Montag, 30. Mai 2016

Stephen King – „Stark – The Dark Half“

(Hoffmann und Campe, 477 S., HC)
1960 war der in Bergenfield, New Jersey, geborene Thad Beaumont elf Jahre alt. Das Jahr war insofern prägend für sein späteres Leben, weil er nicht nur eine Urkunde von „American Teen“ für seine Kurzgeschichte „Outside Marty’s House“ erhielt, sondern auch von starken Kopfschmerzen gepeinigt wurde, die sich durch ein Phantomgeräusch ankündigten, das wie das Tschilpen Tausender kleiner Vögel anhörte.
Als Dr. Pritchard den vermutlich gutartigen Tumor, der durch den dunklen Schatten auf dem Röntgenbild verkörpert wurde, entfernen wollte, stieß er auf ein blindes Auge und weitere Körperteile eines vermutlich nicht vollständig absorbierten Zwillings. 28 Jahr später lebt Thad mit seiner Frau Liz und den beiden Zwillingen Wendy und William in Ludlow und blickt auf eine wechselhafte Schriftstellerkarriere zurück.
Mit seinem Debütroman „The Sudden Dancers“ war er 1972 für den National Book Award nominiert, konnte mit seinem nächsten Roman aber nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Dafür schafften es die drei harten Thriller, die Thad unter dem Pseudonym George Stark ab 1975 veröffentlichte, jeweils mühelos auf die Bestsellerlisten. In einem „People“-Artikel wird das Geheimnis von George Stark allerdings gelüftet. Für die Fotografin posieren Thad und Liz vor einem eigens gestalteten Grabstein mit der Inschrift „George Stark – 1975-1988 – Kein angenehmer Zeitgenosse“ auf dem Homeland-Friedhof in Castle Rock, wo die Beaumonts auch ein Sommerhaus am Ufer des Castle Lake besitzen.
Zuvor hatte der Student Frederick Clawson die wahre Identität von George Stark erkannt und Beaumont entsprechend erpresst. Doch mit der Beerdigung von George Stark ist vor allem der vermeintlich Verstorbene nicht einverstanden, der sich auf einmal körperlich manifestiert hat und alle Menschen umbringt, die mit seiner Beerdigung zu tun haben.
Sheriff Alan Pangborn, der anfangs noch Thad verdächtigt, den Einheimischen Homer Gamache umgebracht zu haben, muss im Laufe seiner Ermittlungen auch zugeben, dass unheimliche Dinge vor sich gehen. Und George Stark setzt alle Hebel in Bewegung, in seinen Büchern wieder zum Leben erweckt zu werden.
„Welches Recht hatte dieser Mistkerl, sich seiner zu entledigen? Welches gottverdammte Recht? Weil er schon vor ihm ein realer Mensch gewesen war? Weil Stark selbst nicht wusste, warum und wann er seinerseits in die Realität eingetreten war? Das war Unsinn. Was George Stark anging, hatte Anciennität nicht das Geringste zu besagen. Es war nicht seine Aufgabe, sich einfach hinzulegen und widerspruchslos zu sterben, was Beaumont offenbar von ihm erwartete. Seine Aufgabe war vielmehr, am Leben zu bleiben. Das war er schon seinen Lesern schuldig.“ (S. 339) 
Nach seiner Novelle „Die Leiche“ und den beiden Romanen „The Dead Zone“ und „Cujo“ war „Stark – The Dark Half“ aus dem Jahr 1989 der dritte Roman des bis heute fortdauernden Zyklus von Geschichten, die in der fiktiven Stadt Castle Rock angesiedelt sind. Bedeutsamer ist allerdings die Tatsache, dass Stephen King mit diesem Roman die Aufdeckung seines eigenes Pseudonyms Richard Bachman verarbeitet hat. Davon abgesehen bietet „Stark“ vor allem Einsichten in den schriftstellerischen Schaffensprozess, kommentiert Verlagswesen und Publikumsgeschmack und ruft durch die zu Tausenden auftretenden Sperlinge Reminiszenzen an Hitchcocks „Die Vögel“ wach.
In erster Linie bietet der Roman aber erstklassige Spannungsliteratur, der in einem geschickt konstruierten Showdown gipfelt und 1990 kongenial durch Horror-Papst George Romero („Die Nacht der lebenden Toten“) mit Timothy Hutton in der Hauptrolle verfilmt worden ist.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Fabio Volo – „Noch ein Tag und eine Nacht“

(Diogenes, 299 S., Tb.)
Der fünfunddreißigjährige Giacomo ist es gewohnt, Frauen, die ihm gefallen, sofort kennenzulernen, um sie vor allem ins Bett zu kriegen. An festen Beziehungen ist er nie so recht interessiert. Bei der Frau in der Straßenbahn ist es anders. Zwei Monate lang beobachtet er die geheimnisvolle Unbekannte, tauscht mit ihr ein angedeutetes Lächeln und stumme Blicke. Er fragt sich, ob man sich in einen Menschen verlieben kann, den man nicht kennt, sondern nur täglich auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn sieht. Sie anzusprechen traut er sich nicht.
Eines Tages macht sie den ersten Schritt, lädt Giacomo auf einen Kaffee ein. Sie stellt sich als Michela vor und erzählt ihm, dass sie aus beruflichen Gründen am nächsten Tag nach New York zieht. Giacomo ist entsetzt, bekommt Michela nicht mehr aus seinem Kopf und beschließt, für ein paar Tage nach New York zu fliegen, obwohl er davon ausgeht, dass sie nicht allein nach New York gegangen ist. Tatsächlich freut sich Michela über seinen Besuch, und die beiden lassen sich auf ein ungewöhnliches Spiel ein.
„Ich wollte mich völlig meinen Gefühlen hingeben, keine Worte, Gesten und Aufmerksamkeiten abwägen müssen. Mich nicht zurückhalten müssen. Wollte die Freiheit zu sein, wie ich wollte. Ohne die Angst, jemanden zu enttäuschen, ohne die Angst, Reißaus nehmen zu müssen. Michela war dafür genau die Richtige. Es war seltsam, aber durch dieses Spiel konnte ich nicht falsch verstanden werden, und ich musste keine Versprechungen machen.“ (S. 157) 
Mit seinem vierten Roman „Noch ein Tag und eine Nacht“ erweist sich der italienische Bestseller-Autor Fabio Volo einmal mehr als Romancier der großen Gefühle. Doch statt kitschig die romantischen Klischees einer Liebesgeschichte wiederzukäuen, nimmt er den Leser auf eine abenteuerliche Reise mit, die dem Schreiben über die Liebe ganz neue Facetten abgewinnt.
Mit Giacomo hat der Autor einen durch und durch sympathischen Ich-Erzähler geschaffen, der ganz reflektiert seine Beziehungen zu Frauen zu analysieren versteht, der mit liebevollen Erinnerungen an seine Kindheit zurückdenkt und Freundschaften auch zu durchaus nervigen, aber aufmerksamen Menschen zu pflegen versteht.
Wie Giacomos Alltag und Gefühlsleben durch die eigenartige Beziehung zu Michela durcheinandergebracht wird, wie diese seinen Mut und seine Offenheit beflügelt, ist einfach luftig leicht und wunderschön geschrieben, wobei die spritzigen Dialoge zwischen Giacomo und Michela beweisen, dass es sich hier tatsächlich um eine ganz außergewöhnliche Beziehung und vor allem eine ebensolche Geschichte handelt, wie sie nur Fabio Volo schreiben kann.
Leseprobe Fabio Volo - "Noch ein Tag und eine Nacht"

Sonntag, 22. Mai 2016

James Lee Burke – (Weldon Holland: 1) „Fremdes Land“

(Heyne, 576 S., Pb.)
Während sein Vater auf Arbeitssuche bei einer Pipeline in Osttexas gewesen war, von der er nie zurückkehrte, lebte Weldon Avery Holland 1934 mit seiner mental angeschlagenen Mutter und seinem Großvater Hackberry Holland zusammen. Der fast zwei Meter große Mann hatte es als Gesetzeshüter mit Verbrechern wie Bill Dalton und John Wesley Hardin aufgenommen und ließ sich auch im fortgeschrittenen Alter von niemandem einschüchtern, auch nicht von dem Gangsterpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow, die nach einem Bankraub auf seinem Grundstück kampiert haben und denen der junge Weldon mit dem Gewehr ein Loch in die Heckscheibe ihres Autos schoss.
Zehn Jahre nimmt der frisch gebackene Lieutenant Weldon Holland an der Ardennenoffensive teil, kommt knapp mit dem Leben davon und bewahrt auch seinen Sergeant Hershel Pine und die jüdische Kriegsgefangene Rosita Lowenstein vor dem sicheren Tod. Als sie nach Kriegsende gemeinsam nach Texas zurückkehren, gründen Weldon und Hershel 1946 die Dixie Bell Pipeline Company, doch der anfängliche Erfolg führt die Mächtigen auf den Plan.
„Wir waren am Ziel, die technischen Möglichkeiten unserer Nation sprengten alle Grenzen. Die Raffinerien, die wie Juwelen an der Küste von Texas funkelten und ihren Rauch gleich außerirdischen Fabriken in die große amerikanische Nacht entsandten, waren kein Schandfleck, sondern die konsequente Fortführung von Walt Whitmans Ode an die Verheißung der Vereinigten Staaten.“ (S. 141) 
Roy Wiseheart ist es gewohnt, alles zu bekommen, wonach ihm gerade ist, und lässt es natürlich nicht auf sich beruhen, als Weldon sein Fusionierungsangebot ausschlägt. Wenig später erhält Hershels attraktive Frau Linda Gail eine Rolle in einem von Wiseheart co-produzierten Film und beginnt eine Affäre mit dem mächtigen Mann, während ein unangenehmer Cop namens Hubert Slakely das Leben der beiden Pärchen zunehmend zur Hölle macht …
Nach seinen Reihen um Kleinstadtanwalt Billy Bob Holland und dessen Cousin, Sheriff Hackberry Holland, eröffnet der aus Louisiana stammende Schriftsteller James Lee Burke mit „Fremdes Land“ ein weiteres Kapitel der Holland-Familienchronik, diesmal mit Hackberry Hollands Enkel Weldon, dessen Werdegang von seiner Kindheit, über den Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Einstieg ins riskante Ölgeschäft nachgezeichnet wird.
Weldon agiert dabei als Ich-Erzähler, doch auch andere Personen berichten in einzelnen Kapiteln aus ihrer Perspektive. Dabei entwickelt sich wie bei Burke üblich ein dichtes Geflecht aus Liebe, Lügen, Gewalt und Verrat, ohne dass seine Figuren in schlichten Schwarz-Weiß-Kategorien einzuordnen sind. Vor allem der mächtige Roy Wiseheart und sein eher im Hintergrund agierende Vater Dalton Wiseheart bleiben bis zum Ende mit ihren Schachzügen undurchsichtig.
Weldon und damit auch der Leser wissen nur um die raffiniert geknüpften Schlingen, die sich von mehreren Seiten aus um die Hälse seiner engsten Vertrauten ziehen. Sehr anschaulich beschreibt der Bestseller-Autor die Aufbruchsstimmung, die das Ölgeschäft bei risikofreudigen Abenteurern auslöst, wie sie zu Geld und Anerkennung kommen, wie sie aber auch in das Visier mächtiger Neider geraten, die überhaupt nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel und Waffen sind, um ihre Besitztümer zu schützen. Dabei wechseln sich Passagen von poetischer Schönheit und brutaler Gewalt ebenso ab, wie die Figuren zwischen Glück, Liebe, Hoffnung, Wut, Schmerz und Trauer wanken.
Leseprobe James Lee Burke - "Fremdes Land"

Samstag, 14. Mai 2016

Olen Steinhauer – „Der Anruf“

(Blessing, 270 S., HC)
Nachdem auf dem Wiener Flughafen im Jahre 2006 alle hundertzwanzig Insassen eines Airbus, den Terroristen in ihre Gewalt gebracht haben, ums Leben gekommen sind, wird der Fall sechs Jahre später von der CIA neu aufgerollt, denn der Verdacht, dass es bei damals innerhalb der Organisation einen Maulwurf gab, der den Rettungsplan vereitelt hat, konnte bislang nicht bewiesen werden.
Der damals in Wien stationierte Henry Pelham macht sich auf den Weg an die amerikanische Westküste, um seine damalige Kollegin Celia Favreau zum Abendessen einzuladen.
Dass Henry diesem Treffen nervös entgegensieht, liegt nicht nur daran, dass er damals eine kurze Affäre mit Celia unterhielt und davon träumte, mit ihr den Rest seines Lebens zu verbringen, sondern auch an seinem Plan, sie dazu zu bringen, ihre Beteiligung an dem Verrat zuzugeben. Im Mittelpunkt des Verhörs, zu dem sich das Abendessen schnell entwickelt, steht ein Anruf, der zur Zeit der Entführung aus dem Büro von Celias Chef Bill Compton nach Amman in Jordanien geführt worden ist.
„Auf der einen Seite habe ich einen Auftrag zu erledigen und bin dafür um die halbe Welt geflogen – in meiner Tasche steckt ein Handy, das all unsere Worte aufnimmt. Auf der anderen Seite muss ich auf meine emotionale Gesundheit achten. Auf das, was meine Sinne wahrnehmen. Ich schaue ihr ins Gesicht, rieche gelegentlich ihren Duft und spüre ganz selten die Berührung ihrer Hand. Und die ganze Zeit stelle ich mir eine grundlegende Frage: Liebe ich diese Frau noch?“ (S. 75) 
Doch auch wenn Celia vor Jahren mit der Company abgeschlossen hat und in Carmel-by-the-Sea mit Mann und Kindern sesshaft geworden ist, sind ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht eingerostet. So entwickelt sich das Verhör ganz anders, als Henry geplant hat …
Mit der Milo-Weaver-Trilogie „Der Tourist“, „Last Exit“ und „Die Spinne“ hat der amerikanische Autor Olen Steinhauer dem etwas eingeschlafenen Spionage-Genre neues Leben eingehaucht und sich als Meister komplexer Figurenbeziehungen und internationaler Verstrickungen erwiesen. Während er an seinem Roman „Die Kairo-Affäre“ schrieb, inspirierte ihn die BBC-Verfilmung des epischen Christopher-Reid-Gedichts „The Song Of Lunch“ mit Alan Rickman und Emma Thompson in den Hauptrollen zu einem Kammerspiel-artigen Thriller, der die ganze Welt der Spionage auf ein einziges Abendessen herunterbricht.
Wie Henry und Celia in „Der Anruf“ einander umgarnen, aushorchen und versuchen, sich gegenseitig in die Falle tappen zu lassen, ist einfach großartig geschrieben. Dabei sorgt die wechselnde Erzählperspektive zwischen Henry und Celia sowie die von ihnen erinnerten Ereignisse in der Vergangenheit für ein vielschichtiges Spielfeld, auf dem auch der Leser bald nicht mehr unterscheiden kann, wer Freund und Feind ist.
Leseprobe Olen Steinhauer - "Der Anruf"

Mittwoch, 11. Mai 2016

Michael Connelly – (Harry Bosch: 1) „Schwarzes Echo“

(Knaur, 425 S., eBook)
Harry Bosch, Vietnam-Veteran, ehemaliges Aushängeschild des Morddezernats von Los Angeles und Vorlage für einen Spielfilm und eine Fernsehserie, wurde zu den berüchtigten Hollywood Detectives strafversetzt, nachdem einen unbewaffneten Tatverdächtigen in vermeintlicher Notwehr erschossen hat. Nun wird er zum Mulholland-Damm gerufen, wo nach einem anonymen Notruf die Leiche von Boschs Vietnam-Kollegen William Meadows gefunden wurde. Da Bosch keine verwertbaren Spuren außer dem Schriftzug eines Graffiti-Künstlers findet und nicht an die gelegte Fährte glaubt, dass das Opfer an einer Überdosis gestorben ist, unternimmt er weitere Untersuchungen.
Allerdings hat er dabei nicht nur Lewis und Clarke von der Abteilung für Innere Angelegenheiten im Hacken, sondern bekommt auch die FBI-Ermittlerin Eleanor Wish als neue Partnerin in dem Fall zugeteilt.
Der Überfall auf ein Pfandhaus in der Nähe des Zeitpunkts, an dem Meadows ermordet worden ist, ein Pfandschein in Meadows‘ Haus und ein Banküberfall führen Bosch auf eine Spur, die bis nach Vietnam zurückreicht und schließlich bis in durchaus vertraute Kreise in Boschs Umfeld führen.
„Er glaubte, dass Meadows seit seiner Entlassung von TI oder zumindest seit der Charlie Company etwas im Sinn gehabt hatte. Er war planmäßig vorgegangen, hatte legale Jobs angenommen, bis seine Bewährung zu Ende ging. Dann hatte er gekündigt und mit der Ausführung des Planes begonnen. Da war Bosch ganz sicher. Und er vermutete, dass Meadows entweder im Gefängnis oder im offenen Vollzug auf die Männer gestoßen war, mit denen er die Bank ausgeraubt hatte. Und von denen er dann ermordet worden war.“
Michael Connelly wurde 1986 für eine seiner Polizeireportagen für den Pulitzer Preis nominiert und wechselte anschließend als Polizeireporter zur Los Angeles Times. Als er 1992 für sein Thriller-Debüt „Schwarzes Echo“ gleich den Edgar Award, einen renommierten amerikanischen Krimi-Preis, erhielt, war der Startschuss für eine bis heute überaus erfolgreiche Thriller-Serie gelegt.
Tatsächlich kam es später auch – wie Harry Boschs Biografie schon im Debüt „prophezeit“ - zu einer Verfilmung eines seiner Fälle. In „Schwarzes Echo“ wird Bosch als Einzelgänger charakterisiert, der nach einem tragischen Unglück vom Morddezernat zu den Hollywood Detectives versetzt worden ist und auch dort immer wieder bei Vorgesetzten und Kollegen aneckt. Aus seiner Vergangenheit wird in „Schwarzes Echo“ vor allem seine Zeit in Vietnam aufgearbeitet.
Connelly erweist sich als sorgfältiger Autor mit präziser Sprache, wobei er bereits mit seinem Debüt dokumentiert, dass er die Regeln des Genres beherrscht – was „Schwarzes Echo“ leider auch etwas vorhersehbar macht: die obligatorische Wendung im Finale, das Geständnis der Schuldigen in der finalen Konfrontation, die „überraschende“ Rettung des Helden in buchstäblich letzter Sekunde … Von diesen Standard-Bausteinen abgesehen bietet das Bosch-Debüt durchweg spannende und kurzweilige Thriller-Kost mit einem charismatischen Cop, der bis heute zurecht erfolgreich ermittelt.  Leseprobe Michael Connelly - "Schwarzes Echo"

Montag, 9. Mai 2016

Joe R. Lansdale – „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“

(Tropen, 477 S., HC)
Willie Jackson ist nicht mal zwanzig Jahre alt, als er sich mit dem Plan befasst, sich auf den Weg nach Westen zu machen, um sich den schwarzen Soldaten anzuschließen, dreizehn Yankee-Dollar im Monat zu verdienen und Kleidung, Essen und ein Pferd zum Reiten zu bekommen. Doch sein Spaziergang zu Wilkes Gemischtwarenladen macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Als Sam Ruggert mitbekommt, dass Willie seiner Frau auf den Hintern schaut, muss Willie um sein Leben laufen, um nicht als Ehrengast bei einem Lynchmord zu enden.
Von seinem Pa bekommt er noch eine Pistole Kaliber 44 und seine alte Taschenuhr, wenig später töten Ruggerts Leute Willies Pa und das Schwein, brennen das Haus ab und schießen auf das altersschwache Pferd Jesse. Willie und Jesse kommen bis nach East Texas und kommen bei dem ehemaligen Soldaten Tate Loving unter, der den Jungen auf seiner Farm gegen Kost und Logis arbeiten lässt und ihn zudem in Lesen und Schießen unterrichtet.
Unter dem Namen Nat Love schließt sich Willie im Norden der Armee an und überlebt mit knapper Not einem Apachenüberfall. Zusammen mit Cullen, dem einzig anderen Überlebenden des Hinterhalts, desertiert Nat und lässt sich in Deadwood nieder, wo er sich in die wunderschöne Win verliebt. Doch Ruggert hat seine Suche nach dem lüsternen jungen Mann nicht aufgegeben und ist Nat dicht auf den Fersen. Nichtsdestotrotz hat Nat Zukunftspläne mit Win.
„Wir hatten Träume und waren uns einig darüber, dass sie so groß waren wie die der Weißen. Auch waren wir beide der Ansicht, dass wir hier draußen in der Wildnis eher wie alle anderen waren als irgendwo sonst. Dennoch hing weder ihr Herz noch meines an Deadwood.“ (S. 199) 
Doch bevor er sich ein neues Leben leisten kann, will er noch einen Schießwettbewerb gewinnen, an dem auch der legendäre Wild Bill Hickok teilnimmt …
Joe R. Lansdale hat bereits in seinen Kurzgeschichten „Soldierin‘“ und „Hide and Horns“ über den legendären Nat Love (1854 - 1921) geschrieben und nun für seine umfassende Western-Biographie über den als Sklaven geborenen Soldaten, Cowboy und Autor vor allem die Jahre zwischen seiner erzwungenen Flucht von zuhause bis zum finalen Duell mit seinem unbarmherzigen Verfolger Ruggert abgedeckt.
Wie schon in seinen Südstaaten-Thrillern zuvor macht Lansdale in „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ auf die Probleme der Schwarzen aufmerksam, die auch nach offizieller Abschaffung der Sklaverei in den seltensten Fällen Gleichberechtigung erfahren. In gewohnt humorvoller, lockerer Sprache lässt der Autor seinen Protagonisten als Ich-Erzähler auftreten und sorgt so für die beabsichtigte Authentizität einer ebenso spannenden wie tragischen Geschichte. Und überhaupt geht es in diesem gewalttätigen, zuweilen blutig-brutalen Roman ums Geschichtenerzählen, denn so wie Nat Love seine Geschichte wiedergibt, wird die von Deadwood Dick wiederum von Wild Bill schon zu Lebzeiten in Groschenromanen veröffentlicht, wobei die Wahrheit oft keine wirkliche Rolle spielt und nur als grobe Inspiration für die Geschichten dient.
Und so kann sich auch der Leser von Lansdales Roman nicht sicher kann, wie nah an der Wahrheit Nats Schilderungen seines Lebens wohl sind. Abgesehen von dieser metaphorischen Spielerei ist Lansdale ein atmosphärisch dichter Western-Thriller gelungen, der von stark gezeichneten Figuren lebt, die der Leser kaum so schnell vergessen werden, und der mit einem furiosen Showdown endet.
Leseprobe Joe R. Lansdale - "Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick"

Mittwoch, 4. Mai 2016

J. Paul Henderson – „Letzter Bus nach Coffeeville“

(Diogenes, 521 S., HC)
An seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag lässt Eugene Chaney wie jedes Jahr seit seinem Renteneintritt vor sieben Jahren sein Leben Revue passieren und fragt sich, warum er mittlerweile die Einsamkeit der Gesellschaft anderer Menschen bevorzugt. Er denkt aber auch über den Sinn des Lebens, den Tod und den Verlust von geliebten Menschen nach. Doc, wie Gene liebevoll von seinen Patienten und Freunden genannt wurde, trauert noch immer seiner Frau Beth und seiner Tochter Esther nach, die von einem riesigen Donut getötet wurden, erinnert sich an seine verstorbenen Eltern und die beiden Bürgerrechtler Bob und Nancy, die seine besten Freunde werden sollte.
Nancy hatte ihm ganz zu Beginn ihrer Beziehung Gene davon erzählt, dass ihre Mutter und auch schon ihre Grandma an Alzheimer erkrankt waren und sie selbst keine Kinder haben wolle, damit sie die Krankheit nicht weitervererben kann. Schwerer wiegt allerdings das Versprechen, das sie Gene in ihrer ersten Liebesnacht in North Carolina abnimmt: Wenn sie auch die „Krankheit des Vergessens“ bekommen sollte, bringt Doc sie zurück nach Mississippi und leistet ihr Sterbehilfe.
Nachdem Nancy am Morgen darauf spurlos verschwunden war, hört Gene erst über vierzig Jahre später wieder von ihr. Es sei an der Zeit, das Versprechen einzulösen.
„Doc war der Meinung, jeder unheilbar kranke Mensch, dessen Lebensqualität auf dem Nullpunkt angekommen war, habe das Recht, die Umstände seines eigenen Todes selbst zu bestimmen – wann und wie es passieren sollte. Er sah keinerlei Sinn darin, dass Menschen gegen ihren Willen weiterleben mussten. Dazu kam, dass Doc kein gläubiger Mensch und somit auch nicht davon überzeugt war, es würde allein Gott obliegen, wie lange ein Mensch lebte und wie er sein Ende fand.“ (S. 94) 
Nancy will in Coffeeville sterben und ihr Vermögen zu gleichen Teilen an die Schule, an der sie Lehrerin gewesen ist, und an die Alzheimerforschung gehen. Zusammen mit ihrem gemeinsamen Freund Bob machen sich Doc und Nancy in einem alten Bus auf eine abenteuerliche Reise, die das Trio von Hershey über Nashville, Waltons Mountain und Memphis bis nach Coffeeville führt, wobei noch einige Verwandte und Anhalter der Reise abenteuerliche Momente bescheren.
Der in Amerikanistik promovierte Amerikaner J. Paul Henderson hat sich in seinem Debütroman eines Themas angenommen, von dem er selbst betroffen gewesen ist, da seine eigene Mutter an Alzheimer erkrankt und gestorben war. Doch statt Trübsal zu blasen und über den bedauernswerten geistigen Verfall und den zunehmenden Verlust der eigenen Identität im Verlauf der unheilbaren Krankheit zu lamentieren, nimmt Henderson die Krankheit als Ausgangspunkt für einen Road Trip der besonderen Art.
Hier werden nicht nur die Lebensgeschichten der drei Protagonisten erzählt, sondern viele weitere nahe und entfernte Verwandte und Waisen sorgen für interessante Zwischenstationen und Zwischentöne, die dem ernsten Zweck der Reise meist ganz humorvolle Anekdoten verleihen. So liest sich „Letzter Bus nach Coffeeville“ nicht wie die Heimreise einer Todgeweihten, sondern in leicht fließender Sprache eher wie ein Loblied auf das Leben, auf die Liebe und die Freundschaft.
Leseprobe J. Paul Henderson - "Letzter Bus nach Coffeeville"

Sonntag, 1. Mai 2016

Michael Chabon – „Telegraph Avenue“

(Rowohlt, 670 S., Tb.)
Anno 2004 leben der ehemalige Elektriker und Golfkriegsveteran Archy Stallings und der weiße Jude Nat Jaffe in ihrer eigenen Welt namens Brokeland Records. Dabei handelt es sich um einen Second-Hand-Jazzplattenladen in titelgebender Telegraph Avenue in Oakland, eingebettet zwischen einem Donut-Laden und dem „King of Bling“. So unterschiedlich die beiden Freunde auch sind, so leben sie doch für den Jazz und freuen sich, dass der Musiker Cochise Jones zu ihren besten Kunden zählt. Ungemach naht allerdings in Gestalt des ehemaligen Football-Stars Gibson Goode, der als fünftreichster Schwarzer Amerikas einen Megastore seiner Kette "Dogpile" direkt neben Brokeland eröffnen will, wobei er auch den Stadtrat und Brokeland-Stammkunden Chandler Flowers auf seine Seite ziehen kann.
Noch machen den beiden Freunden die um sich greifende Digitalisierung und der Online-Handel mit Musik keine allzu großen Sorgen, doch da Dogpile auch Platten in seinem Sortiment haben wird, sehen sich Archy und Nat vor in ihrer Existenzgrundlage bedroht.
Davon abgesehen müssen sich ihre Frauen, Gwen und Aviva, die als Hebammen zusammen arbeiten, mit einer Klage auseinandersetzen, nachdem es bei einer ihrer präferierten Hausgeburten zu Komplikationen gekommen ist und der zuständige Arzt im Krankenhaus die Meinung vertreten hat, die Hebammen würden Voodoo praktizieren. Als wären das nicht schon genug Probleme, findet die hochschwangere Gwen heraus, das Archy sie betrügt, und setzt ihn kurzerhand vor die Tür, während Archys Vater Luther versucht, nach zwei erfolgreichen „Stratter“-Filmen Geld für einen weiteren Film der Reihe aufzutreiben, die ihn einst zu einem Blaxploitation-Action-Helden gemacht hatte.
 Und schließlich finden Nats Sohn Julius, der aufgrund seiner weiblichen Ausstrahlung Julie genannt wird, und Archys verlorener Sohn Titus zueinander. Archy bekommt von Gibson „G Bad“ Goode das Angebot, ein Jobangebot bei Dogpile, damit er seine junge Familie auch weiterhin ernähren kann.
„Er wusste, dass Nat und er sich finanziell in einem immer engeren Kreis drehten. Und da kam dieser Typ daher, der sich selbst in Zeiten, da die Plattenketten dicht machten und unzählige Gratis-Downloads in die Hosentasche passten, der es sich selbst jetzt leisten konnte, einen hammermäßigen Plattenladen zu eröffnen, fünfmal so groß wie Brokeland und zehnmal so umfangreich, der es sich nur des Ruhms und der Tugend zuliebe leisten konnte, Archy für alle Zeiten pleitegehen zu lassen, unerschöpflich finanziert durch sein Medienimperium, sein lizenziertes Abbild, sein alchemistisches Händchen mit Ghetto-Immobilien. Wehte an einem Samstagnachmittag bei Brokeland herein, ein König in Zivil, um seinen Stiefel in den Nacken der Eroberten zu setzen.“ (S. 333) 
Vordergründig thematisiert der neue Roman von Pulitzer-Preisträger Michael Chabon exemplarisch an einem altehrwürdigen, Traditionen bewahrenden Second-Hand-Plattenladen den Untergang eines ganzen Industriezweigs, wie ihn kürzlich auch Schauspieler und Regisseur Colin Hanks in seinem Film „All Things Must Pass – The Rise and Fall of Tower Records“ dokumentierte. Aber vielmehr als zum Beispiel Nick Hornbys „High Fidelity“ präsentiert Michael Chabon auch eine Musikgeschichte des Jazz, wie sie vor allem in der bewegenden Trauerrede von Archy Stallings zum Ausdruck kommt.
Darin kommt gleichsam ein anderer Schwerpunkt in dem Roman zum Tragen, nämlich die Vermischung der Kulturen. Was der verstorbene Jazz-Musiker Cochise Jones zu seinen Lebzeiten als „kalifornisches Kreol“ bezeichnete, nämlich die Symbiose aus Afrika und Europa, Chopin, Kirchenmusik, Irish Folk, Polyrhythmik, das Gefühl vom Bayou, macht auch „Telegraph Avenue“ aus. Es zeichnet nicht nur vielschichtige Charaktere unterschiedlicher Jahrgänge, Hautfarben, Bildungsschichten und Kulturen, sondern ein soziokulturelles Gesamtbild Amerikas jener gar nicht so lang verjährter Tage, in denen jeder mit seinen eigenen gewichtigen Problemen zu kämpfen hat, in denen es um das Bewahren familiärer Werte und kultureller Errungenschaften geht.
Das ist wie beim großen Fabulierer Chabon gewohnt wort- und bildgewaltig beschrieben, anekdotenreich und mit allerlei Zitaten gespickt filmreif präsentiert, wenn auch gelegentlich etwas zu ausufernd manieristisch übertrieben, wie das aus nur einem, 18 Seiten (!) umfassenden Satz bestehende Kapitel „Ein Vogel von großer Erfahrung“.
Auch von einigen anderen Längen im Mittelteil abgesehen bietet „Telegraph Avenue“ ein intellektuell anspruchsvolles Lesevergnügen, in der die Jazz-Musikgeschichte fast akribisch und von rezensierender Intensität den Mittelpunkt einer komplexen Sozialgeschichte bildet.
Leseprobe Michael Chabon - "Telegraph Avenue"