Mittwoch, 19. Juli 2017

Jason Starr – „Stalking“

(Diogenes, 524 S., Tb.)
Obwohl der 23-jährige Bank-Angestellte Andy Barnett mit Katie Porter befreundet ist, versucht er nach wie vor auch bei anderen Frauen in Manhattan zu landen. Mit fünf anderen Jungs lebt er in einem 4-Zimmer-Apartment im Normandie Court und hat durch einen recht geringen Mietanteil genug Geld zum Ausgehen zur Verfügung. Doch Katie lässt sich nicht so leicht ins Bett bekommen, wie Andy gehofft hat, das erste Mal läuft vor allem für Katie völlig daneben. Neben so einem Rüpel wie Andy wirkt ihr alter Schulfreund Peter Wells zunächst wie der Gentleman in Person. Scheinbar zufällig treffen sich die beiden in dem Fitnessstudio, in dem Peter gerade einen Job angenommen hat.
Doch Peter, der schon mit Katies jüngeren Schwester Heather befreundet gewesen ist, die sich vor einiger Zeit das Leben genommen hat, hat die Beziehung zu Katie von langer Hand geplant und ist fest entschlossen, seine Konkurrenten gnadenlos auszuschalten.
„Wie ärgerlich, dass er nur so wenig von ihr wusste, aber er ging davon aus, dass es da schon den einen oder anderen gab. Wenn nicht Freunde, dann eben Bekannte, Schweine, die nur auf ihre Chance warteten, darauf, dass Katie eine Schulter zum Anlehnen brauchte. Die würden sich ihr bereitwillig zur Verfügung stellen, um gleich darauf Katie mit Haut und Haaren zu verschlingen. (…) Er würde alles tun, um Katie nicht zu verlieren.“ (S. 294) 
Mit seinem 2007 erschienenen Roman „The Follower“, den der Diogenes Verlag zwei Jahre später unter dem Titel „Stalking“ veröffentlichte, taucht der aus Brooklyn stammende Autor Jason Starr tief in die oberflächlichen Mechanismen von Anmach-Strategien, One-Night-Stands und Verkupplungs-Versuchen unter Freunden ein und stellt in schnörkelloser, einfacher Sprache dar, nach welchen Kriterien junge Männer und Frauen ihre Bekanntschaften aussuchen.
Besonders eindrücklich beschreibt Starr in einer Szene, wie Andy verzweifelt versucht, seine Jungfräulichkeit in Sachen Analsex zu verlieren. Dabei entlarvt er nicht nur die Naivität der Mädchen, die auf eine gute Partie hoffen, aber nicht so recht zu wissen scheinen, wie sie die Tauglichkeit ihrer Verehrer in dieser Hinsicht feststellen können, sondern auch das machomäßige Imponiergehabe der männlichen Fraktion, der es nur um das Eine zu gehen scheint.
Interessant wird der Roman allerdings erst durch den Kriminalfall, den Starr nach gut 200 Seiten entwickelt. Hier kommt die verzweifelte Katie immer weniger mit der Tatsache klar, dass Peter sich schon so auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr vorbereitet hat und von seinem Plan nicht abzubringen ist. Auf einmal erscheinen traumatische Ereignisse aus Katies Vergangenheit in einem ganz neuen Licht.
In sprachlicher Hinsicht stellt „Stalking“ sicher keine Offenbarung dar, doch der unprätentiöse Schreibstil mit den lebendigen Dialogen macht die Lektüre des Romans zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Auch wenn die Charakterisierung der Figuren unter der saloppen Inszenierung leidet, bietet „Stalking“ einen unterhaltsamen Mix aus Drama, Krimi-Spannung und trockenem Humor.

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