Montag, 30. Januar 2017

Irvine Welsh – „Porno“

(Heyne, 576 S., Tb.)
Zehn Jahre nach dem tragischen Auseinanderbrechen der Trainspotting-Gang schlagen sich Sick Boy und seine alten Kumpels Begbie, Renton und Spud noch immer meist eher schlecht als recht durch ihr armseliges Leben. Allein Renton hat den Absprung nach Amsterdam geschafft und sich mit einem angesagten Club ein bürgerliches Leben aufgebaut. Als Simon David Williamson alias Sick Boy nach einer trostlosen Episode in London nach Edinburgh in das schäbige Viertel Leith zurückkehrt, übernimmt er nicht nur den heruntergekommenen Pub seiner Tante, sondern strebt weiterhin nach der ganz großen Kohle. Er tarnt den Pub als gemütliches Café, das sich abends in ein Thai-Restaurant verwandelt, um in bislang unbenutzten Räumen im Obergeschoss Pornos zu drehen, die er über seinen alten Kumpel Rents in Amsterdam vertreiben lassen will.
Doch vorher gibt es noch die eine oder andere Rechnung zu begleichen. Vor allem Begbie hat es bis heute nicht verwunden, dass Renton seine Truppe bei dem fetten Drogendeal vor zehn Jahren abgezogen und das Weite gesucht hat, während Begbie für die Aktion einsitzen musste. Als Rents nach Edinburgh zurückkehrt, ahnt er nicht, dass Begbie wieder auf freiem Fuß ist. Währenddessen berauschen sich die Jungs nicht mehr am Heroin, sondern stehen auf Koks und willige Frauen, denen sie nahelegen, auch vor der Kamera zu ficken. Mit „Die sieben Säulen der Geilheit“ ist der Titel ebenso schnell gefunden wie die Hauptdarsteller.
Doch als sich Terry bei einer Nummer mit Simons Freundin Nikki eine Penisfraktur zuzieht, steht das Projekt unter einem ungünstigen Stern. Und es mehren sich nicht nur von den Frauen, die sich als Wichsvorlage degradiert fühlen, durchaus kritische Stimmen …
„Das ist unsere Tragödie: Niemand, abgesehen von destruktiven Ausbeutern wie Sick Boy oder farblosen Opportunisten wie Carolyn, bringt echte Leidenschaft auf. Alle sind von dem Müll und der Mittelmäßigkeit um sie herum wie erschlagen. Wenn das bezeichnende Wort der Achtziger ‚ich‘ und das der Neunziger ‚es‘ war, dann ist es im neuen Millennium ‚irgendwie‘. Alles muss vage und relativierbar sein. Erst war mal Inhalt wichtig, dann war Stil alles. Und jetzt wird nur noch gefaked.“ (S. 448) 
1996 verfilmte der spätere Oscar-Preisträger Danny Boyle („Slumdog Millionär“) Irvine Welshs Kultroman „Trainspotting“ (1993) und landete mit dem berauschenden Portrait einer sinnentleerten Spaßgesellschaft einen internationalen Erfolg, der auch Hauptdarsteller Ewan McGregor zum Star machte. Zum Filmstart von „T2 Trainspotting“ erscheint bei Heyne Hardcore, wo auch Welshs letzten Romane – das „Trainspotting“-Prequel - „Skagboys“ und „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ veröffentlicht wurden, mit der Neuauflage von „Porno“ (2002) der Roman zum Film.
Der aus Edinburghs Viertel Leith stammende, mittlerweile in Chicago lebende Irvine Welsh versteht es auch in „Porno“, seine abgefuckten Antihelden in einer Gossensprache reden zu lassen, die ebenso authentisch wie abstoßend wirkt, die aber auch genau das hoffnungslose Lebensgefühl widerspiegelt, in dem sich die Figuren gefangen sehen.
Einzig das Aufputschen durch Alkohol, Koks und hemmungslosen Sex scheint kurzfristig gegen die Sinnlosigkeit des Lebens ein Zeichen der Linderung setzen zu können. Wie sehr Welsh an seinen Figuren hängt, zeigt sich nicht nur an der Tatsache, dass er nach „Trainspotting“ sowohl ein Prequel als auch ein Sequel geschrieben hat, sondern beispielsweise auch Juice-Terry und die Birrell-Brüder aus dem Roman „Klebstoff“ in das „Trainspotting“-Universum eingeführt hat.
Wie Sick Boy letztlich erfolgreich versucht, seinen Porno-Film zu produzieren und in schließlich in einem Parallelwettbewerb in Cannes zu präsentieren, braucht sicher keine knapp 600 Seiten, auch nicht die zwangsläufige, Spannung erzeugende Konfrontation zwischen den Erzfeinden Begbie und Renton, so dass „Porno“ auch einige Längen aufweist, doch die absolut lebendige, mitreißende Art, in der Welsh das Lebensgefühl seiner Figuren in der jeweiligen Ich-Perspektive wiedergibt, resultiert in einem ebenso humorvollen wie tiefgründigen Roman, der sich auf einer Meta-Ebene auch mit dem Schönheitsideal und den durchaus fragwürdigen Werten und Lebensentwürfen im 21. Jahrhundert auseinandersetzt.
Leseprobe Irvine Welsh - "Porno"

Freitag, 27. Januar 2017

China Miéville – „Dieser Volkszähler“

(Liebeskind, 173 S., HC)
Ein Junge lebt mit seiner im Garten arbeitenden Mutter und seinem großen, blassen und besonnen wirkenden Vater abgeschieden auf dem Berg in einem dreistöckigen, irgendwie unfertig wirkenden Haus, gerade noch so in den Grenzen des dazugehörigen Dorfes. Der Vater fertigt magische Schlüssel für seine Kunden an, damit sie Liebe, Geld oder Einblick in die Zukunft bekamen, Dinge öffnen, Sachen reparieren oder Tiere heilen konnten. Nie kommen sie ein zweites Mal. Doch die Idylle trügt. Eines Tages rennt der Junge schreiend den Bergpfad herunter und berichtet den Leuten im Dorf, dass seine Mutter seinen Vater umgebracht habe. Als er berichten soll, was genau passiert sei, muss er feststellen, dass seine Erinnerungen ungenau sind. Hat nicht vielleicht andersherum der Vater die Mutter getötet?
Um dem geschilderten Vorfall auf den Grund zu gehen, suchen die Beamten das Haus des Jungen auf und finden den Vater vor, die Mutter sei – so ist auch einem handgeschriebenen Abschiedsbrief zu entnehmen – offensichtlich einfach weggegangen. Der Junge ist indes fest davon überzeugt, dass der Vater die Mutter ebenso ins unergründlich tiefe Loch im Berg geschmissen habe, wie er es sonst immer wieder mit verschiedenen Tieren getan hat. Da dafür allerdings kein Beweis gefunden werden kann, muss der Junge nun allein mit dem Vater auf dem Berg leben.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, was mein Vater von mir wollte; vielleicht wollte er nur mich. Er liebte mich, aber er hatte ja auch meine Mutter geliebt, und diese Liebe hinderte mich nicht daran, ihn zu beobachten und darauf zu warten, dass sein Mienenspiel sich änderte. Sie hinderte mich nicht daran, mir darüber Gedanken zu machen.“ (S. 113) 
Der Vater schwört den Jungen auf die neue Lebenssituation ein und zwingt ihn dazu, in seiner Nähe zu bleiben, doch in dieser Atmosphäre von Angst und Zwang sucht er immer wieder die Gesellschaft seiner Freunde Samma und Drobe. Dann verschwindet auch Drobe …
Bereits mit seinem 1998 erschienenen Debütroman „King Rat“ wurde der in Norwich geborene China Miéville gleich für die renommierten Preise der International Horror Guild und für den Bram Stoker Award nominiert, seine weiteren Romane „Perdido Street Station“ und „The Scar“ (die hierzulande in jeweils zwei Romanen veröffentlich wurden) räumten ebenso wie „Die Stadt & Die Stadt“ oder „Der Eiserne Rat“ namhafte Auszeichnungen ab.
Mittlerweile darf Miéville zweifellos als einer der wichtigsten Erneuerer und Vertreter der Science-Fiction-Literatur betrachtet werden, der mit seinen Büchern stets die Konventionen des Genres durchbricht. Dafür ist auch seine Novelle „Dieser Volkszähler“ ein vorzügliches Beispiel.
Der titelgebende Volkszähler spielt hier eher eine Nebenrolle und taucht auch erst in den letzten dreißig Seiten des schmalen Bandes auf. Im Mittelpunkt steht der namenlose Junge in einem ebenso namenlosen Dorf, das nach einer nicht näher beschriebenen Apokalypse ganz auf Handel und Selbstversorgung angewiesen ist. Die einzige Maschine, die noch existiert, in eine Art Kraftwerk, mit dem die Straßenlaternen betrieben werden. Darüber hinaus wird einfach vieles der Imagination des Lesers überlassen.
Die Dorfbewohner werden eher unbestimmt als Fensterputzer, Offizielle und Fledermausangler beschrieben, ihre Tätigkeiten und ihre Art zu leben werden kaum näher definiert. Interessant ist vor allem die Erzählperspektive des Jungen, der seinen eigenen Erinnerungen kaum trauen kann, also wird auch der Leser stets im Ungewissen bleiben, wie die dargestellten Ereignisse und Schlussfolgerungen überhaupt zu bewerten sind.
Darüber hinaus gelingt es Miéville hervorragend, durch seinen einzigartigen Stil eine ausgeprägt unheimliche, unbestimmte und hypnotische Atmosphäre zu kreieren, die sich bis zum Schluss nicht auflöst und den Leser auch nach dem Umblättern der letzten Seite mit Unbehagen zurücklässt. Das vermag indes nur große Literatur.
Leseprobe China Miéville - "Dieser Volkszähler"

Donnerstag, 26. Januar 2017

Peter Straub – „Schattenstimmen“

(Heyne, 400 S., Tb.)
Während sich der Bestseller-Autor Timothy Underhill seit einiger Zeit über kryptisch anmutende Emails von verkürzt dargestellten Absendern ohne Betreffzeile wundert, versucht seine gerade mit dem Newbery-Preis ausgezeichnete Schriftstellerkollegin Willy Bryce Patrick herauszufinden, wie sie mit ihrem Mercedes zu einem Gebäude gelangt ist, das mit rostigen Blechbuchstaben verkündet, dass es einer Firma namens „Michigan Produce“ zu gehören scheint.
Sie fragt sich, ob dieser Vorfall auf das Trauma zurückzuführen ist, das der Mord an ihrem Mann Jim und ihrer Tochter Holly vor mehr als zwei Jahren bei ihr ausgelöst hat.
Auch Tim trägt schwer an seinen persönlichen Verlusten. Nachdem er als Siebenjähriger beobachten musste, wie seine geliebte Schwester April ermordet worden war, ist Mark, der Sohn seines Bruders Philip vor einem Jahr spurlos verschwunden. Als er mit Hilfe eines alten Schulfreundes die Absender der mysteriösen Emails zu identifizieren versucht, muss Underhill feststellen, dass es sich offensichtlich um die Adressen allesamt Verstorbener Ehemaliger handelt – allein der geheimnisvolle Cyrax meldet sich immer wieder und macht deutlich, dass Underhill in seinem letzten Buch „Haus der blinden Fenster“ einen gravierenden Fehler begangen habe, den er unbedingt ausmerzen müsse.
Nachdem Willy Zeugin des Mordes an ihrem Freund Tom Hartman gewesen ist, flüchtet sie in eine Buchhandlung, in der gerade eine Lesung mit Timothy Underhill stattfindet. Sofort herrscht eine besondere Anziehungskraft zwischen den beiden Kollegen, die schicksalhaft miteinander verbunden sind.
„Der Anblick dieses Mannes mittleren Alters überraschte sie, gelinde gesagt. Augenblicklich stellte sich bei ihr das Gefühl ein, dass alles, was an diesem schrecklichen Tag geschehen war, nur dazu gedient hatte, sie exakt an diesen Punkt zu bringen, und dass sie genau an dem Ort gelandet war, der ihr schon seit langem vorherbestimmt war. Dieser Ort – und die Verrücktheit dieses Umstands kann kaum in Worte gefasst werden – befand sich in nächster Nähe von Timothy Underhill, einem Schriftsteller, den sie sehr mochte und dessen Ansichten ihr besonders tröstlich erschienen, wenn sie sich mies fühlte.“ (S. 216) 
Während sich nach wie vor die Häscher ihres fast zukünftigen Mannes Mitchell Farber auf der Jagd nach Willy befinden, machen sich Willy und Tim auf eine gefährliche Reise in ein Reich, in dem zunehmend die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen.
Mit seinen Romanen „Geisterstunde“, „Schattenland“, „Der Hauch des Drachen“ und dem zusammen mit Stephen King entstandenen „Der Talisman“ ist Peter Straub Anfang der 1980er Jahre zu einem der bedeutendsten Fantasy- und Mystery-Schriftsteller avanciert, doch im 21. Jahrhundert ist es leider sehr ruhig um ihn geworden.
Mit „Schattenstimmen“ (2004 im Original unter dem Titel „In the Night Room“ veröffentlicht) ist 2008 der bislang vorletzte Roman des mehrfach mit dem Bram Stoker Award ausgezeichneten Autors erschienen. Er knüpft nahtlos an das vorangegangene Werk „Haus der blinden Fenster“ und bezieht sich explizit nicht nur auf diesen Roman, sondern erwähnt auch immer wieder Straubs andere Romane „Schattenland“, „Geisterstunde“ oder die Romane, die er mit seinem Co-Autor (dem nicht explizit erwähnten Stephen King) verfasst hat.
„Schattenstimmen“ erweist sich wie ein Film-im-Film als ein Roman, in dem sich der kreative Schöpfer auf einmal mit einer seiner erdachten Figuren in der wirklichen Welt auseinandersetzen muss. Die manchmal etwas sprunghafte Handlung und die komplexe Verwebung zwischen Dichtung und Wirklichkeit machen das Lesen nicht immer einfach und erschweren auch die Identifizierung mit den Hauptakteuren, aber Peter Straub versteht es dank seiner geschliffenen Sprache und einer dramaturgisch geschickt aufgebauten Spannung, das Interesse seines Publikums bis zum Finale wachzuhalten. „Schattenstimmen“ zählt sicher nicht zu Straubs ganz großen Werken, macht aber deutlich, worauf er in den 1980er Jahren seinen guten Ruf begründen konnte.

Dienstag, 24. Januar 2017

Philippe Djian – „Rückgrat“

(Diogenes, 418 S., Tb.)
Nachdem der einst erfolgreiche Schriftsteller Dan vor fünf Jahren von seiner Frau Franck verlassen worden ist, fehlt dem nun auf die Mitte Vierzig Zurasenden jegliche Inspiration. Allenfalls für Drehbücher, mit denen ihn in schöner, aber auch enervierender Regelmäßigkeit sein Agent Paul Sheller beglückt, reicht sein Esprit noch. Als dieser ihn allerdings geradezu anfleht, mit der dreißigjährigen Tochter des prominenten C.V. Bergen an ihrem Drehbuch zusammenzuarbeiten, platzt Danny der Kragen. Nichtsdestotrotz lässt er sich auf den Deal ein, schließlich ist er auf die regelmäßigen Schecks seines Agenten noch immer angewiesen, doch damit werden seine Probleme nicht weniger.
Sarah, die nach dem Selbstmord ihres Mannes Mat vor gut zwei Jahren, ebenso wie Dan sich durch allerlei kurzlebige Affären treiben lässt und Mutter von Gladys und Richard ist, ist Dannys beste Freundin, aber eigentlich besteht darüber hinaus auch eine erotische Anziehungskraft, die den Schriftsteller immer wieder verzweifeln lässt.
Auch seine Beziehung zu seiner aktuellen, extrem attraktiven Geliebten Eloïse Santa Rose gestaltet sich schwierig, immerhin ist sie als Sängerin viel unterwegs und kommt so zwangsläufig immer auch mit anderen Männern in Kontakt. Und als wäre das Leben nicht kompliziert genug, muss Dan auch zwischen seinem Sohn Hermann, der heimlich mit Gladys liiert ist, und seinem besten Freund Richard vermitteln, der als eifersüchtiger Bruder nicht ahnt, was sein bester Freund hinter seinem Rücken treibt.
Doch vor allem Sarah bereitet ihm immer wieder Kopfschmerzen, zumal sie sich gerade mit einem besonders unausstehlichen Typen zusammengetan hat …
„Ich habe ihr jahrelang zu Füßen gelegen, ich hätte alles Mögliche für sie getan … Aber das Oberste Gebot, Bumse nicht mit deiner besten Freundin, stand zwischen uns wie ein unheilvolles Schwert. Ich muss gestehen, dass das Resultat meinen Hoffnungen nicht gerecht wird … Kannst du mir verraten, was von dieser schönen Freundschaft bleibt, die wir auf meiner mühsamen Enthaltsamkeit und meinem so schmerzlichen Verzicht aufgebaut haben …?“ (S. 321) 
Auch mit seinem fünften Roman (nach „Blau wie die Hölle“, „Erogene Zone“, „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ und „Verraten und verkauft“) bleibt sich der französische Autor Philippe Djian treu. Wie in seinen vorangegangenen Werken steht auch in „Rückgrat“ ein Schriftsteller in Djians Alter im Mittelpunkt des Geschehens. Als Ich-Erzähler berichtet Dan von den Fehlschlägen in seinem Leben -der gescheiterten Ehe, der daraus resultierenden Flucht seiner Inspiration – und von den schwierigen Herausforderungen des Alltags, es seinem Agenten ebenso rechtzumachen wie seinem Sohn, seinen Freunden und Geliebten.
Dabei ist es gar nicht mal so spannend, wie die an sich übersichtliche Handlung vorangetrieben wird, sondern wie Djians Alter Ego seine inneren Kämpfe bestreitet, sein Gefühlschaos beschreibt, seine Beziehungen zu den Frauen in seinem Leben, zu seiner Arbeit und den Menschen um ihn herum, die ihm so viel Energie zu rauben scheinen. All das hat Djian wie gewohnt meisterhaft in eine glasklare Sprache gegossen und mit faszinierenden Beobachtungen über das Leben, die Liebe und die Kunst angereichtert.

Sonntag, 22. Januar 2017

Andrea De Carlo – „Wenn der Wind dreht“

(Diogenes, 427 S., HC)
Der erfolgreiche Immobilienmakler Alessio Cingaro wohnt zwar noch bei seiner Mutter, verfügt aber sonst über alle Annehmlichkeiten, die für Geld zu haben sind. Den nächsten großen Deal wähnt er bereits in der Tasche. An diesem Freitag fährt er nämlich mit vier miteinander befreundeten Klienten von Mailand ins umbrische Turigi, wo in absoluter Abgeschiedenheit ein traumhaftes Anwesen zum Verkauf steht. Doch wirklich entspannt gehen der Architekt Enrico Guardi, seine als Lektorin in einem renommierten Mailänder Verlag arbeitende Frau Luisa, die bekannte Fernsehshow-Moderatorin Margherita Novelli und der frisch geschiedene Arturo Vannucci, Vater zweier Kinder, die ihm seine Ex-Frau übers Wochenende kurzfristig aufs Auge drücken will, den Wochenendtrip nicht an.
Tatsächlich verfährt sich Alessio auf dem Weg zu den Häusern und gerät zu allem Überfluss mit dem Wagen in einen Graben, so dass der weitere Weg zu Fuß zurückgelegt werden muss. Als das Quintett sein Ziel endlich erreicht, muss die Reisegruppe erfahren, dass sich ihr Makler das Anwesen vorher gar nicht persönlich angesehen hat, dass er sich auch nicht der Tatsache bewusst gewesen ist, dass das Haupthaus noch immer bewohnt ist, und zwar von sehr ursprünglich lebenden Menschen, die den Tauschhandel längst aufgegeben haben und von dem leben, was sie selbst herstellen und sammeln.
Zunächst richten sich die Ressentiments der Kaufinteressenten gegen den Immobilienmakler, doch je mehr Zeit die vier vermeintlichen Freunde zwangsläufig miteinander in der Einöde ohne Funknetz und sonstiger Verbindung zur Außenwelt verbringen müssen, kommt ihre wahre Natur zum Vorschein.
„Margherita denkt, nur vor wenigen Jahren noch wäre das eine fantastische Gelegenheit gewesen, ihrer aller Kritikvermögen und Sinn für Ironie über sich und die Welt unter Beweis zu stellen, sie hätten spitzzüngige Bemerkungen und Witze gemacht und die ganze Nacht bis zum Morgengrauen wie verrückt gelacht. Jetzt hingegen sind sie vier Erfolgsmenschen, die infolge eines zeitweiligen Kontrollverlusts unter Schock stehen: Sie sind nur noch imstande, negative Daten zu registrieren und ihre restlichen Gedanken auf den morgigen Tag zu projizieren, an dem es ihnen auf die eine oder andere Weise gelingen wird, diesen Ort zu verlassen.“ (S. 117) 
Der italienische Bestseller-Autor Andrea De Carlo („Vögel in Käfigen und Volieren“, „Creamtrain“) beschreibt in seinem 2004 veröffentlichten und drei Jahre später auf Deutsch erschienenen Roman „Wenn der Wind dreht“ auf faszinierend eindringliche Weise das Zusammentreffen zweier ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe.
Während die vier großstädtischen, mit allen Annehmlichkeiten der zivilisierten Konsumgesellschaft versorgten Erfolgsmenschen in den umbrischen Wäldern eine Oase der Ruhe und Entspannung suchen, streben Lauro, Mirta, Icaro, Gaia, Arup und Aria in ihrer selbstgewählten Kommune nach einem natürlicheren, komplett selbstbestimmten Leben. Jede Partei versucht der anderen die Vorzüge des eigenen Lebensstils schmackhaft zu machen, doch müssen alle Beteiligten im Verlauf ihrer erzwungenen Gesellschaft feststellen, dass sich jeder auch ordentlich in die Tasche lügt, um den Sinn und die Ausgestaltung seines Lebens zu rechtfertigen.
De Carlo entzieht sich dabei einer Bewertung, sondern macht in den lebendigen und pointierten Dialogen und inneren Einsichten seiner Protagonisten deutlich, dass das Leben nicht nur von selbstbestimmten Gewissheiten und Sicherheiten geprägt wird, sondern auch von Zweifeln und unerfüllten Sehnsüchten, die jedoch schwer einzugestehen sind. Das trifft in „Wenn der Wind dreht“ ebenso auf die in ihrem hektischen Alltag gefangenen Großstädter zu wie auf die ganz auf sich bezogenen Naturmenschen.
Faszinierend ist dabei vor allem zu verfolgen, wie jeder Einzelne nach dieser Reise eine persönliche Veränderung durchmacht, in der zumindest tief verwurzelte Gewissheiten zumindest angezweifelt werden.
Leseprobe Andrea De Carlo - "Wenn der Wind dreht"

Samstag, 21. Januar 2017

Dennis Lehane – „Im Aufruhr jener Tage“

(Ullstein, 760 S., HC)
Als sich der irischstämmige Danny Coughlin, Officer der Bostoner Polizei, im Rahmen der Charity-Veranstaltung „Boxing & Badges: Haymakers for Hope“ einen Vier-Runden-Kampf gegen einen seiner Kollegen liefert, nutzen die Cops der Special Squads Division unter der Leitung seines Patenonkels Eddie McKenna die Gelegenheit, um unter den großen anarchistischen, bolschewistischen, radikalen und subversiven Organisationen aufzuräumen.
Seit dem Bombenanschlag auf das Polizeirevier in der Salutation Street vor zwei Jahren und gemäß dem Espionage Act von 1917 können Bürger wegen ihrer regierungsfeindlichen Äußerungen verhaftet und deportiert werden. Allerdings müssten die ohnehin schlechtbezahlten, überarbeiteten Cops dann fast das komplette North End ihrer Stadt festnehmen. Um sich die unwürdigen Zustände auch in den Revieren nicht länger bieten zu lassen, planen die Cops einen Zusammenschluss des Wohltätigkeitsvereins Boston Social Club mit der nationalen Gewerkschaft AFL.
Danny ist zunächst skeptisch, als er von seinem Freund und Streifenpartner Steve Coyle darauf angesprochen wird, dass sich seine Chancen, zum Detective befördert zu werden, extrem verbessern würde, wenn er der Gewerkschaft beitreten würde, zumal er von seinem Vater, Captain Thomas Coughlin, Deputy Chief Madigan und seinem Onkel dazu angestiftet wird, in diesen subversiven Kreisen als Spion die Chefideologen ausfindig zu machen. Doch kaum hat Danny ein paar Treffen in der Fay Hall besucht, sympathisiert er mit den Plänen des BSC und entwickelt sich selbst zu einem charismatischen Wortführer, was ihn zunehmend seiner Familie entfremdet.
Dafür freundet er sich mit dem jungen Schwarzen Luther Laurence an, einem ehemals talentierten Baseballspieler, der sogar schon mit Babe Ruth auf dem Spielfeld stand, und nach einem von ihm selbst angerichteten Blutbad in seiner Heimatstadt Tulsa seine schwangere Frau Lila verlassen und nach Boston fliehen musste. Hier arbeitet er als Diener im Haushalt der Coughlin-Familie und muss immer wieder am eigenen Leib schmerzhaft erfahren, wie breit der Rassismus im Land noch verbreitet ist.
Als sich der BSC tatsächlich der AFL anschließt, droht auf einmal ein Streik der Polizisten, die seit sechs Jahren keine Lohnerhöhung erhalten haben und auf über siebzig Arbeitsstunden in der Woche kommen. In diesem Klima aus Misstrauen, Armut, tödlicher Krankheit, Rassismus und Unzufriedenheit trennen sich Danny und Luther von ihren Familien, um ihre eigenen hehren Ziele zu verfolgen, die in einem explosiven Gemisch aus Hass, Gewalt und Blut kaum zu erfüllen sein werden …
„Danny überlegte, ob er nach Hause gehen, sich den Dienstrevolver in den Mund schieben und ein für alle Mal Schluss machen sollte. Millionen Menschen waren im Krieg gestorben, für nichts als dämliche Territorialansprüche, und nun ging derselbe Krieg auf den Straßen weiter, heute in Boston, morgen in einer anderen Stadt. Arme Schweine, die sich gegeneinander aufhetzen ließen und sich gegenseitig den Schädel einschlugen. So war es immer gewesen, und so würde es immer sein. Das war ihm nun klar. Es würde immer so weitergehen.“ (S. 511) 
Nach den erfolgreich verfilmten Romanen „Spur der Wölfe“ (aka „Mystic River“ von Clint Eastwood) und „Shutter Island“ (von Martin Scorsese) legte der in Boston lebende Schriftsteller Dennis Lehane 2008 mit „Im Aufruhr jener Tage“ sein bisheriges Magnum Opus vor, einen epischen Gesellschaftsroman, der anhand der ungewöhnlichen Freundschaft eines engagierten Polizisten und eines jungen Schwarzen die vielschichtigen Probleme thematisiert, die zum Ende des Ersten Weltkriegs hin die amerikanische Metropole Boston erschüttert.
Bereits in dem großartigen ersten Kapitel, in dem Lehane die Begegnung zwischen dem aufstrebenden Baseball-Star Babe Ruth und dem talentierten Schwarzen Luther beschreibt, führt dem Leser sehr eindrucksvoll und empathisch den mehr oder weniger latenten Rassismus vor Augen, der zu jener Zeit geherrscht hat. Doch ebenso wie die Schwarzen haben auch alle anderen Minderheiten in der schwierigen Zeit, als viele Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, weil die Kriegsheimkehrer vorrangig in Lohn und Brot gebracht werden sollen, unter der rigorosen Politik von Bürgermeister, Gouverneur und Polizeichef zu leiden.
Überall scheinen Spitzel und Denunzianten zu lauern, politisches Kalkül über Menschlichkeit die Oberhand zu gewinnen.
„Im Aufruhr jener Tage“ ist ein hervorragend recherchiertes Stück bewegender Zeitgeschichte, ein vielschichtiger Familienroman und vitaler Politthriller, eine fundierte Milieustudie und selbst ein Liebesroman und vor allem ein wunderschöner Roman über die Freundschaft.
Erschreckend ist allerdings, wie aktuell die Themen in Lehanes großen Epos sind, denn gerade unter der neuen Präsidentschaft von Donald Trump dürften Minderheiten jeglicher Couleur und Gesinnung sich ähnlich fühlen wie Luther Laurence oder Dannys große Liebe Nora O’Shea …
Leseprobe Dennis Lehane - "Im Aufruhr jener Tage"

Mittwoch, 18. Januar 2017

Andrea De Carlo – „Sie und Er“

(Diogenes, 642 S., HC)
Der erfolgreiche, seit Jahren aber nicht mehr produktive Schriftsteller Daniel Deserti hat mit seinem 14 Jahre alten Jaguar XJS Cabrio gerade die Mautstelle Mailand Südwest passiert, als er mit einem schwarzen Mercedes zusammenstößt, in dem der Mailänder Anwalt Stefano und seine amerikanische Freundin Clare Moletto sitzen.
Clare besteht darauf, den alkoholisierten und verletzten Fahrer des Cabrios ins Krankenhaus zu fahren, doch Tage später müssen immer noch die Formalitäten geklärt werden, da Daniels Versicherung seit drei Monaten abgelaufen ist. So begegnen sich Clare und Daniel wieder. So unterschiedlich sie in ihrem Wesen sind, nehmen beide doch eine intensive wie geheimnisvolle Anziehung zueinander wahr.
Er, der früh von seiner Mutter verlassen worden und bei seiner Tante aufgewachsen ist, hat sich bislang von Affäre zu Affäre manövriert und hat eine Frau und zwei Kinder in England zurückgelassen. Sie hat eigentlich keine Ahnung, mit welcher Art von Mann sie an welchem Ort eigentlich leben will, von ihrer beruflichen Orientierung ganz zu schweigen.
Nachdem sie den chaotischen Künstler Alberto verlassen hat, schien der gut situierte, Sicherheit ausstrahlende Anwalt Stefano zunächst die richtige Wahl zu sein, aber mittlerweile ist sie von seiner bis zur Arroganz reichenden selbstsicheren wie langweiligen Art fast schon genervt und fühlt sich mit seinem von seiner herrschsüchtigen Mutter unterstützten Plan, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, unter Druck gesetzt. Da kommen ihr die Schmeicheleien des wortgewandten wie aufmerksamen Schriftstellers gerade recht.
Sie lernen sich auf ebenso ungewöhnliche wie leidenschaftliche Weise kennen, unternehmen eine gemeinsame Reise, von der Stefano nichts mitbekommt, und doch schwebt über ihrem Abenteuer stets die Frage, ob Er und Sie wirklich eine gemeinsame Zukunft haben.
„Wann er sich zum letzten Mal so gefühlt hat, weiß er nicht mehr; vielleicht als kleiner Junge ohne jede Entscheidungsgewalt über sein Leben. Er versteht nicht, wie es so weit kommen konnte, nach allem, was er aus den zahllosen Fehlern hätte lernen müssen, die er im Lauf der Zeit gemacht hat, und aus den dauerhaften Spuren, die sie hinterlassen haben. Ihm ist, als sei er völlig unfähig, sich weiterzuentwickeln, und werde ständig zurückgeworfen von seinem Hang zur Selbstzerstörung und seinem Ehrgeiz, mit seiner Arbeit erfolgreich zu sein.“ (S. 548f.) 
Bei dem epischen Liebesdrama „Sie und Er“ kommen dem Leser unweigerlich Parallelen zwischen Philippe Djians Protagonisten und Andrea De Carlos Daniel Deserti in den Sinn. Doch während die Ich-Erzähler in den Romanen des Franzosen eher von der Leidenschaft für die Frauen durch das wilde Geschehen getrieben werden, ist der Schriftsteller in dem 2010 erschienenen und zwei Jahre später auch hierzulande veröffentlichten Roman des Italieners ein kritisch analytischer Typ, der trotz seiner erstaunlichen Beobachtungsgabe auch nur von einer unbefriedigenden Affäre zur nächsten schliddert. Bis eben die völlig unsichere Amerikanerin Clare in sein Leben tritt und es gehörig durcheinanderwirbelt.
Andrea De Carlo nimmt sich in diesem über 600 Seiten langen Roman viel Zeit, die zunächst zufällig erscheinenden und kurzen Begegnungen sowie die Gemütszustände des Mannes und der Frau zu beschreiben, die sich auf unerklärliche Weise so anziehend finden. Wie De Carlo schließlich die Natur der weiblichen und männlichen Anziehungskraft beschreibt, ist ebenso faszinierend, erhellend wie wunderschön.
Hier braucht es eigentlich kaum echte Handlung, weil allein Desertis Analysen dieser Beziehung spannend und treffend genug sind, um den Leser zu fesseln. Nichtsdestotrotz schickt er seine beiden Protagonisten am Ende auf eine furios inszenierte Reise, die ebenso wild verläuft wie ihre jeweils atemlosen Gefühlsregungen füreinander.
Leseprobe Andrea De Carlo - "Sie und Er"

Mittwoch, 11. Januar 2017

Peter Straub – „Das geheimnisvolle Mädchen“

(Heyne, 348 S., Tb.)
Im Dezember 1969 kehren Elliot Denmark und seine Frau Vera nach einem vierjährigen Aufenthalt in Paris in ihre Heimatstadt Plechette City im südlichen Wisconsin zurück. Für Elliot war die durch Zuschüsse der Field Foundation ermöglichte Reise nach Frankreich eine willkommene Möglichkeit, sich von seiner Arbeit als Dozent für Kompositionslehre am heimischen College und der übertriebenen Fürsorglichkeit von Elliots Eltern zu lösen, die zu den prominentesten Familien der Stadt zählen. Es sollte ihm aber auch dabei helfen, Abstand von Anita Kellerman zu gewinnen, die er auf einer Party des Cellisten Nathan Himmel kennengelernt und mit der er eine kurze, aber leidenschaftliche Affäre unterhalten hatte.
Kaum sind die Denmarks wieder zuhause, werden der bekannte Komponist und seine Frau von allen möglichen Seiten belagert, zunächst von Veras Eltern Tessa und Herman Glauber, dann auch von Elliots Eltern Chase und Margaret Denwood. Elliot soll nicht nur ein Konzert in seiner Heimatstadt geben, sondern auch in einer lokalen Fernsehshow von Ted Edwards auftreten und sich dafür einsetzen, dass das große Waldgebiet von Nun’s Wood nicht wie geplant bebaut wird. Schließlich trifft er auch Anita wieder, die mit der missgestalteten Andy zusammenlebt, die wiederum Anitas problematischen Sohn Mark betreut.
„Es war unmöglich, Anita alleine zu sprechen. So lange Andy dabei war, mussten sie immer wieder zu zweitrangigen Themen abschweifen – fast alles, außer seiner Liebe zu Anita, schien jetzt zweitrangig zu sein. Er wünschte, Andy würde das Zimmer verlassen. Diese Unterhaltung, die Musik, die Drinks, sogar die frühe Dunkelheit, die von der Straße ins Zimmer kroch und Umrisse weichmachte und Einzelheiten undeutlich werden ließ, all dies schien darauf hinzudeuten, als wäre alles wie vor Jahren, als er sich an so vielen Winternachmittagen hier aufgehalten hatte.“ (S. 127 f.) 
Bevor Peter Straub mit Romanen wie „Geisterstunde“ und „Schattenland“ in den 1980er Jahren zu einem der bedeutendsten Autoren der modernen Mystery-Literatur wurde und mit Stephen King 1984 zusammen den Roman „Der Talisman“ veröffentlicht hatte, erschien mit „Under Venus“ 1974 ein Roman, der noch gar nichts mit diesem Genre zu tun hatte, aber im Zuge der wachsenden Popularität des Autors durch den Heyne Verlag 1986 auch erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel „Das geheimnisvolle Mädchen“ erschien.
Dieses Frühwerk des amerikanischen Autors lässt sich mit seinen späteren, atmosphärisch dichten und auch spannenden Gruselwerken leider gar nicht vergleichen. Zwar erweist sich Straub bereits hier als feiner Stilist, doch hat er in „Das geheimnisvolle Mädchen“ eigentlich keine Geschichte zu erzählen. Dass sich die Handlung in der Weihnachtszeit des Jahres 1969 abspielt, lässt sich kaum sinnvoll nachvollziehen. Stattdessen wirkt das geschilderte gestelzte Gesellschaftsleben wie im Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Die Charaktere bleiben erschreckend flach und gehen eher oberflächliche Beziehungen zueinander ein, ohne dass daraus irgendeine Spannung resultieren würde. Das titelgebende „geheimnisvolle Mädchen“ nimmt letztlich nur eine unbedeutende Nebenrolle ein und trägt zur Dramaturgie der schleppend inszenierten Geschichte kaum etwas bei. So ist dieses Frühwerk von Peter Straub einfach nur langweilig und nichtssagend.

Sonntag, 8. Januar 2017

Anthony McCarten – „Hand aufs Herz“

(Diogenes, 320 S., HC)
Um seinem miserabel laufenden Neuwagenhandel Back-to-Back (Olympia) Ltd. wieder auf die Beine zu helfen, veranstaltet Eigentümer Terry „Hatch“ Back einen Wettbewerb, mit dem er sich gleichzeitig im Guinness-Buch der Rekorde verewigen will. Zusammen mit seinen beiden, seit zwei Monaten nicht bezahlten, nicht sehr hellen, aber loyalen Angestellten Vince und Dan lost er aus über 150 Interessenten 40 Teilnehmer aus, die nichts weiter tun müssen, als mit einer Hand stets in Berührung mit einem Landrover zu bleiben, der dem Gewinner als Preis winkt.
Unter den Teilnehmern tummeln sich die verschiedensten Charaktere. Da ist der Geschäftsmann Tom Shrift, der vor dem finanziellen Ruin steht, nachdem er mit seiner Firma für künstlerisch gestaltete Postkarten von russischen Museen betrogen worden ist und dem bei einem Intelligenztest bescheinigt worden war, dass er zu den ein Prozent der Intelligenz-Elite der Welt zählt.
Auch die 39-jährige Politesse Jess Podorowski hat als Witwe und Mutter einer querschnittsgelähmten Tochter mit dem Leben zu hadern. Unter den weiteren Teilnehmern befinden sich u.a. der Rentner Walter, der wohlhabende Matt Brocklebank, der endlich mal etwas Sinnvolles in seinem Leben machen möchte, die junge Betsy Richards sowie ein Schlafloser aus Billingsgate, ein Obdachloser, ein Rumäne, ein Schlagzeuger, eine Hebamme, ein ehemaliger Fußballer, ein Berufssoldat …
Doch die erhoffte Publicity, mit deren Hilfe Hatch seinen Laden wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen hofft, bleibt irgendwie aus. Stattdessen wird er in der örtlichen Radioshow von Lee Lerner runtergemacht, was Hatch im Grunde genommen verstehen kann, schließlich stellt dieser Wettbewerb auch für ihn selbst einen „Tiefpunkt auf dem Kulturbarometer“ dar.
Interessant gestaltet sich der Wettbewerb trotzdem. Nach der ersten Nacht sind nur noch 28 Teilnehmer am Start. Nach anfänglich lockeren Gesprächen zwischen ihnen entwickeln sich Affären und perfide Strategien, Konkurrenten dazu zu bringen, aus dem Wettbewerb zu fliegen. Dabei entwickelt nicht nur der gestrauchelte Geschäftsmann Tom, sondern auch die von polnischen Einwanderern abstammende Politesse ein ungewöhnliches Durchhaltevermögen über die Tage hinweg, in denen die Teilnehmer zunehmend mit Wahrnehmungsstörungen und anderen unerfreulichen Nebenwirkungen des Schlafentzugs zu kämpfen haben.
„Jess entdeckte jedoch, dass es etwas gab – vielleicht das einzige Mittel -, was gegen das Gefühl dieses stetigen Anwachsens der Leiden half.
Das Leiden der anderen.
Es war unglaublich, wie einen das aufbaute. Sie war verblüfft, wie sehr sie innerlich jubilierte, wenn ein anderer aufgab, davonwankte, nicht mehr an den Wagen zurückkam. Sie hatte ein schlechtes Gewissen deswegen, doch die Wirkung blieb.“ (S. 133) 
Der neuseeländische Autor Anthony McCarten („Superhero“, „Englischer Harem“) nimmt einen ungewöhnlichen Wettbewerb als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Menschen, denen im Kampf ums Überleben (fast) jedes Mittel recht zu sein scheint. Doch im zunehmenden Konkurrenzkampf um das Auto entwickelt sich nicht nur Missgunst und Hass, sondern durchaus auch Verständnis, Mitleid und Zuneigung, die über einen Quickie in der Toilettenpause hinausgeht.
Bei aller Tragik ist „Hand aufs Herz“ vor allem ein einfühlsamer, tiefgründiger und auch komischer Roman über menschliche Schwächen und Tugenden und wartet mit einem überraschenden Finale auf.
 Leseprobe Anthony McCarten - "Hand aufs Herz"

Mittwoch, 4. Januar 2017

Philippe Djian – „Verraten und verkauft“

(Diogenes, 424 S., Tb.)
Fünf Jahre nach Bettys Tod ist es um Karriere des als Schriftsteller arbeitenden Ich-Erzählers nicht allzu rosig bestellt. Als er den 62. Geburtstag seines von ihm verehrten und mit ihm in einem Haus lebenden Dichter Henri ausrichtet, steckt sein Konto tief in den roten Zahlen. Händeringend wartet er auf den nächsten Scheck seines Verlegers, damit er endlich die Außenstände beim Lebensmittelhändler begleichen und seinen Mercedes aus der Werkstatt abholen kann, der dort seit einem Monat verweilt. Gemeinsam machen sich Henri und er auf die Suche nach Henris Tochter Gloria, die vor drei Monaten mit einem Gebrauchtwagenhändler durchgebrannt ist, was für Henri umso schwerer wiegt, als dass seine Frau Marlène ebenfalls mit einem Gebrauchtwagenhändler abgehauen war.
Doch als sie Gloria wieder zu sich holen – mit ihrem Freund im Gepäck – entspannt sich die Lage kaum. Der Ich-Erzähler unterhält eine komplexe Beziehung zur quirligen Tochter seines besten Freundes, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber keinen Hehl macht. Als dann auch Henris Ex-Frau Marlène wieder auftaucht, mit der der Autor immer wieder Sex hat, und ein Kritiker („Dingsbums“) alles daran setzt, seinen Ruf zu zerstören, wird das Leben nicht gerade einfacher.
Immerhin fangen sich auf einmal seine Bücher zu verkaufen, und die größeren und häufiger eintrudelnden Schecks sorgen für eine ungewohnt entspannte Lebenssituation.
„Ich hatte keine Lust zu reden, und sie redete nicht. Ich hatte keine Lust, mich zu bewegen, und sie bewegte sich nicht. Ich strich ihr eine Strähne hinters Ohr, und sie fasste nach meiner Hand. In der anderen hielt ich das Glas. Leider steht zu befürchten, dass ich nicht das Glück haben werde, in solch einem Moment zu sterben. Das macht aber nichts.“ (S. 191) 
Nach „Erogene Zone“ und „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ stellt „Verraten und verkauft“ den Abschluss einer Trilogie dar, in der der Franzose Philippe Djian über das Leben, die Liebe und das Schreiben sinniert, eingebettet in eine wundervolle Geschichte, die ihren Ausgang in einer außergewöhnlichen Männer- und Autoren-Freundschaft nimmt und über einen Road Trip zu den Tücken von Erfolg, Missgunst und Verrat führt.
Dabei hat der Ich-Erzähler selbst keinen geringen Anteil. Er sonnt sich im plötzlich auftretenden Erfolg, teilt mit dem zwanzig Jahre älteren Henri seine Not ebenso wie seinen Geldsegen, er lässt sich auf Affären sowohl mit Gloria als auch Marlène ein und unterhält ein schwieriges Verhältnis zu seinen Schriftstellerkollegen.
„Verraten und verkauft“ steckt voller Tempo, Witz, Erotik und immer wieder eingestreuten Lebensweisheiten eines coolen Schriftstellers, der stets um einen perfekten Stil bemüht ist und zu Frauen eine ganz besondere Beziehung unterhält. Zwar steht Djian eindeutig in der Tradition seiner literarischen Vorbilder Richard Brautigan, Henry Miller, Jack Kerouac und Jerome David Salinger, hat aber seinen ganz eigenen Ton in einer Welt gefunden, in der Liebe und die Kunst oft komplex miteinander verschlungen sind.