Mittwoch, 30. November 2016

Michael Connelly – (Harry Bosch: 19) „Scharfschuss“

(Droemer, 463 S., HC)
Da die Kriminalitätsrate in Los Angeles in jüngster Vergangenheit deutlich zurückgegangen war, haben sich die Ermittlungsbemühungen des LAPD zur Aufklärung sogenannter kalter Fälle verschoben, mit denen sich ein Jahr vor seiner geplanten Pensionierung auch Detective Harry Bosch mit seiner neuen Kollegin Lucy Soto beschäftigt.
Als sie der Autopsie des mexikanischen Musikers Orlando Mercer beiwohnen, stellt die Pathologin Corazon fest, dass das Opfer an einer Blutvergiftung gestorben ist, die durch die Gewehrkugel verursacht wurde, die sich der Musiker einer Mariachi-Band vor zehn Jahren in der Wirbelsäule eingefangen hat. Bosch und Soto rollen den Fall neu auf und stellen fest, dass Merced mit seiner Band drei Monate zuvor bei der Hochzeitsfeier des Stadtrats Armando Zeyas gespielt hatte, der mittlerweile für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Bei der nochmaligen Sichtung der Überwachungsvideos und der sichergestellten Beweise kommen Bosch und Soto zu dem Schluss, dass das Attentat gar nicht Merced gegolten hatte, sondern dem Trompetenspieler der Band, Angel Ojeda, der scheinbar eine Affäre mit der Frau des erfolgreichen Geschäftsmannes Charles „Brouss“ Broussard unterhielt, der Zeyas im Wahlkampf unterstützt hatte.
Es scheint aber auch Verbindungen zum einem Brand zu geben, der damals in der Nähe des Tatorts in einer illegalen Kindertagesstätte ausgebrochen war und bei dem Soto fünf ihrer Freunde verloren hat. Bei der weiteren Spurensuche stoßen sie auf die mutmaßliche Tatwaffe, ein Kimber Model 84 Gewehr, das sie bis zu dem Waffenhändler David Alexander Willman zurückverfolgen können, der während einer Jagd versehentlich von seinem Freund Broussard erschossen wurde. Die erfolgreiche Suche nach dem Gewehr könnte der Schlüssel zur Auflösung des Mordes an Merced sein …
„Das Gewehr war vielleicht längst verschwunden. Wenn Willman es nicht unmittelbar nach dem Schuss auf Merced entsorgt hatte, hatte wahrscheinlich Broussard es verschwinden lassen, nachdem er Willman umgebracht hatte.
Das waren alles nur Spekulationen, wusste Bosch, aber es war nicht auszuschließen, dass Willman so klug gewesen war, das Gewehr zu behalten, um es nötigenfalls als Druckmittel gegen seinen Freund Broussard einzusetzen.“ (S. 261) 
In seinem bereits 19. Fall hat es Detective Hieronymus „Harry“ Bosch gleich mit mehreren Frauen zu tun, wobei die eingangs erwähnte Pathologin Corazon nur eine kurze Affäre mit Bosch gehabt hatte, während der Cop mit der zum Ende hin in Erscheinung tretenden FBI-Agentin Rachel Walling schon auf eine längere Beziehung zurückblicken konnte. Eine etwas größere Rolle nimmt Boschs Teenager Tochter Maddie ein, mit der er allerdings zu wenig Zeit verbringt. Interessanter ist die Beziehung, die Routinier Bosch zu der 28-jährigen Lucy Soto aufbaut, die sich als ehrgeizige Ermittlerin entpuppt und Bosch eine große Unterstützung ist. Die beiden kalten Fälle, die Bosch und Soto zunächst unabhängig voneinander bearbeiten, haben es wirklich in sich.
Connelly erweist sich einmal mehr als Meister darin, in seinem dramaturgisch geschickt gestrickten Plot auf authentische Weise die mühsame Ermittlungsarbeit zu beschreiben, die aber immer wieder neue Puzzleteile und so neue Spuren ans Licht bringt, denen die Detectives verfolgen können, bis sie am Ende die losen Enden zusammenführen können. Der ehemalige Polizeireporter Connelly beweist dabei ebenso psychologisches Feingefühl wie einen ausgeprägten Sinn für überzeugende Figuren, so dass „Scharfschuss“ auf jeden Fall zu den stärksten Bänden in der erfolgreichen Bosch-Reihe darstellt.
Leseprobe Michael Connelly - "Scharfschuss"

Samstag, 26. November 2016

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 2) „Letzter Tanz“

(Goldmann, 448 S., Tb.)
Lincoln Rhyme unterstützt FBI-Agent Fred Dellray gerade dabei, einen von seinen vermissten Agenten aufzuspüren, als er von den beiden Detectives Lon Sellitto und Jerry Banks auf einen dringenderen Fall angesetzt wird. Seit Monaten versuchen sie in gemeinsamer Sache mit der Army, dem erfolgreichen Geschäftsmann Phillip Hansen nachzuweisen, dass er nicht wie von ihm behauptet gebrauchte Armeeausrüstung verkaufte, sondern meist aus Armeebeständen gestohlene oder aus dem Ausland eingeschmuggelte Waffen. Nun scheint er einen berüchtigten Auftragsmörder, den sogenannten Totentänzer, auf die drei Belastungszeugen angesetzt zu haben.
Den 45-jährigen Edward Carney, Teilhaber der kleinen Fluglinie Hudson Air Charter, hat er bereits mit seinem Privatjet während des Landeanflugs auf den O’Hare Flughafen von Chicago mit einer Bombe aus dem Verkehr gezogen. Nun müssen noch seine ehemalige Partnerin und Mitgesellschafterin Percey Rachel Clay und Brit Hale bis zu ihrer Aussage vor der Grand Jury in Sicherheit gebracht werden. Rhyme soll nun herausfinden, wo die Sporttaschen abgeblieben sind, die Hansen vor seiner Festnahme hat verschwinden lassen. Dabei versucht Rhyme mit seiner Assistentin Amelia Sachs zunächst, die Identität des Totentänzers zu bestimmen, der seinen Namen einer Tätowierung auf dem Oberarm verdankt, bei der der Sensenmann mit einer Frau vor einem Sarg tanzt.
Doch während die beiden vor allem die Beweismittel vom Absturzort von Carneys Flugzeug untersuchen, stellen sie fest, dass der Killer bereits die Spur von Clay und Hale aufgenommen hat und ein Meister der Ablenkungsmanöver ist.
„Es gab keinen Verbrecher, den Rhyme mehr hasste als den Totentänzer, keinen, den er so brennend gern fassen wollte, um ihm einen Spieß durchs Herz zu jagen. Trotzdem, Rhyme war mehr als alles andere Kriminalist, und insgeheim hegte er Bewunderung für die Brillanz dieses Mannes.“ (S. 292)
Wie Jeffery Deaver in „Der Knochenjäger“, dem Auftakt seiner bis heute extrem erfolgreichen Reihe um Lincoln Rhyme, bereits ausführlich beschrieb, ist sein Protagonist alles andere als ein gewöhnlicher Ermittler. Der ehemalige Detective beim New Yorker Police Department ist nach einem Unfall während einer Tatortbesichtigung querschnittsgelähmt, wird aber wegen seiner Brillanz auf dem Gebiet der Forensik nach wie vor um Unterstützung von seinen ehemaligen Kollegen bei heiklen Fällen gebeten. Da Rhyme seine Expertisen vom Bett aus erstellen muss, hat er in der Polizistin Amelia Sachs eine fähige Assistentin gefunden, die für ihn die Laufarbeit und Beweismittelaufnahme an den Tatorten übernimmt.
Mit dem Totentänzer haben die beiden Ermittler einen besonders raffinierten Killer zu finden, der ihnen mit seinen wohldurchdachten Finten immer einen Schritt voraus ist und seinem Ziel, die beiden verbliebenen Zeugen auszuschalten, konsequent näherkommt.
Was Deaver auch in seinem zweiten Band um das charismatische Ermittlerpaar hervorragend gelingt, ist die Beschreibung der faszinierenden forensischen Arbeit, die der querschnittsgelähmte Rhyme nur noch von seinem Bett aus erledigen kann. Zwar kommen sich Rhyme und Sachs auch persönlich etwas näher, doch wird die Beziehung vorerst durch die weitaus weniger attraktive, aber nichtsdestotrotz willensstarke Percey gestört. Der nicht unerhebliche Schwachpunkt von „Letzter Tanz“ besteht allerdings in der wenig überzeugenden Charakterisierung des Totentänzers, dem man seine äußerst effektiven Täuschungsmanöver nicht so recht abnehmen will. Hinzu kommt, dass Deaver bei seinem Bemühen, gerade im Schlussdrittel noch einige „spannende“ Wendungen aus dem Hut zu zaubern, den Bogen überspannt und das Finale so arg überkonstruiert wirkt.

Sonntag, 20. November 2016

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 4) „Vater und Sohn“

(Heyne, 640 S., Pb.)
Auf der Suche nach seinem Sohn Ishmael, zu dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, gerät der ehemalige Texas Ranger Hackberry Holland 1916 im Norden Mexikos in die Gewalt von mexikanischen Revolutionssoldaten, die ihn beschuldigen, bei einem Angriff auf einen ihrer Züge auch mexikanische Zivilisten ermordet zu haben. Hackberry kann sich weder verzeihen, tatsächlich für diese Taten mitverantwortlich gewesen zu sein, noch sich von seinem Sohn wegen seiner manipulierenden, von Neid zerfressenen Ehefrau Maggie abgewendet zu haben.
Mit Hilfe der geheimnisvollen wie schönen Prostituierten Beatrice DeMolay kann Hackberry seine Suche fortsetzen und gelangt dabei in den Besitz einer Reliquie, auf die es vor allem der skrupellose österreichische Waffenhändler Arnold Beckmann abgesehen hat. Der schreckt auch nicht davor zurück, Hackberrys gerade schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg in Frankreich zurückgekehrten Sohn festzuhalten. Zusammen mit dem furchtlosen Chauffeur der Prostituierten und einem befreundeten Deputy setzt Hackberry alles daran, seinen Sohn aus den Fängen des Waffenhändlers zu befreien, mit dem Maggie mittlerweile gemeinsame Sache zu machen scheint.
„Welchen Wert hatte die Ehre, wenn sie verhandelbar war? Welchen Wert hatte das Leben, wenn man seine Prinzipien aufgab, um den nächsten Sonnenaufgang zu sehen? Entscheide dich endlich, Holland!, sagte er zu sich selbst. Nimm doch den einfachen Weg und sieh zu, wie du damit leben kannst!“ (S. 608) 
Bereits 1971 schrieb James Lee Burke mit dem bislang in deutscher Sprache nicht erhältlichen „Lay down my sword and shield“ den ersten Roman, in dem der ehemalige Texas Ranger Hackberry Holland die Hauptrolle spielte. Nachdem er anschließend mit der Reihe um den in New Iberia, Louisiana, wirkenden Detective Dave Robicheaux zu internationalem Ruhm gekommen war und 1997 eine neue Reihe um Billy Bob Holland ins Leben gerufen hatte, kehrte er erst 2009 mit „Regengötter“ zu Hackberry Holland zurück und präsentiert nun mit „Vater und Sohn“ den mittlerweile vierten, wiederum episch angelegten Roman um den charismatischen Mann mit ebenso vielen Fehlern wie Frauengeschichten.
Burke entführt den Leser in die Zeit der mexikanischen Revolution, in eine Zeit, in der der amerikanische Präsident Wilson Pazifisten, Wehrdienstverweigerer und Kriegskritiker verhaften ließ und Butch Cassidy und Sundance Kid an ihrer Legende strickten. Indem Hackberry Holland sich mit seinem Sohn ebenso wie mit dessen Mutter Ruby Dansen zu versöhnen versucht, will er zumindest einen Teil der Schuld sühnen, die er im Laufe seiner Jahre angehäuft hat. Insofern kommt der gestohlenen Reliquie in der Geschichte eine besondere Bedeutung zu.
Schließlich ist die Ähnlichkeit zwischen Beatrice DeMolay und dem letzten Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, zu frappierend, um bloßer Zufall zu sein, und so fragt sich Holland nicht von ungefähr, ob es sich bei in seinem Besitz befindlichen Reliquie tatsächlich um den Kelch handeln könnte, aus dem Jesus getrunken und an seine Jünger weitergereicht hatte.
„Vater und Sohn“ ist nicht nur ein epischer Familienroman, der einen Abgesang auf den Wilden Westen darstellt und das 20. Jahrhundert mit raffinierter Waffentechnik, wachsenden Telekommunikationsmöglichkeiten und Automobilen einläutet, sondern eine Reise auf der Suche nach Vergebung, Erlösung und Wiedergutmachung, ein Roman über Ehre, Verrat und (Vater-)Liebe. Burke erweist sich dabei einmal mehr als fachkundiger Autor, der die Odyssee von Vater und Sohn Holland auch atmosphärisch stimmig zu erzählen versteht. Dass dabei auch einige Längen zu überwinden sind, lässt man Burke bei seiner geschliffenen Sprache gern durchgehen.
Leseprobe James Lee Burke - "Vater und Sohn"

Sonntag, 13. November 2016

David Baldacci – (Amos Decker: 1) „Memory Man“

(Heyne, 544 S., HC)
Der 42-jährige Amos Decker hat eine ebenso bewegte wie außergewöhnliche Geschichte vorzuweisen. Nachdem er als Footballspieler so schwer verletzt worden ist, dass er wiederbelebt werden musste, hast das bei dem Zusammenstoß mit einem Gegner erlittene Schädeltrauma dazu geführt, dass Decker fortan eine Inselbegabung aufwies, Hyperthymesie – ein fast perfektes autobiografisches Gedächtnis – und Synästhesie, die sich bei Decker u.a. in der Fähigkeit manifestiert, Zahlen in Farben zu sehen.
Die Footballkarriere war durch den Unfall zwar beendet, bescherte Decker aber eine glänzende Laufbahn als Detective – bis er eines Abends vor sechzehn Monaten nach einer Observation nach Hause kam und seinen Schwager, seine Frau und seine Tochter bestialisch ermordet vorfand. Seither ist es mit dem einst genialen Ermittler nur noch bergab gegangen.
Mittlerweile wohnt Decker im Residence Inn, bedient sich üppig am im Preis inbegriffenen Frühstücksbuffet und schlägt sich als Privatdetektiv durch. Als ihn eines Tages seine frühere Partnerin Mary Lancaster aufsucht und ihm mitteilt, dass sich ein gewisser Sebastian Leopold dazu bekannt hat, die Morde an Deckers Familie begangen zu haben, ist Deckers Neugierde geweckt. Doch nach einem persönlichen Gespräch mit dem Inhaftierten will Decker nicht so an die ihm aufgetischte Geschichte glauben. Tatsächlich kann er für den Tatzeitpunkt sogar ein wasserdichtes Alibi aufweisen.
Richtig kurios wird die Geschichte, als in der Mansfield High School ein Täter mehrere Schüler, einen Lehrer und den stellvertretenden Direktor erschießt, wobei die ballistischen Untersuchungen ergeben, dass eine der verwendeten Waffen die Pistole ist, mit der bereits Deckers Frau Cassie erschossen worden ist. Offensichtlich führt ein perfekt organisierter Täter einen sehr persönlichen Rachefeldzug gegen Decker. Zusammen mit FBI Special Agent Bogart, seiner ehemaligen Partnerin Mary und der engagierten Journalistin Alex Jamison macht sich Decker auf eine Schnitzeljagd der besonderen Art. Für Decker wird es immer wieder auch eine schmerzliche Reise in die eigene Vergangenheit.
„Ein Teil von ihm wollte sich in Residence Inn zurückstehlen, die Tür hinter sich zuziehen, die Augen schließen und sich von Farben und Zahlen umhüllen lassen. Was für einen Sinn hatte es überhaupt, dass er hier war? Wie sollte er diesen Killer aufspüren, wo er nicht mal den Mörder seiner Familie finden konnte?“ (S. 116) 
Mit seinen Serien um den Camel Club, die Secret-Service-Agenten Sean King und Michelle Maxwell, den Auftragskiller Will Robie und den Militärpolizisten John Puller hat sich der US-amerikanische Autor David Baldacci weltweit einen Stammplatz in den Bestseller-Listen verdient. Nun hat er mit Amos Decker eine weitere faszinierende Figur geschaffen, die in ihrem ersten Abenteuer bereits Lust auf möglichst viele Fortsetzungen macht. Baldacci versteht es, seinen Protagonisten mit außergewöhnlichen, leider nicht steuerbaren Talenten auszustatten, die ebenso Bewunderung wie Mitgefühl hervorrufen. Trotz seiner tragischen Geschichte und seines wenig schmeichelhaften Aussehens suhlt sich Decker nicht im Selbstmitleid, auch wenn er bei Gelegenheit schon mal mit dem Gedanken gespielt hat, sich durch eigene Hand aus dem Leben zu verabschieden.
Was ihn sympathisch macht, ist sein unverminderter Drang nach Gerechtigkeit und Aufklärung. Dabei hat der Autor einen wirklich faszinierenden Fall gestrickt, der Deckers volle Konzentration auf seine ohnehin stets präsenten fotografischen Erinnerungsfähigkeiten erfordert. Wie Decker immer wieder aus scheinbar nichtssagenden Aussagen, Hinweisen und Videos neue Spuren entdeckt und analysiert, ist so packend geschildert, dass der Leser das Buch nicht eher aus den Händen legen mag, bis Decker ans Ende der raffinierten Schnitzeljagd gelangt ist.
Dass das Motiv hinter all den Morden letztlich nicht wirklich überzeugt und der Showdown genretypisch etwas überkonstruiert wirkt, tut dem Unterhaltungswert dieses Serienauftakts überhaupt keinen Abbruch. Mit Amos Decker hat Baldacci eine charismatische Figur geschaffen, die trotz ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten zutiefst menschlich wirkt und der man mit atemloser Freude bei den Ermittlungen folgt.
Leseprobe David Baldacci - "Memory Man"

Samstag, 12. November 2016

Karin Slaughter – (Grant County: 1) „Belladonna“

(Wunderlich, 413 S., HC)
Vor zwölf Jahren hat Sara Linton noch als Assistenzärztin im Grady Hospital in Atlanta gearbeitet, doch nach einem traumatischen Erlebnis hat sie ihre Heimatstadt verlassen und praktiziert nun in der verschlafenen Kleinstadt Heartsdale als Kinderärztin am Krankenhaus und als Gerichtspathologin. Als sie sich in ihrer späten Mittagspause mit ihrer Schwester Tess im örtlichen Diner trifft, entdeckt sie auf der Toilette die verblutende College-Dozentin Sybil Adams. Sara kann die schwer verwundete Frau nicht mehr retten und führt wenig später die Autopsie durch, bei der ihr nicht nur die tiefen Schnitte auf dem Bauch der Toten auffallen, die ein Kreuz bilden, sondern auch Hinweise auf eine brutale Vergewaltigung und Spuren der giftigen Tollkirsche – auch als Belladonna bekannt - im Blut der Toten, die zudem blind und lesbisch gewesen ist.
Polizeichef Jeffrey Tolliver, von dem sich Sara vor einiger Zeit wegen einer Affäre hat scheiden lassen, ist ratlos, was das Motiv für den schrecklichen Mord angeht. Als wenig später die dreiundzwanzigjährige Studentin Julia Matthews als vermisst gemeldet wird, fallen Jeffrey Tolliver und seiner Partnerin Lena Adams die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lenas ermordeter Schwester auf. Um ihrem Verdacht auf einen Serienmörder nachzugehen, arbeiten die Ermittler eine Liste mit bekannten Sexualstraftätern ab und stoßen auf einen Namen, der Bezug zu einer dunklen Episode aus Saras Leben hat, von der die Betroffene ihm Ex-Mann nie erzählt hatte.
Aber auch Lena hat schwer mit dem Verlust ihrer Schwester zu kämpfen und setzt alles daran, von den Ermittlungen nichts ausgeschlossen zu werden.
„Sie war betäubt von dem Verlust, und Wut war die einzige Emotion, die ihr das Gefühl vermittelte, noch am Leben zu sein. So schloss sie ihre Wut geradezu in die Arme, gestattete ihr, wie ein Krebsgeschwür in ihr zu wachsen, damit sie nicht zusammenbrach und zu einem ohnmächtigen Kind wurde. Sie brauchte ihre Wut, um die Situation durchzustehen. Wenn Sybils Mörder erst einmal erwischt worden war und man auch Julia Matthews gefunden hatte, würde Lena sich Trauer zugestehen.“ (S. 164) 
Nach Patricia Cornwell und Kathy Reichs hat auch Karin Slaughter eine weibliche Pathologin zur Protagonistin einer bis heute extrem erfolgreichen Serie auserkoren. Mit ihrem 2001 veröffentlichten und zwei Jahre später auch hierzulande verlegten Romandebüt „Belladonna“ hat die amerikanische Autorin gleich einen Bestseller landen können, dessen Protagonisten bis heute in der „Grant County“-Reihe ihre Ermittlungsarbeit fortsetzen.
Slaughter macht ihrem Nachnamen dabei alle Ehre und scheint ein perfides Vergnügen dabei zu empfinden, Sara Lintons Erkenntnisse bei den von ihr durchgeführten Autopsien bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Wer sich von diesen schaurigen Schilderungen nicht abschrecken lässt, wird mit einem packenden Thriller belohnt, der vor allem durch die sorgfältigen Charakterisierungen der drei Protagonisten Jeffrey Tolliver, Sara Linton und Lena Adams überzeugt, während das Finale mit der Überführung des Täters weniger stimmig wirkt. Auf jeden Fall ist mit „Belladonna“ der vielversprechende Auftakt einer sehr lesenswerten Thriller-Reihe gelegt worden.
Leseprobe "Belladonna"

Sonntag, 6. November 2016

Simon Beckett – (David Hunter: 5) „Totenfang“

(Wunderlich, 558 S., HC)
Der forensische Anthropologe David Hunter will sich gerade auf den Weg zu Freunden machen, die das Feiertagswochenende in den Cotsworlds verbringen, als er einen Anruf von Detective Inspector Bob Lundy aus Essex erhält. Hunter wird gebeten, bei der Bergung einer Wasserleiche zu helfen. Dabei soll es sich um den vor sechs Wochen spurlos verschwundenen 31-jährigen Leo Villiers handeln, der sich von seinem wohlhabenden Vater Sir Stephen Villiers losgesagt und eine Affäre mit einer verheirateten Frau namens Emma Darby gehabt haben soll, die vor einigen Jahren als Fotografin aus London hergezogen war und ebenfalls vermisst wird.
Doch nach der Bergung der stark verwesten Leiche, die in dem schlammigen Mündungsgebiet der Backwaters den Elementen ausgesetzt war, und einem wenig später aufgetauchten Fuß, der zur Leiche passt, stellt sich heraus, dass es sich nicht um Villiers handeln kann. Da Hunters Wagen im Wasser zu Schaden gekommen ist und Hunter selbst sich einen Infekt eingefangen hat, muss er noch einige Tage in der Gegend verweilen und kommt in einem abgeschiedenen Bootshaus unter, das dem grimmigen Andrew Trask gehört.
Zu seiner Schwägerin Rachel Darby entwickelt Hunter nach anfänglich kühlem Beginn eine mehr als freundschaftliche Beziehung, doch mit der Zeit erweist sich der Aufenthalt in den Backwaters als schwierige Angelegenheit.
„Alle nicht unmittelbar in die Ermittlungen Eingeweihten glaubten nach wie vor, Leo Villiers wäre tot und dass es seine Leiche wäre, welche die Polizei aus dem Mündungsgebiet geborgen hatte. Und ich setzte mich gerade mit der Familie einer Vermissten zum Abendessen an einen Tisch und tat, als wüsste ich nicht, dass ihr mutmaßlicher Mörder noch am Leben war.
Was hatte ich mir dabei gedacht?“ (S. 289) 
Während sich die Identifizierung des Toten weiter hinzieht, wird die Tochter des Automechanikers Coker in der heruntergekommenen Hütte des geistig verwirrten Edgar Holloway ermordet aufgefunden. Als Rachel und Hunter einige von Emmas Fotos unter die Lupe nehmen, führen die Hinweise zu dem Turm einer verfallenen Festung vor dem Mündungsgebiet, wo sich eine weitere Tragödie ereignet …
David Hunter ist - endlich! - zurück. Nachdem bei seinem letzten Einsatz für die Polizei zwei Polizisten gestorben waren und ein leitender Polizeibeamter den Dienst quittieren musste, ist der forensische Anthropologe bei allen Polizeistellen im Lande eigentlich zur Persona non grata geworden und deshalb auch im eigenen Institut in London nicht mehr allzu beliebt.
Deshalb kommt ihm der Einsatz in den unwirtlichen Backwaters eigentlich ganz recht, für den ihn ein Detective Chief Inspector empfohlen hat, mit dem Hunter an einem Mordfall in Norfolk zusammengearbeitet hatte. Davon abgesehen verweist Beckett in seinem fünften Roman zur Vergangenheit von David Hunter nur noch auf die psychotische Serienmörderin Grace Strachan, an die Hunter noch immer erinnert wird.
„Totenfang“ überzeugt zunächst in der detaillierten Beschreibung der besonderen Atmosphäre in den Backwaters. So wie Beckett die zerklüftete, von den Gezeiten geprägte Mündungslandschaft beschreibt, steigt dem Leser der Geruch von Seetang, Salzwasser und Krebsen ebenso in die Nase wie sich die Ruinen der Festungstürme und die triste Szenerie in Cruckhaven vor dem inneren Auge aufbauen. Dazu nimmt sich der in Sheffield lebende Brite viel Zeit, um die einzelnen Figuren zu charakterisieren und ihre geheimnisvollen Verflechtungen miteinander allmählich aufzulösen. Das ist bis zum packenden Finale psychologisch feinsinnig konstruiert, dramaturgisch stimmig aufgebaut und mit einigen schönen Wendungen gespickt, dass die Lektüre jederzeit ein kurzweiliger Hochgenuss ist.
 Leseprobe Simon Beckett - "Totenfang"