Donnerstag, 26. Februar 2015

Dan Brown – „Das verlorene Symbol“

(Lübbe, 765 S., HC)
Robert Langdon, Harvard-Professor und prominenter Symbologe, wird von seinem väterlichen Mentor Peter Solomon gebeten, sich umgehend mit ihm im Capitol Building in Washington zu treffen, wo er kurzfristig einen Vortrag über die freimaurerische Geschichte der Stadt halten soll. Doch als er die Rotunde des Kapitols betritt, entdeckt er mit Schrecken die abgetrennte Hand seines Förderers, die tätowierten Zeigefinger und Daumen zur Decke ausgestreckt. Langdon erkennt sofort, dass es sich bei der tätowierten Hand um eine Mysterienhand handelt, die der Meister einem Suchenden als Einladung entgegenstreckt, sich einer Elite anzuschließen, die das geheime Wissen sämtlicher Zeitalter hütet, wie die Legenden meinen.
Langdon muss erfahren, dass nicht Solomon ihn nach Washington bringen ließ, sondern ein Verrückter, der erwartet, dass Langdon ihm ein mystisches Portal öffnet, das eine Welt uralter Geheimnisse und verborgenen Wissens enthüllen würde. Um sein Ziel zu erreichen, hat Mal’akh, wie sich der Adept selbst nennt, nicht nur Peter Solomon in seiner Gewalt, sondern auch dessen Schwester Katherine, die als Noetik-Wissenschaftlerin in dem von ihrem Bruder im Smithsonian Institut eingerichteten Labor kurz davor steht, den wissenschaftlichen Kenntnisstand in bisher unerforschte Gefilde auszuweiten.
Überrascht ist Langdon von der Tatsache, dass auch die CIA ein großes Interesse daran zu haben scheint, was es mit den Alten Mysterien auf sich hat, die der Grund für die unerfreulichen Ereignisse sind, denen Langdon und die Solomons ausgesetzt sind.
„Mal’akh hatte Dinge erfahren, von denen er nichts geahnt hatte, darunter von Katherines Labor und ihren atemberaubenden und zugleich schockierenden Entdeckungen. Die Wissenschaft wird immer mächtiger, hatte Mal’akh erkannt, doch ich werde nicht zulassen, dass sie den Unwürdigen den Weg erhellt. Katherines Arbeit beantwortete alte philosophische Fragen mit moderner Naturwissenschaft. Erhört jemand unsere Gebete? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Haben Menschen Seelen? Es war unglaublich, aber Katherine hatte alle diese Fragen tatsächlich beantwortet – und noch andere mehr. Naturwissenschaftlich. Abschließend. Die Methoden, die sie benutzte, waren unwiderlegbar. Mit den Ergebnissen ihrer Experimente würde sie selbst die größten Skeptiker überzeugen. Wurden diese Informationen veröffentlicht, musste das Bewusstsein der Menschen sich grundlegend verändern.“ (S. 321) 
Um sowohl die Forderungen des Entführers der Solomons zu erfüllen als auch deren Leben zu retten, begibt sich Langdon mit Inoue Sato, der Direktorin des CIA-Office of Security, und Reverend Galloway auf eine Schnitzeljagd durch Washington, die Symbole einer durch die Freimaurer gehüteten Pyramide zu entschlüsseln.
Dan Brown hat mit „Illuminati“ (2003) und „Sakrileg“ (2004) nicht nur zwei internationale und mit Tom Hanks erfolgreich verfilmte Bestseller geschrieben, sondern auch das Interesse der Leserschaft an den dunklen Machenschaften der katholischen Kirche, an der scheinbar unüberwindbaren Kluft zwischen Religion und Wissenschaft, an den Mythen um den Orden der Templer und den Heiligen Gral geweckt.
Das Konzept, kulturgeschichtliche Fakten, die Faszination für geheimnisvolle Rituale und das verborgene Wissen der Alten Mysterien mit einer Thriller-Handlung zu verknüpfen, verfolgt Brown auch im dritten Roman um Robert Langdon. Der Plot unterscheidet sich dabei kaum von seinen Vorgängern, nur dass diesmal nicht der Vatikan („Illuminati“) oder der Heilige Gral („Sakrileg“) im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sondern die Freimaurer.
Was „Das verlorene Symbol“ dabei so lesenswert macht, sind nicht allein die Ideen, die den Freimaurern zugrunde liegen, sondern einmal mehr die Verbindung zwischen Wissenschaft und Glaube. Die Botschaft, die der Roman vermittelt, könnte als Leuchtfeuer in einer Zeit dienen, die nach wie vor von religiösem Fanatismus und Intoleranz geprägt ist. Allerdings kolportiert Brown das Wesen der Freimaurer recht unreflektiert und weist ihnen, wie es die USA-Gründungsväter Benjamin Franklin und George Washington sicher geplant haben, die Rolle der Wahrheitshüter zu. Das wirkt dann doch oft arg vereinfacht, entspricht aber wiederum den eindimensional gestrickten Figuren, deren Dialoge sich so hölzern lesen wie Wikipedia-Einträge.
Davon abgesehen bietet „Das verlorene Symbol“ aber kurzweilige Thriller-Unterhaltung mit komprimierten Einblicke in die Geschichte der Freimaurer.
Leseprobe Dan Brown - "Das verlorene Symbol"

Sonntag, 22. Februar 2015

Clive Barker – „Mister B. Gone“/“Fahr zur Hölle, Mister B.“

(HarperCollins, 254 S., HC/Festa, 254 S., Tb.)
Mit seiner umfangreichen Anthologie von bis heute immer wieder verfilmten Kurzgeschichten, die ab 1984 in insgesamt sechs „Büchern der Blutes“ erschienen sind, hat sich der aus Liverpool stammende Künstler Clive Barker im Nu einen Namen im Horror-Genre gemacht, wurde von Stephen King als die „Zukunft des Horrors“ gepriesen und schuf mit der Verfilmung seiner eigenen Novelle „The Hellbound Heart“ unter dem Titel „Hellraiser“ einen der wichtigsten Horrorfilme des 20. Jahrhunderts. Seither hat Barker vor allem dunkle Fantasy und Kinderbücher veröffentlicht und sich als Maler etabliert. Hierzulande hat das Interesse an Barker allerdings stark nachgelassen.
So erscheint das 2007 von HarperCollins als edles Hardcover veröffentlichte Werk „Mister B. Gone“ erst sieben Jahre später als lieblos aufgemachtes Taschenbuch bei Festa.
Im Vergleich zur epischen „Abarat“-Reihe, deren vierter Band für den Sommer dieses Jahres angekündigt ist, kehrt Barker mit „Fahr zur Hölle, Mister B.“ wieder zu seinen Horror-Wurzeln zurück. Auf 250 kurzweiligen Seiten versucht der Dämon Jakabok Botch, den Leser seiner Lebensgeschichte zum Verbrennen des Buches zu animieren, das er in den Händen hält, aber natürlich will der Leser wissen, wie der Dämon überhaupt in dieses Werk gelangt ist.
Die Geschichte beginnt damit, dass Jakabok Botch mit seinem verhassten Vater Pappy G. in einem Abfallhaufen auf ein saftiges Steak und Bier stoßen, doch handelt es sich dabei um einen Köder, der die beiden Dämonen in ein Netz geraten lässt, das sie durch die neun Kreise der Hölle an die Oberwelt zieht. Allerdings kappt Jakabok unterwegs das Netz seines Vaters und trennt sich so für immer von ihm. In der Oberwelt sorgt der Dämon mit seinem verbrannten und entstellten Äußeren für Angst und Schrecken. Als er allerdings wieder in Gefangenschaft zu kommen droht, eilt ihm mit Quitoon ein Dämon zur Seite, der Jakabok stark beeindruckt.
„Quitoon kannte die Welt gut. Und er kannte nicht nur die Menschheit und deren Werke, sondern auch alles Mögliche, das ohne eindeutige Beziehung zwischen beiden existierte. Er wusste etwas über Gewürze, Parlamente, Salamander, Schlummerlieder, Flüche, Formen von Debatten und Krankheiten; über Rätsel, Ketten und Geisteszustände; über die Herstellung von Süßigkeiten, über Liebe und Witwen; über Geschichte für Kinder, über Geschichten für Erwachsene und Geschichten, die man sich an Tagen, wenn nichts eine Bedeutung zu haben scheint, selbst erzählen kann. Mir schien, als gäbe es kein einziges Thema, über das er nicht wenigstens ein bisschen Bescheid wusste. Und falls er über etwas Bestimmtes doch einmal nichts wusste, dann log er so unverfroren, dass ich jedes seiner Worte wie ein Evangelium akzeptierte.“ (S. 125) 
Gemeinsam ziehen sie im 14. Jahrhundert eine blutige Spur aus Feuer und Tod durch die Dörfer, die sie durchqueren. Nachdem sie unterwegs getrennt wurden, begegnen sie sich in Mainz wieder, wo die Schlacht zwischen Dämonen und Engeln entschieden zu werden scheint …
Der mittlerweile in Los Angeles lebende Clive Barker erweist sich in „Mister B. Gone“ einmal mehr als einfallsreicher Erzähler einer Geschichte, wie sie nur Barker zu kreieren versteht. Wenn er von Dämonen schreibt, betritt auch der Leser ganz neue Welten.
„Mister B. Gone“ zählt zwar nicht zu den besten Werken des Autors, aber ein kurzweiliges und dämonisches Lesevergnügen bietet es allemal.
Leseprobe Clive Barker - "Fahr zur Hölle, Mister B."

Samstag, 21. Februar 2015

Reif Larsen – „Die Karte meiner Träume“

(S. Fischer, 447 S., HC)
Der zwölfjährige Tecumseh Sparrow Spivet lebt auf der Coppertop Ranch nahe der winzig kleinen, von den Pioneer Mountains umgebenden Stadt Divide, Montana, als er einen Anruf erhält, der sein noch so junges Leben für immer verändern sollte. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein gewisser G. H. Jibson, Kustos für Illustration und Design am berühmten Smithsonian, und teilt T. S. mit, dass er den Baird-Preis für herausragende Leistungen in der populären Vermittlung wissenschaftlicher Sachverhalte gewonnen hat.
Spivets Mentor Dr. Yorn hat dem Institut ein Portfolio des leidenschaftlichen Kartographen vorgelegt, der die Tradition des Namens Tecumseh in der Spivet-Familie ebenso in Karten und Diagrammen festhält wie den Whiskykonsum seines Vaters, die Entstehung von Wurmlöchern in Iowa, das Vergehen der Zeit oder wie erwachsene Männer tanzen.
Der junge Spivet nimmt die Einladung nach Washington an, verrät dem Kustos allerdings nicht, dass er noch ein Kind ist, noch unterrichtet er seine etwas aus der Art geschlagene Familie von seinen Reiseplänen. Der Junge bringt einen Güterzug zum Stehen, indem er eine Signallampe rot anmalt, und macht sich auf eine abenteuerliche Reise, während der er das Tagebuch seiner Mutter liest. Während der Reise lernt der Leser nicht nur die Familiengeschichte der Spivets kennen - den schweigsamen, an Ritualen hängenden Vater, der die Ranch betreibt, die Mutter, die als Wissenschaftlerin einem nicht existierenden Käfer nachjagt, und die beiden Geschwister Gracie und Layton, der bei einem tragischen Unfall verstorben ist -, sondern auch warum und was T. S. Spivet alles in Diagrammen festhält.
„… seit der Steinzeit stellten die Menschen nun schon Dinge in Bildern dar, auf Höhlenwänden, im Staub, auf Pergament, auf Bäumen, Esstellern, Servietten, ja sogar auf der eigenen Haut, und einzig und allein zu dem Zweck, dass wir uns erinnern konnten, wo wir gewesen waren, wohin wir wollten und wohin wir gehen sollten. Tief in uns steckt der Wunsch nach solchen Wegweisern, nach Koordinaten, nach Absichtserklärungen, die uns aus dem Wust unseres Hirns herausführten, die sichtbar wurden in der wirklichen Welt. Seit meinen ersten Diagrammen davon, wie man Gott die Hand schüttelt, hatte ich gelernt, dass eine Darstellung nicht das Dargestellte selbst ist, doch konnte man sagen, genau dieser Zwiespalt war ja das Gute daran: der Unterschied zwischen einer Karte und dem Land selbst gab uns den Abstand, um unseren Platz in der Welt zu bestimmen.“ (S. 67) 
Gleich mit seinem Debütroman „Die Karte meiner Träume“ ist dem damals 28-jährigen New Yorker Reif Larsen 2009 ein ganz großer Wurf gelungen, der zeitgleich in 30 Ländern veröffentlicht und 2014 kongenial von Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amelie“) verfilmt worden ist.
Schon optisch hebt sich das Werk von anderen Romanen ab, ist es doch liebevoll mit Randnotizen, Karten, Diagrammen und Anekdoten verziert, die das Lesen selbst zu einem Abenteuer machen und den Blick immer wieder von der eigentlichen Romanhandlung abschweifen lassen. „Die Karte meiner Träume“ ist ein Coming-of-Age-Roman der etwas anderen Art.
Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der wie ein Fremdkörper in seiner eigenen Familie wirkt und der auf seiner Güterzugreise nach Washington auch zu sich selbst findet. Die Geschichte hat durchaus ihre Längen, aber durch den Charme, den der wissbegierige Ich-Erzähler ausströmt, bleibt der Leser gern am Ball, denn so liebevoll ist eine Geschichte über junge Persönlichkeitsentwicklung, Freundschaft, wissenschaftliche Neugierde, Schuld und Familie selten erzählt worden.
Leseprobe Reif Larsen - "Die Karte meiner Träume"

Samstag, 14. Februar 2015

Ray Bradbury – „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“

(Diogenes, 272 S., Tb.)
Kurz vor ihrem jeweils 14. Geburtstag fällt den beiden benachbarten Freunden James Nightshade und William Halloway ein Handzettel in die Hände, der für den morgigen 24. Oktober den Zirkus von Cooger & Dark ankündigt, einen bunten Rummelplatz und vielen Attraktionen wie der schönsten Frau der Welt, Mademoiselle Tarot, dem schwebenden Menschen, der Dämonen-Guillotine, Mr. Elektriko und dem illustrierten Mann. In der Nacht trifft der Zirkus mit dem Zug ein, wie Jim und Will mit freudiger Erregung beobachten, doch sie merken schnell, dass ungewöhnliche Dinge in der Stadt vorgehen: Der Friseur hat sein Geschäft wegen Krankheit geschlossen, auf dem Weg zum Zirkus entdecken sie die herrenlose Tasche des Blitzableiterverkäufers, der Jim zuvor noch einen Blitzableiter geschenkt hatte.
Besonders fasziniert sind sie von einem Karussell, das je nachdem in welche Richtung es sich dreht, die darauf fahrenden Menschen jünger oder älter macht. Allerdings werden Jim und Will bei ihrer Entdeckung selbst bemerkt und müssen nun um ihr Wohl fürchten. Wills Vater Charles entdeckt in der Bibliothek im Zeitungsarchiv Berichte über den Zirkus, wie er nachweisbar ab 1848 alle dreißig, vierzig Jahre im Oktober in die Stadt gekommen ist.
Schon hat Mr. Dark, der illustrierte Mann, die Spur der neugierigen Jungen aufgenommen und bietet ihnen Freikarten an. Zusammen mit Wills Vater versuchen die beiden Jungen, das Böse, das mit dem Zirkus in die Stadt gekommen ist, zu besiegen.
„Der Tod existiert nicht. Es hat ihn nie gegeben, es wird ihn nie geben. Aber wir haben von ihm so viele Bilder gemalt, all die Jahre hindurch, haben versucht, ihn festzuhalten, zu verstehen, dass wir ihn als Wesenheit ansehen, seltsam lebendig und gierig. Aber er ist nichts weiter als eine stehengebliebene Uhr, ein Verlust, ein Ende, Dunkelheit. Nichts. Und der Zirkus ist klug genug zu wissen, dass wir uns vor dem Nichts mehr fürchten als vor dem Etwas. Gegen ein Etwas kann man kämpfen. Aber … das Nichts?“ (S. 194). 
Kaum einer hat es je so eindringlich, einfühlsam und fantasiereich das Staunen von Kindern und Jugendlichen über die Wunder der Welt und des Lebens in Worte und Geschichten zu verpacken wie der amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury („Die Mars-Chroniken“, „Fahrenheit 451“) in der Blütezeit seiner auch produktivsten Schaffensperiode zwischen den 50er und 60er Jahren.
In seinem auch von Disney verfilmten Roman „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ (1962) erzählt er eine wunderbare Halloween-Geschichte von zwei abenteuerlustigen Jungen, die unverhofft mit dem Bösen konfrontiert werden, das sich zunächst nur in Andeutungen und unheilvollen Hinweisen manifestiert, dann aber zunehmend bedrohlichere Formen annimmt. Hier verbindet Bradbury geschickt den Reifungsprozess heranwachsender Jungen mit der fantastischen Geschichte eines unheimlichen Zirkus, wobei Wills Vater die Jungen immer wieder mit faszinierenden Monologen über die großen Themen verzaubert und sie so zur Schwelle zum Erwachsenensein befördert.
Der 2012 verstorbene Schriftsteller verblüfft dabei mit einer wunderbar poetischen Sprache, bildgewaltigen Beschreibungen und wundersamen Assoziationen, die zum Träumen und Fantasieren einladen und Erinnerungen an jene goldenen Tage weckt, als man selbst noch unbeschwert und neugierig durch die Sommer und Herbste tanzte.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Steve Tesich – „Ein letzter Sommer“

(Kein und Aber, 492 S., HC)
Auf die drei Freunde Daniel Price, Larry Misiora und Billy Freund – der immer nur Freud genannt wird - wartet 1960 in dem Industriestädtchen East-Chicago ein Sommer der Entscheidungen. Nach ihrem High-School-Abschluss wissen sie noch nicht, wohin es sie ziehen wird und welche Jobs sie annehmen sollen. Daniels Aufmerksamkeit ist erst einmal Rachel gewidmet, die gerade in die Nachbarschaft gezogen ist und in die sich Daniel sofort verliebt. Doch nach einem ersten vielversprechenden Kuss gestaltet sich die Beziehung zwischen ihnen schwierig. Rachel wechselt ihre Launen und Themen so schnell, dass sich Daniel nicht sicher sein kann, ob Rachel ihn auch tatsächlich so liebt wie er sie.
Und während Daniel ganz mit sich und seinen Gefühlen, seiner Verliebtheit, seinen Hoffnungen und Zweifeln beschäftigt ist, erkrankt sein Vater an Rückenmarkkrebs und erfordert die ganze Aufmerksamkeit seiner Mutter, die in Chicago als Putzkraft arbeitet und anschließend ihren Mann im Krankenhaus besucht. Währenddessen verlässt Larry die Stadt, ohne sich verabschiedet zu haben, und Billy nimmt sich die nicht so schlanke Patty als Freundin und richtet sich seine eigene Garage ein. Während Daniels Freunde den Weg in ihre Zukunft eingeschlagen haben, weiß Daniel immer noch nicht, woran er bei Rachel ist und wohin ihn sein Leben treibt.
„Ich vermisse mein früheres Leben. Ich vermisse, dass Freud sich auf mich lehnte und dass Misioras fiese blaue Augen auf Mrs. Deweys Veranda ihre Fiesheit verloren. Unser gemeinsamer Schulweg, unser Ringkampftraining, das vorletzte Schuljahr mit dem Gefühl, dass das nächste Jahr mein Jahr sein würde, all das vermisste ich. Ich wusste, wie es war, mit einem Mädchen zu schlafen, aber ich vermisste das Wunderbare daran und das luftige Gefühl offener Fenster in meinem Kopf, in dem sich inzwischen eine Dunkelkammer befand, in der jetzt Bilder und Szenen entwickelt wurden, wie ich sie mir in meinem früheren Leben nie hätte vorstellen können.“ (S. 314) 
Der 1942 in Serbien geborene, im Alter von vierzehn Jahren nach East Chicago, Indiana, übergesiedelte Steve Tesich hat etliche Drehbücher und Theaterstücke geschrieben (u.a. das mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch zu „Vier irre Typen – Wir schaffen alle, uns schafft keiner“ und zur John-Irving-Adaption „Garp und wie er die Welt sah“), aber nur zwei Romane, ehe er 1996 an einem Herzschlag verstarb.
Sein Erstlingswerk „Ein letzter Sommer“ präsentiert sich als einfühlsamer Entwicklungsroman über einen 17-Jährigen, den eine Hassliebe mit seinem Vater verbindet und der auf schmerzliche Weise erfahren muss, dass die erste Liebe ebenso glücklich wie traurig und verzweifelt machen kann. Tesich versteht es dabei hervorragend, die emotionalen Wechselbäder seines jugendlichen Helden so poetisch und lebensnah zu schildern, als erlebe man selbst noch einmal jene Liebe, die den Maßstab bildet selbst für die reiferen Lieben, die noch folgen werden.
Tesich bleibt in seinem knapp 500-seitigen Roman aber nicht bei Daniel und Rachel, sondern beschreibt auch die schwierige Beziehung Daniels zu seinem Vater, die ihren schmerzhaften Höhepunkt erreicht, als sein Dad zum Sterben wieder nach Hause kommt. Am Ende findet Daniel aber doch seinen Weg, mit all diesen Schicksalsschlägen umzugehen. Bei aller Tragik und Verzweiflung webt Tesich immer wieder humorvolle Einfälle in die Geschichte seines Ich-Erzählers, den er mit viel Wärme, Sensibilität und Verständnis portraitiert.
Leseprobe Steve Tesich - "Ein letzter Sommer"

Dienstag, 10. Februar 2015

James Carlos Blake – „Das Böse im Blut“

(Heyne, 448 S., Tb.)
Die beiden Brüder Edward und John Little sind mit einem cholerischen Vater gestraft. Als Daddyjack bei einem Scheunenfest im Hochland von Georgia einen Mann tötet, der seiner Frau zu schöne Augen gemacht hat, muss die Familie im Herbst 1842 in die Sümpfe Floridas fliehen, wo sich drei Jahre später das nächste Unglück ereignet: Maggie, Edwards und Johns kleine Schwester, ist dermaßen angewidert von ihrem Vater, der immer wieder seine Frau verprügelt und schändet, dass sie Reißaus nimmt. Als die Brüder von ihrer Suche nach dem Mädchen zurückkehren, scheint ihr Vater sich einmal mehr an ihrer Mutter vergangen zu haben. Offensichtlich hat er auch Maggie getötet. Edward erschießt seinen Vater, die Mutter lässt ihre Jungen zurück, die sich wiederum nach Texas aufmachen.
In New Orleans trennen sich schließlich ihre Wege in einem Saloon, als Edward am Pokertisch ordentlich Gewinn macht und sich John mit einem Mädchen vergnügen will. Sowohl John als auch Edward geraten daraufhin mit Männern und dem Gesetz in Konflikt und stehen schließlich zu Beginn des Krieges zwischen den Yankees und den Mexikanern auf verschiedenen Seiten der Grenze. Ihr Leben ist weiterhin von gnadenloser Gewalt geprägt, die sie selbst mit nicht wenig Genuss ausüben, um ihren Traum von eigenem Land zu verwirklichen.
„Was er sich wünschte, war unaussprechlich. Wie sollte man denn etwas erklären, das man nicht einmal sich selbst gegenüber in Worte zu fassen vermochte, das man nur im Pochen seines Blutes spürte? Wie konnte er ihnen denn erzählen, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als dass ihm endlich Daddyjack und Maggie nicht mehr im Traum erschienen? Dass es ein Ende hätte mit dem nächtlichen Aufschrecken, wenn ihm das Herz wild in der Kehle schlug, wenn er an seiner eigenen Angst erstickte, sich gejagt fühlte von irgendeiner furchtbaren Nemesis, die mit jedem blutigen Sonnenuntergang näher rückte?“ (S. 245) 
Der 1947 in Mexiko geborene und in Texas aufgewachsene James Carlos Blake ist hierzulande noch ein unbeschriebenes Blatt. Das mag vor allem daran liegen, dass er in seinen Romanen eine extrem gewalttätige Geschichtsschreibung präsentiert, in der mordlüsterne und sexhungrige Kriminelle die Saat dessen verkörpern, wie die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Form angenommen haben. Was ihn wiederum für das Programm von Heyne Hardcore prädestiniert, das in den vergangenen Jahren Autoren wie Richard Laymon, John Niven, Jack Ketchum und James Lee Burke endlich ein Podium geboten hat, ihre rohe Prosa einer nervenstarken Leserschaft zu präsentieren.
„Das Böse im Blut“ ist Blakes dritter Roman und erzählt auf drastische Weise vom Schicksal zweier Brüder, die in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts von einem trunksüchtigen und gewalttätigen Vater und einer Hure aufgezogen worden sind. Wie sie nach einem familiären Blutbad ihrer eigenen Wege gehen, liest sich wie die nahtlose Aneinanderreihung von Prügeleien, Messerstechereien, Schießereien, Folter und Bordellbesuchen. Dabei macht Blake deutlich, dass seine Figuren allesamt Getriebene sind, ohne echte Träume und Hoffnungen, wie sie für das Western-Genre typisch sind. Ein wenig eigenes Land sollte es sein und eine Frau, aber wie man zu diesem Ziel gelangt, ist vom Zufall und vor allem Gewalt geprägt. Diese pessimistische Weltsicht begleitet den Leser durch den ganzen epischen Roman und lässt ihn ebenso staunen wie gefesselt weiterlesen. Denn Blake schreibt so packend, dass man das Blut, die Lust, den Schweiß und den Staub zu riechen und zu schmecken scheint.
Leseprobe James Carlos Blake - "Das Böse im Blut"

Sonntag, 8. Februar 2015

Joe Hill – „Blind“

(Heyne, 432 S., HC)
Als Sammler von okkulten Kuriositäten ist der 54-jährige Rockstar Jude Coyne Feuer und Flamme, als er von seinem Assistenten Danny erfährt, dass eine Frau den Geist ihres kürzlich verstorbenen Stiefvaters verkauft. Tatsächlich erhält Jude bei der Auktion den Zuschlag und hält wenige Tage später eine herzförmige Schachtel in den Händen, die den Sonntagsanzug des Verstorbenen enthält. Als sich Judes Freundin Marybeth, die er nur Georgia nennt, den Finger an einer Stecknadel im Anzug verletzt, beginnt sich dieser schmerzhaft zu entzünden, dann ertönen aus dem Radio beängstigende Sprüche. Offensichtlich ist der Geist des Toten auf Rache aus.
Jude nimmt Kontakt mit der Verkäuferin auf und erfährt, dass Jessica Price die Schwester von Anna May McDermott ist. Jude war mit ihr vor Georgia zusammen und hat sie irgendwann genervt von ihrer Art rausgeschmissen. Wie Jessica ihm erzählt, hat sich Anna zuhause irgendwann in die Badewanne gelegt und sich die Pulsadern aufgeschnitten, nachdem er nicht auf ihre Briefe reagiert hatte. Und nun scheint Craddock McDermott sowohl seine Wut über Judes nachlässige Art als auch seine Profession als Hypnotiseur in die Waagschale zu werfen, um Jude das Leben zur Hölle zu machen. Jude und Georgio sehen nur einen Ausweg: Sie machen sich auf den Weg zu McDermotts verwitweter Stieftochter und wollen dem Spuk ein Ende bereiten …
„Craddock hatte den Großteil der Woche darauf verwendet, Jude dazu zu bringen, sich selbst umzubringen. Jude war so davon in Anspruch genommen gewesen, sich zu wehren, dass er sich nicht gefragt hatte, ob der Preis des Überlebens nicht vielleicht höher war, als wenn er dem toten Mann gab, was er wollte. Er würde sicher den Kürzeren ziehen, hatte er gedacht, und je länger er sich gegen Craddock wehrte, desto wahrscheinlicher war es, dass er Marybeth mit sich reißen würde. Denn die Toten ziehen die Lebenden nach unten.“ (S. 297). 
Hinter dem Namen Joe Hill verbirgt sich niemand Geringeres als Stephen Kings ältester Sohn. Allerdings wurde sein Debütroman „Blind“ im Jahre 2007 nicht mit der prominenten Beziehung beworben, was auch gar nicht nötig gewesen ist. Joe Hill erweist sich nämlich als durchaus eigenständige Stimme in der Horror-Literatur. Sein Debüt fasziniert mit einem originellen Plot und interessant gezeichneten Figuren. Judas Coyne ist nicht zwingend ein Protagonist, den man von Beginn an ins Herz schließt. Tatsächlich erscheint er dem Leser zunächst als narzisstisches Arschloch. Doch wie er schließlich alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Freundin Georgia nicht auch zu Craddocks Opfer werden zu lassen, ringt einem schließlich doch Respekt ab. Tatsächlich zählt die Wandlung, die Jude Coyne während der abenteuerlichen Fahrt nach Jacksontown durchmacht, zu den großen Stärken eines Romans, der einem wirklich Gänsehaut verursacht.
Leseprobe Joe Hill - "Blind"