Sonntag, 30. Oktober 2016

Ian McEwan – „Nussschale“

(Diogenes, 288 S., HC)
Die achtundzwanzigjährige Trudy ist im achten Monat schwanger, lebt aber von ihrem Noch-Ehemann, dem erfolglosen Dichter und Verleger John, schon seit einiger Zeit getrennt. Dafür liebt sie Johns drei Jahre jüngeren, intellektuell nicht ganz so potenten, dafür aber sexuell umso agileren Bruder Claude. Während John nach wie vor vergeblich versucht, Trudy mit rezitierten Gedichten zurückzugewinnen, reift in ihr und ihrem Geliebten der Plan, den Störenfried aus dem Weg zu räumen, damit ihnen Johns wertvolles, wenn auch heruntergekommenes Haus in bester Londoner Innenstadtlage eine sorgenfreie Zukunft bescheren kann.
Es muss nur ein wenig Glykol in seine so geliebten Smoothies gemischt werden. An einem Selbstmord dürfte in Johns verzweifelter Lage dann niemand zweifeln.
Beobachtet und erzählt wird dieses Komplott aus der Perspektive des ungeborenen Kindes, das sich durch die unzähligen Radiosendungen (mit Vorliebe Reportagen, weniger Musiksendungen), Hörbücher und Podcasts in den schlaflosen Nächten der Mutter ein nahezu akademisch profundes Wissen angeeignet hat, das von Ratgebern („Werde Weinkenner“), Biographien von Dramatikern des 17. Jahrhunderts bis zu Klassikern der Weltliteratur reicht.
Es macht aber auch immer wieder unliebsame Bekanntschaft mit dem Penis des Liebhabers der Mutter, der stets gefährlich dicht an den Schädel des Fötus vordringt, und mit erlesenen Weinen, mit denen sich das Paar abfüllt. Am liebsten möchte das ungeborene Kind seiner Mutter von dem mörderischen Plan abraten.
„Denk doch, möchte ich ihr zurufen, wenn schon nicht an die Moral, dann an die Unannehmlichkeiten: Gefängnis oder Schuldgefühle, möglicherweise auch beides. Überstunden, Wochenend-, Nachtschichten, dein Leben lang. Keine Bezahlung, keine Vergünstigungen, keine Rente, nur Reue. Sie macht einen Riesenfehler.“ (S. 117) 
Ian McEwan ist zwar durch die erfolgreiche Verfilmung seines Romans „Abbitte“ weltberühmt geworden, der mehrfach preisgekrönte britische Autor hat sich aber schon in ebenfalls verfilmten Werken wie „Der Trost von Fremden“ und „Der Zementgarten“ als versierter Erzähler mit psychologischen Scharfsinn erwiesen.
Sein neuer Roman „Nussschale“ steht ganz offen in der Tradition von Shakespeares Drama „Hamlet“, aus dem er eingangs zitiert, schließlich sind auch die beiden Ehebrecher Trudy und Claude Hamlets Figuren Gertrude und Claudius nachempfunden. Interessanter als die Geschichte der mörderischen Intrige ist die Perspektive, aus der das Geschehen erzählt und interpretiert wird. Sieht der Leser von der Unmöglichkeit ab, dass ein ungeborenes Kind solch feinsinnige Beobachtungen und Analysen tätigt, wird er unmittelbarer und stets unerkannter Zeuge eines Verbrechens, dessen gnadenlose Effizienz ebenso erstaunt wie McEwans erzählerische Brillanz.
Dabei spricht aus dem analytisch brillanten, aber letztlich hilflosen Fötus natürlich der Autor selbst, der die Möglichkeit dieser ungewöhnlichen Erzählperspektive nutzt, seinen Kommentar zu den Krisen der Welt (Flüchtlinge, Umwelt, Armut) beizusteuern. Und so funktioniert „Nussschale“ ebenso als eigenwillige Variation des bekannten Brudermord-Themas wie als geschickt inszeniertes literarisches Experiment, dem ein wenig Gesellschaftskritik beigemengt wird.
Leseprobe Ian McEwan - "Nussschale"

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Stefan Bonner/Anne Weiss – „Wir Kassettenkinder. Eine Liebeserklärung an die Achtziger“

(Knaur, 272 S., Pb.)
Wer wie ich in den 1980er Jahren aufgewachsen ist, weiß noch sehr genau, was er an ihnen gehabt hat: eine musikalische Vielfalt und Aufbruchsstimmung, die noch heute aus dem Programm halbwegs seriöser Radiosender nicht mehr wegzudenken ist; eine tiefe Bewunderung für technische Errungenschaften vom Ghettoblaster über die Stereoanlage und den Walkman bis hin zum Videorecorder, Videospielkonsolen und den ersten Heimcomputern; endlose Sommer in Badeanstalten, Blockbuster wie „Zurück in die Zukunft“, „Indiana Jones“ und Straßenfeger wie „Wetten, dass …?“.
Stefan Bonner und Anne Weiss erinnern sich ebenfalls noch sehr gut an das für viele Zeitgenossen goldene Jahrzehnt und rekapitulieren stellvertretend für uns alle in ihrem Buch „Wir Kassettenkinder“ die Besonderheiten, als Kind und Jugendlicher in den 80er Jahren aufgewachsen zu sein. Der Titel des Buches ist deshalb so passend gewählt, weil Tonbandkassetten damals die ersten Möglichkeiten geboten haben, nicht nur ausgewählte Sendungen und Lieblingshits der Charts-Sendungen am Wochenende aufzunehmen, sondern daraus auch allseits beliebte Mixtapes zu erstellen, die unseren Soundtrack zum Leben darstellten.
Besonders eindringlich beschreibt das Duo, welchen Zauber Vinyl-Platten auf uns ausübten.
„Das stolze Nachhausetragen der Langspielplatte, das Auspacken und erste Anhören waren ein Akt von beinahe sakraler Würde. Es war ein unglaubliches Gefühl, das neue Album zum ersten Mal vorsichtig selbst aus der Innenhülle des Covers zu ziehen, die ein wenig daran klebte – die Platte glänzte in frischem Schwarz, alles war makellos, kein Kratzer, und es roch neu nach Vinyl.“ (S. 229)
Auf höchst unterhaltsame Weise beschreiben die Autoren, in welcher Art von Elternhaus wir aufgewachsen sind, mit Wohnzimmer-Schrankwand, Spirituosen hinter einer Schiebetür und nebst einem mehrbändigen Lexikon Bestsellern von Simmel, Eco und Allende im Regal. Vater verdiente das Geld, Mutter kümmerte sich um Haushalt und die Kinder.
Mit leichter Hand beschreiben Bonner/Weiss, wie wir Kassettenkinder uns mit Brettspielen wie „Cluedo“, „Spiel des Lebens“ und „Scotland Yard“ vergnügten, wie wir das Leben unserer Stars in der BRAVO, POPROCKY und POPCORN verfolgten und „Formel Eins“ zu einem Höhepunkt in der Woche avancierte. Es war die Zeit von Bum-Bum-Boris und Vierfarb-Kugelschreibern, unvergesslichen Werbeslogans („Nur, wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin.“) und der Neuen Deutschen Welle, von Punks, Poppern, Rappern und Gruftis.
Urlaubsreisen wurden noch im Reisebüro gebucht, nachdem Unmengen von entsprechenden Katalogen gewälzt worden sind. Die Achtziger waren aber natürlich kein reines Spaß-Jahrzehnt. Die Autoren verweisen auch auf den drohenden Dritten Weltkrieg, den Ausbruch der AIDS-Epidemie, Umweltkatastrophen und das Reaktor-Unglück von Tschernobyl, auf das Erwachen eines politischen Bewusstseins, mit dem wir uns bemühten, unseren eigenen Kindern eine lebenswerte Erde zu hinterlassen.
Alles in allem ist dem Autorengespann eine höchst vergnügliche Zeitreise in die Achtziger gelungen, die etliche Erinnerungen an Fernsehshows und -sendungen, Markenartikel und Freizeitaktivitäten wachruft, von denen zum Glück einige die Zeit überdauert haben – auch das schöne Vinyl.
Leseprobe Stefan Bonner, Anne Weiss - "Wir Kassettenkinder"

Montag, 24. Oktober 2016

Jeffery Deaver – (Kathryn Dance: 4) „Wahllos“

(Blanvalet, 576 S., HC)
Um gegen den Anstieg des kombinierten Waffen- und Drogenhandels anzukämpfen, haben CBI, FBI, DEA und die örtlichen Strafverfolgungsbehörden in Kaliforniern vor sechs Monaten die Operation Pipeline ins Leben gerufen, doch bislang blieben nennenswerte Erfolge aus. Erst als die innerhalb von Pipeline agierende Guzman Connection unter Leitung der Verhörexpertin Kathryn Dance durch einen Informanten an Joaquin Serrano herankommt, scheint Bewegung in die Ermittlungen zu kommen, denn Serrano könnte eine Verbindung zwischen den Mord an einem Belastungszeugen und dem psychotischen Gangster Guzman herstellen.
Doch als sich herausstellt, dass Serrano in Wirklichkeit auf Guzmans Gehaltsliste steht und Dance und ihre Kollegen an der Nase herumgeführt hat, wird Kathryn Dance in die Civil Division versetzt, wo sie keine Waffe tragen darf.
Dort wird sie mit dem Fall einer Massenpanik beauftragt, die in dem Klub Solitude Creek einige Menschenleben gefordert hat. Der Täter hat in einer Öltonne mit Motoröl und Benzin getränkte Lumpen in Brand gesteckt und den Notausgang mit einem LKW zugestellt.
„Wieso hat er den Schuppen nicht einfach niedergebrannt? Warum hat er die Leute nicht erschossen? Weil er will, dass sie sich gegenseitig umbringen. Er spielt mit ihren Wahrnehmungen, Empfindungen, ihrer Panik. Es ist egal, was die Leute sehen. Es geht darum, was sie glauben. Das ist seine Waffe, die Angst.“ (S. 234) 
Wenig später kommt es zu ähnlichen Vorfällen in einem Krankenhausfahrstuhl und einem Freizeitpark. Dance und ihre Kollegen haben es mit einem äußerst raffinierten wie kaltblütigen Täter zu tun, der sich seine Ziele sehr genau auszusuchen scheint und die Bevölkerung zunehmend verunsichert. Schließlich könnte der nächste Kino- oder Restaurantbesuch zu einer tödlichen Falle werden.
Davon abgesehen hat es die Civil Division mit einigen Hassverbrechen zu tun, mit denen auch Kathryn und ihre Familie in Berührung kommen. Überhaupt steht bei Kathryn Dance das Privatleben leicht Kopf, denn die Entscheidung, ob ihr Herz eher an dem Computer-Spezialisten Jon Boling oder an ihren Kollegen Michael O’Neil, leitender Detective des Monterey County Sheriff’s Office, hängt, fällt ihr wirklich schwer …
Nachdem Kathryn Dance erstmals als Kinesik-Expertin in dem Lincoln-Rhyme-Fall „Der gehetzte Uhrmacher“ hinzugezogen worden war, begann Jeffery Deaver 2007 ihr eine eigene Reihe zu widmen, in der nach „Die Menschenleserin“, „Allwissend“ und „Die Angebetete“ mit „Wahllos“ nun auch schon der vierte Band vorliegt. Dabei bekommt sie es mit gleich drei verschiedenen Fällen zu tun, die allerdings unterschiedlich gewichtet sind.
Die Pipeline-Operation dient zunächst nur als Aufhänger, um die Versetzung von Kathryn Dance vom California Bureau of Investigation zur Civil Division zu begründen. Der Fokus der Geschichte liegt eindeutig auf den sich häufenden Fällen, bei denen ein perfider Täter gezielt eine Massenpanik initiiert, bei der die Menschen zu einer scheinbar hirnlosen Masse verschmelzen, die sich zu Tode quetscht. Und die Hassverbrechen legen schließlich eine Spur zu Kathryns Familie.
Leider gelingt es Jeffery Deaver nicht, die drei Fälle sinnvoll und glaubwürdig zu konstruieren. Die Guzmann-Aktion beginnt durchaus interessant, wird dann aber nur noch sporadisch aufgegriffen und am Ende mit einem wendungsreichen, aber überkonstruierten Showdown gelöst. Die Hassverbrechen werden auch nur immer wieder kurz thematisiert, um eine Spur zu Kathryn und ihrer Familie zu legen, um auch hier wieder mit einer „überraschenden“ Pointe aufgelöst zu werden. Am meisten Raum nimmt Antioch March ein, der nicht nur Investoren für seine vermeintlich humanitären Projekte sucht, sondern auch immer wieder seine Strategien erläutert, wie er die nächsten Massenpaniken auslösen kann. Dabei wird allerdings nicht überzeugend herausgearbeitet, warum es March schließlich auch auf die Ermittlerin Kathryn Dance abgesehen hat.
Im Gegensatz zu den beiden überkonstruierten Auflösungen der anderen beiden Nebenstränge wirkt das Finale im zentralen Fall überraschend zahm. Während die drei Fälle, mit denen die Kinesik-Expertin zu tun hat, kaum echte Spannung generieren, könnten die Themen im Privatleben von Kathryn Dance für lesenswerten Ausgleich sorgen und zumindest auf emotionaler Ebene wieder Punkte gut machen. Doch die Frage, zu welchem Mann sich Kathryn Dance nun mehr hingezogen fühlt, wird im Verlauf der Geschichte so unbeholfen thematisiert, dass auch Kathryns Entscheidung am Ende wenig überzeugt.
„Wahllos“ ist so leider zum Programm für den vierten Kathryn-Dance-Fall geworden, denn sowohl die kriminalistischen Herausforderungen als auch die privaten Themen wirken lieblos zusammengeschustert und wenig inspiriert zum vorschnellen Abschluss geführt.
Leseprobe Jeffery Deaver - "Wahllos"

Sonntag, 23. Oktober 2016

Stefan Volk – „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“

(Schüren, 288 S., Tb.)
In kaum einem Industriezweig wird so viel Geld umgesetzt wie im Filmgeschäft. Seit 120 Jahren werden auf Zelluloid und in digitalen Pixeln Träume und Ängste, Hoffnungen und Katastrophen, Märchen und Tragödien festgehalten und dem faszinierten Publikum zur moralischen Erbauung, politischen Propaganda, kritischen Auseinandersetzung oder emotionalen Anteilnahme präsentiert. Wie erfolgreich ein einzelner Film ist, spiegelt sich nicht nur an der Kinokasse, sondern auch im Feuilleton und auf Filmfestivals wider. Und es gibt immer unzählige Themen, über die sich Fans und Kritiker lebhaft austauschen können, über die Qualität der Special Effects ebenso wie über die Figurenzeichnung und die Sinnhaftigkeit der Plots.
Der Freiburger Journalist, Film- und Literaturkritiker Stefan Volk hat es sich mit seinem Buch „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ zur Aufgabe gemacht, interessante Listen zu erstellen, die in erster Linie einfach informativ sind, aber auch anregen, sich aus den zusammengestellten Fakten Fragen über die Bedeutung dieser (Rang-)Listen zu stellen.
Da sich der Titel des vorliegenden Sammelsuriums an Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ anlehnt, führt der Autor beispielsweise gleich zu Beginn die Filme auf, bei denen (a) Woody Allen mitgespielt und Regie geführt hat, (b) Woody Allen Regie geführt, aber nicht mitgespielt hat, (c) Woody Allen mitgespielt, aber nicht Regie geführt hat, und (d) das Drehbuch verfasst, aber weder Regie geführt noch mitgespielt hat.
Es geht weiter mit beispielsweise den Top Ten der besten Filme aller Zeiten, wie sie unterschiedliche Organe wie „The Hollywood Reporter“, „Sight & Sound“, „Rotten Tomatoes“, „Cahiers du Cinema“, „Empire“ oder das „American Film Institute“ zusammengestellt haben. Dazu gibt es Listen über die All-Time-Blockbuster, Millionen-Dollar-Filme mit dem niedrigsten Budget, die teuersten Filme aller Zeiten, die zehn beliebtesten Tier-Horror-Filme, die erfolgreichsten Filmregisseure, die 100 populärsten Originalzitate der US-Kinogeschichte und die größten Flops der Filmgeschichte.
Doch das Buch begnügt sich nicht damit, verschiedene Hitlisten aneinanderzureihen, sondern stellt in kurzer Textform auch famose Filmanfänge, tierische Helden, aufregende Küsse und Scientologen in Hollywood vor.
„Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ präsentiert damit einen informativen Überblick über populäre wie weniger bekannte Themen, regt zum Durchblättern und zeitweiligen Verweilen an, um es dann wieder wegzulegen und jederzeit für ein weiteres Rendezvous aufzusuchen, wenn man sich gerade für die Preisträger der „Goldenen Himbeere“ oder Schauspieler mit den meisten Mehrfachrollen in einem Film interessieren sollte.
Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos und übersichtlichen Tabellen illustriert, bietet „Was Sie schon immer über Kino wissen wollten“ ebenso unterhaltsame wie informative Lektüre über eine der schönsten Nebensachen der Welt.
Leseprobe Stefan Volk - "Was Sie schon immer über Kino wissen wollten"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 2) „Blut in den Bayous“

(Pendragon, 456 S., Pb./Edel:eBooks, 309 S., eBook)
Nachdem Dave Robicheaux seine Polizistenkarriere in New Orleans an den Nagel gehängt hat, verkauft er im Bayou südlich von New Iberia Fischköder und verleiht Boote, doch die Lust auf die Jagd nach Verbrechern ist ihm noch nicht vergangen. Als er und seine Frau Annie zum Krabbenfischen mit ihrem Boot zwischen den Pecan und Marsh Islands unterwegs sind, stürzt ein zweimotoriges Flugzeug in den Fluss. Robicheaux kann nur ein kleines Mädchen retten, alle anderen Insassen sind bei dem Unfall ums Leben gekommen.
Wie sich später herausstellt, war einer der Passagiere Johnny Dartez, der als Drogenkurier für Bubba Rocque tätig gewesen ist. Allerdings ist seine Leiche wenig später verschwunden und taucht in den offiziellen Berichten nicht auf. Robicheaux vermutet, dass die Einwanderungsbehörde ihre Finger in der Sache hat. Kaum nimmt der Ex-Cop eigene Ermittlungen auf, bekommt er Besuch von einem weiteren Typen, der mit Bubba Rocque Geschäfte macht, Eddie Keats, und einem Haitianer namens Toot, der Robicheaux ordentlich zusetzt. Doch eines Tages gehen Bubbas Schurken zu weit, und Robicheaux kehrt in den Polizeidienst zurück.
„Ich hatte von der Polizei in New Orleans meinen Abschied genommen, ich, der von Bourbonduft umhauchte edle Ritter, der von sich behauptet hatte, er könne die Heuchelei der Politiker und die enthemmte, brutale Hässlichkeit des Polizeidienstes in einer Großstadt nicht länger ertragen. Doch die schlichte Wahrheit war, dass ich Spaß daran hatte, dass mich mein Wissen um die Unzulänglichkeit der Menschen in einen gehobenen Zustand versetzte, dass ich die Langeweile und Berechenbarkeit der normalen Welt genauso verachtete, wie mein unheimlicher alkoholischer Stoffwechsel den Adrenalinstoß der Gefahr liebte … (S. 224f.) 
Zwar ist Robicheaux bei seinen weiteren Ermittlungen nun an die offiziellen Vorschriften gebunden, doch seine Gefühle gegenüber den mutmaßlichen Mördern lassen sich davon kaum beeinflussen. Immer wieder muss er sein wildes Temperament zügeln, um sich nicht zu dummen Provokationen hinreißen zu lassen …
Mit seinem zweiten Band um Dave Robicheaux, den ehemaligen Kripobeamtem und Ex-Alkoholiker aus New Orleans, hat James Lee Burke bereits seine Meisterschaft als Autor stimmungsvoller Kriminalliteratur untermauert. Sein Protagonist Dave Robicheaux ist ein charismatischer Antiheld, der in seinem Alltag immer wieder mit seinen eigenen tief in ihm sitzenden Dämonen zu kämpfen hat und bei seinem Bemühen, für Gerechtigkeit zu sorgen, gern die Grenzen des Gesetzes zu seinen Gunsten auslotet. Das sorgt ebenso für regelmäßige Gewissensbisse, Komplikationen mit den Frauen, mit denen er zu tun hat, und Zurechtweisungen durch Vorgesetzte und Gauner, die dem eigensinnigen Cop auch mal die Stirn bieten.
„Mississippi Delta“ wurde 1996 von Phil Joanou mit Alec Baldwin, Eric Roberts, Mary Stuart Masterson und Kelly Lynch in den Hauptrollen verfilmt und machte Hollywood auf einen bemerkenswerten Autor aufmerksam, der bis heute immer wieder mal Vorlagen für starke Südstaaten-Thriller bietet (zuletzt „In The Electric Mist“ mit Tommy Lee Jones).
Die Romanvorlage fasziniert mit ambivalent angelegten Figuren, einem emotional aufgeladenen Plot und einem furiosen Finale, das Lust auf die nächsten Robicheaux-Fälle macht.
Nachdem der zweite Robicheaux-Band lange Zeit vergriffen und in letzter Zeit nur als eBook unter dem Titel „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ erhältlich gewesen war, hat der Pendragon-Verlag in seinem ehrenwerten Engagement, die Reihe wieder in gedruckter Form wiederzuveröffentlichen, auch „Blut in den Bayous“ leicht überarbeitet und mit einem Nachwort zur Verfilmung ergänzt.
Leseprobe James Lee Burke - "Mississippi Delta - Blut in den Bayous"

Georg Seeßlen – „Steven Spielberg und seine Filme“

(Schüren, 304 S., Pb.)
Mit Filmen wie „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“ und „Jurassic Park“ ist der amerikanische Filmemacher Steven Spielberg zum erfolgreichsten Regisseur aller Zeiten geworden und hat dem Begriff von Hollywoods „Traumfabrik“ eine neue Bedeutung verliehen.
Doch Spielbergs Werke sind weit mehr als nur handwerkliche perfekt inszenierte Märchen, sondern sie sind deshalb auch so erfolgreich, weil sie das Publikum emotional so tief berühren, von Leid, Hoffnung, Mut, Ängsten und Träumen erzählen.
Der angesehene Filmkritiker Georg Seeßlen, der u.a. im Schüren Verlag bereits die mehrere Genres und Bände umfassenden „Grundlagen des populären Films“ und Monographien über David Lynch und Stanley Kubrick veröffentlicht hat, versteht es, auch in der 2., überarbeiteten und aktualisierten Auflage, das Phänomen von Spielbergs einzigartiger Erfolgsgeschichte mit detaillierten Analysen und Beobachtungen zu erklären.
Dass Spielberg in einer mittelständischen, liberalen jüdischen Familie aufgewachsen ist, die von einem Vorort einer Industriestadt zur nächsten gezogen ist, wird dabei ebenso thematisiert wie der außergewöhnliche Beginn seiner Karriere. Nachdem er vom Filmdepartment der University of Southern California abgelehnt worden war, studierte Spielberg nämlich Englische Literatur und vervollständigte sein Filmwissen im Selbststudium, und – so sagen die Legenden – okkupierte mit großem Selbstbewusstsein einfach ein Büro auf dem Produktionsgelände.
Mit erfolgreichen Fernsehfilmen wie „Amblin‘“, „Duel“ und seinem ersten „echten“ Kinofilm „Sugarland Express“ avancierte Spielberg zu einem kommenden Exponenten des „New Hollywood“ und präsentierte in dieser Trilogie die Träume der kleinen Bürger von großen Reisen und Abenteuern, die sie allerdings so sehr überfordern, dass sie im Grunde genommen zurück in den Schoß der Familie und zur Kindheit streben.
Überhaupt ist das Thema der Reise ein immer wiederkehrendes Motiv bei Spielberg, wobei sich das Ziel bereits am Anfang der Reise abzeichnet und diese sich oft erst aus dem Zerfall der Familie ergibt.
„Die Filme sind deshalb so dicht geflochtene Mythen, weil sie beinahe immer zwei Ziele gleichzeitig erreichen müssen. Sie müssen die Familie rehabilitieren oder eine neue Familie imaginieren, und dabei noch mehr die Rolle des Vaters restaurieren. Und zur gleichen Zeit geht es immer auch darum, ‚Gesellschaft‘ zu restaurieren, die amerikanische natürlich. Es geht darum, Menschen zu retten." (S. 287) 
Georg Seeßlen geht in seiner Abhandlung über Spielbergs Werk nicht unbedingt chronologisch vor, sondern kommt in Kapiteln über die Rollen von und (Spielberg-)Themen wie Familie, Einsamkeit, Träume, Erinnerungen, Heldenreisen, Versöhnung und Erlösung immer wieder auf entsprechende Motive in einzelnen Filmen zurück, reiht sie so in eine Gesamtschau ein, dass ein roter Faden im Spielberg-Universum erkennbar wird.
Das ist so unterhaltsam, kenntnisreich, psychologisch fundiert und spannend geschrieben, dass viele Leser Spielbergs Filme nach der Lektüre dieser Monographie vielleicht mit anderen Augen sehen, auf jeden Fall aber besser verstehen werden. Abgerundet wird das höchst informative Werk mit einer Vielzahl von Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer ausführlichen Filmografie im Anhang.
 Leseprobe Georg Seeßlen - "Steven Spielberg und seine Filme"

Mittwoch, 19. Oktober 2016

John Williams – „Augustus“

(dtv, 478 S., HC)
Kurz bevor der römische Diktator Julius Cäsar im März des Jahres 44 v. Chr. ermordet wird, sorgt er dafür, dass sein adoptierter Großneffe Octavius in Philosophie, Literatur und Rhetorik unterrichtet wird und trotz schwächlicher Konstitution sein Erbe und Nachfolger wird. Tatsächlich gelingt es dem jungen Mann, sich gegen die Widerstände aus den Reihen von Cäsars Feinden zu behaupten und sich sein Leben lang die Gewalt über Staat und Militär zu sichern. Als Förderer der Künste und des öffentlichen Lebens führt er das Römische Reich schließlich zu Wohlstand und Frieden.
John Williams, dessen Romane „Butcher’s Crossing“ (1960) und „Stoner“ (1965) in den vergangenen Jahren wiederentdeckt worden sind, hat mit seinem letzten noch zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Augustus“ (1972) eine Biografie veröffentlicht, die auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheint mit den zutiefst amerikanischen Vorgängern.
Ungewöhnlich ist schon die erzählerische Form. Ausgehend von einem Brief, mit dem Cäsar 45 v. Chr. seiner Nichte Atia ankündigt, ihr ihren Sohn von Karthago zurück nach Rom zu schicken, damit er in Apollonia seine mangelnden Kenntnisse in den Geisteswissenschaften auf Vordermann bringen und die Position einnehmen kann, die Cäsar ihm angedacht hat, reihen sich in der Folge weitere (fiktive) Briefe, Tagebuchnotizen, Senatsbeschlüsse, Militärbefehle und Ovids Gedichte zu einem umfangreichen zeitgeschichtlichen Portrait zusammen.
Gaius Octavius Cäsar, der erst nach seinem Sieg über seinen Kontrahenten Marcus Antonius und dessen Geliebten Cleopatra den Ehrennamen Augustus erhielt, tritt dabei lange Zeit eher als gelegentliche Anekdote auf, bevor er im abschließenden Buch III mit einem langen Brief an seinen einzig noch lebenden Freund Nikolaos auf sein Leben und den daraus gewonnenen Einsichten zurückblickt.
Zuvor wird in den Briefen seiner Zeitgenossen vor allem deutlich, wie im alten Rom gelebt, geliebt, gehasst und intrigiert worden ist, wie Heiraten arrangiert, Ehen geschieden und Zweckbündnisse geschlossen wurden, um Macht zu gewinnen.
„Das, was wir unsere Welt der Ehe nennen, ist, wie Du sehr wohl weißt, eine Welt notwendiger Verbindungen; und manchmal denke ich, der elendste Sklave besitzt mehr Freiheiten als wir Frauen. Ich möchte den Rest meines Lebens in Velletri verbringen, hier, wo mir meine Kinder und Enkel stets willkommen sind. Vielleicht finde ich ja in mir oder in meinen Büchern noch zu etwas Weisheit während der stillen Jahre, die nun vor mir liegen“, heißt es beispielsweise in einem (ebenfalls fiktiven) Brief, den Octavia 22 v. Chr. an ihren Bruder Octavius Cäsar geschrieben hat. (S. 263) 
An anderer Stelle werden Badegewohnheiten, die Auseinandersetzung mit dem Gesetz zum Ehebruch und philosophische Versammlungen geschildert, so dass am Ende ein vielschichtiges und sehr lebendiges Bild des Römischen Reiches zu seiner Glanzzeit entsteht.
Am Ende hat Augustus dann doch etwas mit Protagonisten aus „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ gemein, nämlich die Erkenntnis, dass persönliche Bedürfnisse zurückgestellt werden müssen, dass familiäre Bindungen darunter zu leiden haben, dass gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen sind.
„Augustus“ ist bei aller Komplexität ein farbenprächtiger historischer Briefroman geworden, der 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde und in der deutschen Übersetzung mit einem Who’s Who im alten Rom und einem schönen Nachwort von Daniel Mendelsohn ausgestattet ist, der „Augustus“ in das leider sehr schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Autors einordnet.
Leseprobe John Williams - "Augustus"

Samstag, 15. Oktober 2016

Stephen King – (Bill Hodges: 3) „Mind Control“

(Heyne, 526 S., HC)
Als der pensionierte Detective Bill Hodges von seinem ehemaligen Partner Peter Huntley gebeten wird, einen erweiterten Selbstmord zu untersuchen, wird der Privatermittler mit seiner Partnerin Holly erneut mit den schrecklichen Ereignissen konfrontiert, bei denen ein Irrer namens Brady Hartsfield an einem nebligen Morgen des Jahres 2009 mit einem gestohlenen Mercedes in eine Schar von Arbeitssuchenden gerast ist. Ein Jahr später hat der sogenannte Mercedes-Killer versucht, eine Bombe bei einem Konzert der Teenie-Band ´Round Here zu zünden, doch Holly hat den Psychopathen durch einen heftigen Schlag mit einer mit Kugellagerkügelchen gefüllten Socke auf den Schädel ins Kiner Memorial Hospital katapultiert, wo er sich nun in einem unverändert katatonischen Dämmerzustand befindet.
Als sie die Wohnung von Martine Stover untersuchen, die eine der Überlebenden des Massakers am City Center gewesen ist, stoßen Hodges und Holly auf merkwürdige Indizien wie das Selbstmord-Set, ein mit Filzstift gemaltes „Z“ und eine antiquiert wirkende Spielkonsole. Bei ihren weiteren Ermittlungen stößt das „Finders Keepers“-Duo auf weitere Suizide von Menschen, die irgendwie mit Brady Hartsfield zu tun hatten.
Offensichtlich verfügt der Patient über telekinetische Kräfte und kann sich mittels der nicht mehr hergestellten Spielkonsolen in die Köpfe von Menschen wie Krankenpflegern, Ärzten und Besuchern schleichen, die dann Hartsfields Rachepläne in die Tat umsetzen. Mittels einer eigens eingerichteten Website und weiterhin verteilten Zappit-Spielkonsolen setzt Hartsfield eine ganze Kette von Suiziden in Gang, die Bill und Holly mit allen Mitteln aufzuhalten versuchen …
„Allen Widrigkeiten zum Trotz hat Brady eine erstaunliche Reise hinter sich gebracht. Wie das Endresultat aussehen wird, ist unmöglich vorherzusagen, aber irgendein Resultat wird sich einstellen, da ist er sich sicher. Eines, an dem der alte Exdetective schwer zu knabbern haben wird. Tja, Rache ist eben wirklich süß.“ (S. 294) 
Mit „Mind Control“ bringt Stephen King die Trilogie um Ex-Detective Bill Hodges und den soziopathischen Killer Brady Hartsfield alias Mr. Mercedes, die mit „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“ vielversprechend begonnen hat, zu einem turbulenten und absolut finalen Abschluss. Auch wenn der dritte Band noch einmal die Ereignisse der vorangegangenen Bände rekapituliert und sich durchaus losgelöst davon lesen lässt, macht es wirklich Sinn, sich der Trilogie im Ganzen anzunehmen, denn Stephen King erweist sich hier einmal mehr als Meister der detaillierten Figurenzeichnung.
Da Bill Hodges mit seinen fast siebzig Jahren gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe ist und eine niederschmetternde Diagnose verarbeiten muss, schweißt der Hartsfield-Fall ihn und seine Geschäftspartnerin Holly noch mehr zusammen. Die gemeinsamen Szenen von Holly und Bill zählen fraglos zu den eindringlichsten der ganzen Trilogie und zu den erzählerischen Höhepunkten von „Mind Control“.
Davon abgesehen bietet der Roman weit mehr übernatürliche Elemente als „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“, wobei es King wieder souverän gelingt, die an sich schwer nachvollziehbaren Phänomene überaus natürlich erscheinen zu lassen. Aber natürlich bietet „Mind Control“ auch wieder klassischen Krimistoff, der sich manchmal etwas zäh entwickelt, wenn King allzu ausschweifend von Rückblenden Gebrauch macht. Ähnlich wie Bradys Versuchskaninchen vor der „Fishin‘ Hole“-Demo ihres Zappits wird auch der Leser hypnotisch von der packenden Story mitgerissen – bis zum alles erlösenden Finale.
Leseprobe Stephen King - "Mind Control"

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Michael Connelly – (Harry Bosch: 4) „Der letzte Coyote“

(Heyne, 400 S., Tb./Knaur eBook)
Da Detective Harry Bosch seinen verhassten Vorgesetzten Harvey Pounds nach einer Auseinandersetzung durch dessen Bürofenster gestoßen hatte, wurde er für unbefristete Zeit vom Dienst suspendiert und muss nun eine Therapie bei der Polizeipsychologin Dr. Hinojo absolvieren, bis diese Assistant Chief Irving einen positiven Bescheid zu Boschs Rückkehr in die Mordkommission von Los Angeles erstellt.
Mit der Therapeutin spricht Bosch zunächst über sein vom Erdbeben zerstörtes Haus, aus dem er sich trotzdem nicht weigert auszuziehen, über die vor drei Monaten beendete Beziehung mit der Lehrerin Sylvia Moore und über den Mord an einer Prostituierten, der zur tätlichen Auseinandersetzung mit Pounds geführt hat, und schließlich über seine Mutter Marjorie Lowe, die 1961 ermordet worden war, ohne dass der Fall aufgeklärt werden konnte.
Bosch nutzt seine Zwangsbeurlaubung dazu, sich noch einmal die Akte vorzunehmen und die beiden damals ermittelnden Beamten Claude Eno und Jake McKittrick ausfindig zu machen. Zunächst kontaktiert Bosch aber Meredith Roman, die zusammen mit Marjorie für den Zuhälter Johnny Fox gearbeitet und immer wieder auf den kleinen Harry aufgepasst hatte, wenn seine Mutter arbeiten musste. Interessanter erweist sich allerdings die Spur zum damaligen Bezirksstaatsanwalt Arno Conklin, der offensichtlich eine Beziehung zu Boschs Mutter unterhalten hatte …
„Was mit seiner Mutter geschehen war, hatte ihn geprägt. Es war immer dagewesen, in den dunklen Höhlen seines Bewusstseins. Das Versprechen, es herauszufinden. Das Versprechen, sie zu rächen. Er hatte es nie ausgesprochen, nicht einmal explizit gedacht. Sonst hätte er schon früher einen Plan gemacht. Aber es gab keinen großen Plan. Trotzdem war er von dem Gefühl erfüllt, dass es unvermeidlich und von verborgener Hand vor langer Zeit festgesetzt worden war.“ (Pos. 1320) 
Mit dem vierten Band um den in Hollywood beim Morddezernat als Detective arbeitenden Harry Bosch taucht der amerikanische Thriller-Bestseller-Autor Michael Connelly tief in die angeknackste Seele seines Helden ein und verknüpft Boschs seelische Aufbereitung seiner durch den Verlust seiner Mutter bedingte schwierige Kindheit in Pflegeheimen mit einem ebenso persönlichen ungeklärten Fall. Dabei überrascht es kaum, dass die unvollständige Akte zum Mord an seiner Mutter zu Spuren führen, die bis in höchsten Kreise der Stadtverwaltung reichen.
Geschickt baut Connelly einen faszinierenden Plot auf, der zwischen Therapiesitzungen und privaten Ermittlungen pendelt, wobei Boschs Vorgehen ungewöhnliche, immer wieder auch tödliche Konsequenzen nach sich zieht. Connelly folgt dabei recht konventionellen Erzählstrukturen mit gut kalkulierten Wendepunkten, hält die Spannung aber kontinuierlich bis zum überzeugenden Finale aufrecht. Was „Der letzte Coyote“ besonders auszeichnet, ist die sehr persönliche Geschichte, die Bosch seinen Fans noch näherbringt.
Leseprobe Michael Connelly - "Der letzte Coyote"

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 11) „Straße ins Nichts“

(Edel:eBooks, 361 S., eBook)
Obwohl Dave Robicheaux, Detective beim Sheriff’s Department von New Iberia, schon länger den Verdacht hegte, dass Vachel Carmouche, Henker des Staates Louisiana, die beiden kreolischen Zwillingsschwestern Passion und Letty Labiche missbraucht, für die er seit dem Tod ihrer Eltern sorgt, konnte dem Staatsdiener bislang noch keine Straftat nachgewiesen werden.
Als Carmouche eines Tages erschlagen in seinem Haus aufgefunden wird, verhängt der Staat die Todesstrafe für Letty Labiche. Nach acht Jahren in der Todeszelle rückt nun der Tag der Vollstreckung nahe. Robicheaux setzt alles daran, bei Gouverneur Belmont Pugh um einen Aufschub zu bitten, aber da dessen Wiederwahl ansteht, möchte dieser keine unpopulären Entscheidungen fällen.
Von seinem alten Kumpel Clete Purcel, der eine Privatdetektei im French Quarter führt, erfährt er von dem Zuhälter Zipper Clum, der offensichtlich nicht nur Näheres über den Mord an Carmouche weiß, sondern auch über das Verschwinden von Robicheaux‘ Mutter vor dreißig Jahren. Wie es scheint, ist sie von zwei Polizisten als unliebsame Zeugin ermordet worden.
„Was ich jetzt empfand, war nicht Verlust, sondern Diebstahl und Schändung. Man hatte mir das Andenken an meine Mutter gestohlen, den traurigen Respekt, den ich immer vor ihr gehabt hatte. Jetzt lag in einem Aktenordner bei der Polizei in New Orleans eine Kassette mit lauter Lügen, besprochen von einem inzwischen toten Gauner in dem Gefängnis von Morgan City, der behauptete, meine Mutter wäre eine Hure und Trickdiebin gewesen, und ich konnte nichts daran ändern.“ (Pos. 2875) 
Robicheaux‘ Ermittlungen ziehen auf einmal weite Kreise. Ein cleverer wie selbstzerstörerischer Killer namens Johnny Remeta schaltet nacheinander alle Zeugen aus, die Näheres über den Mord an Robicheaux‘ Mutter wissen, und als der Detective selbst das Leben des Killers rettet, schwingt sich dieser wiederum zu dessen Schutzengel auf und macht sich an Robicheaux‘ Adoptivtochter Alafair heran.
So steht der Cop vor dem Dilemma, auf der einen Seite Alafair vor dem Soziopathen Remeta zu schützen, auf der anderen Seite ist der Killer als Informant zu wichtig, um ihm einfach das Licht auszublasen. Derweil läuft die Zeit für Letty Labiche in der Todeszelle gnadenlos ab …
Mit dem elften Band in der preisgekrönten Reihe um den temperamentvollen Vietnam-Veteranen, Bootsverleiher und Detective Dave Robicheaux bringt der selbst aus Louisiana stammende Autor James Lee Burke wieder ein dichtes Geflecht aus Korruption in Polizei- und Regierungskreisen zum Vorschein, vor dessen Hintergrund die Mutter des sympathischen Protagonisten ermordet worden ist. Indem Robicheaux sich des Schicksals der noch lebenden Letty und seiner ermordeten Mutter annimmt, taucht er tief in seine eigene Familiengeschichte ein und muss alte (Un-)Gewissheiten in ein neues Licht rücken.
Wie üblich beschreibt Burke in „Straße ins Nichts“ seine Figuren jenseits eindeutiger Gut-und-Böse-Kategorien, sondern als Menschen, die in ihrem Leben nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen und dafür früher und später die Quittung präsentiert bekommen. Burke gelingt es einmal mehr, die feucht-tropische Hitze in dem nach wie vor von Rassismus geprägten Süden der USA bildgewaltig und wortgewandt zu beschreiben, ebenso wie die innere Zerrissenheit, die sowohl Robicheaux als auch seinen Freund Purcel prägt.
Am Ende gibt es etliche Tote und Versehrte zu beklagen, und weder Robicheaux noch der Leser bleiben nach etlichen Wendungen und einem furiosen Finale unbeeindruckt zurück.
Leseprobe James Lee Burke - "Straße ins Nichts"

Freitag, 7. Oktober 2016

Richard Laymon – „Das Ufer“

(Heyne, 576. S., Tb.)
Als sich das Teenagermädchen Leigh West 1969 am Lake Wahconda in den etwa gleichaltrigen Jungen Charlie verliebt, endet ihr erstes Mal tragisch: Charlie stürzt in dem verlassenen Haus, das er für das zärtliche Rendezvous ausgewählt hat, durch den morschen Holzboden und verunglückt dabei tödlich. Bei seiner Beerdigung beschimpfte seine Mutter Edith Payne sie als Hure, die ihren Sohn umgebracht habe.
Mittlerweile ist Leighs Tochter Deana im gleichen Alter wie sie damals und muss ein ganz ähnliches Schicksal erleiden: Bei einem gemeinsamen Ausflug wird ihr Freund Allan an einer Lichtung von einem Auto erfasst und an einem Baum zu Tode gequetscht.
Als sich Officer Mace Harrison des Falls annimmt, machen Leigh und Deana den Cop auf einen schwarzen Wagen in der Nähe ihres Hauses aufmerksam, den Deana für das Tatfahrzeug hält, und auf den temperamentvollen Koch Nelsen, den Leigh vor kurzem entlassen hat und der ein Rachemotiv haben könnte. Leigh lässt sich auf eine Affäre mit dem attraktiven Mace ein und beginnt bald zu ahnen, dass sich hinter der zuvorkommenden und leidenschaftlichen Art ihres Liebhabers mehr verbirgt.
Vor allem Deana kommt der Mann mehr als unheimlich vor.
„Er wirkte benommen, aber seine Augen hatten immer noch diesen wilden Blick, und sein Mund stand auch immer noch offen, als wäre er in Trance. Seine Augenbrauen und die Oberlippe glänzten vor Schweiß.
Mein Gott. Der Kerl sieht echt merkwürdig aus. Was ist mit ihm los?
Mit dem Reden scheint er auch Probleme zu haben. Er musste ewig herumsuchen, bevor er die richtigen Worte fand. Ganz anders als der Mace, den sie bisher kennengelernt hatte.“ (S. 388f.) 
In der Literaturkritik wird Laymons umfangreiches Werk zurecht in übernatürlichen Horror und natürlicher Horror eingeteilt, wobei der 2001 nach einem Herzinfarkt verstorbene Autor gerade in letzterer Kategorie seine eindrucksvollsten Arbeiten präsentierte. Die Zerstörung familiärer Werte und der Sicherheit, die amerikanische Bürger gerade in adretten Vorstadtsiedlungen empfinden, durch den vermeintlich netten Nachbarn thematisiert Laymon auf kompromisslos unbarmherzige Weise, schildert das Foltern und Morden bar jeder inneren Zensur.
Für diese Art von Horror bildet der 2009 posthum erschienene Roman „The Lake“, der durch Heyne Hardcore nun in deutscher Erstveröffentlichung unter dem Titel „Das Ufer“ veröffentlicht wurde, ein Paradebeispiel. Dabei wirkt ein Unfall, der sich vor gut zwei Jahrzehnten an einem idyllischen See ereignet hat, bis in die Gegenwart nach, wobei das weitere familiäre Umfeld zu den damaligen Geschehnissen erst nach und nach ans Tageslicht tritt.
Nach anfänglich etwas wirrer Einführung der beiden Zeitebenen, in denen sich die Romanabhandlung abspielt, gelingt es Laymon, zumindest die innige Mutter-Tochter-Beziehung in seiner gewohnt schlicht gehaltenen Sprache zu charakterisieren. Auch die Beteiligung weiterer Figuren an der nachfolgenden Handlung führt der Autor geschickt aus, wobei er bis zum Ende geschickt offenlässt, wer sich außer dem mutmaßlichen Täter eventuell noch auf der bösen Seite befinden könnte.
Allerdings sind – auch das typisch Laymon – die Charaktere erschreckend flach gezeichnet und zudem scheinbar nur von unerfüllt starkem Paarungstrieb gesteuert. Dabei muss der Leser immer mal über unlogische und auch etwas zähe Handlungsabläufe sowie unschlüssige Figurenkonstellationen hinwegsehen, wird aber für psychologisch geschickt konstruierten Psychohorror mit dem vertrauten Sex- und Gewalt-Mix belohnt, für den Laymon bei seinen Fans so beliebt ist. Dieses Spätwerk des amerikanischen Horror-Meisters zählt zwar nicht zu den besten seiner Arbeiten, bietet aber unterhaltsamen Genre-Stoff, der durch ein kommentiertes Werkverzeichnis von Richard Laymon der im Wilhelm Heyne veröffentlichten Titel ergänzt wird.
Leseprobe Richard Laymon - "Das Ufer"

Dienstag, 4. Oktober 2016

Donal Ryan – „Die Gesichter der Wahrheit“

(Diogenes, 245 S., HC)
Vor zwei Monaten hat der Bauunterunternehmer Pokey Burke in einer irischen Kleinstadt seine Angestellten entlassen und ist über alle Berge getürmt, ohne die Sozialleistungen für seine Leute abgeführt zu haben. Entsprechend mies ist die Stimmung in der Bevölkerung, die auf unfertigen Häusern und unbezahlten Rechnungen sitzt. Um den Frust abzubauen, beschäftigt sich das Meer der Arbeitslosen und unzufriedenen Frauen mit sich selbst, vornehmlich aber mit seinen Nachbarn.
Da werden Affären gesponnen, Missgunst geerntet und Hass gesät. Am Ende wird der gewalttätige Vater von Burkes ehemaligen Vorarbeiter Bobby Mahon tot aufgefunden und sein Sohn mit dem blutigen Holzscheit in der Hand als sein Mörder ausgemacht.
„O Herr, segne und behüte uns, ist es nicht eine Gottschande, dass innerhalb weniger Tage Kinder geraubt und gute Männer in ihrer eigenen Küche totgeschlagen werden und Vergewaltiger freikommen? Und jetzt ist auch noch die Rede davon, dass die Renten gekürzt werden sollen! Ist es nicht eine Beleidigung für Gottes Augen, dass er zusehen muss, wie Menschen ohne Schutz bleiben vor Elend und vor Wahnsinnigen? Was ist überhaupt aus unserem Land geworden?“ (S. 206f.) 
In seinem 2012 erschienenen und nun durch Diogenes in deutscher Übersetzung veröffentlichten Episodenroman „Die Gesichter der Wahrheit“ lässt der aus dem Süden Irlands stammende Bauingenieur, Jurist und Autor in 21 Kapiteln jeweils ausgesuchte Personen in der nicht näher benannten irischen Kleinstadt die Ereignisse rekapitulieren, die seit der Pleite des Bauunternehmers für Unruhe gesorgt hat.
Dabei werden nicht nur allein die wirtschaftlichen Sorgen einzelner Familien thematisiert, sondern vor allem der Blick vom eigenen Elend weg hin zum vermeintlich verabscheuungswürdigen Verhalten der Nachbarn. Munter werden hier Affären ausgeschmückt, Mitbürger diffamiert, sexuelle Gelüste und Frustrationen ersonnen.
Zwar gelingt es Ryan mit seinem Zweitwerk, die vielfältigen Stimmungen in der Kleinstadt einzufangen und durch die jeweiligen Ich-Erzählungen die Atmosphäre aus Neid, Verzweiflung, Hoffnung, Hass und Begehren facettenreich zu beschreiben, aber durch die lockere Aneinanderreihung der kurzen Kapitel kann der Leser stets nur von außen auf die einseitigen Monologe schauen und sich nie wirklich mit einzelnen Figuren identifizieren.
Durch die Kapitel werden die Puzzleteile des wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Niedergangs in der Kleinstadt zwar nach und nach zusammengesetzt, aber eine dramaturgisch sinnvolle Handlung darf der Leser nicht erwarten. Erst in den letzten Kapiteln kommt der Mord an Bobbys alten Herrn und das Verschwinden des Kindes zur Auflösung.
Sprachlich hat Ryan versucht, jeder Figur eine eigene Stimme zu verleihen, was durchaus Abwechslung in den Roman bringt und für ein großes Maß an Authentizität sorgt, aber wirklich fesseln vermag „Die Gesichter der Wahrheit“ nicht.
 Leseprobe Donal Ryan - "Die Gesichter der Wahrheit"

Montag, 3. Oktober 2016

Ross Macdonald – „Schwarzgeld“

(Diogenes, 365 S., Pb.)
Als Lew Archer, Privatdetektiv aus Los Angeles, sich im Süden des Countys in einem noblen Tennisclub mit dem vielleicht zwanzigjährigen Peter Jamieson trifft, beauftragt der fettleibige, irgendwie vorzeitig gealtert erscheinende junge Mann den Ex-Cop mit der Suche nach Virginia (Ginny) Fablon. Sie sei im Begriff, eine große Dummheit zu begehen, wenn sie sich mit Francis Martel einlässt, einem Mann, der sich als französischer Aristokrat ausgibt. Dabei sei die Hochzeit zwischen Peter und Ginny, die zusammen aufgewachsen sind, für den nächsten Monat angesetzt gewesen.
Tatsächlich forscht Archer zunächst in der Vergangenheit des Mannes, der Peters Verlobten so den Kopf verdreht hat, und erfährt, dass sich Martel offensichtlich unter wechselnden Namen bei verschiedenen Universitäten eingeschrieben und bereits vor sieben Jahren für kurze Zeit als Aushilfe in dem hiesigen Tennisclub gearbeitet hatte. Zu jenem Zeitpunkt ist auch Ginnys Vater im Meer ertrunken, nachdem er seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte und seinen Selbstmord zwei Tage zuvor in Gegenwart seiner Frau und Tochter angekündigt hatte.
Archer beginnt im Laufe seiner Ermittlungen aber zunehmend daran zu zweifeln, dass es sich bei diesem Unglücksfall um Selbstmord handelte. Die Spur führt Archer schließlich nach Las Vegas, wo Martel scheinbar eine Menge Schwarzgeld abgezweigt hatte und somit auch weitere Interessenten auf sich aufmerksam machte, so zum Beispiel den mittellosen Fotografen Harry Hendricks und seine betörende wie frustrierte Frau Kitty, die hinter Martels Geld her sind.
„Und dann kam mir der Gedanke, dass Ginny und Kitty, zwei Mädchen aus völlig unterschiedlichen Gegenden der Stadt, letztlich eine Menge gemeinsam hatten. Keine von beiden hatte das Missgeschick der Schönheit unbeschadet überstanden. Es hatte sie zu leblosen Wesen gemacht, Zombies in einer toten, öden Welt, ebenso schmerzlich anzusehen wie eine sinnlose Kreuzigung.“ (S. 309) 
Auch wenn Ross Macdonald (1915 - 1983) hierzulande noch nicht so einen großen Namen besitzt wie seine berühmten Kollegen Raymond Chandler und Dashiell Hammett, sorgt der Diogenes Verlag seit einer Weile mit wundervollen Neuübersetzungen seines Werks dafür, dass der Gewinner des Silver (1964) und des Gold Dagger Award (1965) auch zunehmend deutschsprachige Leser erreicht.
Mit dem sympathischen Privatdetektiv Lew Archer hat Macdonald nämlich eine echte Kultfigur erschaffen, die – wie Donna Leon in ihrem Nachwort erwähnt – „das eigene Handeln nicht weniger als das Verhalten anderer nach moralischen Kriterien bewertet“.
Archer nähert sich seinen Fällen ganz unvoreingenommen, verurteilt niemanden, empfindet Mitleid und sorgt sich vor allem um die Frauen, mit denen er es zu tun bekommt, ohne sich auf Affären mit ihnen einzulassen.
„Schwarzgeld“ ist ein klassischer Kriminalroman, bei dem es zunächst anscheinend nur um das Auffinden einer Person geht, bevor vergangene Ereignisse und in den Fall involvierte Personen in einem anderen Licht erscheinen und weitere Morde aufzuklären sind. Wie viele seiner bereits verfilmten Romane (u.a. als „Familiengeheimnisse“, „Killer aus dem Dunkel“ und „Eine Frau für alle Fälle“ sowie die sechsteilige Fernsehserie „Archer“) liest sich auch „Schwarzgeld“ wie ein Drehbuch zu einem Film. Die Handlung wird vor allem durch die überaus lebendigen Dialoge vorangetrieben. Archer ermittelt durch unzählige Gespräche, die er mit Beteiligten und möglichen Zeugen führt und durch die er sehr schnell herausfindet, mit welchem Typus von Mensch er es zu tun hat. Archers Schlussfolgerungen und Beschreibungen sind dabei in brillant präziser Prosa verfasst, ohne überflüssige Worte, dafür voller schöner Vergleiche, die das Lesen einfach zu einem durchgängigen Vergnügen machen.
 Leseprobe Ross Macdonald - "Schwarzgeld"

Samstag, 1. Oktober 2016

Irvine Welsh – „Ein ordentlicher Ritt“

(Heyne, 448 S., Pb.)
Terry „Juice“ Lawson zählt sicher nicht zu den charmantesten Taxifahrern in Edinburgh. Die anhaltenden Straßenbahnarbeiten nimmt er gern als Ausrede, um mit seinen ahnungslosen Kunden unerhört weite Umwege zu fahren, seine männlichen Kunden schwallt er erbarmungslos in der Hoffnung auf ein sattes Trinkgeld zu, während sich weibliche Kundschaft oft genug mit dem Fahrer zusammen auf dem Rücksitz wiederfindet. Als gelegentlicher Pornodarsteller ist es Terry schließlich gewohnt, sich jedes ihm bietende Loch zu stopfen.
Etwas Abwechslung in seinen Alltag bringt der amerikanische Fernsehstar und einflussreiche Baumagnat Ronald Checker, der Geschäftliches in Schottland zu erledigen hat und Terry gern als Stammfahrer engagieren möchte. Allerdings muss er auch für den Puffbesitzer Victor „die Schwuchtel“ Syme ein Auge auf dessen Schuppen werfen, in dem Kelvin nicht gerade pfleglich mit den Mädchen umgeht.
Unter ihnen zählt vor allem Jinty, die Freundin von Terrys nicht ganz so hellen, aber umso besser bestückten Stiefbruders Jonty, zur besseren Ware. Doch nach einer Hurrikanwarnung für Schottlands Ostküste und einem Zwischenfall im Pub With No Name verschwindet Jinty spurlos. Und Terry muss auf die Schnelle Golf spielen lernen, weil Terry mit einem dänischen Investor um eine seltene Whisky-Flasche ein Doppel angesetzt hat, und sich um seine zwei unehelichen Söhne kümmern. Daneben muss aber eben auch immer Zeit für einen ordentlichen Fick sein.
„Nix gegen einen Fick auf der Rückbank vom Taxi, doch ne schöne Luxussuite is natürlich unschlagbar. Eins habe ich über die Jahre gelernt: Wenn das Schicksal dich wien Pferd bestückt hat, dann musste das verdammt noch mal auch ausnutzen. Und wenns dich außerdem mit ner Zunge so lang wien Schal von Doctor Who beschenkt hat, dann sollteste auch die einsetzen.“ (S. 111) 
Als Autor des erfolgreich von Danny Boyle verfilmten Romans „Trainspotting“ ist der in Schottland geborene und mittlerweile in Chicago lebende Irvine Welsh weltberühmt geworden und hat sich seitdem mit Romanen wie „Drecksau“ und „Porno“ als lautstarke Stimme der Undergroundliteratur etabliert.
Mit „Ein ordentlicher Ritt“ beweist Welsh einmal mehr, dass er ein unnachahmliches Gespür für ausgefallene, um nicht zu sagen eigentlich unsympathische Figuren besitzt, die er jeweils überwiegend als Ich-Erzähler auftreten lässt und dabei auch ihren zunächst gewöhnungsbedürftigen Sprachduktus übernimmt. Besonders interessant gestaltet sich die ungewöhnliche Kombination des ständig herumvögelnden Taxifahrers, Pornodarstellers und Kleinkriminellen Terry Juice und dem selbstgefälligen Ami-Promi, die zu besseren Freunden werden, als man zunächst annehmen dürfte. Die Story entwickelt sich dabei so rasend schnell wie ein wilder Ritt mit Terrys Taxi durch Edinburgh und bringt eine ganze Handvoll interessanter Charaktere zutage, so den ebenfalls als Ich-Erzähler auftretenden Jonty, der als Maler sein Geld verdient und naiverweise davon ausgeht, dass seine hübsche Freundin Jinty als Putzfrau ihren Teil zum gemeinsamen Lebensunterhalt beisteuert.
Wie der Autor den ungewöhnlichen Hurrikan, Terrys Umgang mit seinen familiären Verhältnissen und den unzähligen Frauen in seinem Leben, die Tücken der Jagd nach der begehrten Whisky-Flasche und die Ermittlungen im Fall der verschwundenen Jinty miteinander verknüpft, ist schon virtuos und extrem unterhaltsam, aber eben nichts für zartbesaitete Gemüter.
Wer sich nicht an den ausufernden Sex-Episoden und dem rohen Sprachstil stört, wird mit einem mehr als nur ordentlichen Ritt belohnt.
 Leseprobe Irvine Welsh - "Ein ordentlicher Ritt"