Montag, 31. Juli 2017

Joey Goebel – „Vincent“

(Diogenes, 433 S., HC)
Mit IUI/Globe-Terner hat Foster Lipowitz ein gewaltiges Medienimperium geschaffen, das seine Konkurrenten weit hinter sich gelassen hat. Doch als der Firmenmogul im Alter von siebzig Jahren feststellen muss, dass er vom Krebs zerfressen wird, unternimmt er eine umfassende Inventur seines Unternehmens und ist von Schuld und Ekel erfüllt. Er gründet mit New Renaissance eine Tochtergesellschaft, die sich mit kulturell wertvollen Werken von den sinnfreien Reality-Shows, dümmlichen Sitcoms und von Special Effects und Sex geprägten Action-Streifen abheben sollen, mit denen IUI/Globe-Terner zur Verblödung des Publikums beigetragen haben.
Dem ehemaligen Schauspieler Steven Sylvain und dem wenig erfolgreichen Plattenrezensenten Harlan Eiffler obliegt es, in ihrer Position als Manager und Agent über 400 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren auszuwählen, die über eine besondere künstlerische Begabung verfügen und in Kokomo, Indiana, mit einem Vollstipendium auf die New Renaissance Academy gehen, wo sie zu außergewöhnlichen Autoren, Musikern und Filmemachern herangezogen werden sollen.
Einer dieser Kandidaten ist Vincent (Vater unbekannt, die Mutter eine Hure), der mit seiner depressiven Grundeinstellung wie gemacht scheint für das Projekt. Eiffler ist dafür zuständig, dem Jungen das größtmögliche Leid zuzufügen, damit Vincent stets zu großer Kunst inspiriert wird. Die Saat geht tatsächlich auf: Nachdem Eiffler erst Vincents Hund vergiftet und dann seine möglichen Freundinnen mit monatlichen Schecks in die Wüste geschickt hat, schreibt Vincent nicht nur für den charismatischen, aber sexsüchtigen Sänger Chad großartige Songs, sondern auch erfolgreiche Sitcoms.
„Vincent war nicht attraktiv. Vincent war ein übelriechendes Wrack. Wenigstens schrieb er jetzt hektisch und wie besessen, hauptsächlich von Jane inspiriert. Doch er ackerte bis zur Erschöpfung. Ich flehte ihn an, weniger zu schuften, aber er hörte nicht auf mich. Er war fest entschlossen, sich den Schmerz aus dem Leib zu schreiben. Und wenn er nicht schrieb, dachte er sich Akkordfolgen auf der Gitarre aus, die ihn zum Weinen brachten, und spielte sie immer und immer wieder.“ (S. 254) 
Joey Goebel, der selbst Punkrocker gewesen ist und als Leadsänger mit seiner Band The Mullets fünf Jahre lang durch den Mittleren Westen bis nach Los Angeles tourte, geht in seinem zweiten Roman nach „Freaks“ der spannenden Thematik nach, ob kulturelle Erzeugnisse für den Mainstream so seicht sein müssen, weil das Publikum danach verlangt, oder ob man es mit gehobener Kultur auch erreichen kann. Darüber hinaus verfolgt der Autor die interessante Frage, ob große Kunst nur dann entstehen kann, wenn der Kunstschaffende so großes Leid verspürt, dass er sich den Schmerz nur im kreativen Prozess vom Leib schaffen kann.
In dem Roman tritt Harlan Eiffler als Ich-Erzähler auf, der zunächst Vincents Kindheit als Ergebnis verschieden möglicher Samenspender und einer wild herumvögelnden Mutter rekapituliert, um dann sein Konzept von großer Kunst, die aus großem Kummer generiert wird, vorzustellen.
„Vincent“ überzeugt vor allem in der kritischen, manchmal satirisch überhöhten Auseinandersetzung mit den faden Unterhaltungserzeugnissen der heutigen Pop- und Fersehkultur, aber der Roman zeigt auch auf, wie schwer ist es, so Einfluss auf Künstler zu nehmen, dass sie inspiriert bleiben. Ob dies tatsächlich nur durch großes Leid hervorgerufen kann, mag dahingestellt sein, erfüllt für den Roman aber den Zweck, eine faszinierende Geschichte zu erzählen.
Auch wenn sein Manager Eiffler als Ich-Erzähler fungiert, steht doch Vincent selbst im Mittelpunkt einer wunderbar unterhaltsamen, erfrischend kulturkritischen Geschichte, in der es natürlich auch um die große Liebe, Drogen, Sex, Ruhm, Partys und Tod geht und dabei mal zum Schmunzeln anregt, dann wieder zu Tränen rührt.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen