Freitag, 4. April 2014

Tomi Ungerer – „Babylon“

(Diogenes, 112 S., Klappenbroschur im Großformat)
Seit der 1931 in Straßburg geborene Tomi Ungerer Mitte der 50er Jahre in New York den Grundstein für seine Karriere als international gefeierter wie gefürchteter Zeichner, Maler, Schriftsteller und Werbegrafiker legte, ist ein umfangreiches Werk entstanden, das sich ganz unterschiedlichen Themen widmete. Nach dem durchschlagenden Erfolg seines ersten illustrierten Kinderbuchs „The Mellops go flying“ (1957) spielte der von dem Cartoonisten Saul Steinberg und Zeichner James Thurber inspirierte Ungerer mit einer Vielzahl von zeichnerischen Stilen und schockierte die Kunstszene Mitte der 60er Jahre mit den Cartoonbänden „Geheimes Skizzenbuch“ und „The Party“, in denen er auf drastisch-satirische Weise mit der New Yorker Schickeria abrechnete.
Während der Künstler in seinen einfühlsam erzählten Kinderbüchern immer wieder für die Eigenständigkeit, Neugierde und Selbstverwirklichung von Kindern eintrat, stellte er auf der anderen Seite regelmäßig den Potenzwahn und die Gier in der vermeintlich zivilisierten Erwachsenenwelt zur Schau, wobei er vor allem die Mechanisierung sexueller Wünsche in den Vordergrund stellte.
Auch in „Babylon“, dem erstmals 1979 von Diogenes veröffentlichten Band mit Zeichnungen, die so faszinierend wie schockierend zugleich sind, blickt Ungerer tief in die Abgründe der menschlichen Seele und offenbart mit kundigen Strichen die bis ins hohe Alter ungehemmte Sexlust, die bei Ungerer selbst mit dem Tod kokettiert, das Groteske menschlicher Sehnsüchte nach Macht und Anerkennung und Zurschaustellung bürgerlicher Statussymbole.
„Bilder wie Atommüll, Karikaturen einer Welt, die sich selbst karikiert, Karikaturen im Quadrat, Karikaturen hoch zwei. Hieroglyphen des Schreckens: ›Und sieh! Und sieh! An weißer Wand, da kam's hervor wie Menschenhand; und schrieb, und schrieb an weißer Wand Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.‹ Was der Prophet Daniel dem König von Babylon deutete: dessen Zukunft, deutet Ungerer uns: unsere Zukunft. Sie erscheint auf seinen Blättern ... Den Mut, die folgenden Seiten zu betrachten, musst du, lieber Leser und Kunstfreund, nun aufbringen. Auch du bist ein Zeitgenosse. Ich weiß, es macht keinen Spaß. Möglicherweise wirst du ein Kunstfeind dabei. Werde es. Die Kunst hat heute ohnehin zu viele falsche Freunde. Aber die Zeit, bei der einem der Spaß vergeht, ist keine verlorene Zeit. Man kommt vielleicht in ihr drauf, dass Nachdenken eine Beschäftigung ist, die wir als Zeitgenossen unserer selbst und der anderen Ratten dieses Planeten bitter nötig haben“, schreibt Friedrich Dürrenmatt („Der Richter und sein Henker“) in dem Vorwort zu „Babylon“ und warnt den geneigten Betrachter schon mal vor, was ihn erwartet, nämlich alles andere als leicht verdauliche und erbauliche Kost.  
Ungerer erweist sich in „Babylon“ einmal mehr als ein Meister des Abgründigen, als Künstler, der seine fast schon apokalyptischen Visionen mit pointierten wie fein geschwungenen Linien auf den Punkt bringt.

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