Dienstag, 29. August 2017

Tess Gerritsen – „Der Anruf kam nach Mitternacht“

(HarperCollins, 304 S., Pb.)
Sie ist gerade mal zwei Monate mit Geoffrey verheiratet gewesen, da erhält die Mikrobiologin Sarah Fontaine von Nick O’Hara, einem Mitarbeiter des US-Außenministeriums, die Nachricht, dass ihr Mann bei einem Hotelbrand in Berlin bis zur Unkenntlichkeit in seinem Bett verbrannt sei. Die unscheinbare Sarah ist fest davon überzeugt, dass es sich um ein Irrtum handeln muss, da Geoffrey sich in London aufhalte. Nachforschungen ergeben allerdings, dass er aus seinem Stammhotel mit unbekanntem Ziel ausgecheckt hat. Auch der mit seinem Job unzufriedene Nick O’Hara beginnt an der offiziellen Geschichte zu zweifeln, als sein Kumpel aus der IT-Abteilung, Tim Greenstein, herausfindet, dass Geoffrey Fontaine bis vor einem Jahr überhaupt nicht existiert hat und nur bei der CIA eine Akte über ihn existiert.
Sarah nimmt das nächste Flugzeug nach London, um ihren Mann zu finden, den sie noch am Leben glaubt. Und Nick, der bei seinem Chef Ambrose längst unten durch ist und ihm eine ‚längere Auszeit‘ verordnet hat, reist ihr hinterher, weil er nicht nur herausfinden will, was wirklich hinter der Sache steckt, sondern weil der seit vier Jahren geschiedene Mann Gefallen an Sarah gefunden hat. Beide müssen in Europa sehr schnell feststellen, dass Geoffrey Fontaine nicht nur ein Doppelleben mit einer anderen Frau geführt hat, sondern dass sie selbst zur Zielscheibe eines mysteriösen Mannes namens Magus geworden sind …
„In der Dunkelheit war ihr die Erkenntnis gekommen: Sie würde sterben. Mit dieser Sicherheit hatte sich ein seltsamer Frieden über die gelegt, die finale Akzeptanz, dass ihr Schicksal unausweichlich und es hoffnungslos war, sich dagegen wehren zu wollen. Ihr war zu kalt, und sie war zu müde, um sich noch groß darum zu scheren. Nach Tagen des Terrors sah sie ihren eigenen Tod näher kommen und sie wurde ganz ruhig.“ (S. 268) 
Bevor Tess Gerritsen ab 2001 ihre bis heute erfolgreiche Thriller-Serie um Detective Jane Rizzoli und die Pathologin Dr. Maura Isles begann, schrieb sie zunächst eine Reihe von romantischen Thrillern, bevor sie 1996 zu Medizin-Thrillern wechselte. Mit der Wiederveröffentlichung ihres Debütromans „Der Anruf kam nach Mitternacht“ aus dem Jahre 1987 wird deutlich, warum Gerritsen gut daran tat, nach ein paar Jahren das Genre zu wechseln. Zwar ist der Spionage-Thriller flüssig in leicht verständlicher Sprache geschrieben, doch kann sich die Autorin offensichtlich nicht entscheiden, ob sie eine Liebesgeschichte oder einen Spionage-Thriller erzählen will. Der Spionage-Plot ist dabei nur rudimentär ausgeprägt und folgt bis zum vorhersehbaren Finale sämtlichen Genre-Konventionen, ohne interessante Wendungen oder Themen zu verarbeiten. Sehr schnell wird aber die nicht wirklich überzeugende Liaison zwischen Sarah und Nick konstruiert und so sehr in den Vordergrund gerückt, dass die Spionage-Story nur als spannungstreibendes Element fungiert.
Für Gerritsen-Fans dürfte dieses unausgegorene Romantic-Thriller-Debüt nur zur Vervollständigung der Sammlung dienen, aber es lässt zumindest erahnen, dass die examinierte Internistin durchaus Talent zum Schreiben besitzt.

Sonntag, 27. August 2017

James Lee Burke – (Hackberry Holland: 1) „Zeit der Ernte“

(Heyne, 384 S., Pb.)
Mit seinem Bruder Bailey betreibt der 35-jährige Kriegsveteran Hackberry Holland nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg 1967 eine Anwaltspraxis in einer texanischen Kleinstadt, nahe der mexikanischen Grenze. Doch statt Ölbarone wie R.C. Richardson mit ihren unmoralischen Geschäftspraktiken vor dem Gefängnis zu bewahren, würde er sich eigentlich lieber um seine Farm und Pferde kümmern.
Stattdessen wird er von dem pflichtbewussten Bailey, seiner standesbewussten Frau Verisa, US-Senator Allen B. Dowling und seinen einflussreichen Freunden aus der Öl- und Rüstungsindustrie dazu gedrängt, ein Amt als Kongressabgeordneter in Washington anzustreben. Schließlich hatte schon sein Vater ein politisches Amt bekleidet, er selbst verfügt über einen heldenhaften Ruf als im Koreakrieg verwundeter US-Navy-Sanitäter, der zweiunddreißig Monate in chinesischer Kriegsgefangenschaft überlebt hat, ohne eines der gefälschten Geständnisse zu unterschreiben, Kameraden anzuschwärzen und zum Feind überzulaufen.
Doch dann erhält Hackberry einen Hilferuf seines alten Kriegskameraden Arturo Gomez, der in Pueblo Verde wegen tätlichem Angriff gegen einen Texas Ranger im Gefängnis sitzt und als Gewerkschaftsmitglied schlechte Karten in dem von Rassendiskriminierung und Wirtschaftsinteressen geprägten Grenzstädtchen hat.
Mithilfe der attraktiven Gewerkschaftsaktivistin Rie wirbelt Hackberry ordentlich Staub in dem erzkonservativen Flecken auf und bringt dabei sowohl seinen Bruder als auch seine Frau und politischen Fürsprecher gegen sich auf. Trotz aller Widerstände gelingt Hackberry jedoch die Bewilligung des Berufungsantrags, doch dann wird Art plötzlich von zwei Schwarzen im Drogenrausch getötet. Sein vom übermäßigen Jack-Daniel’s-Gebrauch und traumatischen Kriegserinnerungen befeuertes Temperament sorgt für weitere gewalttätige Auseinandersetzungen und Probleme …
„Noch nie war ich derart müde gewesen. Ich war körperlich vollkommen entkräftet und fühlte mich, als hätte ich zehn Innings hinter mir und alles Pitches aus meinem Arsenal abgefeuert. In meinem Nacken hatte sich eine mit Flüssigkeit gefüllte Blase gebildet, die von der Verbrennung durch die Zigarrenspitze stammte, und eine längliche Beule, die sich anfühlte wie ein neu gewachsener Knochen, zog sich dort, wo der Junge mich mit dem Holzriegel erwischt hatte, über die Seite meines Schädels.“ (S. 333) 
Mit „Zeit der Ernte“ liegt endlich der langerwartete erste Teil der Hackberry-Holland-Reihe des aus Louisiana stammenden Schriftstellers James Lee Burke vor. „Lay Down My Sword & Shield“, so der Originaltitel, erschien bereits 1971, wurde aber ein Flop, so dass sich Burke erst einmal mit Gelegenheitsjobs und übermäßigem Alkoholkonsum beschäftigte, ehe er 1987 mit dem Start seiner bis heute erfolgreichen Reihe um den Südstaaten-Sheriff Dave Robicheaux wieder Oberwasser bekam.
„Zeit der Ernte“ führt den Leser zurück ins Jahr 1967. Hackberry Holland fungiert als Ich-Erzähler und rekapituliert zunächst in kurzen Zügen die turbulente Familiengeschichte, ehe er demonstriert, wie er sich von seiner Frau Verisa entfremdet hat und stattdessen seine bösen Erinnerungen an den Koreakrieg mit Jack Daniel’s und Prostituierten betäubt. Im späteren Verlauf der Geschichte werden die Erlebnisse in der Kriegsgefangenschaft detailliert aufgearbeitet, bis dahin lassen sich Hackberrys temperamentvolle Entgleisungen nur vage erklären.
Eindrucksvoll schildert Burke nicht nur die texanische Vegetation und gesellschaftspolitische Atmosphäre, sondern auch den schwierigen Kampf der armen Feldarbeiter für einen gerechten Lohn, gegen die Rassendiskriminierung, die auch nicht bei den Ordnungshütern Halt macht. Die Erzählung wirkt stellenweise etwas sprunghaft, nicht nur in chronologischer Hinsicht, sondern auch in örtlicher und personeller. In schneller Folge wechselt Hackberry von einem Ort zum anderen, hält hier eine Rede vor seinen potentiellen Wählern und lässt wiederum andere sausen. Szenen einer gescheiterten Ehe wechseln mit romantischen Angelausflügen, die Hackberry mit seiner neuen Flamme Rie unternimmt, kurze Besuche in der eigenen Praxis weichen Auseinandersetzungen mit Texas Rangers, die aggressiv gegen Streikposten vorgehen. Das schadet letztlich dem Spannungsaufbau, doch bei aller Sprunghaftigkeit in der Dramaturgie bleibt das Unbehagen über die geschilderten Ereignisse über den ganzen Roman hinweg bestehen.
Es ist erschreckend, wie aktuell die 1971 geschriebene Geschichte heute noch ist, wenn man an die jüngsten Entgleisungen in Charlottesville, Virginia, denkt, wo fackeltragende Neonazis durch die Stadt marschierten, Naziparolen skandierten und ein Auto in eine Menschengruppe raste, wobei drei Menschen getötet wurden – und der US-amerikanische Präsident Trump sich nicht von diesen Extremisten distanzierte. Burke ist sich bewusst, dass seine Romane keine gesellschaftspolitischen Lösungen anbieten, wohl aber welche für das Individuum, wie der Autor in einem aktuellen Nachwort zur deutschen Ausgabe betont. In diesem Sinne ist „Zeit der Ernte“ weniger als klassischer Krimi zu verstehen, sondern eher als Plädoyer für die Menschlichkeit. 
Leseprobe James Lee Burke - "Zeit der Ernte"

Freitag, 25. August 2017

James Lee Burke – (Dave Robicheaux: 4) „Flamingo“

(Pendragon, 476 S, Pb./Edel:eBooks, 348 S., eBook)
Zusammen mit seinem Kollegen, dem Kriminalbeamten Lester Benoit, ist Dave Robicheaux dafür zuständig, die beiden zum Tode verurteilten Mörder Tee Beau Latilais und Jimmie Lee Boggs in den Todestrakt des Staatsgefängnisses von Louisiana zu überführen. Doch bei dem Zwischenhalt an einer Tankstelle gelingt den beiden Gefangenen nicht nur die Flucht, sie töten auch Benoit und lassen Robicheaux angeschossen zurück.
Während bei Tee Beau durchaus Zweifel an seiner Schuld angebracht sind, hat Robicheaux auch ein sehr persönliches Interesse, Boggs in seine Hände zu kriegen. Um an ihn ranzukommen, lässt er sich sogar darauf ein, als Undercover-Agent für die DEA zu arbeiten. Sein Kontaktmann Minos Dautrieve streut das Gerücht, dass Robicheaux gefeuert worden ist, weil er Dreck am Stecken hat, und versorgt den Undercover-Agenten mit 50.000 Dollar, mit denen er das Interesse von Tony Cardo wecken soll. Dort soll Boggs nämlich auch auf der Gehaltsliste stehen.
Zwar kann Robicheaux recht schnell das Vertrauen des Gangsterbosses gewinnen, der wie er selbst auch mit einem Trauma aus Vietnam zurückgekehrt ist, doch seinen alten Kumpel vom Morddezernat in New Orleans, Cletus Purcel, als Rückendeckung mit ins Boot zu holen, gestaltet sich schwieriger.
Während Robicheaux allmählich in Cardos inneren Kreis vordringen kann, trifft er mit Bootsie auch seine erste Liebe wieder.
„Die Einsamkeit und die Jahre hatten mir zugesetzt, und obwohl ich mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hatte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich zu den Menschen gehörte, die nie mit Sicherheit wissen würden, wer sie wirklich waren. Hinter all den Gedanken, die ich über mich selbst machte, würde immer ein Fragezeichen stehen – meine einzige Identität lag in dem Abbild meiner selbst, das ich in den Augen anderer sah.“ (S. 91) 
Mit seinem vierten Dave-Robicheaux-Roman „Flamingo“ hat der aus Louisana stammende Autor James Lee Burke einmal mehr ein atmosphärisch stimmiges Meisterwerk geschaffen, das weit mehr bietet als einen Kriminalfall, sondern auch tief in die Seele des amerikanischen Südens taucht, traumatische Erinnerungen an den verheerenden Krieg in Vietnam aufleben lässt und präzise die moralischen Konflikte beschreibt, mit denen sich Robicheaux auseinandersetzen muss.
Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, je mehr Robicheaux Zeit mit Cardo und seinem behinderten Sohn verbringt, aber auch der Neuanfang der Beziehung zwischen Dave und Bootsie ist einfühlsam geschildert.
„Flamingo“ bietet eine packende Story, eine tolle Atmosphäre, interessante, vielschichtige Figuren und ein fesselndes Finale.
Leseprobe James Lee Burke - "Flamingo"

Sonntag, 20. August 2017

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

(Hoffmann und Campe, 208 S., HC)
Seit einhundertdreizehn Jahren sind in der Familie alle nachts gestorben. Diese Tatsache und die daraus resultierende Angst hat zu einigen Eigenheiten in dem Gutshaus geführt, in dem der an einer „Ungenauigkeit des Herzens“ leidende Vater, die immer noch schöne Mutter, der immermüde Onkel und die hinkende Tochter mit dem Angestellten Modesto und zwei Kammerdienern leben.
Zu den Regeln des Zusammenlebens zählt nicht nur, die Nacht zu fürchten und Unglück nicht zu erwünschen, sondern auch keine Bücher zu besitzen, weil die Familie ein so großes Vertrauen zu den Dingen und sich selbst hat, dass Bücher als Trostpflaster nicht notwendig sind, und dem Vater keinem Risiko zum Sterben auszusetzen.
Während sich die Familie ihrem allmorgendlichen ausgiebigen Frühstück widmet, erhält sie unerwarteten Besuch eines achtzehnjährigen Mädchens, das dem Sohn versprochen worden ist. Der ist allerdings in England, seine Rückkehr ungewiss. Während die junge Braut auf ihren Liebsten wartet, erfährt sie durch die verschiedenen Mitglieder der Familie, dass der Vater gar nicht der richtige Vater ist, dass die Tochter eigentlich mit dem Onkel liiert ist, und die Mutter weiht die junge Frau in die Kunst der Liebe ein.
Als die Familie zu ihrem Sommerurlaub aufbricht, bleibt die Braut im Haus und wartet auf die Ankunft ihres Mannes, von dem seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen ist. Doch statt ihres Geliebten taucht der fiebrige Onkel unerwartet auf.
„Alles, was sie bis jetzt getan hatte, sah sie wieder vor sich, schöne Gesten, die sie zu keinem Zeitpunkt aufgegeben hatte, und sie erkannte, dass diese Handlungen seit der Ankunft dieses Mannes ohne Freude und ohne Vertrauen verrichtet wurden.
Ich habe aufgehört zu warten, dachte sie.“ (S. 176) 
In seinem neuen Roman „Die junge Braut“ erzählt der aus Turin stammende Autor Alessandro Baricco („Seide“, „Smith & Wesson“) die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie, die durch außergewöhnliche Ereignisse verschiedene Eigenheiten ausgebildet hat, zu denen die täglichen ausufernden Frühstücksgelage noch zu den harmloseren zählen. Durch die Ankunft der jungen Braut werden dem Leser so einige schlüpfrige Zusammenhänge aus der Familienchronik zugänglich gemacht, von denen die einzelnen Familienmitglieder und Modesto der aufgeweckten jungen Frau erzählen. Wie sie mit diesen teils erstaunlichen Geschichten umgeht und die Freuden der körperlichen Liebe kennenlernt, beschreibt Baricco in gewohnt betörender Sprache, die den Leser von Beginn an in den Bann zieht.
Darüber hinaus verzaubert die Geschichte aber auch durch ihre Hommage an die Kraft von Träumen und Erinnerungen, schicksalhaften Entscheidungen und ungewöhnlichen Einstellungen zu Liebe, Verführung und Leidenschaft.

Samstag, 19. August 2017

Michael Connelly – (Harry Bosch: 5) „Das Comeback“

(Heyne, 427 S., Tb./Knaur, eBook)
Nach seiner Zwangsbeurlaubung wegen Stress und der Versetzung zum Einbruchsdezernat des Hollywood-Reviers darf LAPD-Detective Harry Bosch wieder zurück an den Mord-Tisch, um das Rekordtief der Mord-Aufklärungsrate zu bekämpfen. In seinem ersten Fall unter Führung von Lieutenant Grace Billets wird Bosch mit seinen Kollegen Jerry Edgar und Kizmin Rider zu einem außergewöhnlichen Tatort gerufen.
Im Kofferraum eines Rolls-Royce hat der Streifenpolizist Powers die Leiche des Hollywood-Produzenten Tony Aliso gefunden, der mit zwei Kopfschüssen hingerichtet worden ist.
Seine Frau Veronica nimmt die Nachricht recht gelassen auf. Wie sich herausstellt, ist ihr bewusst gewesen, dass ihr im Pornogeschäft arbeitende Mann Affären mit anderen Frauen unterhielt und sich oft in Las Vegas aufhielt, wo er stets im Mirage abgestiegen ist.
Als sich Bosch in Las Vegas umhört und die Videobänder des Casinos sichtet, entdeckt er seine alte Freundin Eleanor Wish auf den Bildern, die beim FBI gearbeitet hatte und für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis musste. Bosch und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun, Verbindungen zwischen Aliso und der Mafia herzustellen, für die der Ermordete offenbar Geld im großen Stil gewaschen hat. Als das FBI dem LAPD den Fall entzieht, ermittelt Bosch mit Billets‘ Einverständnis jedoch weiter in dem Fall, denn die allzu klaren Indizien gegen Luke Goshen, in dessen Wohnung die Tatwaffe und 480.000 Dollar in bar gefunden werden, scheinen eine größere Verschwörung zu verschleiern.
„Marks war Mr. X. Aber irgendetwas war passiert. Die Buchprüfung durch das Finanzamt gefährdete das Unternehmen, was wiederum Joey Marks gefährdete. Marks‘ Reaktion war, den Geldwäscher zu liquidieren.
Diese Theorie hörte sich gut an, aber Bosch fand, es gab noch zu viele Sachen, die nicht zu passen schienen.“ (S. 140) 
Eigentlich hätte sich Harry Bosch für seine Rückkehr ins Morddezernat unter der neuen charismatischen Leitung des weiblichen Lieutenant Grace Billets und den Kollegen Edgar und Rider kaum einen interessanteren Fall wünschen können, denn es geht nicht nur um die Aufklärung eines Mordes, sondern auch um die (teils schwierige) Zusammenarbeit mit der Polizei in Las Vegas und vor allem mit dem FBI, um den Ärger mit der Internen, um viel Geld, den Einfluss der Mafia und die erneute Begegnung mit seiner alten Freundin Eleanor, für die Bosch nach wie vor tiefe Gefühle hegt, die er nach Dienstvorschrift nicht haben dürfte.
In den sehr vertrackten Ermittlungen mit vielen offensichtlich gelegten falschen Spuren ragt Bosch einmal mehr als eigensinniger, aber über jeden Zweifel erhabener Super-Cop heraus. Bei anhaltendem hohen Tempo und dramaturgisch geschicktem Spannungsaufbau wirken die vielen Wendungen sehr konstruiert und nicht immer überzeugend. Dennoch bietet der fünfte Harry-Bosch-Roman überdurchschnittlichen Thrill mit einem überaus charismatischen Detective.
Leseprobe Michael Connelly - "Das Comeback"

Sonntag, 13. August 2017

Don Winslow – (Boone Daniels: 2) „Pacific Paradise“

(Suhrkamp, 386 S., Tb.)
In den Hundstagen des Spätsommers ist in Pacific Beach nicht viel los. Auch wenn es keine nennenswerte Brandung gibt, ist der ständig abgebrannte Ex-Cop und Privatermittler Boone Daniels mit der Dawn Patrol, also seinen Freunden Dave the Love God, High Tide, Johnny Banzai und Hang Twelve, früh morgens im Wasser – fehlt nur noch Boones Ex-Freundin Sunny Day, die in Australien an der Women’s Professional Surfing Tour teilnimmt. Doch dann bekommt Boone gleich mehrere Aufträge: Für seinen schwerreichen Surfer-Kumpel Dan Nichols soll er eine unliebsame Beschattung vornehmen: Nichols vermutet, dass ihn seine Frau Donna betrügt.
Kaum hat Boone herausgefunden, dass Donna tatsächlich mit dem Geologie-Gutachter Phil Schering in die Kiste steigt, und es seinem Auftraggeber gesteckt, wird Schering in seinem Haus erschossen. Klar, dass Dan der Tat verdächtigt wird, aber auch Boone selbst gerät ins Visier der Ermittlungen, da sein Wagen am Tatort gesehen wurde. Kniffliger gestaltet sich der Auftrag, um den ihn seine Freundin Petra Hall bittet, die für die renommierte Kanzlei Burke, Spitz und Culver arbeitet, die zu Boones Stammkunden zählt.
Corey Blasingame, Sohn des Baulöwen Bill Blasingame, soll die Surferlegende Kelly Kuhio umgebracht haben und hat dies bereits in einem Geständnis niedergeschrieben. Dass Boone ausgerechnet für Blasingames Verteidigung arbeitet, schmeckt seinen Freunden überhaupt nicht. Bei seinen Ermittlungen stößt Boone schließlich auf Zusammenhänge zwischen seinen beiden Fällen, die auf einen riesigen Erdrutsch zurückzuführen sind, der achtzehn Luxus-Häuser in den Abgrund gerissen hatte.
„Was ist mit deinen Freunden, der Dawn Patrol? Waren auch diese Freundschaften auf einem brüchigen, kaputten Fundament erbaut? War es von Anfang an unvermeidbar, dass uns Unterschiede in Hautfarbe, Geschlecht, Ambitionen und Träumen auseinanderreißen würden, wie Kontinente, die einst fest verbunden waren und zwischen denen sich jetzt Ozeane erstreckten?“ (S. 365) 
Don Winslow, der nicht nur als Autor, sondern auch als Gelegenheitssurfer in Südkalifornien lebt, hat 2008 mit „The Dawn Patrol“ (2009 unter dem Titel „Pacific Private“ veröffentlicht) das Kunststück vollbracht, das besondere Lebensgefühl der Surfergemeinde in Südkalifornien mit einer spannenden Krimi-Handlung zu verbinden. Ein Jahr später erschien mit „Pacific Paradise“ („The Gentlemen’s Hour“ im Original) die bislang einzige Fortsetzung, in der Winslow in lockerer Sprache und mit viel Humor einmal mehr Sunnyboy Boone Daniels durch etliche Schwierigkeiten manövrieren lässt. Mord, Korruption, Freundschaft, Verrat und Liebe bilden dabei einen unterhaltsamen und spannenden, zuletzt auch recht brutalen Mix, in dem die einzelnen Charaktere zwar nicht besonders ausgefeilt gezeichnet sind, ihre komplexen Beziehungen zueinander aber das psychologische Profil des Krimis bilden.
Leseprobe Don Winslow - "Pacific Paradise"

Donnerstag, 10. August 2017

Larry Brown – „Fay“

(Heyne, 652 S., HC)
Weil sie es zuhause mit ihrem gewalttätigen Vater nicht mehr aushält, verlässt die siebzehnjährige Fay Jones ihre Geschwister und das ärmliche Leben, das sie in den Wäldern Mississippis in einer Blechhütte geführt hatte, um nach Biloxi zu gehen. Am Meer erhofft sie sich dort das Glück, das ihr bislang verwehrt worden war, doch mit zwei Dollar im schäbigen BH kann der Weg bis dorthin beschwerlich werden, zumal sie durch die frühzeitig abgebrochene Schule noch wenig von dem weiß, was in der Welt so vor sich geht.
Naiv, wie sie ist, lässt sich das attraktive Mädchen von drei jungen Männern aufgabeln und wird in ihrem Trailer-Park auch gleich belästigt. Mehr Glück scheint sie mit dem State Trooper Sam zu haben, der sie mit nach Hause nimmt, das idyllisch an einem Stausee bei Oxford liegt. Sam und seine Frau Amy nehmen Fay wie eine Tochter bei sich auf. Wie Fay bald erfährt, haben die beiden ihre Tochter Karen bei einem Autounfall verloren, seitdem haben sich Sam und Amy auseinandergelebt. Wenn Fay nicht in ihrem eigenen Laden arbeitet, betrinkt sie sich auf der heimischen Veranda, Sam hält sich mit der cholerischen Alesandra eine reiche Geliebte.
Als Amy bei einem Autounfall ums Leben kommt und Fay Sams Geliebte tötet, muss sie weiterziehen. Zwar schafft sie es tatsächlich bis nach Biloxi, landet aber in einem Strip-Lokal, wo sie von dem unberechenbaren Aaron unter die Fittiche genommen wird. Allerdings wünscht sie sich nichts mehr, als dass sie zu Sam zurückkehren kann …
„Sie konnte im Handumdrehen verschwinden. In nicht mal fünf Minuten konnte sie draußen auf der Straße sein. Doch die Straße führte nur zu Orten, die sie nicht kannte. Diesen Ort kannte sie wenigstens halbwegs. Und in diesem kurzen Moment beschloss sie zu bleiben.“ (S. 409) 
Bei dem Erfolg von Südstaaten-Autoren wie James Lee Burke, Joe R. Lansdale, Donald Ray Pollock und Daniel Woodrell mutet es fast kurios an, dass der aus Oxford, Mississippi, stammende und leider schon 2004 im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstorbene Autor Larry Brown hierzulande noch gänzlich unbekannt ist.
Sein zweiter Roman „Joe“ wurde 2013 mit Nicolas Cage in der Hauptrolle verfilmt, doch mit „Fay“, seinem vierten Roman“, erscheint bei – natürlich – Heyne Hardcore erstmals eines seiner Bücher in deutscher Sprache.
In epischer, aber nie ermüdender Länge beschreibt Brown in schnörkelloser Prosa und authentisch knappen Dialogen den harten Weg, den ein absolut ungebildetes, aber richtig hübsches Mädchen zur Selbständigkeit geht. In diesem eindringlichen Coming-of-Age-Road-Movie lernt Fay eine ganz unterschiedliche Schar von Männern kennen, junge Typen, die ihr Opfer betrunken machen und auf eine schnelle Nummer aus sind, und Vaterfiguren, zu denen sie ambivalente Gefühle entwickelt.
Mit der Zeit weiß sich Fay durchaus zu helfen und bekommt es in kurzer Zeit mit mehr toten Menschen und Schwierigkeiten zu tun, als ihr lieb sein kann. Als sie schließlich in Biloxi ankommt, erwartet sie mitnichten das erhoffte Paradies am Strand, sondern die ernüchternde Realität eines Strip-Clubs, in dem sie zum Glück nicht arbeiten muss.
Wie sie sich durchschlägt und die Männer in ihrem Leben verrückt macht, ist wunderbar einfühlsam geschrieben und lässt den Leser mit dem armen Mädchen auf jeder Seite mitfühlen. Abwechslung bringt Brown durch hin und wieder wechselnde Erzählperspektiven – beispielsweise von Sam oder Aaron – ins Spiel, aber es ist vor allem Browns Art, die Figuren und den amerikanischen Süden so lebendig zu zeichnen, dass „Fay“ so ein beeindruckendes Lesevergnügen darstellt.
Bleibt zu hoffen, dass auch Browns übrige Werk von Heyne (Hardcore) – gern in ebenso feiner Ausstattung – veröffentlicht wird. 
Leseprobe Larry Brown - "Fay"

Samstag, 5. August 2017

Lee Child – (Jack Reacher: 8) „Die Abschussliste“

(Blanvalet, 478 S, HC)
Kaum hat Jack Reacher, Major bei der Militärpolizei, ganz nüchtern den Jahreswechsel 1989/1990 in seinem Dienstzimmer in Fort Bird verfolgt, wo er erst vor ein paar Tagen aus Panama versetzt worden war, da erhält er Meldung von dem Tod des Zweisternegenerals Kenneth Kramer. Offensichtlich ist er in dem billigen Motel, in dem er aufgefunden wurde, beim Sex mit einer Zwanzig-Dollar-Prostituierten an einem Herzinfarkt gestorben. Als Reacher Kramers Frau informieren will, ohne die näheren Begleitumstände zu erwähnen, findet er allerdings auch sie tot in ihrem Haus auf, mit einem schweren Brecheisen erschlagen, wie die Autopsie ergibt. Reacher erfährt auf Nachfrage bei seinem Kommandeur Oberst Garber, dass Kramer beim XII. Korps in Deutschland stationiert und zu einer Kommandeurstagung der Panzertruppe in Fort Irwin unterwegs war.
Doch bevor Reacher ermitteln kann, warum sich der wichtige Kommandeur fast dreihundert Meilen vom Tagungsort entfernt in einer billigen Absteige vergnügt hatte und sein Aktenkoffer gestohlen wurde, wird Garber nach Ostasien versetzt und Reacher von seinem neuen Vorgesetzten Willard von dem Fall abgezogen. Reacher und seine Partnerin, Leutnant Summer, werden das Gefühl nicht los, dass das Militär ein Komplott zu vertuschen versucht, denn wenig später werden zwei weitere Offiziere tot aufgefunden.
Um sich dem von Willard ausgestellten Haftbefehl zu entziehen, ermitteln Reacher und Summer auf eigene Faust und wühlen einiges an Staub auf …
„Frei zu sein, war ein seltsames Gefühl. Ich hatte so gut wie jede Minute meines Lebens dort verbracht, wo das Militär mich hinschickte. Jetzt kam ich mir wie ein Schulschwänzer vor. Auch hier draußen existierte eine Welt. Sie war mit ihrem eigenen Kram beschäftigt und gebärdete sich chaotisch und undiszipliniert. Ich lehnte mich zurück und beobachtete, wie sie draußen vorbeizog, bunt und stroboskopisch, Zufallsbilder, die Sonnenlicht auf einem Fluss aufblitzen.“ (S. 290) 
Eigentlich müsste „Die Abschussliste“ den Auftakt der Reihe um Jack Reacher bilden, denn zum Jahreswechsel 1989/1990, wo der tatsächlich achte Roman der Erfolgsserie zeitlich angesiedelt ist, ist Reacher noch Ermittler bei der Special Unit der Militärpolizei, wo er insgesamt dreizehn Jahre gedient hatte und als Major entlassen wurde.
Der Rückblick auf das Ende von Reachers Karriere bei der Army wartet mit vielen Hintergrundinformationen zu der US-Army auf, vor allem zu den Grabenkämpfen zwischen den verschiedenen Truppengattungen und den Strategien ihrer jeweiligen Führungskräfte, die anderen Gattungen zu diskreditieren und die eigenen Stärken in den Vordergrund zu stellen. Das wird besonders durch die auffällig vielen zeitgleichen Versetzungen von Reacher und seinen Kollegen aus anderen Stützpunkten und der offensichtlich verräterischen Tagesordnung der eingangs erwähnten Konferenz deutlich, die nicht mehr aufzufinden ist und von der andere Konferenzteilnehmer nichts wissen wollen.
Während Reachers Ermittlungen unter dem Radar lange nicht wirklich vorankommen, bleibt ihm Zeit, sich mit seinem Bruder Joe von seiner sterbenskranken Mutter in Paris zu verabschieden und dabei ein erstaunliches Geheimnis aus ihrem Leben zu erfahren. Natürlich darf Reacher mit seiner imposanten Erscheinung auch physisch wieder einige Denkzettel verpassen und seinen authentischen Charme bei Leutnant Summer wirken lassen, und natürlich kommt er nach einigen Irrwegen am Ende auch der vertrackten Auflösung der mysteriösen Todesfälle auf die Spur.
Lee Child überzeugt dabei als gnadenlos effizienter Erzähler, der nur die nötigsten Informationen in schnörkelloser Sprache und knapp formulierten Sätze packt, damit aber auch das Erzähl- und Lesetempo vorantreibt. Auch wenn für manchen Leser vielleicht etwas zu viel über die Army referiert wird, so ist „Die Abschussliste“ vor allem deshalb lesenswert, weil es deutlich macht, dass sich Reacher schon bei der Army nicht an die dort herrschenden Regeln gehalten hat, sondern seinem eigenen Gerechtigkeitssinn gefolgt ist. Das wird besonders am Ende deutlich, als sich Reacher für seine Brutalität, wegen der er angezeigt worden ist, verantworten soll.
So bietet „Die Abschussliste“ auf der einen Seite ein faszinierendes Militär-Komplott, auf der anderen Seite aber einen wertvollen Einblick in Reachers familiäre Bindungen. 
Leseprobe Lee Child - "Die Abschussliste"