ähnlich wie die terroristischen Anschläge vom 9/11 hat die ab 2008 grassierende Finanzkrise die amerikanische Seele stark erschüttert und die kulturelle Produktion beeinflusst. Der vielfach international prämierte New Yorker Schriftsteller Paul Auster hat die Folgen der Wirtschaftskrise als Ausgangspunkt für seinen Roman „Sunset Park“ genommen, um ganz verschiedene Figuren in einem heruntergekommenen Haus in Sunset Park zusammenzuführen und ihre Geschichten zu erzählen.
Seit der achtundzwanzigjährige Miles Heller vor siebeneinhalb Jahren das College verlassen hat, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seit einem Jahr arbeitet er mit drei Kollegen für die Immobiliengesellschaft Dunbar in Florida und ist für die Entrümpelung der Häuser zuständig, die von ihren Eigentümern aufgegeben werden mussten. Während seine Kollegen sich immer wieder an den zurückgelassenen Dingen bereichern, beschränkt sich Miles darauf, sie zu fotografieren. Der Zufall oder das Schicksal will es, dass Miles eines Tages in einem Park in Miami der siebzehnjährigen Pilar begegnet, die wie er gerade in F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ liest. Sie lieben sich, ziehen verbotenerweise zusammen, und um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, kehrt Miles nach New York zurück, wo er bei seinem Jugendfreund Bing Nathan Unterschlupf findet. Bing betreibt nicht nur eine „Klinik für kaputte Dinge“, sondern besetzt mit zwei jungen Frauen ein verlassenes Haus im Brooklyner Viertel Sunset Park. Ellen Brice möchte eigentlich Malerin sein, schlägt sich aber stattdessen erfolglos als Immobilienmaklerin durch, die einer verflossenen Liebe nachtrauert, während Alice Bergstrom ihre Doktorarbeit verzweifelt zu beenden versucht und im Büro des PEN arbeitet. Miles komplettiert diese desillusionierte Wohngemeinschaft, in der nur wenige Regeln zu befolgen sind, wie Bing ihm erklärt.
„Jeder Bewohner hat eine Aufgabe zu erfüllen, aber von der Verantwortung für diese Aufgabe abgesehen, kann jeder kommen und gehen, wie es ihm beliebt. Er ist Hausmeister, Ellen ist Putzfrau, Alice kauft ein und kocht auch meistens. Vielleicht wolle Miles sich den Job mit Alice teilen und sich beim Einkaufen und Kochen mit ihr abwechseln. Miles hat keine Einwände. Er koche gern, sagt er, er habe im Laufe der Jahre ein Händchen dafür entwickelt, das wäre also kein Problem. Bing erklärt, Frühstück und Abendessen nähmen sie meistens gemeinsam ein, da sie alle knapp bei Kasse seien und so wenig wie möglich auszugeben versuchten. Dass sie ihre Mittel zusammenlegen, hat ihnen bisher schon gut geholfen, und jetzt mit Miles als neuem Mitbewohner werden die Kosten pro Nase noch weiter sinken.“ (S. 131) 
Miles nimmt nach Jahren, in denen er kein Wort von sich hören ließ, wieder Kontakt zu seinen Eltern auf. Morris Heller unterhält einen einst renommierten Kleinverlag, der nun aber kurz vor dem Bankrott steht – ebenso wie seine zweite Ehe mit der Schauspielerin Mary-Lee Swann. Die familiäre Wiedervereinigung verläuft schwierig. Während Vater und Sohn die unglücklichen Schicksale berühmter Baseball-Spieler Revue passieren lassen, ist es nur eine Frage der Zeit, die das Haus in Sunset Park von ihren Besetzern geräumt werden muss.
Es ist alles andere als ein hoffnungsvolles Bild, das Auster in seinem Roman zeichnet. Im Mittelpunkt seines episodenhaft an den einzelnen Figuren aufgehängten Dramas stehen Personen, die abgesehen von der Generation, die durch Miles Hellers Eltern personifiziert werden, nie Fuß gefasst haben in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Durch die Wirtschaftskrise hat die Mittelschicht nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Zukunft verloren. Die vier Bewohner von Sunset Park haben kaum Aussicht auf einen gut bezahlten Job und müssen sich auf die elementarsten Bedürfnisse beschränken.  
Auster wechselt häufig die Erzählperspektive, lässt nicht nur die vier jungen Erwachsenen zu Wort kommen, die eine aus der Not geborene Wohngemeinschaft bilden, sondern auch Morris Heller, der vor den Trümmern seines mühselig aufgebauten Verlags und seiner Ehe steht. Immer wieder wird den Figuren ein Spiegel vorgehalten, sei es durch „Der große Gatsby“, durch den Film „Die besten Jahre unseres Lebens“, den Alice in ihrer Doktorarbeit thematisiert, oder die traurigen Schicksale berühmter Sportler, über die sich Miles und Morris meistens unterhalten.
„Sunset Park“ präsentiert ein glänzend geschriebenes und tiefsinnig beobachtbares Psychogramm einer verlorenen Generation, die ohne Heimat und Hoffnung erscheint und nicht die Möglichkeiten besitzt, ihre Träume und Leidenschaften auszuleben. Dass der Roman ohne Happy End auskommen muss, ist da nur konsequent.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Stewart O’Nan – „Die Chance“

(Rowohlt, 224 S., HC)
Die letzten Tage ihrer Ehe wollen Art und Marion Fowler so verbringen, wie sie sie begonnen haben, als sie vor fast dreißig Jahren ihre Flitterwochen in Niagara Falls verbrachten. Während sie ihrer Tochter Emma diesen Trip als zweite Hochzeitsreise verkaufen, treten die Noch-Eheleute die Reise mit unterschiedlichen Erwartungen an. Art hofft fernab der alltäglichen Routine eine wiederbelebende Rückkehr zu den guten Zeiten und so auf eine neue Chance für ihre Ehe, Marion will das Ganze nur mit Würde überstehen.
Allerdings stehen sie nach dem Verlust ihrer Jobs kurz vor der Privatinsolvenz und wollen mit ihren letzten Barreserven im Casino versuchen zu retten, was zu retten ist, nachdem sie über ein Jahr vergeblich versucht haben, ihr Haus zu verkaufen. Außerdem wurde ihre Ehe durch Affären von beiden Seiten belastet. Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen gönnen sie sich zu dem günstigen Preis von 249 Dollar inklusive Busfahrt, Mahlzeiten und einen Gutschein über 50 Euro für einen der Spieltische und für einen Aufpreis von 75 Dollar pro Nacht eine der Hochzeitssuiten im Obergeschoss mit Blick auf den Wasserfall. Beide sind bemüht, es dem anderen irgendwie recht zu machen und etwas zu erleben. Dazu gehört nicht nur ein Konzert der Rockband Heart, bei dem sich die beiden mit allerlei Rauschmitteln versorgen, sondern natürlich auch der allabendliche Besuch im Casino, wo Art und Marion mit der Martingale-Methode hoffen, beim Roulette ihre Schulden tilgen zu können.
„Seiner Gewissheit, die sich anscheinend nur auf Annahmen stützte, traute sie nicht. Er konnte voll Zuversicht behaupten, dass es statistisch gesehen unwahrscheinlich war, fünfmal hintereinander zu verlieren, aber was wusste er schon über das Glücksspiel? Ehepaare sollten sich theoretisch bis zum Tod lieben und ehren, doch auch das klappte nicht immer. Flugzeuge stürzten ab, Banken gingen pleite, ganze Länder zerfielen.“ (S. 210). 
Stewart O’Nan hat sich all seinen Werken als großer amerikanischer Erzähler erwiesen, der ein feines Gespür für die Befindlichkeiten seiner sympathischen Mittelschichtsfiguren besitzt. In seinem neuen Werk begleitet er ein nicht mehr ganz so frisches Ehepaar auf eine schwierige Reise. Unschlüssig, wie sie mit ihren Schulden umgehen, wie sie ihren Kindern die bevorstehende Trennung und den Verlust des Hauses, in dem sie aufgewachsen sind, erklären sollen, haben Art und Marion jeweils ihre eigenen Methoden, mit der Situation umzugehen und dabei immer wieder in vertraute Verhaltensmuster zurückfallen, die dem Partner aber nicht wirklich mehr etwas ausmachen. O’Nans Kunstfertigkeit besteht darin, diese von so unglückseligen Voraussetzungen geprägte Reise mit ebenso viel Ernsthaftigkeit wie Humor zu erzählen, was sich bereits in den Kapitelüberschriften niederschlägt, die mit verschiedenen Wahrscheinlichkeitserwartungen bezeichnet sind (z.B. Wahrscheinlichkeit, dass ein Ehepaar seinen 25. Hochzeitstag erreicht: 1:6). Dieses Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten lässt sich immer wieder auf sein Ehepaar runterbrechen, aber eben so, dass sie entgegen der prognostizierten schlechten Quote meist einen guten Schnitt machen. Das macht Hoffnung auf ihre Beziehung, und wie Art und Marion aufeinander Rücksicht nehmen und sich dabei immer wieder Gutes tun, beschreibt O’Nan mit einer herzerwärmenden Leichtigkeit, die großen Lesespaß garantiert.
Leseprobe Stewart O'Nan - "Die Chance"

Sonntag, 20. Juli 2014

Ryan David Jahn – „Die zweite Haut“

(Heyne, 319 S., Tb.)
Der 34-jährige Büroangestellte Simon Johnson fristet ein ziemlich ödes Dasein in Los Angeles. Er weiß so wenig mit seinem Leben anzufangen, dass er sonntags sogar lieber ins Lohnabrechnungsbüro fahren würde, um nicht überlegen zu müssen, wie er seine Zeit verbringen kann. Doch eines Tages dringt ein Einbrecher in seine Wohnung ein, in der es nichts zu holen gibt außer seiner Plattensammlung, und trachtet Simon sogar nach dem Leben. Nach einem heftigen Kampf ringt Simon den Fremden nieder und schlägt so lange mit einer Taschenlampe auf den Eindringling ein, bis dieser tot zusammenbricht.
Als er endlich dazu kommt, den Toten genauer zu betrachten, erschrickt Simon, dass er seinem Ebenbild ins Gesicht blickt. Zunächst lagert er die Leiche mit Eis in der Badewanne und versucht, den Umständen auf den Grund zu gehen. Die Papiere weisen den Toten als Jeremy Shackleford aus, und nach einigen Überlegungen beschließt Simon, nicht nur Jeremys Identität anzunehmen, sondern auch sein Leben zu leben. Wie sich nämlich herausstellt, lebte der Tote mit einer schönen Künstlerin namens Samantha in einer komfortablen Wohnung zusammen und arbeitete als Mathematikdozent an einer Kunstschule. Doch die Übernahme des anderen Lebens verläuft nicht ohne Zwischenfälle. Offensichtlich unterhielt Jeremy an der Schule eine Affäre mit der 18-jährigen Studentin Kate Wilhelm und besuchte mit Dr. Zurasky denselben Psychiater wie er selbst. Und schließlich wird Jeremy/Simon von einem Privatdetektiv beschattet. Je mehr Simon zu ergründen versucht, warum Jeremy ihn umbringen wollte, desto mehr gerät er in ein Netz aus Täuschungen, seltsamen Erinnerungen und unerklärlichen Déjà vus, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen.
„Simon Johnson hatte ein ruhiges Leben geführt – aber als Jeremy Shackleford in sein Apartment eingebrochen war, hatte sich alles verändert. Simon hatte ihn versehentlich getötet, aber dennoch hatte es ihn verändert, oder? Die Kälte, mit der er reagierte, entsprach der Kälte, die sein ganzes Leben prägte – aber jetzt war dieses heiße Verlangen nach mehr entbrannt und glühte in ihm wie heiße Kohlen. Und er war zu einem Monster geworden – er war Jeremy Shackleford geworden, oder? Oder er wurde langsam zu Jeremy Shackleford – der Verwandlungsprozess hatte eingesetzt. All diese Dinge, die so tief unter der Oberfläche seines Lebens verborgen gelegen hatten, dass sie größtenteils nur formlose Schatten waren – all diese tentakelbewehrten Kreaturen schossen hervor, all diese Bestien aus seinem Innenleben brachen sich Bahn an die Oberfläche, und sie waren hässlich und schrecklich.“ (S. 286) 
Bereits mit seinen ersten beiden bei Heyne Hardcore veröffentlichten Romanen „Ein Akt der Gewalt“ und „Der Cop“ erwies sich der amerikanische Drehbuch- und Romanautor Ryan David Jahn als Meister des psychologischen Thrillers, der tief in die Abgründe der Seele seiner Figuren zu blicken versteht.
Sein in den USA bereits 2010 unter dem Titel „Low Life“ veröffentlichtes Werk „Die zweite Haut“ erweist sich zunächst als klassischer Krimi, in dem ein Einbruchsopfer zu ergründen versucht, warum eine Art Doppelgänger nach seinem Leben trachten wollte. Doch seit diesem Überfall streut Jahn immer wieder geschickt Hinweise ein, die dem Geschehen eine mysteriöse Note verleihen. In der zweiten Hälfte des Romans weiß nicht mal mehr der Leser, ob Simon/Jeremy an einer starken Paranoia leidet oder ob die geschilderten Ereignisse tatsächlich übernatürlichen Ursprungs sind.
All dies beschreibt Jahn in einer kühlen wie pointierten Sprache, die die Spannung bis zur Zielgeraden aufrechterhält.
Leseprobe Ryan David Jahn - "Die zweite Haut"