Sonntag, 30. Juli 2017

Andrea De Carlo – „Creamtrain“

(Diogenes, 256 S., HC)
Auf Einladung seiner Urlaubsbekanntschaften, des Drehbuchautors Ron und seiner Frau Tracy, reist der 25-jährige Mailänder Giovanni nach Los Angeles, doch das Zusammenleben ist zunehmend von einem gereizten Klima geprägt, da sich Rons aktuelles Treatment offenbar nicht an den Mann bringen lässt.
Um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, nimmt Giovanni einen Job als Kellner in einem italienischen Restaurant an und zieht bei seiner Kollegin Jill ein, die ohnehin nach einem neuen Mitbewohner gesucht hat.
Als auch das Zusammenleben mit Jill immer problematischer wird, schmeißt Giovanni den Kellnerjob und heuert bei einer Sprachschule an, wo er der bekannten Schauspielerin Marsha Mellows Italienisch beibringt. Durch sie lernt er die bessere Gesellschaft kennen, ist aber alles andere als fasziniert von der dort durchdringenden Oberflächlichkeit.
„Ich drängte mich in eine Gruppe von Leuten, die schwatzend und lachend warteten, dass ein Kellner in grüner Jacke ihnen Cocktails servierte. Ich wollte herausfinden, wer sie waren und was sie beruflich machten, aber schließlich erschien mir die Frage ganz irrelevant. Sie waren alle so unverkennbar erfolgreich: brillant und nervig, strotzend von ganz auf sich selbst gerichteter Energie.“ (S. 244) 
Mit seinem 1981 veröffentlichten Debütroman „Creamtrain“, der vier Jahre später auch in deutscher Übersetzung erschienen ist und mit dem Premio Comisso ausgezeichnet wurde, verarbeitete der Mailänder Schriftsteller Andrea De Carlo seine Erfahrungen mit Amerika und lässt seinen jungen Protagonisten seine etwas diffuse Suche nach Glück und Anerkennung in klarer, prägnanter Sprache und mit fotorealistischer Beobachtungsgabe reflektieren.
Was Giovanni vor allem irritiert, sind die Menschen, mit denen er während seiner unterschiedlichsten Jobs zu tun hat, mit den Frauen, die nicht wirklich attraktiv, aber schon auf unbestimmte Weise interessant sind, zu denen er aber keine enge Beziehung aufbauen kann. Vor allem seine prominente Italienisch-Schülerin Marsha Mellows, die er aus dem Film „Creamtrain“ kennt, bereitet ihm Kopfzerbrechen. Wirkliche Nähe kommt bei ihren Zusammentreffen aber nicht auf, selbst als Giovanni den Mut aufbringt, sie zum Essen zu sich nach Hause einzuladen, und der Abend auf einer Schickimicki-Party ausklingt, zu der sie ihn mitnimmt.
Bei aller Irritation, die Giovanni im Umgang mit den selbstherrlichen Reichen, Erfolgreichen Arroganten empfindet, weiß er aber auch selbst nicht, wie er sich verhalten, wo er in seinem Leben überhaupt hinwill. Seine Jobs öden ihn nach kurzer Zeit an, mit den Menschen kommt er nicht klar, seine beruflichen Ambitionen scheinen in Richtung Fotografie zu gehen, doch ernsthaft bemüht ist er auch in dieser Hinsicht nicht.
„Creamtrain“ liest sich wie die ernüchternde Sicht eines Außenstehenden auf die Reichen und Schönen in Hollywood, denen offenbar an nichts mehr gelegen ist, als einander in ihrem Erfolg und in ihren Statussymbolen vergleichbar zu sein. Großartige neue Erkenntnisse darf der Leser in dieser Hinsicht allerdings kaum erwarten.
Der kurze Roman wirkt wie das Portrait eines ziellos in den USA gestrandeten jungen Europäers, der nicht mal zu sich selbst findet, sondern nur nicht mit seiner jeweiligen Umgebung zurechtkommt. Das ist durchaus unterhaltsam geschrieben, entbehrt aber jeder Spannung oder auch nur Entwicklung.

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