Donnerstag, 31. Dezember 2015

Karin Slaughter – „Cop Town – Stadt der Angst“

(Blanvalet, 544 S., Pb.)
Als die aus wohlhabenden niederländischen Verhältnissen stammende Kate Murphy im November 1974 ihren Dienst beim Police Department in Atlanta antritt, wird sie der erfahrenen Polizistin Maggie Lawson als Partnerin zugeteilt. Dabei lernt sie gleich die überaus rauen Sitten gerade unter den männlichen Kollegen kennen, die keinen Hehl aus ihrem Hass gegen Schwule, Juden und Schwarze machen und ihre weiblichen Kolleginnen mit ätzender Herablassung strafen. Doch momentan geht die Angst auch bei den männlichen Cops um, denn vor drei Monaten hat ein Killer angefangen, Streifenpolizisten in den frühen Morgenstunden im Innenstadtbezirk von Five Points regelrecht zu exekutieren.
Was den Ermittlern besondere Kopfschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass kaum Spuren zu finden waren, keine Zeugen, keine Patronenhülsen, keine Fingerabdrücke, schon mal gar keine Verdächtigen. Das jüngste Cop-Opfer ist ausgerechnet Don Wesley, der Partner von Maggies Bruder Jimmy. Jimmy selbst blieb von dem scheinbar überraschten Killer verschont, weil dessen Waffe eine Ladehemmung hatte. Als Kate und Maggie herausfinden, dass der Mord an Don wohl nicht so passiert sein kann, wie Jimmy es geschildert hat, machen sie sich mit Hilfe der Zivilbeamtin Gail auf die Suche nach Zeugen in dem als Hurenviertel bekannten Five Points und stoßen tatsächlich auf eine Zeugin.
Kate und Maggie finden heraus, dass der Atlanta Shooter, wie der Cop-Killer genannt wird, mit den Codes und Verhaltensweisen der Polizisten vertraut sein muss, doch mit der Weitergabe ihrer Informationen müssen die Frauen vorsichtig sein, denn Maggies Onkel Terry konnte in seinem Hass auf alle Minderheiten und die Verräter, die diese seiner Meinung nach zur Macht verholfen haben, alles Mögliche tun …
„Maggie musste wieder an Gails Vorschlag denken, den Fall gemeinsam zu bearbeiten. Es wäre für sie eine verdammte Herausforderung. Gail wusste genau, welche Knöpfe sie bei Maggie drücken musste. So schrecklich es auch klang – aber der Gedanke, bei der Aufklärung des Mordes an Don Wesley mitzuwirken, war durchaus aufregend. Doch dann war da noch eine andere Komponente … nämlich dass Maggie den Namen an Terry würde weitergeben müssen. Und damit würde sie Terry nicht nur einen Namen verraten. Sie würde das Schicksal des Verdächtigen besiegeln.“ (S. 89) 
Tatsächlich überschlagen sich die Ereignisse, als der Shooter für weitere Opfer verantwortlich ist und Maggie, Kate und Gail in lebensbedrohliche Situationen bringt. Doch die taffen Frauen denken gar nicht daran, ihren Teil der Jagd auf den Cop-Killer aufzugeben …
Abgesehen von der Novelle „Unverstanden“ (2009) ist „Cop Town“ erst der zweite Einzeltitel, den die amerikanische Thriller-Bestseller-Autorin Karin Slaughter jenseits ihrer überaus populären Reihen um die Rechtsmedizinerin Sara Linton, Polizeichef Jeffrey Tolliver und Ermittler Will Trent jetzt veröffentlicht. Dabei gelingt es ihr, den Leser bereits im Prolog zu fesseln, als Jimmy Lawson seinen schwer verletzten Kollegen ins Grady Hospital schleppt. Slaughter schafft es in der Folge ganz hervorragend, die Stimmung in der Cop Town Atlanta zu beschreiben, den abgrundtiefen Hass, den vor allem die Männer gegen jedwede Minderheiten hegen, die angespannten Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen, weißen und schwarzen Kollegen im Police Department, das geheime Doppelleben, das die Männer führen, aber auch den starken Willen der Protagonistinnen, sich in dieser harten Männerwelt behaupten zu wollen.
Diese explosive Mischung aus Angst, Wut und Hass wird noch aufgeheizt durch einen Killer, der es ausgerechnet auf jene Männer abgesehen hat, die eigentlich dafür eingetreten sind, die Ordnung in diesem multikulturellen Chaos aufrechtzuerhalten.
Doch nach den präzisen Milieubeschreibungen und den emotionalen Wechselbädern, in denen vor allem Kate und Maggie baden, verliert Slaughter im letzten Drittel etwas den Schwung, der Plot verliert sich schon mal auf dem einen oder anderen Nebengleis. Zum Glück bekommt die Thriller-Queen zum Finale hin wieder die Kurve und schließt ein außergewöhnliches Werk ab, das fast mehr als gesellschaftspolitisches Dokument überzeugt denn als spannungsreicher Thriller. Leseprobe Karin Slaughter - "Cop Town"

Samstag, 26. Dezember 2015

Joe R. Lansdale – „Gluthitze“

(Suhrkamp, 390 S., Tb.)
Cason Statler hat den Irakkrieg zwar überstanden, trägt aber mittlerweile so viele Wunden mit sich herum, dass er in Selbstmitleid und Alkohol zu ertrinken droht. Da spendet auch eine Pulitzer-Nominierung wenig Trost, noch weniger die Tatsache, dass er erst die Frau seines Chefs, dann auch noch seine Stieftochter gebumst hat. Ohne Job und echte Perspektive kehrt Statler Houston den Rücken und zieht in seine Heimatstadt Camp Rapture zurück, wo er ein Vorstellungsgespräch beim Camp Rapture Report hat. Die charismatische Chefredakteurin Margot Timpson bietet ihm an, die Kolumne der ehemaligen Redakteurin Francine zu übernehmen.
Als er ihre Notizen durchstöbert, stößt Statler auf den Fall der dreiundzwanzigjährigen Geschichtsstudentin Caroline Allison, die vor sechs Monaten während einer Fahrt spät in der Nacht zu einem Taco Bell verschwunden ist. Ihr Wagen wurde zwar eine Woche später etwas außerhalb der Stadt in Bahnhofsnähe gefunden, doch weitere Spuren gab es nicht.
Kaum beginnt Statler den in Francines Computer hinterlegten Hinweisen zu folgen, erhält er von einem anonymen Absender einen Umschlag mit einer DVD, auf der sein Bruder Jimmy beim Verkehr mit Caroline zu sehen ist. Jimmy, der als verheirateter Geschichtsdozent an der High School lehrt, an der Caroline studiert hat, wird um 10.000 Dollar erpresst. Zwar können Cason und Jimmy die jungen Erpresser stellen, müssen aber feststellen, dass sie in einem viel komplexeren Spiel gefangen sind, in dem es um Sex, Intrigen, Mord und Rassenfragen geht.
„Die Fassade meiner Heimatstadt, die ich für real gehalten hatte, bekam Risse, und ich kam mir vor wie damals im Irak, als mir klar geworden war, dass ich allmählich den Verstand verlor. Ich hatte den Finger am Abzug eines Gewehrs und zielte auf einen Menschen, war kurz davor, ihn mit einer Patrone Kaliber .50 in zwei Hälften zu teilen. In diesen klaren Momenten, unmittelbar bevor ich das Projektil auf Reisen schickte, konnte ich all die Lügen durchschauen, die man mir von Würde und dem Streben nach Demokratie aufgetischt hatte, und dann erkannte ich, dass ich nichts war als eine lebende Schachfigur …“ (S. 215) 
Tatsächlich muss Cason seinen Bruder samt Familie in Sicherheit bringen, um zusammen mit seinem skrupellosen Kriegskumpel Booger auf die Jagd zu gehen. Denn natürlich befinden sich noch weitere DVDs im Umlauf, die die ebenso kluge wie bildschöne, aber auch extrem durchtriebene Caroline versteckt hält und die das gesellschaftliche Gefüge in Camp Rapture ordentlich durchrütteln würden …
Im ursprünglich 2008 veröffentlichten, dann unter dem Titel „Gauklersommer“ im Berliner Golkonda Verlag erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Gluthitze“ entwickelt der mehrfach ausgezeichnete Texaner Krimi-Star Joe R. Lansdale eine klassische Detektivgeschichte, in der ein einst gefeierter, mittlerweile recht heruntergekommener Reporter einem interessanten Vermisstenfall nachgeht.
Geschickt lässt Lansdale seinen angeschlagenen Protagonisten immer neue Informationen enthüllen, sei es mit Hilfe des schwarzen Zeitungsarchivars Oswald, der sich eigentlich Hoffnungen auf den Job gemacht hatte, den Cason nun eingenommen hat, sei es mit seiner Kollegin Belinda, mit der Cason schnell auch das Bett zu teilen beginnt.
Allmählich entfaltet sich das Psychogramm einer jungen Frau, die Edgar Allan Poe zu ihren Lieblingsautoren zählt, Spaß an Rätseln hat und keine Skrupel kennt, ihre Ziele auch mit Gewalt zu erreichen. Vor allem im Schlussdrittel nimmt der Roman deutlich an Fahrt auf und zeigt Lansdale einmal mehr in Topform, mit einem starken Gefühl für die richtige Atmosphäre und komplexe Figuren, mit einem ausgeprägten Sinn für einen zunehmend geheimnisvolleren Plot und eine pulsierende Spannung, die sich schließlich in einem echten Blutbad entlädt.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Gluthitze"

Sonntag, 20. Dezember 2015

John Niven – „Gott bewahre“

(Heyne, 400 S., HC)
Ein Tag im Himmel entspricht 57 Erdenjahren. Als Gott nach einem einwöchigen Angelurlaub an seinen Schreibtisch im Himmel zurückkehrt, bekommt er in seinem Büro eine endlos lange Trolley-Schlange mit einer Rückschau der letzten vierhundert Jahre auf Erden präsentiert. Bei der Durchsicht der Berge von Akten, CDs und DVDs muss er leider feststellen, dass es die Menschheit verbockt hat. Als Gott in den Urlaub ging, wurde in London gerade „King Lear“ uraufgeführt, El Greco malte an „Das fünfte Siegel der Apokalypse“, Galileo erblickte durch den Prototyp seines Teleskops erstmals die vier Mondtrabanten des Jupiter und Monteverdi hatte gerade die Komposition von „L’Orfeo“ vollendet. Nach seiner Rückkehr muss sich Gott durch Ordner wühlen, die mit Überschriften wie „18. Jahrhundert: Sklavenhandel“, „Katholische Kirche: Neuzeit“ und „Islamischer Fundamentalismus: Überzeugungen und Bräuche“ betitelt sind.
Also ruft er seinen aus Petrus, Matthäus, Andreas und Johannes bestehenden Krisenstab zusammen, lässt sich über die katastrophalen Entwicklungen der letzten vier Jahrhunderte Bericht erstatten und nimmt mit seinem Sohn Jesus den Fahrstuhl zur Hölle, um Satan zu besuchen. Der ist ganz zufrieden, dass es „da oben“ gar nicht besser für ihn laufen könnte, mit all den Reality-Shows im Fernsehen, mit den aufgeblasenen Egos, die nichts mehr lernen, sondern nur noch berühmt werden wollen. Gott sieht nur noch eine Möglichkeit, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen: Er schickt seinen Sohn Jesus Christus wieder auf die Erde, wo er 1979 von einer ahnungslosen Jungfrau zur Welt gebracht wird und 31 Jahre später in New York City landet, wo er alles dafür tut, Obdachlosen und Bettlern zu helfen.
Allerdings muss er bald feststellen, dass das christliche Motto „Seid lieb“ hier unten nicht mehr viel zählt. Die einzige Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, sehen JC und seine Mitstreiter in der Casting-Show „American Pop Star“. JC erweist sich als charismatischer Gitarrist und Sänger, schließlich hat er im Himmel lange genug mit Jimi Hendrix gejammt. Doch kaum hat JC die erste Casting-Hürde und damit auch die Auseinandersetzung mit Programm-Chef Steven Stelfox hinter sich, ist er sich überhaupt nicht mehr sicher, ob das so ein guter Plan ist, seine Botschaft auf diese Weise zu erneuern.
„Es sah ganz so aus, als ob sich Amerika zwar grundsätzlich für Talent interessierte, sich jedoch eigentlich viel mehr für sabbernde, total aus dem wahren Leben gegriffene, absolut durchgeknallte Oberirre der Kategorie Schließt-sie-weg-und-pumpt-sie-mit-Chlorpromazin-voll begeisterte. Je mehr davon, desto besser.“ (S. 116) 
JC und seine Truppe versetzen das Flugticket nach Los Angeles, kaufen einen alten Greyhound-Bus und machen sich auf einen abenteuerlichen Trip, der sie auch auf eine heruntergekommene Farm in Texas führt …
Der ehemalige schottische A&R-Manager John Niven hat seine Erfahrungen in der Musikindustrie auf bissige Weise in seinem Debütroman „Music from Big Pink“ verarbeitet. Auch in den nachfolgenden Werken „Kill Your Friends“ und „Coma“ hat es Niven verstanden, sowohl die Musikbranche als auch den Sport mit satirischer Würze zu thematisieren.
In „Gott bewahre“ kehrt Steven Stelfox aus „Kill Your Friends“ auf die Bühne zurück, diesmal nicht als A&R-Manager, sondern als Casting-Show-Produzent. Doch die Hauptfigur in Nivens 2011 veröffentlichten Roman ist kein Geringerer als Jesus Christus, der auf die Erde zurückgeschickt wird, um noch einmal das Leiden durchzumachen, das ihn schon einmal ans Kreuz gebracht hat.
Niven lässt in seiner bitterbösen Gesamtschau des menschlichen Versagens niemanden verschonen. Vor allem die religiösen Fanatiker bekommen ihr Fett weg, aber eben auch die Medienproduzenten, die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden und diverse Prominente, die in der Hölle anal vergewaltigt werden (wie der Ku-Klux-Klan-Mitbegründer George Washington Gordon) oder Dienst als Satans Kellner (wie Ronald Reagan) verrichten müssen. Gottesfürchtige Christen (und andere Anhänger diverser Religionen) dürften an dem extrem blasphemischen Buch wenig Freude haben, aber bei aller schwarzhumoriger Bissigkeit trifft Niven natürlich auch den Kern der Sache, wenn er Jesus vermeintlich gutgläubigen Christen, die gegen Homosexuelle, Abtreibungsbefürworter und AIDS-Kranke wettern, ihre christliche Gesinnung abspricht. Ebenso amüsant ist Nivens Abrechnung mit dem kranken Zirkus, dem sich leider nicht nur in Amerika diverse Casting-Shows verschrieben haben. Auch hier bringt der Autor klar auf den Punkt, was er von diesem kurzlebigen, billig produzierten Massenspektakel hält. Wie „Gott bewahre“ endet, muss niemandem gesagt werden, der sich ein wenig in der Lebensgeschichte von Gottes Sohn auskennt.
Leseprobe John Niven "Gott bewahre"

Samstag, 19. Dezember 2015

John Grisham – (Theo Boone: 5) „Theo Boone und der entflohene Mörder“

(Heyne, 255 S., HC)
Vor der Middleschool in der 75.000-Einwohner-Stadt Strattenburg herrscht helle Aufregung. Schließlich steht die Klassenfahrt der Achten an. Mit vier langen Reisebussen werden die Schüler sechs Stunden lang nach Washington gefahren, wo sie sich dreieinhalb Tage lang die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen. Für den dreizehnjährigen Theodore Boone bedeutet dieser Ausflug ein überraschendes Wiedersehen mit dem des Mordes an seiner Frau angeklagten Pete Duffy, der während seines Prozesses aber geflüchtet und untergetaucht ist.
Theo hat Duffy die Gerichtsverhandlung verfolgt und erkennt Duffy trotz seiner Verkleidung am seinem Gang wieder. Er lässt seinen Onkel Ike nach Washington kommen, der früher mit seinen Eltern als Rechtsanwalt praktizierte und sich nun weitaus weniger ambitioniert als Steuerberater durchs Leben schlägt, und findet mit ihm heraus, wo Duffy zurzeit wohnt.
Zurück in Strattenburg informiert Ike das FBI, das sich mit Theos Hilfe erneut auf die Suche nach Duffy macht, der offensichtlich mitbekommen hat, dass er aufgeflogen ist. Aber wenn Duffy erneut der Prozess gemacht werden soll, muss auch der 19-jährige illegale Einwanderer Bobby Escobar aussagen, der Duffy damals gesehen hat, als er vom Golfplatz zu seinem Haus fuhr, um seine Frau umzubringen.
Theo ist sich unsicher, inwieweit er seine Eltern informieren soll, die in Rechtsfragen grundsätzlich gegenteilige Meinungen vertreten.
„Wieder würde der Duffy-Zirkus die ganze Stadt beherrschen, und damit wuchs die Gefahr, dass zwielichtige Gestalten auf ihn aufmerksam wurden. Wenn irgendwie durchsickerte, dass Theo und Ike für Duffys Festnahme verantwortlich waren, konnte es brenzlig werden. Und Bobby Escobar konnte jederzeit untertauchen.“ (S. 102) 
Seit seinem erfolgreichen Debütroman „Die Jury“ ist der ehemalige Anwalt John Grisham zum Inbegriff des Justiz-Thrillers geworden, der mit packenden Geschichten um spektakuläre und außergewöhnliche Gerichtsfälle und einer einfachen Prosa weltweit Millionen von Lesern zu begeistert versteht. Mittlerweile hat Grisham auch das junge Publikum für sich entdeckt und mit dem Theo Boone einen charismatischen, aufgeweckten Teenager-Jungen kreiert, der ganz in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten scheint.
Mit „Theo Boone und der entflohene Mörder“ greift Grisham die Geschichte auf, die er mit dem Theo-Boone-Debüt „Theo Boone und der unsichtbare Zeuge“ offensichtlich noch nicht zu Ende erzählt hat. Der Autor versteht es zwar souverän, seinem (nicht nur) jungen Publikum eine an sich interessante Story zu präsentieren und die juristischen Regeln und Prozesse anschaulich darzustellen. Aber der Plot wirkt wie am Reißbrett konstruiert und ist extrem vorhersehbar ausgefallen, so dass echte Spannung nie wirklich aufkommt.
Davon abgesehen könnte sich Grisham aber durchaus mehr Mühe bei der Charakterisierung seiner Figuren geben. Vor allem Theos Eltern bleiben im fünften Theo-Boone-Fall sehr blass. Bleibt zu hoffen, dass sich Grisham nach dem schwächsten seiner Theo-Boone-Bücher beim nächsten Band wieder mehr Mühe gibt.
Leseprobe John Grisham - "Theo Boone und der entflohene Mörder"

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Karl Bruckmaier – „The Story Of Pop“

(Heyne, 318 S., Pb.)
Über das Phänomen Pop-Musik ist schon viel geredet, geschrieben und diskutiert worden. Bei Wikipedia heißt es dazu einleitend: „Popmusik bezeichnet eine Musikform, die vorwiegend seit 1955 aus dem Rock ’n’ Roll, der Beatmusik und dem Folk entstand und von Musikgruppen aus dem angloamerikanischen Raum wie den Beatles fortgeführt und popularisiert wurde. Sie gilt seit den 1960er Jahren als international etablierte Variante afroamerikanischer Musik, die im Kontext jugendlicher Subkulturen entstand, elektroakustisch aufbereitet und massenmedial verbreitet wird.“ Dieser Musikform nähert sich der Münchner Karl Bruckmaier in seiner Abhandlung „The Story Of Pop“ auf sehr persönliche Weise. Schließlich moderiert Bruckmaier seit Ende der 70er Jahre verschiedene musikjournalistische Sendungen im Bayrischen Rundfunk, schreibt seit 1981 Pop-Kritiken für die Süddeutsche Zeitung und hat 1999 im C.H. Beck Verlag mit „Soundcheck. Die 101 wichtigsten Platten der Popgeschichte“ bereits seine Meilensteine der Popmusik zusammengetragen.
Mit „The Story Of Pop“ – 2014 im Hamburger Murmann Verlag erstmals veröffentlicht – liegt nun die vollständige Taschenbuchausgabe einer Aneinanderreihung von Anekdoten und Biografien vor, die keinesfalls eine reine Faktensammlung darstellt, sondern einen sehr eigenwilligen Streifzug durch die Popgeschichte. Dass er seine Zeitreise im beginnenden 11. Jahrhundert im Mittleren Osten bei Ziryab, dem Herrn über zehntausend Lieder, der aus Bagdad neue Klänge nach Europa brachte, beginnt und über das Verhältnis von Sklavenhaltern und Sklaven bis zu den „work songs“ führt, sorgt für einen recht sperrigen Beginn, der aber deutlich macht, dass Bruckmaier nicht an einer kontinuierlichen Aufarbeitung von Geschichte geht, sondern an der Erzählung prägnanter Wegpunkte. Interessant wird die „Story Of Pop“, als der Autor das neunte Kapitel mit New Orleans aufschlägt, wo im Jahr 1800 der Pop seinen Anfang nimmt. In diesem Schmelztiegel afroamerikanischer Kulturen und Religionen werden die Wurzeln gelegt für die spätere Erfindung des Grammophons und der damit einhergehenden Popularisierung von Musik.
Die Reise führt den Leser weiter zum Country und zur Notwendigkeit, dass Pop die Maschine braucht.
„Pop gewinnt eine sozialpsychologische Dimension. Das Grammophon wird zum Dechiffriergerät der Moderne. Was für die ältere Generation ‚krank, vulgär und außer Kontrolle geraten‘ scheint, macht für die immer zahlreicher werdenden jungen Männer Sinn, die sich hier um den Schalltrichter scharen, und zwar nicht, um wie ein Flapper mit Identitäten zu spielen, sondern um in bester Jungs-Tradition den ewigen Fragen nachzulauschen: Wer bin ich und wie komme ich an Mädchen ran? Oder um eine Band zu gründen.“ (S. 159) 
Was folgt, sind vor allem Geschichten von zumeist interessanten Einzelschicksalen, die nur den wenigsten Musikliebhabern bekannt sein dürften, vor allem in ihrer jeweiligen Bedeutung für die Popgeschichte. So stellt „The Story Of Pop“ ein höchst unterhaltsames, oft humorvolles, aber stets informatives Sammelsurium von Zitaten, Biografien und Episoden dar, das in seiner Gesamtschau durchaus vermittelt, wie Pop aus seinen afroamerikanischen Wurzeln zu einem Phänomen heranwuchs, das sich jugendliche Subkulturen angeeignet haben, bis es als Massenbewegung zu einem Markenzeichen für eine ganze Generation wurde.
Bruckmaier erweist sich in seinem Buch als fundierter Kenner der Materie, der sich zum Glück nicht darauf einlässt, Schlüsselszenen der Popgeschichte herunterzuleiern. Stattdessen macht er die Entwicklung von wegweisenden Musikstilen immer an einzelnen Personen fest, so dass sich das Buch immer wieder wie eine Sammlung außergewöhnlicher Biografien liest, wobei aber auch immer die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und kulturellen Befindlichkeiten berücksichtigt werden. Darin finden zwar auch die Rolling Stones, die Beatles, Bob Dylan, Elvis und Hip-Hop ihren Platz, aber wohl anders, als viele Leser das erwarten.
So gibt es viel Neues und Ungewöhnliches in „The Story Of Pop“ auch für jene zu entdecken, die sich bereits gut auszukennen meinen im Pop.
Leseprobe Karl Bruckmaier - "The Story Of Pop"

Sonntag, 13. Dezember 2015

John Niven – „Old School“

(Heyne, 400 S., HC)
Als Frau eines gut verdienenden Wirtschaftsprüfers ist es der fast sechzigjährigen Susan Frobisher im südenglischen Dorf Dorset vergönnt, sich ganz ihrem Hobby zu widmen. Bei der Laien-Schauspieltruppe Wroxham Players ist sie seit drei Jahren mit Leidenschaft für die Kostüme und die Requisiten zuständig. Ihr Mann Barry, mit dem sie dieses Jahr ihren fünfunddreißigsten Hochzeitstag feiert, hat für die Experimente, die Susan in der Küche bei der Herstellung von Kunstblut anstellt, ebenso wenig Verständnis wie für ihre Leidenschaft für Horrorfilme.
Susans Schulfreundin Julie Wickham hat ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nachdem sie in ihrer Jugend in Europa, Australien und Amerika gelebt hatte, nach ihrer Heimkehr erst einen Friseursalon und dann zwei Boutiquen eröffnete, verschwand ihr damaliger Liebhaber Tom mit dem Firmenscheckbuch. Steuerprobleme und Umsatzeinbrüche haben dazu geführt, dass Julie in einer Sozialwohnung lebt und als Aushilfe in einem Pflegeheim arbeitet, wo sie unter anderem die 87-jährige Ethel Merriman betreut, eine ehemalige Revue-Tänzerin, die jetzt zwar an den Rollstuhl gefesselt ist, aber nichts von ihrem derben Humor eingebüßt hat.
Ganz andere Probleme hat die 67-jährige Jill Worth. Ihr fünfjähriger Enkel Jamie leidet unter dem De-Havilland-Syndrom, das das Lungengewebe des Jungen rasend schnell zersetzt. Für eine lebensrettende Operation am St. Michael’s in Chicago müsste die Witwe 60.000 Pfund auftreiben. Der eintönige wie beschwerliche Alltag der vier Freundinnen wird auf den Kopf gestellt, als Susans Ehemann in einer unbekannten Wohnung tot aufgefunden wird. Offensichtlich erlitt er einen Herzinfarkt, als ihm ein übergroßer Dildo in den Hintern gerammt wurde. Auf einmal sieht sich Susan mit dem geheimen Doppelleben ihres Mannes und einem riesengroßen Schuldenberg konfrontiert. Die Lösung all ihrer Probleme sehen die Damen in einem Banküberfall.
Obwohl der Coup glückt und die Ladys einen Kontakt in Marseille haben, der ihnen gefälschte Pässe besorgen kann, sind den Neumillionärinnen der übereifrige Detective Sergeant Hugh Boscombe und sein junger Kollege Detective Constable Alan Wesley dicht auf den Fersen. Doch die Frauen genießen ihr neues Abenteuer zunächst in vollen Zügen.
„Es war etwas, was sie tun konnten. Etwas, das in ihrer Macht lag. Etwas, wozu mehr gehörte, als bloß auf seinem Altenteil zu hocken, während das Leben einen Kübel Gülle nach dem anderen über einen ausleerte. Weil Sechzig das neue Vierzig war und all dieser Mist. Denn wie Susan schon gesagt hatte: Ein halbwegs vernünftiger Rechtsanwalt, um zu belegen, dass sie unzurechnungsfähig waren, und sie würden höchstens ein paar Jahre im offenen Strafvollzug bekommen. Es wäre fast wie Urlaub.“ (S. 105) 
Als Musikmanager hat der schottische Autor John Niven bereits eine bewegte Vergangenheit hinter sich, die er 2005 in seinem Debütroman „Music from Big Pink“ verarbeitet hat. Seither stößt Niven mit Bestsellern wie „Coma“, „Gott bewahre“ und „Kill your Friends“ regelmäßig an die Grenzen des guten Geschmacks. Davon lebt auch „Old School“, in der Niven erstmals Frauen in den Mittelpunkt stellt, die sich gegen ein System auflehnen, das die Reichen und Korrupten schützt und unverschuldet in Not geratene Menschen in den Abgrund stürzen lässt. Wenn Niven Susans langweiligen, aber gut situierten Buchhalter Barry durch einen Dildo im Hintern hinrichtet und den eifrigen Detective Boscombe an extremen Durchfall leiden lässt, ist das nicht nur als derber Humor zu verstehen, sondern auch als zynischer Kommentar auf die Macht- und Geldgier von Managern und Politikern. Davon abgesehen ist „Old School“ ein herrlich überdrehtes und groteskes Road Movie mit sympathischen Frauen-Figuren, die auch jenseits der Sechzig das Leben in vollen Zügen zu genießen verstehen.
Leseprobe John Niven "Old School"

Montag, 7. Dezember 2015

David Morrell – „Der Opiummörder“

(Knaur, 524 S., Tb.)
Mit fast drei Millionen Einwohnern ist London im Jahr 1854 die größte Stadt der Welt. Entsprechend groß ist die Aufregung und Angst, als ein Mörder den Besitzer eines Ladens, dessen Frau und die beiden Töchter grausam abschlachtet. Der vierzigjährige Detective Inspector Sean Ryan und sein junger Constable Joseph Becker übernehmen die Ermittlungen und stellen anhand der Fußabdrücke und eines wenig später gefundenen Rasiermessers fest, dass der Täter aus gut betuchten Kreisen stammen muss.
Commissioner Mayne sieht sofort Parallelen zu den Morden von Ratcliffe Highway, die London im Dezember 1811 erschütterten. Der Klöpfel eines Schiffszimmermanns mit den Initialen J.P. ist nämlich auch bei den aktuellen Morden am Tatort aufgetaucht.
Als Täter wurde damals der junge Seemann John Williams ausgemacht, der sich allerdings im Gefängnis erhängt hat. Für die neuen Morde hat der einflussreiche Lord Palmerston auch schon einen Verdächtigen: den skandalumwitterten Sensationsautoren Thomas De Quincey, der nicht nur seine Opiumsucht öffentlich gemacht hat, sondern sich mit seinem Aufsatz „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ als Experte für diese Art von Mehrfachmorden ausgewiesen hat.
Während Palmerston De Quincey ins Gefängnis sperrt, um die Bevölkerung zu beruhigen, machen sich Ryan, Becker mit De Quinceys Hilfe auf die Suche nach dem wirklichen Täter …
„Die Nachricht von den Morden hatte sich unverkennbar selbst hier, am südlichen Ufer der Themse und weit entfernt vom Ratcliffe Highway, auf die Stimmung der Menschen ausgewirkt. Die Fußgänger bewegten sich nicht mehr gemächlich voran. Die Mienen waren nachdenklich und wachsam. Ein Mann, der Bratkartoffeln von einem Karren verkaufte, machte den Eindruck, als misstraute er jedem, der sich ihm näherte, aus Angst, von einem Kunden angegriffen zu werden. Becker hatte die Erlaubnis erhalten, seine Uniform gegen Zivilkleidung auszutauschen, damit er weniger Aufmerksamkeit erregte. Es war ein weiterer Schritt hin zu seinem Ziel, Polizeidetektiv zu werden, aber jetzt wünschte er sich, es sei unter anderen Umständen geschehen.“ (S. 159) 
Die Spuren führen schließlich nach Indien, wo das britische Königreich massiv seine Hände im Opiumschmuggel hat …
Der promovierte Literaturwissenschaftler David Morrell ist mit seinen „Rambo“-Romanen zu einem international anerkannten Spannungsautoren avanciert, der mit „Der Opiummörder“ für sich neues Terrain erobert. Inspiriert von Jon Amiels Darwin-Biopic „Creation“ hat sich Morrell zwei Jahre lang intensiv mit den historischen Fakten auseinandergesetzt, die das Leben in London in der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt haben – vor allem hat er sich intensiv die Schriften von Thomas De Quincey zu Gemüte geführt, die nicht nur Wegbereiter für Freuds Theorien des Unterbewussten waren, sondern auch zur Erfindung des Detektivromans geführt haben.
„Der Opiummörder“ ist nicht nur spannend geschrieben, sondern führt dem Leser das London jener Zeit ganz lebendig vor Augen. Morrell gelingt es, in der meisterhaft konstruierten Atmosphäre starke Figuren zusammenzuführen, wobei wechselnde Erzählperspektiven für zusätzliche Abwechslung in einem ohnehin sehr kurzweiligen und packenden historischen Thriller in bester Jack-the-Ripper-Tradition sorgen.
Leseprobe David Morrell - "Der Opiummörder"

Sonntag, 29. November 2015

Adam Davies – „Goodbye Lemon“

(Diogenes, 345 S., HC)
Dexter Tennant war gerade mal sechs Jahre alt, als er im Lake George ertrunken ist, wofür Jack, Dexters älterer Bruder, sein Leben lang ihren gemeinsamen Vater, Colonel Gil Tennant, verantwortlich gemacht hat, weil dieser statt auf Dex aufzupassen lieber seinem täglichen Whiskey-Konsum frönte. Folglich brach Jack vor fünfzehn Jahren mit seiner Familie und zog nach Georgia, wo er nach zwei Studienabschlüssen an einer drittklassigen Provinzuni als Dozent für Amerikanische Literatur arbeitet und eine glückliche Beziehung mit Hahva Finn unterhält.
Die Nachricht, dass Vater Tennant einen heftigen Schlaganfall erlitten hat und nun unter dem seltenen Locked-in-Syndrom leidet, was ihn quasi bewegungsunfähig macht, lässt Jack nach Hause zurückkehren, obwohl er einen tiefen Hass seinem Vater gegenüber empfindet. Schließlich hat dieser nicht verhindern können, dass der geliebte Dexter ertrunken ist, sondern – so Jack – auch das Leben seines älteren Bruders Pressman und Jacks Traum von der Karriere als Konzertpianist zerstört. Und nun soll ausgerechnet Jack seinen Vater pflegen …
„Alle anderen schlafen, und hier bin ich, allein mit meinem aufgezogenen Vater. Er sieht mich an. Ich sehe ihn an. Und mir wird etwas klar: Mein Vater ist nicht mehr der Herr des Schweigens in diesem Haus, sondern ihr Opfer. Er stürzt jetzt auf das Große Schweigen, das Ewige Schweigen zu, während ich hier so lange sitzen kann, wie ich will. Ich kann reden oder nicht. Ich kann die Wortlosigkeit verordnen. Er kann das Zimmer nicht verlassen. Er kann mich nicht ignorieren. Er kann nicht verweigern, widersprechen, fortschicken, verschmähen oder vorenthalten.“ (S. 136) 
Allerdings muss Jack nach seiner erzwungenen Rückkehr in sein Elternhaus auch feststellen, dass er seinen Vater nie richtig kennengelernt hat. Hahva hält es nicht mehr aus, wie sich Jack in seinem ehemaligen Zuhause aufführt, und reist wütend ab. Jack versucht derweil, über seinen Kumpel sein altes Auto zu verkaufen, um für Hahva einen kleinen Verlobungsring kaufen zu können. Und immer wieder hängt ihm sein Bruder Press in den Ohren, dass die Pflege ihres Vaters ihr Erbe auffrisst, dass es nur gerecht wäre, Vater von seinem Dasein zu erlösen, doch eher scheint sich Jack selbst in die ewigen Jagdgründe schicken zu wollen …
Der in Louisville, Kentucky geborene und als Dozent für Englische Literatur an der University of Georgia und am Savannah College of Art & Design tätige Adam Davies hat mit „Goodbye Lemon“ einen wunderbar leichtfüßigen wie humorvollen, dabei aber auch tief berührenden und vielschichtigen Roman über das Schweigen und die daraus resultierenden Missverständnisse geschrieben. Es ist aber auch eine Geschichte über das Erinnern und Vergessen, über Schuld und Vergebung, um die Sprach- und Verständnisbarrieren zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Liebenden, und schließlich ist es ein Roman über den Mut, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Leseprobe Adam Davies - "Goodbye Lemon"

Freitag, 27. November 2015

James Lee Burke – (Billy Bob Holland: 2) „Feuerregen“

(Edel:eBooks, 355 S., eBook)
Billy Bob Holland, einst Cop bei den Texas Rangers und Staatsanwalt beim Justizministerium, hat sich in Deaf Smith, einer Stadt im Bergland von Texas, als Rechtsanwalt niedergelassen und nimmt sich in der Regel der Fälle der weniger Privilegierten an. Als er die Interessen von Earl Deitrich in einer Immobiliensache vertreten soll, lehnt Holland nicht nur deshalb ab, weil Deitrich ihm einst Peggy Jean Murphy, die Holland seine Unschuld genommen hatte, ausspannte, sondern weil die Art von Reichtum, die Deitrich repräsentierte, und die Art, wie er ihn den Leuten in seiner Umgebung wie einen Spiegel ihrer Unzulänglichkeit vorhielt, niemand wirklich mag.
Schließlich beschuldigt Deitrich seinen Angestellten Wilbur Pickett, seine Uhr gestohlen und zudem Wertpapiere im Wert von 300.000 Dollar aus seinem Safe entwendet zu haben.
Als Holland und die Privatdetektivin Temple Carrol ihre Ermittlungen aufnehmen, führen die Spuren unter anderem zu den Purple Hearts, einer Gang, die in den 60er Jahren in East L.A. beheimat war und nun unter Führung des Latinos Cholo Ramirez in San Antonio reiche Typen beim Kartenspiel ausnehmen. Aber es geht auch um eine Familienfehde zwischen den Deitrichs und Picketts, die auf einen Streit um ein Ölvorkommen auf dem Land der Picketts zurückreicht, sowie um Deitrichs Sohn Jerry, der meint, sich durch seine vornehme Herkunft alles erlauben zu können.
„Jeff Deitrich hatte gegen seinen Vater rebelliert, er hatte eine junge Mexikanerin geheiratet und auf einem Ölbohrturm seinen Mann stehen wollen. Aber er hatte schnell begriffen, dass ihm keine Strafe drohte, wenn er den Verlockungen nachgab, die ihm sein Vater bot, dass er vielmehr gefeiert wurde wie der verlorene Sohn und dass es Unsinn gewesen war, mit Leuten wetteifern zu wollen, die ihm insgeheim all den Reichtum neideten, der ihm von Rechts wegen zustand.“ (Pos. 2647) 
Mit Wilburs blinder Frau Kippy Jo, die dem Eindringling Bubba Grimes in jedes Auge gezielt eine Revolverkugel gejagt hat, und dem missgestalteten Kindermörder Skyler Doolittle, der behauptet, Deitrichs Uhr, die Wilbur gestohlen haben soll, gehöre eigentlich ihm, hat Holland bald weitere Klienten an der Hand, die in einem immer vielschichtigeren Fall münden, in dem es immer mehr Tote und Verdächtige zu geben scheint …
Auch in seinem zweiten Fall wird Billy Bob Holland immer wieder von den Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht, zu denen nicht nur sein alter Freund L.Q. Navarro zählt, für dessen Tod Holland sich nach wie vor verantwortlich macht und der ihm immer wieder wie ein Geist erscheint, um ihm vermeintlich gute Ratschläge zu erteilen, sondern auch Deitrichs Frau Peggy Jean, die nach wie vor Gefühle für Holland hegt.
Vor allem geht es aber auch die ewige Kluft zwischen Arm und Reich und die wie selbstverständliche Korruption und Macht, mit der die Reichen das Recht für sich beanspruchen.
„Feuerregen“ begeistert wie alle Werke von James Lee Burke durch die höchst ambivalent gezeichneten Figuren, die tiefgründige Auseinandersetzung mit moralischen Fragen der Gerechtigkeit und ewigen Themen wie Liebe, Schuld, Vergebung, Sünde und Tod. All dies vereint Burke in einem packenden Thriller, in dem Schlussfolgerungen durch neue Ereignisse, Zeugen und Informationen wieder und wieder über den Haufen geworfen werden und zu neuen Erkenntnissen führen.
Leseprobe James Lee Burke - "Feuerregen"

Donnerstag, 26. November 2015

James Lee Burke – (Billy Bob Holland: 1) „Dunkler Strom“

(Edel:eBooks, 349 S., eBook)
Vernon Smothers, der vierzig Hektar des Landes von Rechtsanwalt Billy Bob Holland außerhalb von Deaf Smith auf Pachtbasis bewirtschaftet, beauftragt Holland damit, seinen 19-jährigen Sohn Lucas aus dem Gefängnis zu holen. Er soll das Mädchen Roseanne Hazlitt geschlagen und vergewaltigt haben, doch der Junge behauptet, betrunken gewesen zu sein und sich an nichts erinnern zu können. Außerdem seien da noch andere Jungs gewesen, mit denen Roseanne zu tun hatte.
Das Mädchen erliegt wenig später ihren Verletzungen im Krankenhaus, und Lucas muss sich auch wegen Totschlags vor Gericht verantworten. Als Holland und Deputy Sheriff Mary Beth Sweeney die Ermittlungen aufnehmen, drängt die Zeit, denn der Gefängnisschließer Harley Sweet ist für seine schikanöse Art, mit den Gefangenen umzugehen, bekannt. Dieser wird allerdings eines Tages von dem Insassen Jimmy Cole erdrosselt, der unerkannt aus dem Gefängnis spazieren kann und die Zeugin ermordet, die seinen Zellennachbarn Garland T. Moon belastet hat.
Nun muss auch Lucas um sein Leben bangen, denn er kann mit seiner Aussage Moon ebenfalls schaden. Und Holland als Lucas‘ Anwalt kann sich seines Lebens auch nicht mehr sicher sein …
„Moon hatte gesagt, manche Menschen seien von Geburt an anders. Hatte er damit nur sich gemeint, oder bezog sich das auch auf Menschen wie mich und Urgroßpapa Sam? Oder Darl Vanzandt?“ (Pos. 2221) 
Billy Bob Holland muss feststellen, wie verzwickt sich der Fall gestaltet. Da spielen nicht nur die Differenzen zwischen Arm und Reich eine Rolle und die Angelegenheiten der DEA, sondern ganz persönliche Verwicklungen, die bis in die Geschichte von Billy Bob Hollands Vorfahren zurückreichen.
Nach seiner Kultfigur Dave Robicheaux hat der amerikanische Schriftsteller James Lee Burke mit Billy Bob Holland einen weiteren charismatischen Protagonisten kreiert, der wie Robicheaux als Polizist angefangen hat, aber nicht in Mississippi, sondern in Texas sein Amt ausführt und mittlerweile als Rechtsanwalt praktiziert. Und wie Robicheaux hat Holland eine bewegte Vergangenheit mit einem gewalttätigen Vater und Großvater im Stammbaum und seinem Kollegen L.Q. Navarro in der schmerzlichen Erinnerung, dass er für dessen Tod verantwortlich gewesen ist.
Außerdem hat er seinem Pächter Vernon in Houston die Frau ausgespannt, bis er sie zurückholte und Holland sie nie wieder zu Gesicht bekam. Aus diesem Gerüst hat Burke einen faszinierenden Thriller kreiert, der nur stellenweise einen Justiz-Thriller darstellt, vor allem aber eine differenzierte Milieustudie mit einem vielschichtigen Plot und undurchschaubaren wie faszinierenden Figuren.
Leseprobe James Lee Burke - "Dunkler Strom"

Montag, 23. November 2015

Graham Masterton – „Grauer Teufel“

(Festa, 414 S., Pb.)
Jerry Maitland ist gerade zum Teilhaber bei Shockoe Immobilien befördert worden und hat mit seiner schwangeren Frau Alison ein großes, schmales Haus im historischen Church-Hill-Viertel von Richmond bezogen, als das zunächst Jerry auf unerklärliche Weise schwer verletzt wird und Alison gerade, als sie den Notruf alarmiert, mit einer Art Schwert zerstückelt wird.
Als Lieutenant Decker Martin und sein junger Kollege Hicks die Ermittlungen aufnehmen, will niemand einen Täter gesehen haben. Auch lassen sich in dem Blutbad überhaupt keine Beweise finden, weder die Tatwaffe noch Fußspuren oder Fingerabdrücke.
Allein das unter dem Downsyndrom leidende Mädchen Sandra konnte mit ihrer besonderen Gabe einen ganz in Grau gekleideten Mann in einem schweren Mantel mit Flügeln und einem Schwert sehen, von dem sie einen Tag später eine erstaunlich akkurate Zeichnung abliefert.
Wenig später häufen sich die Todesfälle, die auf scheinbar unsichtbare Täter hinweisen. Davon abgesehen gibt es keine offensichtlichen Verbindungen zwischen den Morden.
Allerdings scheint die legendäre Teufelsbrigade, die im Bürgerkrieg eine Schlacht entschieden hat, im Stammbaum der Toten eine Rolle gespielt zu haben. Und als Decker seine vor zwei Jahren verstorbene Freundin Cathy immer wieder zu sehen beginnt und dabei der Name der heiligen Barbara auftaucht, beginnt der zunächst skeptische Lieutenant auch an den Einfluss der Santería-Religion zu glauben.
„Vor seinem geistigen Auge sah Decker Cathys Kopf wieder und wieder explodieren. Die Vorstellung, dass sie diese Szene in einer Endlosschleife ertragen musste, war mehr, als er ertragen konnte. Er hatte inzwischen genug gesehen und gehört, um daran zu glauben, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod tatsächlich gab. Die Geister der Verstorbenen wandelten weiterhin über die Erde, auch wenn sie sich nur in bestimmten Momenten zu erkennen gaben.“ (S. 215) 
Decker bekommt von mehreren Seiten die Warnung zu hören, dass sich die heilige Barbara an ihm rächen will, und setzt den Santero Moses Adebolu darauf an, einen Gegenzauber zu erwirken. Mittlerweile häufen sich die Anzeichen, dass Decker selbst in höchster Lebensgefahr schwebt… Nachdem die Autoren-Karriere des Briten Graham Masterton bei „Penthouse“ und mit dem Verfassen von Sex-Ratgebern begonnen hatte, ist er mittlerweile neben Clive Barker, Ramsey Campbell und James Herbert einer der bekanntesten Horror-Schriftsteller von der Insel, dessen Werke früher bei Bastei Lübbe, Goldmann und Heyne erschienen sind und der seine deutsche Verlagsheimat nun bei Festa gefunden hat.
Mit „Grauer Teufel“ ist Masterton ein thematisch vielschichtiger, atmosphärisch stimmiger und spannender Horror-Thriller klassischer Ausprägung gelungen, der Besonderheiten des amerikanischen Bürgerkriegs, der katholischen Heiligen und der aus Afrika eingeführten Santería-Religion miteinander verbindet. Dabei hat er vor allem mit Decker Martin einen starken und empathischen Protagonisten kreiert, den der Leser gleich sympathisch findet, aber auch die Nebenfiguren sind Masterton glaubwürdig gelungen. Wer Freude an einem atmosphärisch dichten Voodoo-Thriller hat, ist mit „Grauer Teufel“ bestens bedient.
Leseprobe Graham Masterton - "Grauer Teufel"

Mittwoch, 18. November 2015

David Baldacci – (John Puller: 3) „Escape“

(Heyne, 606 S., HC)
Die United States Disciplinary Barracks in Fort Leavenworth galten bislang als das bestgesicherte militärische Hochsicherheitsgefängnis in den USA. Und doch gelingt dem wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilten Robert „Bobby“ Puller nach dem Ausfall sowohl der Strom- als auch der Notstromversorgung eine spektakuläre Flucht. Kurz nach dem Vorfall wird ausgerechnet Pullers Bruder, Spezialagent der Criminal Investigation Division (CID), der Militärstrafverfolgungsbehörde derArmy, ins Pentagon geladen, wo er von Drei-Sterne-General Aaron Rinehart, Air-Force-General Timothy Daughtrey und James Schindler vom National Security Council damit beauftragt wird, seinen Bruder wiederzufinden und festzunehmen.
Für den Auftrag wird ihm die ebenso attraktive wie undurchsichtige Veronica Knox von Inscom zur Seite gestellt, der den militärischen Nachrichtendienst der US Army darstellt. Mit ihren Fragen wirbeln die beiden Ermittler viel Staub auf. Zunächst wird Daughtrey erschossen in Pullers Motelzimmer aufgefunden, dann verschwinden die Transformatoren, an denen man hätte feststellen können, ob ein Sprengstoffsatz für den Stromausfall verantwortlich gewesen war, und schließlich wird Puller entführt und kann sich nur mit Not befreien.
Je mehr Puller und Knox ihre Ermittlungen vorantreiben, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass Bobby unschuldig ins Gefängnis gewandert ist und hochrangige Militärangehörige als Spione dafür gesorgt haben, Massenvernichtungswaffen in die falschen Hände gelangen zu lassen …
Und über allem hängt die Frage, wie sich Puller verhalten würde, wenn er seinen Bruder tatsächlich in seine Gewalt bringt.
Könnte ich auf Bobby schießen? Oder er auf mich? Nein. Nie und nimmer. Das war die Antwort, die ihm sofort in den Sinn kam. Andererseits hatte Bobby zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Er hatte auf der Flucht höchstwahrscheinlich einen Menschen getötet. Falls man ihn wieder fasste, würde man ihn möglicherweise wegen Mordes zum Tode verurteilen, auch wenn es Hinweise darauf gab, dass er in Selbstverteidigung gehandelt hatte. Unter diesen Umständen würde Bobby vielleicht lieber kämpfend untergehen. Oder er würde zulassen, dass sein Bruder ihn tötete. Puller wusste nicht, welche Möglichkeit die schlimmere war.“ (S. 221) 
Mit „Zero Day“ und „Am Limit“ hat der amerikanische Bestseller-Autor David Baldacci eine neue Reihe ins Leben gerufen, in der der militärische CID-Agent John Puller heikle Ermittlungsaufträge innerhalb seiner eigenen Reihen zu erledigen hat. Dabei kamen sein hochdekorierter, aber an Demenz erkrankter Vater, Drei-Sterne-General John „Durchbruch“ Puller, und sein wegen Hochverrats verurteilter Bruder Bobby eher am Rande vor.
In seinem neuen Roman „Escape“ wird nicht nur die Familiengeschichte der Pullers etwas gelichtet, sondern bildet auch das Zentrum von John Pullers neuem Auftrag. Geschickt gewährt Baldacci nicht nur weitere Einblicke in die unüberschaubaren Strukturen der militärischen Behörden und Einheiten, sondern entwickelt ein ebenso undurchdringlich erscheinendes Geflecht aus militärischen Geheimnissen, Spionage-Verdächtigungen, Lügen und Morden, dass der Leser kaum Zeit zum Luftholen bekommt.
Das Finale überrascht mit etlichen Wendungen und bringt einen hochklassigen Thriller zum Abschluss, der Lust auf weitere Puller-Abenteuer macht.
 Leseprobe David Baldacci - "Escape"

Montag, 16. November 2015

Ross Macdonald – „Der Untergrundmann“

(Diogenes, 363 S., Pb.)
An einem strahlenden Septembermorgen füttert Privatdetektiv Lew Archer gerade seine Buschhäher mit Erdnüssen, als er den Nachbarsjungen Ronny Broadhurst kennenlernt, der mit seiner Mutter vorübergehend in die Wohnung der Wallers eingezogen ist, nachdem sich Jean Broadhurst von ihrem Mann Stanley getrennt hat. Dieser holt Ronny gerade ab, um mit ihm zu Oma Nell nach Santa Teresa zu fahren, mit einer Blondine auf dem Beifahrersitz. Doch bei Ronnys Oma kommen sie nie an.
Als Jean und Lew sich auf die Suche nach Ronny machen, erfährt Archer, dass sich Stanleys Leben ganz um die Suche nach seinem Vater Leo dreht, der vor fünfzehn Jahren mit der Frau eines anderen durchgebrannt sein soll, aber die gebuchte Schiffspassage nach San Francisco nie angetreten hat.
Als auch Stanley ermordet aufgefunden wird, ermittelt Archer auf einmal nicht nur in der Entführung des Braodhurst-Jungen, für die ein halbwüchsiges Paar verantwortlich zu sein scheint, sondern auch in der Mordsache, deren Wurzeln in einem Verbrechen liegen, das bereits vor fünfzehn Jahren begangen worden ist. Je mehr sich Archer mit dieser Geschichte aus Leidenschaften, Lügen, Erpressung und Affären auseinandersetzt, desto verworrener präsentiert sich das Beziehungsgeflecht zwischen allen Beteiligten.
„Ich begann zu ahnen, wo das Problem lag. Ein gar nicht mal seltenes Problem, das entsteht, wenn Familien sich in eine so fade und erstickende Traumwelt einspinnen, dass die Kinder schließlich ausbrechen, um sich an den scharfen Kanten der erstbesten sich bietenden Realität zu wetzen. Oder sich mit Hilfe von Drogen ihre eigene Traumwelt schaffen.“ (S. 135) 
Neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler zählt Ross Macdonald (1915 – 1983) zu den großen Autoren der amerikanischen Kriminalliteratur, und die Neuübersetzung von Karsten Singelmann des im Original 1971 erschienenen Klassikers „Der Untergrundmann“ bei Diogenes zeigt auch eindrucksvoll, warum Macdonald nicht nur ein begnadeter Krimiautor, sondern einfach ein grandioser Erzähler gewesen ist.
Bereits mit der Einführung der klassischen Dreieckskonstellation einer einsamen Frau, des eifersüchtigen Ehemanns und des gut beobachtenden Außenseiters, der unversehens zwischen die Fronten gerät, hat Macdonald einen Konflikt initialisiert, der sich im Verlauf der weiteren Geschichte immer weiter fein verästelt, bis alle Beteiligten irgendwie ihre Wunden zu lecken und lange verborgene Geheimnisse preiszugeben haben.
Mit Lew Archer schuf Macdonald dabei einen sympathischen Protagonisten, der ebenso wie die Menschen, mit denen er in dieser Geschichte zu tun hat, unter großer Einsamkeit leidet, der aber im Gegensatz zu den meisten von ihnen zu großer Empathie fähig ist und vor allem den Frauen stets mit Respekt und oft sogar großer Sympathie begegnet, was für die Kriminalliteratur jener Zeit absolut außergewöhnlich gewesen ist, wie auch Donna Leon in ihrem für die Neuübersetzung extra verfassten Nachwort bemerkt.
„Der Untergrundmann“ zeichnet sich bei allen vertrackten Wendungen, die die Geschichte im Verlauf von zwei ereignisreichen und durch einen verheerenden Waldbrand überschatteten Tagen nimmt, durch eine geschliffene Sprache und großartige Figurenzeichnung aus, wobei die Flammen des Waldbrands nicht nur das Zuhause der Menschen bedrohen, sondern gleichsam als Metapher für die Zerstörung menschlicher Schicksale stehen. Auf die weiteren Neuübersetzungen klassischer Lew-Archer-Romane darf der Krimi- und Literaturfreund deshalb mehr als gespannt sein.

Sonntag, 8. November 2015

Jussi Adler-Olsen – „Takeover – Und sie dankte den Göttern …“

(dtv, 592 S., HC)
Nach siebenundzwanzig Jahren, die die Halbindonesierin Nicky Landsaat auf der Schattenseite von Amsterdam verbracht hat, sind ihre Examensnoten von der Handelshochschule so gut, dass sie ihrem tyrannischen Vater und ihren bereits vom rechten Weg abgekommenen Geschwistern Bea und Henk entfliehen kann. Als sie im August 1996 die Einladung zu einem Traineekursus bei der Investmentfirma Christie N.V. erhält, gelingt es ihr tatsächlich, trotz der verspäteten Anmeldung einen der begehrten Trainee-Plätze zu ergattern und das Vertrauen des Geschäftsführers Peter de Boer zu gewinnen.
Der hat nicht nur mit einer Anklage durch die Eltern seiner Frau Kelly mit kämpfen, die ihm vorwerfen, Kelly in den Selbstmord getrieben zu haben, sondern bekommt es auch mit dem undurchsichtigen wie skrupellosen Marc de Vires zu tun. Dieser unterhält Kontakte zur CIA unterhält und beauftragt de Boer mit einem heiklen Auftrag im Irak, den er nicht ablehnen kann. Um herauszufinden, was de Vires vorhat, schleust sich Nicky als Kindermädchen für dessen Neffen Dennis ein …
„Als sie de Vires‘ Korrespondenz entdeckte, überlegte Nicky einen Augenblick lang, den Computer auszuschalten. In diesem sehr kurzen Moment beschlich sie nicht nur eine ungute Ahnung von Unglück, Blut und Gewalt. Ihr wurde plötzlich auch das Ausmaß ihrer Neugier bewusst, ihr Ehrgeiz und besonders die von Liebe kaum noch zu unterscheidende Hingabe, die sie für Peter de Boer empfand und für alles, was er repräsentierte. Nicky feuchtete ihre Fingerspitzen an, rieb sie aneinander und ließ sie dann über die Tastatur gleiten, als zöge eine übernatürliche Kraft sie an einen vom Schicksal bestimmten Ort.“ (S. 308) 
Seit der norwegische Thriller-Autor Jussi Adler-Olsen mit seiner Reihe um Carl Mørck vom Sonderdezernat Q die internationalen Bestsellerlisten gestürmt hat, erscheinen zwischenzeitlich auch Adler-Olsens ältere Werke, die bislang aber nicht an die Qualität seiner Erfolgsreihe anschließen konnten. Das trifft auch auf „Takeover“ zu. Dabei beginnt der Roman vielversprechend: Eine junge Frau bekommt die Chance, dem Elend, in dem ihre Familie lebt, mit ihrer hervorragenden Ausbildung zu entkommen, und lässt sich auf eine gefährliche Beziehung mit ihrem Gönner Peter de Boer ein, die weit über berufliches Engagement hinausgeht. Doch auch wenn Adler-Olsen die schwierigen Familienverhältnisse sowohl bei den Landsaats als auch bei den de Boers und den de Vires‘ herauszuarbeiten versucht, wirken die Charakterisierungen nur skizziert, so dass der Leser kaum Identifikationsmöglichkeiten mit den Figuren bekommt, am ehesten wohl mit der taffen Protagonistin Nicky Landsaat.
Was dem Roman allerdings fast zum Verhängnis wird, sind die irgendwann unüberschaubaren politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Verwicklungen, die den Lauf der Geschichte immer wieder ins Stocken geraten lassen. Adler-Olsen macht in „Takeover“ viele Fässer auf. Es geht um wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, bei dem jedes noch so unlautere Mittel recht ist, es geht um familiäre Tragödien und schließlich um den Krieg um Öl, in den nicht nur der Irak und Kuwait verwickelt sind, sondern natürlich auch die USA, so dass die CIA auch ihre Finger im Spiel hat.
So bietet der komplexe Plot viele Möglichkeiten für Verrat, Intrigen, Gewalt, Folter und Mord, aber auch für ebenso viele Wendungen, Nebenhandlungen und Ablenkungsmanöver.
Immerhin gelingt es dem Autor, bei der zerfaserten Dramaturgie dennoch Spannung aufzubauen. Mørck-Fans werden mit diesem hochpolitischen und komplexen Thriller nicht unbedingt was anfangen können, aber lesenswert ist dieses Frühwerk aus dem Jahr 2003 (und neu aufgelegt im Jahr 2008) allemal. Schließlich sind die hier angerissenen Themen nach wie vor hochaktuell.
Leseprobe Jussi Adler-Olsen - "Takeover"

Freitag, 30. Oktober 2015

Dennis Lehane – „Am Ende einer Welt“

(Diogenes, 394 S., HC)
Mit seinen zwei Destillerien, einer Phosphatmine und Anteilen an verschiedenen Firmen in seiner Heimatstadt Boston zählt Joe Coughlin Anfang der 1940er Jahre in seiner Wahlheimat Ybor City nicht nur als einer größten Arbeitgeber und Investoren, sondern auch gütiger Spender und Wohltäter. Seine von ihm veranstalteten Partys sind legendär und vereinen wie selbstverständlich die prominenten Größen der halblegalen und legalen Gesellschaft.
Seit seine Frau verstorben ist, agiert Joe nur noch im Hintergrund als consigliere der Familie Bartolo, stellt aber so den Mittelsmann für das gesamte Verbrechersyndikat Floridas dar und kontrolliert darüber hinaus mit Meyer Lansky Kuba und den Transportweg für Rauschgift von Südamerika bis nach Maine.
Doch sein Leben als anerkannter Geschäftsmann und Vater des kleinen Tomas gerät in starke Turbulenzen, als er durch die wegen Mordes an ihrem Mann inhaftierte Theresa Del Fresco die Botschaft übermittelt bekommt, dass ein Killer auf ihn angesetzt ist. Da sich Joe überhaupt nicht vorstellen kann, wer ein Interesse daran haben könnte, sein Licht auszublasen, beginnt eine zermürbende Suche nach dem Killer …
„Natürlich hatte man schon früher versucht, ihn umzubringen, aber damals hatte es gute Gründe gegeben – ein Mentor war zu dem Schluss gekommen, dass Joe größenwahnsinnig geworden sei; davor waren es Mitglieder des Klan gewesen, denen es nicht besonders gefiel, dass ein bleicher Yankee ihnen im eigenen Revier zeigte, wie man richtig Geld machte; und davor war es ein Gangster gewesen, in dessen Freundin er sich verliebt hatte. All das waren gute Gründe gewesen.
Warum ich?“ (S. 138) 
Nach „In der Nacht“ erzählt der amerikanische Bestseller-Autor Dennis Lehane mit „Am Ende einer Welt“ die Geschichte der Coughlin-Familie, die in „Im Aufruhr jener Tage“ ihren Anfang nahm, weiter. Während es im Auftakt der Coughlin-Reihe um den aus dem Polizeidienst ausgeschiedenen Thomas Coughlin ging, der sein Glück in Hollywood versuchte, thematisierte „In der Nacht“ den Aufstieg seine jüngeren Bruders Joe zur Unterweltgröße in Lehanes Heimatstadt Boston.
In dem neuen Werk ist es nicht mehr Coughlin, der die Fäden in der Unterwelt zieht, sondern Dion Bartolo, aber in dem existentiellen Drama steht Coughlin einmal mehr ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Wie Lehane die Fallstricke der mächtigen italienischen Familien knüpft, bietet einmal mehr ganz großes Kino, wie Lehanes Hollywood-Vorlagen „Gone, Baby, Gone“, „Mystic River“, „Shutter Island“ und die Drehbücher zu drei Folgen der gefeierten Serie „The Wire“ bereits dokumentiert haben.
Der preisgekrönte Bestseller-Autor trifft auch in „Am Ende einer Welt“ immer den richtigen Ton, beschreibt die unheilschwangere Atmosphäre der bleigetränkten Unterwelt von Ybor City so eindrücklich, als wäre man mittendrin. Das liegt nicht nur an der packenden Handlung, die ohne überflüssige Nebenplots auskommt, sondern auch an der feinen Charakterisierung der Figuren und der engen Familienbindungen, die im Ehrenkodex der Italiener tief verwurzelt sind.
Fortsetzung folgt – hoffentlich …
Leseprobe Dennis Lehane - "Am Ende einer Welt"

Sonntag, 25. Oktober 2015

Jason Starr – „Phantasien“

(Diogenes, 393 S., Pb.)
Auf der Dinnerparty im neuen, 2,6 Millionen Dollar teuren Haus der Lerners in Bedford Hills beobachtet Deb Berman, wie ihr Mann Mark – wenn auch nur kurz – die Hand ihrer gemeinsamen Nachbarin Karen Daily hält. Auf der Heimfahrt nach South Salem macht sie ihm eine Szene, verlangt, dass er sich von der geschiedenen Frau, die bereits durch ihre verschiedenen Internet-Bekanntschaften einen gewissen Ruf genießt, fernhalten soll, obwohl sie eine gemeinsame Freundin ist und ihre Kinder Elana und Matthew mit ihren eigenen, Riley und Justin, ebenfalls miteinander befreundet sind.
Unausgesprochen zwischen beiden bleibt, dass Mark sich tatsächlich nichts sehnlicher wünscht, als mit Karen zusammen zu sein, und auch fest davon überzeugt ist, dass Karen seine Gefühle erwidert. Deb wiederum unterhält eine Affäre mit dem 18-jährigen Highschool-Abbrecher Owen Harrison, der in dem örtlichen Country Club jobbt, wo die Bermans und Karen natürlich auch Mitglied sind.
Als Deb dort wenige Tage nach dem Streit Mark wieder mit Karen sieht, fliegen diesmal zwischen Karen und Deb die Fetzen. Auf einmal wird sich Deb aber auch bewusst, dass sie die Scheidung will und dass es keine gute Idee gewesen ist, eine Affäre mit Owen anzufangen …
„Zum ersten Mal, wurde ihr klar, sah sie ihn so, wie Riley und wahrscheinlich alle anderen ihn sahen – er hatte eindeutig etwas Abseitiges an sich. Er studierte nicht, wohnte bei seinen Eltern und hatte einen Aushilfsjob ohne Aufstiegschancen. Schlimmer noch, er hatte weder echte Interessen noch Ehrgeiz, und seine Persönlichkeit war nicht sonderlich interessant. Er war weder witzig noch klug, noch ein amüsanter Gesprächspartner. Aus ihrer neuen Perspektive als getrennte Frau konnte sie nichts besonders Faszinierendes an ihm erkennen.“ (S. 119) 
Der 1966 in Brooklyn geborene, immer noch in New York lebende Autor Jason Starr („Panik“, „Dumm gelaufen“) blickt mit seinem neuen, sehr humorvollen Thriller-Drama „Phantasien“ hinter die schillernden Kulissen eines wohlhabenden Vororts in New York, wo keine freundschaftliche wie amouröse Beziehung das ist, wonach sie aussieht.
Hinter den leuchtenden Statussymbolen schicker Häuser, teurer Autos, exklusiver Club-Mitgliedschaften und traditioneller familiärer Bindungen tobt in der Savage Lane nicht nur ein Zickenkrieg. Hier werden vor allem verbotene und gefährliche Begierden geweckt, verwirklicht, verheimlicht und abgetan, schließlich auch mit tödlicher Gewalt beendet.
Starr beschreibt die liebestollen Verwicklungen zwischen Teenagern und Erwachsenen in lockerem Ton, lässt zwischen den Zeilen aber jede Menge Sarkasmus durchsickern, der die großen Lebens- und Liebes-Lügen als zerstörerischen Selbstbetrug enttarnt.
Dass am Ende kaum jemand ohne Schaden aus dieser liebestollen Geschichte herauskommt, ist da nur konsequent.
Leseprobe Jason Starr - "Phantasien"

Dienstag, 20. Oktober 2015

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 16) „Sturm über New Orleans“

(Pendragon, 576 S., Pb.)
Der in New Orleans als Polizist arbeitende Vietnam-Veteran und trockener Alkoholiker Dave Robicheaux hat bereits 1957 erlebt, wie Hurrikan Audrey über die Küste von Louisiana hereingebrochen war, und 1964 befand er sich im Auge von Hilda, die den Wasserturm von Delcambre aufs Rathaus stürzen ließ. Aber was Katrina mit seiner Stadt anrichtet, übersteigt jedes Grauen, das er bisher in seinem bewegten Leben erfahren musste. In diesem Chaos hat Robicheaux die Vergewaltigung an der 15-jährigen Thelma Baylor aufzuklären. Die Annahme, dass die Tat von den beiden Melancon-Brüdern und Andre Rochon begangen worden ist, scheint sich während der polizeilichen Ermittlungen zu verfestigen. Doch bevor die drei Kleinkriminellen dem Gesetz überführt werden können, rauben sie das Haus des schweren Ganoven Sidney Kovlick aus, der dafür bekannt ist, nicht gerade zimperlich mit den Leuten umzugehen, die ihm in die Suppe spucken.
Schließlich gibt Thelmas Vater, der Versicherungsvertreter Otis Baylor, zwei Schüsse auf die Verdächtigen ab, als sie gerade versuchen, ihr Diebesgut auf seinem Grundstück zu verstecken. Doch niemand will diesen Vorfall bezeugen, schon gar nicht Thelma.
Zu allem Überfluss hat Robicheaux noch die ehrgeizige FBI-Agentin Betsy Mossbacher an den Fersen und muss den verschwundenen Priester Jude LeBlanc auffinden, der zuletzt dabei gesehen wurde, wie er mit einer Axt ein Loch in das Dach einer Kirche schlug, um die darin eingesperrten Menschen zu befreien. Dazu kommen Blutdiamanten, al-Qaida und Falschgeld ins Spiel – und ein unheimlich wirkender Typ namens Ronald Bledsoe, aus dessen Poren das pure Böse zu strömen scheint.
„Angeblich sind wir eine christliche Gesellschaft oder zumindest eine, die von Christen begründet wurde. Unserem selbstgestrickten Mythos zufolge verehren wir Jesus, Mutter Teresa und den heiligen Franz von Assisi. Aber ich glaube, in Wahrheit sieht es anders aus. Wenn wir uns gemeinsam bedroht fühlen oder verletzt sind, wollen wir die Gebrüder Earp samt Doc Holliday holen, und wir wollen, dass die üblen Kerle abgeknallt, umgelegt, kaltgemacht und mit Bulldozern untergepflügt werden.“ (S. 377) 
James Lee Burke, einer der ganz Großen und Beständigen der Kriminalliteratur, der seit einigen Jahren in Deutschland nicht mehr veröffentlicht und erst durch den Heyne- und nun auch durch den Pendragon-Verlag wiederentdeckt worden ist, äußert bereits in seinem Gruß an seine deutschen Leser, dass „Sturm über New Orleans“ sein wütendstes Buch ist.
Indem er seinen beliebten wie sperrigen Protagonisten Dave Robicheaux diverse Fälle in dem von Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans bearbeiten lässt, legt er in seiner präzise geschliffenen Prosa auch deutlich noch einmal den Finger in eine nach wie vor schwärende Wunde. Burke lässt in dem epischen Roman, der das Elend, das die keineswegs überraschende Naturkatastrophe über die Bevölkerung in New Orleans gebracht hat, keinen Zweifel daran, dass die Regierung für dieses unvorstellbare Ausmaß des Grauens verantwortlich gewesen ist, dass sich weiterhin die Wohlhabenden schadlos am Wiederaufbau halten werden.
In die eindringliche Schilderung der bedrückenden Atmosphäre der Verwüstung webt Burke eine vielschichtige Handlung, die er mit ganz unterschiedlichen Figuren bevölkert, die sich wiederum nur selten in schablonenhafte Kategorien einordnen lassen. Selbst die ehrenhaftesten Typen werden von schlimmen Träumen und Gelüsten geplagt. Burke, der selbst in Louisiana an der Ostküste aufgewachsen ist, versteht es, mit seinem gleichbleibend bedachten Erzählfluss die niederschmetternde Atmosphäre der Stadt, die Robicheaux‘ Freund Clete Purcel gern als „die Große Schmuddlige“ bezeichnet, in filmreifer Qualität abzubilden und dabei auch den mehr oder weniger latenten Rassismus ebenso zu thematisieren wie die Bösartigkeit unter den Menschen, die sich auch unter den Besten von uns einzunisten droht.
Dass der Pendragon Verlag ankündigt, in den kommenden Jahren weitere Robicheaux-Krimis des mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichneten Autors zu veröffentlichen, zählt wohl zu den schönsten Versprechen, die dieses Jahr in der literarischen Landschaft zu vernehmen gewesen sind.
Leseprobe James Lee Burke - "Sturm über New Orleans"

Sonntag, 11. Oktober 2015

Jeffery Deaver - (Lincoln Rhyme: 11) "Der Giftzeichner"

(Blanvalet, 573 S., HC)
Lincoln Rhyme denkt gerade über einen letzte Woche verübten Mord in Downtown nach, als er über den Tod zu sinnieren beginnt und über die Betrachtungsweisen über den Tod. Dass sein bislang schärfster Widersacher, der als „Uhrmacher“ bekannte Richard Logan, in seiner Haft an einem schweren Herzinfarkt gestorben ist, erfüllt Rhyme mit Trauer, denn nun blieb ihm die Möglichkeit verwehrt, Logans scharfen Intellekt und die präzisen Strukturen seiner Taten ergründen zu können. Doch dann wird Ryhmes Intellekt bei einem neuen Fall gebunden: Eine junge Frau wurde in einem Versorgungstunnel unterhalb des Modegeschäfts, in dem sie arbeitete, tot aufgefunden, das Wort „zweiten“ wurde ihr in ungewöhnlicher Fraktur-Schrift meisterhaft auf den Bauch tätowiert, allerdings nicht mit Tinte, sondern mit dem aus dem Wasserschierling gewonnenen Gift Cicutoxin.
Ein Motiv können Rhyme, Sachs und der ermittelnde Detective Lon Sellitto vom NYDP nicht ausmachen, aber als die nächsten Toten mit ähnlich rätselhaften wie todgiftigen Tätowierungen entdeckt werden, wird Rhyme klar, dass er persönlich von dem Täter herausgefordert wird, denn die Spuren am ersten Tatort führen zu dem kriminalsachlichen Buch „Serienstädte“, in dem Rhyme ein Kapitel gewidmet ist.
Offensichtlich scheint sich der Täter vom Knochenjäger inspiriert zu fühlen, der Rhyme und Sachs damals in die Schlagzeilen gebracht hat.
„Während Billy mit der American Eagle den überaus hübschen Bauch seines neuen Opfers bearbeitete, dachte er darüber nach, wie fasziniert er von Gottes persönlicher Leinwand war.
Haut.
Sie war auch Billys Leinwand, und er war so sehr auf sie fixiert, wie der Knochenjäger auf das Skelettsystem des Körpers fixiert gewesen war – was Billy interessiert bei der Lektüre von Serienstädte festgestellt hatte. Er respektierte die Besessenheit des Knochenjägers, aber ehrlich gesagt konnte er sie nicht ganz nachvollziehen. Haut war bei Weitem der aufschlussreichere Aspekt des menschlichen Körpers. Sehr viel zentraler. Viel wichtiger.“ (S. 243) 
Billy Haven wird mit seiner American-Eagle-Tätowiermaschine bereits im zweiten Kapitel als Täter eingeführt, erscheint im Vergleich zu früheren Serienmördern, mit denen es Lincoln Rhyme und Amelia Sachs in den zehn Fällen zuvor zu tun hatten, allerdings ziemlich blass. Das trifft leider auch auf den Plot zu, den Thriller-Bestseller-Autor Deaver auf den ersten 300 Seiten entwickelt.
Wenn der Leser Lincoln Rhyme und Amelia Sachs noch nicht aus früheren Büchern kennen sollte – was zugegebenermaßen sehr unwahrscheinlich ist -, wird er wenig über ihre Hintergründe und Geschichte erfahren. Auf der anderen Seite gibt es für langjährige Fans wenig Neues zu entdecken. Mit der Charakterisierung seiner Figuren hält sich Deaver wenig auf, stattdessen entwirft er eine routiniert strukturierte, aber wenig packende Mordserie, die einzig etwas über die Intention des Killers und die Wirkungsweisen pflanzlicher Gifte offenbart.
Seine Meisterschaft demonstriert Deaver erst im letzten Drittel von „Der Giftzeichner“, wenn sich die ach so überraschenden Wendungen förmlich überschlagen. Hier trägt Deaver dann doch etwas dick auf, wenn er die Handlung und Rhymes Schlussfolgerungen geradezu Purzelbäume schlagen lässt. Das ergibt wie gewohnt flüssig geschriebene, wendungsreiche Thriller-Unterhaltung, zählt aber mit den fast schon lieblos gezeichneten Figuren und dem arg konstruierten Finale sicher zu Deavers schwächeren Werken.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Der Giftzeichner"

Samstag, 10. Oktober 2015

Chris Carter – (Robert Hunter: 7) „Die stille Bestie“

(Ullstein, 445S., Tb.)
Sheriff Walton und sein Deputy Bobby Dale stillen wie jeden Mittwochmorgen in Noras Truck Stop Diner am Stadtrand von Wheatland im südöstlichen Wyoming ihren Hunger auf Süßes, als ein Pick-up auf das Diner zurast und dabei das Heck eines dunkelblauen Ford Taurus streift. Als sie das Unglück aus der Nähe betrachten, entdecken sie im aufgesprungenen Kofferraum des Fords die aus einer Kühlbox herausgekullerten Köpfe zweier Frauen.
Als Fahrzeugführer wird ein Liam Shaw ausgemacht, der wenig später vom FBI gefasst wird, aber nach seiner Festnahme kein einziges Wort von sich gibt. Schließlich verlangt er nach Robert Hunter, der nach seiner Dissertation mit dem Titel „Psychologische Deutungsansätze krimineller Verhaltungsmuster“ massiv vom FBI umworben wurde, aber schließlich als einfacher Detective beim LAPD seinen Dienst angetreten hat.
Als Adrian Kennedy, Leiter des Nationalen Zentrums für die Analyse von Gewaltverbrechen (NCAVC), Hunter zu sich nach Quantico bestellt, erfährt er bei der Gegenüberstellung mit dem Gefangenen, dass es sich dabei um seinen alten Studienfreund Lucien Folter handelt, mit dem er sich in Stanford an der psychologischen Fakultät ein Zimmer teilte. Zusammen mit Special Agent Courtney Taylor verhört Hunter seinen alten Freund und muss feststellen, dass sich dieser zu einem psychopathischen Killer entwickelt hat, der die Geheimnisse seiner Taten nur im Gegenzug von persönlichen Bekenntnissen seines Gegenübers zu lüften bereit ist. Zwischen den früheren Freunden entwickelt sich ein psychologisches Duell, das Hunter allzu bittere Wahrheiten über sein eigenes Leben offenbart. Doch wenn er Gerechtigkeit für all die Opfer von Lucien Folter will, muss er das Quid-pro-quo-Spiel nach den zermürbenden Regeln des Killers spielen …
„Hunter hatte seinen alten Freund schweigend beobachtet, seit er und Taylor bei der Zelle angekommen waren. An diesem Morgen wirkte Lucien noch siegessicherer und selbstherrlicher als tags zuvor, allerdings war das kaum verwunderlich. Er wusste eben genau, dass er am längeren Hebel saß. Er wusste, dass alle bis auf weiteres nach seiner Pfeife tanzen mussten, und das schien ihm eine enorme Genugtuung zu bereiten. Aber das war noch nicht alles. Da war etwas Neues zu Luciens Persönlichkeit hinzugekommen – eine brennende Leidenschaft, ja sogar Stolz, als sei es sein aufrichtigster Wunsch, dass alle Welt die Wahrheit über seine Taten erfuhr.“ (S. 149) 
Zählt man die ePub-Veröffentlichung „One Dead“ mit, stellt „Die stille Bestie“ den bereits siebten Fall des genialen Profilers Robert Hunter dar, dessen Dissertation, die er im Alter von 23 Jahren verfasst hat, zum Standardwerk an der FBI-Akademie zählt. Zugleich steht er in „Die stille Bestie“ vor seiner bislang größten Herausforderung, nämlich seinem ehemals besten Freund nicht nur das Handwerk zu legen und die Grabstätten seiner Opfer zu finden, sondern auch die schmerzlichen Offenbarungen zu verarbeiten, die während des Verhörs zutage treten und Hunters Leben auf den Kopf zu stellen drohen.
Von der Dramaturgie her erinnert „Die stille Bestie“ ein wenig an Thomas Harris‘ Meisterwerk „Das Schweigen der Lämmer“. Auch hier sitzt ein hochgradig intelligenter Killer, der keine Emotionen nach außen sichtbar werden lässt, bereits im Gefängnis und versucht durch sein Täterwissen etwas für sich auszuhandeln. Gegen Lucien Folter wirkt Hannibal Lecter allerdings wie ein Waisenknabe.
Chris Carter inszeniert mit „Die stille Bestie“ ein extrem dramatisches Psycho-Duell der Extraklasse, das seine Spannung nicht nur aus der ganz persönlichen Beziehung zwischen den Kontrahenten bezieht, sondern vor allem aus der unvorstellbaren Bösartigkeit, mit der Folter seine Taten geplant und durchgeführt hat.
Leseprobe Chris Carter - "Die stille Bestie"

Sonntag, 4. Oktober 2015

Jo Nesbø – (Blood On Snow: 1) "Der Auftrag“

(Ullstein, 187 S., Pb.)
Für vier Arten von Jobs ist der in Oslo lebende Olav nicht zu gebrauchen, wie er selbstkritisch einräumt. Demnach kann er weder Fluchtwagen fahren, noch Raubüberfälle ausüben, mit Drogen arbeiten oder mit Prostitution zu tun haben. Dafür hat er sich als Auftragsmörder einen Namen gemacht, der für den Gangster Daniel Hoffmann unliebsame Leute aus dem Weg räumt. Als Olav nach der erfolgreichen „Expedierung“ eines Mannes bei den verlassenen Lagerhäusern am Kai gleich den nächsten Auftrag von Hoffmann erhält, kommt es zu schwerwiegenden Komplikationen – denn das nächste Opfer soll ausgerechnet Hoffmanns Frau Corina sein.
Olav legt sich einige Tage gegenüber von Hoffmanns Wohnung auf die Lauer und beobachtet das schöne Objekt seines Auftrags dabei, wie es regelmäßig Besuch von einem jungen Mann bekommt, der Corina erst brutal schlägt und anschließend vergewaltigt. Olav nimmt daraufhin eine eigenständige Planänderung vor, die ihn teuer zu stehen kommt …
„Warum also war sie – die junge Ehefrau des größten Lieferanten von Ekstase – bereit, alles für eine billige Affäre mit jemandem zu riskieren, der sie noch dazu schlug?
Erst am vierten Nachmittag verstand ich es, und ich fragte mich, wieso ich so lange gebraucht hatte, um darauf zu kommen. Ihr Lover hatte etwas gegen sie in der Hand.
Etwas, womit er zu Daniel Hoffmann gehen konnte, wenn sie nicht tat, was er wollte.
Als ich am fünften Tag aufwachte, hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich wollte auf Nebenstraßen ins Ungewisse fahren.“ (S. 36) 
Mit „Blood On Snow“ hat der norwegische Thriller-Bestseller-Autor Jo Nesbø eine neue Reihe ins Leben gerufen, die im Gegensatz zu den komplexen Fällen des Polizisten Harry Hole ebenso kurz wie prägnant und packend inszeniert sind. Im Auftakt der unzusammenhängenden Reihe um harte Männer, die folgenschwere Entscheidungen treffen müssen, erzählt Nesbø die Geschichte eines Auftragsmörders, dessen Gedanken immer wieder zu den Frauen in seinem Leben abschweifen, zu seiner Mutter, der taubstummen Maria und eben der geheimnisvollen Corina, der aber auch zusehen muss, wie er aus der kniffligen Lage, in die er sich durch seine Planänderung manövriert, heil herauskommt.
Nesbø hält sich in dem nicht mal 200 Seiten langen „Blood On Snow: Der Auftrag“ weder lang mit einer Einleitung noch mit ausführlichen Charakterisierungen auf. Das hat den Vorteil, die Handlung schnell vorantreiben und überraschende Wendungen einführen zu können, ohne auf die psychologische Stimmigkeit achtgeben zu müssen.
Leonardo DiCaprio hat sich bereits die Filmrechte an dem rasanten Stoff gesichert.
Leseprobe Jo Nesbø – „Blood On Snow: Der Auftrag“

James Carlos Blake – „Pistolero“

(Liebeskind, 431S., HC)
Als am 19. August 1895 im Acme Saloon in El Paso der Polizist John Selman die Waffe auf den Hinterkopf von John Wesley Hardin richtete und abdrückte, ist das Leben des wohl berüchtigsten Revolverhelden in Texas zu Ende gegangen. Darauf weist der einen Tag später im El Paso Daily Herald erschienene Artikel hin, der zur Einstimmung auf die Lebensgeschichte von Wes Hardin den Augenzeugenberichten vorangestellt ist, die chronologisch in einzelnen Episoden, die sie mit Hardin verbracht haben, die aufregende Geschichte eines Mannes erzählen, der seine Waffe gegen jeden zückte, der sein Leben bedroht hat – und nur dann!
Beginnend mit dem Bericht der Hebamme, die Hardin „in einem blutigen Sturzbach“ im Jahr 1853 zur Welt gebracht hat, erfährt der Leser zunächst, wie die Familie von Reverend Hardin ungefähr 1855 vom Red River nach Polk County gezogen ist, wo der Reverend nicht nur das Wort Gottes predigte, sondern auch in der Schule lehrte und als Anwalt praktizierte.
Gregor Holtzman, der die Familiengeschichte auf zwei Seiten zusammenfasst, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Hardins eine stolze Familie von guter Herkunft seien. Schon der Vater des Reverend, Benjamin Hardin, hat im Kongress von Texas gesessen und Augustine, ein Onkel des Reverends, hat die Unabhängigkeitserklärung mit unterschrieben.
In dieser geschichtsträchtigen Familie entwickelte auch Wes einen außerordentlichen Familien- und Gerechtigkeitssinn. Der wissbegierige Junge entwickelte früh ein Talent für die Arbeit der Cowboys, machte auch als Lehrer eine gute Figur und faszinierte die Frauen. Vor allem war er unglaublich schnell mit seinen Pistolen. Doch als er den Deputy Sheriff Morgan in DeWitt County tötet, wird aus dem geachteten Revolverhelden ein gesuchter Mann, der sich schließlich vor Gericht verantworten muss.
„Die Geschichte von Wes‘ Kampf mit der San-Antonio-Bande verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie stand in allen Zeitungen. Manche Leitartikel nannten ihn einen Helden, weil er sich der verhassten State Police und den feigen Vigilanten, den Bürgerwehrlern, die das Recht selbst in die Hand nahmen, gestellt hatte – andere hielten ihn für einen blutigen Desperado, der wie ein räudiger Hund abgeknallt oder an der größten Eiche in Texas aufgehängt gehöre.“ (S. 207) 
Nachdem der Münchener Liebeskind Verlag bereits den mit dem Los Angeles Times Book Prize ausgezeichnete Buch „Das Böse im Blut“ des in Mexiko geborenen und in Texas lebenden Autors James Carlos Blake erstmals der deutschen Leserschaft bekannt gemacht hatte, erscheint dort nun auch das 1995er Debüt „Pistolero“.
Obwohl diese fiktionale Biografie aus der Perspektive von gut fünfzig Zeitzeugen des berüchtigten Revolverhelden erzählt wird, wirkt die Collage aus Erinnerungen, Zeitungsberichten und autobiografischen Bemerkungen wie aus einem Guss. Blake lässt in den Ausführungen von Verwandten, Prostituierten, Lehrern, Richtern, Anwälten, Barkeepern, Freunden und Verwandten das lebendige Portrait eines Mannes entstehen, der seine außergewöhnlichen Begabungen vor allem zum Wohl seiner Mitmenschen einsetzte und jedem Streit möglichst ohne Einsatz von Waffen aus dem Wege ging. In diesen Beschreibungen wird aber nicht nur das abenteuerliche Leben des Protagonisten dargelegt, sondern auch das raue Leben im Texas des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit den beschwerlichen Trecks, den Glücksspielen in den Hinterzimmern der Saloons und den Freuden, die Prostituierte den Männern bereiten konnten, facettenreich dokumentiert. Daran werden nicht nur Western-Fans ihre Freude haben.
Leseprobe James Carlos Blake - "Pistolero"

Freitag, 2. Oktober 2015

Richard Laymon – „Die Spur“

(Heyne, 464 S., Tb.)
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Rick den Urlaub mit seiner Freundin Bert(ha) im MGM Grand in Las Vegas oder im Hyatt in Maui auf Hawaii verbracht, auch eine Irland-Tour, eine Luxus-Kreuzfahrt nach Acapulco oder eine Dampferfahrt auf dem Mississippi standen zur Diskussion, doch Bert wollte unbedingt eine Wandertour in den Bergen der Sierra Nevada unternehmen. Als das junge Paar an einem Samstagmorgen aufbricht, weiß Bert noch nichts davon, dass Rick in seiner Kindheit miterleben musste, wie seine attraktive Stiefmutter Julie bei einem solchen Ausflug vergewaltigt und ermordet worden ist.
Und so beäugt Rick während des Wanderns jeden männlichen Fremden, denen sie unterwegs begegnen, mit übervorsichtigem Argwohn. Das ändert sich auch nicht, als neben den drei jungen Kerlen Jase, Luke und Wally, die sich Rick und Bert kurzzeitig anschließen, auch die beiden Mädchen Andrea und Bonnie ihre Wege kreuzen. Den Revolver, den Rick für den Notfall ohne Berts Wissen mitgenommen hat, sorgt schließlich für eine mehr als brenzlige Situation.
Währenddessen unternimmt die waghalsige Gillian O’Neill, selbst Eigentümerin einer zwanzig Wohneinheiten umfassenden Apartment-Anlage, einmal mehr eine Tour, die sie durch Häuser führt, deren Besitzer offensichtlich verreist sind. Nachdem sie das Objekt ihrer Begierde ausgekundschaftet hat, macht es ihr besonders viel Spaß, ein ausgiebiges Bad in dem verlassenen Haus zu nehmen und die persönlichen Dinge des Besitzers zu fotografieren.
Als sie das Haus von Frederick Holden in Beschlag nimmt, stellt sie sich seinem Nachbarn Jerry als Holdens Nichte vor und verbringt einen anregenden Nachmittag im Pool des attraktiven Nachbarn. Doch als Gillian beginnt, Holdens Videosammlung näher zu betrachten und schließlich ein mehr als verstörendes Fotoalbum findet, nimmt ihr Nervenkitzel eine bedrohliche Wendung …
„Entgegen ihrer besseren Einsicht ließ sie die Wanne mit Wasser volllaufen. Die Dampfwolken, die in ihr Gesicht stoben, ließen sie vor Erregung glucksen. Gillian wählte einen voluminösen Badeölspender, zog den Stöpsel und goss den Zusatz ins Badewasser. Fasziniert beobachtete sie, wie sich die amethystfarbene Flüssigkeit mit den blubbernden Strudeln vereinigte.
Zarter Fliederduft stieg in ihre Nasenflügel. Mmmm …
Als sie in das wohlriechende Wasser stieg, summte sie eine Melodie:
‚Keep young and beautiful …‘
Ja. Ganz klar. Das war die spektakulärste, faszinierendste, luxuriöseste, unvergesslichste, denkwürdigste Wanne gewesen, in der jemals ein Bad genommen hatte. Es war in jeglicher Hinsicht ihr bislang spektakulärstes, faszinierendstes und denkwürdigstes Eindringen gewesen.
Und das kürzeste, wie sich herausstellen sollte.“ (S. 126f.) 
Mit „Die Spur“ veröffentlicht Heyne Hardcore das letzte noch zu Lebzeiten des 2001 verstorbenen Horror-Schriftstellers Richard Laymon erschienene Werk „No Sanctuary“. Hier demonstriert der versierte Autor noch einmal seine Qualitäten als erstklassiger Spannungslieferant, dessen Werke sich mit ihren lebendigen Dialogen und attraktiven jungen Menschen wie Drehbücher zu Hollywood-Schockern lesen. Bei „Die Spur“ bekommt der Leser sogar zwei absolut parallel zueinander laufende Geschichten präsentiert, deren Handlungsstränge erst zum Finale zusammenlaufen. Bis dahin wechselt Laymon immer wieder geschickt von dem Wandertrip in den Bergen, den Rick und Bert unternehmen, zum Nervenkitzel, den Gillian im leeren Haus eines offensichtlichen Psychopathen erlebt.
Natürlich ist „Die Spur“ wie bei Laymon gewohnt mit einer Reihe erotischer Tagträumereien und tatsächlicher Handlungen ebenso gespickt wie mit brutaler Gewalt, doch nehmen sie nicht die exzessive Gestalt an, wie man es aus früheren Werken des produktiven Amerikaners kennt. Stattdessen beschränkt sich Laymon diesmal ganz auf die beiden Erzählstränge und den geschickten dramaturgischen Spannungsaufbau, was diesem Quasi-Testament gut zu Gesicht steht.
Leseprobe Richard Laymon - "Die Spur"

Sonntag, 27. September 2015

Stephen King – (Bill Hodges: 2) „Finderlohn“

(Heyne, 542 S., HC)
New Hampshire im Jahre 1978. Sechs Monate vor seinem achtzigsten Geburtstag wird der einst erfolgreiche, seit Jahren aber zurückgezogen auf einer Farm lebende Schriftsteller John Rothstein von drei vermummten Männern in seinem Schlafzimmer überfallen und zur Öffnung seines Safes gezwungen. Dort lagern nicht nur über 20.000 Dollar an Bargeld, sondern - was zumindest Morris Bellamy, dem gebildeten Anführer des Trios, wichtiger zu sein scheint – auch etliche Notizbücher, in denen Rothstein neben Gedichten und Essays auch die Entwürfe zu zwei neuen Romanen um seinen Helden Jimmy Gold niedergeschrieben hat. Wie der alternde Autor vor seinem Tod noch erfahren darf, ist Bellamy ganz und gar nicht davon angetan, wie Rothstein seinen Helden Jimmy im abschließenden Band seiner Trilogie seine Ideale verraten und in die Werbebranche gehen ließ.
Bellamy entledigt sich nach dem Mord an Rothstein auch seiner beiden Komplizen und vergräbt seinen Schatz in einem Koffer in der Nähe eines Trampelpfads, der seine Wohnung in der Sycamore Street mit dem Jugendzentrum in der Birch Street verbindet. Doch bevor er sich später den Notizbüchern widmen kann, wandert Bellamy wegen eines anderen Verbrechens für 35 Jahre hinter Gittern.
2010 lebt der junge Pete Saubers mit seiner Familie in dem ehemaligen Bellamy-Haus und findet bei einem Spaziergang zufällig den Koffer. Mit dem Geld unterstützt er in monatlichen Raten seine nicht nur finanziell angeschlagene Familie. Die Notizbücher versucht er über den leicht anrüchigen Buchhändler Drew Halliday zu verkaufen, damit seine Schwester Tina aufs College gehen kann. Doch auch Halliday selbst wittert ein großes Geschäft.
„Die angekündigten sechs Notizbücher kamen ihm bereits wie ein magerer Appetithappen vor. Sämtliche Notizbücher – von denen einige einen vierten Roman über Jimmy Gold enthielten, wenn Drews psychopathischer Freund damals, vor so vielen Jahren, recht gehabt hatte – waren unter Umständen bis zu fünfzig Millionen Dollar wert, wenn man sie aufteilte und an verschiedene Sammler verkaufte.
Allein schon der vierte Jimmy Gold konnte zwanzig Millionen bringen. Und da Morrie Bellamy im Gefängnis schmorte, stand Drew nur ein junger Bursche im Weg, der nicht einmal einen anständigen Schnurrbart zustande brachte.“ (S. 248) 
Allerdings haben Halliday und Pete Saubers ihre Pläne ohne den vorzeitig aus dem Gefängnis auf Bewährung entlassenen Bellamy gemacht. Nachdem dieser nur einen leeren Koffer in seinem Versteck vorgefunden hat, braucht er nicht lange, um herauszufinden, wer die Notizbücher in seinem Besitz hat …
Auch wenn Stephen King als „King of Horror“ bekannt geworden ist und seinen Weltruhm gruseligen Frühwerken wie „Carrie“, „Christine“, „Feuerteufel“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ verdankt, sind viele seiner letzten Werken kaum noch dem Horrorgenre zuzuordnen. Das traf bereits auf „Mr. Mercedes“ zu und noch mehr auf das jetzt veröffentlichte „Finderlohn“, das sich fast wie eine Fortsetzung zu „Mr. Mercedes“ liest. Denn das familiäre Elend, das die Saubers erfasst, ist eben auf das Massaker zurückzuführen, das ein gewisser Brady Hartsfield 2009 mit einem gestohlenen Mercedes vor dem City Center veranstaltete, als er den Wagen mit voller Absicht in eine Masse von Arbeitssuchenden lenkte und dabei auch Pete Saubers Vater Tom erwischte.
Mit dem pensionierten Detective Kermit Bill Hodges, seinen Helfern Jerome und Holly sowie dem in einer psychiatrischen Anstalt verwahrten Attentäter Hartsfield tauchen auch einige Figuren aus „Mr. Mercedes“ in „Finderlohn“ in mehr oder wenigen wichtigen Nebenrollen auf, aber die eigentliche Handlung spielt sich zwischen dem ursprünglichen „Besitzer“ von Rothsteins Notizbüchern und ihrem späteren Entdecker ab.
Hier entwickelt Stephen King einen klassischen Krimi-Plot in bester John-D.-MacDonald-Tradition (dem King diesen Roman auch gewidmet hat) und schreibt dabei auch über das Schreiben an sich, über die Rolle des Autors und seinem Verhältnis zu seinem Werk, seinen Figuren und letztlich auch zu seiner Leserschaft.
Dieses Thema hat King bereits in Werken wie „Stark – The Dark Half“, „Das geheime Fenster“ und „Misery“ meisterhaft in Szene gesetzt, nur kommt er in „Finderlohn“ ganz ohne übernatürliche Elemente aus. Und bei dem faszinierenden Ende bleibt sogar die Hoffnung, einigen der interessanten Figuren in weiteren Büchern von Stephen King wiederzubegegnen.
Einmal mehr hat der produktive Erzähler einen Pageturner geschrieben, der vor Einfallsreichtum, sorgfältig gezeichneter Figuren und dramatischer Spannung nur so strotzt.
 Leseprobe Stephen King - "Finderlohn"