Dienstag, 12. Dezember 2017

Jeffery Deaver – (Lincoln Rhyme: 12) „Der talentierte Mörder“

(Blanvalet, 639 S., HC)
Eher zufällig wird Detective Amelia Sachs auf den mutmaßlichen Raubmörder aufmerksam, dem das NYDP seit zwei Wochen auf der Spur ist, und verfolgt ihn in das Einkaufszentrum an der Henry Street. Doch gerade in dem Moment, als Sachs sich den großen wie dürren Verdächtigen schnappen will, öffnet sich an der Rolltreppe eine Metallplatte, Sachs versucht dem in die Öffnung gefallenen Mann zu helfen, doch das Opfer wird durch den nach wie vor laufenden Antrieb grausam zerquetscht.
Lincoln Rhyme lässt sich vom Anwalt der Hinterbliebenen des Opfers als Berater engagieren, um Beweise im Prozess wegen fahrlässiger Tötung zusammenzustellen. Der querschnittsgelähmte Star-Forensiker gab seine Beratertätigkeit für das NYPD auf, nachdem er sich für den Tod eines scheinbar unschuldigen Mannes gefühlt hatte. Nun leitet er zwei Forensik-Seminare an der John Marshall School for Criminal Justice und nimmt die an den Rollstuhl gefesselte, sehr clevere Studentin Juliette Archer als Praktikantin an.
Sachs, die die Entscheidung ihres Arbeitskollegen und Lebensgefährten Lincoln Rhyme nicht versteht, dass er seine Beratertätigkeit aufgegeben hat, reagiert empört, als Rhyme ihr mit Mel Cooper auch noch den besten Kriminaltechniker der Stadt entführt hat, der ihr nun bei der Aufklärung des Raubmordes fehlt.
Als jedoch weitere Fälle bekannt werden, bei denen Menschen durch Geräte getötet werden, in denen ein sogenannter DataWise5000-Controller verbaut worden ist, stellen die Ermittler fest, dass die beiden Fälle, mit denen Rhyme und Sachs zu tun haben, zusammengehören. Die Zeit drängt, denn es sieht ganz so aus, als würde der sogenannte Täter 40 zunehmend Gefallen an seinen ausgetüftelten Tötungsmechanismen finden.
„Seitdem feststand, dass der Hüter des Volkes, ihr Täter 40, ein Serientäter war, mussten sie davon ausgehen, dass er bald wieder zuschlagen würde. Das war bei solchen Kriminalfällen oft der Fall. Was auch immer sie motivierte, ob sexuelle Lust oder terroristischer Hass, derartig intensive Gefühle führten meistens zu einer gesteigerten Häufigkeit der Taten.“ (S. 453) 
Seit „Der Knochenjäger“, dem ersten Fall von Lincoln Rhyme und Amelia Sachs, ist Jeffery Deaver zu einem der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt avanciert. Mit Hilfe der umfassenden Datenbank, die der geniale Forensiker Lincoln Rhyme seit seiner in Ausübung des Dienstes erlittenen Querschnittslähmung aufgebaut hat, und feingliedrigen Untersuchungsmethoden ist es dem im Arbeitsleben wie als Lebenspartner mit dem ehemaligen Mannequin Amelia Sachs zusammengeschweißten Kriminalisten gelungen, auch den gerissensten Verbrechern das Handwerk zu legen.
Auch in seinem neuen Rhyme-Roman verwendet Deaver viel Zeit darauf, dem Leser die akribischen Arbeitsmethoden in Rhymes Privatlabor vorzuführen. Rhyme und seine ebenfalls behinderte Praktikantin erweisen sich dabei als kongeniales Team, während Sachs nicht nur damit beschäftigt ist, sich um ihre kranke Mutter Rose zu kümmern, der eine Herz-OP bevorsteht, sondern auch ihren Ex-Freund Nick Carelli abzuwimmeln, der gerade aus dem Knast entlassen worden ist und nun behauptet, dass er die ihm vorgeworfenen Taten gar nicht begangen, sondern sich für seinen mittlerweile verstorbenen Bruder geopfert habe.
Deaver gelingt es einmal mehr, die penible Suche nach und Auswertung von noch so winzigsten Spuren als spannende Detektiv-Arbeit zu beschreiben und seine Leser mit gut recherchierten Analysen zu fesseln. Allerdings vergeht so auch viel Zeit, ehe die beiden Fälle, die Rhyme und Sachs jeweils unabhängig voneinander bearbeiten, an Schwung aufnehmen und schließlich zusammenführen. Zwischenzeitlich kommt der „talentierte Mörder“ als Ich-Erzähler auch immer wieder selbst zu Wort und sieht sich als moralisierender „Hüter des Volkes“, der die Menschen von ihrer Konsumsucht zu befreien gedenkt.
Bei der Suche nach Täter 40 (benannt nach dem Club, an dem das erste Mordopfer mit einem Kugelhammer erschlagen wurde) finden Rhyme und Archer auch mal Zeit für Rätselspiele und eine Partie Blindschach (die der Autor unnötigerweise über zwei Seiten auch bebildert nachstellt), während Sachs sich scheinbar über ihre Gefühle für ihren Ex-Lover klarwerden muss.
Und als sei das nicht schon Stoff genug für drei Thriller, jagt Sachs‘ Partner Ron Pulaski auf eigene Faust einem Drogendealer namens Oden hinterher und bringt sich damit in Teufels Küche.
„Der talentierte Mörder“ überzeugt als clever konstruierter Cop- und Psycho-Thriller mit einem außergewöhnlichen Ermittler-Duo, dessen zwischenmenschliche Beziehungen trotz der deutlich auftretenden Differenzen allerdings kaum thematisiert werden. Natürlich nimmt der Thriller zum Ende hin einige „überraschende“ Wendungen, die auf ihre konstruiert wirkende Weise dem bis dahin so klug aufgebauten Plot etwas die Plausibilität nehmen. Doch von diesem genretypischen Schwächen abgesehen bietet „Der talentierte Mörder“ gewohnt packende Thriller-Spannung von einem Meister des Genres. 
Leseprobe Jeffery Deaver - "Der talentierte Mörder"

Freitag, 8. Dezember 2017

Tess Gerritsen – (Rizzoli & Isles: 12) „Blutzeuge“

(Limes, 412 S., HC)
Als die Leiche der jungen Filmemacherin Cassandra Coyle auf dem Bett ihrer exklusiven Wohnung aufgefunden wird, ruft das nicht nur Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department, sondern auch ihre Freundin, die Gerichtsmedizinerin Maura Isles, auf den Plan. Der Mörder hat seinem Opfer nämlich die Augäpfel entfernt und in dessen Handflächen gelegt. Bei der Autopsie entdeckt Isles nicht nur eine signifikante Menge der Date-Rape-Droge Ketamin im Körper der Toten, sondern am Hals auch Rückstände von Klebemittel.
Wenig später wird an Heiligabend auch der fünfundzwanzigjährige Buchhalter Timothy McDougal am Jeffries Point unter ähnlichen Umständen tot aufgefunden, mit drei Pfeilen in der nackten Brust. Auch bei ihm wird Ketamin im Blut gefunden. Als sich Isles mit ihrem ehemaligen Geliebten, den Polizeigeistlichen Daniel Brophy, über ihren Verdacht austauscht, wird ihr klar, dass die Bostoner Polizei es mit einem Serienkiller zu tun hat, der mit seinen Taten die Leiden der christlichen Märtyrer nachstellt.
Auf den Überwachungsvideos bei den Trauergottesdiensten fällt den Beamten eine Frau auf, die sie als Holly Devine identifizieren und die eine gemeinsame, traumatische Geschichte mit den Opfern teilt. Sie war nämlich ebenso wie die Mordopfer vor zwanzig Jahren in der Kindertagesstätte Apple Tree von Irina und Konrad Stanek sowie ihrem Sohn Martin missbraucht worden, was erst ans Licht kam, als die neunjährige Lizzie DiPalma vermisst worden war. Während das Stanek-Ehepaar mittlerweile in der Haft verstorben war, wurde Martin Stanek vor drei Monaten entlassen. Doch die Journalistin Bonnie Sandridge glaubt nicht daran, dass Stanek der Täter gewesen war.
„,Lizzie DiPalmas Verschwinden versetzte die Menschen in der Gemeinde in Angst und Schrecken, und sie waren bereit, alles zu glauben – sogar, dass Tiger durch die Luft fliegen könnten. Darum geht in meinem Buch, Detective. Darum, wie aus eigentlich vernünftigen Menschen ein rasender und gefährlicher Mob werden kann.‘“ (S. 282) 
Rizzoli und ihr Partner Berry Frost haben alle Hände voll zu tun, die alten Prozessakten durchzusehen, Gespräche mit dem nun auf freiem Fuß befindlichen Hauptverdächtigen Martin Stanek und der undurchdringlichen Holly Devine zu führen, aber auch auf privater Seite haben Rizzoli und Isles einige Probleme zu meistern. So wird Maura Isles nicht nur mit dem nahenden Krebstod ihrer wegen mehrfachen Mordes inhaftierten Mutter Amalthea Lank konfrontiert, sondern muss sich auch ihren Gefühlen für Daniel stellen, der sein Versprechen Gott gegenüber nicht für Maura brechen will. Und Jane Isles bekommt zum Weihnachtsessen vorgeführt, wie sehr ihre Mutter unter der Ehe mit ihrem Mann zu leiden hat, nachdem sie ihre Affäre mit Vince Korsak beendet hatte.
Für einen moderaten Umfang von 400 Seiten bietet der zwölfte Band aus der erfolgreichen Thrillerreihe um Rizzoli & Isles nicht nur etliche Tote mit außergewöhnlichen Verletzungen, sondern auch eine interessante Spurensuche in der Vergangenheit. Wie die Missbrauchsanschuldigungen im Fall von Apple Tree mit den Morden in der Tradition christlicher Märtyrer zusammenhängen, zählt zu den spannungstreibenden Elementen in „Blutzeuge“.
Dass Maura Isles immer wieder mit ihrer grausamen Mutter konfrontiert wird, hat sie mit Karin Slaughters Protagonisten Will Trent gemein, der ständig von seiner psychopathischen Exfrau Angie terrorisiert wird. Das mag für einige Stories innerhalb einer Reihe ganz interessant sein, auf die Dauer nerven diese Verknüpfungen allerdings und tragen nicht zur Glaubwürdigkeit des Plots bei. Viel interessanter wären hier die Beziehungen zwischen Maura Isles und ihrem geliebten Geistlichen einerseits und die problematischen Verhältnisse in der Rizzoli-Familie. Janes Mann Gabriel wird auf den immer verständnisvollen Gefährten reduziert, während die Episode zwischen Isles und ihrem Love Interest wie eine Anekdote behandelt wird.
Doch Gerritsen scheint nicht mehr als an einer oberflächlichen Entwicklung ihrer Figuren interessiert zu sein, was sie u.a. ihrem Kollegen James Patterson gemein hat. Stattdessen liefert sie leicht lesbare, durchaus spannende Thriller-Kost mit einem überschaubaren, aber kaum markant gezeichneten Ensemble, wobei sich die Originalität des Plots meist auf möglichst mysteriöse, abartige Modi Operandi beschränkt.
 Leseprobe Tess Gerritsen - "Blutzeuge"

Håkan Nesser – „Der Fall Kallmann“

(btb, 572 S., HC)
Sieben Monate nach dem Verschwinden seiner Frau und seiner Tochter nimmt Leon Berger das Angebot seiner alten Freundin Ludmilla Kovacs an und verlässt die Metropole Stockholm für eine Anstellung als Lehrer in der Provinzstadt K. im Nordwesten Schwedens, wo er die Nachfolge von Eugen Kallmann antritt. Der angesehene, aber in sich verschlossene Mann war bei einem Sturz von einer Treppe ums Leben gekommen und hinterließ einige Tagebücher, die Berger bei der Durchsicht des Schreibtisches seines Vorgängers entdeckt und die von 1980 bis 1994 reichen. Doch als sich Berger näher mit Kallmanns Einträgen in den Büchern auseinandersetzt, stellt er fest, dass der Autor oft sehr unverständliches und wirres Zeug von sich gibt, ja sogar davon schreibt, seine Mutter umgebracht zu haben und in den Augen der Menschen erkennen zu können, ob sie ebenfalls jemanden getötet haben.
Berger ist neugierig geworden und bittet seine Freundin Ludmilla, die als Beratungslehrerin an der Schule tätig ist, und seinen Kollegen Igor, mit ihm herauszufinden, was an Kallmanns Schilderungen wahr sein könnte. Gleichzeitig wächst die Vermutung, dass Kallmann tatsächlich Opfer eines Gewaltverbrechens gewesen sein könnte. Aufschluss könnte ein fehlendes Tagebuch ab 1995 sein, das die gut fünf Monate bis zu Kallmanns Tod abdeckt, aber nicht an seinem Arbeitsplatz in der Schule zu finden ist.
Während der privaten Ermittlungen des Trios erschüttern einige antisemitische Vorfälle in der Schule die Kleinstadt, die in dem Mord an einem Jung-Nazi und einer Demonstration der rechtsradikalen Bewegung Die Zukunft Schwedens gipfelt.
„Alles ist schon einmal geschehen und geschieht wieder, es ist nicht gut für den Verstand, auf diese Bahn zu geraten. Ich denke, dass ich ziemlich viel dafür geben würde, zehn Minuten mit Eugen Kallmann sprechen zu dürfen; ich stelle mir vor, dass ich dann so manches begreifen würde, was im Moment knapp außerhalb der Reichweite meiner Auffassungsgabe tanzt.“ (S. 526) 
Der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser präsentiert sich in seinem neuen Roman „Der Fall Kallmann“ nicht als allwissender Erzähler, sondern lässt jeweils die wichtigsten Figuren ihre Eindrücke, Gedanken und Gefühle aus der Ich-Perspektive zum Besten geben. Auf diese Weise erfährt der Leser recht schnell, wie Leon Berger durch den Umzug nach K. das Trauma des Verlusts seiner Familie hinter sich zu lassen versucht, wie Ludmilla eine Affäre mit ihm beginnt, während ihr Mann Klas sich mit einer jüngeren Fitness-Trainerin vergnügt, wie die beiden Freundinnen Andrea und Emma ebenfalls Interesse am Rätsel um Kallmanns Tod entwickeln, wie Igor, der an der Schule die engste Verbindung zu Kallmann gepflegt hatte, sich an den Toten erinnert.
Die nationalistischen Triebe, die Nesser in seinem Roman thematisiert tragen letztlich nicht wirklich zur Lösung des Falls Kallmann bei, sondern bringt eher ein aktuelles gesellschaftspolitisches Problem zur Sprache und etwas Action in einen sonst eher ruhig inszenierten Plot, der von Nachforschungen in der Vergangenheit geprägt ist.
Durch die verschiedenen Ich-Erzählperspektiven gelingt es Nesser allerdings, den Leser schnell ins Geschehen einzubinden und eine vertrauliche Beziehung zu den Figuren aufzubauen. Das Rätsel um Kallmanns Tod und seine auf einen ungeklärten Mord verklausulierten Hinweise werden dann behutsam wie ein komplexes Puzzle gelöst.
„Der Fall Kallmann“ fasziniert so als gut beobachtete psychologische Studie, als überzeugende, nicht übermäßig konstruierte Detektivgeschichte und als stimmiger Entwicklungsroman.
Leseprobe Håkan Nesser - "Der Fall Kallmann"

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Stephen King & Owen King - „Sleeping Beauties“

(Heyne, 959 S., HC)
In der Welt herrscht gewalttätiges Chaos. Neben dem Erdbeben in Nordkorea sind es aber vor allem von (männlicher) Menschenhand initiierte Katastrophen, die die Nachrichten prägen: Ein durch Sabotage entflammter Bohrturm im Golf von Aden, kriegerische Auseinandersetzungen in der Golfregion und ein seit vierundvierzig Tagen andauernder Konflikt zwischen einer Miliz in New Mexico und dem FBI sowie Krebserkrankungen im Kohlerevier der Appalachen, wo vor fünf Jahren ein Chemieunfall den Fluss verseucht hatte.
Doch diese Schreckensmeldungen verblassen angesichts einer weltweiten Epidemie, die auch die in West Virginia liegende Kleinstadt Dooling erfasst: Sobald Frauen einschlafen, werden sie in einen Kokon gehüllt und wachen nicht mehr auf.
Die Situation spitzt sich zu, als Sheriff Lila Norcross zu einer Explosion eines Meth-Labors mit zwei Toten gerufen wird und in der Nähe des Tatorts eine wunderschöne fremde Frau aufgreift, die auf den Namen Evie Black hört und offensichtlich über besondere Fähigkeit verfügt. Sie weiß nicht nur sehr persönliche Dinge über die Personen, mit denen sie zu tun hat, sondern kann auch wieder ganz normal aufwachen, wenn sie geschlafen hat.
Für Clint Norcross stellt Evie, die zur Sicherheitsverwahrung ins Gefängnis gesperrt wird, ein höchst interessantes Forschungsobjekt dar, das auf jeden Fall vor dem Zugriff der Außenwelt geschützt werden muss. Derweil organisiert der städtische, zu Aggressionen neigende Tierfänger Frank Geary eine Truppe von Männern, die die Frauenhaftanstalt stürmen und Evie in ärztliche Obhut geben wollen, weil die geheimnisvolle Frau eventuell nicht nur für die Schlafkrankheit Aurora verantwortlich sein, sondern auch das Gegenmittel zur Heilung besitzen könnte. Schließlich haben die Männer bereits damit begonnen, Frauen in den Kokons abzufackeln, weil eine Fake-News im Internet dazu aufgefordert hatte, um die Seuche einzudämmen. Werden die Kokons stattdessen geöffnet, werden die eben noch schlafenden Frauen zu mörderischen Bestien, nur um dann wieder einzuschlafen.
Evie ist nicht nur in der Lage, mit einem Kuss Lebensenergie zu spenden, sondern sie besitzt auch die Fähigkeit, in Gestalt von Motten, Ameisen und Ratten Dinge in Bewegung zu setzen. Vor allem hat sie einen Tunnel geschaffen, durch den die eingeschlafenen Frauen in eine andere Welt gehen können, die sie als „Unseren Ort“ bezeichnen und der frei ist von männlicher Gewalt.
„Hier war eine Welt, in der ein kleines Mädchen selbst nach Dunkelheit allein nach Hause gehen und sich sicher fühlen konnte. Eine Welt, in der das Talent eines kleinen Mädchens sich gleichzeitig mit seinen Hüften und Brüsten entwickeln konnte. Niemand würde es im Keim ersticken.“ (S. 738) 
Allerdings droht der Tunnel verschlossen zu werden, wenn der Zauberbaum, der ihn beherbergt, abgebrannt wird. Die Frauen auf der anderen Seite müssen sich geschlossen entscheiden, ob sie ihr Leben ganz neu in einer neuen Welt beginnen wollen oder in die alte zurückkehren, wo die Männer hoffentlich aus ihren Fehlern gelernt haben …
Nachdem der mittlerweile bereits 70-jährige Stephen King mit seinem Sohn Joe Hill („Blind“, „Christmasland“) die beiden Kurzgeschichten „Vollgas“ und „Im hohen Gras“ realisiert hatte, folgt nun mit „Sleeping Beauties“ eine weitere familiäre Gemeinschaftsarbeit, diesmal mit dem hierzulande noch völlig unbekannten, in seiner Heimat aber durch einige Kurzgeschichten aufgefallenen 40-jährigen Sohn Owen. Für ihr erstes gemeinsames Buch haben sie ein durchaus spannendes und gesellschaftlich hochaktuelles Thema als Grundlage für ein episches Fantasy-Drama gewählt, das der Frage nachgeht, inwieweit die Männer die Frauen unterdrücken und ob eine Welt ohne Frauen wirklich erstrebenswert wäre.
Aus dieser Fragestellung haben die beiden Kings eine typische amerikanische Kleinstadt ins Zentrum ihrer Geschichte gestellt und eine zunächst unüberschaubar anmutende Menge an Figuren (die in knapp vierseitigen Personenregister zunächst kurz vorgestellt werden) geschaffen, die allerdings oft nur kurze Auftritte haben und die Geschichte nicht wirklich voranbringen. Sie stehen sowohl in weiblicher wie in männlicher Hinsicht oft nur für Stereotypen ihrer jeweiligen Rolle in der Gesellschaft.
Zum Glück hat das Autorengespann aber auch eine Reihe von Identifikationsfiguren kreiert, die nicht nur die Handlung vorantreiben, sondern auch das Dilemma personifizieren, in dem beispielsweise Gewalt und Mord gerechtfertigt werden soll. Neben Lila und Clint Norcross, die neben der Epidemie auch noch eine Ehekrise zu bewältigen haben, sind dies vor allem der ambitionierte, aber auch zu Gewaltausbrüchen neigende Tierfänger und selbsternannte Deputy Frank Geary, die beiden Gefangenen Jeanette Sorley und Angel Fitzroy sowie die Journalistin Michaela Morgan, Tochter von Gefängnisdirektorin Janice Coates. Wunderbar mysteriös ist den Kings die Charakterisierung von Evie Black gelungen, die teils als Hexe gefürchtet, teils als Heilsbringerin verehrt wird.
„Sleeping Beauties“ ist bei der epischen Länge von fast 1000 Seiten ein überwiegend packender Fantasy-Thriller geworden, der aus einer spannenden Ausgangssituation sowohl ganz märchenhafte Elemente (mit weißem Tiger, sprechenden Ratten und einem Rotfuchs und einer nicht von dieser Welt stammenden Evie) als auch beängstigend reale Vorstellungen zu einem apokalyptischen Szenario vereint, wie es offensichtlich nicht nur Vater King – wie bereits in „The Stand – Das letzte Gefecht“ oder „Die Arena“ -, sondern auch seine Söhne zu kreieren verstehen. Trotz einiger Längen fesselt der Roman bis zum starken Finale. 
Leseprobe Stephen King & Owen King - "Sleeping Beauties"

Sonntag, 3. Dezember 2017

Karin Slaughter – (Georgia: 6) „Blutige Fesseln“

(HarperCollins, 512 S., Tb.)
Will Trent will gerade seinen Hund Betty zur Zahnreinigung bringen, als er von seiner Partnerin Faith Mitchell zu einem Tatort gerufen wird. Bei dem Toten handelt es sich um den 58-jährigen Ex-Cop Dale Harding, der in einer riesigen Blutlache bei den abbruchreifen Lagerhäusern gefunden wurde, die dem prominenten Profi-Basketballer Marcus Rippy gehören. Der als spielsüchtige Trinker bekannte Harding war während seiner aktiven Dienstzeit zuletzt als Detective im Bereich Wirtschaftskriminalität tätig und wirkte nach seinem vorzeitigen Ruhestand als privater Handlanger für Zuhälter und Geldeintreiber weiter.
Was den Fall schnell interessant macht, ist die Tatsache, dass Rippy auf dem Gelände, auf dem Hardings Leiche gefunden wurde, einen Nachtclub aufmachen will. Zuvor versuchte Will, einen Fall gegen Rippy aufzubauen, weil dieser eine Studentin unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben soll, aber seine gutbezahlten Anwälte ließen den Fall nie vor Gericht kommen. Die Gerichtsmedizin findet schnell heraus, dass das Blut am Tatort nicht von Harding stammt, eine in der Nähe gefundene Waffe ist ausgerechnet auf Wills Ex-Frau Angie Polaski zugelassen.
Schließlich entdeckt die Polizei eine schlimm zugerichtete Frauenleiche, die zunächst für Angie gehalten wird, doch Will wird schnell klar, dass die Frau, mit der er zusammen im Atlanta Children’s Home aufgewachsen ist, nur einen weiteren perfiden Plan verfolgt, ihm das Leben zu Hölle zu machen, was vor allem Wills noch recht junge Beziehung zur Gerichtsmedizinerin Sara Linton auf eine harte Probe stellt.
Der Schlüssel zur Lösung des Falls scheint in der Verbindung zwischen Rippy, Harding und Angie zu liegen, wobei vor allem Hardings Hintergrund immer dunklere Abgründe offenbart.
„Alle sagten immer, Dale sei ein schlechter Polizist. Doch niemand kam darauf, wie schlecht er wirklich war. Sie dachten, es sei das Saufen und seine Spielsucht. Sie wussten nicht, dass er einen Stall minderjähriger Mädchen unterhielt, die seinen Gehaltsscheck von der Stadt aufbesserten. Dass er Fotos machte. Dass er die Fotos an andere Männer verkaufte. Dass er die Mädchen verkaufte. Dass er die Mädchen selbst benutzte.“ (Pos. 5590) 
Die amerikanische Thriller-Bestseller-Autorin Karin Slaughter hat in ihren miteinander verwobenen Reihen um Grant County, Georgia und Will Trent ein über die Jahre gereiftes, interessantes Figurenarsenal geformt, das abgesehen von Saras Ex-Mann, dem im Dienst getöteten Jeffrey Tolliver, auch in der mittlerweile langlebigsten Georgia-Reihe das Geschehen bestimmt.
Dabei wird vor allem die komplizierte gemeinsame Vergangenheit von den in Pflegeheimen und -familien aufgewachsenen Will und Angie aufbereitet, die vor allem bei Angie psychische Deformierungen hinterlassen hat und noch immer für zwischenmenschliche Turbulenzen zwischen den ehemaligen Eheleuten führt.
Das bekommt im sechsten Georgia-Band vor allem Sara am eigenen Leib zu spüren, als sie erfährt, dass Will sie nach einer Liebesnacht verlassen hatte, um Angie aufzusuchen. So haben Faith und Will mit ihrer Chefin Amanda nicht nur einen komplizierten Fall zu lösen, sondern es geht vor allem auch darum, ob Sara wieder das alte Vertrauen zu Will aufbauen kann. In der Vielschichtigkeit der Themen liegt leider auch das große Problem des Thrillers, denn die fast schon inzestuös wirkende Konzentration auf das bewährte, aber mittlerweile auch überstrapazierte Figurenensemble mit seinen komplizierten Verflechtungen und Animositäten nervt durch die Zwanghaftigkeit, mit der die Beziehungen konstruiert werden. Hier würde die Erweiterung durch andere starke Charaktere wahre Wunder wirken. Dies geschieht hier nur durch ein weiteres Familienmitglied, nämlich Angies Tochter Jo, die eine zentrale Rolle in dem Plot einnimmt, aber das Geschehen letztlich auch wieder nur auf Will und Angie zurückführt.
Die starre Fokussierung auf Will, Amanda, Faith, Sara und Angie führt nämlich leider auch dazu, dass die Personen, die in den Fall um Dale Harding und Marcus Rippy involviert sind, nur sehr grob skizziert werden. Durch die ständig wechselnden Hinweise bei den Ermittlungen und den vertrackten persönlichen Beziehungen geht vor allem im Mittelteil der Spannungsbogen weit nach unten, so dass bei „Blutige Fesseln“ sowohl in figürlicher Hinsicht als auch bei der Auflösung des Harding-Falls mehr Stringenz zu wünschen gewesen wäre. 
Leseprobe Karin Slaughter - "Blutige Fesseln"

Sonntag, 26. November 2017

Terry Burrows, Daniel Miller - „Mute – Die Geschichte eines Labels“

(Blumenbar, 320 S., HC)
Das 1978 von Daniel Miller gegründete Label Mute Records ist nicht nur die Heimat kommerziell erfolgreicher Acts wie vor allem Depeche Mode, Yazoo, Erasure, Goldfrapp und Moby, sondern neben Some Bizarre, 4AD und Factory auch eines der bis heute interessantesten und erfolgreichsten Indie-Labels überhaupt. In der von Terry Burrows und Daniel Miller selbst verfassten Label-Chronik „Mute – Die Geschichte eines Labels“ wird der Fokus vor allem auf die visuelle Seite des Labels gerichtet, das im Gegensatz zu anderen Labels kein in sich geschlossenes Konzept verfolgt, sondern eher künstlergesteuert ist.
Bevor erst auf Seite 24 Daniel Miller in der Einleitung erläutert, wie er von der DIY-Philosophie der Punk-Bewegung, deutschen Elektronik-Acts wie Neu!, Can, Amon Düül II und Kraftwerk und vor dem Hintergrund seiner eigenen Ausbildung an der Art School dazu inspiriert wurde, unter dem Namen The Normal eine Doppel-Single („T.V.O.D.“/“Warm Leatherette“) zu veröffentlichen und nach dem unerwarteten Erfolg ein Label mit Künstlern wie Frank Tovey aka Fad Gadget, D.A.F. und Depeche Mode aufzubauen, gleitet der Blick des Lesers/Betrachters nämlich zunächst über eine Reihe von Künstlerfotos, Videostills und Plattenartworks sowie einen imponierenden Label-Stammbaum, der vor allem die Beziehungen zwischen den einzelnen Acts kartografiert.
„Als die Idee für dieses Buch laut wurde, war sofort klar, dass das nicht die übliche Biografie werden sollte; vielmehr sollte es die Geschichte des Labels visuell erzählen – sei es durch Artwork, Fotos, Verpackung oder Design. Was nur logisch ist, denn obwohl Mute sich in erster Linie um die Musik kümmert, war die Präsentation unserer Künstler und deren Releases immer ein wichtiger Teil der Labelarbeit.“ (S. 25) 
Während es mittlerweile ausführliche Biografien über Depeche Mode, Nick Cave und D.A.F. gibt, beschränkt sich Terry Burrows in seiner Geschichte über Mute eher darauf, wie wegweisende Begegnungen zustande gekommen sind, mit denen Miller sein Label nach und nach aufgebaut hat, dessen Name er seiner Tätigkeit als Cutter bei Associates Television entlieh, in dessen Studios die „Mute“-Warnschilder omnipräsent gewesen sind.
Es sind schöne, interessante Geschichten, wie Daniel Miller mit seinem eigenen, kurzweiligen Projekt The Normal und der ersten Fad-Gadget-Single „Back To Nature“ erste Erfolge feiern konnte und so das Geld hatte, drei Studiotage bei Conny Plank in Köln zu finanzieren, wo der Produzent das erste D.A.F.-Album vollenden sollte.
Größeren Raum in dem Buch nimmt natürlich die Erfolgsgeschichte von Depeche Mode ein, der frühe Weggang von Vince Clarke, der daraufhin mit Yazoo, The Assembly und Erasure andere mehr oder weniger langlebige und erfolgreiche Projekte initiierte. Natürlich wird im Zusammenhang mit der visuellen Präsentation des Mute-Label-Outputs auch die Bedeutung und Arbeit von Designern wie Adrian Shaughnessy und den Fotografen Brian Griffin und Anton Corbijn gewürdigt, die verschiedenen Sublabels, unter denen vor allem The Grey Area mit der Wiederveröffentlichung von Alben der Industrial-Ära, von Acts wie Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, SPK, Thomas Leer und Robert Rental, eine Schlüsselstellung einnehmen sollte.
Zum Schluss werden auch die Turbulenzen thematisiert, in den Mute geraten sollte, als Miller das Label 2002 an EMI verkaufte, aber weiterhin künstlerischer Leiter blieb, bis auch EMI verkauft wurde und Miller einen Neuanfang mit Mute Artists wagte. Bislang hat Miller noch keine Pläne, in Rente zu gehen.
Das ist angesichts der zunehmend anonymisierten Fließbandproduktionen im Musikgeschäft ein Zeichen der Hoffnung, und der vorliegende Bildband unterstreicht die Ambitionen des einzigartigen Labels auf eindrucksvolle Weise. 
Leseprobe "Mute - Die Geschichte eines Labels"

Mittwoch, 22. November 2017

John Williams – „Stoner“

(dtv, 349 S., Tb.)
Der 1891 auf einer Farm nahe des Dorfes Booneville im tiefsten Missouri geborene William Stoner hat es im Alter von neunzehn Jahren geschafft, dem einfachen Leben auf dem Lande zu entkommen und an der Universität von Missouri zu studieren, zunächst Agrarwirtschaft – in der Hoffnung, dass seine dabei gewonnenen Erkenntnisse bei der Arbeit auf der elterlichen Farm hilfreich sein könnten -, dann ermutigt ihn sein Dozent Archer Sloane, zur Literaturwissenschaft zu wechseln.
Stoner lebt in einem kleinen Zimmer bei Verwandten, findet zunächst keine Freunde, wird sich seiner Einsamkeit bewusst. Da er keine konkreten Zukunftspläne hat, aber auch nicht auf die Farm zurückkehren will, bleibt er dem akademischen Betrieb erhalten, beendet 1915 den Magisterstudiengang mit einer Arbeit über Chaucers „Canterbury Tales“ und beginnt, Einführungskurse Englisch für Erstsemester zu geben.
Endlich findet er mit den Dozenten David Masters und Gordon Finch erste Freunde, später mit der ebenfalls sehr schüchternen und zerbrechlich wirkenden Edith eine Frau. Ihre wohlhabenden Eltern aus St. Louis geben dem jungen Ehepaar ein Darlehen für ein größeres, aber auch etwas verwittertes Haus. Im Ersten Weltkrieg stirbt Masters, Stoner und Finch haben währenddessen die Universität nicht verlassen. Die Ehe zwischen der lustfeindlichen Edith und Stoner gerät zur Farce, daran ändert auch die Geburt ihrer Tochter Grace nichts.
Erst im Alter von über Vierzig lernt Stoner die wahre, leidenschaftliche Liebe kennen, doch die Beziehung mit der Studentin Katherine hat natürlich keine Zukunft …
„Er hatte die Einzigartigkeit, die stille, verbindende Leidenschaft der Ehe gewollt; auch die hatte er gehabt und nicht gewusst, was er damit anfangen sollte, also war sie gestorben. Er hatte Liebe gewollt, und er hatte Liebe erfahren, sie aber aufgegeben, hatte sie ins Chaos des bloß Möglichen ziehen lassen.“ (S. 344f.) 
Es ist irgendwie ein trostloses Leben, das der zu seinen Lebzeiten kaum bekannte amerikanische Journalist, Dozent und Autor John Williams (1922-1994) in seinem bereits 1965 veröffentlichten, aber spät wiederentdeckten Roman „Stoner“ präsentiert. Zwar hat es sein Protagonist geschafft, der körperlich schweren und eintönigen Arbeit auf der Farm seiner Eltern zu entkommen und eine akademische Karriere zu absolvieren, doch kann dieses Leben kaum als glücklich und erfüllend bezeichnend werden. Da er durch sein Elternhaus nicht den Umgang in der Gesellschaft gelernt hat, wirkt er im Umfeld der Universität eher unbeholfen, seine sozialen Kontakte unbestimmt.
Das nimmt beim schüchternen Kennenlernen seiner Frau ihren Anfang, zieht sich durch die kaum ernstzunehmenden Freundschaften auf dem Campus, wo er sich schließlich ohne erkennbaren Grund mit seinem Kollegen Lomax überwirft, und wird auch nur kurz durch die leidenschaftliche Affäre mit Katherine gelindert.
Williams hat in seinem dritten von insgesamt nur vier veröffentlichten Romanen (nach „Nichts als die Nacht“ und „Butcher’s Crossing“) auf fast dokumentarische Weise das Leben eines Mannes beschrieben, das zwar die äußeren Umstände detailreich schildert, aber die psychologischen Tiefen, die persönlichen Motivationen nicht ausleuchtet, so dass die Charakterisierung der Figuren nahezu dem Leser überlassen bleibt. Dabei vermag Williams mit seiner sprachlichen Finesse allerdings einen Sog zu erzeugen, dass er den Leser durch die Konfrontation mit Stoners Leben immer wieder zu Selbstreflexion anregt, eine Fähigkeit, die seinem Stoner völlig abhanden geht.
Leseprobe John Williams - "Stoner"

Dienstag, 21. November 2017

Dan Dalton – „Johnny Ruin“

(Tempo, 223 S., HC)
Eigentlich strebte der 1983 geborene Johnny eine Karriere als Schriftsteller an, doch irgendwann blieben seine Ambitionen auf der Strecke, ohne auch nur eine Idee entwickelt zu haben. Stattdessen schrieb er für die Firma JoeSeal Tweets mit pseudophilosophischen Lebensweisheiten aus der Sicht einer Dose Holzbeize. Ähnlich katastrophal verhielt es sich mit seinen Frauengeschichten. Nur Sophia hat er wirklich lieben können. Als sie sich von ihm trennte, schien sein Leben keinen Sinn mehr zu machen. Gegen seine selbstdiagnostizierte Depression fing er an, Ketamin einzunehmen, schließlich in einer so hohen Dosis, bis er leblos (?) auf dem Boden seines Londoners Studio lag und sich selbst von oben betrachten konnte. Derart losgelöst von seiner körperlichen Hülle findet sich Johnny irgendwo in Kalifornien wieder, umgeben von Mammutbäumen, und von irgendwo oben aus den Ästen pinkelt Jon Bon Jovi herunter, der 1994 für Johnny der coolste Typ der Welt gewesen ist.
Gemeinsam machen sich die beiden auf eine Odyssee durch die Vereinigten Staaten bis nach New York, mal mit Johnnys altem Freund Paul, mit dem er eigentlich vorhatte, dreißig Staaten in dreißig Tagen zu durchqueren und dessen zerschmetterten Körperteile er dann nach einem Autounfall vom Asphalt klauben musste, dann auch mit seiner Ex Sophia oder dem Hund Fisher an Bord.
Die Fahrt dient vor allem Johnny dazu, alte Erinnerungen und Wunden aufzuarbeiten: die Demütigung, dass sein ein Jahr älterer Bruder das geschafft hat, was er selbst nicht zustande bringen konnte, nämlich ein Buch zu veröffentlichen – wenn auch nur eine krude Mischung aus „Breakfast Club“ und „Alien“ -; die ersten Küsse und Masturbations-Erfahrungen, endlose One-Night-Stands, Überlegungen zu den Menschen, die beim Basejumping ums Leben gekommen sind.
Besonders ausgiebig wird natürlich die gescheiterte Beziehung mit Sophia aufgearbeitet, wobei sich Johnny sicher sein kann, dass Jon Bon Jovi immer einen passenden Kommentar parat hat.
„Die glücklichsten Momente waren die, wenn wir beide still lasen, uns einander gegenüberlagen wie fallen gelassene Streichhölzer, das Geräusch von Papier, umgeblätterten Seiten, befriedigte Körper, die ihr Gewicht verlagern, leben, atmen. (…) Ich erinnere mich an jedes Detail.
Das einzige Problem ist, dass ich nicht sicher bin, ob es wirklich passiert ist. Jedenfalls nicht so. Erinnerung ist größtenteils Erfindung. Ich kann mich nicht erinnern, woran ich mich erinnere. Vielleicht war unser Schweigen ja gar nicht glücklich. Vielleicht habe ich das erfunden.“ (S. 141) 
Der aus London stammende Journalist und Autor Dan Dalton lässt es in seinem Debütroman offen, in welchem Bewusstseinszustand sich sein Ich-Erzähler Johnny Ruin befindet, ob er sich im medizinindizierten Delirium befindet oder schon im Todestraum. Jedenfalls spielt sich das Geschehen fernab jeder Realität vor allem in den meist melancholischen Erinnerungen des liebeskranken und sonst auch ganz unzufriedenen Anti-Helden ab.
Dabei durchstreift Johnny sprunghaft Kindheitserinnerungen und wahllose Sex-Datings, garniert diese aber immer wieder mit einer erfrischenden Prise Humor, sei es durch die amüsanten Beispieltweets für JoeSeal oder die trockenen Kommentare seines Begleiters und Helden Jon Bon Jovi. Aus nahezu jeder Zeile des Romans spricht die große, aber auch zerstörerische Leidenschaft, mit der Johnny Sophia geliebt hat, aber es wird nur seine Version der Geschichte, der schöngefärbten Erinnerungen präsentiert.
Zwischen all die verzweifelten Rufen nach Liebe drängen sich Szenen der Freundschaft mit Paul, der von Konkurrenz geprägten Beziehung zu seinem Bruder, der unzähligen One-Night-Stands. Wie Dalton dabei die Verzweiflung einer verlorenen Liebe und vertanen Chancen mit einer Mischung aus Melancholie und feinem Humor zum Ausdruck bringt, macht den ungewöhnlichen Road Trip zu einem abenteuerlichen, erfrischenden Leseerlebnis. 
Leseprobe Dan Dalton - "Johnny Ruin"

Sonntag, 19. November 2017

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 5) „Weißes Leuchten“

(Pendragon, 502 S., Pb.)
Als sich eine großkalibrige Kugel ins Wohnzimmer des wohlhabenden Weldon Sonnier verirrt, sucht ihn Detective Dave Robicheaux vom Sheriff’s Department von Iberia Parish auf. Merkwürdigerweise hat seine Frau den Vorfall gemeldet, nicht Weldon selbst, der sich beim Gespräch mit Robicheaux auch äußerst wortkarg gibt und die Sache herunterzuspielen versucht. Weldon Sonnier ist als Ölbohrer zu Geld gekommen, nachdem er für Air America geflogen ist, eine Fluglinie, die die CIA in Vietnam betrieben hatte.
Angeblich hat er für die Renovierung der alten Familienvilla am Rande des Bezirks am Bayou Teche zweihunderttausend Dollar ausgegeben. Sein Bruder Lyle, mit dem Robicheaux in Vietnam gedient hat, macht mittlerweile als Fernsehprediger Karriere, mit seiner Schwester Drew war der Cop eine Zeitlang liiert, und sein Schwager Bobby Earl hat eine Vergangenheit mit dem Ku Klux Klan.
Die Ermittlungen gewinnen an Schärfe, als einer von Robicheaux‘ neuen Kollegen bei einem weiteren Besuch auf Sonniers Grundstück geradezu hingerichtet wird. Robicheaux stößt auf die Namen von Eddie Raintree und Jewel Fluck, die offensichtlich nicht nur eine Verbindung zur Aryan Brotherhood, sondern auch zur Mafia haben.
Zusammen mit seinem alten Kumpel und Ex-Kollegen Cletus Purcel, der sich als Privatdetektiv in New Orleans niedergelassen hat und selbst für einen Mafioso gearbeitet hat, macht sich Robicheaux auf die Suche nach den Männern, die offensichtlich eine Rechnung mit Weldon Sonnier offenhaben. Dabei begegnet er nicht nur Demagogen, offensichtlichen Gangstern und Männern, die so weit oben in der Hierarchie stehen, dass ihnen nichts und niemand etwas anhaben kann, sondern auch Schwarzen, die noch immer unter der Diskriminierung zu leiden haben, aber auch Weißen, die es nicht schaffen, etwas aus ihrem Leben zu machen.
„Warum stimmte mich dieser Haufen von Pennern und Trinkern so morbide? Weil sie meine ständige Gewissheit noch verstärkten, dass mich nur ein Glas von ihrem Schicksal trennte – Verzweiflung, das langsame Absterben der Seele, Wahnsinn, Tod -, und dies vor Augen geführt zu bekommen, versetzte mir einen ziemlichen Stich.“ (S. 375) 
Den Männern auf die Spur zu kommen, die für den Überfall auf Weldon Sonniers Haus verantwortlich gewesen sind und offensichtlich ihr Geld auch mit Blut eintreiben, fällt Robicheaux nicht leicht, denn nicht nur Weldon gibt sich recht mundfaul. Schließlich weiß jeder im Bayou, wie die Mafia mit Verrätern umgeht.
Unterstützung erhält der gewissenhafte Cop wieder einmal von seinem alten Freund Cletus, der selbst eine herbe Abreibung einstecken muss, aber weit weniger als Robicheaux Skrupel hat, bei Befragungen auch mal die harte Gangart einzulegen. Neben diesem verzwickten Fall hat es Robicheaux auch mit Bootsies Krankheit Lupus zu tun, die ihr das Bindegewebe zersetzt und deren Behandlung sich als extrem schwierig erweist.
Im fünften Band von James Lee Burkes zurecht gefeierter Reihe um den Vietnamkriegsveteranen und Ex-Alkoholiker Dave Robicheaux begegnen dem Leser vertraute Themen wie Rassendiskriminierung, die Mafia und Korruption, dazu gesellen sich Inzest und Kindesmisshandlung. All das vereint Burke mit seinen fein beobachteten Beschreibungen der südstaatlichen Architektur und Landschaft, vor allem aber auch der Menschen, die sich oft leider auch von Geldgier, Sex, Drogen, Gewalt und Macht verleiten lassen.
An sich liest sich „Weißes Leuchten“ wie fast jeder andere Roman aus der Robicheaux-Reihe, indem er die vertrauten Missstände von Korruption, Diskriminierung und Bigotterie aufgreift und die darin eingebettete Kriminalhandlung mit äußerst atmosphärischen Beschreibungen von Louisiana abrundet.
Der Roman stellt kein gekröntes Highlight der Reihe dar, bietet aber gewohnt erstklassige Krimiunterhaltung und Milieubeschreibung.
 Leseprobe James Lee Burke - "Weißes Leuchten"

David Baldacci – (Amos Decker: 2) „Last Mile“

(Heyne, 543 S., HC)
Vor zwanzig Jahren soll Melvin Mars seine Eltern ermordet und ihr Haus abgefackelt haben, weshalb er jetzt im Staatsgefängnis von Texas in Huntsville auf seine Hinrichtung wartet. Doch im letzten Moment behauptet ein ebenfalls zum Tode verurteilter Häftling aus Alabama, Charles Montgomery, für die Morde verantwortlich gewesen zu sein. Tatsächlich weiß Montgomery Dinge über die Morde, die nur dem Täter bekannt sein können.
Hier kommt Amos Decker ins Spiel, ein ehemaliger College-Footballspieler mit einem kurzen Auftritt in der NFL, der nach einem fatalen Unfall auf dem Spielfeld nicht nur seine Profi-Karriere abschreiben konnte, sondern auch mit der seltenen Gabe der Synästhesie einerseits (die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung) und einem nahezu perfekten Gedächtnis. Unter der Leitung von FBI-Special-Agent Ross Bogart arbeitet Decker in einem Team von Agenten und Zivilisten mit besonderen Fähigkeiten, um kalte Fälle hoffentlich noch zum Abschluss zu bringen.
Als Decker im Radio von Melvin Mars‘ aufgeschobener Hinrichtung hört, ist er gleich Feuer und Flamme für den Fall, schließlich war Mars damals nicht nur ein aufstrebender Stern am Football-Himmel und Finalist der Heisman Trophy, sondern hatte auch Deckers Team nahezu im Alleingang niedergerungen. Zusammen mit der Journalistin Alexandra Jamison und der klinischen Psychologin Lisa Davenport versuchen Bogart und Decker herauszufinden, ob Montgomerys Geständnis wasserdicht ist.
Recht schnell wird bei den Ermittlungen klar, dass Montgomery nur ein weiteres Opfer in einem raffinierten Spiel darstellt, das mit einem Attentat auf eine schwarze Kirchengemeinde in den 1960er Jahren begonnen hatte und bei dem heute mächtige Männer involviert waren. Melvin Mars muss feststellen, dass seine Eltern nicht das gewesen sind, wozu er sie all die Jahre gehalten hat, und offensichtlich ist sein quicklebendiger Vater nach wie vor im Besitz von Material, das den Männern zum Verhängnis werden könnte. Decker läuft bei der Spurensuche zu Höchstform auf, stößt dabei aber immer wieder an Grenzen.
„Sein Gedächtnis war perfekt, aber das bedeutete nicht, dass ihm die Antworten sofort ins Auge sprangen. Wenn ihm jemand eine Lüge erzählte, speicherte er sie zwar, doch als Lüge konnte er sie nur entlarven, wenn er genügend Fakten zur Verfügung hatte, an denen er sie messen konnte.
In diesem Fall war das Problem jedoch nicht so sehr, dass bestimmte Details im Widerspruch zueinander standen, sondern vielmehr die Tatsache, dass er einfach nicht genug wusste.“ (S. 300f.) 
Mit Amos Decker hat Bestseller-Autor David Baldacci nach den Reihen um u.a. den Camel Club, Will Robie und John Puller eine weitere faszinierende Figur erschaffen, die durch die Kombination ungewöhnlicher Fähigkeiten den perfekten Ermittler abgibt. In seinem zweiten Fall nach „Memory Man“ hat es Decker mit zwei Hinrichtungskandidaten zu tun, die offensichtlich beide nicht für den Mord an Mars‘ Eltern verantwortlich waren. Allerdings hat der wirkliche Täter so geschickt seine Spuren verwischt, dass Decker und sein Team alle Hände voll zu tun haben, um alle Personen zu befragen, die etwas zur Aufklärung des Falles beitragen können, und schließlich auch ihr eigenes Leben zu beschützen.
Das Tempo ist dabei so rasant, Deckers Gedankensprünge und Erkenntnisse so faszinierend, dass die Spannung über die gesamte Buchlänge hochgehalten wird. Zwar wirken manche Motivationen und Details nicht ganz überzeugend, aber bei der rasanten Art, den Plot voranzutreiben, darf man Baldacci diese Unzulänglichkeiten gern verzeihen. Dem schnellen Erzähltempo sind leider auch die dürftigen Charakterisierungen geschuldet, unter denen vor allem Deckers Team-Kollegen leiden. Einzig Melvin Mars und Decker selbst werden so ausreichend gezeichnet, dass sie dem Leser schnell ans Herz wachsen. 
Leseprobe David Baldacci - "Last Mile"

Freitag, 17. November 2017

Joe R. Lansdale – „Straße der Toten“

(Golkonda, 285 S., Pb.)
Reverend Jebidiah Mercer betrachtet sich als Vollstrecker des Herrn, als Mann, der die Sünde ausmerzt, und zwar nicht nur mit Gottes Wort, sondern auch tatkräftig und zielsicher mit seinem umgebauten 36er Navy-Colt bewaffnet, den er in einem breiten Tuch über seinem Hosenbund trägt. Zu seinem strengen Gesichtsausdruck, der seinem Amt durchaus angemessen scheint, gesellt sich auch etwas sehr Unpriesterliches, das sich in den stahlblauen Augen widerspiegelt.
Als er mit seinem Pferd in die osttexanische Kleinstadt Mud Creek kommt, wo er sich ein Zelt mieten möchte, um einen Abendgottesdienst abhalten zu können, erfährt er vom dem dort praktizierenden Doc, dass vor einiger Zeit ein Indianer und seine farbige Gefährtin durch den Deputy Caleb gelyncht worden sind, weil ihnen vorgeworfen wurde, die Tochter von David Webb umgebracht zu haben.
Dabei hatten die beiden seit ihrer Ankunft in Mud Creek mit ihren Heiltränken vielen Kranken helfen können, bei denen der Doc mit seinem Mediziner-Latein am Ende gewesen war. Doch als sie das schwerkranke Webb-Mädchen nicht retten konnten, machten Caleb und sein Gefolge kurzen Prozess mit den Wunderheilern. Bevor der Indianer aufgeknüpft und die Frau bestialisch ermordet und zerstückelt wurde, sprach der Indianer einen Fluch in einer Sprache aussprach, die der Doc aus Büchern wie dem „Necronomicon“, „De Vermis Mysteriis“ und „Unaussprechliche Kulte“ kannte. Tatsächlich hat der Doc seither einige merkwürdige Todesfälle zu beurkunden, aktuell den Bankdirektor und Säuferkönig Nate Foster.
In kurzer Zeit verwandelt sich Mud Creek in eine Zombie-Stadt, die von dem rachsüchtigen Dämon in der Gestalt des gehängten Indianers angeführt wird. Zusammen mit dem Doc, seiner Tochter Abby und dem unerschrockenen Jungen David nimmt der Reverend den Kampf auf …
„Er war ein Mann des Herrn. Und er hasste Gott. Er hasste diesen Scheißkerl von ganzem Herzen.
Er wusste auch, dass Gott das wusste, und dass es ihm egal war, denn Jebidiah war sein Sendbote. Keiner aus dem Neuen Testament, sondern einer aus dem Alten: gnadenlos und unerbittlich, rachsüchtig und kompromisslos. Ein Mann, der Moses die Beine unterm Hintern weggeschossen und dem Heiligen Geist ins Gesicht gespuckt und ihn skalpiert hätte, nur um die himmlische Haarpracht in alle vier wilden Winde zu schleudern.“ (S. 154) 
„Straße der Toten“ vereint erstmals alle Geschichten, die der texanische, mit Preisen wie dem American Mystery Award, dem Edgar Award und dem Bram Stoker Award ausgezeichnete Autor Joe R. Lansdale („Ein feiner dunkler Riss“, „Kahlschlag“) um den charismatischen Reverend Jeb Mercer in den Jahren zwischen 1984 und 2010 veröffentlicht hatte. Neben dem Roman „Dead In The West“, der zwischen 1984 und 1987 in vier Teilen in „Eldritch Tales“ veröffentlicht wurde, vereint der Sammelband noch die Geschichten „Straße der Toten“, „Das Gentleman’s Hotel“, „Der schleichende Himmel“ und „Tief unter der Erde“, die weitere Abenteuer des außergewöhnlich kampflustigen Priesters erzählen, der sich mit Werwölfen, Zombies und Gespenstern auseinandersetzt.
Wie der Autor selbst im Vorwort ausführt, war er als Kind von Comics und Filmen inspiriert, und was ihn besonders faszinierte, war die Vermischung von Genres wie Science-Fiction, Western, Horror, Fantasy und Liebesgeschichten. Vor allem gefielen ihm die Universal-Horrorfilme, dann die trashigen Produktionen von Roger Corman und Westernserien wie „Gunsmoke“, „Maverick“, „Wanted Dead or Alive“ und „Have Gun“. Aus der Idee, selbst ein Drehbuch für einen Weird Western zu schreiben, entstand Anfang der 1980er „Dead In The West“, mit dem Lansdale sich – nach „Akt der Liebe“ (1981) – allmählich als ernstzunehmender Horror-Autor etablierte. Auf originelle Weise vereinte er hier klassische Western-Motive mit den Topoi des Grauens, wie wir ihn von H.P. Lovecraft, Arthur Machen oder Algernon Blackwood kennen, zu einem wilden Ritt, bei dem viel Blut fließt und Gotteslästereien zu lesen sind, aber auf so humorvolle, temporeiche Weise, dass nicht nur Roger Corman seine helle Freude an dem unterhaltsamen Stoff hätte.
In der Werksbiografie nehmen die Geschichten rund um Reverend Jeb Mercer fraglos eine (trashige) Sonderstellung ein, aber Lansdale-Fans dürften trotzdem ihren Spaß dabei haben, auch wenn sich die Geschichten in Aufbau und Entwicklung ähneln und nur die übernatürlichen Wesen eine andere Form annehmen. Ebenso sind die Charaktere längst nicht so fein gezeichnet, wie wir es von Lansdales Meisterwerken „Die Wälder am Fluss“ oder „Dunkle Gewässer“ gewohnt sind, aber das trifft auf die legendären Pulp-Geschichten auch nicht zu.

Samstag, 11. November 2017

John Niven – „Alte Freunde“

(Heyne, 352 S., HC)
Der renommierte Restaurantkritiker und Buchautor Alan Grainger ist am Nachmittag gerade auf der Suche nach einer ruhigen Ecke im Soho House oder Groucho, wo er die Rezension über den Pop-up-Store, den er gerade besucht hat, zu schreiben plant, als ihm an einer Straßenkreuzung ein Penner mit schottischem Akzent anspricht. Wie sich nach einem kurzen Wortwechsel herausstellt, sitzt da ausgerechnet sein alter Schulfreund Craig Carmichael auf einem Stück Pappkarton. Bei einem Bierchen in einem nicht so noblen Laden tauschen sie Erinnerungen und Lebensgeschichten aus. Zuletzt hatten sich Alan und Craig bei einem Konzert von Craigs Band The Rakes im Jahre 1993 gesehen, nachdem die Band von einer erfolgreichen Tour durch Amerika zurückgekehrt war, und als Headliner im QM in Glasgow den Start ihrer UK-Tour absolvierte.
Alan hatte zu Jugendzeiten immer zu dem teuflisch talentierten Gitarristen Craig aufgesehen, durfte in der Anfangszeit der Band auch mal den Bass zupfen, doch als Craig ein echter Star im Rockzirkus wurde, hatte er ihn aus den Augen verloren. In der Zwischenzeit ist Craig allerdings fürchterlich abgestürzt: schon das zweite Album floppte, Craig ging pleite und verfing sich im Drogensumpf und kehrte nach London zurück.
Währenddessen lernte Alan die aus wohlhabendem Hause stammende Katie kennen, mit der er zwei Töchter und einen Sohn hat und in einem großen Haus außerhalb Londons lebt. Alan quartiert seinen alten Freund zunächst im Gästezimmer ein, will ihm wieder auf die Beine helfen. Tatsächlich erreicht er, dass Craig noch 32.000 Pfund an Tantiemen ausgezahlt bekommt, sich eine eigene Wohnung und neue Zähne leisten kann, ja sogar seine musikalische Karriere wieder in Schwung bringt. Dagegen häufen sich bei Alan die Unglücksfälle. Zunächst erhält Katie ein Handyvideo, auf dem zu sehen ist, wie Alan von einer Unbekannten im eigenen Haus einen Blowjob genießt, so dass er ausziehen muss, dann sitzt ihm das Finanzamt mit einer Untersuchung im Nacken und sperrt ihm die Konten und Kreditkarten. In wenigen Wochen befindet sich Alan genau dort, wo er Craig vor einigen Monaten gefunden hatte …
„Was war passiert? Eben noch hatte er eine wundervolle Frau, eine wundervolle Familie und ein wundervolles Zuhause, und nur eine Minute später war er mittellos und hauste in einem beschissenen Billighotel. Sein Leben war wie eines dieser GIFs auf Hold My Beer. Er war der Typ, der im Lagerhaus einen Gabelstapler wendet. Erst ist alles bestens, aber dann stößt er gegen ein Regal, und zwei Sekunden später sieht es aus, als hätte jemand eine Bombe gezündet. Wie Ground Zero.“ (S. 296) 
Der schottische Bestsellerautor John Niven („Old School“, „Gott bewahre“) erweist sich auch in seinem neuen Werk als feiner Kenner der Materie, über die er schreibt. Als ehemaliger A&R-Manager bei einer Plattenfirma fällt es ihm nicht schwer, den rasanten Auf- und ebenso schnellen Abstieg von Alans Freund Craig authentisch zu skizzieren. Humorvoll ist aber vor allem Alans Alltag und Lebensumfeld beschrieben. Dabei gelingt es ihm, Alan zwar nicht als Supersympathisant zu zeichnen, aber eben als aufrechten Mann, der seine Berufung in dem Schreiben von Kochbüchern mit ausgefallenen Themen und Restaurantkritiken gefunden hat und durch seine wohlhabende Frau keine finanziellen Sorgen kennt, ohne aber auf dicke Hose zu machen.
Niven hat sichtlich Spaß daran, den Hype um neue Restaurants mit überteuerten Gerichten und langen Wartezeiten durch den Kakao zu ziehen, aber auch die Kolumnentätigkeit seiner Frau wird in einer herrlichen Persiflage auf den Wohlfühl- und Gesundheitswahn wunderbar kommentiert. So richtig derben Humor präsentiert Niven seinen Fans in einer seitenlang beschriebenen Episode darüber, wie Alan mit seinem problematischen Stuhlgang der Sanitäranlage in dem uralten Landsitz von Katies Eltern den Rest gibt und damit die feine Gesellschaft im Speisesaal in die Flucht schlägt. Überhaupt zählen die Szenen, in denen die High Society auf das Elend trifft, das zunächst Craig, dann auch Alain verkörpern, zu den gelungensten in „Alte Freunde“, weil Niven auf ebenso humorvolle wie pointiert treffsichere Weise die dem Roman vorangestellten Sprichwort „Keine gute Tat bleibt ungesühnt“ und F. Scott Fitzgeralds Zitat „Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute“ auf literarische Weise zum Leben erweckt. Dabei berührt er auch Fragen nach dem Ursprung und dem Wesen von (Männer-)Freundschaften, nach Glück, Dankbarkeit und Neid sowie der Bedeutung von materiellem Reichtum. Selten wurde eine Achterbahnfahrt durch das Leben so leichtfüßig, gut beobachtet und dabei so unglaublich witzig beschrieben. 
Leseprobe John Niven - "Alte Freunde"

Freitag, 10. November 2017

Lawrence Block (Hrsg.) – „Nighthawks – Stories nach Gemälden von Edward Hopper“

(Droemer, 320 S., HC)
Der amerikanische Maler Edward Hopper (1882-1967) wird gern und sicher zurecht als Chronist der amerikanischen Zivilisation bezeichnet, in der vor allem die Isolation des modernen Menschen thematisiert wird. So sitzen in seinem wohl berühmtesten Gemälde „Nighthawks“, das Titel und Cover der vorliegenden Anthologie ziert, drei Gäste in einer Bar, die scheinbar nicht miteinander kommunizieren und in ihre eigenen Gedanken versunken sind, flankiert von einem beschäftigten Barkeeper. Dieses und 16 weitere Gemälde Hoppers dienten den Schriftstellern, die Lawrence Block für seinen Sammelband begeistern konnte, als Inspiration für die Geschichten, die eigentlich in Hoppers Werken zu finden sind, aber bislang nicht erzählt wurden.
Block, der selbst mit seinen Krimis um den Buchhändler und Einbrecher Bernie Rhodenbarr, den Auftragsmörder Keller und den alkoholkranken Privatdetektiv Matthew Scudder ein gefeierter Autor ist und zu Hoppers „Automat“ (1927) eine Geschichte beigesteuert hat, beschreibt in seinem Vorwort:
Hopper war weder Illustrator noch narrativer Künstler. Seine Bilder erzählen keine Geschichten. Stattdessen vermitteln sie – kraftvoll und unwiderstehlich – den Eindruck, dass sich darin Geschichten verbergen, die nur darauf warten, erzählt zu werden. Er zeigt uns einen Moment, auf die Leinwand gebannt; eindeutig hat dieser Vergangenheit und Zukunft, doch es ist an uns, sie zu entdecken.“ (S. 10) 
Die Auswahl der Bilder für ihre Geschichten blieb den Autoren vorbehalten. Manchmal wird der Bezug zum ausgewählten Gemälde gleich in den ersten Sätzen deutlich, manchmal ist es nur eine Stimmung, die das Gemälde für den Schriftsteller ausstrahlt und eine Geschichte in Bewegung setzt. So erzählt Jill D. Block in „Die Geschichte von Caroline“ die Begegnung zwischen der bei Pflegeeltern aufgewachsenen Hannah und ihrer leiblichen Mutter Grace, die sie als Pflegekraft für ihren im Sterben liegenden Mann Richard engagiert hat, während auf dem dazugehörigen Bild „Summer Evening“ (1947) ein junger Mann und eine junge Frau nachts auf der Veranda an der Mauer lehnen. Robert Olen Butler hat dagegen in seiner Story „Abenddämmerung“ sehr konkret die Figurenkonstellation auf dem Bild „Soir Bleu“ (1914) mit einem Clown auf der Veranda, zwei Männern, die ihm am Tisch gegenübersitzen, und einer dabeistehenden Frau als Ausgangspunkt für eine Geschichte über die Erinnerung des Ich-Erzählers über seine Begegnung mit einem Pierrot in jungen Jahren genommen.
Und Michael Connelly lässt den Helden seiner Romanreihe um Detective Bosch auch in „Nachtfalken“ auftreten, wobei Bosch als Privatermittler den Hintergrund einer jungen Frau erforschen soll, die zur Inspiration für ihre Ambitionen als Schriftstellerin ins Museum geht, um Hoppers Gemälde „Nighthawks“ zu studieren.
Zwar sind in Deutschland nicht alle hier versammelten Autoren bekannt, aber auch die neben den Thriller-/Krimi-/Horror-Autoren Lee Child, Joyce Carol Oates, Jeffery Deaver, Joe R. Lansdale und Stephen King hierzulande nicht bekannten Schriftsteller tragen zur äußerst gelungenen Anthologie bei, die über verschiedene literarische Genres hinweg doch immer eindringlich die melancholisch-lakonische Stimmung in Hoppers Gemälden einfängt. Dazu lädt die wunderschöne Gestaltung des Hardcover-Hochglanz-Buches einfach auch dazu ein, sich selbst von den den einzelnen Geschichten vorangestellten Abbildungen inspirieren zu lassen.
Leseprobe Lawrence Block - "Nighthawks"

Montag, 6. November 2017

Ross Macdonald – (Lew Archer: 11) „Unterwegs im Leichenwagen“

(Diogenes, 418 S., Pb.)
Kurz bevor die 24-jährige Harriert Blackwell Zugriff auf ihr beträchtliches Erbe erhält, lernt sie in Mexiko den attraktiven Maler Burke Damis kennen und will ihn unbedingt heiraten. Ihr strenger Vater, Colonel Blackwell, ist alles andere als begeistert von den Plänen seiner rebellischen Tochter und setzt Privatdetektiv Lew Archer darauf an, der den Hintergrund von Harriets großen Liebe erkunden und schließlich das geflüchtete Paar auffinden soll.
Recht schnell findet Archer heraus, dass Damis sich bei der Überquerung der mexikanischen Grenze einen neuen Namen zugelegt hat: Quincy Ralph Simpson. Der ursprüngliche Träger dieses Namens wurde kurz zuvor mit einem Eispickel erstochen. Und Damis heißt eigentlich Bruce Campion, der wegen Mordes an seiner Frau gesucht wird. Als Harriets blutbefleckter Hut an einem See gefunden wird, befürchten Archer und Blackwell das Schlimmste. Derweil macht sich Archer auf die Reise durch ganz Kalifornien bis nach Mexiko, um Harriets und Campions Spur zu folgen. Dabei spielt vor allem ein abgerissener Knopf vom Mantel des ermordeten Simpson eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung des Falls – sowie ein in der Gegend herumfahrender Leichenwagen, in dem junge Leute die Strände nach der nächsten großen Welle abfahren.
„Eine der Vermutungen war zur Gewissheit geworden, seit ich erfahren hatte, dass der Tweedmantel nahe beim Strandhaus der Blackwells gefunden worden war: Der Fall Blackwell, der Fall Dolly Campion und der Fall Ralph Simpson hingen miteinander zusammen. Dolly und Ralph und wahrscheinlich auch Harriet waren von ein und derselben Hand getötet worden, und der Mantel konnte mich zu dieser Hand führen.“ (S. 307f.) 
Natürlich ist auch bei diesem Fall nichts so, wie es zunächst scheint. Aus der anfangs sicher berechtigten Sorge eines Vaters, dass seine einzige Tochter das naive Opfer eines Erbschleichers werden könnte, entwickelt sich ein vertracktes Geflecht aus einem raffinierten Spiel mit Identitäten, ungeklärten Schwangerschaften und komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen, Freund- und Liebschaften, das Archer mit viel Geduld, intensiver Reisetätigkeit und Hartnäckigkeit allmählich zu entschlüsseln versteht. Mit nahezu jeder Begegnung und Befragung erhält Archer ein neues Puzzleteil, bis sich zum Schluss der große, überraschende Zusammenhang ergibt.
Bis dahin erlebt der Leser eine faszinierende Schnitzeljagd, bei der ihm die unterschiedlichsten Figuren mit durchaus eigenwilligem Charakter begegnen, die Archer mit seiner einfühlsamen Art aber zu durchdringen vermag. Wie Donna Leon im Nachwort zur überaus gelungenen Neuübersetzung des 1962 im Original veröffentlichten Krimis feststellt, sind die beschriebenen Beziehungen in dem Roman sehr unausgewogen, Hass und weniger erwiderte Liebe prägen die Atmosphäre. Ross Macdonald erweist sich hier einmal mehr als vollendeter Stilist mit einem ausgeprägten Sinn für lebendige Dialoge und fein gezeichnete Charaktere.
Leseprobe Ross Macdonald - "Unterwegs im Leichenwagen"

Donnerstag, 2. November 2017

Richard Laymon – „Das Auge“

(Heyne, 336 S., Tb.)
Mitten in einem Konzert des Streichquartetts, in dem seine Freundin Melanie mitwirkt, muss Bodie mitansehen, wie Melanie keuchend mit einem krampfartigen Zittern zu Boden sackt. Als sie wieder zu sich kommt, erzählt sie Bodie von einer Vision, in der sie ihren Vater tot sah. So eine starke Vision hatte sie bislang nur einmal, als ihre Mom getötet wurde. Um festzustellen, ob es ihrem Vater Whit gut geht, machen sich Bodie und Melanie auf die lange Fahrt von Phoenix nach Brentwood in Kalifornien. Tatsächlich finden sie Melanies Vater im Krankenhaus vor, nachdem er auf dem Parkplatz seines Lieblingsrestaurants angefahren worden war.
Die beiden Reisenden könnten bei Melanies Schwester Pen unterkommen, die zudem von obszönen Anrufen belästigt wird, doch stattdessen richten sie sich im Haus ihres Vaters und seiner neuen Frau Joyce ein. Melanie wird das Gefühl nicht los, dass Joyce zusammen mit Harrison, dem Partner ihres Mannes, dafür verantwortlich gewesen ist, dass dieser nun im Krankenhaus mit dem Tod ringt. Doch während vor allem Melanie darauf erpicht ist, in Harrisons Haus nach Spuren des Verbrechens zu suchen, kommen sich Bodie und Pen näher …
„Die haben dich echt beschissen, Whit. Aber so richtig. Dein Kanzleipartner und deine liebe Frau. Solltest du je wieder zu dir kommen, warten ein paar böse Überraschungen auf dich.
Aber haben sie dich überfahren? Das ist die große Frage. Eine hübsche Vorstellung, sie dafür büßen zu lassen, falls sie verantwortlich sind.“ (S. 211) 
Nachdem allein der Heyne Verlag in den letzten Jahren über 25 Titel des 2001 verstorbenen Horror-Schriftstellers Richard Laymon veröffentlicht hat, schließt „Das Auge“ eine der letzten Lücken in der Werksbiografie des populären, aber auch polarisierenden Amerikaners. Der im Original 1992 veröffentlichte Roman gehört zu Laymons mittlerer, sehr produktiver Schaffensperiode, aber fraglos nicht zu seinen besten Werken. Zwar hält Melanies Vision zu Anfang ein übernatürliches Element parat, doch davon abgesehen bietet „Das Auge“ einen eher konventionellen Thriller-Plot, in dem ein Pärchen einer familiären Verschwörung auf den Grund zu kommen versucht.
Die Dramaturgie ist bei dem sehr überschaubaren Figurenensemble allerdings überraschend zähflüssig ausgefallen, und auch der bei Laymon sonst ausgeprägte Splatter- und Sex-Faktor hält sich stark in Grenzen. Obwohl sich der Plot eigentlich wie ein Kammerspiel nur innerhalb der Familie abspielt, sind die Charakterisierungen der Figuren erschreckend dünn ausgefallen, ihre Motivationen und Handlungen nicht immer schlüssig nachzuvollziehen.
Zum Ende hin nimmt die Story endlich an Fahrt auf, doch die wunderbare Schlusssequenz kann leider nicht über ein sonst eher schwaches Laymon-Werk hinwegtäuschen. 
Leseprobe Richard Laymon - "Das Auge"

Sonntag, 29. Oktober 2017

Fabio Volo – „Seit du da bist“

(Diogenes, 311 S., Pb.)
Der ungefähr vierzigjährige Nicola ist überzeugter Single und Schürzenjäger. Als sein Freund Mauro daheim seine Freundin Michela mit einem anderen Mann im Bett erwischt, unternehmen die drei Freunde Mauro, Nicola und der verheiratete Sergio wie in früheren Zeiten einen gemeinsamen Trip nach Rom. Dort lernt Nicola die umwerfende Sofia aus Bologna kennen. Er ist hin und weg von ihr, obwohl sie ganz anders ist als die Frau, von der er immer geträumt hatte. Nachdem sie die Wochenenden gemeinsam entweder in Mailand oder bei ihr in Bologna verbracht haben, zieht Sofia zu Nicola in seine kleine Dachwohnung im Zentrum von Mailand. Doch die anfängliche Euphorie über das unvorstellbare Liebesglück weicht dem anstrengenden Alltag, als Nicola schwanger wird und Leo fortan den Tagesablauf bestimmt.
Über das Kümmern um das Baby verlieren sich Nicola und Sofia aus dem Blick, die Leidenschaft und das Vertrauen verkümmern über den kleinen Lebenslügen, mit denen sich Nicola seine Freiräume erkämpft, bis er sich auf dem Sofa seines Freundes Mauro wiederfindet.
„Von dem Leben, das uns erwartete, hatten wir eine völlig falsche Vorstellung. Ich dachte, bis auf ein bisschen Durcheinander und wenig Schlaf würde alles so weitergehen wie zuvor, vor allem meine Beziehung zu Sofia.
Wenn uns Freunde ihre Horrorgeschichten erzählten, dachten wir immer, so etwas könnte uns nicht passieren. Wir waren ja nicht wie sie. […] Keiner von uns beiden hätte sich je vorstellen können, irgendwann einen völlig Fremden vor sich zu haben.“ (S. 149) 
Der in Mailand lebende Autor, Schauspieler und Moderator Fabio Volo hat bereits in seinen früheren Bestsellern wie „Lust auf dich“, „Noch ein Tag und eine Nacht“, „Zeit für mich und Zeit für dich“ und „Einfach losfahren“ auf humorvolle, leichtfüßige aber auch lebensnahe Weise von den Herausforderungen im Leben und vor allem in der Liebe geschrieben. Und auch das aus der Perspektive seines Protagonisten Nicola geschriebene „Seit du da bist“ wirkt wie das authentische Dokument einer wunderbaren Verwandlung, diesmal eines überglücklichen Liebespaares zu einem Familientrio, in dem das Neugeborene fortan die ganze Aufmerksamkeit für sich beansprucht.
Zwar sind es vor allem Nicolas Gedanken und Gefühle, die der Leser vermittelt bekommt, aber die von ihm geschilderten Eindrücke und Empfindungen entsprechen bei aller persönlichen Note doch generell den Herausforderungen, die Liebespaare durch die Geburt eines Kindes meistern müssen. Einfühlsam lässt Volo seinen männlichen Protagonisten zunächst in Erinnerungen an das erste Kennenlernen und die folgenden leidenschaftlichen Begegnungen zwischen Nicola und Sofia schwelgen, um dann der Frage auf den Grund zu gehen, wie die beiden zu den Menschen geworden sind, die sich kaum noch etwas zu sagen haben, die ständig übernächtigt, gereizt und erschöpft sind, nicht mehr willens, auf den anderen zuzugehen, ihn zu verstehen oder gar noch zu begehren.
Es ist eine Achterbahn der Gefühle, die der Italiener in „Seit du da bist“ inszeniert, wobei er mit sehr lebendigen Dialogen auch Sofias Sicht auf die Dinge einbringt und zum Ende hin wundervoll beschreibt, wie Nicola und Sofia wieder die Kurve bekommen.
Zu dieser Leichtigkeit, mit der die großen Fragen des Lebens thematisiert werden, ist auch nur Fabio Volo in der Lage.
Leseprobe Fabio Volo - "Seit du da bist"

Samstag, 28. Oktober 2017

Sascha Lemon – „Schattenbrandung“

(books2read, 282 S., eBook)
Die Hobby-Fotografin Lena Kastor plagt das schlechte Gewissen. Statt zuhause bei ihrer Familie zu sein, hat sie vorgegeben, für ihr Fotobuchprojekt zu den Dragonfalls-Klippen zu fahren. Tatsächlich hat sie sich mit ihrem Liebhaber Jake im Hotel „Noble Inn“ vergnügt. Nun erkundigt sich ihr Mann Jo am Telefon nach ihrer gemeinsamen Tochter Jenna. Tags zuvor hatte Lena ihr noch verboten, auf eine Party zu gehen, um zu vermeiden, dass sie sich auf den windigen Mädchenschwarm Todd Rhioghan einlässt. Allerdings ist das Teenager-Mädchen am Samstagmorgen nirgends aufzufinden, weder zuhause noch bei ihrer Freundin Amy.
Jennas Verschwinden spitzt die unterschwellige Krise in der Kastor-Familie weiter zu. Seit Lena ihren Job wegen der Kindererziehung aufgegeben hat und mit ihrer Familie von Hamburg nach Schottland gezogen ist, wo sich der Firmensitz von Jos Brötchengeber befindet, bricht die Familie zunehmend auseinander. Lenas volljähriger Bruder Eric wird wegen der Suche nach ihr gar nicht erst benachrichtigt. Er ist zum Studium nach Edinburgh gezogen, verliert wegen seiner Unzuverlässigkeit aber sowohl seinen Kellner-Job als auch das Praktikum bei der Zeitung. Seine finanzielle Misere scheint er nur beheben zu können, indem er für den Drogendealer Michael Fitzpatrick arbeitet, der auch Erics eigenen Pillenkonsum sicherstellt.
Während die Polizei noch nicht tätig wird, machen sich Jo und Lena selbst auf die Suche nach ihrer Tochter. Dabei will Jake unbedingt bei Lena bleiben, während sich Jo in Amys Mutter Caitlyn verguckt hat. Nach einem unglücklichen Todesfall macht sich Gewalt und Verzweiflung in der schottischen Provinz Groom breit, und vor allem Lena hegt den Verdacht, dass Jennas Verschwinden der prekären familiären Situation geschuldet ist …
„Jenna hatte einem völlig Fremden gegenüber ausgesprochen, was mir, Eric und sicher auch Jo längst hätte klar sein müssen: Wir waren als Familie gescheitert. Jenna muss verstanden haben, dass die Affäre zwischen Jake und mir eine Folge dieses Scheiterns war. Vielleicht hatte sie geglaubt, dass ich der Realität mit einem anderen Mann entfloh, um dem Schmerz zu entgehen, der zu Hause auf mich wartete.“ (Pos. 3065) 
Vor einem halben Jahr erst hat Sascha Lemon mit dem Hamburg-Krimi „Blutiger Nebel“ sein Debüt als Schriftsteller gefeiert. Mit „Schattenbrandung“ legt er nun schon sein Zweitwerk nach und verlegt den Schauplatz seines Thrillers von Hamburg an die schottische Nordseeküste. Die Handlung, die sich über nicht mal dreihundert Seiten entfaltet, bildet nur ein Wochenende in der Kastor-Familie ab und beschreibt scharfsichtig die Abgründe eines Dramas, das durch das Verschwinden der Teenager-Tochter Jenna ausgelöst wird.
Dabei wird deutlich, wie sehr sich vor allem die Ich-Erzählerin Lena und ihr als Security-Chef auf einer Bohrinsel arbeitende Mann Jo seit dem Umzug von Hamburg nach Schottland einander entfremdet haben und ihre erotischen Bedürfnisse auf andere potentielle Partnern projizieren. Während Lena den Ehebruch aber schon praktisch vollzogen hat, beschränkt sich das Fremdgehen ihres Mannes Jo noch auf eine Schwärmerei, die allerdings auch ihre Probleme bereithält.
Etwas abseits kämpft Eric in Edinburgh mit ganz eigenen, ebenso handfesten Schwierigkeiten, stößt aber ebenso wie Lenas Mutter später zu den tragischen Geschehnissen rund um sein altes Zuhause. Da das Figuren-Ensemble sehr übersichtlich bleibt, kann sich der Autor ausgiebig mit den Befindlichkeiten der einzelnen Kastor-Familienmitglieder widmen, wobei er ein großes psychologisches Einfühlungsvermögen demonstriert. Geschickt führt er die einzelnen Fäden der Handlung am Ende zusammen, bereichert den an sich wenig spektakulären Plot um den Hauch eines weiteren geheimnisvollen Todesfalls und sorgt nicht zuletzt mit lebendigen Dialogen und authentisch wirkenden Settings, die durch das stimmungsvolle Buchcover wunderbar abgebildet werden, für durchgehend spannende, für einen Thriller überzeugend tiefgründige Unterhaltung.

Montag, 23. Oktober 2017

John Williams – „Nichts als die Nacht“

(dtv, 157 S., HC)
Da der 24-jährige Arthur Maxley wöchentlich einen Scheck von dem Anwalt seines Vaters bekommt, kann er sich in San Francisco ganz dem Müßiggang und den Partys widmen. Statt sich auf das Studium zu konzentrieren, trinkt der junge Mann abends regelmäßig einen über den Durst. Der überraschende Besuch seines Vaters in der Stadt wühlt allerdings alte Wunden auf. Vor drei Jahren besuchte Arthur noch das College in Boston, bis ein tragischer Vorfall in der Familie den Vater durch die Welt, nach Australien und Südamerika ziehen ließ, nächste Station Bombay. Die Zeit bis zur Abreise will er gern nutzen, um das unterkühlte Verhältnis zu seinem Sohn zu verbessern, indem er beispielsweise seine Kontakte nutzen könnte, um Arthur einen Studienplatz zu verschaffen. Doch Arthur vermag sich aus seiner Lethargie nicht zu lösen, und als er die junge weibliche Begleitung seines Vaters kennenlernt, ist jeder weitere Versuch einer Annäherung endgültig zum Scheitern verurteilt.
Stattdessen zieht der junge Mann weiter ziellos durch die Straßen und Bars, muss einen Kommilitonen in die Schranken weisen, der den solventen Arthur um ein Darlehen anbettelt, lernt eine junge Frau kennen, für die er zunächst eine tiefe Zuneigung entwickelt, doch dann brechen die Erinnerungen an seine Mutter überraschend an die Oberfläche seines Bewusstseins und führen zu einem erschütternden Gewaltexzess.
„Warum war er an diesen Ort gekommen? Dies war keine Zuflucht, und er hatte das auch geahnt. Welch sinnloser Umstand hatte ihn weiter und weiter geführt, tiefer und immer tiefer hinein in etwas, das ihm nun wie ein verschlungenes Labyrinth vorkam, das frei von jeglicher Ordnung und Bedeutung schien?
Dann aber glaubte er plötzlich, dass ihm nie ein Vorwurf für das gemacht werden konnte, was immer ihm auch im Laufe seines Lebens widerfuhr.“ (S. 90) 
Nicht mal einen Tag im Leben von Arthur Maxley, des Protagonisten in John Williams‘ Schriftsteller-Debüt aus dem Jahre 1948, deckt die Geschichte in „Nichts als die Nacht“ ab, aber die kurze Zeitspanne aus dem Leben des jungen Tunichtguts reicht vollkommen aus, die Tragödie abzubilden, die vor drei Jahren ihren Lauf nahm, die Maxley-Familie brutal auseinanderreißen sollte und den Sohn traumatisiert und ohne Ambitionen im Leben zurückließ.
Was damals genau geschah, erfährt der Leser erst zum Ende der verstörenden Novelle – bis dahin muss er sich mit einer aus Andeutungen und Erinnerungsfetzen gespeisten Ahnung begnügen und dem ziellosen Treiben des Maxley-Jungen folgen, das sich auf Spaziergänge, Partys, Alkoholexzesse und Nachtclubs zu beschränken scheint. Dass „Nichts als die Nacht“ wie ein von Edgar Allan Poe, Nathaniel Hawthorne und Ambrose Bierce inspirierte Schauergeschichte wirkt und an die Existentialisten Albert Camus und Jean-Paul Sartre denken lässt, ist vor allem der düsteren Entstehungsgeschichte geschuldet.
Williams trat Anfang der 1940er Jahre dem Army Air Corps bei und schrieb das Stück, als er mit Anfang 20 nach einem Flugzeugabsturz schwer verletzt wochenlang im burmesischen Dschungel festsaß. Da kann es kaum verwundern, dass die Erzählung von Einsamkeit, Verlust, Paranoia und Gewalt geprägt ist, von Orientierungs- und Ziellosigkeit, von Traumata und Delirien.
Für einen jungen Debütanten ist die Geschichte zunächst nur oberflächlich interessant, schließlich bieten die Reflexionen eines gelangweilten jungen Müßiggängers wenig Neues. Doch wie in sehr kurzer Zeit die gesellschaftlichen Konventionen durch Arthur Maxley aufgebrochen werden und er in einen bizarrer werdenden Strudel aus Gewalt gerät, ist sprachlich sehr ausdrucksstark inszeniert worden und vermag auch gut siebzig Jahre nach der Entstehung durch seine unmittelbare Intensität zu fesseln.
In seinen späteren Meisterwerken „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ verfeinerte Williams seine Erzählkunst, doch als Dokument seiner frühen schriftstellerischen Begabung und Berufung ist „Nichts als die Nacht“ von unschätzbarem Wert.
 Leseprobe John Williams - "Nichts als die Nacht"

Freitag, 20. Oktober 2017

Irvine Welsh – „Kurzer Abstecher“

(Heyne, 272 S., Pb.)
Jim Francis hat sich in Kalifornien mit seiner Frau, der Kunsttherapeutin Melanie, und den beiden gemeinsamen Töchtern Grace und Eve als erfolgreicher Künstler ein komfortables Leben eingerichtet. Als er einen Anruf seiner Schwester Elspeth erhält, die ihn zur Beerdigung seines – aus der Beziehung mit June stammenden - Sohnes Sean einlädt, wird er mit einem Mal an seine weniger ruhmreiche Vergangenheit erinnert, als er unter seinem bürgerlichen Namen Francis James Begbie in Edinburghs Viertel Leith mit seinen Kumpels auf die schiefe Bahn geraten war und er für einige Jahre in den Bau wanderte.
Da Sean Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, macht sich Francis in seiner alten Heimat auf die Suche nach dem Täter und bekommt von David „Tyrone“ Power den Namen des Gangsters Anton Miller zugeflüstert, mit dem sich Sean eingelassen haben soll.
Gegen jeden gutgemeinten Ratschlag setzt Francis sein bürgerliches Leben aufs Spiel und räumt in den Straßen und an der Werft ordentlich auf.
„Frank Begbie betritt vertrautes Terrain. Es ist die Sorte von Dominanz, die er immer schon besonders verführerisch fand. Das erhebende Gefühl, anderen harten Kerlen ihre Macht und ihr Selbstvertrauen zu rauben. Tief in seinem Inneren flammt erwartungsvolle Begeisterung auf. Doch es ist wichtig, sich diesem Gefühl nicht hinzugeben. Nicht seine Stimme zu erheben.“ (S. 142) 
Seit seinem internationalen Durchbruch mit dem Debütroman „Trainspotting“ ist der schottische Schriftsteller Irvine Welsh immer wieder zu seinen Helden Mark Renton, Francis Begbie, Sick Boy und Spud zurückgekehrt, hat die Geschichte in „Porno“ weitergeschrieben und in „Skagboys“ die Vorgeschichte erzählt. „Kurzer Abstecher“ stellt dagegen eine Art Spin-Off dar, konzentriert sich als ungewöhnlich kurzer Roman ganz auf die Figur von Francis Begbie/Jim Francis und seine scheinbare Verwandlung eines Soziopathen zum geläuterten Künstler.
Im Gegensatz zu früheren Werken verzichtet Welsh hier auf detaillierte Milieubeschreibungen, stellt aber durchaus immer wieder die beiden konträren Welten, in denen sich Francis bewegt, gegenüber. Welsh inszeniert mit „Kurze Abstecher“ eine rasante One-Man-Show, in der Francis von Beginn an mit seinen gewalttätigen Trieben zu kämpfen hat. Noch bevor er den besagten Anruf aus Schottland bekommt, macht er mit den beiden Kerlen, die Melanie und die Kinder am Strand belästigen, kurzen Prozess – ohne dass seine Familie etwas davon mitbekommt. In Schottland muss er weniger rücksichtsvoll agieren. In psychologischer Hinsicht ist dabei spannend, wie Francis Begbie immer wieder sich selbst die Frage beantworten muss, ob er durch seinen Rachefeldzug sein Familienglück aufs Spiel setzen will. Die Brutalität, mit der er allerdings zu Werke geht, um alle Gangster auszuschalten, die irgendwie mit dem Mord an Sean zu tun hatten oder Francis in die Enge treiben wollen, spricht eine eindeutige Sprache. Welsh macht es wie seinem Protagonisten mächtig Spaß, die gerechtfertigt erscheinende Brutalität auszukosten, mit der Francis seine Widersacher ausschaltet.
„Kurzer Abstecher“ bietet kurzweiligen Action-Thrill, der immer wieder von Welshs typisch schottischen Humor durchdrungen ist, der in den spritzigen Dialogen zum Ausdruck kommt.
Bei so viel Tempo kommt der Leser gar nicht dazu, Begbies frühere Weggefährten zu vermissen.
Leseprobe Irvine Welsh - "Kurzer Abstecher"