Mittwoch, 28. Dezember 2016

Philippe Djian – „Erogene Zone“

(Diogenes, 330 S., Tb.)
Der 34-jährige Schriftsteller Philippe Djian befindet sich gerade in einer extrem produktiven Schaffensphase, auf gut 100 vollgekritzelte Seiten kann er in den letzten Tagen zurückblicken, da schneit ihm die 18-jährige Cécilia auf der Flucht vor einem Mann ins Haus und bringt Djian fast um den Verstand. Doch das ist nicht die einzige Frau, die das Leben des Schriftstellers in kürzester Zeit aus den Fugen platzen lässt. Auf der Geburtstagsfeier seiner guten Freundin Annie, die zugleich die Schwester seines eigentlich einzigen Freundes Yan ist, trifft er auch Nina wieder, mit der noch vor ein paar Monaten zusammen gewesen ist und die er nach wie vor für das schönste Mädchen hält, das er je gehabt hatte.
Sie bittet ihren Ex, auf ihre achtjährige Tochter Lili aufzupassen, da sich Lilis Vater scheinbar nicht wie abgesprochen um das Mädchen kümmern kann, wenn Nina sich im Krankenhaus einer OP unterziehen muss.
Mit zwei jungen Mädchen im Haus lässt es sich nun gar nicht mehr so flott arbeiten, und der Schriftsteller ist ziemlich angefressen, als er erfahren muss, dass Nina gar nicht im Krankenhaus liegt, sondern einfach das Weite gesucht hat …
„Ich setzte mich wieder an die Arbeit, während alle anderen ausgingen, um sich zu amüsieren und um zu bumsen, und ich, ich hatte nicht die geringste Gelegenheit, das eines Tages nachzuholen, das war schon ziemlich beschissen, und wo ich einmal dabei war, fragte ich mich, was Nina eigentlich trieb, warum sie nicht da war. Ich verfasste auf die Schnelle ein kleines, wütendes Gedicht über die Unannehmlichkeiten, die das Zusammenleben mit sich bringt, aber es gelang mir nicht, das Problem erschöpfend zu behandeln.“ (S. 187) 
Bevor der französische Autor Philippe Djian den internationalen Durchbruch mit dem durch Jean-Jacques Beineix erfolgreich verfilmten Roman „Betty Blue, 37,2 Grad am Morgen“ schaffte, legte er mit dem Erzählband „50 gegen Einen“ und den Romanen „Blau wie die Hölle“ und „Erogene Zone“ mehr als nur stilistische Fingerübungen vor.
„Erogene Zone“ enthält bereits alle Zutaten, die Djians Werk bis heute auszeichnen, wobei der Ich-Erzähler manchmal Djians Namen trägt oder auch nicht, aber stets als Alter Ego des Autors fungieren darf.
In diesem Fall müht sich Philippe Djian als Getriebener zwischen seinem Werk als Schriftsteller und seiner Liebe zu den Frauen. Der Leser merkt schnell, dass beides schwer zu vereinbaren ist, aber manchmal dienen die Frauen ihm auch als Muse und nicht als erotische Verführungen. Wie der Ich-Erzähler dabei immer mal wieder betont, geht es ihm vor allem um den richtigen Stil, und hier erweist sich Djian tatsächlich als Meister der klaren, direkten Worte, der kraftvollen Sprache, die die Handlung und die schnittigen Dialoge wirbelnd vorantreibt.
Das Ringen um den treffenden Satz, die passende Beschreibung ist bei Djian und seinem Alter Ego ebenso zu spüren wie seine Leidenschaft für die Frauen, und seine Beschreibungen der erotischen Begegnungen sind ganz und gar nicht pornographisch, sondern demonstrieren nur sein Ringen um das Glück, das ihm Frauen bescheren.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Ian McEwan – „Am Strand“

(Diogenes, 208 S., HC)
Nach ihrer Trauung in der Kirche St. Mary in Oxford stehen Florence und Edward kurz vor dem Vollzug ihrer Ehe. Noch sitzen sie in der Hochzeitssuite eines georgianischen Landhauses am Strand von Chesil Beach beim Abendessen, doch durch die offene Tür lässt sich bereits ein Blick auf das schmale Himmelsbett erhaschen, auf dem sich Edward am Ziel seiner Träume sieht. Im Jahr 1962 liegt die sexuelle Revolution noch in einiger Ferne, sowohl Edward und Florence können in dieser Hinsicht keine nennenswerten Erfahrungen aufweisen. Während Edward zumindest exzessiv masturbiert, ist seine junge Frau vor allem von Angst und Ekel erfüllt, wenn sie an den bevorstehenden Geschlechtsverkehr denkt.
Für Edward ist es die Erfüllung seiner Träume, endlich mit seiner geliebten Florence auf die intimste Weise vereint zu sein, für Florence dagegen eine mehr als lästige Pflichterfüllung, ein Preis, den sie dafür bezahlen muss, mit Edward zusammen sein zu dürfen. Die Katastrophe ist natürlich vorprogrammiert.
„Und was stand ihnen im Weg? Ihr Charakter und ihre Vergangenheit, Unwissen und Furcht, Schüchternheit und Prüderie, innere Verbote, mangelnde Erfahrung und fehlende Lockerheit, und dann noch der Rattenschwanz religiöser Verbote, ihre englische Herkunft, ihre Klassenzugehörigkeit und die Geschichte selbst. Also nicht gerade wenig.“ (S. 122) 
Bevor es überhaupt zu der von vornherein problembeladenen Vereinigung kommt, spritzt Edward seinen Samen über Florences Leib, die daraufhin von Ekel gepeinigt fluchtartig die Suite verlässt und zum Strand läuft. Edward, selbst zutiefst frustriert von dieser blamablen Episode, eilt ihr hinterher und stellt seine Frau zur Rede, die ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag unterbreitet …
Ian McEwan hat sich bereits mit seinem Debüt, der Kurzgeschichtensammlung „Erste Liebe – letzte Riten“ (1975), als Meister der kurzen Erzählform erwiesen, die er für die meisten seiner Romane nahezu übernommen hat. Mit seinem 2007 veröffentlichten Roman „Am Strand“ erzählt er auf gerade mal 200 Seiten die Geschichte einer desillusionierenden Hochzeitsnacht.
Im Vorfrühling der sexuellen Revolution prallen zwei vollkommen unterschiedliche Erwartungshaltungen zusammen, mit denen ein junges Ehepaar sein „erstes Mal“ miteinander vollzieht, ohne dass vorher darüber gesprochen worden ist. Meisterhaft dringt McEwan in die jeweilige Psyche von Mann und Frau ein, rekapituliert die unausgesprochenen Ängste, Frustrationen und Glücksgefühle, und während der Leser mit Spannung mitfiebert, wie Edward und Florence in dieser prüden Atmosphäre zusammenkommen, unterbricht er die detaillierte Erzählung immer wieder mit Rückblicken aus der persönlichen Entwicklungsgeschichte der beiden Protagonisten, die sich am Ende unversöhnlich gegenüberstehen, wütend mit den Konsequenzen hadernd, mit denen sie sich nun nach ihrer vorhergegangenen Sprachlosigkeit und Unsicherheit auseinandersetzen müssen.
Auch wenn uns in der heutigen aufgeklärten und so offenen Zeit die thematisierte Unbeholfenheit in Sachen Sex merkwürdig und fremd anmutet, gelingt es McEwan souverän, seine Leser mit großem Einfühlungsvermögen in dieses außergewöhnliche Kammerspiel einzuführen und seine durchaus gebildeten Figuren ihr vermeintliches Glück an die Wand zu fahren, weil sie einfach nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.
Leseprobe Ian McEwan - "Am Strand"

Samstag, 24. Dezember 2016

Jilliane Hoffman – „Insomnia“

(Wunderlich, 477 S., HC)
Als Virginia Knight ihre 17-jährige Tochter Mallory beim Broward Sheriff’s Office als vermisst meldet, als sie nach einer Party nicht nach Hause gekommen ist, gerät zunächst ihr Freund Tyler Armstrong ins Visier der Ermittlungen. Doch als Mallorys mit Blut besprenkelte Jacke und Handy in einem abgelegenen Waldstück gefunden werden, sieht FDLE Special-Agent Bobby Dees bei der Crimes Against Children Squad sofort einen Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von Morden an Mädchen, denen Mallory verblüffend ähnlich sieht.
In den Medien wird der Killer, der seinen Opfer über Landesgrenzen hinweg und über einen längeren Zeitraum nachstellt und sie mit seinen Werkzeugen zu Tode foltert, als Hammermann bezeichnet. Als Mallory zwei Tage später in einer Biker-Bar in Süd-Florida wieder auftaucht, behauptet sie, dem Hammermann entkommen zu sein. Doch weder Dees noch seine Kollegen von der Taskforce in Jacksonville können Verbindungen zu den Fällen in Orlando, Nord-Florida und Georgia knüpfen, an denen der Hammermann bislang gewirkt hat. Tatsächlich hat sich Mallory allerdings zwei Tage lang versteckt, um dem Zorn ihrer Mutter zu entkommen. Durch ihre Lügengeschichte ist Mallory gezwungen, die Stadt zu verlassen. Vier Jahre später studiert sie als Callie Monahan Jura an der Universität von Tallahassee und gelangt diesmal tatsächlich in die Gewalt des Killers, doch Bobby Dee und sein junger Kollege Colton Beck setzen alles daran, dem Treiben des Hammermanns endlich ein Ende zu setzen.
„Jeder Tag war ein Rennen gegen die Zeit, auf der Suche nach einem gesichtslosen Sadisten, der wieder zuschlagen würde, so sicher, wie morgens die Sonne aufging. (…) Man versuchte nicht obsessiv zu werden, aber es war unmöglich. Denn tief drinnen wusste man, egal wie sorgfältig, egal wie engagiert, egal wie fleißig man war – egal wie gut man in seinem Beruf war, trotzdem trug man die Verantwortung für das Gemetzel, wenn man es nicht endlich aufhielt.“ (S. 201) 
Als ehemalige Staatsanwältin in Florida kennt Jilliane Hoffman das Metier, über das sie schreibt, und mit Cupido, Picasso und Morpheus hat die Autorin bereits einige illustre Serienkiller geschaffen, die mit ihrem Treiben die internationalen Bestsellerlisten geprägt haben. Doch wie viele ihrer KollegInnen kämpft auch Hoffman mittlerweile mit dem Problem, dem Serienkiller-Genre neue Facetten abgewinnen zu können. Mit ihrem mittlerweile siebten Roman „Insomnia“ gelingt es ihr allerdings nicht mal im Ansatz. Nach einer wenig interessanten Einführung in die Psyche des Killers präsentiert Hoffman einen Plot, der weder besonders glaubwürdig, noch irgendwie spannend ist. Die oberflächlichen Charakterisierungen nicht nur der weiblichen Hauptfigur, sondern auch der involvierten Kriminalbeamten, tragen nicht dazu bei, Sympathien für die tragische Heldin zu entwickeln oder der Jagd auf den Hammermann mit Interesse zu folgen.
„Insomnia“ wirkt erschreckend ambitionslos, in einfacher Sprache wie am Reißbrett konstruiert und mit den obligatorischen Wendungen im Finale versehen, die der unglaubwürdigen Story letztlich den Rest geben.
Leseprobe Jilliane Hoffman - "Insomnia"

Samstag, 17. Dezember 2016

Lee Child – (Jack Reacher: 3) „Sein wahres Gesicht“

(Blanvalet, 502 S., Tb.)
Nachdem Jack Reacher als Soldaten-Sohn und schließlich selbst als Elite-Soldat und Ermittler bei der Militärpolizei überall auf der Welt zuhause gewesen ist, genießt er es, seit seiner Freistellung vor einigen Jahren endlich seine eigentliche Heimat kennenzulernen. Momentan lebt er in Key West, Florida, und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Ausgraben von Swimming Pools und als Aufpasser in einer Oben-ohne-Bar. Doch dann taucht ein Privatdetektiv namens Costello auf, der ihn im Auftrag einer Mrs. Jacob ausfindig machen soll. Da Reacher keine Mrs. Jacob kennt, gibt er sich nicht zu erkennen, nur um wenig später festzustellen, dass Costello von zwei Killern ermordet worden ist, die ebenfalls nach ihm suchen.
Natürlich will Reacher herausfinden, wer diese geheimnisvolle Mrs. Jacob ist, und reist nach New York, wo er erfahren muss, dass sein alter Mentor Leon Garber beerdigt wird und seine schöne Tochter Jodie unter dem Namen Jacob nach ihm suchen ließ. Sie ist mittlerweile eine erfolgreiche Anwältin und macht Reacher mit dem Fall der Hobies vertraut, mit dem sich der alte Garber vor seinem Tod beschäftigt hat.
Das alte Ehepaar sucht nach wie vor nach ihrem Sohn Victor, der vor fast dreißig Jahren in Vietnam nach einem Hubschrauber-Absturz vermisst wird. Als sich Reacher auf die Spurensuche beim Militär macht, erfährt er, dass Hobie den Absturz überlebt haben soll, im Lazarett aber einen Sanitäter tötete und seitdem auf der Flucht ist. Tatsächlich ist Hobie längst in seine Heimat zurückgekehrt und sich als Kredithai ein Vermögen aufgebaut. Derzeit versucht er den von Pech und Unvermögen gezeichneten Kleinindustriellen Chester Stone um Firma, Frau und Privatvermögen zu bringen. Dabei läuft ihm allerdings die Zeit davon, denn seine wahre Identität scheint bald entschlüsselt zu werden.
Während ihrer gemeinsamen Ermittlungstätigkeit kommen sich Reacher und Jodie endlich so nahe, wie sie es sich schon vor Jahren, als Jodie noch zarte 15 Jahre jung gewesen war, erträumt hatten.
Die Flitterwochen sind vorüber, Kumpel! Dein Leben hat sich verändert, und die eigentlichen Probleme fangen erst an. Er hatte diese Situation ignoriert. Aber er war sich bewusst, dass er erstmals etwas besaß, das ihm genommen werden konnte. Er hatte jemanden, um den er sich Sorgen machen musste. Das war ein Vergnügen, aber auch eine Belastung.“ (S. 362) 
Nach den ersten beiden absolut gelungenen Romanen um den Militärpolizist-Veteranen Jack Reacher, der nach seiner Freistellung vom Militärdienst eher ziel- und besitzlos durch die Vereinigten Staaten von Amerika zieht und dabei immer wieder in Situationen gerät, bei denen sein Ermittler-Instinkt aktiviert wird, fällt der dritte Band deutlich ab. Das liegt nicht nur an dem stark abgegriffenen Plot, der das US-amerikanische Vietnam-Trauma mit unerträglichem Pathos thematisiert, sondern auch an der wenig glaubwürdigen Liaison zwischen Reacher und der schönen Tochter seines ehemaligen Vorgesetzten und väterlichen Freundes Leon Garber.
Was den Leser zwischen den 500 Seiten immer wieder bei Laune hält, ist die eigentliche Ermittlungstätigkeit des charismatischen Protagonisten Jack Reacher, der in „Sein wahres Gesicht“ allerdings seiner alten Form in jeder Hinsicht hinterherläuft. Von Spannung und Action, herausragende Merkmale der ersten beiden Reacher-Bände „Größenwahn“ und „Ausgeliefert“, fehlt fast jede Spur, und auch das holprige Finale enttäuscht auf ganzer Linie.
Die interessante Frage, was Reacher eigentlich aus seinem Leben machen soll, wird zwar kurz angerissen, aber nicht wieder aufgegriffen, so dass sich Reacher-Fans erst wieder mit den nachfolgenden Bänden gut unterhalten lassen dürfen.  
Leseprobe Lee Child - "Sein wahres Gesicht"

Sonntag, 11. Dezember 2016

Linwood Barclay – (Promise Falls: 2) „Lügennacht“

(Knaur, 497 S., Pb.)
In Promise Falls, einer Kleinstadt an der US-amerikanischen Ostküste, gehen buchstäblich allmählich die Lichter aus. Nachdem bereits der Journalist David Harwood aus Boston in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, um bei der Lokalzeitung anzuheuern, die gleich darauf eingestellt wurde, öffnet nun mit dem Constellation auch das Autokino der Stadt zum letzten Mal seine Tore.
Wie üblich sollen auch bei der Abschiedsvorstellung drei Filme hintereinander gezeigt werden, um sowohl für die Kleinsten als auch für die Erwachsenen etwas zu bieten. Doch bevor der erste Film auf der Leinwand läuft, führt eine kleine Explosion dazu, dass die Leinwand in das Publikum fällt und vier Menschen zu Tode quetscht, darunter auch Adam Chalmers und vermutlich seine bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Frau Miriam.
Während der Constellation-Besitzer Derek Grayson davon ausgeht, dass die beauftragte Abrissfirma für den Unfall verantwortlich ist, will Ex-Bürgermeister Randy Finley die Katastrophe für seine erneute Kandidatur ausschlachten. Die Ermittlungen von Polizeichef Barry Duckworth kommen zunächst nicht voran, doch dann scheinen sich Verbindungen zu früheren Vorfällen aufzutun, in denen die Zahl 23 eine Rolle gespielt hatte, schließlich stürzte die Leinwand um 23:23 Uhr zusammen.
„Nun stellte sich die Frage, ob er diese Information, so spekulativ sie auch sein mochte, publik machen sollte. Vielleicht war es Zeit, die Öffentlichkeit um Mithilfe zu bitten. Irgendjemand wusste möglicherweise etwas. Vielleicht gab es in einer Familie ein Sorgenkind, einen Verwandten mit einer unerklärlichen Fixierung auf diese Zahl. Wenn Psalm 23 eine Rolle spielte – ‚Und ob ich schon wanderte im finstern Tal / fürchte ich kein Unglück‘ – war vielleicht ein religiöser Eiferer am Werk.“ (S. 126) 
Doch auch der Mord an Olivia Fisher vor drei Jahren und nun an Rosemary Gaynor hält den Detective auf Trab. Auch hier scheint es eine noch nicht aufgedeckte Verknüpfung zu geben. Währenddessen wird der Privatermittler Cal Weaver von Adam Chalmers-Tochter Lucy Brighton beauftragt, den Einbruch in das Haus ihrer Eltern aufzuklären. Dabei stößt er auf ein geheimes Zimmer, in dem offensichtlich Sextreffen stattfanden und auf Video aufgezeichnet wurden. Die dazugehörigen DVDs sind allerdings verschwunden …
Nachdem in „Lügennest“ der nach Promise Falls zurückgekehrte Reporter David Harwood als Ich-Erzähler fungierte und die merkwürdigen Vorkommnisse in der Kleinstadt untersuchte, setzt Linwood Barclay im zweiten Band seiner Trilogie nun den ebenfalls von außerhalb zugereisten Privatermittler Cal Weaver als Erzähler ein, der allerdings auch ein alter Bekannter von Detective Duckworth ist.
Auch wenn es bereits in Band I eine Vielzahl von Nebensträngen gab, die auf die zusammenhängende Bedeutung der Zahl 23 ausgerichtet war, war der Plot doch straff gestrickt und spannend zu lesen. Im nun vorliegenden Folgeband verzettelt sich der Autor allerdings zunehmend in einem unüberschaubaren Geflecht von Handlungen, die logischerweise an das Geschehen in „Lügennest“ anknüpfen, aber nur noch angerissen werden.
Allerdings kommen nun noch so viele neue Figuren und Verstrickungen dazu, dass dabei nicht nur die Spannung, sondern vor allem auch die Figurenzeichnung auf der Strecke bleibt. Das ist insofern schade, als dass viele Figuren – wie der Reporter, der Privatermittler, der Detective und Harwoods Love Interest Samantha – interessant genug erscheinen, um differenzierter ausgestaltet zu werden. Auf der anderen Seite wird die Ermittlungsarbeit eher skizzenhaft abgerissen, worunter die Atmosphäre leidet.
Bleibt nur zu hoffen, dass der abschließende Band „Lügenfalle“ wieder die Kurve bekommt, sich besser auf die Haupthandlung zu fokussieren versteht und die vielversprechend begonnene Trilogie zu einem versöhnlichen Ausklang bringt.
 Leseprobe Linwood Barclay - "Promise Falls II: Lügennacht"

Mittwoch, 30. November 2016

Michael Connelly – (Harry Bosch: 19) „Scharfschuss“

(Droemer, 463 S., HC)
Da die Kriminalitätsrate in Los Angeles in jüngster Vergangenheit deutlich zurückgegangen war, haben sich die Ermittlungsbemühungen des LAPD zur Aufklärung sogenannter kalter Fälle verschoben, mit denen sich ein Jahr vor seiner geplanten Pensionierung auch Detective Harry Bosch mit seiner neuen Kollegin Lucy Soto beschäftigt.
Als sie der Autopsie des mexikanischen Musikers Orlando Mercer beiwohnen, stellt die Pathologin Corazon fest, dass das Opfer an einer Blutvergiftung gestorben ist, die durch die Gewehrkugel verursacht wurde, die sich der Musiker einer Mariachi-Band vor zehn Jahren in der Wirbelsäule eingefangen hat. Bosch und Soto rollen den Fall neu auf und stellen fest, dass Merced mit seiner Band drei Monate zuvor bei der Hochzeitsfeier des Stadtrats Armando Zeyas gespielt hatte, der mittlerweile für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Bei der nochmaligen Sichtung der Überwachungsvideos und der sichergestellten Beweise kommen Bosch und Soto zu dem Schluss, dass das Attentat gar nicht Merced gegolten hatte, sondern dem Trompetenspieler der Band, Angel Ojeda, der scheinbar eine Affäre mit der Frau des erfolgreichen Geschäftsmannes Charles „Brouss“ Broussard unterhielt, der Zeyas im Wahlkampf unterstützt hatte.
Es scheint aber auch Verbindungen zum einem Brand zu geben, der damals in der Nähe des Tatorts in einer illegalen Kindertagesstätte ausgebrochen war und bei dem Soto fünf ihrer Freunde verloren hat. Bei der weiteren Spurensuche stoßen sie auf die mutmaßliche Tatwaffe, ein Kimber Model 84 Gewehr, das sie bis zu dem Waffenhändler David Alexander Willman zurückverfolgen können, der während einer Jagd versehentlich von seinem Freund Broussard erschossen wurde. Die erfolgreiche Suche nach dem Gewehr könnte der Schlüssel zur Auflösung des Mordes an Merced sein …
„Das Gewehr war vielleicht längst verschwunden. Wenn Willman es nicht unmittelbar nach dem Schuss auf Merced entsorgt hatte, hatte wahrscheinlich Broussard es verschwinden lassen, nachdem er Willman umgebracht hatte.
Das waren alles nur Spekulationen, wusste Bosch, aber es war nicht auszuschließen, dass Willman so klug gewesen war, das Gewehr zu behalten, um es nötigenfalls als Druckmittel gegen seinen Freund Broussard einzusetzen.“ (S. 261) 
In seinem bereits 19. Fall hat es Detective Hieronymus „Harry“ Bosch gleich mit mehreren Frauen zu tun, wobei die eingangs erwähnte Pathologin Corazon nur eine kurze Affäre mit Bosch gehabt hatte, während der Cop mit der zum Ende hin in Erscheinung tretenden FBI-Agentin Rachel Walling schon auf eine längere Beziehung zurückblicken konnte. Eine etwas größere Rolle nimmt Boschs Teenager Tochter Maddie ein, mit der er allerdings zu wenig Zeit verbringt. Interessanter ist die Beziehung, die Routinier Bosch zu der 28-jährigen Lucy Soto aufbaut, die sich als ehrgeizige Ermittlerin entpuppt und Bosch eine große Unterstützung ist. Die beiden kalten Fälle, die Bosch und Soto zunächst unabhängig voneinander bearbeiten, haben es wirklich in sich.
Connelly erweist sich einmal mehr als Meister darin, in seinem dramaturgisch geschickt gestrickten Plot auf authentische Weise die mühsame Ermittlungsarbeit zu beschreiben, die aber immer wieder neue Puzzleteile und so neue Spuren ans Licht bringt, denen die Detectives verfolgen können, bis sie am Ende die losen Enden zusammenführen können. Der ehemalige Polizeireporter Connelly beweist dabei ebenso psychologisches Feingefühl wie einen ausgeprägten Sinn für überzeugende Figuren, so dass „Scharfschuss“ auf jeden Fall zu den stärksten Bänden in der erfolgreichen Bosch-Reihe darstellt.
Leseprobe Michael Connelly - "Scharfschuss"

Samstag, 26. November 2016

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 2) „Letzter Tanz“

(Goldmann, 448 S., Tb.)
Lincoln Rhyme unterstützt FBI-Agent Fred Dellray gerade dabei, einen von seinen vermissten Agenten aufzuspüren, als er von den beiden Detectives Lon Sellitto und Jerry Banks auf einen dringenderen Fall angesetzt wird. Seit Monaten versuchen sie in gemeinsamer Sache mit der Army, dem erfolgreichen Geschäftsmann Phillip Hansen nachzuweisen, dass er nicht wie von ihm behauptet gebrauchte Armeeausrüstung verkaufte, sondern meist aus Armeebeständen gestohlene oder aus dem Ausland eingeschmuggelte Waffen. Nun scheint er einen berüchtigten Auftragsmörder, den sogenannten Totentänzer, auf die drei Belastungszeugen angesetzt zu haben.
Den 45-jährigen Edward Carney, Teilhaber der kleinen Fluglinie Hudson Air Charter, hat er bereits mit seinem Privatjet während des Landeanflugs auf den O’Hare Flughafen von Chicago mit einer Bombe aus dem Verkehr gezogen. Nun müssen noch seine ehemalige Partnerin und Mitgesellschafterin Percey Rachel Clay und Brit Hale bis zu ihrer Aussage vor der Grand Jury in Sicherheit gebracht werden. Rhyme soll nun herausfinden, wo die Sporttaschen abgeblieben sind, die Hansen vor seiner Festnahme hat verschwinden lassen. Dabei versucht Rhyme mit seiner Assistentin Amelia Sachs zunächst, die Identität des Totentänzers zu bestimmen, der seinen Namen einer Tätowierung auf dem Oberarm verdankt, bei der der Sensenmann mit einer Frau vor einem Sarg tanzt.
Doch während die beiden vor allem die Beweismittel vom Absturzort von Carneys Flugzeug untersuchen, stellen sie fest, dass der Killer bereits die Spur von Clay und Hale aufgenommen hat und ein Meister der Ablenkungsmanöver ist.
„Es gab keinen Verbrecher, den Rhyme mehr hasste als den Totentänzer, keinen, den er so brennend gern fassen wollte, um ihm einen Spieß durchs Herz zu jagen. Trotzdem, Rhyme war mehr als alles andere Kriminalist, und insgeheim hegte er Bewunderung für die Brillanz dieses Mannes.“ (S. 292)
Wie Jeffery Deaver in „Der Knochenjäger“, dem Auftakt seiner bis heute extrem erfolgreichen Reihe um Lincoln Rhyme, bereits ausführlich beschrieb, ist sein Protagonist alles andere als ein gewöhnlicher Ermittler. Der ehemalige Detective beim New Yorker Police Department ist nach einem Unfall während einer Tatortbesichtigung querschnittsgelähmt, wird aber wegen seiner Brillanz auf dem Gebiet der Forensik nach wie vor um Unterstützung von seinen ehemaligen Kollegen bei heiklen Fällen gebeten. Da Rhyme seine Expertisen vom Bett aus erstellen muss, hat er in der Polizistin Amelia Sachs eine fähige Assistentin gefunden, die für ihn die Laufarbeit und Beweismittelaufnahme an den Tatorten übernimmt.
Mit dem Totentänzer haben die beiden Ermittler einen besonders raffinierten Killer zu finden, der ihnen mit seinen wohldurchdachten Finten immer einen Schritt voraus ist und seinem Ziel, die beiden verbliebenen Zeugen auszuschalten, konsequent näherkommt.
Was Deaver auch in seinem zweiten Band um das charismatische Ermittlerpaar hervorragend gelingt, ist die Beschreibung der faszinierenden forensischen Arbeit, die der querschnittsgelähmte Rhyme nur noch von seinem Bett aus erledigen kann. Zwar kommen sich Rhyme und Sachs auch persönlich etwas näher, doch wird die Beziehung vorerst durch die weitaus weniger attraktive, aber nichtsdestotrotz willensstarke Percey gestört. Der nicht unerhebliche Schwachpunkt von „Letzter Tanz“ besteht allerdings in der wenig überzeugenden Charakterisierung des Totentänzers, dem man seine äußerst effektiven Täuschungsmanöver nicht so recht abnehmen will. Hinzu kommt, dass Deaver bei seinem Bemühen, gerade im Schlussdrittel noch einige „spannende“ Wendungen aus dem Hut zu zaubern, den Bogen überspannt und das Finale so arg überkonstruiert wirkt.

Sonntag, 20. November 2016

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 4) „Vater und Sohn“

(Heyne, 640 S., Pb.)
Auf der Suche nach seinem Sohn Ishmael, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, gerät der ehemalige Texas Ranger Hackberry Holland 1916 im Norden Mexikos in die Gewalt von mexikanischen Revolutionssoldaten, die ihn beschuldigen, bei einem Angriff auf einen ihrer Züge auch mexikanische Zivilisten ermordet zu haben. Hackberry kann sich weder verzeihen, tatsächlich für diese Taten mitverantwortlich gewesen zu sein, noch sich von seinem Sohn wegen seiner manipulierenden, von Neid zerfressenen Ehefrau Maggie abgewendet zu haben.
Mit Hilfe der geheimnisvollen wie schönen Prostituierten Beatrice DeMolay kann Hackberry seine Suche fortsetzen und gelangt dabei in den Besitz einer Reliquie, auf die es vor allem der skrupellose österreichische Waffenhändler Arnold Beckmann abgesehen hat. Der schreckt auch nicht davor zurück, Hackberrys gerade schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg in Frankreich zurückgekehrten Sohn festzuhalten. Zusammen mit dem furchtlosen Chauffeur der Prostituierten und einem befreundeten Deputy setzt Hackberry alles daran, seinen Sohn aus den Fängen des Waffenhändlers zu befreien, mit dem Maggie mittlerweile gemeinsame Sache zu machen scheint.
„Welchen Wert hatte die Ehre, wenn sie verhandelbar war? Welchen Wert hatte das Leben, wenn man seine Prinzipien aufgab, um den nächsten Sonnenaufgang zu sehen? Entscheide dich endlich, Holland!, sagte er zu sich selbst. Nimm doch den einfachen Weg und sieh zu, wie du damit leben kannst!“ (S. 608) 
Bereits 1971 schrieb James Lee Burke mit dem bislang in deutscher Sprache nicht erhältlichen „Lay down my sword and shield“ den ersten Roman, in dem der ehemalige Texas Ranger Hackberry Holland die Hauptrolle spielte. Nachdem er anschließend mit der Reihe um den in New Iberia, Louisiana, wirkenden Detective Dave Robicheaux zu internationalem Ruhm gekommen war und 1997 eine neue Reihe um Billy Bob Holland ins Leben gerufen hatte, kehrte er erst 2009 mit „Regengötter“ zu Hackberry Holland zurück und präsentiert nun mit „Vater und Sohn“ den mittlerweile vierten, wiederum episch angelegten Roman um den charismatischen Mann mit ebenso vielen Fehlern wie Frauengeschichten.
Burke entführt den Leser in die Zeit der mexikanischen Revolution, in eine Zeit, in der der amerikanische Präsident Wilson Pazifisten, Wehrdienstverweigerer und Kriegskritiker verhaften ließ und Butch Cassidy und Sundance Kid an ihrer Legende strickten. Indem Hackberry Holland sich mit seinem Sohn ebenso wie mit dessen Mutter Ruby Dansen zu versöhnen versucht, will er zumindest einen Teil der Schuld sühnen, die er im Laufe seiner Jahre angehäuft hat. Insofern kommt der gestohlenen Reliquie in der Geschichte eine besondere Bedeutung zu.
Schließlich ist die Ähnlichkeit zwischen Beatrice DeMolay und dem letzten Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, zu frappierend, um bloßer Zufall zu sein, und so fragt sich Holland nicht von ungefähr, ob es sich bei in seinem Besitz befindlichen Reliquie tatsächlich um den Kelch handeln könnte, aus dem Jesus getrunken und an seine Jünger weitergereicht hatte.
„Vater und Sohn“ ist nicht nur ein epischer Familienroman, der einen Abgesang auf den Wilden Westen darstellt und das 20. Jahrhundert mit raffinierter Waffentechnik, wachsenden Telekommunikationsmöglichkeiten und Automobilen einläutet, sondern eine Reise auf der Suche nach Vergebung, Erlösung und Wiedergutmachung, ein Roman über Ehre, Verrat und (Vater-)Liebe. Burke erweist sich dabei einmal mehr als fachkundiger Autor, der die Odyssee von Vater und Sohn Holland auch atmosphärisch stimmig zu erzählen versteht. Dass dabei auch einige Längen zu überwinden sind, lässt man Burke bei seiner geschliffenen Sprache gern durchgehen.
Leseprobe James Lee Burke - "Vater und Sohn"

Sonntag, 13. November 2016

David Baldacci – (Amos Decker: 1) „Memory Man“

(Heyne, 544 S., HC)
Der 42-jährige Amos Decker hat eine ebenso bewegte wie außergewöhnliche Geschichte vorzuweisen. Nachdem er als Footballspieler so schwer verletzt worden ist, dass er wiederbelebt werden musste, hast das bei dem Zusammenstoß mit einem Gegner erlittene Schädeltrauma dazu geführt, dass Decker fortan eine Inselbegabung aufwies, Hyperthymesie – ein fast perfektes autobiografisches Gedächtnis – und Synästhesie, die sich bei Decker u.a. in der Fähigkeit manifestiert, Zahlen in Farben zu sehen.
Die Footballkarriere war durch den Unfall zwar beendet, bescherte Decker aber eine glänzende Laufbahn als Detective – bis er eines Abends vor sechzehn Monaten nach einer Observation nach Hause kam und seinen Schwager, seine Frau und seine Tochter bestialisch ermordet vorfand. Seither ist es mit dem einst genialen Ermittler nur noch bergab gegangen.
Mittlerweile wohnt Decker im Residence Inn, bedient sich üppig am im Preis inbegriffenen Frühstücksbuffet und schlägt sich als Privatdetektiv durch. Als ihn eines Tages seine frühere Partnerin Mary Lancaster aufsucht und ihm mitteilt, dass sich ein gewisser Sebastian Leopold dazu bekannt hat, die Morde an Deckers Familie begangen zu haben, ist Deckers Neugierde geweckt. Doch nach einem persönlichen Gespräch mit dem Inhaftierten will Decker nicht so an die ihm aufgetischte Geschichte glauben. Tatsächlich kann er für den Tatzeitpunkt sogar ein wasserdichtes Alibi aufweisen.
Richtig kurios wird die Geschichte, als in der Mansfield High School ein Täter mehrere Schüler, einen Lehrer und den stellvertretenden Direktor erschießt, wobei die ballistischen Untersuchungen ergeben, dass eine der verwendeten Waffen die Pistole ist, mit der bereits Deckers Frau Cassie erschossen worden ist. Offensichtlich führt ein perfekt organisierter Täter einen sehr persönlichen Rachefeldzug gegen Decker. Zusammen mit FBI Special Agent Bogart, seiner ehemaligen Partnerin Mary und der engagierten Journalistin Alex Jamison macht sich Decker auf eine Schnitzeljagd der besonderen Art. Für Decker wird es immer wieder auch eine schmerzliche Reise in die eigene Vergangenheit.
„Ein Teil von ihm wollte sich in Residence Inn zurückstehlen, die Tür hinter sich zuziehen, die Augen schließen und sich von Farben und Zahlen umhüllen lassen. Was für einen Sinn hatte es überhaupt, dass er hier war? Wie sollte er diesen Killer aufspüren, wo er nicht mal den Mörder seiner Familie finden konnte?“ (S. 116) 
Mit seinen Serien um den Camel Club, die Secret-Service-Agenten Sean King und Michelle Maxwell, den Auftragskiller Will Robie und den Militärpolizisten John Puller hat sich der US-amerikanische Autor David Baldacci weltweit einen Stammplatz in den Bestseller-Listen verdient. Nun hat er mit Amos Decker eine weitere faszinierende Figur geschaffen, die in ihrem ersten Abenteuer bereits Lust auf möglichst viele Fortsetzungen macht. Baldacci versteht es, seinen Protagonisten mit außergewöhnlichen, leider nicht steuerbaren Talenten auszustatten, die ebenso Bewunderung wie Mitgefühl hervorrufen. Trotz seiner tragischen Geschichte und seines wenig schmeichelhaften Aussehens suhlt sich Decker nicht im Selbstmitleid, auch wenn er bei Gelegenheit schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, sich durch eigene Hand aus dem Leben zu verabschieden.
Was ihn sympathisch macht, ist sein unverminderter Drang nach Gerechtigkeit und Aufklärung. Dabei hat der Autor einen wirklich faszinierenden Fall gestrickt, der Deckers volle Konzentration auf seine ohnehin stets präsenten fotografischen Erinnerungsfähigkeiten erfordert. Wie Decker immer wieder aus scheinbar nichtssagenden Aussagen, Hinweisen und Videos neue Spuren entdeckt und analysiert, ist so packend geschildert, dass der Leser das Buch nicht eher aus den Händen legen mag, bis Decker ans Ende der raffinierten Schnitzeljagd gelangt ist.
Dass das Motiv hinter all den Morden letztlich nicht wirklich überzeugt und der Showdown genretypisch etwas überkonstruiert wirkt, tut dem Unterhaltungswert dieses Serienauftakts überhaupt keinen Abbruch. Mit Amos Decker hat Baldacci eine charismatische Figur geschaffen, die trotz ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten zutiefst menschlich wirkt und der man mit atemloser Freude bei den Ermittlungen folgt.
Leseprobe David Baldacci - "Memory Man"

Samstag, 12. November 2016

Karin Slaughter – (Grant County: 1) „Belladonna“

(Wunderlich, 413 S., HC)
Vor zwölf Jahren hat Sara Linton noch als Assistenzärztin im Grady Hospital in Atlanta gearbeitet, doch nach einem traumatischen Erlebnis hat sie ihre Heimatstadt verlassen und praktiziert nun in der verschlafenen Kleinstadt Heartsdale als Kinderärztin am Krankenhaus und als Gerichtspathologin. Als sie sich in ihrer späten Mittagspause mit ihrer Schwester Tess im örtlichen Diner trifft, entdeckt sie auf der Toilette die verblutende College-Dozentin Sybil Adams. Sara kann die schwer verwundete Frau nicht mehr retten und führt wenig später die Autopsie durch, bei der ihr nicht nur die tiefen Schnitte auf dem Bauch der Toten auffallen, die ein Kreuz bilden, sondern auch Hinweise auf eine brutale Vergewaltigung und Spuren der giftigen Tollkirsche – auch als Belladonna bekannt - im Blut der Toten, die zudem blind und lesbisch gewesen ist.
Polizeichef Jeffrey Tolliver, von dem sich Sara vor einiger Zeit wegen einer Affäre hat scheiden lassen, ist ratlos, was das Motiv für den schrecklichen Mord angeht. Als wenig später die dreiundzwanzigjährige Studentin Julia Matthews als vermisst gemeldet wird, fallen Jeffrey Tolliver und seiner Partnerin Lena Adams die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lenas ermordeter Schwester auf. Um ihrem Verdacht auf einen Serienmörder nachzugehen, arbeiten die Ermittler eine Liste mit bekannten Sexualstraftätern ab und stoßen auf einen Namen, der Bezug zu einer dunklen Episode aus Saras Leben hat, von der die Betroffene ihm Ex-Mann nie erzählt hatte.
Aber auch Lena hat schwer mit dem Verlust ihrer Schwester zu kämpfen und setzt alles daran, von den Ermittlungen nichts ausgeschlossen zu werden.
„Sie war betäubt von dem Verlust, und Wut war die einzige Emotion, die ihr das Gefühl vermittelte, noch am Leben zu sein. So schloss sie ihre Wut geradezu in die Arme, gestattete ihr, wie ein Krebsgeschwür in ihr zu wachsen, damit sie nicht zusammenbrach und zu einem ohnmächtigen Kind wurde. Sie brauchte ihre Wut, um die Situation durchzustehen. Wenn Sybils Mörder erst einmal erwischt worden war und man auch Julia Matthews gefunden hatte, würde Lena sich Trauer zugestehen.“ (S. 164) 
Nach Patricia Cornwell und Kathy Reichs hat auch Karin Slaughter eine weibliche Pathologin zur Protagonistin einer bis heute extrem erfolgreichen Serie auserkoren. Mit ihrem 2001 veröffentlichten und zwei Jahre später auch hierzulande verlegten Romandebüt „Belladonna“ hat die amerikanische Autorin gleich einen Bestseller landen können, dessen Protagonisten bis heute in der „Grant County“-Reihe ihre Ermittlungsarbeit fortsetzen.
Slaughter macht ihrem Nachnamen dabei alle Ehre und scheint ein perfides Vergnügen dabei zu empfinden, Sara Lintons Erkenntnisse bei den von ihr durchgeführten Autopsien bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Wer sich von diesen schaurigen Schilderungen nicht abschrecken lässt, wird mit einem packenden Thriller belohnt, der vor allem durch die sorgfältigen Charakterisierungen der drei Protagonisten Jeffrey Tolliver, Sara Linton und Lena Adams überzeugt, während das Finale mit der Überführung des Täters weniger stimmig wirkt. Auf jeden Fall ist mit „Belladonna“ der vielversprechende Auftakt einer sehr lesenswerten Thriller-Reihe gelegt worden.
Leseprobe "Belladonna"

Sonntag, 6. November 2016

Simon Beckett – (David Hunter: 5) „Totenfang“

(Wunderlich, 558 S., HC)
Der forensische Anthropologe David Hunter will sich gerade auf den Weg zu Freunden machen, die das Feiertagswochenende in den Cotsworlds verbringen, als er einen Anruf von Detective Inspector Bob Lundy aus Essex erhält. Hunter wird gebeten, bei der Bergung einer Wasserleiche zu helfen. Dabei soll es sich um den vor sechs Wochen spurlos verschwundenen 31-jährigen Leo Villiers handeln, der sich von seinem wohlhabenden Vater Sir Stephen Villiers losgesagt und eine Affäre mit einer verheirateten Frau namens Emma Darby gehabt haben soll, die vor einigen Jahren als Fotografin aus London hergezogen war und ebenfalls vermisst wird.
Doch nach der Bergung der stark verwesten Leiche, die in dem schlammigen Mündungsgebiet der Backwaters den Elementen ausgesetzt war, und einem wenig später aufgetauchten Fuß, der zur Leiche passt, stellt sich heraus, dass es sich nicht um Villiers handeln kann. Da Hunters Wagen im Wasser zu Schaden gekommen ist und Hunter selbst sich einen Infekt eingefangen hat, muss er noch einige Tage in der Gegend verweilen und kommt in einem abgeschiedenen Bootshaus unter, das dem grimmigen Andrew Trask gehört.
Zu seiner Schwägerin Rachel Darby entwickelt Hunter nach anfänglich kühlem Beginn eine mehr als freundschaftliche Beziehung, doch mit der Zeit erweist sich der Aufenthalt in den Backwaters als schwierige Angelegenheit.
„Alle nicht unmittelbar in die Ermittlungen Eingeweihten glaubten nach wie vor, Leo Villiers wäre tot und dass es seine Leiche wäre, welche die Polizei aus dem Mündungsgebiet geborgen hatte. Und ich setzte mich gerade mit der Familie einer Vermissten zum Abendessen an einen Tisch und tat, als wüsste ich nicht, dass ihr mutmaßlicher Mörder noch am Leben war.
Was hatte ich mir dabei gedacht?“ (S. 289) 
Während sich die Identifizierung des Toten weiter hinzieht, wird die Tochter des Automechanikers Coker in der heruntergekommenen Hütte des geistig verwirrten Edgar Holloway ermordet aufgefunden. Als Rachel und Hunter einige von Emmas Fotos unter die Lupe nehmen, führen die Hinweise zu dem Turm einer verfallenen Festung vor dem Mündungsgebiet, wo sich eine weitere Tragödie ereignet …
David Hunter ist - endlich! - zurück. Nachdem bei seinem letzten Einsatz für die Polizei zwei Polizisten gestorben waren und ein leitender Polizeibeamter den Dienst quittieren musste, ist der forensische Anthropologe bei allen Polizeistellen im Lande eigentlich zur Persona non grata geworden und deshalb auch im eigenen Institut in London nicht mehr allzu beliebt.
Deshalb kommt ihm der Einsatz in den unwirtlichen Backwaters eigentlich ganz recht, für den ihn ein Detective Chief Inspector empfohlen hat, mit dem Hunter an einem Mordfall in Norfolk zusammengearbeitet hatte. Davon abgesehen verweist Beckett in seinem fünften Roman zur Vergangenheit von David Hunter nur noch auf die psychotische Serienmörderin Grace Strachan, an die Hunter noch immer erinnert wird.
„Totenfang“ überzeugt zunächst in der detaillierten Beschreibung der besonderen Atmosphäre in den Backwaters. So wie Beckett die zerklüftete, von den Gezeiten geprägte Mündungslandschaft beschreibt, steigt dem Leser der Geruch von Seetang, Salzwasser und Krebsen ebenso in die Nase wie sich die Ruinen der Festungstürme und die triste Szenerie in Cruckhaven vor dem inneren Auge aufbauen. Dazu nimmt sich der in Sheffield lebende Brite viel Zeit, um die einzelnen Figuren zu charakterisieren und ihre geheimnisvollen Verflechtungen miteinander allmählich aufzulösen. Das ist bis zum packenden Finale psychologisch feinsinnig konstruiert, dramaturgisch stimmig aufgebaut und mit einigen schönen Wendungen gespickt, dass die Lektüre jederzeit ein kurzweiliger Hochgenuss ist.
 Leseprobe Simon Beckett - "Totenfang"

Sonntag, 30. Oktober 2016

Ian McEwan – „Nussschale“

(Diogenes, 288 S., HC)
Die achtundzwanzigjährige Trudy ist im achten Monat schwanger, lebt aber von ihrem Noch-Ehemann, dem erfolglosen Dichter und Verleger John, schon seit einiger Zeit getrennt. Dafür liebt sie Johns drei Jahre jüngeren, intellektuell nicht ganz so potenten, dafür aber sexuell umso agileren Bruder Claude. Während John nach wie vor vergeblich versucht, Trudy mit rezitierten Gedichten zurückzugewinnen, reift in ihr und ihrem Geliebten der Plan, den Störenfried aus dem Weg zu räumen, damit ihnen Johns wertvolles, wenn auch heruntergekommenes Haus in bester Londoner Innenstadtlage eine sorgenfreie Zukunft bescheren kann.
Es muss nur ein wenig Glykol in seine so geliebten Smoothies gemischt werden. An einem Selbstmord dürfte in Johns verzweifelter Lage dann niemand zweifeln.
Beobachtet und erzählt wird dieses Komplott aus der Perspektive des ungeborenen Kindes, das sich durch die unzähligen Radiosendungen (mit Vorliebe Reportagen, weniger Musiksendungen), Hörbücher und Podcasts in den schlaflosen Nächten der Mutter ein nahezu akademisch profundes Wissen angeeignet hat, das von Ratgebern („Werde Weinkenner“), Biographien von Dramatikern des 17. Jahrhunderts bis zu Klassikern der Weltliteratur reicht.
Es macht aber auch immer wieder unliebsame Bekanntschaft mit dem Penis des Liebhabers der Mutter, der stets gefährlich dicht an den Schädel des Fötus vordringt, und mit erlesenen Weinen, mit denen sich das Paar abfüllt. Am liebsten möchte das ungeborene Kind seiner Mutter von dem mörderischen Plan abraten.
„Denk doch, möchte ich ihr zurufen, wenn schon nicht an die Moral, dann an die Unannehmlichkeiten: Gefängnis oder Schuldgefühle, möglicherweise auch beides. Überstunden, Wochenend-, Nachtschichten, dein Leben lang. Keine Bezahlung, keine Vergünstigungen, keine Rente, nur Reue. Sie macht einen Riesenfehler.“ (S. 117) 
Ian McEwan ist zwar durch die erfolgreiche Verfilmung seines Romans „Abbitte“ weltberühmt geworden, der mehrfach preisgekrönte britische Autor hat sich aber schon in ebenfalls verfilmten Werken wie „Der Trost von Fremden“ und „Der Zementgarten“ als versierter Erzähler mit psychologischen Scharfsinn erwiesen.
Sein neuer Roman „Nussschale“ steht ganz offen in der Tradition von Shakespeares Drama „Hamlet“, aus dem er eingangs zitiert, schließlich sind auch die beiden Ehebrecher Trudy und Claude Hamlets Figuren Gertrude und Claudius nachempfunden. Interessanter als die Geschichte der mörderischen Intrige ist die Perspektive, aus der das Geschehen erzählt und interpretiert wird. Sieht der Leser von der Unmöglichkeit ab, dass ein ungeborenes Kind solch feinsinnige Beobachtungen und Analysen tätigt, wird er unmittelbarer und stets unerkannter Zeuge eines Verbrechens, dessen gnadenlose Effizienz ebenso erstaunt wie McEwans erzählerische Brillanz.
Dabei spricht aus dem analytisch brillanten, aber letztlich hilflosen Fötus natürlich der Autor selbst, der die Möglichkeit dieser ungewöhnlichen Erzählperspektive nutzt, seinen Kommentar zu den Krisen der Welt (Flüchtlinge, Umwelt, Armut) beizusteuern. Und so funktioniert „Nussschale“ ebenso als eigenwillige Variation des bekannten Brudermord-Themas wie als geschickt inszeniertes literarisches Experiment, dem ein wenig Gesellschaftskritik beigemengt wird.
Leseprobe Ian McEwan - "Nussschale"

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Stefan Bonner/Anne Weiss – „Wir Kassettenkinder. Eine Liebeserklärung an die Achtziger“

(Knaur, 272 S., Pb.)
Wer wie ich in den 1980er Jahren aufgewachsen ist, weiß noch sehr genau, was er an ihnen gehabt hat: eine musikalische Vielfalt und Aufbruchsstimmung, die noch heute aus dem Programm halbwegs seriöser Radiosender nicht mehr wegzudenken ist; eine tiefe Bewunderung für technische Errungenschaften vom Ghettoblaster über die Stereoanlage und den Walkman bis hin zum Videorecorder, Videospielkonsolen und den ersten Heimcomputern; endlose Sommer in Badeanstalten, Blockbuster wie „Zurück in die Zukunft“, „Indiana Jones“ und Straßenfeger wie „Wetten, dass …?“.
Stefan Bonner und Anne Weiss erinnern sich ebenfalls noch sehr gut an das für viele Zeitgenossen goldene Jahrzehnt und rekapitulieren stellvertretend für uns alle in ihrem Buch „Wir Kassettenkinder“ die Besonderheiten, als Kind und Jugendlicher in den 80er Jahren aufgewachsen zu sein. Der Titel des Buches ist deshalb so passend gewählt, weil Tonbandkassetten damals die ersten Möglichkeiten geboten haben, nicht nur ausgewählte Sendungen und Lieblingshits der Charts-Sendungen am Wochenende aufzunehmen, sondern daraus auch allseits beliebte Mixtapes zu erstellen, die unseren Soundtrack zum Leben darstellten.
Besonders eindringlich beschreibt das Duo, welchen Zauber Vinyl-Platten auf uns ausübten.
„Das stolze Nachhausetragen der Langspielplatte, das Auspacken und erste Anhören waren ein Akt von beinahe sakraler Würde. Es war ein unglaubliches Gefühl, das neue Album zum ersten Mal vorsichtig selbst aus der Innenhülle des Covers zu ziehen, die ein wenig daran klebte – die Platte glänzte in frischem Schwarz, alles war makellos, kein Kratzer, und es roch neu nach Vinyl.“ (S. 229)
Auf höchst unterhaltsame Weise beschreiben die Autoren, in welcher Art von Elternhaus wir aufgewachsen sind, mit Wohnzimmer-Schrankwand, Spirituosen hinter einer Schiebetür und nebst einem mehrbändigen Lexikon Bestsellern von Simmel, Eco und Allende im Regal. Vater verdiente das Geld, Mutter kümmerte sich um Haushalt und die Kinder.
Mit leichter Hand beschreiben Bonner/Weiss, wie wir Kassettenkinder uns mit Brettspielen wie „Cluedo“, „Spiel des Lebens“ und „Scotland Yard“ vergnügten, wie wir das Leben unserer Stars in der BRAVO, POPROCKY und POPCORN verfolgten und „Formel Eins“ zu einem Höhepunkt in der Woche avancierte. Es war die Zeit von Bum-Bum-Boris und Vierfarb-Kugelschreibern, unvergesslichen Werbeslogans („Nur, wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin.“) und der Neuen Deutschen Welle, von Punks, Poppern, Rappern und Gruftis.
Urlaubsreisen wurden noch im Reisebüro gebucht, nachdem Unmengen von entsprechenden Katalogen gewälzt worden sind. Die Achtziger waren aber natürlich kein reines Spaß-Jahrzehnt. Die Autoren verweisen auch auf den drohenden Dritten Weltkrieg, den Ausbruch der AIDS-Epidemie, Umweltkatastrophen und das Reaktor-Unglück von Tschernobyl, auf das Erwachen eines politischen Bewusstseins, mit dem wir uns bemühten, unseren eigenen Kindern eine lebenswerte Erde zu hinterlassen.
Alles in allem ist dem Autorengespann eine höchst vergnügliche Zeitreise in die Achtziger gelungen, die etliche Erinnerungen an Fernsehshows und -sendungen, Markenartikel und Freizeitaktivitäten wachruft, von denen zum Glück einige die Zeit überdauert haben – auch das schöne Vinyl.
Leseprobe Stefan Bonner, Anne Weiss - "Wir Kassettenkinder"

Montag, 24. Oktober 2016

Jeffery Deaver – (Kathryn Dance: 4) „Wahllos“

(Blanvalet, 576 S., HC)
Um gegen den Anstieg des kombinierten Waffen- und Drogenhandels anzukämpfen, haben CBI, FBI, DEA und die örtlichen Strafverfolgungsbehörden in Kaliforniern vor sechs Monaten die Operation Pipeline ins Leben gerufen, doch bislang blieben nennenswerte Erfolge aus. Erst als die innerhalb von Pipeline agierende Guzman Connection unter Leitung der Verhörexpertin Kathryn Dance durch einen Informanten an Joaquin Serrano herankommt, scheint Bewegung in die Ermittlungen zu kommen, denn Serrano könnte eine Verbindung zwischen den Mord an einem Belastungszeugen und dem psychotischen Gangster Guzman herstellen.
Doch als sich herausstellt, dass Serrano in Wirklichkeit auf Guzmans Gehaltsliste steht und Dance und ihre Kollegen an der Nase herumgeführt hat, wird Kathryn Dance in die Civil Division versetzt, wo sie keine Waffe tragen darf.
Dort wird sie mit dem Fall einer Massenpanik beauftragt, die in dem Klub Solitude Creek einige Menschenleben gefordert hat. Der Täter hat in einer Öltonne mit Motoröl und Benzin getränkte Lumpen in Brand gesteckt und den Notausgang mit einem LKW zugestellt.
„Wieso hat er den Schuppen nicht einfach niedergebrannt? Warum hat er die Leute nicht erschossen? Weil er will, dass sie sich gegenseitig umbringen. Er spielt mit ihren Wahrnehmungen, Empfindungen, ihrer Panik. Es ist egal, was die Leute sehen. Es geht darum, was sie glauben. Das ist seine Waffe, die Angst.“ (S. 234) 
Wenig später kommt es zu ähnlichen Vorfällen in einem Krankenhausfahrstuhl und einem Freizeitpark. Dance und ihre Kollegen haben es mit einem äußerst raffinierten wie kaltblütigen Täter zu tun, der sich seine Ziele sehr genau auszusuchen scheint und die Bevölkerung zunehmend verunsichert. Schließlich könnte der nächste Kino- oder Restaurantbesuch zu einer tödlichen Falle werden.
Davon abgesehen hat es die Civil Division mit einigen Hassverbrechen zu tun, mit denen auch Kathryn und ihre Familie in Berührung kommen. Überhaupt steht bei Kathryn Dance das Privatleben leicht Kopf, denn die Entscheidung, ob ihr Herz eher an dem Computer-Spezialisten Jon Boling oder an ihren Kollegen Michael O’Neil, leitender Detective des Monterey County Sheriff’s Office, hängt, fällt ihr wirklich schwer …
Nachdem Kathryn Dance erstmals als Kinesik-Expertin in dem Lincoln-Rhyme-Fall „Der gehetzte Uhrmacher“ hinzugezogen worden war, begann Jeffery Deaver 2007 ihr eine eigene Reihe zu widmen, in der nach „Die Menschenleserin“, „Allwissend“ und „Die Angebetete“ mit „Wahllos“ nun auch schon der vierte Band vorliegt. Dabei bekommt sie es mit gleich drei verschiedenen Fällen zu tun, die allerdings unterschiedlich gewichtet sind.
Die Pipeline-Operation dient zunächst nur als Aufhänger, um die Versetzung von Kathryn Dance vom California Bureau of Investigation zur Civil Division zu begründen. Der Fokus der Geschichte liegt eindeutig auf den sich häufenden Fällen, bei denen ein perfider Täter gezielt eine Massenpanik initiiert, bei der die Menschen zu einer scheinbar hirnlosen Masse verschmelzen, die sich zu Tode quetscht. Und die Hassverbrechen legen schließlich eine Spur zu Kathryns Familie.
Leider gelingt es Jeffery Deaver nicht, die drei Fälle sinnvoll und glaubwürdig zu konstruieren. Die Guzmann-Aktion beginnt durchaus interessant, wird dann aber nur noch sporadisch aufgegriffen und am Ende mit einem wendungsreichen, aber überkonstruierten Showdown gelöst. Die Hassverbrechen werden auch nur immer wieder kurz thematisiert, um eine Spur zu Kathryn und ihrer Familie zu legen, um auch hier wieder mit einer „überraschenden“ Pointe aufgelöst zu werden. Am meisten Raum nimmt Antioch March ein, der nicht nur Investoren für seine vermeintlich humanitären Projekte sucht, sondern auch immer wieder seine Strategien erläutert, wie er die nächsten Massenpaniken auslösen kann. Dabei wird allerdings nicht überzeugend herausgearbeitet, warum es March schließlich auch auf die Ermittlerin Kathryn Dance abgesehen hat.
Im Gegensatz zu den beiden überkonstruierten Auflösungen der anderen beiden Nebenstränge wirkt das Finale im zentralen Fall überraschend zahm. Während die drei Fälle, mit denen die Kinesik-Expertin zu tun hat, kaum echte Spannung generieren, könnten die Themen im Privatleben von Kathryn Dance für lesenswerten Ausgleich sorgen und zumindest auf emotionaler Ebene wieder Punkte gut machen. Doch die Frage, zu welchem Mann sich Kathryn Dance nun mehr hingezogen fühlt, wird im Verlauf der Geschichte so unbeholfen thematisiert, dass auch Kathryns Entscheidung am Ende wenig überzeugt.
„Wahllos“ ist so leider zum Programm für den vierten Kathryn-Dance-Fall geworden, denn sowohl die kriminalistischen Herausforderungen als auch die privaten Themen wirken lieblos zusammengeschustert und wenig inspiriert zum vorschnellen Abschluss geführt.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Wahllos"

Sonntag, 23. Oktober 2016

Stefan Volk – „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“

(Schüren, 288 S., Tb.)
In kaum einem Industriezweig wird so viel Geld umgesetzt wie im Filmgeschäft. Seit 120 Jahren werden auf Zelluloid und in digitalen Pixeln Träume und Ängste, Hoffnungen und Katastrophen, Märchen und Tragödien festgehalten und dem faszinierten Publikum zur moralischen Erbauung, politischen Propaganda, kritischen Auseinandersetzung oder emotionalen Anteilnahme präsentiert. Wie erfolgreich ein einzelner Film ist, spiegelt sich nicht nur an der Kinokasse, sondern auch im Feuilleton und auf Filmfestivals wider. Und es gibt immer unzählige Themen, über die sich Fans und Kritiker lebhaft austauschen können, über die Qualität der Special Effects ebenso wie über die Figurenzeichnung und die Sinnhaftigkeit der Plots.
Der Freiburger Journalist, Film- und Literaturkritiker Stefan Volk hat es sich mit seinem Buch „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ zur Aufgabe gemacht, interessante Listen zu erstellen, die in erster Linie einfach informativ sind, aber auch anregen, sich aus den zusammengestellten Fakten Fragen über die Bedeutung dieser (Rang-)Listen zu stellen.
Da sich der Titel des vorliegenden Sammelsuriums an Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ anlehnt, führt der Autor beispielsweise gleich zu Beginn die Filme auf, bei denen (a) Woody Allen mitgespielt und Regie geführt hat, (b) Woody Allen Regie geführt, aber nicht mitgespielt hat, (c) Woody Allen mitgespielt, aber nicht Regie geführt hat, und (d) das Drehbuch verfasst, aber weder Regie geführt noch mitgespielt hat.
Es geht weiter mit beispielsweise den Top Ten der besten Filme aller Zeiten, wie sie unterschiedliche Organe wie „The Hollywood Reporter“, „Sight & Sound“, „Rotten Tomatoes“, „Cahiers du Cinema“, „Empire“ oder das „American Film Institute“ zusammengestellt haben. Dazu gibt es Listen über die All-Time-Blockbuster, Millionen-Dollar-Filme mit dem niedrigsten Budget, die teuersten Filme aller Zeiten, die zehn beliebtesten Tier-Horror-Filme, die erfolgreichsten Filmregisseure, die 100 populärsten Originalzitate der US-Kinogeschichte und die größten Flops der Filmgeschichte.
Doch das Buch begnügt sich nicht damit, verschiedene Hitlisten aneinanderzureihen, sondern stellt in kurzer Textform auch famose Filmanfänge, tierische Helden, aufregende Küsse und Scientologen in Hollywood vor.
„Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ präsentiert damit einen informativen Überblick über populäre wie weniger bekannte Themen, regt zum Durchblättern und zeitweiligen Verweilen an, um es dann wieder wegzulegen und jederzeit für ein weiteres Rendezvous aufzusuchen, wenn man sich gerade für die Preisträger der „Goldenen Himbeere“ oder Schauspieler mit den meisten Mehrfachrollen in einem Film interessieren sollte.
Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos und übersichtlichen Tabellen illustriert, bietet „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ ebenso unterhaltsame wie informative Lektüre über eine der schönsten Nebensachen der Welt.
Leseprobe Stefan Volk - "Was Sie schon immer über Kino wissen wollten"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 2) „Blut in den Bayous“

(Pendragon, 456 S., Pb./Edel:eBooks, 309 S., eBook)
Nachdem Dave Robicheaux seine Polizistenkarriere in New Orleans an den Nagel gehängt hat, verkauft er im Bayou südlich von New Iberia Fischköder und verleiht Boote, doch die Lust auf die Jagd nach Verbrechern ist ihm noch nicht vergangen. Als er und seine Frau Annie zum Krabbenfischen mit ihrem Boot zwischen den Pecan und Marsh Islands unterwegs sind, stürzt ein zweimotoriges Flugzeug in den Fluss. Robicheaux kann nur ein kleines Mädchen retten, alle anderen Insassen sind bei dem Unfall ums Leben gekommen.
Wie sich später herausstellt, war einer der Passagiere Johnny Dartez, der als Drogenkurier für Bubba Rocque tätig gewesen ist. Allerdings ist seine Leiche wenig später verschwunden und taucht in den offiziellen Berichten nicht auf. Robicheaux vermutet, dass die Einwanderungsbehörde ihre Finger in der Sache hat. Kaum nimmt der Ex-Cop eigene Ermittlungen auf, bekommt er Besuch von einem weiteren Typen, der mit Bubba Rocque Geschäfte macht, Eddie Keats, und einem Haitianer namens Toot, der Robicheaux ordentlich zusetzt. Doch eines Tages gehen Bubbas Schurken zu weit, und Robicheaux kehrt in den Polizeidienst zurück.
„Ich hatte von der Polizei in New Orleans meinen Abschied genommen, ich, der von Bourbonduft umhauchte edle Ritter, der von sich behauptet hatte, er könne die Heuchelei der Politiker und die enthemmte, brutale Hässlichkeit des Polizeidienstes in einer Großstadt nicht länger ertragen. Doch die schlichte Wahrheit war, dass ich Spaß daran hatte, dass mich mein Wissen um die Unzulänglichkeit der Menschen in einen gehobenen Zustand versetzte, dass ich die Langeweile und Berechenbarkeit der normalen Welt genauso verachtete, wie mein unheimlicher alkoholischer Stoffwechsel den Adrenalinstoß der Gefahr liebte … (S. 224f.) 
Zwar ist Robicheaux bei seinen weiteren Ermittlungen nun an die offiziellen Vorschriften gebunden, doch seine Gefühle gegenüber den mutmaßlichen Mördern lassen sich davon kaum beeinflussen. Immer wieder muss er sein wildes Temperament zügeln, um sich nicht zu dummen Provokationen hinreißen zu lassen …
Mit seinem zweiten Band um Dave Robicheaux, den ehemaligen Kripobeamtem und Ex-Alkoholiker aus New Orleans, hat James Lee Burke bereits seine Meisterschaft als Autor stimmungsvoller Kriminalliteratur untermauert. Sein Protagonist Dave Robicheaux ist ein charismatischer Antiheld, der in seinem Alltag immer wieder mit seinen eigenen tief in ihm sitzenden Dämonen zu kämpfen hat und bei seinem Bemühen, für Gerechtigkeit zu sorgen, gern die Grenzen des Gesetzes zu seinen Gunsten auslotet. Das sorgt ebenso für regelmäßige Gewissensbisse, Komplikationen mit den Frauen, mit denen er zu tun hat, und Zurechtweisungen durch Vorgesetzte und Gauner, die dem eigensinnigen Cop auch mal die Stirn bieten.
„Mississippi Delta“ wurde 1996 von Phil Joanou mit Alec Baldwin, Eric Roberts, Mary Stuart Masterson und Kelly Lynch in den Hauptrollen verfilmt und machte Hollywood auf einen bemerkenswerten Autor aufmerksam, der bis heute immer wieder mal Vorlagen für starke Südstaaten-Thriller bietet (zuletzt „In The Electric Mist“ mit Tommy Lee Jones).
Die Romanvorlage fasziniert mit ambivalent angelegten Figuren, einem emotional aufgeladenen Plot und einem furiosen Finale, das Lust auf die nächsten Robicheaux-Fälle macht.
Nachdem der zweite Robicheaux-Band lange Zeit vergriffen und in letzter Zeit nur als eBook unter dem Titel „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ erhältlich gewesen war, hat der Pendragon-Verlag in seinem ehrenwerten Engagement, die Reihe wieder in gedruckter Form wiederzuveröffentlichen, auch „Blut in den Bayous“ leicht überarbeitet und mit einem Nachwort zur Verfilmung ergänzt.
Leseprobe James Lee Burke - "Mississippi Delta - Blut in den Bayous"

Georg Seeßlen – „Steven Spielberg und seine Filme“

(Schüren, 304 S., Pb.)
Mit Filmen wie „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“ und „Jurassic Park“ ist der amerikanische Filmemacher Steven Spielberg zum erfolgreichsten Regisseur aller Zeiten geworden und hat dem Begriff von Hollywoods „Traumfabrik“ eine neue Bedeutung verliehen.
Doch Spielbergs Werke sind weit mehr als nur handwerkliche perfekt inszenierte Märchen, sondern sie sind deshalb auch so erfolgreich, weil sie das Publikum emotional so tief berühren, von Leid, Hoffnung, Mut, Ängsten und Träumen erzählen.
Der angesehene Filmkritiker Georg Seeßlen, der u.a. im Schüren Verlag bereits die mehrere Genres und Bände umfassenden „Grundlagen des populären Films“ und Monographien über David Lynch und Stanley Kubrick veröffentlicht hat, versteht es, auch in der 2., überarbeiteten und aktualisierten Auflage, das Phänomen von Spielbergs einzigartiger Erfolgsgeschichte mit detaillierten Analysen und Beobachtungen zu erklären.
Dass Spielberg in einer mittelständischen, liberalen jüdischen Familie aufgewachsen ist, die von einem Vorort einer Industriestadt zur nächsten gezogen ist, wird dabei ebenso thematisiert wie der außergewöhnliche Beginn seiner Karriere. Nachdem er vom Filmdepartment der University of Southern California abgelehnt worden war, studierte Spielberg nämlich Englische Literatur und vervollständigte sein Filmwissen im Selbststudium, und – so sagen die Legenden – okkupierte mit großem Selbstbewusstsein einfach ein Büro auf dem Produktionsgelände.
Mit erfolgreichen Fernsehfilmen wie „Amblin‘“, „Duel“ und seinem ersten „echten“ Kinofilm „Sugarland Express“ avancierte Spielberg zu einem kommenden Exponenten des „New Hollywood“ und präsentierte in dieser Trilogie die Träume der kleinen Bürger von großen Reisen und Abenteuern, die sie allerdings so sehr überfordern, dass sie im Grunde genommen zurück in den Schoß der Familie und zur Kindheit streben.
Überhaupt ist das Thema der Reise ein immer wiederkehrendes Motiv bei Spielberg, wobei sich das Ziel bereits am Anfang der Reise abzeichnet und diese sich oft erst aus dem Zerfall der Familie ergibt.
„Die Filme sind deshalb so dicht geflochtene Mythen, weil sie beinahe immer zwei Ziele gleichzeitig erreichen müssen. Sie müssen die Familie rehabilitieren oder eine neue Familie imaginieren, und dabei noch mehr die Rolle des Vaters restaurieren. Und zur gleichen Zeit geht es immer auch darum, ‚Gesellschaft‘ zu restaurieren, die amerikanische natürlich. Es geht darum, Menschen zu retten." (S. 287) 
Georg Seeßlen geht in seiner Abhandlung über Spielbergs Werk nicht unbedingt chronologisch vor, sondern kommt in Kapiteln über die Rollen von und (Spielberg-)Themen wie Familie, Einsamkeit, Träume, Erinnerungen, Heldenreisen, Versöhnung und Erlösung immer wieder auf entsprechende Motive in einzelnen Filmen zurück, reiht sie so in eine Gesamtschau ein, dass ein roter Faden im Spielberg-Universum erkennbar wird.
Das ist so unterhaltsam, kenntnisreich, psychologisch fundiert und spannend geschrieben, dass viele Leser Spielbergs Filme nach der Lektüre dieser Monographie vielleicht mit anderen Augen sehen, auf jeden Fall aber besser verstehen werden. Abgerundet wird das höchst informative Werk mit einer Vielzahl von Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer ausführlichen Filmografie im Anhang.
 Leseprobe Georg Seeßlen - "Steven Spielberg und seine Filme"

Mittwoch, 19. Oktober 2016

John Williams – „Augustus“

(dtv, 478 S., HC)
Kurz bevor der römische Diktator Julius Cäsar im März des Jahres 44 v. Chr. ermordet wird, sorgt er dafür, dass sein adoptierter Großneffe Octavius in Philosophie, Literatur und Rhetorik unterrichtet wird und trotz schwächlicher Konstitution sein Erbe und Nachfolger wird. Tatsächlich gelingt es dem jungen Mann, sich gegen die Widerstände aus den Reihen von Cäsars Feinden zu behaupten und sich sein Leben lang die Gewalt über Staat und Militär zu sichern. Als Förderer der Künste und des öffentlichen Lebens führt er das Römische Reich schließlich zu Wohlstand und Frieden.
John Williams, dessen Romane „Butcher’s Crossing“ (1960) und „Stoner“ (1965) in den vergangenen Jahren wiederentdeckt worden sind, hat mit seinem letzten noch zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Augustus“ (1972) eine Biografie veröffentlicht, die auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheint mit den zutiefst amerikanischen Vorgängern.
Ungewöhnlich ist schon die erzählerische Form. Ausgehend von einem Brief, mit dem Cäsar 45 v. Chr. seiner Nichte Atia ankündigt, ihr ihren Sohn von Karthago zurück nach Rom zu schicken, damit er in Apollonia seine mangelnden Kenntnisse in den Geisteswissenschaften auf Vordermann bringen und die Position einnehmen kann, die Cäsar ihm angedacht hat, reihen sich in der Folge weitere (fiktive) Briefe, Tagebuchnotizen, Senatsbeschlüsse, Militärbefehle und Ovids Gedichte zu einem umfangreichen zeitgeschichtlichen Portrait zusammen.
Gaius Octavius Cäsar, der erst nach seinem Sieg über seinen Kontrahenten Marcus Antonius und dessen Geliebten Cleopatra den Ehrennamen Augustus erhielt, tritt dabei lange Zeit eher als gelegentliche Anekdote auf, bevor er im abschließenden Buch III mit einem langen Brief an seinen einzig noch lebenden Freund Nikolaos auf sein Leben und den daraus gewonnenen Einsichten zurückblickt.
Zuvor wird in den Briefen seiner Zeitgenossen vor allem deutlich, wie im alten Rom gelebt, geliebt, gehasst und intrigiert worden ist, wie Heiraten arrangiert, Ehen geschieden und Zweckbündnisse geschlossen wurden, um Macht zu gewinnen.
„Das, was wir unsere Welt der Ehe nennen, ist, wie Du sehr wohl weißt, eine Welt notwendiger Verbindungen; und manchmal denke ich, der elendste Sklave besitzt mehr Freiheiten als wir Frauen. Ich möchte den Rest meines Lebens in Velletri verbringen, hier, wo mir meine Kinder und Enkel stets willkommen sind. Vielleicht finde ich ja in mir oder in meinen Büchern noch zu etwas Weisheit während der stillen Jahre, die nun vor mir liegen“, heißt es beispielsweise in einem (ebenfalls fiktiven) Brief, den Octavia 22 v. Chr. an ihren Bruder Octavius Cäsar geschrieben hat. (S. 263) 
An anderer Stelle werden Badegewohnheiten, die Auseinandersetzung mit dem Gesetz zum Ehebruch und philosophische Versammlungen geschildert, so dass am Ende ein vielschichtiges und sehr lebendiges Bild des Römischen Reiches zu seiner Glanzzeit entsteht.
Am Ende hat Augustus dann doch etwas mit Protagonisten aus „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ gemein, nämlich die Erkenntnis, dass persönliche Bedürfnisse zurückgestellt werden müssen, dass familiäre Bindungen darunter zu leiden haben, dass gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen sind.
„Augustus“ ist bei aller Komplexität ein farbenprächtiger historischer Briefroman geworden, der 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde und in der deutschen Übersetzung mit einem Who’s Who im alten Rom und einem schönen Nachwort von Daniel Mendelsohn ausgestattet ist, der „Augustus“ in das leider sehr schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Autors einordnet.
Leseprobe John Williams - "Augustus"

Samstag, 15. Oktober 2016

Stephen King – (Bill Hodges: 3) „Mind Control“

(Heyne, 526 S., HC)
Als der pensionierte Detective Bill Hodges von seinem ehemaligen Partner Peter Huntley gebeten wird, einen erweiterten Selbstmord zu untersuchen, wird der Privatermittler mit seiner Partnerin Holly erneut mit den schrecklichen Ereignissen konfrontiert, bei denen ein Irrer namens Brady Hartsfield an einem nebligen Morgen des Jahres 2009 mit einem gestohlenen Mercedes in eine Schar von Arbeitssuchenden gerast ist. Ein Jahr später hat der sogenannte Mercedes-Killer versucht, eine Bombe bei einem Konzert der Teenie-Band ´Round Here zu zünden, doch Holly hat den Psychopathen durch einen heftigen Schlag mit einer mit Kugellagerkügelchen gefüllten Socke auf den Schädel ins Kiner Memorial Hospital katapultiert, wo er sich nun in einem unverändert katatonischen Dämmerzustand befindet.
Als sie die Wohnung von Martine Stover untersuchen, die eine der Überlebenden des Massakers am City Center gewesen ist, stoßen Hodges und Holly auf merkwürdige Indizien wie das Selbstmord-Set, ein mit Filzstift gemaltes „Z“ und eine antiquiert wirkende Spielkonsole. Bei ihren weiteren Ermittlungen stößt das „Finders Keepers“-Duo auf weitere Suizide von Menschen, die irgendwie mit Brady Hartsfield zu tun hatten.
Offensichtlich verfügt der Patient über telekinetische Kräfte und kann sich mittels der nicht mehr hergestellten Spielkonsolen in die Köpfe von Menschen wie Krankenpflegern, Ärzten und Besuchern schleichen, die dann Hartsfields Rachepläne in die Tat umsetzen. Mittels einer eigens eingerichteten Website und weiterhin verteilten Zappit-Spielkonsolen setzt Hartsfield eine ganze Kette von Suiziden in Gang, die Bill und Holly mit allen Mitteln aufzuhalten versuchen …
„Allen Widrigkeiten zum Trotz hat Brady eine erstaunliche Reise hinter sich gebracht. Wie das Endresultat aussehen wird, ist unmöglich vorherzusagen, aber irgendein Resultat wird sich einstellen, da ist er sich sicher. Eines, an dem der alte Exdetective schwer zu knabbern haben wird. Tja, Rache ist eben wirklich süß.“ (S. 294) 
Mit „Mind Control“ bringt Stephen King die Trilogie um Ex-Detective Bill Hodges und den soziopathischen Killer Brady Hartsfield alias Mr. Mercedes, die mit „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“ vielversprechend begonnen hat, zu einem turbulenten und absolut finalen Abschluss. Auch wenn der dritte Band noch einmal die Ereignisse der vorangegangenen Bände rekapituliert und sich durchaus losgelöst davon lesen lässt, macht es wirklich Sinn, sich der Trilogie im Ganzen anzunehmen, denn Stephen King erweist sich hier einmal mehr als Meister der detaillierten Figurenzeichnung.
Da Bill Hodges mit seinen fast siebzig Jahren gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe ist und eine niederschmetternde Diagnose verarbeiten muss, schweißt der Hartsfield-Fall ihn und seine Geschäftspartnerin Holly noch mehr zusammen. Die gemeinsamen Szenen von Holly und Bill zählen fraglos zu den eindringlichsten der ganzen Trilogie und zu den erzählerischen Höhepunkten von „Mind Control“.
Davon abgesehen bietet der Roman weit mehr übernatürliche Elemente als „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“, wobei es King wieder souverän gelingt, die an sich schwer nachvollziehbaren Phänomene überaus natürlich erscheinen zu lassen. Aber natürlich bietet „Mind Control“ auch wieder klassischen Krimistoff, der sich manchmal etwas zäh entwickelt, wenn King allzu ausschweifend von Rückblenden Gebrauch macht. Ähnlich wie Bradys Versuchskaninchen vor der „Fishin‘ Hole“-Demo ihres Zappits wird auch der Leser hypnotisch von der packenden Story mitgerissen – bis zum alles erlösenden Finale.
Leseprobe Stephen King - "Mind Control"

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Michael Connelly – (Harry Bosch: 4) „Der letzte Coyote“

(Heyne, 400 S., Tb./Knaur eBook)
Da Detective Harry Bosch seinen verhassten Vorgesetzten Harvey Pounds nach einer Auseinandersetzung durch dessen Bürofenster gestoßen hatte, wurde er für unbefristete Zeit vom Dienst suspendiert und muss nun eine Therapie bei der Polizeipsychologin Dr. Hinojo absolvieren, bis diese Assistant Chief Irving einen positiven Bescheid zu Boschs Rückkehr in die Mordkommission von Los Angeles erstellt.
Mit der Therapeutin spricht Bosch zunächst über sein vom Erdbeben zerstörtes Haus, aus dem er sich trotzdem nicht weigert auszuziehen, über die vor drei Monaten beendete Beziehung mit der Lehrerin Sylvia Moore und über den Mord an einer Prostituierten, der zur tätlichen Auseinandersetzung mit Pounds geführt hat, und schließlich über seine Mutter Marjorie Lowe, die 1961 ermordet worden war, ohne dass der Fall aufgeklärt werden konnte.
Bosch nutzt seine Zwangsbeurlaubung dazu, sich noch einmal die Akte vorzunehmen und die beiden damals ermittelnden Beamten Claude Eno und Jake McKittrick ausfindig zu machen. Zunächst kontaktiert Bosch aber Meredith Roman, die zusammen mit Marjorie für den Zuhälter Johnny Fox gearbeitet und immer wieder auf den kleinen Harry aufgepasst hatte, wenn seine Mutter arbeiten musste. Interessanter erweist sich allerdings die Spur zum damaligen Bezirksstaatsanwalt Arno Conklin, der offensichtlich eine Beziehung zu Boschs Mutter unterhalten hatte …
„Was mit seiner Mutter geschehen war, hatte ihn geprägt. Es war immer dagewesen, in den dunklen Höhlen seines Bewusstseins. Das Versprechen, es herauszufinden. Das Versprechen, sie zu rächen. Er hatte es nie ausgesprochen, nicht einmal explizit gedacht. Sonst hätte er schon früher einen Plan gemacht. Aber es gab keinen großen Plan. Trotzdem war er von dem Gefühl erfüllt, dass es unvermeidlich und von verborgener Hand vor langer Zeit festgesetzt worden war.“ (Pos. 1320) 
Mit dem vierten Band um den in Hollywood beim Morddezernat als Detective arbeitenden Harry Bosch taucht der amerikanische Thriller-Bestseller-Autor Michael Connelly tief in die angeknackste Seele seines Helden ein und verknüpft Boschs seelische Aufbereitung seiner durch den Verlust seiner Mutter bedingte schwierige Kindheit in Pflegeheimen mit einem ebenso persönlichen ungeklärten Fall. Dabei überrascht es kaum, dass die unvollständige Akte zum Mord an seiner Mutter zu Spuren führen, die bis in höchsten Kreise der Stadtverwaltung reichen.
Geschickt baut Connelly einen faszinierenden Plot auf, der zwischen Therapiesitzungen und privaten Ermittlungen pendelt, wobei Boschs Vorgehen ungewöhnliche, immer wieder auch tödliche Konsequenzen nach sich zieht. Connelly folgt dabei recht konventionellen Erzählstrukturen mit gut kalkulierten Wendepunkten, hält die Spannung aber kontinuierlich bis zum überzeugenden Finale aufrecht. Was „Der letzte Coyote“ besonders auszeichnet, ist die sehr persönliche Geschichte, die Bosch seinen Fans noch näherbringt.
Leseprobe Michael Connelly - "Der letzte Coyote"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 11) „Straße ins Nichts“

(Edel:eBooks, 361 S., eBook)
Obwohl Dave Robicheaux, Detective beim Sheriff’s Department von New Iberia, schon länger den Verdacht hegte, dass Vachel Carmouche, Henker des Staates Louisiana, die beiden kreolischen Zwillingsschwestern Passion und Letty Labiche missbraucht, für die er seit dem Tod ihrer Eltern sorgt, konnte dem Staatsdiener bislang noch keine Straftat nachgewiesen werden.
Als Carmouche eines Tages erschlagen in seinem Haus aufgefunden wird, verhängt der Staat die Todesstrafe für Letty Labiche. Nach acht Jahren in der Todeszelle rückt nun der Tag der Vollstreckung nahe. Robicheaux setzt alles daran, bei Gouverneur Belmont Pugh um einen Aufschub zu bitten, aber da dessen Wiederwahl ansteht, möchte dieser keine unpopulären Entscheidungen fällen.
Von seinem alten Kumpel Clete Purcel, der eine Privatdetektei im French Quarter führt, erfährt er von dem Zuhälter Zipper Clum, der offensichtlich nicht nur Näheres über den Mord an Carmouche weiß, sondern auch über das Verschwinden von Robicheaux‘ Mutter vor dreißig Jahren. Wie es scheint, ist sie von zwei Polizisten als unliebsame Zeugin ermordet worden.
„Was ich jetzt empfand, war nicht Verlust, sondern Diebstahl und Schändung. Man hatte mir das Andenken an meine Mutter gestohlen, den traurigen Respekt, den ich immer vor ihr gehabt hatte. Jetzt lag in einem Aktenordner bei der Polizei in New Orleans eine Kassette mit lauter Lügen, besprochen von einem inzwischen toten Gauner in dem Gefängnis von Morgan City, der behauptete, meine Mutter wäre eine Hure und Trickdiebin gewesen, und ich konnte nichts daran ändern.“ (Pos. 2875) 
Robicheaux‘ Ermittlungen ziehen auf einmal weite Kreise. Ein cleverer wie selbstzerstörerischer Killer namens Johnny Remeta schaltet nacheinander alle Zeugen aus, die Näheres über den Mord an Robicheaux‘ Mutter wissen, und als der Detective selbst das Leben des Killers rettet, schwingt sich dieser wiederum zu dessen Schutzengel auf und macht sich an Robicheaux‘ Adoptivtochter Alafair heran.
So steht der Cop vor dem Dilemma, auf der einen Seite Alafair vor dem Soziopathen Remeta zu schützen, auf der anderen Seite ist der Killer als Informant zu wichtig, um ihm einfach das Licht auszublasen. Derweil läuft die Zeit für Letty Labiche in der Todeszelle gnadenlos ab …
Mit dem elften Band in der preisgekrönten Reihe um den temperamentvollen Vietnam-Veteranen, Bootsverleiher und Detective Dave Robicheaux bringt der selbst aus Louisiana stammende Autor James Lee Burke wieder ein dichtes Geflecht aus Korruption in Polizei- und Regierungskreisen zum Vorschein, vor dessen Hintergrund die Mutter des sympathischen Protagonisten ermordet worden ist. Indem Robicheaux sich des Schicksals der noch lebenden Letty und seiner ermordeten Mutter annimmt, taucht er tief in seine eigene Familiengeschichte ein und muss alte (Un-)Gewissheiten in ein neues Licht rücken.
Wie üblich beschreibt Burke in „Straße ins Nichts“ seine Figuren jenseits eindeutiger Gut-und-Böse-Kategorien, sondern als Menschen, die in ihrem Leben nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen und dafür früher und später die Quittung präsentiert bekommen. Burke gelingt es einmal mehr, die feucht-tropische Hitze in dem nach wie vor von Rassismus geprägten Süden der USA bildgewaltig und wortgewandt zu beschreiben, ebenso wie die innere Zerrissenheit, die sowohl Robicheaux als auch seinen Freund Purcel prägt.
Am Ende gibt es etliche Tote und Versehrte zu beklagen, und weder Robicheaux noch der Leser bleiben nach etlichen Wendungen und einem furiosen Finale unbeeindruckt zurück.
Leseprobe James Lee Burke - "Straße ins Nichts"